1903. ittwoch den 2. Jezemöer. U W (Nachdruck verboten.) Gin Wädchenschiciisaf. Frei nach dein Englischen von A. Wend t. (Fortsetzung.) „Wie konnten Sie so unvorsichtig sein! Es ist Tollheit! Sie sind ganz naß!" In ihrem betäubten Zustande wußte Jane kaum, was vorging, aber instinktiv versuchte sie, sich von ihm frei sind krank. Lassen Sie mich Sie zu einem Sitz fuhren und .Hilfe herbciholen. Die Aufregung war zu groß für Sie." a a Sic fing an zu verstehen und richtete sich mit Aiistreua- ung aus. 1 a „A'Ciitfe, ich bin nicht krank — mir war nur sehr warm — ich —" . 1 ' $ie Worte erstarben ihr int Munde, sie wandte sich ^P-„^kr junge Manu beobachtete sie mit tiefem Mit- gesuhl. Langsam, mit unsicheren Schritten ging sie nach dem Schulztmmer; er folgte ihr, er konnte sie nicht allein lassen,, in jedem Moment fürchtete er, daß sie falleii würde. Aber sie erreichte die 4-itr, öffnete sie und trat ein. Einen Augenbltcl zögerte er, daun folgte er ihr. Tas Feuer int Kamm war fast erloschen; das Gas brannte, war aber ntedergejchraubt und verbreitete nur ein trübes Licht: kaum konnte cf die znsammengesunkene Gestalt erkennen, welche dort gegen den Tisch lehnte. „Was wollem Ste?" fragte sie mit heiserem, gereiztem Tone., „Können Sie mir keine Ruhe lassen? Ich bin müde mtr ist nicht wohl — gehen Sie! Ich kann heute nicht mehr ertragen — ich kann nicht!" Zusammenbrechend sank sie in die Knie, ihr Kopf fiel auf ihreit Arm. 1 .*?*£*■ vicht belästigen", sagte er unsicher, „ich gehe sofort, aber ehe ich gehe, Jane, sagen Sie, daß Sie mtr ^verzeihen, ^ch wollte Sie nicht so schwer verletzen." be’J ^vpf und sah ihn vorwurfsvoll an. nicht? — Sie wußten, daß nrtr wehe tun wurden. Sie beabsichtigten es sogar! 0xelüi>,X” ^ären, wäre ich heute abend 'von der ^.ual verschont geblieben, die mich beinahe getötet hat. ?Een, Sre mich nicht in Ruhe lasseit, Sie sind ja glücklich jetzt, Sre haben mich genug für den Betrug gestraft, welcher nur nichts emgebracht hat." ,, Dunkle Schamröte bedeckte sein Gesicht: er fühlte das Unedle seines Betragens; in seinem eigenen Aerger und Schmerz hatte er ihren Kummer vergesseu, hatte sie unbegreifliche Qualen erdulden lassen. ' 1 „Vergib, o vergib mir, Jane!" bat er wieder Es war mein eigener, trüber Zustand, welcher mich so hart machte; mem eigener Schmerz verwundete Dich und machte Mich blmd. Jane, hast Du vergessen —" mit ausgestreckten Händen Und unendlicher Zärtlichkeit in den Augen, trat er naher — „hast Du vergessen, was wir eiitst hofften, eiitauder zu sein? Denkst Du, unser Zusammentreffen hat mich nicht geschmerzt? Jane, mein Liebling, hörst Tu? Jane, was t|t Aut?7' eie hatte sich langsam erhoben und zog sich von ihm zuruck, ihn mit entsetzten Blicken ansehend, die Hände weit vorgestreckt, wie nm ihn fern von sich zu tj alten. „Was ist Dir?" fuhr er fort. „Bist Du mir noch böse wegen der scharfen Worte von gestern? O Geliebte, vergib' mir! Sieh, ich war toll vor Aerger, Tu erschienst so un- berüyrt, und ich wollte eilt Gefühl für mich in Dir er- wecken, selbst wenn es Haß wäre. Aber Du willst mich nicht hassen, mein Lieb!" rief er leidenschaftlich, sie in seine Arme safseud und zärtlich in ihr trauriges, flehendes Ge- Ncht schauend. „Du wirst mir verzeihen; denn ich liebe Dich trotz alledem, liebe Dich unverändert, und nur die Tiefe meiner Liebe machte mich so hart und mitleidlos." „>khre Liebe?" wiederholte sie leise mit erschrecktem Lvne, ihre Hände heftig gegen seine Brust pressend, um ihn von sich fernzuhalteu, während ihr Herz zum Zerspringen klopfte, in einer wilden Freude, welcher sie beinahe erlag. ,,^a, meine Liebe, antwortete er mit leuchtenden Augen und einer tiefen Zärtlichkeit in feiner Stimme, indem er sie so fest an sich drückte, daß sie das heftige Klopfen seines Herzens an ihrer Schulter fühlte. „Ich habe Dich immer und immer geliebt, Jane, obgleich ich alles ver- iltaM Dem Bild aus meinem Herzen zu reißen; ich konnte es nicht, mein Lieb! Während des ganzen Jahres warst Du mem einziger Gedanke, und seit ich Dich hier tm Herbst sah, ist die ganze alte Liebe mit voller Macht zurückgekehrt." „Die alte Liebe!" wiederholte sie, ihre Augen groß und voll Angst und Entsetzen auf ihn gerichtet. Dann plötzlich durchschallte eilt lautes bitteres Lachen das stille Zimmer, welches ihm tief ins Herz schnitt. War sie deitu von Sinnen? Alices Bräutigam, in kurzem deren Gatte, war hier bei ihr, spräche zu ihr von Liebe, hielt sie in seinen Armen, sah auf sie nieder mit diefen Augen von Zärtlichkeit! Das war zuviel! Das Zimmer drehte sich rund herum, ein wildes Brausen und Rauschen tönte in ihren Ohren, das Sehen verging ihr vollstäiidig, und der schöne Mädchenkopf fiel schwer itnfc bewußtlos auf des jungen Mannes Brust. rv„„ „3aue, mein Liebling, sprich, sage ein einziges Wort ft flüsterte Sir Harry besorgt und zärtlich. Ter. Ton mehr als die Worte brächten das Müdche» zur Besinnung. Für einen Augenblick siegte ihre innige Liebe, und sie überließ sich dem großen Glück. Tann aber erinnerte sie sich der Wirklichkeit. Er war freilich zu ihr zuruckgekehrt, aber er war nicht frei, war Alices Bräutigam. Sie entwand sich seinen Armen, und indem sie ihn mit einem traurigen Blick betrachtete, sagte sie leise, aber klap — 714 fest: „Habe ich es wirklich um Sie verdient, daß Sie so gegen mich handeln? Vor langer Zeit habe ich Ihnen das Recht gegeben, mich zu beleidigen, aber ich glaube nicht, daß Sie eine Schmach wie diese mir zufügen würden." Verwundert, erschreckt starrte der junge Mann sie an, unfähig, auch nur die Hand nach ihr auszustrecken, um sie zurüüzuh alten, als sie sich der Tür ihres Zimmers näherte. „Erinnern Sie sich", fuhr sie mit bitterem Tone fort, „Sie sagten einst, es wäre der größte Wünsch Ihres Lebens, mich nie wiederzusehen. Nun, jetzt soll es mein stetes Gebet sein, Sie nie, niemals wiederzusehen, nie wieder den Ton Ihrer Stimme zu hören!" „Jane!" rief er leidenschaftlich, auf sie zutretend; aber sre entfernte sich und schloß die Tür hinter sich. „Jane, Jane!" rief er voll Verzweiflung; keine Antwort erfolgte. Unten tanzten die Gäste lustig weiter, die Musik tönte herauf, während hier zwei Menschenherzen miteinander rangen. Sir Harry lauschte, aber kein Laut drang zu ihm aus dem anderen Zimmer, alles war still. Am Fußboden lag eine rosa Bandschleife, welche Jane verloren, als sie aus dem Zimmer floh. Er nahm sie auf und barg sie auf seiner Brust. 13. Kapitel. Es war am Wend des nächsten Tages, als man Jane leblos in einer der Seitenalleen des Parkes auffand. Ter Weg wurde selten benutzt, und nur der Zufall hatte den Förster dort entlang geführt, wo er sie kalt und bleich, vom Schnee durchnäßt, am Boden liegend fand. Erschrocken nahm er sie auf seine Arme und trug sie leicht wie ein Kind ins, Haus. Schwer ruhte ihr Kopf an der Schulter des hilfreichen Mannes, die Augen waren geschlossen, und die langen, dunkeln Wimpern lagen tief auf den totenblassen Wangen. In der Halle hatte man Jane noch nicht vermißt. Der Herr und die Frau des Hauses mußten die Abschiedsbesuche ihrer Gäste empfangen und ihnen Lebewohl sagen, denn nur Mrs. und Miß Durham und Sir Harry blieben über Weihnachten, alle anderen reisten ab. Nachdem sich die Gäste verabschiedet hatten, folgte Alice ihrer Schwester in deren Boudoir und blieb daselbst längere Zeit allein mit ihr. Das Ende der Unterredung zwischen den beiden Schwestern war, daß Mrs. Thornton einen nervösen Anfall hatte, welcher sie ganz krank und elend und Alice sehr traurig machte, sodaß letztere nicht von ihrer Schwester Seite wich, ihr Stirn und Hände badete und ruhig und gelassen deren Vorwürfe mit anhörte. Erst gegen abend wurde die aufgeregte Dame etwas ruhiger, sie saß in einem Armstuhl in der Nähe des Ofens; eine Tasse starker Tee beruhigte und stärkte sie. Plötzlich wurde die Tür heftig geöffnet, und Herr Thornton erschien in derselben blaß und aufgeregt. „Hanna, Alice!" rief er hastig, „kommt um Himmels willen, kommt schnell und helft, ich glaube, das arme Kind stirbt!" Alice sprang sofort auf und rief: „Was gibt's? Ist eins von den Kindern verletzt oder krank?" „Nein, Miß Gratton!" antwortete er. Alice lief davon. Mrs. Thornton trank erst ihren Tee aus, ehe sie ihrer Schwester folgte. Sie hatte in ihrem Herzen kein sehr freundliches Gefühl für Jane in diesem Augenblick. Alices Erklärung hatte ihr die Augen geöffnet, sie sah einen Lieblingsplan gescheitert. Aber alle Bitterkeit cntschtvand, als sie in die Halle kam und Jane erblickte. Der große, gewölbte Raum war dunkel, eine kleine Stelle ausgenommen, wohin das Feuer seinen flackernden, roten Schein warf. Aengstliche Gesichter umgaben die eichene Bank, auf welche man das junge Mädchen gelegt hatte. Tus weiße Leinen des Kissens, auf welchem ihr Kopf ruhte, war nicht weißer, als ihr Gesicht, welches bleich, kalt, starr, still wie der Tod war, während ihr vom Schnee ganz durchnäßtes Haar dasselbe umrahmte. Mice kniete an ihrer „und. rieb die steifen, kleinen Hände, während die Haushälterin versuchte, etwas Wein zwischen die zusammen- gepreßten Lippen zu träufeln. ,, fragte Mrs. Thornton leise, angstvoll ihres Gatten Arm erfassend und voll Schreck und Mitleid auf das junge Mädchen blickend, welches noch gestern abend so froh, so voll Geist und Leben war. Laut aufstöhnend, erhob sich bei diesen Worten ein junger Mann von der Seite des Lagers, Janes Kopf, der auf seinem Arm ruhte, eüt wenig höher hebend „Ich will ein Bett zurechtmachen", flüsterte Mrs. Talton, die Haushälterin, je eher sie in ein Bett kommt, desto besser ist es für das arme Kind." Sie entfernte sich mit diesen Worten und überließ ihre Stelle Mrs. Thorntons Jungfer. Ein leises Zucken der Augenlider verriet den aufmerksam Beobachtenden die Rückkehr des Lebens; ein schmerzlicher Zug begann sich in dem blassen Antlitz zu zeigen. In diesem Moment meldete ein Diener, daß alles bereit wäre. Miß Gratton ins Bett zu bringen. Mr. Thornton trat vor. „Ich will sie hinauftragen", sagte er. Er hatte die Zeit über sich heftige Vorwürfe gemacht, daß er die Abwesenheit der jungen Gouvernante nicht beachtet, nicht früher bemerkt hatte. Sir Harry drängte ihn beiseite. „Nein, sagte er leise, „ich werde sie hinauftragen." Mr. Thornton stimmte ihm bei, und der junge Mann hob Jane auf seine Arme. Tie Veränderung der Lage brachte das junge Mädchen teilweise zur Besinnung; die schweren Lider hoben sich ein wenig, die großen, braunen Augen starrten ihn einen Augenblick bewußtlos an. „Jane", flüsterte er leise in ihr Ohr, „Jane, mein Liebling, kennst Tn mich?" Der Schatten eines schwachen Lächelns überflog ihr Antlitz, und ein träumerischer Ausdruck kam in ihre Augen. „Ja, ich kenne Dich", murmelte sie. „Du bist--" ein unverständliches Geflüster verlor sich zwischen ihren Lippen, die Lider sanken über die Augen, und der schöne Kopf fiel schwer auf Sir Harrys Schulter zurück. Schluß folgt. Eine Studienreise nach Wordostdeujschland. Bon Tr. K. in H. (Nachdruck verboten.) Am 27. August l. I. trat Herr Professor Tr. Sievers mit 11 Studenten die 5. geographische Unterrichtsreise der Universität Gießen an. Sie dauerte 17 Tage und richtete sich nach Ost- und Westpreußen, sowie Posen. Ihr Zweck war, die Geographie der preußischen Seenplatte, die Großstädte und Ordensburgen des Ostens, die Ostseeküste mit ihren Hassen, Nehrungen und Dünen an Ort und Stelle kennen zu lernen. Eine 21h4stündige Fahrt im Schnell-, resp. D-Zug, die nur durch einen Aufenthalt von P/2 Stunden in Berlin unterbrochen wurde, brachte die Teilnehmer über Frank- furli.'. . £)., Posen, Thorn und Allenstein am Abend des 2 8. August nach R 0 t f l t e ß, einem kleinen Torfe im mittleren Masuren. ■, Der erste Exkursionstag (2 9. August) führte nach kurzer Eisenbahnfahrt über Bischvfsburg zunächst nach Dombrowken. Von hier aus erfolgte ein dreistündiger Rundgang durch das typische Moränengebiet um Groß-Kam io nken, das für den Geographen und Geo- logen eine Menge Stoff zum Studium bot. Eine sehr gut ausgebildete_ Rundhöckerlandschaft, ausgedehnte Endmoränen in mächtiger Blockpackung, einzelne zungen- förmrg gestaltete, kleinere Seen u. a. m. waren Zeugen früherer Vergletscherung. Daneben boten die Gehöfte und Ortschaften, die durchwandert wurden, einen Einblick in die einfachen und bescheidenen Verhältnisse der masurischen Landbevölkerung. Ter Nachmittag brachte nach einer kurzen Eisenbahnfahrt über das schön gelegene Sens bürg eine Kahnpartie auf dem Murawasee und der Murawa bis Er ut in neu. Wenn die Fahrt auch durch den eingetretenen Regen sehr beeinträchtigt wurde, so zeigte es sich doch, daß man diese Partie mit Recht als eine der Glanznummern für Touren durch Masuren bezeichnen kann. Prachtvolle Baumbestände mit sehr hohen, üppigen Farnen äumten die Ufer ein und gaben in Verbindung mit den zahlreichen Schlingpflanzen dem Ganzen das Gepräge einer Tropenlandschast. Da der Regen auch für den übrrgen Tert des Tages nicht nachließ, war der dreistündige Marsch von Crutinnen nach Rudczanny, dem Ziel des ersten Tages, besonders anstrengend. Der vorgesehene Besuch des PHUipponenklosters, der Niederlassung einer russischen Sekte, mußte unterbleiben. Der 30. August, (Sonntag) wurde zum großen Teil 715 (von 6—V22 Uhr) durch eine recht bewegte Damp-ferfahrt über die großen ostpreußischen Seen ausgefüllt. Von Rud- czanny führte der Dampfer über einen Teil des Niedersees, bet! Löwent insee mit Lötzen, einem sehr schön gelegenen Städtchen Ostpreußens, und über den gewaltigen Mauerjee nach Angerburg. Schmale Kanäle verbanden die einzelnen Seen, von denen der Niedersee sich als der landschaftlich interessanteste zeigte. Einer der lang- samen oppreußischen Personenzüge brachte dann am Nach- nnltag die Exkursion nach Goldap, einer Kreisstadt mit 8400 Einwohnern, die mehr Leben zeigte, als die meisten oppreußischen Landstädtchen. Der riesig große Marktplatz in oer Mitte der Stadt, der auch für die meisten anderen Städtchen Ostpreußens charakteristisch ist, beweist, daß an den Markttagen die Bevölkerung aus der ganzen Umgegend in großer Zahl hier zusammenströmt und ihre Produkte ausbietet. In der Frühe des folgenden Tages (31. August) wurde mit zwei Wagen nach der Rominter Heide auf- gclrochen. Auf der großen Landstraße nach der Heide zu konnten nicht weniger als 80, zu dem Markte in Goldap eilende Fuhrwerke gezählt werden, die FeldfrücMe, Stroh, Vieh, ja kleinere Mengen Holz beförderten. Kurz nachdem das Goldapflüßchen überschritten und damit Litthauen betreten tvordetl war, erreichten die Fuhrwerke die Ro- ininter Heide, das iii jüngster Zeit besonders bekannt ge- wordeue Jagdrevier unseres Kaisers. Die Ronrinter Heide ist wie die Johannisburger keine Heide, sondern ein Wald, der sich aus Laub- und Nadelwald zusammensetzt. In seinen Beständen finden sich Fichten, Kiefern, Lärchen, Tannen, Birken, Eichen, Buchen, Espen, Eschen usw., ja auch Linden. Es fiel besonders eine ungepflegte Art des Waldes gegenüber den westdeutschen Wäldern auf. Nach einer dreistündigen Fahrt wurde die in einer Waldlichtung gelegene Ansiedlung Rominten oder Theerbude erreicht. Kurz vorher war ein von dein Kaiser errichteter Aussichtsturm, die „Königshöhe", bestiegen ivvrden, von dessen Spitze aus man einen schönen Rundblick über die riesige Waldmasse der Rominter Heide hatte. Nach Osten sah man in der Ferne die blendend weißen Häuser des russischen Ortes Wysz- tyten glänzen, wohin der Kaiser vor einigen Jahren nach einem Brande geritten war. Die Besichtigung des Rominter Jagdschlosses und der Hubertuskapelle, die beide in norwegischem Stil erbaut sind, war für alle Teilnehmer interessant. Bon dem Bahnhof Groß-Rominten gelangte nach einer längeren Eisenbahnfahrt die Exkursion nach Stallupönen und von da nach der preußischen Endstation Eydtkuhnen. Der kurze Aufenthalt hier getilgte, ben Grenzverkehr, die russischen Offiziere und Grenzsoldaten, die Sperrung der Uebergangsstraße, die eingehende Kontrolle usw. zu beobachten. Abends gegen 8 Uhr wurde nach mehrstündiger Bahnfahrt Tilsit erreicht. Vor Einbruch der Nacht kreuzte der Zug zwei alte Flußtäler, die stellenweise noch Sümpfe und kleinere Wasserläufe zeigten. Durch diese beiden Täler ergoß sich früher die Mtzmcl in den Prcgel, bis sie später nach dein Durchbruch durch einen westlich vorgelagerten Höhenrücken den jetzigen Weg zum kurischen Haff nahm. Der Bormittag des 1. September wurde, nachdem auf der Bürgermeisterei die Grenzscheine für einen späteren Uebergang über die russische Grenze ausgestellt worden waren, der Besichtigung der Stadt Tilsit gewidmet. Das Leben auf dem großen Bahnhof, in den Straßen, besonders aber auf dem Strom zeigte, daß Tilsit in einer gedeihlichen Entwicklung begriffen ist und mit seinen 40 000 Einwohnern tu der Reihe der ostpreußischen Städte den zweiten Platz einnimmt. Gegen 10 Uhr erfolgte die Weiterreise nach Memel hin. lieber Dämme und Biadukte führte die Eisen- Lr'L eine Stunde durch das Ueberschwemmuuas- geo.et der Memel, das hier eine außerordentliche Ausdehnung hat und gerade tu jenen Tagen zum größten Teil über- cs nun nordwärts ging, um so e^s^nnger und kahler wurde die Gegend. Blendend weiße Sandhugel mit kümmerlichem Baumwuchs deuteten auf die rmmittelbare Nähe der Küste hin. Gegen Mittag wurde Memel erreicht. Der Eindruck, den man beim Gang vom Bahnhof her zur Stadt erhielt, war kein besonders aün- $te Mwach belebten Straßen mit den einförmigen Hausern und den wenigen Läden zeigten, daß die Stadt in Rukland^^?^^^"^^^b still steht, wohl durch die Nähe Rußlands, das besonders seine Ostseehäfen zu kräftigen sucht und damit den Handel nach unseren Häfen lahm legt. Günstiger war der Eindruck, den der unmittelbar am Hafen gelegene Stadtteil machte. Am Nachmittag wurde noch von B a j o h r e n, dem letzten preußischen Grenzort nördlich von Memel aus die russische Grenze überschritten und dem russischen Dorfe Crottingen ein kurzer Besuch abgestattet. Ter Ort, welcher nach dreiviertelstündigem Marsch im Regen auf einem vollständig grundlosen Weg erreicht wurde, ist besonders von deutsch sprechenden Juden bewohnt. Mit Ausnahme der russischen Kirche, die in der Mitte des riesigen Marktplatzes mit ihren blauen und grünen Kuppeln recht malerisch aussah, machte das ganze Dorf einen solch schmutzigen und ärmlichen Eindruck, daß sich sämtliche Herren nach kurzer Umschau auf den Rückweg machten. Während die Kontrolle an der Grenze auf dem .Hinweg weniger streng erschien, wurde bei der Rückkehr jeder einzelne von dem diensttuenden Grenzoffizier besonders scharf ins Auge gefaßt. Ein Abendzug brachte die Exkursion von Bafohren nach Tilsit zurück. Am 2. September wurde schon um 6 Uhr der Dampfer „Cranz", welcher den Verkehr auf dem kurischen Haff zwischen Memel und Cranzbeek vermittelt, bestiegen. Während das Wetter an den vorhergehenden Tagen recht unbestimmt und unfreundlich gewesen war, brachte dieser Morgen zum erstenmal einen wolkenlosen Himmel. Nach der Ausfahrt aus dem Hafen wandten sich die Blicke aller der Nehrung, dem nächsten Ziel der Exkursion, zu. Es tauchten zunächst niedrige Sandhügel auf, die immer höher wurden und sich, je weiter die Fahrt südwärts ging, zur mächtigen Dünenkette entwickelten. Bei dem Fischerdorfe Nid den, das in der Mitte der Nehrung etwa liegt, ging es aus Land. ,Bon hier aus begann tilgt eine hochinteressante Fußwanderung durch die schönste Düneulandschaft, die Europa aufzuweisen hat. Nach Besteigung des Leuchtturmes oberhalb Nidden, der einen prächtigen Rundblick über See, Hass und Nehrung bot, ging es zwischen der Haupt- und Vordüne, streckenweise auch direkt am Ostseestrand vorwärts nach dem Fischerdorfe PillkopPen. Nach längerer Mittagspause führte von hier aus der Weg an der Steilseite einer etwa 60 Meter hohen Düne hinauf, au deren Festlegung durch Anpflanzung noch gearbeitet wurde. Nach, dem Referat eines der Mitglieder über Tünenbildung und -Bewegung und einer Erklärung der charakteristischen Erscheinungen derselben an Ort und Stelle wurde ein in der Nähe befindlicher, infolge Tünenwanderung freigelegter Friedhof besichtigt. Eine Menge umherliegender Schädel, Knochen, Sargnägel u. dgl. wies auf die frühere Bestimmung dieses Ortes hin. Auch die Gefährlichkeit des gefürchteten „Triebsandes" (durch Grundwasser angefeuchteter Dünensand) lernte einer der Herren besonders kennen, der in der breiartigen Sandmasse plötzlich bis an die Hüften einsank. Nur mit Mühe konnte er wieder aus seiner unangenehmen Lage befreit werden. Ein anstrengender Marsch von drei Stunden führte zwischen mächtigen Dünen hindurch nach Rossitten, dem Hauptvrt der kurischen Nehrung. Am Vormittag des 3. S e p t e m b e r nahm derDampfer „Cranz" die Exkursion wieder auf und brachte sie nach Cranzbeek, dem südlichsten Punkte der Nehrung. Nach kurzem Besuch der Ostseebäder Cranz und Rauschen begann von hier aus eine Wanderung entlang der s a m - lä ndischen Küste, die den Uebergang von Flach?- zur Steilküste und diese selbst in schönster Form zeigen sollte, Um 4 Uhr wurde in Rauschen aufgebrochen. Am Rande einer 60 bis 70 Meter hohen Steilküste, in die bisweilen mächtige Erosionstäler (u. a. die 70 Meter tiefe „Wolfsschlucht" unmittelbar vor Warnicken) eingeschnitten waren, zu Füßen der nur wenige Meter breite Strand, den die» brandende See malerisch abschloß, ging es nach Warnick en, wo die Ankunft in der Abenddämmerung erfolgte. Am 4. September führte diese hochinteressante Küstenwanderung um Brüst er ort, den äußersten Vorsprung Samlands, herum.- Hier wurde gerade an dem mäch?- tigen Steinwall gebaut, der die senkrecht aufsteigende Steilküste vor der zerstörenden Wirkung der brandenden See schützen soll. Eine steile Holztreppe führte hinauf zum Leuchtturm von Brüsterort. Nach- kurzer Rast begann ein anstrengender, mehrstündiger Marsch über das samländische Küstenland nach Süden zur „Annagrube" bei Palm- nicken, wo den Mitgliedern der Exkursion die Bernstein- Gewinnung und -Bearbeitung gezeigt wurden. Die Grube« 716 die sich direkt ain Ostseestrand befindet, wurde mit Erlaubnis der Direktion befahren. Hier konnte man sehen, wie der Bernstein üt der „blauen Erde" gesunden, zu tage gefördert und dann von der anhängenden Erde gereinigt wurde. In den nahen, großen Fabrikanlagen sah man, wie er sortiert, gemengt, gemahlen, erhitzt und in Formen gepreßt wurde. Am Abend erreichte die Exkursion nach anstrengender Tagestour das am Ausfluß des Frischen Haffs zur Ostsee schön gelegene Pillau. In der Abenddämmerung konnte noch der Hasen besichtigt werden, worin u. a. die mit vier mächtigen Schornsteinen versehene, sür die Fahrt von Warnemünde nach Gjedser bestimmte Dampffähre, sowie ein von der Schichauwerft kommendes Torpedoboot zu sehen waren. Schluß folgt. Ans dem KunstseKen. Unter den Briefen hervorragender Zeitgenossen an Franz Liszt, welche La Mara setzt im Verlag von Breitkopf und Härtel in Leipzig veröffentlicht hat, befindet sich nachstehende reizende Kuriosität, die als ein Zeichen, was dilettantische Unverfrorenheit mitunter dem Künstler zumutet, weiteren Kreisen kundgegeben zu werden verdient. Tie von unfreiwilliger Komik strotzende Zuschrift lautet: ,,Emmerich, den 21. November 1882. Sehr geehrter Herr! Ein Unbekannter wendet sich an Sie mit einer merk- würdigen Bitte! Ich suche nämlich einen Tonmeister, der mir die Musik zu einem meiner Gedichte komponiert; dasselbe ist sehr kurz, so daß Vieles, was nicht ausgesprochen ist, nur durch eine passende Musik zum Ausdruck gebracht werden kann. Leider ist es mir selbst nicht vergönnt gewesen, Unterricht im Klavierspiel zu erhalten, daher muß ich mich an Freunde wenden. Sollten Sie selbst nicht geneigt sein, meine Bitte zu erfüllen, aber doch finden, daß meine Worte der musikalischen Begleitung wert sind, würden Sie, verehrter Herr! dann vielleicht so freundlich sein, mir Jemanden zu neunen, der es wohl übernehmen würde? Tas Gedicht heißt: Nach des Geliebten Tode. Tas Mägdlein saß am blauen See Und schaute tief hinein!--- „O Gott! ich den Geliebten seh! — . Tort unten muß er sein."-- Sehnsuchtsvoll zog es sie hinab, Ach! in den kühlen See!!-- Tort unten fand sie wohl ihr Grab!? Darum wird mir so weh!! Obgleich ich selbst nicht weiß, inwiefern meine Anforderungen erfüllt werden können, so will ich doch in wenigen Worten andeuten, was durch Melodie und Musik lusgedrückt werden soll. Tas Vorspiel drückt zunächst wilde Trauer aus, den Tod des Geliebten darstellend; allmählich mildert sich die Musik, eine fanste Melancholie macht dem rasenden Schmerze Platz. Es werden dann die zwei ersten Zeilen gesungen; die zweite vielleicht in einer tieferen Tonreihe wiederholt, um die stille, tiefe Versenkung auszudrücken. Aus einmal sieht die Geliebte in einer Phantasievisiou im §ee das Bild des Geliebten und wird hinabgezogen. Der Komponist jedoch wird das besser wissen, wie Alles aus- gedrückt wird! Nach den Worten: „Darum wird mir s o weh", die vielleicht auch wiederholt werden könnten, ist die Musik oder vielmehr das Nachspiel auch stürmisch traurig,, mildert sich aber allmählich und erstirbt endlich ganz leise und sanft. In der Hoffnung, daß Sie mich verstanden haben und meine Bitte erfüllen können, verbleibe ich in ehrfurchtsvoller Bewunderung Ihr W. B. Sind Sie aber nicht im Stande, wollen Sie mir es nicht freundlichst mitteilen? Mit Ihrem Brief sende ich zugleich einen an den Maler Franz Defregger ab, mit der Bitte, mir ein Bild zu machen zu einem längeren Gedicht. Hoffentlich habe ich Erfolg." Vermachtes. * Ter Tamenliebling. Der Geiger Jan Kn- belik ist, wie ein Londoner Blatt schreibt, das Idol der Tamen aller Länder. Merkwürdigerweise hat seine Heirat keine abschreckende Wirkung auf seine Bewunderinuen ausgeübt; sie scheint sie vielmehr zu größerer Kühnheit an» gespornt zu haben. Kubelik äußerte, als er über dieses delikate Thema befragt wurde: „Tie Damen sind immer sehr gütig gegen mich gewesen. Es ist nicht alles, was die Zeitungen erzählt haben, ganz wahr; aber vieles ist auch geschehen, was nicht in den Zeitungen erzählt worden ist. Sie schicken Blumen, Ringe, Nadeln, Diamanten und viele Geschenke, und man muß immer wieder für die Damen spielen. Ich bin bekanntlich vom Lande, hatte sehr fleißig gelernt und sehr wenig von den Damen gesehen. Deshalb! war ich sehr verlegen, als ich zuerst begann; aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles, und es ist immer dasselbe. In allen Ländern sind sie gleich." „In welchem Lande sind sie am schlimmsten?" „Am schlimmsten!" sagte er tadelnd, „das will ich nicht sagen." „Nun denn, am dringendsten in ihren Aufmerksamkeiten?" „Ich denke, die Amerikanerinnen sind am mutigsten. Ja, in Brooklyn war ich am verlegensten. Ich hatte in dem Konzert viele Male gespielt, aber sie wollten mich nicht gehen lassen, drängten sich um mich und hielten mim fest, und als ich mich endlich frei machte, war mein Rock zerrissen, — ein großer Teil davon war fort. Ich weiß nicht, warum sie ihn nahmen. Aber er war zerrissen, und", fügte er bedauernd hinzu, „und es war noch dazu ein neuer Rock. . ." * Gr as und Schuhmacherstochter. Daß in unserer nüchternen Zeit, in der sich gar viele „auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege" die Mitgift und als Beigabe die Gattin suchen, die Ideale doch noch nicht ganz ausgestorben sind, beweist eine Meldung aus. Ungarn. Ein Sprößüng aus einem der ältesten iinb reichsten Adelsgeschlechter Ungarns, der in Wien wohnende Graf Stephan Gyulai, hat sich mit einer Schönheit aus dem Volke, Frl. Kolazia, der Tochter eines armen Schuhmachers in Hernals, ein Vorort von Wien, verlobt, und will schon in spätestens vierzehn Tagen Hochzeit feiern. Ter vor 17 Jahren verstorbene Vater des jungen Mannes galt als! Nabob unter dem ungarischen Adel. Er besaß ausgedehnte Besitzungen in Ungarn und der Lombardei, die nach seinem Tode auf seine drei Söhne übergingen. Weihnachts-sLttteraiur. Briese hervorragender Zeitgenossen an Franz Liszt. Nach den Handschriften herausgegeben von La Mara. 3. Band: 1836—1886. Neue Folge. XII,- 414 S. Oktav. Geh. 6 Mk. — Diese Briefe sind von musikgeschichtlicher Bedeutung, und vervollständigen das einzigartige Bild des Weltverkehrs des großen Musikers. Preisrätsel. (Nachdruck verboten.) Es sind 7 Wörter zu suchen von der Bedeutung unter a. Von jedem dieser Wörter ist ein anderes Hauvtivort zu bilden durch Voransetzung eines passenden Buchstabens. Die Bedeutung dieser Wörter ist unter b angegeben. Tie vorangesetzten Buchstaben, atso die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b ergeben im Zusammenhang den Titelhelden eines bekannten Dramas. b. 1. Himmelskörper 2. Quälende Empfindung 3. Bergwiese 4. Eßbarer Fisch 5. Jagdbares TiW 6. Blume 7. Schimpfwort kirchliches Fest Charaktereigenschaft Pflanzenteil sinnbildlicher Schnmck innerer Körperteil Charaktereigenschaft schmackhafte Auflösung des Homogramms in vor. Nr.. H K A A Herbst Krause A b u k i r A s s i n I • t e r i Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.