1903, — Nr. 130 Mittwoch den 2. September. „Hast Du mit jemand gesprochen?" flüsterte sie. „Nur mit Chauxville, — heute nachmittag." . , Paust das hatte gar nichts zu bedeuten"/ ries sre hastig. „Er brachte mir bloß eine Botschaft von Ealharma Lanowitschf — es war nur ein ganz freund- fchaftlicher Besuch. Es wäre ja sonderbar, wenn er diesen Besuch nicht gemacht hätte. Glaubst Du wirklich, daß mir an solch einem Menschen etwas ließen kann?" „Ich habe das bisher nie geglaubt", antwortete Paul gelassen „Aber wer sich entschuldigt, klagt sich an. Mög- lrcherweise liebst Du ihn, — ich weiß es nicht. Mir liegt nichts daran." Ste wandte sich langsam um, ging zu ihrem Stuhl Zurück, griff mechanisch wieder nachher Bürste und schüttelte ihr schönes Haar zurück. ' 1 „Du willst damit sagen, daß Dir an mir nichts liegt. Paul, Nimm Dich in acht." Paul sah sie an. Er war kein besonders scharfsinniger Geist, kemer tioit denen, die behaupten, daß sie die Frauen verstehen, — als o6' Frauen in der Mitte zwischen dem Tier- und Menschengeschlecht ständen. Nein, dieser Mann achtete noch die Frauen und behandelte sie insofern wie Manner, daß er sie unter dasselbe Gesetz von Recht und Unrecht, von Gut und Böse stellte, wie jene. „Ich glaube nicht, daß Dir jemals viel daran lag, ob ich Dich liebte oder nicht", sagte er endlich. „Ms Du mrch heiratetest, wußtest Du, daß ich einer der Haupt- anfuhrer der Armenliga war: ich habe Dir das in ziemlich klaren Worten gesagt, auf jeden Fall sagte ich Dir soviel daß Du sehen mußtest, wie tief ich in das Unternehmen verwickelt war, das Du verrietest. Du wurdest meine Frau' ohne sichere Beweise von dem Tode Deines Gatten zu habem — so eilig hattest Du es, Fürstin zu werden. Jetzt erkenne sch aus Deinem eigenen Geständnis, daß Du einen heimlichen Verkehr mit einem Manne unterhältst, der mich erst vor einer Woche zu ermordeu versuchte. Ist es da nicht recht widersinnig, von Liebe zu sprechen?" Etta beugte sich vorwärts und starrte verstört ins Feuer; die Flammen zuckten auf und leuchteten in das blerche Gesicht, die tiefen Augen. „Du wirst mir ja wohl nicht glauben, wenn ich Dir sage, daß ich den Menschen hasse", sagte sie, ohne ihn anzublicken. „Won dem, was vorige Woche vorgefallen ein soll, von diesem Mordversuch, meine ich-, weiß ich nichts. Du bist ein Fürst und in Deiner Provinz allmächtig. Kannst Du ihn nicht ins Gefängnis stecken und' dort festyalten? In Rußland ist doch so etwas möglich!. Er ist gefährlicher, als Du glaubst, — ich bitte Dich, tue es, — ich bitte Dich —" Paul sah sie mit harten, unbarmherzigen Blicken an. „Ich bin nicht hergekommen, um von Claude von Chauxville zu sprechen, sondern von Dir und von unserer Zukunft", sagte er. (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) 37. Kapitel. Mann und Frau. Es war, wie Karl Steinmetz es erwartet hatte: Etta erMen lächelnd nut unbefangenster Miene zum Diner. Auf der Schwelle des Salons wechselte sie mit dem Intendanten ernen oftct, das war alles. Während der Mahlzeit waren Nelly und Paul schjveigsam, Etta aber plauderte lebhaft und munter mit Steinmetz; sie bewies einen hohen Mut, denn sie war verzweifelt und zeigte es nicht. Endlich nahm der Wend ein Ende. Nelly hatte zwei Steber gesungen, Steinmetz mit einer gewöhnlichen Meisterschaft Klavier gespielt, und alle hatten ihre Rollen bewunderungswürdig durchgeführt. Etta erhob sich mit einem leichten Seufzer, um schlafen zu gehen. Jetzt kam es. . Sie begab sich auf ihr Zimmer, uachdem sie Nelly nn Korridor gute Nacht gewünscht hatte, und ließ sich von der geschickten Jungfer mechanisch in einen Weichen, seidenen Schlafrock Hullen. Dann schickte sie das Mädchen beinahe ungeduldig fort, obwohl ihr Haar erst zur Hälfte gelöst war; sie wolle es selbst ausbürsten, sie sei müde, — nein sie habe nichts mehr nötig. ' Wie gebrochen setzte sie sich vor den Kamin; sie vermochte kaum zu atmen. Sie hörte, wie Paul in sein Ankleidezimmer trat, horte, tote er nut seiner tiefen, ruhigen Stimme eine Frage des Kammerdieners beantwortete. Dann die Worte „gute Nocht mit derselben ruhigen Stimme. Der Kammerdiener hatte sich, entfernt. Jetzt befand sich nur die Tür zwischen rhr und - und wem? Ihre Finger griffen krampfhaft nach dem Halsausschnitt ihres Schlafrocks; die weichen Spitzen schienen sie zu ersticken. - .. Jaul klopfte an die Tür. Jetzt kam es. Sie öffnete dte Lrppen, konnte aber zuerst keinen Ton hervorbringen. „Heretn", sagte sie endlich heiser. v., ^arde er sie töten? Wo war das, — war sie wirk- lich in ihren Gatten verliebt? In der letzten Zeit fragte rimb fragte sich's auch fetzt, als er ins Zimmer trat. Er hatte den Frack gegen eine Joppe vertauscht, in der er gewöhnlich; mit Steinmetz in dem stillen, klemen Zimmer arbeitete, wenn alle Hausbewohner zu Bett gegangen waren. Sie blickte auf, ließ die Bürste fallen und lief auf ihn zu.. Die Seide um ste her rauschte. „Paul, was ist geschehen?" Sie hielt inne; denn der Anblick dieses kalten, starren Gesichtes nahm ihr den Mut, ihn zu berühren. — 518 sie fftta fuhr empor, als hätte ein Peitschenhieb sie getroffen und wartete mit. zusammengebrssenen Zahmem i>cr, mache Dir den Vorschlag, unverzugilch mit Deiner Cousine' nach England zurückzukehren", sagte er, und fern Ton klang wie ein Befehl. „Dieses Land hier ist für Dich nicht sicher. Mein Londoner Haus steht zu Deiner Verfüauna, und ich iverde Dir soviel auswerfen, daß Du Deinem Titel und Deiner Stellung angemessen leben kannst. T muß Dich nur bitten, nicht zu vergessen, daß der Name den Du trägst, bisher unbefleckt war. Wir waren , bwher ftolx auf unsere Fürstinnen. Sollte Dir irgend eme von außen kommende Unannehmlichkeit zustoßen, sv eviuner Dich, daß Du unter meinem Schutz und dem hon Stemmetz stehst. Dii wirst immer die Fürstin Alexis sein. Etta brach in plötzliches Lachen aus. . Gewiß", sagte sie, und ihr Gesicht sah seltsam^ gerötet" aus, „ich werde immer die Fürstin Alexis sein. $ Die Geld genug haben wird, ihre Position zu behaupten", setzte er mit grausamer Ironie hmzu. Ein seltsam verzerrtes Lächeln zog über Ettas Gesteht, es war das Lächeln eines Menschen, der Todesqualen leidet und mchtschreien wilst^ .$ getoi«e Bedingungen stellen", fuhr Paul fort. „Ich muß Dich bitten, fedweden Verkehr mit dem Baron von Chanxville aufzugeben. Ich bin auf ihn nicht eifersüchtig, - wenigstens fetzt nicht. S8arS' fielt inneDal/ denke er über bte Ursache dieser Erscheinung nach; Etta kannte sie, und dies Bewußtsein “HS’ÄKÄ den Name.. Wterw der Eitelkeit eines ftanzösischen Gecken zu opfern,fuhr ibr Gatte fort. „Du wirst die Gute haben, alle Gesell- i chatten zu meiden, in denen Du mit ihm zusammentreffen könntest. Wenn Du meine Wünsche mißachtest, werde ich genötigt sein, mir Gehorsam zu erzwingen. „Durch welche Mittel?" . „ „Fch werde Deine Revenuen einschranken. Ihre Augen begegneten sich, und vielleicht war dies der bitterste Moment in Ettas Leben. Sie suhlte, daß Pauls tote Liebe ihr aus jedem Goldstück entgegengrinsen würde' darüber kam sie niemals hinweg, das wußte ste. Muß ich allein leben?" fragte sie, plötzlich ihre Stimme ^^PaiU schien nachzudenken; als ev 'wieder zu sprechen Leaann klang seine Stimme freundlicher. 9 5'u brauchst ihr die Veranlassung zu diesem Abkommen nicht zu erzählen." Etta zuckte die Achseln. Das hängst natürlich ganz von Dir ab , fuhr er »ort" Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich es rne-- maiid 'erzählen werde. Ich bin nicht der Mann, der über solche Dinge mit anderen Menschen spricht. Ettas steinerne Augen wurden einerl Augenblick weich. Sie schien zwischen Haß und Liebe zu schwanken, , em nefährlicber Zustand für jedes Weib. Wenn er chr jetzt feine^ Hand entgegengestreckt Hätte, sie vielleicht tm nätfiften Anaenblick in wilder Leidenschaft, sich seihst anklagend unf erniedrigend, zu seinen Fußen «^stürzt- solche Anaenblicke geben nnserem Leben eine Wendung und ent- schewen es. Paul ahnte nichts von dem, was m dies«N Anaenblick in ihr porgliig; er ahnte nichts von Der ue fahr, in der die Frau stand, von der Versuchung, nut der sie kämpfte, sondern blieb blind, - blind und gerecht. „Wenn Du sonst etwas zu fragen hast, sc»steheich Dir immer zur Verfügung", sagte er. ,,^n den nachs Taaen werde ich viel zu tun haben; die Bauern fino in einem Zustand der Unzufriedenheit, der an Empörung grenzt Wir können vorläufig feilte Vorbereitungen für eine Reise nach Twer treffen, aber sobald es möglich ist, werde ich Dich benachrichtigen." Er sah auf die Uhr und muchre eine nnmerkliche Be- “e8UÄfte Wen tarn » atmen. erst baß «alles?" fragte sie mit dumpfer stimme. • Ein langes, tiefes, schauervolles Schweigen herrschte - 3$: „SH 6-b. 6e. ^^»nnVEseeechtigkelt setz „„„ sauft Steinmetz riet mir, mit Dir zu sprechen, denn er meinte, daß es vielleicht Umstände, gäbe, von denen wir nichts wissen. Du könntest sie vielleicht erklären, sagte er. ~ Schweigen. Schweigern" Ett/starrte ins Feuer; endlich atmete sie tief auf Mensch, bet bie ißerfudjung nicht öetfiet)t , « Jute wie Du find immer hart gegen grauen, - tue - d.e - ”“8 S6e4ti?e'Ä8f‘? aufäufpringett, unb . °°r ihn ^“Äerlia'ÄeÄn's m>tSm teÄT-Ä SÄ« twfeig an. getan?" ries sie zum zweitenmale. L/L i* habe nichts^ getan, was gegen das Gesetz ver M >»««« ä ,Aill", sagte er, die Hand erhebend. „Daran habe ich ntz gezweifelt/^ ^u willst", fuhr ste fort, und "in^ihrer Demut war sie doppelt gefährlich. 1 . Er schwieg. ,, „„ säW* °°- «* *- -•*» « ^1* Mt BeKe“' ewt Minder Tand auf der Klinke blieb er stehen. Datiert Deine Verzeihung von heute abend?" fragte tritt brennenden Wangen. Wgt von Dir ab", antwortete Paul sie vielleicht absichtliche mißverstehend. „Es steht Dir frei, eine Freundin oder Gesellschastrin zu Dir zu nehmen, vielleicht Deine Cousine." "wf "antwortete Paul. Zum erstenmale, seit er das Zimmer betreten hatte, wandten M feine Augen von Ettas ' TSie"^wird nicht bei mir wohnen wollen", sagte die „Gute Nacht", sagte er und ging hinaus. 38. Kapitel. Stephan. f Am'nächsten Morgen, bei Tagesanbruch, wurde Karl Steinmetz durch das Bellen eines Wolfes geweckt, dem d, ) "n%r"fS » Ä. IM) «e «uto Mk SS KÜSS » SÄ der tu Per alflgeu Morgendämmerung vor Frost klapperte und! öi t - Euer Gnaden, sie haben mein Haus die ganze -" ) bemS Ä?e U'erfl fort. stehen zwei fremde Schlitten, — man 1 teilt p 519 vielen Schlitten, die nachts da waren und wieder fort sind. Euer Gnaden, niemand ist sicher, der sich heute aus dem Schloß herauswagt. Man müßte aus Twer Soldaten kommen lassen." „Der Fürst will nichts davon wissen." „Aber warum, Euer Gnaden? Sie werden uns umbringen." „Starost, Ihr kennt die Wirkung einer Gewehrsalve auf eine dichtgedrängte Volksmenge nicht, — der Fürst kennt sie", antwortete Steinmeß mit seinem grimmigen Lächeln. Sie sprachen noch eine halbe Stunde in gedämpftem Tone miteinander, während die Sonne am östlichen Himmel emporkroch; dann schlich der Starost unter den stillen Lärchen fort wie ein Wolf, dessen Stimme er fo prächtig nachzuahmen verstand. Steinmetz schloß die Tür und ging in sein Zimmer hinauf; sein Gesicht war ernst und nachdenklich, sein Schritt schwer, als laste das Gewicht der Sorge ans ihm. (Fortsetzung folgt.) Vivisektions-Kämpfe. In Frankfurt a. M. hat kürzlich der Kongreß des Weltbundes für Tierschutz und gegen Vivisektion getagt. Der Gedanke des Buddhismus, daß das Tier dem Menschen heilig sein solle, weil ihm „der Gott verwehrt, zu sagen, was es leidet", setzt sich mehr unb mehr in der gebildeten Welt durch. Serbien hat sich mit einem unaustilgbaren Blutfleck geschändet, aber in der Belgrader Abdeckerei geht man menschlicher mit den Tieren um, als in mancher Hauptstadt der Intelligenz. Die herrenlosen Hunde, eine Plage aller türkisch infizierten Städte, werden in einem mit Gas gefüllten Raum dies Bewußtseins gleichzeitig mit dem Leben beraubt. In Australien rst die Vivisektion gesetzlich verboten. Bei uns haben die Bekämpfer der Vivisektion verhältnismäßig geringe Fortschritte zu verzeichnen, trotzdem sie in den letzten Jahren ihre Anstrengungen verdoppelten und verdreifachten. Die Erörterung ist nicht immer sachlich geführt worden. Am Ende wirkt aber nur die Sachlichs- keit. Auch in Kulturfragen macht der Ton die Musik, wenigstens hat er sie, soweit die Vivisektion in Betracht kommt, in England und Frankreich gemacht. Gerade der Nüchterne Ton, das Vermeiden jeder Anklage, hat den Erfolg erzielt, daß dort die Senioren der Wissenschaft sich an die Spitze der Bewegung gestellt, sie in praktische Bahnen gelenkt und mit ihrem Einfluß zu beachtenswerten Zielen geführt haben. Die deutsche Physiologie hat ihre Erfolge zum größten Teil auf dem Wege der Vivisektion gesucht und gesunden. Ter Widerstand gegen die Verbarrikadierung dieses Weges ist also begreiflich. Ob die öffentliche Führung der Be,- wegung durch künstlerisch hochbegabte Frauen, wie die berühmte Sängerin 8tli Lehmann und die Malerin Parlephi, das Zweckmäßigste war, muß fraglich erscheinen, wenn man bedenkt, daß der kühle Forscher kaum bereit sein wird, bei edlen Frauen anzufragen, was sich zieme. Tie Frau als Bekämpferin der Vivisektion muß ihre Siege auf mittelbarem Wege suchen, durch beständiges Wirken in privatem Kreise einflußreicher Personen, die ihrer milderen Auffassung zugänglich werden können. Wenig zahlreich noch, aber gewichtig sind die Namen der Forscher, die sich gegen die Ueberschätzung des Tierexperimentes wenden. Es ist auch nicht einzusehen, warum gewisse Tierversuche, deren Ergebnis wissenschaftlich längst feststeht, immer noch wiederholt werden. Mit der Eindämmung des Tierversuchs sind in England dte Tierfreunde praktisch zu Werke gegangen. England ist noch immer das Vorbilds wenn eine Sache praktisch und zugleich freiheitlich angefaßt werden soll. In England ist die Vivisektion un ter Au fsi ch t g e st ellt. Diese ist aber nicht gesetzlich geregelt, sondern aus dem Verwaltungswege geordnet. Im „Home Office" besteht eine besondere Abteilung, welche die Erlaubnis zu vivisektorischen Versuchen nur ans Empfehlung hervorragender Mediziner oder wissenschaftlicher Körperschaften und nur aii Personen erteilt, deren wissenschaftliche Eignung außer Frage steht. Man unterscheidet drei Klassen von Versuchen. Erstens solche, wobei während- der ganzen Operationsdauer die Betäubung andauert, und das Tier vor der Rückkehr des Bewußtseins getötet wird. Diese Fälle machen ein Achtel der Experimente ails. In die zioeite Kategorie gehören diejenigen Versuche, wobei zwar vollkommene Bewußtlosigkeit hergestellt, aber auch das Weiterleben zu Beobachtuugs- zwecken gestattet werden soll. Das sind die wichtigsten Versuche; sie werden nur spärlich erlaubt. In der dritten Klasse kommen die Operationen ohne Betäubung vor. Hier ist die Bedingung, daß der Schmerz nicht über den bei Haut- einspritzungen hinausgehen soll, sobald aber stärkere Schmerzempsindungen bemerkbar werden, die Tötung erfolgt. Alle schmerzhafteren Versuche werden nur in den großen pathologischen Instituten und Kliniken erlaubt, und es finden häufig überraschende Besuche der Licenzinhaber durch einen Inspektor, selbstverständlich eine sachverständige Persönlichkeit, statt. Als vor einiger Zeit im britischen Oberhause sine Vivisektionsdebatte vor 'sich ging, waren alle Mitglieder über die Wirksamkeit dieser Einschränkungs- bestimmungen einig. Unzweifelhaft ist hier ein Weg vorgezeichnet, der auch in Deutschland für die Wissenschaft wie für die Vivisektion^- gegner gangbar erscheint. Psychologisches und Pathologisches zum Humbertprozeß. Maximilian Harden bringt in der „Zukunft" einen Artikel, in dem er untersucht, in wie weit Fran Humbert betrügerisch, in wie wert geistig unzurechnungsfähig ist: Ich mußte, während das Auge sich durch- die Rie;en- spalten der Prozeßberichte quälte, immer wieder an ein kleines Buch denken, das ich vor zwei Jahren gelesen hatte. Es heißt: „Die pathologische Lüge und die psychisch abnormen Schwindler; eine Untersuchung des allmählichen Neber- ganges eines normalen psychologischen Vorganges in ein pathologisches Symptom"; der Verfasser ist Herr Dr. Anton Delbrück, Forels früherer Assistent und selbständiger Schüler. Ein Anfang erst; doch einer, der weit in dunkle Provinzen der Psyche hineinleuchtet. Auf der dritten Seite schon stehen Sätze, die im Katechismus keines Kriminalisten fehlen dürften: „Daß es zwischen der vollständig normalen Geistesbeschaffenheit und geistiger Krankheit überall keine scharfen Grenzen gibt, ist eine Tatsache, die zwar oft hervoraehoben, jedoch durchaus noch nicht allgemein anerkannt ist. Und doch ist die richtige Beurteilung grade dieser Zustände praktisch, namentlich in forensischer Beziehung, von der allergrößten Wichtigkeit". Aus dieser Betrachtung ergibt sich die Notwendigkeit, den Begriff „verminderter Zurechnungsfähigkeit" in die Rechtspraxis einzuführen. Doch ich will nicht mit erborgter Wissenschaft prunken, die Laienirrtum vielleicht um den stärksten Teil ihrer Wirkung brächte, sondern einfach berichten, was ich in dem schmalen Buch gefunden habe. Zunächst einen „Fall" aus der schweizerischen Jrrenheilanstalt Burghölzli. Ein Dienstmädchen. In Oesterreich geboren. Findelkind; nach anderer Angabe die Tochter armer Winzer. Ein Geistlicher empfiehlt die knapp Zwanzigjährige einem Grafen als Kindermädchen. Sie lieft Romane, vernachlässigt die ihrer Obhut anvertrauten Kleinen und erzählt jedem, ders hören will, sie sei Prinzessin von Spanien und werde nächstens einen Palast' und ein großes Vermögen erben. . Gewöhnliche Aufschneiderei? Doch nicht. Sie wird nach einem Starrkrampf ins Spital geschafft und als bleichsüchtig und hysterisch erkannt. Aus dem Krankenhaus kommt sie in die Schulschwesternanstalt. Der Graf entläßt sie aus dem Dienst, weil sie unbrauchbar ist, und das Blaue von: Himmel lügt. Als sie von Spanien genug hat, redet sie einem ihr befreundeten Hausmädchen vor, sie sei die außereheliche Tochter des Königs von Rumänien und ihr Onkel der Kardinal-Primas von Ungarn. Dieser Kirchcnfürst schreibt an die Freundin seiner Nichte ost Briefe; Briefe mit groben grammatischen Fehlern zwar: aber ein ungarischer Kardinal braucht doch nicht gutes Deutsch zu schreiben. ■ Die Briefe kommen nie mit der Post vom Magyarenglobus; die Nichte selbst bringt sie der Freundin: sonst könnte einer unterschlagen werden und den Aufenthalt der gehaßten Thronprätendentin verraten. Deshalb schickt sie der Kardinal durch Boten, die mit ihrem Leben für die richtige Bestellung haften. Forel und Delbrück haben die Briefe gelesen. Viel pastoraler Schwulst, geringe Schulbildung. Die Schrift von Frauenhand, aber 520 nicht von der des Kindermädchens. Nach einigem Zögern leiht die Freundin der Pfeudoprinzessin . eine für -ihre Verhältnisse beträchtliche Summe. Als sie sich dann wieder ungläubig zeigt, wird sie mit Dolch und Revolver bedroht, und muß auf das von zwei Kerzen beleuchtete Kruzifix schwören, nie zu verraten, daß die Nichte des Kardinals ihr Geld schulde. Die Suggestivkraft der Kranken istso groß, daß ein Arzt, zu dem sie ins Haus kommt, all ihre Märchen, Krafft-Ebing später noch einzelne glaubt. Neue Wähngebilde folgen; aber auch neue Abenteuer. Ern ungarischer Grundbesitzer nimmt die Darbende aus; auch fcC hält sie für eine Königstochter. Um nicht entdeckt zu werden, trägt sie Männerkleider, manchmal die Unrsorm eines Jägeroffiziers, und trinkt und raucht, wie em rm Kasino .Erwachsener. Mit dem Dienstbuch ernes Knechtes flieht sie in Dienerlivree nach der Schweiz, gibt srch dort zueüst iür einen Studenten, später für einen reichen Erben au?', en tlockt einem Pfarrer 900 Franken, wird verhaftet, als Weib rekognosziert, zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, nach Burghölzll gebracht, dann an Oesterwerch^aus- geliefert und von Krafft-Ebing in Graz untersucht. Seme Prognose lautet: „Typischer-Fall von vrrginarerl Paranoia In Burghölzli hatten Forel und Delbrück neben Konträrer Sexualempfindung festgestellt: „Überschwängliche, das klare Denken störende Phantasie, als Folge davon rnstmk- tiver 5iang zu Lüge und Täuschung." Sie war unerschöpflich im Erfinden wüster Wundergeschichteu, dabei überall beliebt und im Besitz einer besonders von Frauen kaum abzuwehrenden Gewalt über den Menschenwillen. Vor Gericht, als ihr hundert Schwindeleien nachgewiesen find, nennt sie sich das Opfer schnöden Truges, verwahrt sich gegen die Annahme einer Psychose und jammert, daß man ihr, die stets im besten Glauben gehandelt habe, letzt die Ehre rauben wolle. Paranoia oder strafbarer Betrug? Dr Delbrück antwortet: Ein Grenzfall; das Wahnsystem knüpft sich an einen bewußt ausgeführten Betrug und aus dem ersten wirren Gesträhn wird, weil dem Phantafie- leben alle .Hemmungen fehlen, schnell pathologisch Lugensucht. Der Arzt schildert auch; leichtere Fälle, Menschen mit normalerer Art, die dennoch zu psychisch! abnormen Schwindlern werden, erinnert an die „retroaktiven Halluzinationen", die Gottfried Keller, nach eigener Knabeu- erfahrung, seinen Grünen Heinrich erleiden ließ, und an das Wort, das Goethe über seinen JNgendhang zum Renommieren und Fabulieren sprach: „Wenn ich nicht nach und nach, meinem Naturell gemäß, die Luftgestalten und Windbeuteleien zu kunstmäßigen Darstellungen hätte verarbeiten lernen, so wären solche aufschneiderischen Anfänge gewiß nicht ohne schlimme Folgen für mich geblieben. Betrachtet man diesen Trieb (erfundene Märchen als Erlebnisse zu erzählen) recht genau, so möchte man in ihm diejenige Anmaßung erkennen, womit der Dichter selbst das Unwahrscheinlichste gebieterisch ausspricht und von einem jeden fordert, er soll dasjenige für wirklich erkennen, was ihm, dem Erfinder, aus irgend eine Weise als wahr erscheinen konnte." Das gut äquilibrierte Gehirn, sagt Delbrück, scheidet hier den Dichter vom „abnormen Schwindler." Von schwerer Allgemeinerkrankung bis zu verminderter Zurechnungsfähigkeit und hypertropischer, alle anderen Hirnfunktionen überwuchernder Phantasie geleitet der Psychiater und schlägt schließlich vor, die Fälle, wo Fälschung des Erinnerns sich bewußter Lüge mischt, unter dem das ivichtigste Symptom klar bezeichnenden Kennwort Pseudologia phantastica zusammenzufassen. In diese morbide Reihe gehört Frau Therese Humbert. Alle Symptome, die Forel und Delbrück aufzählen, sind au ihr sichtbar. Die Große Therese, das den skeptischen Parisern durch weiterwirkende Autosuggestion , aufgezwungene Wahngebild, hat nie gelebt. Die psychisch abnorme Schwindlerin Therese Humbert wird, als ein Musterschulfall, aus deu Lehrbüchern der Psychiater nie wieder verschwinden. Aunst UM- Wissenschaft.. — Deutsch la nd, Deutschland über alles Dieses geflügelte Wort entstammt bekanntlich dem 1841 von Hoffmann von Fallersleben aus Helgoland gedichteten und in .Hamburg als Einzeldruck veröffentlichten „Lied der Deutschen". Nun verfolgt R. F. Arnold in der „Zeitschrift für deutsche Wortforschung" die Geschichte dieses! Schlagwortes nach auswärts und zeigt, daß es etiva anderthalb Jahrhunderte älter ist. Schon 1817 erscheint bei Brockhaus in Amsterdam eine Schrift „Preußen über alles, wenn es will. Von einem Preußen". Aber 1809 heißt es in den „Liedern östreichischer Wehrmänner" von Heinrich Josef Collin „Wenn es mn will, ist Oesterreich über alles! Wehrmänner ruft nun frohen Schalles: Es will, es will! Hoch Oesterreich!" — Aber auch Collin ist nicht der Vater des! Wortes, sondern ein um hundert Jahre älterer Landsmann. 1684 erschien eine Schrift des Kurmainzer Diplomaten Philipp Wilhelm von Horn ick: „Oesterreich über alle s, wenn es nur will. Das ist wohlmemen- der Fürschlag, wie mittelst einer wohlbestellten Landes- Oekouomie die kayserl. Erblande in kurzen über alle anderen Staat von Europa zu erheben und mehr oder einiger derselben von denen anderen independent zu machen. Durch einen Liebhaber der kayserl. Erbland Wohlfahrt." So ist Horn ick der Vater dieser Wortprägung; Collin hat sre von Hornick, Hoffmann von Fallersleben wohl von Collin übernommen. "Wie die HahüNsche Weise, die Hoffmann von Fallerslebens Lied populär gemacht hat, leitet auch der Text des „Liedes der Deutschen" nach Oesterreichs Litertavisches. cselm Salzens reich ausgcstattete rchte der deutschen Lite- Logogriph. (Nachbildung verboten.) Mit u ein munterer Gesell! Doch schmerzt's ihn heut mit l; Zur Heilung bleibt in Ruh Er drum in dem mit tt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: 1. Le4-hl, h2 2. Dg2. - 1. . , d3 2. De4. - 1. . , e5 2. Dd5. — 1. . Ka8 2. Kb4. — Professor Dr. Anselm Salzens reich ausgcstattete „Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur" von der soeben die 4. Lieferung erschienen ist (München, Allgemeine Verlags-Gesellschaft m. b. H. — 20 Lieferungen zu je 1 Mk.), ist von der Warte einer bestimmten Weltanschauung herab geschrieben — von der positiv christlichen. Besonders interessant ist der Teil der vorliegenden Lieferung, der von den alten Legendendichtungen, von den Weihnachts- und Osterspielen handelt. Illustrativ Mgt sich, das neue Heft von einer Reichhaltigkeit und Schönheit, daß man staunen muh, - Gräfin llxkull: Sonnenslug. Roman. Verlag von F. Fontane u. Co. in Berlin. Preis 6 Mk. — Sottt Mysterium der Liebe erzählt dieses Buchs der begabten Verfasserin, von der Seligkeit, einer alle Bande sprengenden^ und alle Satzungen verlachenden Seligkeit, wie fte nur zwei gottbegnadete Menschen empfinden können. Aber in iene Sphäre der Deklassierten, die für feinfühlende Wesen Ab ckreckendes hat. Nach den Wonnen des berauschenden Liebestanmels machen Leona Gräfin Rothen- Nein und Heinz hon Traunstein, die Helden des Romans, alle Stadien der Vereinsamung durchs um endlich im Zweifel an ftch selbst von einander zir gehen. Die Trennung isf ein Abschied für immer; und der tiefe Schmerz über diesen Ausaang des Liebestraumes führt die Heldui, die einst so heiter und stolz, alle Warnungen der ihr Nahestehenden verachtend, den Kampf ums Glück begann, zur Cunftcht m die Verkehrtheiten ihrer egoistischen Anschauungen, eme er kennt daß höher als die selbstsüchtigen Forderungen des die Interessen der allgemeinen Menschheit Nebenund^daseinLebm des Leidens und Dienens er. n^ben^werter sei als das Ringen nach Genuß und Do^ !einsfrende Die Handlung, die ihren Schauplatz mehrfach wechselt, führt von einem priuzlichen Jagdschlösse uuSalz- biinmicben naÄ Italien, und es werden anschauliche, au amüsanten Details reiche Schilderungen von Florenz un besonders von Rom und seinem interefsarftenaristokratisch^ Leben entworfen. Eine warmblnllge, kraftvolle Darstenung verleiht dem eigenartigen Werke besonderen Reiz. Redaktion. Auanst Götz. - Rotationsdruck und 'S erleg der 8 rübl'Ickcn IriversttätS-Etiä- und Ctcindrnckcrei. R. Lange, Gießen.