Nr. 81. 1903. Mittwoch dm 3. Juni. SZ I I'-WM GMU» MWM? ii MiM. Mm ÄG WW (Nachdruck verboten.) Die Annonce. Novelle von Thomas Glahn. (Fortsetzung.) WetteUmschweife begann er: „Erinnerst Tu Dich Unserer „Natürlich. In drei Wochen — jetzt also in vierzehn Tagen schreiben wir beide an die Damen, und wer das erste Rendezvous zngesagt erhält, bekommt vom andern em paar Flaschen Josephshöfer." .. r "Stimmt ganz genau, Sänstling! Ta, lies mal diesen Brief!" Er reichte ihm das Schreiben hin. Ter Assessor las: „Lieber „Taugenichts"! Es geht bergab mit mir. Mein ganzes Leben hab' ich die sentimentale,r Flötenbläser gehaßt, und nun rächt sich das Schicksal an mir: ich bin seit einigen Tagen selber sentimental. Und 'zwar nicht in dem leichten und billigen Sinne, sondern leider sehr kräftig und anhaltend. Später, wenn es so beschlossen ist, will ich Dir alles, was mich dazu treibt, erzählen. Heute sage ich nur das eine: ich bin m entern gräßlichen seelischen Dilemma, an dem der jüngste Spargel und die frischesten Krebse nichts ändern können. Ja — und höher kann ich nicht schwören — welches selbst Tetne Briefe nicht beseitigen. Mir eins hilft vielleicht: Tu selbst! Erschrick nicht, >,Taugenichts". Tn bist ein so herrliches Geschöpf mit Deiner frischen Lebenskraft, daß Du Dir selbst wohl schon gesagt hast, dieser bloße pseudonyme Briefverkehr kann nicht ewig dauern. Wir müssen uns einmal kennen lernen. In einigen Wochen hätt' ich Dich so wie so um eine Zusammenkunft gebeten. Ich bin kein Tintenfreund. Nrrn bedrückt mich etwas so sehr, daß ich Dich heut schon anflehe (an diesem Ausdruck wirst Tu mich schwerlich erkennen!), mir schon jetzt, sobald es nur angeht, die persönliche Borstellung zu gestatten. Jeder Ort, jede Zeit, jeder Tag ist mir recht. Es wäre kein Gefallen mehr, sondern eine Wohltat, wenn Du ja sagtest. Ich bitte recht, recht sehr darum. Sehr geknickt ,, , „ , , Medikus." Kurt Unruh hatte aufmerksam zu Ende gelesen. D 'Fas rst^die.Verabredung, Fred. Damit giebst XI* U Vv \Dvllv UU|« „Sn drei Teufels Namen - ja! Ich will sie sogar verloren haben und eine Flasche Sekt extra geben, wenn ich auf dresen Jammerbrief eine Antlvort kriege, wie ich sie wünsche." „Angenehm und gern acceptiertl Aber was ist denn los, was fehlt Dir denn? Und was willst Du denn vom „Taugenichts"?" Er seufzte. „Ich hab' mein Ehrenwort gegeben, Kurü. Wirst es früh genug erfahren. Uebrigens — ich sprach' „Ach, Tu warst da? Na, hab' ich meine Sache gut gemacht?" „Tanke! Zu Gegendiensten gern bereit."' Ter Assessor strich die drei Lanzenspitzen. „Notabene: nach meiner Auffassung verkennst Tu Resi- Empfiüden. Ich hatte nicht den Eindruck, als ob sie Dich sehr liebt." „Ich auch nicht", sagte Fred Richter trübe. „Dagegen hab' ich was anderes bemerkt", fuhr Kurt Unruh fort. „Tu weißt, daß ich Rest immer zu — zu nüchtern fand. Es war so ein Schlag, der nach meiner bisherigen Auffassung zu Dir paßte, nicht zu mir. Nun hab' ich erkannt, daß Tu doch recht hattest: Resi hat diese« tiefe, na, Fred: das himmelblaue Empfinden. Sre ist mir seit der letzten Unterredung sehr ans Herz gewachsen. Eine reiche, schöne Gefühlswelt liegt in ihr verborgen." Ter junge Arzt sperrte Mund nnd Nase auf. „Ta schlag doch gleich ein Donnerwetter 'rein! Bist aus dem Häuschen?" „Erlaube mal —!" „Na also, ich will Dir nur sagen, daß Du früher recht hattest: die Resi paßt zu mir, sie ist weder himmelblau, noch schwärmerisch, sondern praktisch, verständig, nüchtern — wie Du es nennst: mein Schlag. Bastas „Und ich erkläre Dir —" „Tu hast unrecht!" „Aber, lieber Fred, dieser Ton —!" „Also lassen wir das Streiten. Es ist gar zu dumm! so lange ich „grün" sage, sagst Tu „blau". Nun sag' ich blau, und anstatt Dich zu freuen, daß Du recht hattest, sagst Tu jetzt grün. Hm, lassen wir das Thema, sonst wird die Geschichte noch verivickelter. Wie weit bist Tu mit „Mola"?"- Ter Assessor war noch immer etwas beleidigt. „So weit wie Tu mit dem „Taugenichts", noch immer, lieber Wetter! Was Tu kannst, kann ich auch, und brauche nicht einmal so schweres Geschütz anfahren zu lassen." Fred Richter kniff das linke Auge zusammen. „Na, Sänftling!" „Schön, damit Tu es glaubst: ich werde gleichfalls heute cm „Wiola" schreiben. Dann wallen wir abwarten!" Als sich die beiden Freunde zwei Tage darauf beim Mittagessen im gewohnten Hotel trafen, hielt Fred Richter wortlos seinem Wetter einen Brief entgegen. Aber Kurt Unruh lächelte etwas ironisch, ließ den Kneifer fallen und holte aus der Brieftasche seines Ueberrockes einen ähnlichen Brief. „Wann?" fragte Fred lakonisch. „Tonnerstag sieben Uhr." „Also doch später. Ich Tonnerstag um Fünf. Und wo?" „Tiergartenstraße, Nähe Hildebrand tstraße." 322 „I ch Königin Augnsta-Straße, Kastanienallee." „Ich freu' mich riesig, Mensch. Weilchen im Knopfloch Ist das Erkennungszeichen. Natürlich: „Mola"! Es liegt Dieber ein tiefer Sinn darin!" „Ich hab' eine Gardenie", sagte der Arzt, „sie ist vielleicht sinnlos, aber praktischer. Sie leuchtet besser." Während die Suppe aufgetragen ward, räusperte sich hurt Unruh nochmals, brach ein Brötchen zwecklos in der Niitte durch, zerrte an seiner Serviette und meinte schließlich: „Wenn ich ganz ehrlich sein soll — so sehr ich den Donnerstag ersehne, ganz geheuer ist mir nicht. Mir bumpert das Herz ordentlich im Leibe. Eine so tief empfindende und bedeutende Dame, wie es ,Mola" nun doch einmal ist, muß auch gleich bedeutsam empfangen werden. Triviale Redensarten haben da keinen Kurswert." „Pah", erwiderte Fred, „das ist Nebensache. Zunächst hat man sich doch einmal mit seinem bürgerlichen Namen vorzustellen. Tas weitere findet sich schon. Aber denk mal: wenn ums da ein mordsgarstiges Frauenzimmer in die Arme läuft — brrr!" Ter Kellner brachte den Fisch. „Jedenfalls", fuhr Fred Richter fort, „machen wir's |t>, daß wir uns um Sieben oder Acht — denn allzulange wird Tein Rendezvous nicht dauern — in der kleinen Weinstube treffen. Tu weißt schon: an der Lützowstraße. Da kann jeder beichten. Mn ich glücklich und zufrieden, bezahl' ich den Wein." „Abgemacht. Aber Tu weißt, ich bin für Sekt. Be- stimmen wir also folgendes: der Josephshöfer wird halb vor Tir, halb von Dir getragen. Und wer befriedigt ist, hat Sekt zu geben." „Schön! Uebrigens: hier ist der Antwortbrief von „Taugenichts". „Und hier der von „Viola"!" „Verdammt kurz", sagte der Assessor kopfschüttelnd. „Und seltsam obendrein. Tas „Du" fehlt, der „Taugevichts" auch. Lies mal!" Ter Kneifer ward fester auf die Muse gedrückt. „Ter letzte Brief ist so merkwürdig dringend, daß er mich erschreckt hat, deshalb will ich das Rendezvous bewilligen. Donnerstag nachmittag fünf Uhr bin ich in der Kastanienallee, die der Königin Augusta-Straße gegenüber am Wasser entlang führt. Länger als eine Viertelstunde bin ich nicht abkömmlich. Als Erkennungszeichen bitte ich eine Gardenie im Knopfloch zu tragen. Ich werde eine Gardenie in der Hand haben." Die Vettern sahen sich an. „Der eigentliche „Taugenichts" fehlt mir in dem Brief", sagte Fred seufzend. „Na ja, es mag ihr auch bange genug fein. Und Dein Brief?" „Ist sto ähnlich. Brauchst ihn nicht erst zu lesen. Netürlich viel netter. Du, Fred —" „He?" „Wenn mich „Viola" wirklich enttäuschen sollte — seit ich Rest in ihrem innersten Wesen erkannt hab', bin ich viel ruhiger. Dann halt' ich mich eben an Rest und ver- Ke immer mehr zu wecken, was in ihr schlummert. Ein nn vermag da viel." Klirrend fiel Fred Richters Kompotlöffel auf den Glasteller. „So, so", sagte er, „Tu hast gute Vorsätze." Und mit grimmigem Galgenhumor hob er das Glas: „Also aus Frau Assessor „Viola" oder Resi Unruh!" 7. Kapitel. Ter Donnerstag war wunderschön. In Tausenden und Abertausenden, von weißen Kerzen blühten die Kastanien, die sich im Zuge der Königlin Augusta-^Straße am Wasser hinzogen. Bog man von der Potsdamer Brücke ab, so verlor sich das brausende Leben der Weltstadt immer mehr und man hatte nicht weit zu gehen, um an eine Stelle zu geraten, toi» man tote in einem wunderbaren alten Park nur einen halben Wald von grünen Kronen sah, die sich leise weigten und niederschauten auf das kühle Wasser. In dieser schönsten Allee Berlins sollte Fred Richter den „Taugenichts" erwarten. Als die Uhr der Matthäikirche drei Viertel nach Vier zeigte, war er schon auf dem Platze. Ruhelos, die Gardenie im Knopfloch, schritt er auf und ab. Ter Strohhut stand ihm gut, der Helle Anzug desgleichen. Er konnte wirklich Mit sich zufrieden sein. Aber auch er war merkwürdig erregt. Schließlich konnten die nächsten Minuten ja über ein Lebensschicksal entscheiden. Wie ein Falke blickte er also nach den Damen, die ihm entgegen kamen. Wenn die Gardenie nicht dabei war, atmete er ordentlich erleichtert auf und legte sich noch einmal die Begrüßung zurecht. Ten Hut sehr tief ziehen, sich vorstellen und den allerschönsten Tank dafür aussprechen, daß das gnädige Fräulein seinen heißen Wunsch erfüllt habe. Dann gab wohl ein Wort das andere und man fand sich in die eigenartige Situation. Es schlug langsam fünf Uhr. Plötzlich sah Fred Richter schärfer die Allee entlang. Auch dieses Pech noch! Gerade jetzt mußte Rest Bergmann, die wohl von Hedwig von Versen kam, ihm begegnen. Schauderhaft! Wenn nun in demselben Augenblick der „Taugenichts" auftauchte! Es ward ihm heiß durch den ganzen Körper. Jetzt hieß es Haltung bewahren und Geistesgegenwart zeigen. Er schlug also einen scharfen Schritt an. Resi Bergmann war bereits ziemlich nahe. Und mit Absicht rannte er beinahe an sie an. „Herrgott Tu! 'n Tag, Resi! Ja, wo kommst beim Du her?" Sie lächelte und gab ihm die Hand. „Tas kann ich Dich eher fragen, Fred. Hast Du jetzt nicht Sprechstunde?" Er wurde rot. „Wichtige Konferenz. Bin zu einem Schwerkranken gerufen. Professor Mnig — Assistenzarzt — schrecklicher Fall —" Man hörte zuletzt nur ein Murmeln. „Hab' also Rieseneile. Grüß recht schön zu Hause. Adieu, Resi." „Einen Augenblick, Fred", lächelte sie. „Sag mal, wie gefällt Dir eigentlich diese Blume?" Sie hatte die linke Hand halb hinter dem Rücken gehalten. Jetzt streckte sie ihm mit rascher Bewegung eine Gardenie hin. Er war völlig perplex und bekam einen ganz roten Kopf. „Was — ist denn das?" stammelte er, „wie kommst Tu denn — zu der Gardenie?" Und dann, sich zusammen- nehmend: „Uebrigens eine hübsche Blüte, wirklich. Hab' sie, wie Tu hier siehst, auch gern. Nun aber nochmals adieu. Verzeih mein Ungestüm." Sie schüttelte den Kopf. „Tu bist ein sonderbarer Mensch. Erst bittest Du himmelflehend in einem beinahe sentimentalen Brief um ein Zusammentreffen, und wenn man es dann aus Gnade und Barmherzigkeit gewährt, willst Tu durchaus zu einem Schwerkranken." „Wen hab' ich gebeten? Ich versteh' Dich nicht." „Dann kennst Du vielleicht diesen Brief?" Einen Moment war ihm, als bliebe das Herz stehen. Er konnte kaum Atem holen. „Wie kommst Tu zu diesem Brief, Resi?" fragte er mit einer Stimme, die durch die Erregung wunderlich gefärbt war. „Nur nicht die Ruhe verlieren, lieber Vetter. Der Brief ist an mich tote alle die ebenso adressierten vorhergehenden." „Ja, bin ich denn behext? Mn ich denn irrsinnig? . . . Tu bist der „Taugenichts" — Du?" „Ich habe die Verwegenheit", lachte sie. „Sv leid ejs mir tut. Dich so enttäuschen zu müssen." Tas Gehirn Fred Richters schien für die nächsten Augenblicke noch immer nicht normal funktionieren zu wollen. Seine ganze Initiative und Geistesgegenwart war zum Teufel. „Ist es denn möglich?" murmelte er. „Allmächtiger Himmel, ist denn das möglich?" Und plötzlich: „Resi, hab Mitleid! Wie hängt die Geschichte zusammen, wie kommst Du zu dem Briefe, was hat sich überhaupt zugetragen? Erklär' mir's oder ich — zweifle an meinem gesunden Verstände." (Fortsetzung folgt.) 323 Kinderspiel und Volksunterhaltnng. Bon Adele Schreiber-Berlin. Ein neuerwachtes Gewissen gegenüber den Rechten des Wndes, eine Anerkennung seiner Bedeutung, eine Schätzung seiner Individualität macht sich gegenwärtig fühlbar und Äußert sich in einein starken Willen, ein Reich des Kindes aufzubauen. In der Kunstwelt ertönt der Ruf: „Die Kunst dem Kinde!", und vor kurzem erst gab uns die anregende Ausstellung: „Die Kunst im Leben des Kindes" einen wertvollen Ueberblick der neuen Bewegung. Auch auf dem Gebiete der dramatischen Kunst ist man bemüht, durch Volksschüler-Vorstellungen schon auf das Kindesgemüt zu wirken, — neben all diesen Bemühungen aber klafft eine Lücke. Eine Bewegung zu ihrer Ausfüllung erscheint angesichts der proletarischen Jugend der Großstadt dringend nötig, das neue Schlagwort sollte lauten: „Das Spiel dem Kinde!" Man klagt über die Verrohung der Jugend und liest entsetzt von wilden, ungebärdigen Kinderspielen, bei denen schwere Verletzungen und Grausamkeiten mit unterlaufen, und man jammert allgemein: „Die Großstadtkinder wollen nicht mehr spielen." Die Wahrheit ist, daß sie nicht mehr spielen können, denn sie haben es verlernt. In den dumpfen, überfüllten Wohnungen, wo der harte Kampf um das tägliche Brot alles zurückdräugt, wo die Kinder, oft schon im zartesten Alter, vor und nach den Schulstunden miterwerben müssen, bleibt kein Raum zur Betätigung des kindlichen Spieltriebes, haben die Eltern nicht Zeit und frohe Stimmung genug, ihn zu fördern. Er bleibt bestenfalls aus die Gasse angewiesen, allen Gefahren, allen bösen Beispielen ausgesetzt, und Die Spiele, nie von einer liebenden Hand geleitet, arten dort allzuleicht in Roheit und Gemeinheit aus. Man hat Jugendhorte gegründet, ivo die Kinder sich in den schulfreien Stunden aufhalten können, inan hat in dankenswerter Weise einige Versuche mit Jugendspielen im Freien unternommen, in den Kindergärten nehmen systematische Spiele einen breiten Raum ein; dennoch wachsen in der Großstadt viele Tausend Kinder heran, die von wirklichen Spielen keine Ahnung haben. Die Volksunterhaltungsbewegung übt den Grundsatz, sich von der doktrinären Idee, das Volk müsse fort und fort erzogen und belehrt werden, freizuhalten, sie wünscht übermüdeten Menschen Unterhaltung zu geben, sie strebt danach, anständige Heiterkeit an die Stelle niedriger Genüsse zu setzen. Und so soll auch die Unterhaltung der Jugend nicht die Belehrung in den Vordergrund stellen. Es ist nicht stets am Platze, das Denken des Kindes zu uns Heraufziehen zu wollen; zuzeiten müssen wir hinabsteigen ins Land der Kinder, damit dem Kinde seine ureigene Welt bleibe. Die Kinderunterhaltungsbewegung darf sich daran genügen lassen, das Kind vor den Gefahren der Straße, vor Verwahrlosung und schlechtem Beispiel zu schützen, sie wird ihm dabei durch scheinbar zweckloses Spiel eine wertvollere innere Entwickelung geben, als es viel Wissensbalast vermag. Ein Verein für Kinder- unterhaltung würde eine segensreiche Tätigkeit entfalten können durch Schaffung beaufsichtigter Spielplätze für den Sommer, von Spielhallen für den Winter. Von allem, was dort unternommen würde, sollte das Schulmäßige ferngehalten werden, kein Zwang, keine Strafe dürfte in diesen Heimen der Erholung herrschen. Nach solchen Grundsätzen arbeitet seit Jahren die englische Institution der fröhlichen Abende. Sie hat ihren Hauptsitz in London, erstreckt sich aber auf viele Provinzstädte, wie Manchester, Leeds, Birmingham usw. In London allein unterhält sie in den verschiedenen Teilen der Stadt 50 Abteilungen. Ihr Zweck ist, den Kindern der Volksschulen frohe Abende zu bieten, nichts anderes! Das Programm, so einfach als möglich, besteht vor allem darin, den kleinen Gästen völlige Freiheit zu gewähren; 73 Schulgebäude stehen, nach dem Nachmittags^- unterricht ausreichend gelüstet, zur Verfügung. Es wird auch besonderer Wert darauf gelegt, daß die Kleinen sich sauber gewaschen und gekämmt einfinden. In der Halle werden sie von den freiwilligen Helferinnen, meist jungen Mädchen aus wohlhabenden Familien, zum Teil aber auch einstigen, nun ausgelernten Schülern dieser Gemeindeklassen, die den glücklichen Abenden eine warme Erinnerung bewahrt haben, empfangen. Fröhliche Musikklänge eröffnen mit einer Polonaise den Abend. Dann folgt freie Wahl der Spiele: „Wer will in die Puppenstube?" „Wer will malen?" „Wer will zur Märchenerzählerin, zu den Bausteinen und Zusammenlegspielen, zu den Rundgesängen und Bewegungsspielen usw.?" Da herrscht nichts von der steifen Scheu, die Kinder meist bei Einladungen an den Tag legen. Die Augen leuchten, blasse Bäckchen beginnen zu glühen, zutraulich und gesprächig sind die Kleinen in wenigen Minuten und sie lernen es rasch, unter bent Einfluß der Spielabende, sich auf manierliche Weise zu vergnügen. Das, was ihnen vorläufig nur einmal wöchentlich geboten wird, lebt in ihnen fort die übrigen Tage hindurch; sie erzählen es ihren Freunden, zeigen es den kleinen Geschwistern, ihre Gedanken erhalten eine heilsame, gesunde Richtung. Zwölftausend Kinder nehmen zurzeit in London an den Abenden teil, viel zu wenig freilich! Die Lehrerschaft petitioniert immer wieder bei dem Kvmitee um Einrichtung neuer Abteilungen, weil die Aussicht auf die Spielabende einen geradezu zauberhaften Einfluß aus das Betragen in der Klasse und die Regelmäßigkeit des Schulbesuches ausübt. Die Kosten sind relativ sehr gering, die Unterhaltung für 12 000 Kinder erfordert im Jahre etwa 6000 Mark; für 50 Pfennig pro Kind giebt es also 50 glückliche Abende' Die Organisation ist mit großem Geschick ins Leben gerufen. Die Schulräume stehen unentgeltlich zur Verfügung, ihre Reinigung kostet etwa 1500 Mark, Druckkosten und Porti etwa ebensoviel, 2000 Mark entfallen aus die Miete von Pianinos und die restlichen 1000 Mark auf Spielsachen. Die meisten Spielsachen werden geschenkt, für neue und alte Puppen, Malkästen und Bausteine, Schaukelpferde, Bilderbücher, auch für illustrierte Zeitungen zum Austuschen und Ausschneiden ist der Verein stets dankbar. Mit dem Ankleiden von Puppen für den Verein beschäftigen sich viele kleine und große Mädchen wohlhabender Familien in ihren Freistunden; zur größeren Aneiferung werden die geschenkten Puppen auf einer jährlichen Ausstellung, die gleichfalls wieder Geld einbringt, ausgestellt und die saubersten, besten Leistungen mit Auszeichnungen bedacht. Wahre Wunderwerke -liebevollen Fleißes kann man da sehen, mitunter Stücke, die in den ersten Kaufläden Aufsehen erregen würden. Daneben kommt freilich auch viel zerbrochenes und defektes Spielzeug zusammen, aber das tut der Fröhlichkeit keinen Abbruch. Mit einem großen Kasten trauriger Puppen-Jnvaliden, denen teils Arme, teils Beine, teils Köpfe fehlten, haben wir ärztliche Sprechstunde gespielt, und die Kinder unterhielten sich köstlich. Erwähnen möchte ich noch, daß die kleinen Mädchen sich eine ganze Anzahl von nützlichen Winken, die bei dieser Gelegenheit leicht mit einzuflechten waren, gemerkt haben. Sie mögen vielleicht dem wirklichen Baby zu Hause, das so ost der Obhut dieser 7-, 8-, 9 jährigen Mütterchen anvertraut wird, zugute gekommen sein. Im allgemeinen werden bei den Abenden keine Speisen verabfolgt, es sei denn, irgend ein Kinderfreund bereitet sich das Vergnügen, die Gesellschaft mit Kuchen, Obst, Limonade, Tee zu be- wirten. Bon Zeit zu Zeit finden auch künstlerische Veranstaltungen statt, Komiker. Bauchredner, Taschenspieler, Laterna magica-Demonstrationen, K'inematographen und Phonographen unterbrechen das Programm. Marionetteu- Theater und Dilettantenvorstellungen werden vorgeführt, eine Anzahl von Künstlern veranstaltet jedes Jahr heitere Freivorstellungen für die Schützlinge des Vereins. Leidenschaftlich gern üben die Kinder selbst die Einstudierung kleiner Stücke, Singspiele und dergleichen. Beim Spiel entwickelt sich das kindliche Gemüt, hier bietet sich reiche Gelegenheit, ohne Bevormundung einen günstigen Einfluß auszuüben. In seinen interessanten Vorträgen über Moralunterricht hat Dr. F. W. Förster betont, auf das Kind solle nicht dann eingewirkt werden, wenn es infolge eines begangenen Fehlers mißmutig und erregt ist, der Erwachsene selbst schwer feinen Aerger be- meistern kann; in glücklichen Augenblicken werde die Seele des Kindes zum Guten gelenkt. Das selbst frohe Kind getvinnt Sinn dafür, andere zu beglücken; wenn ihm geschenkt wird, ist es empfänglich für die Idee der Selbstlosigkeit anderen gegenüber. In großen und kleinen Ber- 324 HUtnissen, in Reichtum und Armut gefallen vor allem Keine Aufmerksamkeiten, die sich in einem lieben Gedenken, in einem hübschen Ginfall äußern. Es bedarf hierzu keines großen Aufwandes an Zeit und Geld. Manchen ist es angeboren, stets an das, was anderen Freude macht, zu denken, aber vielen kann es anerzogen werden. Marr sieht im Familienleben, wie oft selbst in schwierigsten Verhältnissen kleine Aufmerksamkeiten der einzelnen Mitglieder gegen einander traurige Tage freundlicher gestalten; auch rrach dieser Richtung hin wirken die Spielabende. Aus den zu ihrem Vergnügen ausgeschnittenen und getuschten oder gezeichneten Bildchen machen die Kinder zum Weihnachtssest Glückwunschkärtcheu. Und wenn diese wertlosen Stückchen Papier, sicherlich künstlerischen Anforderungen nicht entsprechend, von den Kindern mit Vorliebe anonym den Eltern oder Verwandten zugeschickt werden, bereiten sie dennoch mehr Freude, als die kostbaren gold- geräuderten Karten, die sich zum Feste auf den Tischen der Reichen häufen. Die Bilderbücher, die an den Abenden geklebt, die Papierblumeu, die angefertigt werden, wandern in die Spitäler und Siechenhäuser, und so lernen Arme ttnrfi 9Tt>rHipre erfreueit Noch eine wichtige Mission erfüllt sich von selbst aus den Spielabenden, eine günstige Beeinflussung der Eltern durch ihre Kinder. Oft sind es traurige Heime, aus denen die Kleinen stammen, Heime, in denen Unzucht, Brutalität und Gemeinheit herrschen, in denen von Mord und Totschlag als alltäglichen Dingen gesprochen wird, und doch sind besonders die Mütter zugänglich für die Lehren, die sie, halb unbewußt, durch ihre Kinder empfangen. Sie freuen sich, wenn ihre Kinder, die ehedem in sinnlosem Balgen und Schreien ihre Unterhaltung suchten, nunmehr wirklich spielen, tanzen und singen sehen. Fast jede der Helferinnen gewinnt bald ihre besonderen Lieblinge, um die sie sich auch außerhalb der Spielabende bekümmert, mit deren Familien sie in Verkehr tritt. Ganz besonders erwähnenswert ist der Einfluß der jungen Mädchen und Frauen auf die verwilderten Knaben der Gasse; ein Geist von Ritterlichkeit erwacht in ihnen, und wenn jemals in dem sogenannten „noisy-room", dem Saale, wo die lärmenden Spiele geübt werden, eine kleine Rebellion aus^- zubrechen droht, findet die Leiterin meist ihre beste Unterstützung an ein paar von den größeren Jungen, deren Autorität sofort Ruhe stiftet. Das Spiel ist für die harmonische Entwicklung des Kindes so unentbehrlich wie Essen und Schlaf. Jean Paul nennt das Spiel „die erste Poesie des Menschen". Dem Kinde das Spiel erhalten, heißt also, ihm Poesie, Schönheit, Kunst geben. Neben dem Satze: „Die Kunst dem Volke!" darf daher wohl der Wahlspruch, stehen: „Das Spiel dem Kinde". Genreinnütziges. Säuglingssterblichkeit. Nachahmung verdient eine Maßnahme, die der Regierungspräsident in Aachen zur Herabminderung der Säuglingssterblichkeit getroffen hat. Die Frauen aus dem Volke holen sich sehr oft über die Ernährung der Säuglinge Rat bei Hebammen. Die Hebammen haben auch sonst Gelegenheit, sich mit den Müttern zu besprechen. Das hat den Regierungspräsidenten veranlaßt, eine Verfügung an die Hebammen ergehen zu lassen, worin sie angewiesen werden, wie sie sich zu verhalten haben, wenn sie über die Ernährung der gesunden oder kranken Säuglinge befragt werden. Die Verfügung lautet: Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist es gelungen, die allgemeinen Gesundheitsverhältnisse wesentlich zu bessern: die Zahl der Todesfälle, die sogenannte Sterblichkeitsziffer, sinkt fast stetig, und die durch an- steckende Krankheiten verursachten Erkrankung^ und Todesfälle nehmen immer mehr ab, insbesondere auch z. B. die an Kindbettfieber. Nur ein Gebiet ist von dieser Besserung bisher ausgeschlossen geblieben: die Sterblichkeit der Kinder im Säuglingsalter. Zurzeit sterben von je 100 Neugeborenen in dem ersten Lebensjahre fast noch ebensoviel« wie vor 20 und mehr Jahren. Durch neuere Untersuchungen ist festgestellt, daß die Ursache der meisten im Säuglingsalter vorkommenden Todesfälle eine Erkrankung des Magens und Darmkanals ist, daß diese Erkrankung fast ausschließlich durch unrichtige Ernährung bedingt ist, daß alle diejenigen Kinder, welche mehrere Monate lang ausschließlich die Mutterbrust erhalten, dieser Gefahr fast gar nicht ausgesetzt sind, daß aber die Gefahr sofort, namentlich während der Sommermonate, außerordentlich steigt, wenn dem Kinde verdünnte Kuhmilch gegeben wird, und daß alle anderen Nahrungsmittel noch gefährlicher sind. Die Hebammen haben oft Gelegenheit^ den Müttern zu raten. Es ist bei der großen Kinder- sterblichkeit, tote sie namentlich auch im Regierungsbezirk Aachen herrscht, ihre Pflicht, diejenigen Ratschläge zu erteilen, die für Mutter und Kind am besten sind und die dem Volke eine große Zahl von Kindern erhalten können, deren Verlust bisher unvermeidlich schien. Im Anschluß an das Hebammenlehrbuch und um der Verantwortung willen, die die Hebammen in dieser Sache tragen, ordne ich hiermit folgendes an: 1) Die Hebammen haben in jedem Falle mit ernster Entschiedenheit darauf zu dringen^ daß die Mütter die Kinder so lange wie möglich, und, wenn es eben geht, mindestens 3 Monate lang ausschließlich! selbst stillen. 2) Kann die Wöchnerin anscheinend ihr totb‘ nichi selbst stillen, so hat sich die Hebamme eigener Ratschläge zu enthalten, sie hat vielmehr dahin zu wirken, daß ein Arzt zugezogen werde. 3) Stellen sich bei dem Kinde Verdauungsstörungen, insbesondere Erbrechen und Durchfall ein, oder tritt infolge mangelhafter Ernährung ein anhaltender Gewichtsverlust oder deutliche Abmagerung des Kindes ein, so hat die Hebamme sofort und mit aller Bestimmtheit darauf zu dringen, daß ein Arzt zitgezogen werde. 4) Kann die Mutter überhaupt nicht stillen, oder kann sie nicht genügend Milch geben, oder treten die vorstehend unter Ziffer 3 beschriebenen Erscheinungen von Abmagerung auf, und kann es die Hebamme dabei nicht durchsetzen, daß ein Arzt zugezogen wird, so soll sie ans!- schließlich gute, gekochte Kchmilch in entsprechender Ver- oünnuna als Nahrung für das Kind anordnen. Sie hak dabei die Mutter oder die Pflegerin des Kindes zu beraten, wie der Kochkessel, die Milchflaschen, und der Sauger nach jedesmaliger Benutzung gründlich gereinigt werden! müßen. 5) Die Behandlung kranker, rnsbesondere am Brechdurchfall erkrankter Kinder, darf die Hebamme niemals übernehmen, schon deshalb nicht, weil die Verantwortung, die sie damit auf sich nehmen würde, viel zu groß wäre. ___________ Literarischer. Die Wirren auf der Balkanhalbinsel, auf der bulgarische Agitatoren durch Dynamitsprengungen und 'Revolver- Attentate ihrem Volk die Vorherrschaft in Mace- donien erringen wollen, haben Professor Ludwig Pietschs veranlaßt, im Juniheft von Velhagen & Klasin gÄ Monatsheften, seine „Erlebnisse während der bulgarischen Ereignisse vom August bis September 1886" zu veröffentlichen. Der an dem Fürsten Alexander verübte Verrat wird immer ein tieftrauriges! Kapitel in der Geschichte Bulgariens bleiben. Aktuell is