Samstag den 3. Hktoöer. 1903 N äKira aAgfcriii (Nachdruck verboten.) UchkniiNAil m der MM. .jVon B. W. Howard. (Fortsetzung.) Aber Nannte war bereits wieder hinter den Felsen oerschwunden, er konnte es nicht ertragen, wenn über ihn gelacht wurde. Er ivollte für etwas Unbegreifliches, Ueber- natürliches gelten, und daß dies bei Thymert nicht anging, verdroß ihn höchlichst. „Ich möchte viel lieber bei dem andern leben", hörte man ihn rufen. „Ter andere?" Der Pfarrer blickte fragend auf Guenn. „Tas ist. Monsieur Hamor", erwiderte sie stirnrunzelnd, „Nannic hat ihn gern, der Himmel mag wissen, warum. Kennen Sie ihn auch?" „Ja, und Du?" „Wie kann man denn anders, man sieht ihn ja überall!" Sie ivarf trotzig den Kopf zurück. Er erwiderte nichts, sah aber höchst befriedigt aus. „Ich hasse neue Gesichter und fremde Stimmen, was haben sie auch hier zu suchen? Ich mag nur meine Leute!" „Guenn!" rief Thymert, und ein warmer Blick traf sie aus seinen Augen, „wir sind gute Bretagner, Du und ich!" Er fühlte sich auf einmal so glücklich wie lange nicht und sah frei und sorglos in die Welt, wie ein Knabe. „Tie Künstler möchten Dich gern zum Modell haben?" hob er etwas zaghaft wieder an. „Sie sollen sich zum Kuckuck scheeren", rief sie heftig und stanipfte mit dem Fuße. „Auch Monsieur Hamor möchte Dich malen." Sie errötete unmutig. „Ter Narr, ich hasse ihn." „Ich wußte es, wollte es aber von Dir selbst hören. Reden wir nicht mehr von ihnen." , Guenn blickte erstaunt auf. „Nun, ich habe doch gewiß nrcht von ihnen angefangen," Ans diploinatische Umwege verstand sich Thymert offenbar wenig. Auch jetzt ging er mit mehr Hast als Geschick auf sein Ziel los und fragte plötzlich: „Würdest Du Dich gern verherraten, Guenn?" Guenn brach in ein unbändiges Gelächter aus, endlich kamsieuilihsam wieder zu Worte: „Es ist aber auch zu komisch!" rief sie, sich vor Lachen schüttelnd, „erst wollten Sie mich nach Quimper schicken, das war schlimm genug, fetzt aber wollen Sie mich gar verheiraten, das ist doch zu arg! aPrdon, inonsieur le lecteur, aber ich muß lachen, was kommt nun?" ' „Lache nur, Kind, lache!" „Wenn Sie es denn wirklich wissen wollen, ich möchte es ganz und. gar nicht! Nein, ganz gewiß nicht", rief sie und schüttelte sich. „Ich bin wohl sehr ungeschickt in solchen Dingen", fuhr er zögernd fort, „aber ich halte es doch für richtig, mit Dir darüber zu sprechen, da ist z. B. Alain!" „Alain, o bit lieber Himmel!" und wieder ertönte ihr übermütiges Lachen. „Und doch habe ich gestern Nacht, als ich an der Bucht stand, den heißen Wunsch gehabt, Du möchtest Alains Weib sein. Ich wollte, Du wärst er>st sicher tm Schutze eines braven Mannes!" Seine Güte rührte und beruhigte das Mädchen. „Das war sehr -grck ’bon Ihnen", sagte sie leise. „Nur", hier umspielte wieder ein schelmisches Lächeln ihren Mund, „nur Prag ich ihn nicht." „Es sind noch so viele, die auf Dich warten." „Mögen sie doch warten." „Aber Guenn. —" „Voyons, monsieur le recteur, hören Sie mich an" sie kreuzte mit entschlossener Miene die Arme und sah ihm fest in die Augen. „Sie sind sehr gütig zu mir. Sie sinh nicht wie die Männer hier. Alain würde mich Wohl küssen", — sie zuckte mit keiner Augenwimper, als sie dies aussprach, während Thymert die Augen verlegen niederschlug — „aber er würde mich auch schlagen, wenn er betrunken wäre. Sie wissen das selbst am besten, warum alsv unnütze Worte verschwenden? Ich will es Ihnen aber sagen —.Ihnen ganz allein, — ich habe genug Schläge erlitten", ihre Augen funkelten zornig; „und wenn jemals ein anderer Mann wagen sollte, mich zü schlagen, würde ich ihn ermorden!" Thymert ivurde leichenblaß, „o mein Gott", stammelte er mühsam; sein ganzes Herz schmolfz, in Mitleid für das junge Geschöpf, das diese entsetzliche Wahrheiten so leidenschaftlich herausstieß. „Sag' mir Guenn!" seine Stimme bebte vor Erregung — „ist er wieder so schlecht gewesen, hat er —" „— Tas tut nichts", versetzte das Mädchen abweisend und preßte trotzig die Lippen anfeinander, „ich habe schon genug gesagt. Heiraten mag ich nicht." „Aber Kind, es sind doch nicht alle Männer so wie er, es ist ja natürlich, daß Du nach dem urteilst, was Du vor Augen hast, aber gewiß wiirde mancher wackere Bursche gut zu Tir sein, ivürde Dich hüten intb bewahren!" „Ich mag aber nicht gehütet sein", beharrte sie eigensinnig. „Was willst Tu denn eigentlich vom Leben, Kind?" „Was ich vom Leben will? Das habe ich mich wahrhaftig noch nicht gefragt. Hat mir denn unser Herrgott die Wahl gelassen, ob ich hierher wolle oder nicht? Da muß ich nun wohl oder übel aushalten!" Sie schien einen Augenblick zu überlegen und fuhr dann mit größerer Lebhaftigkeit fort: „Ich möchte noch ein Weilchen länger scherzen und lachen, ein Weilchen noch jung und kräftig sein und das hübscheste Mädchen von Plouvenec, um mit Alain und den anf'fi's" ilc T27üöotte tanzen zu können: ich möchte noch . ein Weilchen sagen hören: „So macht es Guenn, sie kann's am besten, c'est bien eile." Aber das sollte noch eine zeitlang so fortgehen. Und dann — dann möchte ich plötzlich ver- I schwinden — wie ein Seemann — ohne viel Aufhebens. Tann würden die Leute fragen: ja, wo ist denn Guenn Ro- dellec hingekommen?" Mutter Quaper und Mutter Nives würden, glaub ich, einen Augenblick aushören zu zanken und zu streiten, und Madame in den Voyageurs würde erstaunt sein, wenn ihr eilt anderes Mädchen die Fische bringt. Es würde ihnen allen leid sein, abcw es würde doch kein Lärm darob entstehen. Es müßte schön sein, zu sterben wie ein brctagnischer Seemann! Weit schöner als das Los der alten Jaqueliue, deren acht Söhne alle ertrunken find! Tie Männer, die in der Gefahr untergehen, haben's viel I besser als ihre Weiber und Mütter, die am Ufer zuschauen müssen. Ach, ich wollte, ich wäre ein Mann! Aber da ich 1 das nicht sein kann, bin und bleibe ich Guenu Rvdellec!" Ihr leidenschaftlicher Ausdruck, ihre glockenhelle Stimme rührten ihn unendlich. Guenns Worte fanden einen lebhaften Widerhall in seinem eigenen Herzen. Verhielt sich denn nicht alles genau so, wie sie es geschildert hatte? Vor seinem geistigen Auge sah er tausende von wackeren Hungen I Burschen der wilden See zum Opfer fallen; er hörte die j Klagen unzähliger, elender, gedrückter Frauen und Mütter längs der Küste feiner geliebten Bretagne. Während er so in Betrachtungen versank, schaute ihm die kleine Stickerin ernsthaft ins Gesicht, als wolle sie seine Gedanken lesen. Sie war gattz Leben und Bewegung, wie sie so vor thm stand, mit den rosigen Wangen, den glänzenden Augen und den widerspenstigen Löckchen, die unter oer weißen Coiffe hervorguollen. Dunkel und ernst ragte die Gestalt des Priesters neben dem lebensprühenden jungen Mädchen. „Hüte Dich selbst, Guenn, mein liebes Kind!" „O, seiew Sie unbesorgt!" „Ich möchte das Gefühl mit mir nehmen, Dich in Srcher- heit zu wissen." „Mich? Nun, wenn irgend jemand sicher ist, so but ich's doch, Guenn Rvdellec! fragen Sie nur die andern, monsieur le recteur, die werden Ihnen schöne Geschichten erzählen! Ich bin nicht immer so brav und still tote trt Ihrer Nähe — natürlich, Sie sind ja auch immer so gut zu mir! Aber ich kann mich wehren, wenn man mir zu nahe tritt, wie ein wahrer kleiner diable." Er hörte kaum mehr, was sie sprach, ihm war, als fet plötzlich vor ihm auf der grauen Klippe ein Heller Regenbogen aufgegangen. Er wollte ihn halten, aber er zerfloß ihm unter den Händen. Eigentlich hatte er nichts erreicht. War denn aber überhaupt etwas zu befürchten? Dort stand Guenn so selbstvertrauend, so lebensmutig und so durch und durch fröhlich und rechtschaffen. „Wenn Du jemals meiner Hilfe bedarfst, wenn Du Dich allein und verlassen fühlst und nicht so mutig und sicher wie heute, wenn Du einmal nicht mehr weißt, wohin Du Dich wenden, was Du beginnen sollst — dann komm nur zu mir, mein Kind." , „ , „Tas will ich!" sagte das Mädchen feierlich; es lag etwas int Tone seiner Stimme, das ihr unwillkürlich eine heilige Scheu einflößte. „Ist das ein Versprechen?" „Es ist ein gutes, bretagmsches Versprechen! Wenn ich jemals in Not bin, so komme ich zu Ihnen nach den Lannions, so sicher wie Wind und Wogen, und Sie werden mich daun schützen." Ihre Hand schlug kräftig in seine dargebotene Rechte; „ich habe bis jetzt noch niemals ein Versprechen gegeben, ich hasse alle Versprechungen, toenn jemand etwas von mir verlangt, so sage ich nur: ,meme Lose', und tue es, wenn ich kamt. Mit Ihnen ist's fretltch anders, Sie sind so gut zu mir und zu aller Welt. Ich möchte gern auch einmal etwas für Sie tun, um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihre Güte empfinde. Wenn Sie also wollen, so gebe ich Ihnen gern das Versprechen; obwohl", hier begann sie wieder zu lachen, „obwohl ich's ganz unnütz, fittbe. Ich fürchte mich nicht und werde mich schon in acht nehmen". Sie schüttelte noch einmal herzlich seine Hand und sah ihm frei und offen in die Augen. Thymert ließ langsam seine Hand aus der ihren gleiten. „Ich muß nun gehen, adieu Guenn!" in seinen Augen lag ein feierliches Lebewohl. -Adieu monsieur le recteur", klang es herzlich zurück. „Ter liebe Gott segne Dich." Er wandte sich und ging mit hastigen Schritten den Felsenpfad hinab. Guenn sah ihm nach tote er in seiner alten Soutane dahin eilte ohne zurückzublicken — eine düstere einsame Gestalt in der weißen Sandfläche. „Le Bott recteur!" sagte Guenn leise vor sich hin, daun sprang sie leichtfüßig ihren beiden Gefährten nach. In dieser Nacht tobte kein wilder Sturm auf der See, und doch schritt der junge Pfarrer der Lannions rastlos bis zutn Morgengrauen in der Kapelle auf und ab — aber ohne seinen Virgil. 11. Kapitel. Eines Abends nach der Mahlzeit saßen die drei Maler vor der Tür ihres Hotels an einem Tischchen und schlürften behaglich ihren Kaffe und Curayao. Ans den erleuchteten Fenstern fiel ein unsicheres Licht Über den dunklen Platz, vor dem lautes Stimmengewirr herüberschallte. Zerlumpte Kinder lungerten um die Tische, gierig nach Sous und Zuckerstückchen haschend, hie ihnen die Fremden von Zeit zu Zeit spendeten. In einiger Entfernung sah man bte weißen Häubchen von etwa einem halben Dutzend junger Mädchen schimmern, wie Schatten glitten die Gestalten vorüber, nur die jungen, frischen Stimmen zeugten von Leben und Wirklichkeit. „Plouvenec macht entschieden mehr Lärm wie Panv , klagte Douglas. „Als ich am ersten Morgen hier von dem verwünschten Markt geweckt wurde, glaubte ich mich in Sodom und Gomorrha. Ein französischer Kramer, der ein Meter Band verkauft, macht mehr Geschrei als em gefährlicher Tobsüchtiger." ,O, ich weiß schon, wen Du meinst", lachte Hamor, „ich kenne den Burschen ganz genau, der so prächtig zu lachen weiß und dann wieder seufzt unb fleht, alles m den höchsten Tönen. Er findet sich regelmäßig seben Montag ein, und jeden Montag wandelt mich bte Lust au, ihn zu erwürgen. Ich habe ein scharfes Auge auf ihn geworfen, unb wenn ich ihn einmal allein in einem chemin crenx Ein lautes silberhelles Lachen traf hier das Ohr der Freunde und ließ fie einen Augenblick aufhorchen. „Das muß Guenn Rodellee fein!" rief Hamor; „die erkennt man fogleich an ihrem köstlichen Lacyen. „Jawohl, man kann nichts Reizenderes hören; unwillkürlich wird man dem Mädchen zugetan", pflichtete Don- 9la§„S$ bin ihr immer zugetan, ob sie lacht ober nicht", bemerkte Hamor, „felbst toenn fie mich vergiften wollte, würbe ich °ihrer noch freunblich gebenlen. Wie kann man anders einem fo liebreizenden Geschöpf gegenüber t Staunton ließ ein bedeutsames „hm, Hw ?ernel)men. Hamor begann sich nun damit zu unterhalten, Zucker stückchen unter die Knaben zu werfen, die sich wie eine Schar Raubvögel auf die hochwillkommene Beute warfen. Hamor rief einzelne von ihnen bei Namen: „Aha, da ist mein Freund Kadoe und Nannic, so wahr ich lebe, wie geht s Dir Nannic? Allons ihr Buben, zeigt letzt eure Kunst, alte können an dem Wettlauf teilnehmen. Vorher aber soll mir einer ein paar Zigaretten holen, der Ehrlichste “'“ÄS IS* folgt,, dm.» dnldiaes Scharren mit den Füßen und endlich erhob der lebte der Reihe, Nannic Rovellec, seinen langen, rnißge- Stet«, SlrT Stuf dieses Digital hin >°°-d-t -°m> brochen und ein Dutzend gebrannter Hände streckten sich ” d,Mu?d-s mnb ich sagen, das ist «M* Anblick: vierzehn ehrliche, brave Knaben, so viel hab ich noch nie beisammen gesehen." „ Vierzehn schmutzige, kleine Halunken wäre richtiger, murrte Douglas, „mir scheint, Du setzest Prämien aus für die hefte» Heuchler unter den Zungen. O nein, fie wissen so gut ivie ich, daß es nur ein Spaß sein soll, sieh nur ihre verschmitzten Gesichter. ^"Xnnto^ritt mit komischer Wichtigkeit hervor. Im Hintergrund zeigten sich zwei der weißen Ernstes, deren Trägerinnen sich atemlos lauschend vorbeugten. In diesem Anaenblict erschien auch Madame Mit stattlicher Ruhe in der Eingangstür. „Nannic,. ich möchte meine Zigaretten von Dir gekausr 1 haben. 587 „Das wußte ich", sagte das Kind ernsthaft. . „So, wirklich das ist gescheit, nimm dies Papier und bring mir dieselbe Sorte, willst ®u?" „Ich weiß schon, welche Sorte Sie rauchen", erwiderte Nannic, und wies das Papier von sich. „Wenn Du alles so genau weißt, so kannst Du nur vielleicht auch sagen, was ich in der Hand habe?" Der Kuabe sah verwirrt und ängstlich drein, ein scheuer Mick streifte die Reihe der lauernden, schadenfrohen Kameraden, die sich seiner voraussichtlichen Niederlage zu freuen schienen. Ein anderer verstohlener Mick fiel aus die fremden Herren, denen er so gern mit seiner lieber» legenheit imponiert hätte. , , , Der Maler beobachtete ihn mit Ergötzen; er hielt seine Zigarette leicht zwischen zwei Fingern in die Höhe, aber den Ausdruck seines Gesichts verstand Nannte nicht. Er schöpfte tief Atem und wagte die gefährliche Entscheidung. „Zwei Franken", erscholl es von seinen bleichen Lippen. Hamor öffnete lächelnd die Hand und zeigte den erstaunten Anwesenden das richtig darin verborgene Zweifrankstück. Dies war der stolzeste Moment in Nannies jungem Leben. Der arme kleine Bucklige warf sich so mit einemmale zum Herrn der Situation auf. Seine Augen strahlten vor Entzücken, regungslos stand er inmitten seiner verblüfft dreinschauenden Geführten. (Fortsetzung folgt.) Maudereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Omnibusssischmerzen. — Janhagel bei der Arbeit. — Es lebe der Reservemannl — Die goldue 110. Im Berliner Verkehrsleben trat vor einigen Tagen wieder einmal eine teilweise Stockung ein, die eigentlich lange voransznsehen war und dann doch wegen ihres für das große Publikum plötzlichen Einsetzens überrascht hat. Tie Oimiibiisser streikten! Nachdem sie ihre Forderungeil von der Gesellschaft in Güte nicht bewilligt erhielten, legte der weitaus größte Teil der Kutscher, Schaffner und Stallleute die Arbeit nieder, um durch den Streik zum Ziele zu gelangen. Ein schlecht gewählter Zeitpunkt für eine im großen und ganzen gerechte Sache! Denn wenn man die Lohnverhältnisse dieser Leute an den Berliner Lebensbedingungen mißt, muß man ohne weiteres ein» gestehen, daß für ein derartig niedriges Tagegeld, das nur in seltenen Fällen die Höhe von Mark 3 erreicht, hier eine Familie nur unter den größten Einschränkungen existieren kann. Es ist natürlich vorläufig noch ein Märchen rosig in die Zukunft schauender Optimisten, daß es in Berlin billiger wird, was den Hauptfaktor unter den Ausgaben, die Wohnnngsmiete, anbetrifft. Die F-älle sind zu zählen, in denen Hauswirte wesentliche Herabsetzungen des Wohnungszinses vorgenommen haben, so viel Wohnungen auch momentan leer stehen. Man wartet eben auf eine Besserung des JNdustriernarktes, die uns Taufende und 'Abertausende aus den Provinzen zuführen muß, und verliert lieber ein halbes Jahr am Ertrag dieser oder jener Etage, ehe man im Preise heruntergeht und das „Grundstück dadurch entwertet". Denn an einen vorteilhaften Verkauf, der sich indessen nur ermöglicht, wenn ein bestimmt hoher Verzinsungssatz nachweisbar ist, denken von 100 Hauswirten 99. Vor allem bezieht sich die ev. mögliche Verbilligung zunächst nur auf große Wohnungen. Die Logis für die kleinen Leute sind noch immer knapp und es bedarf da noch mancher Jahre, eh' wirklich einmal das Angebot die Nachfrage übersteigt. Der Arbeiter ist dadurch gezwungen, den vierten, ja vielfach den dritten Teil seines täglichen Erwerbes für den Hauswirt zurückzulegen. Jedenfalls ein recht ungesundes Verhältnis! Noch ungesunder freilich, und eigentlich polizeiwidrig, zeigt sich das Verhältnis bei den Omnibussern zwischen Arbeits- und Ruhezeit. Eine ganze Reihe der Kutscher usw. haben tagein, tagaus, sage und schreibe 16—17 Stunden Dienst gehabt. Wenn das ein Postillon auf dem Lande leistet, so erscheint es als ein Kinderspiel gegen das Kutschieren hoch oben in Regen und Sonnenbrand durch das nervenzerreibende, lärmende, dröhnende Berlin, in dem an jeder Straßenecke irgend ein Unglück lauert. Heber den Potsdamer Platz kommen beispielsweise im Durchschnitt pro Tag 150 000 Fußgänger und 27 000 Fahrzeuge. Spittelmarkt, Blexander- olatz, Kranzlerecke und noch manch anderer Kreuzungs-- rnnkt geben dem nicht viel nach. Und durch dieses wogende Meer von Menschen und Wagen muß der geplagte Mann droben auf dem Verdeck 2/3 des langen Tages seine Rosse lenken, aufmerksam, vorsichtig, menschenfreundlich, auf feine Tiere bedacht mit einem Anfangslohn von 2,50 Mk.! Das ist wirklich hart! Daher hat dieser Streik fast noch mehr Sympathien seitens des Publikums als seinerzeit der Streik der Straßenbahner, die jetzt längst ca. 9 Stunden Arbeitszeit bekommen haben, ivährend die Omnibusgesellschaft sich zu einer Herabsetzung trotz aller Vorstellungen nicht be- quemen will. Nur was die Sympathiekundgebungen anbetrifft, müssen wir wieder erleben, daß Monsieur Janhagel mit seiner Lust am Radau sich der Sache bemächtigt und durch Steiiiwürfe und Johlen beim Herannahen der von Eriatzmannfthaften bedienten Omnibusse feine Meinung äußert. Natürlich erzeugt das Aufgebot von Schutzleuten an den Endstationen, die nicht gerade höflich gegen alles, was sich dort ansammelt, vorgehen, Unwillen. Ich sah an der Bülowstraße, wie berittene Mannschaften auf die Fußgängerbreiten sprengten und dort die Menschen auseinander trieben. Dem süßen Mob machte das nur Ver- giiügeii. Hundert Schritte weiter erhob er seine häßliche Musik vor Neuem, manchmal von dem Klirren einer Omni» busscheibe begleitet, welches Ereignis als Meisterschuß ein richtiges Creszendo hervorrief. Das Publikum benutzt denn die Ömuibuffe auch vorläufig nur in Notfällen, soweit es unterrichtet ist. Trotzdem steht es um die Sache der Strei- kenden nicht gut. Wohl hat der Oberbürgermeister der Reichshauptstadt versprochen, das Amt eines Vermittlers zu übernehmen. Aber es ist nicht mehr viel zu vermitteln. Tie Gesellschaft hat allzu schnell Ersatz gefunden, da just die Entlassiingen der Reservemannschaften beim Militär vor sich gingen. Train, Artillerie und Kavallerie lieferte Fahrer in Menge, obwohl sie nicht alle über den Berliner L-tadt- plau auskömmlich unterrichtet waren. Aber die Behörde drückte, hier und da ein Auge zu, und so kommt es, daß die durchaus erklärliche Bewegung der nm schlechtesten gestellten Berliner Verkehrshelfer ohne ein nennenswertes Resultat für dieselben verläuft, viele sogar das kärgliche Brot auf Wochen und Monate verlieren, weil sie nicht gleich andere Beschäftigung finden werden. Der Reservemann, eine typische Herbsterscheiming in Berlin, hat durch den Abjchub an die Omnibusgesellschaft, nicht etiuti in )einer Massenerscheinung wesentlich eingebüßt. Es ist ein recht flottes Leben, was da ans ein paar Tage geführt wird, bis die Moneten endlich zu Ende gehen, und eine vollbesetzte Droschke mit nicht allzu harmonischem Gesang, in der die neuer. Spazierstöckchen und die auf gerollten Achselklappen auf dem Zivilrock verraten, wer da seines Vaters Groschen vertut, ist in diesen Tagen nichts seltenes. Leider weiß manch einer der so lange stramm gehaltenen Schlingel sich in seiner neu gewonnenen Freiheit nicht zu beherrschen und begeht in der Trunkenheit irgend einen Extrastreich, der ihn dann manchmal noch länger cm Berlin fesselt, als ihm lieb ist. Die Klugen jedoch dehnen die Berliner Schlußkneipe nicht über die Maßen aus. Sie wandern nach der goldenen 110, wo man bekanntlich für Geld alles geschenkt bekommt, holen sich dort eine „neue Kluft" und dampfen schleunigst in die Heimat, um dort ihre Triumphe als „verwöhnte Großstädter, die alles genossen haben", zu feiern. Notabene, die goldene 110, die populärste Berliner Kleiderhandlung in der Leipziger Straße, deren Reklame- gedichte in anderen Städten vielfach Schule gemacht haben, wird demnächf» von der Bildfläche verschwinden. Die Großstadt wird immer prosaischer. Wo soll ein Förderer der Dichtkunst fortan nun seine Hosen kaufen? A. R. Vermischtes. * Zur Geschichte der Mäheniaschiue. Einen iliteressanten Ueberblick über die Geschichte der Mühe-Maschine gibt der kürzlich von der Technischen Hochschule in Braunschweig mit Auszeichnung zum Doktor-Ingenieur promovierte außerordentliche Professor für Ingenieur- Wissenschaften an der Universität Halle, Alwin Nachtweh, in seiner soeben erschienenen Promotioiisschrist „Beiträge zur Theorie und zur Beurteilung der Mähemaschine". Die ältesteii Aufzeichnungen über mäheniaschinenartige Entricht- 588 ungen finden sich danach beim älteren Plinius und dem ini 4. Jahrhundert n. Ehr. lebenden Palladius. Beide beschreiben einen gallischen Erntewagen, der auf zwei niedrigen Nädern ruht und von einem Ochsen in das Erntefeld von hinten hineingeschoben wird. Der Schneideapparat ist hier noch recht primitiv. Es ist ein einfacher, an der Vorderseite des Wagens angebrachter Messerkamm. Alle sonst noch in der Literatur verbreiteten Angaben über antike maschinelle Einrichtungen zum Schneiden des Getreides weist Nachtiveh als Irrtümer zurück. Auch in den Aufzeichnungen des Mittelalters finden sich keine Beschreibungen von Mähemaschinen. Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert wird das Problem mit Eifer in Angriff genommen, und zwar infolge der veränderten Verhältnisse, die durch die von James Watt im Jahre 1768 gemachte Verbesserung an der Dampfmaschine bedingt waren. Eine englische Gesellschaft schrieb tut Jahre 1780, um ein Mittel gegen den schon damals fühlbaren Arbeitern!angel zu gewinnen, einen Preis von 50 Pfund Sterling (1000 Mark) und eine goldene Medaille für eine brauchbare Mähemaschine aus. Seltsamerweise befand sich unter den ein- gegangenen Projekten, die übrigens sämtlich unbrauchbar waren, eine Erfindung von Capel Lloft, die nichts anderes war, als eine, genaue Kopie des oben beschriebenen gallischen Erntewagens, dessen Vorderkante mit einem Messerkamm besetzt war! Lloft soll sich über diese Aehnlichkeit sehr gewundert, nach anderen Berichten aber soll er die Beschreibung bei Palladius vorher gekannt haben. Von jetzt ab ruhte das Problem nicht mehr. Die verschiedensten Probleme lösen sich ab, aber es dauert geraume Zeit, ehe das wesentlichste Problem, die Erfindung eines brauchbaren Schneideapparates, gelöst war. Während sich die Erfinder noch mit den unbrauchbaren votierenden Sensen oder Sicheln abgualten, war bereits im Jahre 1800 das erste Patent auf das allein brauchbare, noch heute giftige Scherenprinzip genommen worden (durch Robert Meares), nach dem dann, unter Benützung einiger inzwischen gemachten Verbesserungen (von Salmon und Ogle) der schottische Landpfarrer Patrick Bell die erste brauchbare Mähe- maschine bauen lieh (1826—1828), die sich mit mancherlei Verbesserungen bi? 1870 hielt. Der Hauptfortschritt geschah aber nicht von Europa, sondern von Amerika ans, wo der Schneideapparat namentlich durch Hussey und Mac Cormick vervollkommnet wurde. Heute darf die Mähemaschine den Ruhm beanspruchen, unter den Arbeitsmaschinen vollendet dazustehen. * 58 o m Kinderrei ch t u tu. Im Großherzogtum B a - den haben im Jahre 1899 insgesamt 7721 Frauen zum achten' Male oder öfter als zum achten Male geboren, während die entsprechende Zahl für 1890 sich auf 7582 belief. Im erstgenannten Jahre 1899 sind von den 7721 Frauen, die öfter als achtmal geboren haben, zum 16. Mal niedergekommen 67 Frauen, zum 17. Mal 31, zum 18. Mal 13, zürn 19. Mal 10, zum 20. Mal 5, zürn 21. und 22. Mal je eine Frau. Unter der Rubrik „23. bis 30. Niederkunft" finden sich auf die Jahre 1892 und 1897 je ein Fall, für 1893, 1896 und 1898 je zwei Fälle und im Jahre 1891 sogar drei Fälle. Es muß hierbei noch beinerkt werden, daß in diese Zahlen die Ehen, in denen zwei oder mehr Fracken Kindern das Leben schenkten, nicht mit einbegriffen sind. Ferner ist bei allen den angegebenen Zahlen zu berücksichtigen, daß Baden nach der Volkszählung von 1900 nur etwas über 1860 000 Einwohner zählte. — Für das gesamte Deutschland werden natürlich die Verhältnisse nicht ganz so günstig liegen, jedenfalls sind aber die Ehen mit großem Kinderreichtum bei uns zahlreicher als man allgemein denkt, und wir haben keine Veranlassung, in dieser Hinsicht auf ein anderes Land, neidisch zu sein. Von anderer Seite wird auf den reichen Kindersegen eines deutschen Fürstengeschlechtes in folgender Zuschrift aufmerk- sain gemacht: In dein Werke von I. v. Falke, fürstlichen Bibliothekar, betr. „Die Geschichte des Fürstlichen Hauses Liechtenstein" (Wien 1868. 3 Bände), ist zu lesen, daß das seit 1140 urkundlich bekannte Fürstengeschlecht laut der ausführlichen Stammtafeln zu allen Zeiten neben irdischen Gütern auch mit Kindern reich gesegnet gewesen ist. Fürst Georg Hartmann (1513—1562) hatte 13 Kinder, Fürst Gundacker (1580—1658) 10 Kinder; aus der Ehe seines Sohnes, des Fürsten Hartmann, mit einer Gräfin v. Salm- Reifferscheid gingen 21 Kinder hervor, Fürst Anton Florian (1656—1721), vermählt mit einer Gräfin Thun, war Vater von 11 Kindern; der Fürst Einanuel (1700—1771), vermählt mit Gräfin v. Tietrichstein, zählte 13 Kinder; Fürst Johann Joseph (1760—1836), vermählt mit Landgräsin v. Fürstenberg, ließ ebenfalls 13 Kinder taufen und dessen Sohn Fürst Alois Joseph Joseph (1796—1858), dessen Gemahlin eine Gräfin v. Kinski war, hinterließ 9 Tochter und 2 Söhne. Ter ältere von diesem Brüdervaar ist der jetzt regierende Fürst Johann II. (geboren 1840), der unvermählt geblieben ist. Tie Regierung wird, da auch sein Müder Franz nicht in den Ehestand trat, auf die Nachfolger seines Vetters Alfred übergehen, aus dessen Ehe mit einer Prinzessin von Liechtenstein 13 Kinder am Leben find. Die nach Vorstehendem öfters vorkommende Zahl 13 scheint für die Fürstenfamilie Liechtenstein eine überaus glückliche gewesen sein. * Was ein Diner kosten kann. Bei der bevorstehenden Wagnerfeier in Berlin wird es auch ein großes Festessen geben, ein Festessen, bei dessen Menu dem Feinschmecker das Wasser im Munde und das Geld im Portemonnaie zusammenlaufen kann. Man erzählt so allerlei von einem Kuvert, das 30 Mark kosten soll für die Person, Der biedere Bürgersmann schüttelt den Kopf: 30 Mk. für eine Person? Ja, ist denn das möglich? O ja, es ist möglich, es ist noch viel mehr möglich; der biedere Bürgersmann hat eben keine Ahnung, was zu einem richtigen Diner gehört. Wenn er bei irgend einem Festessen vier Mark für das Kuvert bezahlt, dünkt er sich schon ent Lukullus, und doch erhält er dafür kaum das, was der Gourmet ein „anständiges Mittagessen" nennt. Ein „ein- faches Tiner" läßt sich unter zehn Mark pro Person überhaupt nicht Herrichten; es gibt für diesen Preis aber gerade nur die Delikatessen des Ortes und der Saison, es ist auch weder der Wein noch das Dessert oder das Obst dabei berechnet. Wo man irgend etwas Besonderes reicht, Trüffeln als Gemüse etwa oder Austern und Forellen, steigt der Preis gleich um eilt Bedeutendes, bei Austern z. B. um drei bis vier Mark. Frischer Stangenspargel erhöht den Preis im Winter ebenfalls um ein ganzes Teil. Er wird aus Argeuteuil bezogen und kostet pro Pfund im Februar sechs bis acht Mark und schraubt den Preis des Kuverts in dieser Zeit also allein schon um den gleichen Betrag in die Höhe. Bet sehr eleganten Diners rechnet der Koch allein schon auf das Dessert sechs Mark und mehr pro Person. Dafür gibt es dann fteilich auch Leckereien, die in Wirklichkeit lukullisch sind, und Früchte, tote sie weder der Ort noch die Jahreszeit im Ort zu bieten vermögen. Präsentierte doch die Gattin eines bekannten Berliner Finanziers einst ihren Gästen zu Weihnachten Erdbeeren mit der Empfehlung: „Essen Sie, mente Damen, jede Beere kostet einen Täler." Lukullisch in ieder Hmstcht ging es auch bei einem Hochzeitsdiner zu, das vor kurzem in der Berliner Gesellschaft viel besprochen wurde. Das Menu kam ohne Wein, Kaviar und Austern etwas über — fünfzig Mark, dafür gab es denn allerdings auch außer anderen feinsten Delikatessen Suppe von indischen Vogelnestern und neben Forellen Wolga-Sterlet, mit dem schon ein Krösus tote Monte-Christo seine Gäste in Verblüffung setzte. Die Wagnerfestleute sind also nicht einmal sehr verschwenderisch, toemt sie das Menu ihres Festessens tvirk- lich mit „nur" dreißig Mark bezahlen sollten. A n a g r a m m. Es sind 7 Hauptwörter zu suchen von der Bedeutung unter a. Von jedem ist durch Umstellung der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden von der Bedeutung unter b. Die Anfangsbuchstabe» der Wörter unter b. bezeichnen im Zusammenhang eine altrönnjche Göttin. b. Nutzgewächs Land in Asien Besestigungsmittel Insel im Mittelmeer Nahrungsmittel Gefäß 7. weiblicher Vorname Singvogel ^Auslösung in nächster Nummer.) a. 1. Land in Asien 2. Teil des Feldes 8. Fanggerät 4. biblischer Name 5. griechische Göttin 6. Nebenfluß der Donau Auflösung des Tauschrätsels in vor. Nr.: Land, Boden, Marie, Pfad, Bein, Chrus, Arm, Robe, Hör«. Lord Byron. Redaktion: August Götz.— Rotationsdruck und Verlag der BriilU'schen UnivcrsltätZ-Buch- und Cteiridruckerei. R. Lange, Gießen.