Freitag den 3. IM. Q ^tyrmiäcff »C* 1903. — Nr. 97. 0^’ •' "KE® M«WW k-auu, W Etwa acht Tage nach sei Bruder, nach des Doktors An (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau. (Fortsetzung.) Dagegen gab es kein Auflehnen. Minor mußte sich folgsam entfernen und die neuen Sorgen dieses ereignis- vollen Tages mit nach Westfields zurücknehmen. Erst am nächstfolgenden Abend erhielt Frau Wilson die Erlaubnis, einen Blick in das Krankenzimmer zu werfen. Zum ersten Mal seit seinem Unfall hatte der Schlaf den Patienten überwältigt. Aber es war keine erquickende Ruhe, deren er sich erfreute, denn seine Lippen bewegten sich unbehaglich unter, dem Einfluß eines quälenden Traumes. Mehrmals murmelte er einige Worte vor sich hin und Frau Wilson lauschte gespannt, bis sie zuletzt deutlich hörte: „Wir können nicht heiraten — noch immer nicht. Ich hätte es nicht versprechen sollen — — o wäre ich doch mein eigener Herr!" Eine unruhige Bewegung erweckte den Schlafenden zu neuen Leidensstunden, und seine Schwester hatte kaum Zert, unbemerkt davonzuschleichen. Aber das, was sie gehört hatte, genügte, um von neuem ihren Verdacht wachzurusen. Sie war überzeugt, daß das Gespenst einer alten Liebesgeschichte sich zwischen ihren Bruder und Minor drängte, und ihre Gedanken beschäftigten sich fortwährend 'mit der Frage, wie sie ihn aus diesen, nach ihrer Ueberzeug- ung gewiß unwürdigen Fesseln befreien könne. Schließlich faßte sie den unseligen Entschluß, ein wenig Vorsehung zu spielen und die Hindernisse aus seinem Wege zu räumen, einerlei, welcher Mittel sie dazu bediirfeu würde. In Westfields lag unterdessen Fräulein Bassett zwischen Leben und Tod, und eine Woche lang erschien es sehr unwahrscheinlich, daß sie wieder genesen werde. An ärztlichem Beistände und sorgfältiger Pflege fehlte es ihr nicht. „Sparen Sie an nichts, was ihr dienlich sein könnte", hatte Minor am ersten Tage angeordnet. „Aber ver- langen Sie nicht, daß ich sie sehe. Bei Kranken bin rch nrcht am Platze", unb Herr Pott schüttelte den Kopf über dies unfreundliche Ende einer höchst freigebigen Rede. Tag für Tag fand stcn Minor in der Villa ein; sie war w so gedrückter Stimmung, so ängstlich wegen Herrn Morgan s langsamer Wiedergenesung, so ungeduldig, ihn zu sehen, daß Fran Wilson zuversichtlich darauf rechnete, L°k«rst° Begegnung werde mit der so sehnlichst gewünsch- ten Verlobung enden — wenn nur ein Hindernis beseitigt wäre! Etwa acht Tage nach feinem Unfall saß sie bei ihrem B-ruder, nach des Doktors Anweisung ängstlich bemüht, nur Heitere, angenehme Dinge zur Sprache zu bringen. Endlich wagte sie sich auch an das Thema, das ihr am auf-» heiterndsterr schien: „Fräulein Graham sehnt sich ganz außerordentlich dar- nach, Dich wiederzusehen, Richard", begann sie. Der Kranke seufzte tief auf. „Sie kann sich nicht mehr! danach sehnen, als ich selbst. Hat sie Nachricht von ihrem Vater erhalten?" „Ja, ich glaube, gerade darüber wollte sie mit Dir sprechen. Er wird in der allernächsten Zeit hier eintreffen."- „Dem Himmel sei Dank!" sagte Richard müde. EL hatte, die Absicht, noch weiter zu sprechen, denn seine beständige Angst um Aimee wurde bei seinem geschwächten Zustande fast unerträglich für ihn, als gerade Dr. Wilson mit fröhlicher Miene zu ihm eintrat r „Nun, mein Freund, darf ich Dir noch einen Besuch bringen? Harris quält mich bis aufs Blut, ihn herauf kommen zu lassen, und ich will es ihni nicht mehr ab- schlagen., Zehn Minuten mag er bleiben, aber nicht länger. Jessie, ich verlasse mich auf Dich, daß Du zur rechten Zeit hierher kommst und ihn verabschiedest." Eine Minute später trat der Verwalter ein. Sein ehrliches Gesicht strahlte vor Freude, und er benutzte die ihm bewilligten zehn Minuten hauptsächlich dazu, Herrn Morgan zu seiner Rettung zu beglückwünschen. Allein seiner Ansicht nach machte die Genesung zu langsame Fortschritte. Er hätte ihn gern kräftiger gesehen, sagte er, und fügte mit einem weisen Kopfschütteln bet: „Was Ihnen jetzt gerade fehlt, Sir, ist eine liebe, junge Frau. Die würde Ihnen rasch wieder aufhelfen, das versteht eine Frau am besten." Das war eine gerade, offene Sprache; aber es fiel Richard nicht ein, sie übel zu nehmen. Das Verlangen, mit irgend jemand von Armee zu sprechen, löste ihm die Zunge. „Eine Frau! Harris"; antwortete er, „Sie haben recht. Der besten Eine wartet auf mich, und ich würde sie keinen Tag länger warten lassen, wenn ich nicht unglückseligerweise hier festgebannt wäre." In diesem Augenblick trat Frau Wilson hinter dem Bettschirm hervor. Er hatte ihr Erscheinen überhört, und so kam es, daß sie seine letzten Worte verstand. Harris! verabschiedete sich voll guter Wünsche für die baldige Wiedergenesung des Patienten. Ermüdet vom Sprechen legte Richards sich schweigend um, während das geschäftige Hirn seiner Schwester Pläne zu seiner Befreiung-schmiedete. 9. Kapitel. All die langen heißen Sommertage hindurch iüartete. Aimee Forest geduldig aus das Ende ihrer Leidenszeit. Ihr Aufenthalt im Marienhause wurde mit jedem Tag unerträglicher, denn Frau Rochford, der die aufgedrungene Hausgenossin zur Last war, kannte keinerlei Rücksicht, wo es nicht chr eigenes Interesse galt. Sie hatte Aimee deutlich erklärt, daß sie ihren Vertrag mit Fräulein Osborne buchstäblich erfiillen und ihr erlauben wolle, bis zum einuno- 386 !zwanzigsten Angust zrc bleiben, dann aber müsse sie sich elbst und ihre wenigen Habseligkeiten anderswo unterzubringen suchen. Die Nachrichten von ihrer alten Freundin in England lauteten noch immer traurig. Die Nichte, zu deren Pflege diese hingeeilt war, war gestorben; eine jüngere Schwester lag an der gleichen Krankheit schwer darnieder. Richard's letzter Brief war kürzer und verstimmter gewesen als die vorhergehenden. „Schreibe mir in den nächsten Tagen nicht", hatte er gebeten. „Im Laufe einer Woche muß wegen Westfields und Norwich endgiltig entschieden werden. Dann komme ich, hinüber, um Dich zu besuchen, noch kann ich nicht sagen — Dich abzuholen." Das eigene Heim schien demnach noch immer in weite Ferne gerückt, und der kleine Geldvorrat, den Fräulein Osborne ihr zurückgelassen hatte, war nahezu erschöpft. Aimee wußte, daß sie ihr kleines Vermögen auf der Bank ohne Fräulein Osborne's Unterschrift nicht erheben könne. Um diese aber zu erlangen, hätte sie vieles erklären müssen, worüber sie lieber Schweigen bewahrte. Die Elliots waren fern von Brüssel auf einer Schweizer Reise. Selbst die alte Holländerin, die Pförtnerin des Hauses, in dem ihr Vater Jahre lang gewohnt hatte — eine gute alte Seele, die es sich zur Ehre gerechnet hätte, ihre „liebe kleine Engländerin" unter ihren Schutz zu nehmen — selbst sie hatte ihre Ersparnisse zusammengerafft und ihre Vaterstadt Antwerpen ausgesucht, um dort ihre Tage zu enden. Von den Künstlerbekanntschaften ihres Vaters wußte Aimee nur wenig; er hatte sie stets ängstlich besorgt von denselben serngehalten. So kam es denn, daß in ganz Brüssel kaum ein junges Wesen zu finden gewesen wäre, das einsamer und verlassener dagestanden hätte, als die arme Äimee. Der einzige Plan, zu dem sie sich widerstrebend getrieben fühlte, war ein Vorschlag an Frau Rochford, gegen entsprechende Vergütung noch eine zeitlang unter ihrem Dach zu bleiben. Aber Frau Rochford schlug ihre schüchterne Bitte kurzweg ab. Sie war zu sehr zur Eifersucht geneigt, und Aimees Beliebtheit bei Schüler und Dienstboten schien ihr eine persönliche Beleidigung. Ihr Entschluß, das junge Mädchen los zu werden, stand unerschütterlich fest. Die Hälfte ihrer drei letzten Wochen war rasch vergangen, eine Entscheidung über ihre Zukunft ließ sich nicht mehr länger aufschieben. Richard hatte weder geschrieben, noch war er selbst gekommen. Und eines Abends zählte Aimee in trauriger Stimmung, in der ihr zugehörigen Ecke des großen Saales, ihre kleinen Schätze. Sie fragte 1 sich gerade, ob wohl eine Tochter der alten Pförtnerin, eine Frau Werte, die Inhaberin eines kleinen Putzgeschäfts in Brüssel, sie für eine zeitlang aufnehmen könne, als Frau Rochford mit besonderer Höflichkeit sie an das andere Ende des Saales rief. Hier befanden sich einige Fremden, von deren Eintritt Aimee kaum Notiz genommen hatte, da sie sonst absichtlich von Besuchern ferngehalten wurde. „Dies ist Fräulein Forest, Herr Henderson", wandte sich Frau Rochford "mit verbindlicher Miene zu einem stattlichen, klug aussehenden Herrn, „und ich glaube, Frau Henderson" — damit stellte sie Aimee zwei Damen vor, von denen die jüngere, ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, offenbar als Schülerin eintreten sollte. „Ich glaube, wenn Ihre Tochter in deren Fußstapfen eintritt, und bei denselben Professoren Unterricht nimmt, so werden Sie mit ■ dem Erfolge ihrer Musikstudien sehr zufrieden sein." Herr Handerson, der nur den Mund zu öffnen brauchte, um sich als Amerikaner zu kennzeichnen/betrachtete Aimees bleiches, hübsches Gesichtchen, als ob er den Umfang ihrer Stimme daraus ersehen könne. „In Brooklyn haben wir ein gutes Urteil in solchen Dingen", sagte er. „Und wenn uns die junge Dame eine Probe ihrer Gesangskunst geben will, so können wir bald sehen, welche Ansprüche man hier macht." Aimee begriff nun, für was man ihrer bedurfte — sie sollte für die Schule Propaganda machen, und da auch die beiden Damen, die eine mit matter, die andere mit lebhafter Höflichkeit Herrn Henderson's Bitte unterßützten, nahm Aimee an dem Piano Platz und sang bereitwilligst alles, was man ihr vorlegte. Ihre Stimme mochte vielleicht der gewohnten Festigkeit entbehren, aber niemals hatte sie süßer geklungen. Tie Amerikaner gäben ihrem Entzücken lauten Ausdruck. „So wirst Du auch singen, wenn Du zurückkommst. Isabella", sagte Herr Henderson zu seiner Tochter. „Und dann darfst Du Dir selbst ein Geburtstagsgeschenk auswühlen! Ich wünschte, Fräulein Forest, anstatt nach Hause zu gehen, wo dies nun auch sein möge", — Frau Rochford hatte bereits ihre eigene Fassung von Aimees Geschichte zum besten .gegeben, — „würden Sie über das Meer mit uns kommen. Ich habe noch drei Töchter zu Hause, und wenn Sie deren junge Stimmen der Ihrigen ähnlich schulen könnten, würde ich mich sehr erkenntlich zeigen. Nun, was sagen Sie dazu?" „O, ich versichere Sie, Fräulein Forest hat ganz andere Pläne", schaltete Frau Rochford hastig ein. Die Aussicht, einiger Schülerinnen beraubt zu werden, war eine Folge des Gesanges, auf die sie nicht gerechnet hatte. „Ich glaube nicht, daß Geldvorteile sie abwendig machen könnten von ihren — Träumen!" Es war eine taktlose Anspielung, die Aimee wohl verstand, denn Frau Rochford pflegte über ihre Verlobung, von der Fräulein Osborne sie in Kenntnis gesetzt hatte, stets ironische Bemerkungen zu machen. Im Augenblicke hatte ihre kleine Bosheit den gewünschten Erfolg; denn Aimee zog sich rasch in ihre Ecke zurück, wo sie still im Zwielichte saß, bis die Hendersons kamen, um sich von ihr zu verabschieden. „Wir wollen mit unserer Bella noch eine Tour über den alten Kontinent machen, ehe wir sie hier verlassen", sagte der Vater. „Wie uns Frau Rochford mitteilte, werden Sie vor unserer Rückkehr weggehen, es müßte denn gerade sein, daß Sie über mein Anerbieten noch anders denken lernen. Wäre dies der Fall, so fragen Sie nur in den nächsten drei Tagen im Hotel Britannique nach Ralph Henderson und bringen Sie ihm die angenehme Nachricht. Und nun leben Sie wohl, Fräulein Forest, ich wünsche Ihnen alles Angenehme für die Zukunft." Herr Henderson hatte mehr im Scherze gesprochen, und Aimee legte seinen Worten auch keine weitere Bedeutung bei. Beide ahnten nicht, daß schon die nächsten Stupsten eine unerwartete Annäherung für sie bringen sollten. Die erste Post des folgenden Tages brachte Aimee wieder nichts. Mer als sie um elf Uhr das Haus verließ, um sich womöglich bei Frau Werke ein Unterkommen zn sichern, wurde ihr unter der Tür ein Bries eingehändigt. Sie erblickte die englische Marke und ihr Herz schlug hoch! aus, als sie ihren Schatz in die Tasche schob, und weiter eilte, um ein ruhiges Plätzchen im Park auf^u- suchen, der um diese Stunden nur von einigen werß- behaubten Kindermädchen und deren Schützlingen belebt war. Ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr ihren Lippen, ehe sie nur ein Wort gelesen hatte. Sie betrachtete nochmals die zerrissene Briefhülle und bemerkte jetzt, was ihr zuerst entgangen war: weder Brief noch Adresse waren von Richards Hand. Die Schriftzüge schienen ihr nicht fremd, sie mußte dieselben schon einmal gesehen haben. Mit erbleichenden Wangen und angehaltenem Atem las sie folgende seltsame Mitteilung: „Bridgeham, 9. August. Wertes Fräulein! Obschon wir einander nicht persönlich bekannt sind, muß ich doch den sehr ernsten Schritt tun. Ihnen über eine Angelegenheit zu schreiben, die für mich und wohl auch für Sie von tiefstem Interesse ist. Mein Bruder, Herr Richard Morgan, wohnt seit ferner Wreise von B.üssel in meinem Hause, und obschon er Ihrer nie bei mir erwähnte, habe ich doch auf Umwegen erfahren, daß Ihre gegenseitigen Beziehungen einst mehr als freundschaftlich waren. Mein Bruder ist von Natur so zurückhaltend, daß ich unmöglich mit ihm selbst über die Sache sprechen kann, obschon ich deutlich sehe, wie sehr ihn der Gedanke daran quält und martert. Ich fühle es deshalb als meine Pflicht, in Ihrem beiderseitigen Interesse Ihnen zu sagen, daß er alle Ursache dazu hat. Eine Heirat ohne Liebe ist für jede Frau ein beneidenswertes Los, und ich habe sichere Beweise, daß er Ihnen, wie auch einst seine Gefühle für Sie sein mochten, nicht mehr die Neigung entgegenbringen kann, ohne die eine glückliche Ehe nicht denkbar ist. Ob' verschiedene Gründe diese Aenderung seiner Gefühle verursachten, kann ich nicht sagen; aber einen Umstand darf ich nicht unerwähnt lassen. Ich selbst, sowie viele andere haben die Bemerkung gemacht, daß eine Dame in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, aus deren Besitzung nrem 381 — Bruder seit seiner Rückkehr beschäftigt ist, eine warme, lebhafte Neigung für ihn zeigt. Ich glaube fast, daß er diese Neigung erwidert, und seine Erklärung nur aufschiebt, weil er das Band noch nicht gelöst hat, das ihn an Sie bindet. Diese peinliche Aufgabe möchte ich hiermit zu erleichtern suchen. Ich bedauere unendlich, wenn ich Ihnen Schmerz bereiten muß. Wer ich denke sicher, daß seine eigenen Briefe Sie schon einigermaßen darauf vorbereitet haben. Ich hoffe zuversichtlich, daß Zeit und Entfernung Ihre Gefühle für ihn hinreichend beeinflußten, um Sie geneigt zu machen, auf Ihre Ansprüche zu verzichten. Möge die Zukunft sie reichlich dafür entschädigen, daß Sie ihm eine Heirat ermöglichen, die in jeder Hinsicht so außerordentlich passend für ihn ist. Mit der Bitte um gütige Antwort verbleibe ich, verehrtes Fräulein Ihre ergebene Jessie Wilson." Einige Minuten saß Aimee wie gelähmt. Die grausamen Worte verschwommen in entsetzlichem Wirrwarr vor ihren Augen. „Richard liebt sie nicht mehr! Gr wartete nur auf seine Befreiung von ihr, um einer anderen seine Neigung zu erklären!" Ihre ganze Seele bäumte sich gegen eine solche Möglichkeit auf. „Es ist eine Lüge, eine Lüge! Er kann nicht falsch sein, während ich ihm treu bleibe", rief es in ihr, und all ihre Liebe, all ihr Vertrauen wallten noch einmal leidenschaftlich in ihren: Herzen auf. Jede Fiber an ihr erzitterte in namenlosem Schrecken, und ein unsägliches Weh drückte sich in ihren feinen Zügen aus. Ein voriiberlaufendes Kind deutete mit dem Finger auf sie. „Mamsell ist krank", rief es seinen Kameraden zu und voll Angst davor, noch weitere Aufmerksamkeit zu erregen, erhob Aimee sich fast taumelnd und überlegte, wo sie sich vor der blenden Sonne und den neugierigen Augen der Menschen verbergen könne. (Fortsetzung folgt.) Erdbeeren. Von Schenk ling-Prsvöt. Tie Herrschaft Waldmeisters hat ihr Ende erreicht — einer lieblichen Fürstin bringen jetzt die bescheidenen Kinder des Waldes ihre Verehrung dar, urid nicht nur sie, auch wir Menschenkinder huldigen der anmutigen Waldfürstin, die aus ftischem, feingebildetem Blattwerk jedem Wanderer freundlich zunickt. Es ist die Walderdbeere. Auf schwankem, dünnem Stielchen hängt das rote Köpfchen, den Waldesduft mit seinem Aroma würzend. Und hat uns der Weg in einen Erdbeerschlag geführt, dann ftndet das Pflücken und Essen schier kein Ende, denn die Früchte sättigen nicht mehr, soviel man ihrer auch verzehren mag; die Schuld daran trägt nach der Legende ein habgieriges Kind. Mit dem Körbchen am Arm war es in den Wald gegangen, um die süßen Beeren zu pflücken, und bald konnte es den Heimweg antreten. Da begegnete ihm die Mutter Gottes und fragte, was es in dem Körbchen trage. „Nichts!" entgegnete das trotzige Kind. Ist es nichts, slo soll es Dir auch nicht genügen!" sagte die hohe Frau, und seitdem sättigen die Beeren nicht mehr. Der prächtige Schweizer Johann Peter Hebel hat denselben Gedanken in seinem Gedichte „Der Knabe im Erdbeerschlag" in poetischer Form dargestellt. Trotzdem rät der Volksmund den: Reitersmann, beim Erblicken dieser Frucht vom Pferde zu steigen, sie zu pflücken und zu verzehren, auch wenn er noch so große Eile habe. Aber eine Mutter, welcher der unerbittliche Tod ihr Liebstes genommen, soll vor Johanni Früchte nicht ge- nreßen, denn am Tage des Täufers werden die verstorbenen Kindlein von der heiligen Jungfrau in das Para- ^?.,.öum Erdbeerpflücken geführt, von welch süßer Be- schafügrnlg diejenigen ausgeschlossen sind, deren ge- naschrge Mutter den Verlockungen mcht zu widerstehen vermochte und den für die Kindlein bestimmten Anteil vorweg nahm. Aber nicht nur dem kleinen Volk und dem durstigen Wandersmann smd Erdbeeren eine Erquickung: ihr aro- matrscher Duft und erftischender Geschmack hat sie zur Zrerde selbst der vornehmsten Tafel werden lassen. Und ^lnge bevor gewöhnliche Erdenpilger im Walde die saftigen pflücken können. Prangen deren aristokratische Schwestern itt kostbaren Schalen in den Speisesalons der Vornehmen und können dort fast das ganze Jahr hindurch angetroffen werden. Bis vor etwa 25 Jahren waren die großen Gärtnereien an der Riviera die Lieferantinnen nicht nur der Schnittblumen für unsere kalter: Wintermonate, sondern auch die der Erdbeeren. So trieb z. B. eine der größten Gärtnereien in Antibes unter 2500 Quadratmeter Glas — um sich von der Witterung unabhängig zu machen — ca. 550 000 blühende Pflanzen und außerdem unter 1800 Quadratmeter Glasdach iÄdbeeren. Heute ist das anders geworden. Unsere Gärtner sind ihren ausländischen Kollegen nicht nur Konkurrente:: in der Lieferung eines duftigen Blumenflors für die kalte Jahreszeit geworden, sie haben sich auch auf Erdbeerkultur gelegt. Nach dem Gartenbaudirektor Göschke giebt es heute an eintausend Arten der Erdbeere, die unter allen Himmelsstrichen gezogen werden. Als dankbarste Erdbeersorte gilt gegenwärtig „Noble". Sie reist früh, anfangs Juni, und hat große, runde, schöne rote Früchte von angenehmem Geschmack. Bald nach „Noble" haben der „Alleinherrscher" und die längliche „La Constante" Vollreife erlangt und werden gern zum Einmacken benutzt. Die süßeste aller Arten ist „König Albert von Sachsen"; sie hat rosafarbene, alattrunde Früchte. Von angenehm säuerlichem Geschmack ist „Lucida Perfekta", die Ende Juli reift. Der „Zar^ mit seinen eiförmigen, lebhaft roten Früchten ist in russischen Hofkreisen geschätzt und wird zur unwirtlichen Jahreszeit mit Tausenden von Rubeln bezahlt. Auch für die Früchte „La France", „Bonne Bouche", „Comte de Paris", „Bijou" und „Napoleon III." wird manches Goldstück geopfert. Die englische Miß erquickt ihre five o'clock-Gäste mit „Wonderfull", „Prinz of Wales" oder „Latest off all". „Unser Fritz", „Deutscher Held", „Graf Moltke" giebt Dressel in Berlin zum Sekt, wie ein Wiener Kollege Sacher „Die schöne Wienerin" oder „Prinz Eugen" oder „Rothschild" dem sprudelnden Naß beifügt. Ein Dorado für Erdbeerenesser ist indes Süd-Kalifornien, und der Graf von Helfenstein, der gesagt haben soll, es sei gut, daß seine Güter nicht aus Erdbeeren beständen, sonst würde er sie alle aufessen, hätte gut getan, nicht zur Zeit der Bauernkriege, sondern in unseren Tagen dortlands gelebt zu haben. In San Francisko kann man jeden Tag frische Erdbeeren kaufen — und zu welchen Preisen! Um Weihnacht kostet ein Pfund dieser herrlichen Früchte 10 Cents, im Mai und Juni die Hälfte. An 200 Acres sind bei der Ortschaft Azusa mit Erdbeeren bepflanzt/ Die Ernte deckt selbstverständlich nicht nur den Bedarf für den Staat Karolina, sondern ein großer Teil wird nach den Zentral- und Oststaaten des Unionsgebietes ausgeführt. Auch in der Umgebung von Gardina, südlich von Los Angeles befinden sich ausgedehnte Erdbeerkulturen, die namentlich Newyork 'mit diesen Früchten versorgen. Der größte Züchter liefert allein den zehnten Teil aller Früchte und beschäftigt 10000 Pflücker. Mcht minder blüht die Erdbeertreiberei in Virginien. Die virginische Erdbeere wächst übrigens an den Niagarafällen in großen Mengen wild und wurde von dort nach England gebracht, ivo sie in der Grafschaft Kent eine zweite Heimat fand. Aus der Chile-Erdbeere wurde im Anfänge des 19. Jahrhunderts durch den Engländer Keen zu Jsleworth die erste Kreuzung gewonnen, welche die Grundlage aller heutigen Kreuzungsversuche wurde. Auch Deutschland hat ferne Erdbeerdistrikte. Eine der ältesten Kulturstätte!: sind die Bierlande, woselbst man namentlich die Moschus- oder Zimterdbeere züchtet. Diese „Vierländer Erdbeere", wie sie auch genannt wird, besitzt die Eigentümlichkeit, einhäusige Pflanzen zu treiben. Die fruchtbaren Stöcke haben unentwickelte Staubgefäße, während die unfruchtbaren, Caprons oder Böcke genant, entwickelte Staubgefäße besitzen und an einem schwarzen Fleck inmitten der Blüte kenntlich sind. Andere wichtige Erdbeerzüchtereien.giebt es in Erfurt, Stuttgart, Jena, Köthen. Das bedeutendste deutsche Erdbeerparadies ist aber die „Lößnitz", das sächsische Nizza, unterhalb Dresdens am rechten Elbufer. Hier iverden aus einem Areal von 900 Hektar nur Erdbeeren kultiviert; in der Hochsaison beträgt der Tagesumsatz 2000 Kilo. Ganze Waggonladungen dieser herrlichen Früchte gehen nach dem Norden, insbesondere nach Berlin. Diese Millionenstadt wird außerdem auch von Werder mit Erdbeeren reichlich versorgt. Seit 1853 kommen die Werder- schon Obstsendungen auf Schleppdampfern bis ins Herz Berlins. Erdbeeren und Süßkirschen eröffnen den Markt, darauf folgen Johannis-, Stachel- und Himbeeren. Ende Juli reiht sich die Sauerkirsche an; Aprikosen und Pfirsiche werden reif, schließlich auch Pflaumen und Aepfel. Vor den Toren der Riesenstadt hat sich aber noch eme zweite Kulturstätte der Erdbeere entwickelt: die Obstbau- Kolonie Eden. Unter Professor Klindworth, einem Freunde Richard Wagners, wurde der „Garten Eden" vor rund 10 Jahren als eine Niederlassung von Vegetariern gegründet. Heute nimmt die Genossenschaft auch Nichtvegetarier auf und zählt etwa 200 Seelen, die gewissermaßen einen kleinen Staat für sich bilden. „Jeder kann auf seiner Heimstätte den Gartenbau als edlen und gesunden Nebenberuf zur Ausgleichung seines meist einseitigen Broterwerbes ausüben", heißt es in einem Bericht über die bisherige Entwickelung der Kolonie, und das tut auch jeder nach Kräften. Im vergangenen Jahre hatte Eden eine Erdbeerernte von 60 Centnern, nachdem sie wiederholt Erdbeeressen und Erdbeerfeste angestellt hatte. Erdbeeren wirken aus unsere Gefamtblutmasse wie die säuerlich frischen O'bstarten: Sauerkirschen, Aepfel, Him-, Johannis- und Heidelbeeren. Sie kühlen und löschen den Durst. Durch diese kühlende Wirkung beruhigen sie das Gefäßsystem und regen die Eßlust an. Ihren Nährwert erhalten sie durch den Zuckergehalt. Die Zuckerstoffmengen der Vollreifen Erdbeeren sind abhängig vom Boden,' vom Licht und Schatten, von Lust und Regen. Durch Zucker- zufatz wird dre Erdbeere noch nahrhafter. Gewöhnlich enthält sie 4 bis 7,5 Prozent Zucker und gegen 2 Prozent Apfelsäure. In guten Jahren tritt die Säure mehr zurück und der Zuckergehalt nimmt zu. Die gewürzhafte WE- erdbeere enthält 5 vis 6 Prozent Zucker. Allein genossen vermögen Erdbeeren einen Menschen nicht zu ernähren, llm fünf Pfund Kartoffeln auszugleichen,wären 12 Pfund Erdbeeren nötig; ein Ei (zu 45 Gramm gerechnet), welches etwa 3 Gramm Protein, d. h. wirklichen Nahrungsstoff enthält, ivöre durch 970 Gramm Erdbeeren zu ersetzen. Wegen ihres Säuregehaltes befördern die Erdbeeren die Absonderung im Nahrungs- bez. Berdauungskanal und sind deshalb vollsaftigen, zu Schlagflüssen geeigneten und gichtbehafteten Leuten zu empfehlen. Rein genossen sind die Erdbeeren selbst für die meisten Kranken eine gesunde Speise. Französische Aerzte verordneten Napoleon HL, als er wegen fehtev Gicht zur Kur in Vichy weilte, den Genuß von Erdbeeren für Gicht und Podagra. Auch Linne bediente sich gegen die Gicht mit Nutzen der Erdbeeren. Er sagt von diesen: „Sie lösen den Weinstein (Zahnstein) der Zähne so bedeutend auf, daß innerhalb 14 Tagen die Zähne von ihrer Kruste vollständig befreit waren." Gegen die Gicht wurden die Erdbeeren übrigens schon in alter Zeit genossen. Homer, Virgil, Plinius erwähnen schon ihrer. Geßner empfiehlt die Erdbeeren bei! Nervenleiden und Steinschmerzen. Die alten Berichte äußern sich alle dahin, daß die Erdbeeren „kühlen und trucknen". Matthioli sagt schon vor mehr als 300 Jahren: „Erdbeerenkraut gesotten und davon getrunken, stopft die Bauchruhr. Alle Hitze im Leibe wird von ö'en Erdbeeren und dem aus ihnen gebrannten Wasser gelöscht. Das Wasser macht lind und luftig um die Brust, zerteilt die hitzige Gelbsucht und macht frisches Geblüt. Es dient deshalb auch, besonders bei Mädchen und Frauen, gegen die hitzige Röte im Gesicht, so von scharfem Blut herkommt." Die Bewohner des hohen Nordens, denen das Kräutlein keine reifen Beeren, sondern nur sparsame Blüten bietet, bereiten aus den jungen Blüten einen Tee, den sie gegen Gicht und Rheumatismus trinken. Auch bei uns machen die Landleute bei einseitigen Gesichtsschmerzen Umschläge von getrockneten oder frischen Erd- beerblättern. Die jungen Blätter geben übrigens auch einen angenehm schmeckenden und riechenden heilkräftigen Tee. Tie jungen grünen Blätter werden grob zerschnitten, zwischen den Händen gerollt und auf einem warmen Eisen- blech getrocknet. Auf manche Personen wirken aber die Erdbeeren eigenartig. Sie bekommen nach dem Genüsse rotblaufarbigen, juckenden Hautausschlag, besonders im Gesicht, ein etwas unangenehmes, aber belangloses und (unschädliches Uebel. Dieser nesselartige Ausschlag wird verursacht durch ein in dem lieblichen Pflänzchen enthaltenes Gift, das Fragorionin, welches dem Chinin verwandt zu fein scheint. Vesmischter. * Die Zivilgarderob e des Kaisers. Von jeher haben die preußischen Könige in ihrer Kleidung den Soldatenrock bevorzugt. Der Ausdruck „des Königs-Rock" ist daher wohl auch direkt in den Sprachschatz des Volkes' übergegangen : man kann sich den preußischen Monarchen und den Deutschen Kaiser nicht gut anders als in Uniformj vorstellen. Schon der alte Kaiser trug nur Zivilkleidung^ wenn eD sich zu seiner Erholung in Ems oder Gastein aufhielt. Aehnlich hält es unser jetziger Kaiser, der auch nur im Auslände oder zu Sportzwecken Zivilkleidung benutzt. Der Etat für seine Zivilgarderobe ist infolgedessen auch viel geringfügiger als die Aufwendungen, die für die Instandhaltung und Neubeschaffung von militärischen Ausrüstungs-Gegenständen in Garderobestücken gemacht werden müssen. Wenn der Kaiser dem Lawn-Tennisspiel im Park von Monbijou obliegt, trägt er einen weißen- oder gestreiften wetten Flanellanzug, über den er allerdings beim Verlassen des Gebäudes einen weiten Militärmantel anlegt. Auch auf den Nordlandreisen trägt der Monarch Zivilkleider, meist bräunliche oder hellgraue Sacco-Anzüge. Während der Kieler Woche trägt er die Vereinskleidung des Kaiserlichen Jacht-Klubs, ein zweireihiges, marineblaues Jackett, Seemannsmütze und weiße BeinKeider. Selbst für Jagdzwecke besteht an unsermi Hofe die sogenannte „Walduniform", die ja aus vielenl Abbildungen bekannt ist. „Bürgerlich gesellschaftlich"^ wenn man so sagen darf, ist der Kaiser eigentlich nur. bei seinen Besuchen am englischen Königshose gekleidet, wo Uniformen nur bei offiziellen militärischen Festen und Paraden angelegt werden. Hier ist wahrscheinlich die einzige Gelegenheit, wo man den Kaiser im Frack oder Smoking sehen könnte. Uebrigens wird jetzt im Gegensatz zu früheren Zeiten der Bedarf für die kaiserliche Zivil-Gar- oerobe ausschließlich in Deutschland gedeckt, und es ist wohl selbstverständlich, daß alle Bekleidungsstücke mit großer Sorgfalt hergestellt werden. Anzüge und Mäntel) werden meist in Berlin verfertigt; Hüte, Schuhe und Stiefel, Krawatten usw. bezieht der Kaiser -um größtes Teil aus Potsdam. Daß er bei seiner vielseitigen Tätigkeit nicht viel Zeit für „Anproben" übrig hat, ist wohl! erklärlich — nur einmal im Jahre läßt er sich für seine Kleidungsstücke Mstß nehmen, und die dazu befohlenen Geschäftsinhaber sind dann immer für die nächsten zwölf Monat« für die alleinige Lieferung bestimmt. Häufig wird ihnen aber nur ein älteres, passendes Kleidungsstück übergeben, nach dem sie die Maße des Kaisers feststellen können. Der Monarch läßt nie anprobieren, die Kleidungsstücke müssen auch ohne Anprobe einen tadellosen Sitz haben. _____________ Literarisches. — Die Zeitschrift „Dies B l a t t g e h ö r t d e r H a u s- frau!" (Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin SW. 13, Neuenburgerstr. 14 a) berücksichtigt immer den eigentlichen Beruf der Frau, sucht in seinen Leserinnen die Ueberzeug- ung von der hohen Bedeutung und dem tiefen Ernste dieses Berufs zu wecken und zu nähren und ist bemüht, der Mutter, der Gattin, der Hausfrau bet den alltäglichen Sorgen und Arbeiten mit Rat zur Seite zu stehen. 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