Ur. 114 1903. jfl SVT MIT TwTTTO F^W (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. Merriman. (Fortsetzung.) „Es ist ein schönes Land, obwohl das übrige Europa es nicht glauben will, und die Güter des Fürsten gehören zu den größten, wenn nicht zu den schönsten. Es sind hauptsächlich Jagdgründe, nicht wahr, Fürst?" „Zumeist", antwortete Paul. „Wir haben Baren, Wölfe, Rotwild, außerdem natürlich Birkhühner, Schnepfen, Schneehühner, kurz alles, was das Herz begehrt." „Das Herz eines Sportsmanns", ergänzte Wassili ernst. „Ja, das Herz eines Sportsmanns." „Natürlich." Wassili hielt inne und zog mit einer leichten Handbewegung Steinmetz ins Gespräch; vielleicht war es ihm lieber, wenn er sprach, als wenn er beobachtete. „Natürlich haben Sie, wie alle großen russischen Gutsbesitzer, viele Sorgen wegen Ihrer Bauern, obwohl Sie, streng genommen, nicht zu dem Distrikte gehören, wo Hungersnot herrscht." „Nicht ganz; wir verhungern nicht, wir hungern bloß", meinte Steinmetz trocken. Wassili lachte und drohte ihm scherzend mit seinem goldenen Augenglas. „Ah, lieber Freund, Sie haben also noch immer die alte, gefährliche Gewohnheit, das Kind beim rechten Namen gM nennen? Es ist gewiß ein Unglück, daß die Bauern ein bißchen hungern, aber was will man machen? Sie müssen eben lernen, sparsam zu sein, mehr zu arbeiten und weniger zu trinken. Bei einem solchen Volke ist die Erfahrung die einzige mögliche Lehrmeisterin. Es nützt nichts, mit ihm M reden, es ist gefährlich, ihm Almosen zu geben; außerdem sind die Berichte, die man in den Zeitungen liest, geradezu lächerlich und übertrieben. Gnädiges Fräulein", fuhr er fort, indem er sich höflich zu Nelly wendete, „gnädiges Fräulein dürfen nicht alles glauben, was man Ihnen von Rußland erzählt." „Das tue ich auch nicht", antwortete Nelly mit einem ehrlichen Lächeln, das Monsieur Wassili ganz verblüffte; denn er hatte nicht oft mit Leuten zu tun, die ehrlich lächelten. „Das Diner ist serviert", sagte er. „Frau Fürstin, darf uh mir die Ehre geben?" Ter Tisch war prächtig dekoriert, die Weine waren tadellos, die Speisen echt pariserisch, kurz, alles auf das glänzendste, und Ettas gute Saune stieg. „Es ist das Exil, nichts anderes als das Exil", behauptete Wassili, der das Gespräch führte. „So sehr ich mem Vaterland bewundere, bedauere ich mein Schicksal nrcht, das mich an Paris fesselt. Für einen Männ ist es etwas anderes, Mer für die Fürstin und für Sie, gnädiges Fräulein — stch!" Er zuckte die Achseln und blickte be- dauernd zur Decke empor. „Schönheit, Geist, Witz, die sind in Rußland verloren!" „Was würde Paris sagen, wenn es wüßte, was es verliert?" fügte er in leiserem Tone, zu Etta gewendet, hinzu. Sie lächelte befriedigt, denn sie war nicht immer im stände, zwischen Unverschämtheit und Heuchelei zu unteri- scheiden. Steinmetz, der auf der linken Seite der Marquise saß, richtete ein oder zwei Bemerkungen an diese Dame, die; ihm stets mit vollem Munde antwortete, und da er bald bemerkte, dmh das, was auf ihrem Teller lag, sie mehr interessierte, als ihre ganze Umgebung, verstummte er und beobachtete. Wassili bemerkte das mit ziemlichem Miß^ vergnügen; es wäre ihm lieber gewesen, wenn Karl Steinmetz mehr gegessen und gesprochen hätte. „Frauen haben jedoch sehr gute Herzen", fügte der Hausherr laut hinzu. „Vielleicht interessieren Sie sich für das Los der Bauern?" Etta blickte zu Steinmetz hinüber, der unmerklich mit dem Kopfe nickte. „Ja", antwortete sie. Wassili folgte ihrem Blick und sah, daß Steinmetz ernst; und eifrig aß. „Dann werden Sie zweifellos einen großen Mil Ihrer Zeit damit zubringen, ihre Leiden zu lindern — ihre selbst!-- verschuldeten Leiden, mit aller Hochachtung vor dem Fürsten." „Warum mit aller Hochachtung vor mir", fragte Paul, indem er ruhgi ausblickte; aber in seinen Augen lag etwas^ das Nelly bewog, ängstlich zu Steinmetz hinüberzusehen. „Wie ich höre, sind Sie anderer Meinung", sagte Wassili. „Durchaus nicht", antwortete Paul. „Ich gebe zu, daß die Bauern selbst die Schuld an allem tragen, geradeso wie ein Hund selbst schuld ist, wenn er sich in einer Falle! sängt." „Ist dieser Fall wirklich analog? — Darf ich Ihnen von diesen Oliven anbieten? Ich habe sie mir durch einest Spezialkurier aus Barcelona kommen lassen." „Gewiß!" attttoortete Paul. „Wer es besser versteht, hat daher die Pflicht, dem Hunde zu zeigen, wie er die Stellen vermeidet, wo Fallen liegen. Ich danke, die Olivest sind ausgezeichnet." „Ach," ich preise manchmal meinen Stern, daß ich leist Gutsbesitzer, sondern ein armer Bureaukrat bin", wandte sich Wassili höflich zu Nelly. „Das sind sehr schwierige Fragen, gnädiges Fräulein, aber möglicherweise versteht sie unser lieber Fürst besser, als alle anderen in und außerhalb Rußlands." „O nein, ich urteile bloß nach meinen geringen Erfahrungen", rief Paul. „Ach, Sie sind zu bescheiden, Sie kennen den Bauerst 454 gründlich, verstehen ihn, lieben ihn, — das habe ich wenigstens gehört, nicht wahr, Fran Fürstin?" Kart Steinmetz blickte stirnrunzelnd eine Olive an. „Ich weiß wirklich nicht", sagte Etta, die einen Blick über den Tisch geworfen hatte. „Gewiß, Frau Fürstin, es ist so. Ich höre stets das Beste von Ihnen, Fürst." „Von wem?" fragte Paul. „Von dem uitb jenem", antwortete Wassili, indem er die Achseln zuckte. „Ich wußte nicht, daß der Fürst so viele Feinde hat", sagte Steinmetz trocken, worauf die Marquise plötzlich zu lachen anfing und einem Schlaganfalle nahe schien. In dieser Weise spann sich die Konversation während des Tiners, das ziemlich lange dauerte, fort. Wiederholt brachte Wassili das Gespräch auf Osteruo und das Leben in jener einsamen Gegend; aber die Personen, die es kannten, schwiegen, und es war klar, daß Etta und Nelly mit dem Leben, dem sie entgegengingen, unbekannt waren. Von Zeit zu Zeit richtete Wassili seine trüben, gelben Augen auf die Diener, die übrigens ihre Arbeit tadellos verrichteten, und stets fiel sein Blick wieder auf die Gläser. Tie Diener fiillteu sie beständig; aber die Zungen wurden von den erlesenen Weinen nicht gelöst. Paul besaß einen festen Kopf und jene Selbstbeherrschung, gegen die der Alkohol nichts vermag. Karl Steinmetz aber hatte in Heidelberg studiert und war nicht unter den Tisch zu trinken. Etta war munter, amüsant und fröhlich, solange es sich um gewöhnliche, gesellschaftliche Gespräche handelte. Allein so !oft Wassili von dem Lande anfing, dem er angeblich so ergeben war, schien sie sich ein Beispiel an ihrem Gatten und dessen Intendanten M nehmen und bewahrte em freundliches, unauffälliges Schweigen. Erst im Salon nach dem Tiner sand Wassili Gelegenheit, sich direkt an Etta zu wenden. Ohne ihre Beihilfe ihm das nie gelungen; denn trotz ihres munteren Lächelns sehnte sie die Gelegenheit in atemloser Angst , „Es war sehr gütig von Ihnen, Fürstin, mein armes Hecm zm besuchen", sagte er auf französisch. „Glauben Sie mir, ich weiß die Ehre zu schätzen. Als Sie zuerst ins Zimmer traten, war ich — vielleicht haben Sie es bemerkt — ganz betroffen. Ich habe oft gelesen, daß es eme Schönheit gießt, die einem den Atem raubt, — Sie müssen mich entschuldigen, ich rede immer gerade heraus, — bis heute abend war ich einer solchen Schönheit nicht begegnet." Etta entschuldigte ihn sehr gern, denn sie konnte ziemlich viel von derartigen Reden vertragen. Sie lachte und warf Wassili von Zeit zu Zeit einen koketten Seitenblick zu. „Ich hoffe, daß Sie Paris auf der Rückreise wieder beehren werden", fuhr er fort. „Wann wird das sein? Wann dürfen wir hoffen. Sie wieder zu sehen? Wie lange gedenken Sie in Rußland ziu bleiben und —" „Wassili spricht das beste Englisch, das man sich denken kann", fiel Steinmetz ein, der sich unhörbar genähert hatte. „Aber er will es nicht sprechen, Fürstin, er ist zu schüchtern." Auch Paul trat herzu. Es sei elf Uhr, und Reisende, me früh aufbrechen müßten, täten wohl daran, zu Bette zu gehen, meinte er. „ die Mr sich hinter den Gästen geschlossen hatte, schritt Wassilr langsam zum Kamin und stellte sich breitspurig auf das Bärenfell davor. Er war ein schöner, eleganter Mann von aufrechter, militärisch strammer Haltung, und sein Gesicht war die richtige Maske: seelenlos, farb- ws, bewegungslos. Eine Weile stand er da, biß an seinem Daumennagel und betrachtete die Tür, durch die Etta Alexis eben in aller Pracht ihrer Schönheit, ihres Reichtums und ihrer fürstlichen Stellung geschritten war. „Tie Frau, die mir die Papiere der Armenliga verkauft hat , sagte er langsam. „Und sie glaubt, daß ich sie nicht erkannt habe!" 18. Kapitel. An der Newa Karl Steinmetz hatte an dem nördlichen Ufer der Newa, rn ;enem Teile Petersburgs, wo die Dampfer ihre Ladungen löschen, geschäftlich zu tun jgphabt und kehrte jetzt aus einem der zahlreichen Wege, die von Ufer zu Ufer ms Eis gehauen sind, nach der Stadt ztirück. Am südlichen User angelangt, stieg er zu den Admiralitätsgärten empor, zündete sich eine Cigarre an, vergrub die Hände tief in die Taschen seines Pelzrockes und begann, langsam durch die kahlen, einsamen Gärten zu schlenderu. Vor ihin ging raschen Schrittes ein junges Mädchen, das nun seine Schritte verlangsamte, um ihu an sich vorübergehen zu lassen. Karl Steinmetz bemerkte es. Plötzlich ging sie wieder an ihm vorbei, ließ ihren Schirm fallen und beschrieb, ehe sie ihn wieder aufhob, damit einen Kreis, — ein Manöver, das auffällig einem verabredeten! Zeichen glich. Dann drehte sie sich rasch um, blickte ihn cm, sichern sie ein angenehmes, rundes Gesichtchen mit einem lächelnden Munde und übertrieben ernsten Augen zeigte, und kam wieder zurück. Steinmetz zog in väterlicher Weise den Hut. „Mein liebes Fräulein", sagte er auf russisch, „wenn meine persönliche Erscheinung einen so tiefen Eindruck auf Sie macht, wie meine Eitelkeit mir schmeichelt, wäre es da nicht passender, Sie zeigten Ihre Gefühle etwas weniger deutlich? Sind aber die Zeichen, die Sie mir machten, von tiefer politischer Bedeutung, so muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich kein Nihilist bitt." „Was sind Sie denn?" fragte das Mädchen, indem es neben ihm herzuschreiten begann. „Ich bin das, was Sie sehen. Ein dicker, ältlicher Herr, der glücklicherweise keine soziale Stellung einnimmt, folglich wenige Feinde und noch weniger Freunde hat." Es sah aus, als hätte das Mädchen gern gelacht, wenn das nicht gegen den Ernst ihrer Aufgabe verstoßen hätte. „Sie heißen Karl Steirunetz", sagte sie ernsthaft. „Ja, unter diesem Namen bin ich meinen zahlreichen Gläubigern bekannt." „Wenn Sie in den Kasan-Bazar Nummer X hinter der Kathedrale gehen — zweiter Stock links, auf der letzten Treppe, so werden Sie dort einen Freund finden, der Sie zu sehen wünscht", sagte sie, als leiere sie eine auswendig gelernte Lektion her. „Und wer sind Sie, mein liebes Fräulein?" „Ich bin niemand, — nur eine bezahlte Agentin." Ein paar Schritte gingen sie schweigend wetier, denn die Glocken der St. Jsaakskirche begannen plötzlich so laut zu läuten, daß sür einige Augenblicke jedes weitere Gespräch- unmöglich war. „Werden Sie hingehen?" fragtze das Mädchen, als das Läuten so plötzlich aufhörte, wie es angefangen hatte. „Wahrscheinlich, denn ich bin neugierig und fürchte mich vor nichts, außer vor feuchten Betten. Mein anonymer Freund erwartet hoffentlich nicht, daß ich die ganze Nacht bei ihm bleiben werbie. Hixt er, :—- oder ist es eine „sie", mein schönes Kind? — hat die betreffende Person eine Stunde bestimmt?" „Zwischen jetzt und sieben Uhr." „Besten Dank!" „Gott mit Ihnen", sagte das Mädchen, drehte sich plötzlich aus dem Absatz um und schritt hinweg. Ohne ihr nachzublicken, ging Steinmetz nun immer rascher und langte nach ein paar Minuten bei dem großen Hause an, das hinter einem eisernen Gitter am oberen Ende des Englischen Quais stand, dem Hause des Fürsten Pawel Alexis. Er traf Paul allein im Studierzimmer und berichtete ihm mit wenigen Worten das Vorgefallene. „Was halten Sie davon?" fragte der Fürst. „Das weiß der Himmel." „Werden Sie hingehen?" „Selbstverständlich. Ich liebe Geheimnisse, besonders in Petersburg." „Lassen Sie mich mitgehen." „Um keinen Preis, ich muß allein gehen; aber wenn Sie es erlauben, nehme ich Ihren englischen Kutscher mit; er ist sehr zuverlässig." „Werden Sie zum Diner wieder zurück sein?" „Hoffentlich. Ich kenne solche geheimnisvolle Zusammenkünfte' von früher her; wahrscheinlich ist es ein! Freund, der sich bis nächsten Montag hundert Rubel von mir leihen will." (Fortsetzung folgt.). 455 Hessische Räuberbanden ■ im achtzehnten Jahrhundert. Von Dr. Arthur Bechtold. Original-Aufsatz für die Gießener Familienblätter. (Fortsetzung.) Das dritte, ausführlichste Werk, welches Buchner unbekannt geblieben zu sein scheint, führt den Titel: Ausführliche Relation Von der Famosen Ziegeuner- Diebs- Mord-- und Rauber-Bande Welche den 14. und 15. Novernbr. Ao 1726 zu Giessen durch Sch,werbt, Strang und Rad respectiv« justifiziert worden, Worinnen Nach praemittierter Historie von dem Ursprung und Sitten derer Ziegeuner re. rc. die vornehmste und schwereste Be- 'gangenschafften mit allen Umständen erzehlet, auch was durante processu sowohl ante — als in u. post Dorturam vorgenommen worden, enthalten ist, Aus Denen weitläufftigen Peinlichen Original-Actis in möglichster' Kürtze zusammengezogen Und auf Sr. hochfürstl. Durchl. zu Hessen-Darmstadt Gnädigste Special-Erlaubnüß Dem Publico zum Besten, in öffentlichen Druck befördert durch D. Johann Benjamin Weissenbruch Fürst!. hessen-darmstädtis. Vormunds-Rath, auch Ober- Schultheissen und Peinl. Gerichtsassessoren daselbst. Mit einigen Kupfsern. Franckfurt und Leipzig. Das 196 Quartseiten große Buch ist den beiden Grafen zu Stolberg, Königstein und Münzenberg, sowie den Grasen Wolfgang Ernst und Ernst Casimir, Grafen von Isenburg und Büdingen gewidmet und enthält nach einer schwülstigen, vor Ehrfurcht ersterbenden Vorrede zuerst eine lange ^Abhandlung über das Wort „Zigeuner", über ihr Herkommen, ihre Sitten, ferner ein weitschweifiges Kapitel „Ob die Ziegeuner in einer Republik zu butten." Der zweite Teil behandelt sehr ausführlich die einzelnen Verbrechen der Bande, jber dritte (S. 113—183) giebt ■ ein Bild des Verhörs, die Fragen der Richter, die Antworten der Verbrecher. („Von der Tortur und was darbev vorgegangen".) Das letzte, nur wenige Seiten lange Kapitel behandelt das Urteil und seine Exekution. Ich übergehe den ersten Teil, der lediglich eine Zusammenstellung der alten Literatur über die Zigeuner ent- yalt, und gehe sofort auf die einzelnen Mordtaten der Bande über. Die „Relation" zählt die einzelnen Verbrechen ohne jedes System auf, sodaß es schwer ist, die zeitliche Reihenfolge zu schildern. Den Anfang machte ein Zigeunertrupp von über 50 Mann, die zu Gelßhausen im Londorfer Grund am Hellen Tag einsielen und „ohngescheut" Hühner und Gänse Wegnahmen. Auf die Bauern, die sich zur Wehr fetzen wollten, wurde scharf geschossen, 2 Bauern und ein „Musquetierer" von der Landmiliz durch Schüsse und Säbelhiebe schwer verwundet. Dann drohten die Zigeuner noch, das Dors an alten Afr Ecken anzuzünden. Bis die fürstliche Regierung zu Gießen Schritte zur Ergreifung der Räuber tun konnte, waren sie langst über die Berge. . 2®- April 1722 abends zwischen 8 und 9 Uhr ging 2"^"^ier Dranth mit einem Gefreiten J^auischen Kreiskontingent zu einem Gartenhaus vor J tr8W dem Kapitan Wortmann gehörig. Plötzlich fielen «us dein Gartenhaus zwei Schüsse. Der Unteroffizier ft’y-äte tot zusammen, der Gefreite wurde am Halse durch Deudin Mundet. Die Räuber, die Zigeuner Hemperla und besckU^P»?^c"r^. dem Gartenhause eine mit Messing S3 ' Plstole, euie „Musquetenflinte", ferner den Degen und den nut einer fitternen Tresse eingefaßten Moutterungshut des Unteroffiziers mit. "ngesayren Wenig später traf die Bande, zu der diese Ziaeuuer gehörten, mit einer großen überrheinischen ZigeuÄbande 'm Londoner Grund zusammen. Die rechtsrheinischen .Zigeuner wollten den Uebergriff in fremdes Jagdgebiet nicht dulden,- die Ueberrheinischeu wurden von ihnen angefalleu und es entspann sich eine förmliche Schlacht, wobei scharf geschossen wurde und mehrere Zigeuner tot ans dem Platze blieben. Außer der überrheinischen Zigeunerbande trieb sich noch die „Solmsische" unter der Führung des Zigeuners „Friederich St. Amour des Kurzen" umher. Dieser kam mit 12 Zigeunern nach Hirtzenhayn, wo die Bande „Gabriels" sich gelagert hatte, um einen alten mit dem Gabriel bestehenden Streit mit dem Degen auszumachen; der „famose Galant" verhinderte das geplante Duell und brachte eine Versöhnung zu stände. In der Frühe des 2. Sept. 1722 begab sich der fürstliche Amtmann Rudrauff zu Lißberg in Amtsgeschäften nach Eckharbsborn. Im Dorf begegneten ihm drei Zigeuner, welche er anhielt und fragte, was sie hier zu schaffen hätten; ob sie nicht wüßten, daß sie sich in den fürstlichen Landen nicht betreten lassen dürften? Die Zigeuner erwiderten sehr demütig, sie hätten niemand ein Leid zugefügt, „echap- pierten" lauch, bevor der Amtmann Bauern heranrufen konnte. Weiter im Dorf traf er wieder zwei Kerle; der eine riß aus, der andere, der Zigeuner Hemperla, ließ eilig die zwei Schnapsflaschen, die er trug, fallen, riß eine Pistole aus dem Gürtel und zielte damit auf den Amtmann. Plötzlich jedoch wendete er sich um und sprang über einen Gartenzaun. Der Amtmann schoß hinter ihm her, traf ihn aud} in den Schenkel, doch gelang es Hemperla trotzdem, zn entkommen. Auf der Flucht noch'wendete er sich wm und schoß seinem Verfolger den Ladstock seiner Flinte entzwei. Am 21. Sept. 1724 brach ein 12 Mann starker Zigeuner- Hause im Hause des Johann Graulich zu Burggernünden ein, wobei dieser durch mehrere Schüsse den Tod fand. Gleichzeitig wurden verschiedene Diebstähle in den Aemtern Königsberg und Ulrichstein verübt, ohne daß es möglich war, die Täter zu fassen. Auch zu Bermuthshayn int Hause des Henrich Rasch und in verschiedenen Orten im Büdiugi- schen wurde eingebrochen, mehrere Menschen leichter oder schwerer verwundet. „ Bei einem Einbruch im Hanse des Obristen b'on Geiß- mar zu Blofeld in der Wetterau fielen den Räubern vierzehn Paar Pistolen in die Hände, ferner eine Flinte, drei Livreen, bestehend aus Rock, Camisol und Hüten, außerdem! ein „Conto de Chasse, so von Serenissimi nostri hochfürstlichen Durchlauchtigkeit ihMe gnädigst verehret worden." In der Nacht des 22. Juni 1725 hörte der Müller auf der Mühle bei Königstein eijt Geräusch und bemerkte von seinem Bette aus in der Mühle Lichtschein. Er weckte seinen Sohn und den Mahlknecht, als plötzlich die Stuben- türe geöffnet wurde und zwei wilde Kerle hereintraten. Der Müller sprang in die Kammer zurück, sein Sohu, erst vor einigen Jagen von der Wanderschaft zurückgekehrt, ergriff seine an der Wand stehende Flinte, worauf die Kerle sich aus dem Staube machten. Der junge Müller setzte nach und verfolgte sie bis in den Garten. Da blitzte es hinter einem Busche aus, es siel ein Schuß, der Müller lag tot in feinem Blute. Einige Wochen später wurde ein Einbruch Bei dem Pfarrer Heinsius in Dörßdorf ins Werk gesetzt. Nachts zwischen 11 und 12 Uhr drang unter fürchterlichem Toben eine Anzahl Zigeuner in das haus des Pfarres ein, wobei sie mit einem großen Balken die Haustüre emstießeu. Vyr- her hatten sie versucht, mittels eines Meißels und einer brennenden Fackel ein Loch herzustellen. Der Hemperla war schon mit dem halben Leibe innen, als er von der Tochter des Pfarrers, die zufällig in der Küche nach dem Feuer sehen wollte, überrascht wurde. Sie selbst konnte ich noch retten, der Pfarrer trat den unheimlichen Kerlen mtgegeri und bat sie um Gottes Willen um Schonung eines Lebens; er erhielt jedocy einen Stoß mit der Brennen» )en Fackel auf die Brust und wurde dann niedergeschossen; eilte Frau wollte die Flucht ergreifen, ein Schuß zerschmetterte ihr jedoch bett Kopf, sodaß der Unterkiefer wegge- rissen und an die Türe geschleudert warb. Währenb bes Tobens nnb Lärmens, bas im ganzen Orte gehört wurde, hatten die zusamm'engelaufenen Bauern nicht gewagt, etwas zu unternehmen; von der Verfolgung würben sie burch bas Schießen der Zigeuner abgehalten. Die Beute der Räuber, welche sie in Oberbieffenbach bei dem Juden Elias Aaron, einem berüchtigten Diebshehler, verkauften. 456 bestand in 4 silbernen Bechern, 14 silbernen Löffeln, Kleidern und 22 Gulden an barem Geld. Endlich gelang es einem der Gießener Streifkommandos, am 8. Sept. 1725 int Amte Lißberg ein Zigeunerlager zu überfallen. Die Zigeuner gaben Feuer auf die Soldaten und flüchteten in den Wald, doch fielen dem Kommando einige von ihren Weibern in die Hände. Bald darauf verlautete die Drohung der Zigeuner, sie würden „auf denen Straffen morden und brennen ttnb: in denen Fürstlichen Landen sengen und brennen", wenn ihnen die Weiber nicht wieder zurückgegeben würden; ja der Zigeuner Bülau stieß sogar gegen „Unsers Gnädigsten Fürsten und Herrn hochfürstliche Durchlauchtigkeit höchste Person die allerfchröck- liche Dräuworte aus." Nicht lange nach diesem Vorfall ivurde der Schweinehirt von Dauernheim von Zigeunern erschossen, zu Ostheim im Amt Butzbach, zu Rodheim, aus der Bieber, auf dem Hof Hayna, „auf dem Bangert, ohnweit Schiffenberg", eingebrochen, zu Saafsen im Amt Grünberg und zu Launs- bach int Nassauischen zwei Untertanen erschossen. Am 16. Oktober 1725 ritt der Landlieutenant Emeraner mit seinen Untergebenen Kräcker und Hempel nach dem gräflich Stolbergischen Ort Hirtzenhayn, wo er vor dem Wirtshause eine Anzahl Zigeuner mit ihren Weibern und Kindern fand. Er ließ einige Männer ergreifen und binden, die anderen flohen eilig. Bald darauf sah er sich von einem großen, über fünfzig Mann starken Schwarm angegriffen. Vergebens schoß er sein Pistol ab, vergebens rief er und winkte er nach rückwärts, um den Anschein zu erwecken, als habe er ein starkes Kommando hinter sich; da die Weiber der Zigeuner aus ciner Anhöhe Wache hielten, kehrten sich diese nicht an sein Rufen, sondern schossen nach ihm, worauf er sein Heil in schleunigster Flucht suchte. Auch Ktöcker gelang es, zu entkommen; nun fiel die Rotte, die Weiber voran, über den lärmen Hempel her, und stach und schlug so lange auf ihn ein, bis er schwer verwundet zusammenbrach. Sämtliche Kleider wurden ihm vom Leibe gerissen, mit Mühe erreichte der Wirt, der für ihn bat, daH ihm sein Leben geschenkt wurde, trotz des Widerspruchs der rasenden Weiber, welche ihn mit Beilen erschlagen und verstümnwlt wissen wollten. Doch zwangen ihm die Zigeuner einen Eid ab, sich nicht mehr gegen Zigeuner brauchen zu lassen. Emeraner hatte auf der sogenannten „Hütte" Zuflucht gesunden; ein Schmalzkrämer verriet der mordlustigen Rotte das Versteck. Sofort ging es ans Suchen; der Wirt mußte ihnen einige Schoppen Branntwein bringen, in welchen sie einen „Schuß Pulver und dreh Griff Saltz gethan", dann tranken sie der Reihe nach davon, und schwuren, „daß sie nicht ab- und keiner von dem andern lassen wollten, biß sie aus dem Fleischmann Riemen geschnitten." Der „famose Galant" nahm aus einer Schachtel „kleine Zettul (welches, wie die Fiscalische Zeugen' deponiret, die Passauer Kunst gewesen) und gab solche seinen Cammeradcn zu fressen." Nun wurden, um jede Störung fern W halten, am Ortsrande und aus der Dorfstraße Schildwachen ausgestellt; die übrigen, worunter der „famose Galant", Anton Alexander, Hemparla, der lange Friederich und Gabriel drangen trotz des Flehens des Wirtes in das Haus, schlugen mit Aexten und Flintenkolben Kammern und Bodentüren auf und fanden endlich den unglücklichen Emeraner in seinem Versteck auf dem Speicher. Er ward hervorgezogen, sofort sielen mehrere Schüsse, dann wurde auf bestialische Weise mit Beilen, Säbeln und Musketenkolben auf ihn eingeschlagen, bis er zusammenbrach; noch! lebend wurde er zwei Stockwerk hoch die Treppe hinabgeworfen, wobei noch ein junger Zigeuner seine Bravour bewies, indem er seine! mit Pulver geladene Pistole dem Sterbenden unmittelbar! am Kopse abbrannte. Er lebte noch, bat noch um einen Trunk Wein und verschied. Während dieser scheußlichen Szene war das ganze Dorf in Aufruhr geraten, doch vergebens hallte die Sturmglocke; die Bauern wagten bet dem steten Schießen nicht zur Hilfe herbeizueilen, sondern verrammelten zitternd ihre Haustüren. Eine Rotte Zigeuner stürmte in die Glockenstube, riß den Mann, der die Glocke gezogen, weg und bedrohte ihn unter wilden Flüchen mit Erschießen. Unbehelligt zog die Bande ab, das Pferd des Emeraner als Beute mitnehmend; da man sich über den Besitz nicht einigen konnte, erschoß es der „große Galant", der bie Rolle des Hauptmanns bekleidet zu haben scheint. Furchtbar war die Aufregung, die sich der Bevölkerung bemächtigte. Die grauenvollen Einzelheiten der Mordtat verstärkten die Furcht vor den Räubern, von deren Bündnis mit dem „Bösen"' man fest überzeugt war. Von feiten der Obrigkeiten wurden doppelte Anstrengungen gemacht, um der Verbrecher habhaft zu werden, doch schien zunächst alle Mühe umsonst zu sein. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Nervöser Schnupfen und seine Behandlung. Die Aerzte bekennen sich immer mehr zu der Auffassung, daß unter dem Begriff des Schnupfens eine große Zahl sehr verschiedenartiger Kvankheitserscheinungen zusammengefaßt wird. Unbedingt zu scheiden von den sonstigen Anfällen ist unter anderem dar nervöse Schnupfen. Für gewöhnlich versteht man darunter jene Form, die ganz plötzlich auftritt und ebenso plötzlich nach kurzer oder langer Tauer wieder verschwindet. Gewisse Umstände lassen dabei eine Abhängigkeit des Leidens von den Nerven deutlich erkennen. Dr. Rothi hat in der „Wiener Medizinischen Wochenschrift" dem in vielen Beziehungen noch nicht genügend untersuchten nervösen Schnupfen eine ausführliche Abhandlung gewidmet. Er führt seine Entstehung einmal zurück auf die Einwirkung gewisser Gerüche, z. B. des Dufts einiger Speisen oder der Ausdünstung mancher Tiere. Vielleicht ist auch der Heuschnupfen, der auf den Blütenstaub von Grasarten zurückgeführt wird, mit dem nervösen Schnupfen zusammen zu bringen, obgleich nach den neuesten Forschungen hier vermutlich eilte besondere Ansteckung vorliegt. Eine zweite wichtige Ursache für den nervösen Schnupfen ist der Aufenthalt in heißen oder dunsterfüllten sowie mit Kohlensäure übersättigten Räumen. Ferner muß der Arzt zugestehen, daß in einer noch weiteren Reihe von Fällen der eigentliche Anlaß garnicht nachgewiesen werden kann. Der nervöse Schnupfen ist nicht selten mit andauernden Nieskrämpfen verbünden, und in ganz schweren! Formen sogar mit asthmatischen Erscheinungen. Die Schleimhäute der Nase sind dabei meist stark gerötet uttbi geschwellt. Fast immer geht mit den Anfällen eine gesteigerte Erregbarkeit der Nerven Hand in Hand, die sich teils in vermehrter Reizbarkeit, teils in ausgesprochener Nervenschwäche äußert. Man hat gegen den nervösen Schnupfen eine sehr große Zahl von Heilmitteln und Heilverfahren versucht, meist mit nicht besonders günstigem Ergebnis. Dr. Rsthi hat neuerdings das Adrenalin an- gewendet, einen aus den Nebennieren gewonnenen Stoff, und dies Mittel scheint etwas bessere Erfolge zu versprechen. Namentlich in den Fällen von nervösem Schnupfen, die sich durch eine sehr starke wässerige Absonderung der Schleimhaut auszeichnen, scheint diese Behandlung günstig zu wirken. Außerdem kann man noch eilte allgemeine, aus Abhärtung zielende Behandlung einleiten, um die Nervosität zu bekämpfen. Namentlich werden Kaltwasserkuren nach dieser Richtung hin von Vorteil sein. Beachtenswert ist besonders ein von Dr. Rsthi berichteter Fall eines vierzigjährigen Mannes, der seit Monaten regelmäßig beim Genuß stark gewürzter Speisen, auch schon bei deren Wahrnehmung durch den Geruch, unter heftigen Niesanfällen einen fehr starken nervösen Schnupfen bekam. Auch hier erzielte erst die Behandlung durch Adrenalin eine Heilung. Man wird nun" allerdings in diesem Stoff noch nicht ein unfehlbares Kampfmittel gegen den ttervösen Schnupfen erblicken dürfen, weil die Zahl der behandelten Fälle bisher noch zu gering ist, uw bereits ein endgiltiges Urteil ' zu gestatten. Immerhin sind mit einem anderen Medikament gleiche Erfolge überhaupt nicht erreicht worden. Abstrichräts el. Prosit — Alma — Rinder. Von vorstehenden Wörtern ist jedesmal die Hälfte ^er Buchstaben zu streichen, die stehenbleibende Hälfte muß aus nebeneinander stehenden -puu)- staben bestehen; die stehengcblicbencn Gruppen müssen un Zusammenhang eine Blume bezeichnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Sommerkurgast. Redaktion: Anaust Götz. — Notaiionsdruck und Verlag der Drilbl'schen Universitäts-Buch- und Cteindrucherci. R. Lauge, Gießen.