Ar. 50. 1903. Freitag den 3. April, r,. (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Der Nachtwandelgedanke hatte ihm einigen Trost gebracht, und er war wegen Auskt irung des Geheimnisses ganz voller Hoffnung, als ein schwaches Geräusch vor seiner Tür ihn auffahren und horchen ließ. Er guckte hinaus auf den Absatz, doch war da niemand zu sehen. Er behielt gleiche wohl die Tür halb offen und lauerte. Einige Minuten darauf fühlte er einen Zug kalter Luft, der von dem Erdgeschoß des Hauses kam, und rasch, auf den Treppenabsatz hinausstürzend, befand er sich Nell selbst gegenüber, die die Treppe hinaufrannte. Wenn es nun nicht wegen des seltsamen Vorfalls der Nacht gewesen wäre, würde sich Clifford bei dieser frühen Begegnung nichts weiter gedacht haben. Man steht zeitig auf auf dem Lande, und Nell hatte, wie sie ihm selbst gesagt, abwechselnd mit der Magd das Meh zu besorgen. Auch würde die Tatsache, daß ein Fremder im Gasthofe wohnte, die Mühe, die sie sich gab, kein Geräusch zu machen, befriedigend erklärt haben. Das Herz aber voll der Todesangst eines notgedrungenen Verdachts konnte der junge Mann nicht umhin, zu bemerken, daß Nell erschrocken und schuldig aussah, daß die Farbe plötzlich aus ihren Wangen entwich und sie bei der Anstrengung, ihn zu begrüßen, stammelte: „Sie — o Sie stehen sehr zeitig auf. Ich — ich hätte — ja hätte nicht erwartet, Sie vor acht Uhr unten zu sehen —" brachte sie endlich hervor. Und als sie scheu zu ihm aufblickte, lag in ihren Augen eine so unverkennbare Aengstlichkeit, die ihn kurz und kalt antworten ließ, „Ich wurde gestört in der Nacht", sagte er steif, und vermied ebenso beharrlich ihre Augen, wie sie die seinen vermied. „Gestört?" rief Nell mit schwacher Stimme. , Httb dann sah sie ihm rasch ins Gesicht mit einem so forschenden, furchtsamen Blicke, daß Clifsords eigene Augen den ihren wider Wunsch und Willen mit dem Ausdruck des Argwohns begegneten. toctr e3' was Sie gestört hat?" fragte das Mädchen. . b"??^rüe. Gewiß, diese aufrichtige Besorgnis war bch Beweis von Unschuld, nicht von Schuld. Sicher würde ein Diev bereit $eft>efen feilt, zu einer cteläuficteit 3lebe einem Blicke übertriebenen Erstaunens. Er sah wieder weg, völlig unfähig, die Geschichte seines Abenteuers für sie zurechtzulegen. 1 ' „O, ich weiß nicht. Es war nichts, wie ich denke", entgegnete er verwirrt. Er fühlte, daß des Mädchens Augen auf ihm ruhten, er wollte ihnen aber nicht begegnen. Er mußte natürlich seinen Verlust zur Sprache bringen, doch sollte das bei ihrem Onkel, nicht bei ihr geschehen. „Wie werden Sie sich nun bis zum Frühstück die Zeit vertreiben?" fragte sie jetzt. „Wir haben keinen hübschen Garten, worin Sie über einen anmutigen Rasenplatz spazieren gehen und Rosen pflücken könnten. Wollen Sie hinaus über die Marsch gehen, um im Meere zu baden? Ich könnte Ihnen den Weg zur Fähre zeigen. Oder würde es nicht zu langweilig für Sie sein, es mit anzusehen, wenn wir die Kühe hinaus treib en?" Unschuld! Gewiß das war Unschuld! Clifford zögerttz nur einen Moment. In diesem Momente sagte er sich, daß er das Gefühl für das Mädchen besiegen müßte, daß er nicht Gefahr laufen wollte, noch mehr berückt zu werden, als er schon war. Aber im nächsten Augenblick siegte sie, und indem er herab in ihr schönes, liebliches Gesicht sah, war er bereit, zu glauben, daß ihn seine eigenen Sinne belogen hätten, daß die Hand, die ihn beraubt hatte, Nells Hand nicht sein konnte. So folgte er ihr denn hinaus in den frischen Morgen, die Riegel aufschieben und die Gatterstangen öffnen, um die Kühe zur Tageswanderung über die Marsch herauszu- lasfen, und beim Suchen nach Eiern, die warm in den Nestern des Hühnerstalles lagen. Lange vor der Frühstückszeit war das Ereignis der Nacht eine helbvergessenes schreckhaftes Traumbild geworden, und Clifford ergötzte sich ebensosehr, wie am vorigen Tage an Nells lebendigem, ungezwungenem Geplauder. Nur als ihre Hand die seine berührte, erinnerte er sich mit einem Schauer, daß es dieselbe Berührung war, die er in der Nacht gefühlt hatte, dieselbe zarte, weiche Haut, dieselben schlanken Finger, sodaß er sich noch vor seiner Begegnung mit dem Wirte gehalten fand, zu seiner alten Theorie zurückzukehren, daß Nell eine Nachtwand- lernt wäre. Es war ein unangenehmes Geschäft, George Claris mit seinem Verluste bekannt zu machen; doch es mußte geschehen. Und sobald er sein Frühstück genossen hatte, folgte Clifford dem Wirte vors §au§, wo dieser die Läden öffnete, und sagte ihm, daß er ihm etwas Unangenehmes zu berichten hätte. Der junge Mann bemerkte sofort an einem plötzlichen zu mürrischer Erwartung übergehenden Wechsel im Wesen des Wirtes, daß er nicht ganz unvorbereitet auf die Art der Geschichte wäre, die er vernehmen sollte. Er hörte mit Aufmerksamkeit die ganze Erzählung an und blickte nur auf, als Clifford beschrieb, wie er wirklich die Hand gefühlt hätte, als sie unter dem Kissen hervorgezogen worden wäre. „Sie fühlten die Hand, sagen Sie?" fuhr George Claris hier auf. „Warum dann in aller Welt hielten Sie sie nicht fest und riefen?" 198 — von keiner Art Nachtwandeln bei irgend einem Von fljinew gehört." „Bei keinem Ihrer Dienstl'eute, meinen Sie", fragte Clifford mit leichtem Nachdruck. „Ja, natürlich. Denn wahrhaftig, Mann, Sie werden doch gewiß nicht zu sagen wagen, daß meine Nichte, meine liebliche Nell, der Dieb wäre, der Ihr schmutziges Geld ge- stöhlen hat?" schrie der Wirt in plötzlichem Wutausbruch, der um so wilder war, als Clifford bemerken konnte, daß dieser schon früher derartiges Flüstern gehört haben mochte. „Hier, Nell, Nell, wo bist Du?" Und Cliffords zornige Einwände nicht beachtend, stürzte Claris ins Haus, und fast in die Arme der Nichte, die, schein--' bar nichts argwöhnend, bei dem Rufe ihres Namens schnell aus dem Garten hereingekommen war. „Was giebt es denn, Onkel?" Sie hatte noch immer den Hut auf, doch war er zurückgeschoben und ihr weiß und rotes Gesicht, von der gesunden Schärfe der frischen Morgenluft glühend, lächelte die er* hitzten und aufgeregten Gesichter der beiden Männer an. „Dieser Mann, dieser Gentleman da, sagt, daß Du ein Dieb bist, tnein Kind; sagt, daß Du vorige Nacht in sein Zimmer gekommen seist und ihm seine Uhr und sein Geld, gestohlen habest und daß er Deine Hand dabei auf frischer Tat ergriffen habe. Da, antworte ihm selbst, Mädchen. Sage ihm, was Du von einem Halunken denkst, der solche Lüge wie die von meiner herzigen Nell sagt!" Der Mann war aufs tiefste erregt und fast schluchzend vor Wut und Entrüstung. Was Clifford betraf, so verhielt er sich stumm; er konnte nur auf das Mädchen blicken, das, indem es dies anhörte, leichenblaß wurde und die Blüte seiner Schönheit vor Schrecken und heller Bestürzung zu verlieren schien. 4. Käpitel. >" Eine Entd eckun g. Trotz der Entrüstung und der inneren Selbstvorwürfe, die des Wirts grobe und grausame Rede in ihm hervor-, gerufen hatte, beobachtete Clifford das Mädchen genau, und war betroffen und erstaunt, zu bemerken, daß, während er und ihr Onkel sich in der Weißglühhitze der Aufregung befanden, sie eine merkwürdige Selbstbeherrschung an den Tag legte. Nach einer augenblicklichen Stille von ihrer Seite unterbrach sie Cliffords iÄitschuldigungen und Beteuerungen mit einer kleinen, empfindlrchen Bewegung der Hand. „Lassen Sie es genug sein mit Entschuldigungen", sagte sie kurz. „Lassen Sie vielmehr hören, was Sie zu sagen haben. Jetzt verstehe ich erst, was Sie mit Ihrem „Gestört worden sein" gemeint haben." Sie blickte aus den schäbigen Teppich des kleinen Wohnzimmers nieder und stand, die eine Hand auf den Tisch gestützt, mit halb abgewendetem Gesicht, mit der Miene gespannter Erwartung da. Es war augenscheinlich, daß sie nicht halb so hastig litt wie Clifford, dessen Stimme hecser und bebend war, als er antwortete: „Sie nehmen nicht an, und können nicht annehmen, daß ich Ihnen irgend etwas zur Last lege", sagte er, indem er vergeblich ihren Blicken zu begegnen suchte und selbst den voreingenommenen Augen des Onkels die Wahrheit seines Gefühls verriet. „Ich wurde gestört diese Nacht. Ich fand unter meinem Kopfkissen eine Hand. Ich ergriff die Hand, die meine Börse und meine Uhr umschloß. war eine weibliche Hand, klein und weich und schlank. So, das ist alles, was ich weist" „Aber Sie glauben, daß es genug ist, darauf zu fußen, wenn Sie meine Nichte des Diebstahls beschuldigen!" schrie Claris, wobei seine schwere Faust mit dumpfem Schall auf den Tisch niederfiel. „Still Onkel", sagte das Mädchen mit vollkommene« Ruhe. „Mr. King meinte das nicht. Ich bin dessen gewiß." Und zu des jungen Mannes innerster Erleichterung, und seine Dankbarkeit herausfordernd, sah sie ihm mik einem schwachen Lächeln gerade ins Gesucht- „Dank Ihnen, von ganzem Herzen Dank', sagte er Ijeifcr. Nell war noch sehr bleich, sie war aber ganz ruhig und gefaßt; und nach einer kurzen Pause, während der die beiden Männer sie beobachtet hatten, neugierig, was sie wohl Vorschlägen würde, setzK sie sich plötzlich auf einen Stuhl, stützte sich auf den Tisch in dem Bestreben, die Tat- Und trotzig, ungläubig, faßte der Mann mit seinem Voten, ehrlichen Gesicht, das voll von sinsterem Unwillen war, seinen Gast ins Auge. Clifford zögerte. Er hatte nichts über die Beschaffenheit dieser Hand gesagt, und er fing an, zu fühlen, daß 'fer lieber aller Aussicht aus Wiedererlangung der Uhr und des Geldes verlustig gehen, als, wie beschönigend auch immer, die furchtbare Anklage stellen möchte. „Es war, wissen Sie, nur eine kurze Berührung. Die Hand wurde in demselben Momente, da ich sie fühlte, auch schon wieder weggezogen." „Nun", murrte Claris, mit sichtbarem Argwohn auf seiner Seite, „mir scheint es höchst sonderbar, daß ein Mensch, der so etwas fühlte, nicht aufschreien sollte. Das erste, was ein Mann tun würde, wenn er nicht völlig ein Narr wäre, ist, aufzuspringen und dem Kerl nachzufetzen." „Ach so!" rief Clifford mit scharfer Betonung. George Claris sah ihn mit verstärktem Unwillen an. „Was wollen Sie damit sagen, Sir?" ! „Daß ich nicht sicher, nein, daß ich weit entfernt davon bin, sicher zu sein, daß der Eindringling ein Mann war." „Und wer glauben Sie denn, wer es war? Wer glauben Sie, war es, der Ihnen die Uhr und das Geld nahm? Sagen Sie's frei heraus, Sir. Heraus mit der Sprache, wenn Sie es wagen." Das Blut stieg Clifford zu Kopf. Des Mannes sicherer, trotziger Ton schien zu zeigen, daß er entweder von der Wahrheit etwas wußte, oder Furcht davor hatte. Wieder überkam den jungen Mann ein überwältigendes Gefühl von Scham, das rhn verhinderte, deutlicher zu werden. „Ich habe mich ausgesprochen", sagte er einfach. Einige Minuten lang standen die Männer sich still gegenüber, jeder fürchtend, zu viel zu sagen. Worauf Claris, so inster und zornig wie je, Clifford ein Zeichen gab, ihm n den Gasthof zu folgen. „Kommen Sie und sehen Sie sie an, sehen Sie sich alle an, besichtigen Sie alle, wenn's Ihnen beliebt", sagte er barsch. „Durchsuchen Sie dann das Haus, ob sich ein Weg darin zeigt, durch den jemand herein oder heraus gekommen sein könnte. Gehen Sie und sehen Sie selbst sage ich." Clifford folgte ihm schweigend in den kleinen Schenk- verschlag, ließ Claris sich zeigen, daß das Fenster noch verriegelt und augenscheinlich nicht berührt worden war. Und so untersuchten sie zusammen der Reihe nach die Fenster und Türen des ganzen Hauses; und Clifford erkannte, daß wenn Claris nicht selbst in heimlichem Einverständnis mit ihm gestanden hatte, kein Dieb während der Nacht von außen hatte hereinkommen können. Doch Clifford hatte auch, gar nicht einen Dieb von außen beargwöhnt. Was die Personen betraf, die die vorige Nacht im Hause geschlafen hatten, so gab George Claris ihre Zahl auf fünf an. Es waren: er selbst, seine Nichte, Clifford, die Magd, die Clifford am Schenktisch gesehen hatte, und die alte Nannie, eine Frau zwischen sechzig und siebzig Jahren, die in einer kleinen Stube schlief, die wenig mehr als eine kleine Speisekammer war, und im Erdgeschoß lag, weil die Frau zu schwach war, Treppen zu steigen. Clifford sprach mit der alten Frau ein Paar Worte, damit er Gelegenheit fände, ihre Hände prüfen zu könuen. Sie waren verwittert und dürr und grob von der Feldarbeit und in den Gelenken von der Gicht verschwollen. Zweifellos war es nicht die Hand der alten Nannie, die die Uhr und die Börse genommen hatte. Als er die Küche verliest wo er mit dem Wirt die Leute des Haushalts besichtigt hatte, folgte Clifford diesem wieder auf die Straße zurück vor dem Gasthause. „Nun", sagte Claris trotzig, „haben Sie jedes sterbliche Wesen gesehen, das vorige Nacht hier im Hause war? Welches von ihnen war es, das nach Ihrer Meinung die ßqchen genommen hat?" Clifford zögerte. „Ich habe eine Idee", sagte er, „und ich wünsche, daß Sie mich ruhig anhören; da sie, wenn sie richtig ist, Sie alle jedes Verdachtes enthebt, etwas Unehrliches begangen zu haben. Giebt es hier im Hause ein — ein t— eine Frau, die nachtwandelt?" „Nicht in der Leute Schlafzimmer, ihnen ihr Geld U» stehlen", antwortete Claris barsch. „Und ich habe 199 fache gut verbergen, baß sie ihre Glieder nicht so beherrschte Wie ihren Geist. „Lassen Sie uns überlegen", sagte sie. Und dann, noch ehe einer der andern gesprochen hatte, flog plötzlich über ihr Gesicht eine Art Krampf grausiger Erinnerung, als ob ein halbvergessenes Ereignis sich mit neuer Bedeutung ihrem Geist wieder vorstellte. Clifford sah, daß ihr ein Licht aus- aegangen war. Doch statt den beiden andern die Idee, die ihr durch den Sinn fuhr, worin sie auch immer bestand, mitzuteilen, erhob sie ganz plötzlich den Kopf und, Cliffords Augen mit einem durchdringenden Blicke begegnend, fragte sie: „Sie haben eine Idee, Sie haben einen Mrschlag zu machen. Was ist es?" Es war seltsam, daß der Mann getobt hatte, während das Mädchen sich zu besonnener Erörterung vorbereitete. Clifford setzte sich auf der anderen Seite des Tisches nieder, in dem Gefühl, hier eine Person vor sich zu haben, mit der er die Sache in aller Ruhe besprechen konnte. „Ich war neugierig", sagte er freundlich, „ob Sie jemals im Schlafe gewandelt sind? Ich weih, es scheint etwas Schändliches zu sein, Sie überhaupt mit der Sache in Verbindung zu bringen —" „Das reicht hin", sagte sie ernft „Ich bedarf deshalb keiner Entschuldigungen. Ich kann sehen, Mr. King, daß der bloße Gedanke Sie viel unglücklicher macht als mich." Die Tränen traten Clifford ins Auge. Jede Spur von Verdacht in Betreff ihrer Ehrlichkeit war schon lange unter dem Einfluß ihrer Aufrichtigkeit verschwunden. „Es ist überaus gut von Ihnen", sagte er dankbar. „Wie ich schon sagte, ist das Nachtwandeln hier die einzig mögliche Erklärung. Sie müssen von solchen Dingen gelesen haben. Sie müssen gehört haben, daß es jemanden möglich ist, Sachen im Schlaf zu nehmen und sie zu verstecken, ohne sich jemals dessen bewußt zu werden, was er getan hat." (Fortsetzung folgt.) Sverdrup auf der Polarochsenjagd?) Als ich mit dem Fernrohr das Terrain untersuchte, erblickte ich plötzlich weit draußen in der Ebene zwei schwarze Tiere. Sie sahen aus wie ein paar Leichenwagen- Pferde mit Decken, die beinahe bis an die Erde reichten. Ich hatte noch nie solche Tiere gesehen, sagte mir aber sofort, daß es Polarochsen sein müßten. Augenblicklich machte ich mich zur Jagd fertig. Es war mir ein seltsames Gefühl, diesen sagenhaften Tieren nachstellen zu können; sie waren mir völlig unbekannt, ich wußte nicht einmal, ob sie scheu waren. Vorsichtig stahl ich mich näher, aber unglücklicherweise drehte sich der Wind, und ehe ich mich dessen versah, hatten sie mich gewittert und waren weg. Als ich sie wieder erblickte, galoppierten sie auf den Sandrücken nach Süden. Ich eilte ihnen nach, so schnell ich konnte; doch die Tiere waren viel schneller, und der Abstand zwischen uns wurde immer größer. Ich wollte das Spiel dennoch nicht verloren geben, umsomehr, als ich den ganzen Tag vor mir hatte; so zog ich ihnen denn das Tal hinauf nach. Da schlugen die Tiere zu meinem Erstaunen den Weg in ein großes Gerölltal ein, das sich in dem Berge aufwärts zog und für Menschen beinahe ungangbar war. Darauf wäre kein anderer von all den Zweihufern, die ich kannte, verfallen, die Ziege ausgenommen, und ganz verdutzt blieb ich stehen. Dann aber kletterte ich ihnen nach, hatte jedoch sehr wenig Hoffnung, sie wiederzusehen. Etwas weiter oben im Tale verließen die Spuren den Talgrund und gingen direkt im Geröll aufwärts. Sollten sie wirklich versucht haben, auf diesem Wege auf das Plateau hmauf zu gelangen? Nein, dies war unmöglich, denn hier stand ja die schwarze Felswand lotrecht und unsteigbar für Mensch und Tier. Als ich mich an einer scharfen Ecke des Tales vorbeiarbeitete, sehe ich plötzlich oben auf einer steilen Berg- kuppe beide Tiere tn Schußweite stehen. Es war reiner Zufall, daß ich sie erblickte, denn die Kuppe hatte genau *) Aus: Sverdrup, Neue s Land. 2 reich illu- pnerte Bände, geb. 20 Mk. Erscheint zunächst in 36 Liefer» Ungen L 50 Pfg. Verlag von F, A. Brockhaus, Leipzig. dieselbe Färbe wie die Tiere und war im ganzen Tal Me einzige Stelle, die diese Farbe hatte. Der Polarochse deckt sich also mittelst der Farbe des Terrains auf dieselbe Weise wie das Schneehuhn im Sommer zwischen Wachholderbüschen und Steinen, und im Spätherbst, wenn es sein Kleid für den Winter gewechselt hat, zwischen den großen Schneeflecken. Hier war keine Zeit zu weiteren Gedanken. Ich stand in Schußweite und knallte gleich, los, erst auf das eine Tier und dann sofort auf das andere. Beide Tiere blieben stehen, ich war aber sicher, getroffen zu haben. Ich, gab ihnen noch eine Portton. Das erste machte ein paar Schritte und rollte dann von der Kuppe den steinigen Abhang herunter. Dem anderen ging es ebenso. Ich legte den Weg zu ihnen in kürzester Zeit zurück, da ich neugierig war, zu sehen, was ich denn eigentlich geschossen hatte. Da lagen beide Tiere mausetot. Ich brauchte sie nur ein bischen zu stoßen, so rollten sie auch; schon über die Geröllhalde, bis sie im Talgrunde aufschlugen und dort zwischen einigen großen Blöcken liegen. Es waren wirklich Polavochsen, große Tiere, ungefähr von der Größe unserer gewöhnlichen Ochsen und so schwer, daß es mehrerer Mann bedurft hätte, um sie fortzutragen. Ich mußte sie also da abziehen, wo sie zwischen den Steinen lagen, und hatte mit dem Abhäuten und Aus- weiden tüchtig zu tun; doch kam ich damit zu stände. Mit Beefsteakfletsch beladen und ganz erschöpft von der Jagd erreichte ich um acht Uhr abends das Lager. Als ich davor stand, sah ich unten in einem Flußtale einen Mann nach Wasser suchen. „Jetzt wirst du einen Bären spielen", dachte ich,, „und ihm einen Schreck einjagen." Ms ich aber bemerkte, daß. der Mann eine Flinte trug, war es mit den Bärengelüsten vorbei, und ich ging auf Menschenweise in das Lager hinein. Die Leute sahen an dem Beefsteakfleische sofort, daß ich Hochwild geschossen hatte, und fragten eifrig, was für ein Tier es gewesen sei. Ich murmelte etwas von Mammut, gab aber weiter keine Antwort; denn wir hatten ein für allemal ausgemacht, daß das Essen den Jagdgeschichten nndi Erzählen der Tagesereignisse vorgehen solle, da es das Wichtgste war. Das Mammutbeefsteak wurde im Handumdrehen gebraten, und dann wurde lange und gründlich gegessen; denn besseres Beefsteak hatten die Leute noch nicht verzehrt, und von dem Moschusgeschmacke, welcher der Dra- ditton nach dem Fleische der Polavochsen anhaften soll, ivar nicht das geringste zu verspüren. Als der Kaffee gettnnken und die Pfeifen augezündet waren, erzählte ich die Geschichte, und zwar so umständlich wie möglich, damit die Kameraden für eia anderes Mal genau wüßten, wie sich, der Polarochse im Freien benimmt. Es wurde spät, ehe wir an jenem Abende in die Schlafsäcke kamen. Ich möchte fast glauben, daß in dieser Nacht das Hochwildfieber uns allen das Blut erhitzt hat; denn sobald der Tag graute, waren alle Mann wieder auf den Beinen. Das Fleisch wurde ttotz des langen Weges geholt, und als wir müde und hungrig ins Lager zurückkamen, erteilte ich den Befehl, sofort frisches Fleisch mit Julienue- suppe zu kochen, oder „Julianesuppe", wie der Steward sie hartnäckig nannte. Aus Rücksicht auf ihn taufte Schei den Ort „Fort Juliane". vermischtes. Die Sprache der Geister. Das „Medium" Frau Rothe hatte nur einen geringen Vorrat von Geistern: Zwingli (wahrscheinlich mit Rücksicht auf den Besuch in Zürich), den „Geist eines alten Steinklopfers" und das „Medibumsel" Friedchen. Als der Minister und Generäl von Bischofswerder vor 100 Jahren dem Könige Friedrich Wilhelm II. im Belvedere in Charlottenburg Geister erscheinen ließ, an die auch Fragen gerichtet wurden, da waren es die Geister Marc Aurels, des Großen Kurfürsten und des Philosophen Leibniz. Es entstand nun die Frage, in welcher Sprache hat z. B. Marc Aurel, von dem man doch nicht gut verlangen kann, daß er deutsch im Jenseits gelernt habe, gesprochen? Hierüber gab, wie wir der „Voss. Ztg." entnehmen, in den siebziger Jahren Graf Pininstt, der Vorsitzende des Leipziger Spirittstenklubs, dem auch der phantastisch angehauchte Professor Zöllner angehörte, folgende Auskunft: „Die Geister sprechen nur in der Sprach-,. 200 Hammurabi. In dem großen Bibel-Babel-Briefe, Den geschrieben jüngst der deutsche Kaiser Stand fast jeder, der durch Geistestiefe Sich bewährt als Herrscher oder Weeser. Beifallschmunzelnd strich ich meinen Haby, Als ich diesen schönen Bries gelesen, Eines nur mißfiel mir: Hammurabi, Wer war dieser große Mann gewesen? Und ich ging zu meinem Freund, den Rabbi, Und ich bat ihn, daß er mir erkläre, Wer das sei, der große Hammurabr, Doch er sprach: „Ich hatte nicht dre Ehre. Und ich ging zu einem Manne, welcher babylonisch konnte, daß mir dieser löse Dieses Rätsel von dem Hammurabr, Doch auch er sprach: „Unbekannte Große." Schließlich eilte ich, schon etwas rabiat, zu einem jugendlichen Streber, Und der sagte: „Jener Hammurabi War ein syrischer Gesehegeber. In der Urzeit schrieb er einst in Lapidarschrift seine strengen Paragraphen!' --- Gott sei Dank! Nun kenn' ich Hammurabi, Endlich kann ich wieder ruhig schlafen! (Münchener Jugend.j Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.) Redaktion: August Götz. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch. und Cteindruckerei (Patsch Erben) in Giestm. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.t Leser, Leier, Leber, Leder. .. r- r. • o " Sofort meldete sich 1 Oktober 1855 geboren und hatte sich schon in seiner frühesten die ste bet Lebetten. gesprochen habenMAvhe? Jugend in den rauhen Bergen seiner norwegischen Heimat aeser Setzung, m ber, | Schneeläufer ausgebildet.. Schon als lOjühriger Junge Literarisches. Das soeben erschienene Aprilheft von Belhage« I & Klastngs Monatshefte« bringt wiederum eine Fülle I interessanter Beiträge: Der vielerfahrene Direktor des Ber- I littet Zoologischen Gartens Dr. L. Heck berichtet fesselnd I über „Steppe und St epp enwir ts ch a ft" an- I schließend an einen Besuch bei seinem Freunde Falz-Fem, I dem großen Meister der Landwirtschaft im südlichen Rußland. Vom Lebensgang und dem künstlerischen Schaffen Gabriel Seidls, des ausgezeichneten Münchener Baukünstlers, erzählt G. Engels: Dr. Julius Stinde plaudert allerliebst über die Blumenpflege ttt der Großstadt. Alle drei Artikel sind reich illustriert. In einem geistvoll geschriebenen, auf eingehenden Studien beruhenden Aufsatz „Amerikanische CH ar akter züg e" schildert Otto v. Gottberg die verschiedenen Typen der Amerikaner, wie sie sich unter dem Einfluß der verschiedenen Teile der Union entwickelten. Humorvoll beschreibt der bekannte Astronom Dr. Will). Meyer, durch welche Lebensschicksale nud Fügungen er zur Begründung der weltbe- ! rühmten Urania gelangte, während Dr. C. Storck über „Russische Musik" berichtet. Das Heft enthält die Fortsetzungen der großen Romane „Das offene Fenster" von Otto v. d. Pfordten und „Stumme Must- kanten" von L. Glaß und eine feine abgeschlossene Novelle „Geschenkter Wein" des allzufrüh verstorbenen rheinischen Poeten Ernst Muellenbach. Unter dem reichen, mit künstlerischem Verständnis gewählten Bilderschmuck ragen besonders einige Gemälde und Studien von Al. Er dtelt-München hervor, die ganz ausgezeichnet in den vollen Farben der Originale reproduziert sind. Erne überraschende Begegnung hatte Kapitän Sverdrup, wie er in der dritten Lieferung seines hochinteressanten Werkes „Neues Land" (Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig, 36 Lieferungen zu 50 Pfg.) erzählt, mit seinem Konkurrenten auf dem Gebiete der Polarforschung Leutnant Peary. Es scheint aber, daß dem Amerikaner der Wettbewerb des Norwegers nicht recht angenehm war. Kapitän Sverdrup war gewiß, neben Nansen, derjenige, der die meisten Chaneen hatte, daß seiner Energie die schwersten Aufgaben gelingen würden. Ueber den Lebensgang Sver- drups war bisher nichts bekannt. Ihm war es beschieden, Nansens Begleiter auf seinen zwei großen Polarreisen zu sein, und er war es, der das ihm anvertraute Schiff, die „Fram", trotz der ungeheuren Schwierigkeiten,, jedesmal wohlbehalten in die Heimat führte. Sverdrup ist am 31. d^«SM«g,m der ^SchnEÜser ausgebildet. Schon als lOjähriger Junge Fechte anwesend war, diese führte er wacker die Flinte. Mit 17 Jahren ging er zur See, Mfd..erklärte: „Dre klasflschen Phckowgen begrüßte^ore,e £t 1878 baS Steuermannsexamen ab und fuhr Erklärung.mrt ^ude, denn, d f P. Alisar zu mehrere Jahre als Steuermann. Aus einem norwegischen fet. c.tn ßfn^toärebeS ein Leichtes klassischem Griechisch Schoner erlitt er einst an der schottischen Küste Schiffbruch d« Streitfragen gM. * » W w- zustellen, welche Aufwendungen für die Versicherungsgesetze I Zaunes, den bei seiner überraschenden Heimkehr, nachdem seit dem Bestehen derselben gemacht sind. Nach zuver- I mit der „Fram" verschollen war, unser Kaiser lässiger Schätzung wird für die Arbeiterfursorge ttt Deutsch- I -n Anerkennung seiner großen Verdienste besonders aus-, land etwa eine Million Mark tägltch ausgegeben. Aus den ,ei(Intete. geben eine Probe aus einer der Lieferungen, Gebieten der Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung I QU- iye(cßer unsere Leser erkennen werden, daß „Neues sind seit Einführung der betreffenden Gesetze brs Ende £(mb„ to eigenartiges Werk ist, dessen Lektüre sich lohnt, vorigeit Jahres für 50 Millionen Personen - einschließlich _ feine Abenteuer und Jagdbilder, sowie durch dtü der Angehörigen — 3 Milliarden Mark verausgabt. Re- Schilderung des Lebens im Reiche des ewigen Eises fesselt gierungsrat Klein vom Versicherungsamt hat festgestellt, ^jeben Schöne Photographien beleben die Erzählung, daß die Unfallversicherung allein ttt den letztverflossenen ™. * s^hen bett folgenden Lieferungen mit Spannung ent* 15 Jahren 605 Millionen den versicherten Arbeitern un- I yttb fönnen unseren Lesern den Erwerb des Werkes mittelbar zugeführt. Die Gesamtausgaben der Unfallver- I treues Land" nur warm empfehlen. sicherung beliefen sich auf 7321/g Millionen Mark, bte von den Arbeitgebern allein aufgebracht wurden. TW