1903 Arettag den 2. Hktoöer. (Nachdruck verboten.) Wemidtzt» sm der Brekßse. Kon B. W. Ko ward. (Fortsetzung.) Thymerts einsames, klösterliches Leben hatte ihm nur wenig Gelegenheit geboten, mit Frauen in Verkehr zu treten. Gr sah Brigitte und die alten Fischweiber freilich oft genug, aber ihre Kleider und die weißen Hauben dünkten ihm der wesentlichste Unterschied zwischen ihnen und den hageren alten Seeleuten. Und nun stand hier dies junge Geschöpf vor ihm in all ihrem Liebreiz; die süßen blauen Augen zu ihm erhoben, schien sie um den Schutz, zu fleheu, den er ihr von Herzen gern gewähren wollte, dem kleinen Mädchen, das er noch auf den Armen gewiegt hatte, dem Kinde seiner seligen Base. Und sie wagten es, in ihrer glattzüngigen Gemeinheit sie roh- und wild zu schelten; sie wagten sogar mit grausamer Kaltblütigkeit ihren jugendlich zarten Leib wie ein Stück Ware zu Preisen Und zu besprechen. Sein Herz schlug schneller, er errötete beim bloßen Gedanken an diese Entweihung; er war bis ins Innerste von Weh und Mitleid bewegt. Wild? Jawohl, sie war wild, aber nur wie ein Vogel in der Luft. SonK war doch keine so rein itnb so brav wie Guenn! Welche unter allen Mädchen wäre wohl im stände, ihm so verständig, so bescheiden Rede zu stehen, wie Guenn? Nicht einmal die Tochter des Schultheißen, die doch in Quimper zur Schule gegangen! Quimper! eine plötzliche Erleuchtung schien über ihn zu kommen. Das wäre vielleicht ein Ausweg! „Sie will nicht!" kreischte Nannics Stimme von einem unter ihnen gelegenen Felsen herüber. Guenn lachte. Sie hatte bis jetzt ehrerbietig gewartet, daß monsieur fe recteur das Gespräch wieder aufnehmen werde, aber es schien, als habe ihr monsieur le recteur eigentlich gar nichts zu sagen. So begann sie denn freimütig, gleichsam erläuternd: „Heut ist einer von Nannics Tagen." „So?" „Jawohl, manchmal scheint es mir, als fliege seine Seele voraus, um alles Kommende zu sehen. Haben die Seelen denn Flügel, monsieur le recteur? Daß es Geister giebt, iveiß ja natürlich jedermann, ich möchte aber gern wr;sen, ob! (die Seelen uns vorauseilen können? Ich können?"^' i*® j® auS nach dem Tode wiederkehren Thymert dacht«' bei sich, daß seine eigene Seele in ui iett T®^" wchulM genug gewesen sei, um Guenns Behauptung zu bestätigen. War seine Seele nicht heute vor rhm nach dem Dorfe geeilt und hatte ihn dann uachgezogen? „Das sind Mysterien, tiefe Rätsel, mein liebes Kind"« erwiderte er ernsthaft. „Ist es denn eine Sünde, über Mysterien nachzudenken?" fragte Guenn betroffen. „Nannte ist doch auch ein Rätsel, und wenn inan ein Rätsel zum Bruder hat. muß man doch darüber nachsinnen? Meinen Sie nicht auch?" ~ ' „Wir dürfen wohl zu unserer Erbauung an die Mysterien denken, aber nie §it vorwitzig und zu sicher dabei sein", belehrte er in priesterlichem Don. „Auch die heiligen Väter in ihren Zellen haben solche Geheimnisse nicht durchschaut." Guenn war wie so viele aus ihrem Volk, bei Mein Aberglauben nicht gerade voll Ehrerbietung. „Ma foi", versetzte sie nachdenklich, „da hätte ich den heiligen Vätern meinen Nannte zum Studrum gewünscht, an dem hätten sie sich noch anders die Köpfe zerbrechen können, als über ihren Büchern." Uebermütig setzte sie hinzu: „Es hat auch einmal einen sehr bösen Mönch gegeben, der viele in Versuchung geführt hat, und deshalb zu Stein verwandelt wurde. Alain hat ihn bei Brest gesehen, auch Meurice; dort steht er und schaut über die Wogen, und wird da stehen bis zum jüngsten Tag." „Auch ich habe den steinernen Mönch gesehen", bestätigte der Pfarrer. „Also ist es wirklich wahr!" rief Guenn triumphierend. „Er soll ein Fischermädchen geliebt haben; das war eine schreckliche Sünde, nicht wahr, monsieur le recteur?" „Ja, das war eine Sünde, gewiß Guenn." „Und muß er nun ewig in der Hölle braten?" fragte sie mit sichtlicher Befriedigung. „Wer weiß?" entgegnete Thymert in müdem Ton; vielleicht ist es auch schon Strafe genug, wenn man zu Stein verwandelt wird." Er saß jetzt neben ihr nnd starrte wie traumverloren ins Weite. „Guenn", begann er dann nicht ohne Befangenheit, wie nach Worten suchend: „Man kann sich kaum vorstellen, daß Du nun beinahe siebzehn Jahre alt bist." „Nicht wahr?" stimmte sie freundlich bei und sah an ihrem zierlichen Figürchen hinunter. „Das kommt davon, weil ich so klein bin." Thymert gegenüber fühlte sie sich nicht gedrungen, zu versichern, daß sie lieber klein sei, er erweckte nicht ihren Widerspruch. „Ich bin aber stark, stärker als alle andern!" Noch immer erhob er den Blick nicht. Plötzlich fragte er ganz ohne Zusammenhang: „Wie würde es Dir gefallen,- nach Quimper in die Schule zu kommen?" Guenns kleine braune Hände sanken in den Schoß, sie. machte große Augen vor Erstaunen. „Ich? in die Schule wie die Demoiselles? Nein, monsieur le recteur, das würde mir ganz und gar nicht gefallen", rief sie mit Entschiedenheit. „Es ist ein sehr guter Ort für Mädchen", fuhr dep junge Mamr begütigend fort, „Sie. lernen dort, wie sie. 582 „Monsieur le recteur, schicken Sie mich nicht nach Qmm- per", flehte die frische, junge Stimme/„schicken Sie mich nicht fort, denn wenn sich auch Niemand etwas aus mir macht, ich könnte es nicht ertragen, ich würde sie alle so schrecklich vermissen. £)/ wie würde mir mein Plouvenec fehlen! Und die roten Segel auf der Bucht, die rauhen Stimmen in den Sturmnächten, und meine lieben, Wackern Seeleute, die alle so aut zu mir sind. O nein, ich kann nicht nach Quimper und dort unter oer Obhut der schwarzen Schwestern sittsam auf und ab gehen! Möchten Sie denn messen? „Meine arme kleine Guenn!" sagte der Pfarrer H Wie hätte er gewünscht, jetzt ein ehrwürdiger, alter Graubart zu sein, oder einer jener heiligen Eftgel, der dies heißblütige junge Kind in seinen himmlischen Schutz hätte Nehmen und sie lehren können, so klug und verständig zu sein, als sie aut und liebreizend war. Fast hätte er eine Frau sein mögen! „Meine arme kleine Guenn!" wiederholte er mitleidig. ; Erstaunt blickte sie zu ihm auf. „Und wenn Du nun morgen sterben solltest? Weißt Tu denn nicht, mein armes Kind, daß unsere Stelle immer wieder ausgefüllt werden kann, Deine wie meine? Die Welt könnte jct nicht bestehen, Ivmu v» muj» ।v iv^w, ।w weiß für jeden Menschen Ersatz, auch für den liebsten, den besten und anscheinend unersetzlichsten." „Das ist aber grausam", flüsterte sie leise. „Es ist eben wieder ein Geheimnis", versetzte der Sie senkte die Augen in stummer Mauer: „So ivürde mich also niemand vermissen, wenn ich fortginge, == wenn ich sterben müßte?" „Das habe ich nicht gesagt, Guenn." von den Schiffen und dem Leuchtturm fort? Könnten Sie wo anders atmen? Könnten Sie leben?" „Nein", sagte Thymert niit Bestimmtheit. „Sehen Sie wohl", schloß Guenn, „und ich,, ich würde ohne Nannic sterben, ich würde sterben, wenn ich das Meer nicht mehr sehen sollte." „Ich verlange es ja auch nicht von Dir, ich glaube selbst. Du würdest in einem Käfig verschmachten. Du hast nicht viel von einem Fräulein an Dir, Guenn", sagte er seufzend. „Nein", gestand sie freimütig, „warum also haben Sie mich nach Quimper schicken wollen?" Er zögerte. „Ich habe Dich nun seit so vielen Jahren hier Herumlaufen sehen, daß ich gar nicht gewahr worden bin, daß Du kein Kind mehr bist — und ich habe — ihr. versprochen, mein Bestes für Dich zu tun." „Tas haben Sie auch immer getan, nronsieur le recteur", rief Guenn, von warmer Dankbarkeit getrieben und griff nach des Priesters Hand, die sie so ehrerbietig mit den Lippen berührte, als sei er der grauhaarige Pfarrer von Plouvenec. Thymert errötete und trat hastig zurück. Stockend fuhr dann fort: „Ihr Kinder seid so weit entfernt, und ich als viel beschäftigter Priester — ich weiß nicht so recht, wie ich zu Dir sprechen soll, ein Mann versteht auch Euch Mädchen viel zu wenig! Mädchen müssen Mütter haben. Esi ist mein größter Kummer, daß Du keine Mutter hast, kleine Guenn, Du bist viel mehr allein wie die anderen Mädchen." Menn blickte jetzt ernstlich erstaunt in die Höhe, offenbar verstand sie nicht, was er meinte. „Habe ich etwas getan, das Ihnen mißfällt?" fragte sie beinahe demütig. „Monsieur Morot ist doch ganz zufrieden mit mir und sagt, daß ich immer tüchtiger werde." „Nein, nein, mein Kind! Tu hast nichts Böses geteilt", seine Stimme hatte einen unendlich zärtlichen Klang. „Du bist ein braves Mädchen, Guenn." — Sie läuft um Mitter- nacht so frei umher, wie bei hellem Tag, hatten die Fremden gesagt; und mit nervöser Haft flihr er sich durchs Haar. Ed kam sich so schrecklich hilflos vor: „Wenn aber der Tag herum ist und Tu gehst den alten, einsamen Weg heim, — das ist's, was ich meine." „Aber das habe ich ja gerade gern", rief Guenn lustig. „Wenu man gute Ohren hat, kann man da das Gras wachsen und die Bäume ausschlagen hören." „Aber dann — zu Hause — wenn Dich nur da jemand erwartete", beharrte der Priester. Kund sich bewegen sollen, sie lernen sticken. Sie gehen en sonnigen Gärten spazieren, sie spielen vierhändig auf dem Piano, auch sind die Schwestern da." Guenns Wangen färbten sich dunkler, der Seewind spielte in den krausen, kastanienbraunen Löckchen auf ihrer Stirn. Mit übernatürlicher Schnelligkeit klapperten ihre Stricknadeln. „Monsieur le recteur", begann sic erregt, und richtete sich kerzengerade auf. „Vielleicht entsinnen Sie sich, daß ich schon mit zwölf Jahren aus der Schule gekommen bin! Kann ich nicht laufen und mich bewegen, auch ohne die Schule in Quimper, soll ich mich am Gängelband führen lassen, wie ein kleines Kind? Sticken könnte ich auch in Plouvenec lernen, wenu ich nicht so viel anderes zu hm hätte." „Ich habe ja auch nur daran gedacht, weil ich meinte, Du würdest gern mit anderen Mädchen zusammen sein", suchte er sie zu begütigen. „Du lebst zu viel unter Männern, und die Frauen hier sind vielleicht noch — sorgloser als die Männer." Wie hatten die Fremden gesagt? „Sie ist ein Herz und eine Seele mit den Matrosen." Was war da eigentlich Gefährliches dabei? Nicht das Geringste — wenn Guenn nur nicht so schön und die Fremdlinge nicht so begehrlich wären. ' „Hättest Du nur Lust gehabt, nach Quimper zu gehen, so würde ich es schon irgendwie möglich gemacht haben, ich iveiß zivar nicht recht wie, denn mau verlangt dort einen hohen Preis, aber, wie gesagt, wenn Tu wolltest, Guenn", er schaute ihr sinnend in das trotzige Gesicht. „Monsieur he! recteur", sie hatte ihren alten übermütigen Ausdruck wiedergewonnen, „ivarum sollte ich denn ein Fräulein werden? Möchten Sie das wirklich? Ich Möchte es nicht, und was sollte wohl Nannic ohne mich .anfangen?" „Ich würde natürlich für ihn sorgen." „Und wie würde man hier wohl fertig iverden ohne inich?" fuhr sie eifrig fort. „Wer sollte Monsieur Mo- rots Aufträge so pünktlich ausführen, für ihn den besten Handel mit den heimkehrenden Booten abschließen? Wer könnte nach einem großen Fang die ganze Macht hindurch so wacker arbeiten und dabei die andern munter erhalten durch allerhand Späße. Wer, sagen Sie mir, wer?" 'In diesem Augenblick sah sie ihrem Vater ausfallend gleich, aber in ihrer unschuldigen Prahlerei sand der Pfarrer nichts Abstoßendes. „Feusw und Leben" hatte der Fremde gesagt, war es das gewesen, was er meinte? Konnte er Henn niemals die Worte jener Männer vergessen, mußte 'er sie, trotz Scham und Zorn, immer nach jenem Maßstab „Ach, dann bin ich viel zu müde, um überhaupt noch darüber uachzudenkeu", lachte Guenn. „Wenn man den ganzen Tag auf den Beinen war, ist das Bett abends der allerbeste Platz." _ , . „Und doch habe ich oftmals an der Schwelle inemer Kapelle gestanden", fuhr der Priester wie zu sich selbst redend fort, „und nachts nach der schlafenden Bucht unds nach unserem Leuchtturm geschaut, wie sich fein Licht mit dem des Leuchttftrws von Plouvenec traf; dann war ich jedesmal traurig, daß niemand da sei, auf Dich zu warten. Unsere Männer schützen freilich die jungen Mädchen und das Spaßmachen mit den Burschen schadet auch nichts, aber siehst Tu Guenu, es könnte einmal etwas ganz neues und fremdes t, weine 1UIC „ttuicr kjvv । in Tein Leben treten, und dann wäre es so gut, Du hattest wenn es nicht so wäre; sie jemand zu Hause. Du bist so klein und so Mig, ich wollte ' - ' - -- ich wüßte eine Frau Dir zur Seite"; er dachte au Madame in den Voyageurs, an ihre Ruhe, an ihre klugen Augen. „Tie Weiber!" rief Guenn verächtlich, iw Geist sah sw Mutter Nives nebst den anderen alten Wäscherinnen. „~te würden mir viel nützen!" . „ . „Freilich, deshalb möchte ich Dich ja auch zu den Nonuen tot cten." ' (Menu hob ihre hübschen, runden Schaltern, als wolle sie mit dieser Bewegung die ganze Kathedrale von Quimper abschütteln. „Es braucht sich ja aber niemand um mich zu kiimmeru, ich bin doch kein zimperliches- Frauleim Haben Sie keine Angst um wich, ich kann mich so gut selbst hüten wie irgend ein Mädchen in Plouvenee. Sie sind aber sehr gut und ich verstehe auchl, was Sie meinen. Manchmal denke ich selbst, wie es wohl sein möchte, wenn sie noch lebte, ihr Gesicht ist wir noch sehr gut erinnerlich. Ob sie mich dann jajuch so schelten und doch dabei aussehen wurde, als sei es ihr gar nicht ernst mit den harten Worten, so tote es Jeannes Mutter intimer tut?" 583 — „So könntest Dn ja zu Jeannes Mcktter gehen, wenn Dich etwas bekümmert", rief Thymert eifrig, als habe er jetzt endlich den Ausweg aus diesem Labyrinth geftinden. „Warum nicht?" war die gleichgiltige Erwiderung, „sie ist eine gute Frau, aber sie wohnen weit weg und mich kümMert nie etwas." „Hast Tu Madame in den Voyageurs gern?" „Natürlich, jedermann hat sie gern! Auch Mutter Quaper ist eine liebe gute Seele. Aber vielleicht sind sie beide nicht das, was Sie meinen?" setzte sie überlegend hinzu, „nicht solche, die einen des nachts daheim erwarten, und denen man alles sagen kann, was einem begegnet ist?" „Nein", sagte Thymert langsam, „ich glaube nicht — vielleicht ist nicht einmal Madame in den Voyageurs die rechte." „Im Mai sind es nun schon neun Jahre, daß sie tot ist", sagte Guenn ernsthaft. „Sie studierten damals noch und ich nannnte Sie Onkel Gabriel! Erinnern Sie sich noch an die Kirchweih von Fouesnant, wo ich so unartig war und Sie mir eine Vogelpfeife kauften und mich aus den Schultern heimtrugen?" „Tu warst ja nur müde, Du warst noch so klein. Unartig bist Tu nicht gewesen, nur unglücklich." Er war immer bliiid gegen Guenns Unarten gewesen, jetzt tote früher. „Erinnerst Tu Dich noch an all das?" „Ich erinnere mich auch", rief hier Raumes schrille Stimme. „Aber Närrchen, Du warst ja noch gar nicht aus der Welt", rief Guenn mit silberhellem Lachen. „Nannte!" sagte der Pfarrer belustigt, „Tu weißt wirklich mehr als wir alle. Wie wäre es, wenn Tu eine zeitlang zu uns nach den Lannions kämst, tttn mir und Crec ein wenig zu helfen? Wir sind nicht ganz so gelehrt wie Tu, aber es wäre vielleicht recht gut für Dich." (Fortsetzung folgt.) SLudeutenstammbücher. Vor mir, so schreibt ein Mitarbeiter der „Köln. Ztg.", liegen drei Studentenstammbücher aus dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie haben meinem Urgroßvater, Großvater und meinem Großonkel während! ihrer Studienzeit als „Denkmal der Freundschaft", wie auf den Rücken der Ledereitibände zu lesen steht, gedient. Tie meisten Einzeichnungen rühren aus der akademischen Zeit ihrer Besitzer her, für das Stammbuch meines Urgroß- vaters aus den Jahren 1783, 84 und 85, und für meinen Großonkel aus den Jahren 1797, 98 und 99. Das Stammbuch meines Großvaters zeigt keine Eintragungen aus feiner Hallenser. Studienzeit von 1806, sondern nur solche aus Frankfurt a. O. aus den Jahren 1808 und 1809. Diese Eintragungen bilden eine reiche Quelle kulturgeschichtlicher Kenntnis des höllischen und Frankfurter Studentenlebens. Sie weisen neben einem Denkspruch, Widmung ttnd einem kurzen Shmbolum, dem nicht selten Verbindungszirkel beigefügt sind, und zivifchen die zuweilen allerhand Federzeichnungen und Aquarellmalereien landschaftlicher und satirischer Art eingestreut sind, meist auch, sogenannte Memorabilia auf, in denen mit kurzen Stichworten auf bemerkenswerte gemeinsame Erlebnisse, Studentenstreiche, gemeinsame Arbeiten re. hingewiesen wird; z. V. aus dem Stammbuch meines Großvaters, datiert Frankfurt, 21. August 1809: „Memorabilia. Wir lernen uns tu Halle kennen. Unsere Rezeption auf der goldenen Egge, der Stiftungstag, Napoleon vertreibt uns pleno, in Frankfurt sehen wir uns wieder und finden uns von manchem jugendlichen irrigen Wahne geheilet rc. re., vale carissime." Jnter- essant ist es vor allem, lau § Pen Eintragungen dieser Stammbücher zu erfahren, welche Einwirkung die zeitgenössische Literatur auf die damalige Studenteuwelt übte und wie sich gleichzeitig Mit der Beeinflussung durch diese Literatur und unter dem Wandel der Weltereignisse die geistige Verfassung dieser Studentenwelt ummodelt Was von vornherein bei dem ältesten der Stammbücher aus den Jahren 1 <83 bis 85 im Vergleich mit den andern beiden ui die Augen fällt, ist die Häufigkeit lateinischer! Eintragungen. Horaz, Juvenal, Cicero finden wir unter ihnen neben selbständigen HerKensergießuugen der Ein- zeichnenden vertreten. Festgestellt muß freilich dabei werden, daß eine große Reihe dieser lateinischen Zitate der vorhallischen Zeit meines Urgroßvaters entstammen, in der er das akademische Gymnasium zu Stettin besuchte. Auch einige französische Einzeichnungen finden sich aus diese« Stettiner Zeit. Aber auch Hallenser Studenten wenden zuweilen das Französische an, „vive l'amitie eit absence, eit presence vive l'amitie" z. B. Auf englisch hat sich nicht einmal ein Studio eingezeichnet, auch Griechisch findet sich nur einmal, von einem Universitätsprosesfor herrührend, vertreten. Von Dozenten stammen auch einige biblische Zitate her. Außer ihnen hat nur noch mein Ururgroßvaterl seinem Sohne beim Weggang auf die Universität ein bieb- lifches Geleitwort mit auf den Weg gegeben. Er schreibt unter dem 9. Mai 1783: „Mein Sohn! Tein Lebelang habe Gott vor Augen und im Hertzen und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest und thust wider Gottes Gebot. (Tob. 4, 6.) Denn: Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, das ist eine feine Klugheit; wer danach thnt. des Lob bleibet ewiglich. (Ps. 111, 10)." Ganz in den literarischen, empfindsamen Geist dieser Zeit werden wir hineinversetzt, wenn wir uns nun den in unserm Stammbuch enthaltenen Zitaten in Reim uns Prosa aus den Werken der zeitgenössischen Literatur zuwenden. Scharf charakteristisch fite die herrschende Geistesrichtung ist es, daß uns als der meistzitierte Schriftsteller der empfindsame Engländer Aoung ehitgegeittritt. Sprüche von ihm begegnen uns im ganzen fünfmal, neben ihm ist einmal auch noch fei» Landsmann Addison, der Herausgeber der bekannten englischen Wochenschriften The Tattler und The Spectator, vertreten. Klopstock finden wir nur viermal mit Stellen aus seinen Oden angeführt. Wieland und Kleist begegnen uns je dreimal, Fr. L. Stolberg zweimal, außerdem je einmal Geßner, Gellert, Moses Mendelssohn und — Göthe (1784): „So eilte warme große Freude ist nicht in der Welt, als eine edle Seele zu sehen, die sich gegen eilten öffnet." Ist es ein Zufall, daß der Eintragendei den Namen Goethe dick unterstrichen hat? Freundschaft, Tugend, Empfindung, Trennungsschmerz sind die Leitmotive, die in den selbständigen Eintragungen anklingen. Eine, die schon auf den durch die Ideen der französischen Revolution beeinflußten freiheitlich-politischern Ton des nut ein halbes Menschenalter jüngeren Stammbuchs hinzudeuten scheint, sei hier wiedergegeben. 1783 schreibt ein Hallenser Musensohn: „Das Schwert wegzuwerfen und den Staub von den Füßen des Siegers zu küssen, ist der Entschluß knechtischer Seelen." Die Symbole unseres ältesten Stammbuchs, meistens lateinische, sind fast ausnahmslcs nichtsbedeutende Gelegenheitsphrasen, z. B. „Neminem laede", „Post nubila Phoebus" rc.; für den Charakter ihrer Schreiber besagen sie uns nichts. Nicht unwesentlich verändert läßt den Charakter der Hallenser Studentenschaft das Stammbuch meines Großonkels aus den Jahren 1797 bis 1799 erscheinen. Das Weichliche, Süßliche, Empfindsame tritt mehr zurück, dem spezifisch Literarischen wird durch einen gewissen, burschikosen Ton ein Gegengewicht geboten und die freiheitlichen Strömungen der damaligen Zeit drängen sich auch auf diesen Blättern mehr in den Vordergrund. Eine eigentlich deutsch-patriotische Gesinnung aber ist nicht zu finden. Unter den Symbolen z. B. halten sich die beiden Lesarten: „Ubi bene, ibi Patria" und „Ubi Patrick, ibi bene" so ziemlich die Wage. Bei der letzteren Wendung darf man zuweilen auch eine mehr landsmannschaftliche Färbung vermuten. Tiefe rein landsmannschaftliche Richtung des Vaterlauds- oder besser Heimatsgefühls trift uns mehrmals deutlich ausgesprochen entgegen. So finden wir den Vers: ' „Dem himmelblauen Bande, Tas uns fo sanft umzog, Dem lieben Pommernlande Erschall ein dreimal Hoch!" und darunter das Symbol: „Vivat Pommeraiiia, ibi feite!"- Ein andermal lesen wir neben einem1 Zirkel die Verse: „Dem holden Freundschaftsbande, Das uns so sanft umschlang. Dem lieben Vater land e Erschall mein Festgesang!" in decken „Vaterland" ohne Zweifel als Bezeichnung für: Gemeinschaft der Heim als genossen, also gleich Landsmannschaft verstanden feilt will. Freilich wird man sich hüten müssen, aus der andern Fassung: „Ubi bene, ibi Patrick"- — 584 !", und« KtLeratur dem Redaktion: August Götz.- Rotationsdruck und Verleg der Brübl'scken UuiverfltätZ-Buch. und Etcindruckerei. R. Lange. Güßen. ; „Unsre künftigen Admirale" von Johannes W, da, '■ -,1b, „Die ,Quall im Sport" von Montblanc-Gruppe" von Maud Quod saepe dantur Vacua. Auch Philister, Manichäer, Pedelle verderben Musensohn die Laune, oder plündern mit noch bedenklicher!! Elementen seinen Beutel und rauben ihm die Zn- Tairs chrats el. (Nachdruck verboten.) Wand, Baden, Magie, Psau, Wein, Garns, Alm, Rabe, Horst. Von jedem Wort ist durch Umtausch eines'Buchstab-nr- an beliebiger Sielte ein anderes Hauptwort zu; bltden und zwar derart, das die neueingesügten Buchstaben un Zusammenhang en englischen Dichter bezeichnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.i Geheimsekretär. friedenheit. Die Philister findet man auch auf Universitäten, O käm ein zweiter Simson, dies Teufelszeug zu töten, Kein Häscher, kein Pedell, Kein Donnerwetter, Wind, Nichts schreckt den Burschen mehr Als wie ein kleines Kind. O Halle, du bist zu bedauern, Du nährst iil deinen schwarzen Mauern Ein Volk, das selbst dem Teufel gleicht. Philister, die den Burschen prellen, Ein Heer verdienter Zinsgesellen, Das auf und ab der Gassen schleicht. Ein Heer von abgenutzten Schönen, " Verdammungswürdigen Sirenen, Tie prellen uns uin unser Geld. Gehörst du wohl zur besten Welt? Mit Groll im Herzen oder wehmutsvoll scheidet deshalb endlich der Bursche von den „schwarzen Mauern" „Sali- nens" oder „Sol-Athens". „Falsches Halle, gute Nacht!", „Falsches Halle, lebe wohl!" „Tie Rolle ist gespielt, der Vorhang fällt nun wieder, Mein Halle, lebe wohl, ich ans eine besondere patriotische Gleichgiltigkeit der Schreiber ! schließen zu wollen. Tie Wendung war damals so gut wie | noch heute ein gern gebrauchter Ausdruck der leichten, gedankenlosen Lebensfreude, der eine tiefere, ernsteire Bedeutung kaum jemals untergelegt worden sein mag. Hierbei soll gleich auch festgestellt to erb eit, daß die fremdsprachlichen Eintragungen stark gegenüber dem älteren Stammbuch an Zahl abgenommen haben. Neben einem griechischen Verse (Anakreon) finden sich noch mehrere lateinische, in denen Horaz und Virgil zu Wort kommen. Französisch und Englisch fehlen ganz. Ein hübsches lateinisches Wortspiel sei aber hier noch mitgeteilt, es lautet: „Amicus cognoscitur amore more ore re". Die deutschen Zitate aus Dichtern und Schriftstellern sind geringer an Zahl geworden. Nur ein Dichter wird mehr als einmal, nämliche viermal, darunter aber dreimal mit einem und demselben Ausspruchzitiert. Dieser Bevorzugte ist merkwürdigerweise der damals vielgelesene Romanschriftsteller Lafontaine und seine dreimal zitierte Stelle entstammt dem Rudolf v. Werdenberg und lautet: „Die Liebe ist der Schatten am Morgen, mit jedem Augenblick ivird er kleiner; Freundschaft aber der Schatten am Abend; er wächst, bis die Sonne des Lebens sinkt." Bon den übrigen Dichtern und Schrift-! stellern seien genannt: Claudius, Voß, Wieland, Hölty, Shakespeare, Salis-Seewis, Kant, („Suche Glückseligkeit zu verdienen") und zum erstenmal Schiller („In seinen Göttern malt sich der Mensch" 1799), der begeisternde Held eines jüngern Geschlechts. ■ Auf zwei bedeutsame, oben schon kurz erwähnte Charakterzüge dieses Stammbuches müssen wir nun noch näher eingehen, auf die Beeinflussung der Studentenschaft durch die freiheitlichen Ideen der französischen Revolution, und auf den studentischen Humor, der auf diesen Stanimbuch- blättern frisch, kräftig, aber doch zuweilen auch mit einem gewissen ernstern Grundton verbunden zum Ausdruck kommt. In den Symbolen und verschiedenen Sprüchen bringt sich der zuerst genannte Einfluß zum Ausdruck: „Freiheit und Menschenliebe", „Freundschaft und Freiheit", „Freundschaft, Moralität, Würde" finden wir da als charakteristische Symbole neben Sprüchen, wie: „Nicht Erbrecht noch Geburt, das Herz macht groß und klein", oder dem direkt aufreizenden Ruf: „Solange sind die Fürsten groß, als wir knieen!— Laßt uns aufstehen!!!" — Freundlicher mutet uns der zweite genannte Charakterzug an. Da singt der Bursch das Lob der Burschenzeit: „Bon der Wiege bis zur Bahre sind doch unsere Burschenjahre unseres Lebens schönste Zeit", oder: „In Halle hält man munter Haus, Gott Helf' uns nur mit Ehren hinaus". Aber auch Schattenseiten hat dieses fröhliche Tveiben, ost fehlt es an Geld: Herr Käestner zeigt mit tiefen Gründen, Es sei kein leerer Raum zu finden. Des Burschen Beutel zeiget ja: seh' dich schwerlich wieder", tönt es, und ernsthafter weist ein Spruch auf das Ergebnis des Burschenlebens' hinr Wohl uns, wenn wir als Kandidaten Das nicht bereuen, was wir als Burschen taten. Geschlossener auf.eilten Ton, und zwar auf den patriotischen, gestimmt in seinen Denksprüchen und Symbolen! ist das dritte und jüngste Stammbuch aus den Jahren 1808 und 1809. Der äußere und innere Zusammenbruch des alten Preußens hat mächtig auf die akademische Jugend, eingewirkt und in ihr ganz neue Ideale entstehen lassen. Der geistige Freund und Führer dieser patriotisch empfindenden Jugend ist Schiller geworden, ließet die Hälfte aller Zitate in diesem Stammbuch sind seinen Werken entnommen, aus der Braut von Messina und aus dem Wallenstein wird mehrfach zittert. Goethe wird weitaus seltener! verwendet. Beide'Dichter aber überragen an Häufigkeit der Anwendung aller andern zeitgenössischen Schriftsteller, Von diesen seien genannt: Tiedge, Salis-Seewis, Zacharias Werner (aus den „Söhnen des Tales"), Utz, Frau von Staöl und endlich auch Kosegarten, der den pommerschen Studenten wohl als Landsmann bekannter war. Die Symbole haben an Tiefe, Bedeutung und sittlichem Ernst gewonnen, sie bringen nicht nur eine augenblickliche Stimmung, sondern die Lebensanschauung des Schreibenden zuM Ausdruck und bekunden eine ernste und ideale Sinnes- richtung. Freundschaft und Vaterlandsliebe sind die Pole, um die sich das studentische Leben damals bewegte, Freundschaft gegründet auf Wahrheit und befestigt durch gemeinsame Liebe zum Vaterlande. „Wahrheit Legen Freund und Feind" finden wir mehreremale als Symbole ver- wendet, „der Wahrheit bie'Stirn, und weiter: „Amor patriae dulce eonoordiae vinculum". Ihren ausgeprägtesten und in seiner Fassung an spätere Lurschenschaftliche Wahlsprüche anMngenden Ausdruck finden diele Gedanken aber in dem Symbolum: „Gott, Vaterland,; Freundefl , uno! teilt und volltönend klingt der vaterländische Gedanke aus in dem letzten Symbolum des Stammbuches, dem kraftvollen: „Vivat Rex, regisque propago"! — Ebenso elegant ausgestattet und reich illustriert, wie inhaltlich mannigfaltig und gediegen beginnen die Illustrierten Oktavhefte von „lieber Land und Meer,, ihren neuen 20. Sj^enng unter dem Titel „Der Monat" mit dem Ohtoberhest. An der Spitze des novellistischen Teils steht eine nn Reußtale fpwlende Erzählung „Der Schatten" von Ernst Zahn, die zu dem Besten gehört, roa3 wir der Jeder des fo rasch gu hohem Ansehen Sämig en Schweizer Dichters verdanken. Außerdem enthalt das Hes. eine stimmungsvolle Savoyer Erzählung ^,Das Seekind von Viktor Menzel, eine ergötzliche Humoreske von Teo von Toni „Der Garn sor- schreck" und die sein ausgesührte Novellette „W r eich s r tz e n b l leb von Jen n y R is-Neumann. Illustrierte Aussätze wie: „Aiu-ge- storbene und aussterbende Tiere,, von Ti'. Friedrich Knauer nut farbigen Bildern, „Die Kunst und die Frauentracht von Alfred Mohrbutter, „Untre künftigen Admirale" von Johannes Wilda, „Gartenstädte" voii Hans Ostwald, Kurt Doerry, „Quer durch die 1 .*1 u‘u 1 ‘VT.i1 .y null-. Wundt n. s. w., sowie verschiedene kleinere Artikedie en eme Fülle von Unterhaltung und Belehrung aus den verschiedensteni Gebiete» des modernen Lebens und Wissens. Hervorraa d ist der ,llu trakve Kclnmick so -i B. die farbige Kunstbeilage „Auf der Hochzeusreiie nach ewenr Aquarell von Ed, Cucuel, Rembrandts „Begeg- nun« Mariä mit Elisabeth,,, Haus DauiNiMMs ,,FrichlingsMme„, in* 12 Heften zum Preise von je 1 Mark, darf angesichts des dafür Gebotenen als die billigste deutsche Monatschrift bezeichnet werde!.