Nr. 65. 1903 Samstag den 2. Mak. ^’^ndXWWffir ■ÄM B TQb|W: ^^W-z fjilK (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Nebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Jetzt sand eine Frühstückspause statt, worauf das das größte Aufsehen des Tages erregende Ereignis folgte: die Erscheinung von Nell Claris als Zeuge. Die Zeugen waren mit ihrem Namen beschäftigt gewesen, seit die Menge der Reihe nach aus dem Gerichtshof gezogen war. Niemand zweifelte an der Wichtigkeit der Fragen, die der Coroner an Miß Bostal gerichtet hatte; es war klar, daß Nell, außer Clifford die einzige Person die, soviel man wußte, Grund zum Uebelwollen gegen den Verstorbenen hatte, jetzt im Verdacht stand, an seinem Tode beteiligt zu sein. Vielleicht war das Mädchen selbst, als sie aus dem Ratszimmer in den Gerichtshof trat, die einzige gegenwärtige Person, die sich nicht die Lage klar machen konnte, in der sie sich wirklich befand. Denn sie allein, war nicht gegenwärtig gewesen, als die verfänglichen Fragen an ihre Freundin gerichtet worden waren. Nell machte von Anfang an einen schlechten Eindruck. Sie war bis an die Augen in einen langen mit Eichhörnchenpelz besetzten Mantel und eine Boa von braunem Pelz gehüllt und trug einen breiten Hut, der ihr selbst noch die Umrisse des Gesichts vor der hinter ihr im Saal befindlichen Menge zu verbergen half. Doch aus dem flüchtigen Blick, den man auf ihre Gesichtszüge zu werfen vermochte, als sie sich eilig an den Platz begab, den man ihr angewiesen hatte, war erkennbar, daß ihre weithin gepriesene Schönheit zur Zeit erloschen war, denn ihr Gesicht war vvm Weinen voll Flecken und ihre blauen Augen sahen eingesunken und glanzlos aus. Alles, was sie zu besänftigen schien, war, ihr Gesicht so viel wie möglich zu verbergen und ihre Antworten so zu geben, daß sie mit von möglichst wenigen Personen vernommen werden konnten. Während ihrer ganzen Zeugenaussage wurde sie wieder und wieder ermahnt, „frei mit der Sprache" herauszugehen und ohne Zögern und rückhaltlos zu antworten, statt sich Zeit zu nehmen, um sich ihre Antworten auszudenken, wozu sie eine starke Neigung zeigte. Alles in allem war sie ein schlechter Zeuge, von allen der schlechteste. Selbst die ängstliche Mrs. Mann hatte nicht so viel Mühe gemacht. Wenn man nicht schon einigen Verdacht gegen das Mädchen gehabt hätte, ehe sie vor dem Richter stand, so würde ihr Wesen und die Art, wie sie antwortete, hinreichend gewesen sein, diese Stimmung in allen hervorzurufeu, die sie ihre Aussage «blegen hörten und sahen. „Sie sind, wie ich glaube, die Mchte von Mr. George Claris? Und Sie waren zugegen als der Streit zwischen dem Verstorbenen und Mr. Clifford King stattfand?" „Es gab keinen Streit. Jem Stickels griff ihn unversehens an. Er stieg durchs Fenster mit einem Messer nach ihm. Er verwundete ihn meuchlerisch." „Und Mr. King schlug ihn wieder?" „Nein. Ja. Wenigstens packte er ihn und schleuderte ihn von sich." „Warf ihn tatsächlich zu Boden?" „Ich weiß nicht, ob er das wirklich beabsichtigte.^ „Tatsächlich aber fiel der Verstorbene zu Boden und lag betäubt da?" „Er schlug mit dem Kopf an den Fenstersims." „Ja. Kennen Sie den Grund, weshalb der Verstorbene Mr. King anfiel?" Nell gab kerne Antwort. „Ich bedaure, auf eine Antwort dringen zu müssen. Bedenken Sie, daß es durchaus nichts Unehrenhaftes für eine Dame ist, der Gegenstand der Eifersucht von zwei heißblütigen jungen Männern zu sein. Ich! glaube, es ist eine nicht zu bezweifelnde Tatsache, daß Jem Stickels, der Verstorbene, eifersüchtig auf Mr. King war und daß es der Anblick von Mr. King zusammen mit Ihnen gewesen ist, was ihn reizte, einen Nebenbuhler zu überfallen, den er, mit Recht oder nicht, für begünstigter, als sich selbst hielt?" Nell platzte mit einer hastigen Antwort ohne Zusammenhang heraus. „Nein, es war nicht das. Er war's nicht. Er könnt' es nicht sein. Er war keineswegs eifersüchtig. Ich haßte Jem Stickels immer und er wußte oas auch. Wie hätt' er auf mich wohl eifersüchtig sein können, da ich ihn verabscheute?" Und zum ersten und letzten Male im Laufe ihres Verhörs war Nells Stimme laut genug, um im ganzen Saale vernommen zu werden, als sie diese furchtbar, bloßstellenden Worte hervorstieß. Als sie sie gesagt hatte und mit weit aufgerissenen blauen Augen den Coroner anstarrend dastand- ging eine große Welle des Entsetzens über die Versammlung hinweg, und die Geschwornen alle ohne Ausnahme bangten für ie. Sie hatten alle den wüsten Fischer gekannt; sie alle ühlten die Tiefe des Widerwillens, der zwischen diesem eingebildeten jungen Mädchen und ihm bestanden haben mußte. Und während sich ihrem Geiste die Folgerung aufzwang, daß sie gewaltsame Mittel ergriffen hätte, um sich von ihm und seiner Verfolgung zu befreien, hätten sie doch viel darum gegeben, wenn sie im stände gewesen wären, die Sache zu vertuschen. Denn während der so frei ausgesprochene Haß einen Grund und fast eine Entschuldigung für das Verbrechen darlegte, schien anderseits ihr furchtloses Bekenntnis dieses Gefühls, jetzt, da es so sehr in ihrem Interesse lag, 258 es zu verbergen, den Beweis zu liefern, daß sie in einem Gemütszustands war, in dem sie kaum als verantwortlich für ihre Handlungen betrachtet werden konnte. Inzwischen nahm die Untersuchung ihren Fortgang. „Nun gut", hob der Coroner wieder an, indem er den verfänglichen Gegenstand fallen ließ und unter der absichtlichen Trockenheit des Tons seine Teilnahme zu verbergen suchte, „Sie begaben sich nach des Obersten Bostal Hause und Sie und Miß Bostal gingen zusammen in die Wohnung dieses Jem Stickels, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen?" Hier aber strauchelte sie aufs neue an der Gelegenheit vorbei, die ihr gegeben war, sich zu rechtfertigen. „Ich wünschte gar nicht zu gehen. Miß Theodora nötigte mich dazu", sagte sie. „Nun, Sie gingen doch jedenfalls mit und sahen ihn und sprachen mit ihm?" „Nein, ich! sprach nicht mit ihm". „Nun, Sie sahen ihn aber — oder nicht?" „Nein, ich möcht' ihn nicht ansehen. Ich hörte ihn, und nichts weiter." „Sie hörten ihn zu Miß Bostal sagen, er gehe nach Stroan." Ein Ausdruck von Furcht glitt plötzlich über des Mädchens Gesicht, was die Geschwornen, Mann für Mann veranlaßte, sie noch aufmerksamer als vorher ins Auge zu fassen. „Ja." Die Antwort wurde geflüstert. „Und natürlich bemerkten Sie nicht, ob er sich in seinem gewöhnlichen Gesundheitszustand befand oder nicht?" „Ich bemerkte es nicht." „Natürlich nicht. Dann gingen Sie mit Miß Bostal nach des Obersten Bostal Haufe zurück?" „Ja." „Gaben Sie irgendwie acht aus die Zeit? Können Sie uns sagen, welche Zeit es war, als Sie das Haus erreichten?" ^Auch nicht ungefähr?" ^Selbst nicht aus die Stunde?" „Nein." „Und was taten Sie, als Sie ins Haus kamen?" „Ich weinte." „Wo? In der Küche?" „Ja, wie ich glaube, ich erinuere mich kaum." „Miß Bostal verließ Sie, um hinaufzugehen und etwas an ihrem Kleid auszubessern. Erinnern Sie sich dessen?" „Stein. Doch ja, ich glaub' es zu tun." „Nun, ich wünsche nicht, Sie zu verwirren, aber ich möchte, daß Sie sich's überlegen, ehe Sie mir antworten. Was taten Sie, als Miß Bostal Sie verlassen hatte, um hinaufzugehen?" „Ich — ich — ich ging in die Küche." „Und Sie weinten da?" „Ja." „Und können Sie mir sagen, wie lange Sie da saßen und weinten?" „Nein." „Sie machten unverweilt Tee? nicht?" Eine Pause. Der Coroner fuhr fort: „Versuchen Sie sich zu erinnern. Es geschah, wie Sie wissen, erst gestern. Miß Bostal sagt. Sie hätten den Tee hereingebracht — ins Speisezimmer herein. Erinnern Sie sich, das getan zu haben?" „O — O ja." „Und sahen Sie da an die Uhr? Erinnern Sie sich?" „Nein, ich erinnere mich nicht." „Sie fanden Miß Bostal im Speisezimmer. Mit was war sie beschäftigt?" „Sie machte Feuer an." „Ja und Sie — waren die ganze Zeit in der Küche gewesen, nachdem sie Miß Bostal verlassen hatte?" „Ja." „Sie waren keinen Augenblick außerhalb des Hauses?" Diese Frage beantwortete Nell sofort. ,£) nein." „Sind Sie dessen ganz sichert „Ganz sicher." „Wünschen Sie, meine Herren, diesem Zeugen noch einige Fragen vorzulegen?" fuhr der Coroner fort, indem er sich an die Geschwornen wendete. Ein kräftiger Mann mit grauem Backenbart lehnte sich in seinem Sitze vor. „Ich! möchte Miß Claris nur gern fragen", sagte er, „ob der Verstorbene sich nicht gewisser Drohungen gegen sie bedient hätte? Es ist, bekannt, daß er gesagt habe, es getan zu haben?" Der Coroner schien ungewiß zu sein, ob> er diese Frage zulassen sollte, dock: Nell beantwortete bejahend durch eine Bewegung des Kopfes. ~,,®r gebrauchte Drohungen gegen Sie?" fuhr der Geschworene beharrlich fort. „Ja, zwar nicht gegen mich!, aber —" „Er drohte, der Polizei sagen zu wollen, wer es wäre, der die Räubereien im Hause Ihres Oheims begangen hat?" Nell wurde sehr blaß und warf auf den beharrlichen Geschwornen einen firrchtsamen Blick. „Ja, er sagte, daß er es wüßte." „Und drohte, davon Anzeige zu machen?" „Ich glaube nicht", unterbrach ihn der Coroner, „daß Sie es in dieser Weise ausdrücken sollten. Drohen ist kaum das richtige Wort. Er sagte, er wollte Anzeige machen, nicht?" „Ja", sagte Nell fast unvernehmbar. Der Geschworne, beleidigt von dem, was er für eine Abfertigung hielt, lehnte sich zurück und blickte zur Decke. Ein anderer der Geschwornen neigte sich vor: „Sind Sie mit Herrn King verlobt?" fragte er. „Wirklich, meine Herren, wir müssen uns an die Sache halten", verwehrte sich der Coroner. Doch Nell beantwortete diese Frage mit lauterer. Stimme. „Ich bin nicht mit ihm verlobt", sagte sie fest. „Das wird hinreichen, denk' ich", sagte der Coroner, der bemerkte, daß eine starke Neigung unter den Geschwornen bestand, ihre Neugier über Punkte zu befriedigen, die ganz abseits des Gegenstands der Untersuchung lagen. Und Nell erhielt die Erlaubnis- sich! von ihrem in die Augen fällenden Standort zurüctzuziehen. Miß Bostal wartete ihrer und mit sansier Hand zog sie das Mädchen auf einen Sitz neben sich nieder, wo man wenig von ihrem jetzt erröteten und erschreckten Gesicht zu sehen vermochte. „Es bleibt nur noch ein einziger Zeuge übrig", fuhr der Coroner gegen die Jury gewendet fort. „Es ist der zweite der Aerzte, die zur Leichenbesichtigung zugezogen worden sind." „Ist nicht Mr. King vorzufordern?" fragte einer der Geschwornen. „Er ist unfähig, zu erscheinen. Ich habe hierüber ein ärztliches Zeugnis. Doch halte ich- nach den gemachten Zeugenaussagen sein Erscheinen kaum noch für wesentlich." „Nun, ich halte es doch für sehr wesentlich", entgegnete einer der Geschwornen. „Es ist bekannt, daß er einen Streit mit dem Verstorbenen gehabt —" „Es kann bewiesen werden, daß er zur Zeit des Todes krank im Bette lag", sagte der Coroner. „Er war so bedeutend verletzt worden, daß er von dem Augenblick an überwacht wurde, in dem er ohnmächtig niederfiel, nachdem er den Verstorbenen von sich gestoßen hatte." , ,Gut, doch gebe ich zu bedenken, ob wir davon nicht durch gerichtliche Zeugenaussagen Beweise haben müßten. Wenn ein Mensch tot aufgefunden wird, mit einer Kugel im Kopf —" Er brach kurz ab, da seine Aufmerksamkeit, wie die jeder andern Person im Gerichtshof, durch einen Schrei, eine Bewegung Nells aus sich gezogen wurde. Aus- pringend stieß sie einen ächzenden Klageton aus, woraus ie mit einem raschen, furchtsamen, starren Blick um sich her, auf ihren Sitz niedersank. Ein Summen und Zischeln entstand, die von der lauten Aufforderung „Ruhe!" gedämpft wurde, als der zweite Arzt aufgerufen und vereidigt ward. Seine Aussage war nur der Widerhall des Zeugnisses, seines Amtsbruders und wurde von dem überfüllten Gerichtshöfe kaum beachtet, der von diner stärkeren Aufregung ergriffen war. 259 und ihre Wäre Thermen, uns doch Tie Thermen sind noch heute vielleicht die großartigsten Denkmäler der damaligen Architektur. Die mächtigen Kreuzgewölbe, welche den Mittelpunkt der Thermen bildeten, sind häufig einfach in ein christliches Gotteshaus umgewandelt worden. Noch in den Trümmern staunt man über die Pracht und Zweckmäßigkeit, mit welcher dereinst diese Anlagen aus- gestattet waren. Neben den kalten, warmen und heißen Bädern gab es riesenhafte Schwimmbassins, elegante Erfrischungsräume, mächtige Hallen, deren Nischen mit den herrlichsten Statuen gefchmüar waren, dazwischen weite freie Plätze zu gymnastischen Hebungen, Gartenanlagen mit lauschigen Winkeln und edlem Marmorwerke! Alkes zeugt von dem raffinierten Luxus der ließet* kultur. Dieselben Menschen aber, die hier zur Erholung, zum Sport, zu geistreichem Geplauder zusammen kamen. Menschen sind die Tinge, welche ihre Erholung Freude ausmachen. uns von den Römern nichts erhalten als die das Colosseum und der Cir8us, so könnten wir Ein sicherer Gradmesser für die Kultur und das Seelenleben der eine ziemlich genaue 'Borstellung ihrer Art und ihres Lebens machen. Unter heiterem Himmel. Rom. (Nachdruck verboten.) Rom liegt hinter mir wie ein Traum. Man würde Jahre ernsten Studiums gebrauchen, um hier nur einigermaßen zu Hause zu sein. Lies Benvenuto Cellini, die Ge* schichte der Päpste von Ranke, Lucretia Borgia und die sämtlichen römischen Schriften von Gregorovius, Rom von Zola, Transformation von Hawthorne, der Convertit von Richard Boß, nimm als Cicerone etwa Amelungs „Wanderungen durch die Antiken" oder „Bom alten Rom" von Eugen Peters. Nimm außerdem Deinen Homer als bestes Hilfsmittel zur lebendigen Auffassung der Antiken — lies das alles und Du lernst viele interessante Seiten der ewigen Stadt kennen, nur gieb Dich der Täuschung hin, damit das ganze Rom erschöpft zu haben. Jahrtausende richten sich hier vor Dir auf, Fäden führen von hier hinüber nach Afrika, nach Griechenland, nach dem Orient — von allen Kulturen, Nus allen Jahrhunderten sind hier Ueberreste abgelagert. Fühlst Du Dich in Florenz sofort zu Hause durch das intensive Erleben einer bestimmten geschichtlichen Periode, so sühlst Du Dich hier zunächst verloren den tausendfachen, zum teil scharf entgegengesetzten Eindrücken gegenüber. Erst allmählich lernst Du unter dem Getriebe des modernen Lebens die Pulsadern längst vergangener Kulturen herausfinden. Ein paar Monate sind eine zu kurze Zeit, als daß Du an ein planmäßiges Studium der reichen Eindrücke denken dürftest, die sich auf Schritt und Tritt Dir bieten. Du wendest Dich Deinem besonderen Steckenpferde zu und suchst im übrigen zu erhaschen, so viel Dir möglich ist. Du willst von meinem besonderen Leben hören? Fast glaube ich, man hört auf, in Rom ein besonderes Leben zu führen. Die kleinen Tagesinteressen treten zurück, der Blick schaut einzig nach dem „ehemals und einstmals". Ich war verschiedentlich auf dem Palatiu, durchstreifte die Trümmer der alten Kaiserpaläfte, die verwilderten Gärten mit den malerischen Fontänen, idj schaute von hier aus hinüber nach dem Colosseum und nach dem Circus maximus. Ich ließ mir vom Führer erklären, daß früher eine Treppe direkt vom Palatin hinab in das Forum führte zum Tempel der Bestalinnen. Ob da nicht die chronique scandaleuse des alten Rom oftmals ihre Fäden spann zwischen dem Kaiserpalast und dem atrium der Vesta? Und doch, wenn wir die schönsten der erhaltenen Porträtbüsten der Bestalinnen im Thermen-Museum betrachten, so scheint dies edle Antlitz mit der hoheitsvollen milden Ruhe, dem Hefeu Verstehen des klaren Blickes über allen Klatsch der Menge erhaben. Wie Wotan zur Erde — so mögen die stolzen römischen Imperatoren zur heimischen Norue gepilgert sein, Rat und Mrbitte heischend bei verzweifelten Schicksalswendungen. Tas Colosseum sowohl wie das Forum mit seinen Tempeln und Triumphbogen, seinen heiligen Straßen und Klosteranlagen habe ich zu allen Tageszeiten durchforscht, hake sie beim Mvndenlichte und bei bengalischer Beleuchtung gesehen. Die Ansprache des Coroners an die Jury war sehr kurz und ließ, mehr Zweifel in der Seele des Coroners erkennen, als in der seiner Zuhörer vorhanden waren. Nachdem sich die Geschwornen zurückgezogen hatten, erhob das Gemurmel sich mehr und mehr und die aufgeregte Erörterung des wahrscheinlichen Wahrspruchs, obschon etwas zurückgehalten durch die Gegenwart Nells, die wie eine Bildsäule zur Seite Miß Bostals saß, war zu einem lauten Getöse gewachsen, schon lange ehe die Jury in den Gerichtshof zurückkehrte. Als sie ihre Sitze einnahm, war das Getöse plötzlich einer lautlosen Stille gewichen, in der die Stimmendes Coroners deutlich vernehmbar war, der sie befragte, ob sie sich wegen des Wahrspruches geeinigt hätte. In wenigen Minuten hatte sich die Nachricht aus dem Saal zu der aus dem Marktplatze draußen harrenden Menge verbreitet, daß der Wahrspruch gelautet hatte: „Vorsätzlicher Mord, verübt von einer oder mehreren unbekannten Personen." 16. Kapitel. Die Idee Hemmings. Als Miß Bostal nach Schluß des Verfahrens sich zu Nell wendete und sie bat auszustehen, und mit nach, Hause zu gehen, ivar diese ohnmächtig. George Claris, der während des Verhörs nicht bei seiner Nichte gewesen war, sondern mit verschränkten Armen allein in einem Winkel gestanden und mit Stirnrunzeln den Gang des Verhörs verfolgt hatte, kam auf die gebieterischen Winke Miß Bostals herbei. „So sehen Sie doch, Mr. Claris, das arme Kind ist ja ohnmächtig", rief fte über seine Gleichgiltigkeit ganz erstaunt. „Ich sehe es ja", erwiderte er kurz mit kaltem Kopfnicken. „Das arme, kleine Ding! Der Schrecken ist zu viel Sr die Arme gewesen", fuhr die Dame fort, indem sie ells Mantel rasch ausknöpfte, und ihr das Kleid vorn freimachte. „Mn Glas Wasser, wenn jemand die Güte hat. Und drängen Sie nicht so heran. Lassen Sie ihr fo viel Lust wie möglich zukommen." Als das Mädchen, dank der Bemühungen Miß Bostals, wieder zu sich gekommen war, was nach wenig Minuten geschah, wurde sie nach dem Wagen geführt, der draußen wartete. „Nehmen Sie sie ja recht in acht", sagte Miß Bostal besorgt, als Nell ganz blaß, kraftlos und elend hineingehoben wurde. „Und wenn ich Ihnen raten darf, schicken Sie sie morgen früh mit dem ersten Zuge zu ihrer Tante nach London." George Claris, der schweigsam, sinster und im ganzen ziemlich gleichgiltig gegen seine Nichte geblieben ivar, runzelte, als er einen raschen Blick auf sie warf, die Stirn. „O, es fehlt ihr nichts", sagte er schroff, was an ihnl ganz ungewöhnlich ivar, wenn er von seinem Liebling sprach. „Sie bedarf nur der frischen Luft, um wieder zu sich zu kommen. Wie kommen Sie aber zurück, Miß Bostal? Kann ich Sie heraufheben? Wir wollen Platz für Sie machen." Er blickte Nell dabei an, in der Erwartung, daß sie ihm zustimmen und sür ihre Freundin Platz machen würde. Das Mädchön aber regte sich nicht. Der Onkel sah ärgerlich ans; Miß Theodora aber lächelte nachsichtig. „Lassen Sie sie nur allein", flüsterte sie. „Sie ist noch nicht wieder bei sich Diese elende Sache ist ihr zu viel gewesen!" , „Warum hätte es sür sie inehr als für jeden andern fern sollen?" fragte der Gastwirt hitzig. Nell wendete sich auffahrend um und ihre Augen wurden von Schrecken erfüllt, als sie denen ihres Onkels begegnete. Mrß Theodora zog ihn ungeduldig am Arm. . „ "Mauchr haßen kein Mitgefühl", sagte sie vorwurfs- Vvll. „Mern Vater ist auch so. Ihr nehmt keine Rücksicht ?uf unsre Nerven. Und doch, wenn wir sie nicht haben, b" rhr uns und nennt uns männisch und unliebens- würdrg. O Mr. Claris, ich hätte das nie von ihnen ge* Klaubt. Neu, wahrhaftig nicht. Ich habe ost gedacht, daß ^lfte Zärtlichkeit für NeÜ ein Muster der Nachahmung sür andre Manner in der Behandlung der Manen wäre." (Fortsetzung folgt.) 260 Redaktion: Angust Götz. — Rotationsdruck und Verla-, der Brühl'schen Uuiversitats.Buch- und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. uralten Denkmäler zerstörte, um dem neuen gewaltigen Christengotte Wohnstätten zu bereiten oder ob die Römer im allertiefsten Herzensgründe immer mehr heidnisch als christlich geblieben sind? Ich weiß nicht, woran es liegt, jedenfalls aber weht ein heidnischer Hauch- durch- die meisten römischen Kirchen. Du fragst verwundert „und die Peterskirche?" Die wirkt zunächst niederdrückend in ihren ungeheuren Größenverhältnissen; hat man sich- damit vertraut gemacht, so verehrt man bewundernd und staunend den Menschengeist, der in strengen Formen eine derartige Verkörperung der Unendlichkeit zu schaffen verstand. Wer der heilige Schauer, welcher Dich in der Kirche des heiligen Franz zu Assisi umfängt, bleibt Dir an diesem Einigungspunkte der katholischen Christenheit fern. In St. Clemente, wo ich die Fresken Masaccios bewunderte, erlebte ich übrigens einen improvisierten Gottesdienst, der mich geradezu erschütterte. Einige hunderte von Pilgern wurden von einem Priester zu verschiedenen Altären und Reliquien geführt. Plötzliche stand die ganze Schar barhäuptig und mit gefalteten Händen vor dem Hauptaltare und in deutschen Lauten schallte das „Vater unser" wie ein gewaltiger Chor zu den Wölbungen der Kirche empor. Noch eine schöne Erinnerung knüpft sich für mich an St. Clemente. Mnes Tages in der Fastenzeit war die Unterkirche, eine alte christl. Basilika aus dem 3. Jahrh. n. Chr., an deren Wänden sich Fresken aus sieben Jahrhunderten befanden, vollständig erleuchtet. Die Unter- Arche, z. T. durchs den viel späteren Bau der Oberkirche verschüttet und verbaut, hat im allgemeinen den düsteren Charakter einer Krypta. Jetzt aber waren alle Nischen und Altäre in einen Blumenhain umgewandelt, alles strahlte von Kerzen und für kurze Stunden war die sonst vereinsamte Stätte ihrer früheren Bestimmung zurückgegeben. (Schluß folgt.) konnte man einige Stunden darauf im Colosseum oder im Cirkus treffen, den blutigen Kämpfen der Gladiatoren zu- schauend. Vertiefst Du Dich dann einmal in die Reliefs der Triumphbögen oder besuchst Du die Engelsburg oder einige andere römische Grabdenkmäler, wanderst Du stundenlang an der alten Stadtmauer entlang oder verfolgst Du auf Deinen Wanderungen durch die Campagna die mächtigen Bogenreihen der alten Wasserleitungen — so, ersteht vor Deinem Geiste ein Geschlecht, bei dem alles sich ins Titanenhafte steigerte, ein Geschlecht, bei dem Wille zur Macht und stolze Selbstverherrlichung so kräftig ausgebildet waren, daß zartere Regungen sich daneben kaum behaupten konnten. Durch Heeresgewalt und gleißendes Gold wußten sie sich zu eigen zu machen, was je in fernen Landen Herrliches geschaffen worden oder sie zwangen fremde Künstler in ihren Dienst, nicht aber vermochten sie die Kunst, die hehrste Göttertochter, zu zwingen, in ihrem Lande heimisch zu werden. Andere Zeiten dämmern herauf und andere Geister werden lebendig, wenn man das etruskische oder das christliche Museum oder die Katakomben durchwandert. In Rom und in Perugia gewinnt man vielleicht die lebendigsteAnschauung von der künstlerischen Worstellungswetse der alten sagenhaften Etrusker. Bei aller Verschiedenheit zwischen ihrer Gedankenwelt und derjenigen der altchristlichen Kunst rührt niich in beiden immer wieder das Stammeln in Beziehung auf die äußeren Ausdrucksmittel bei der tiefen Innerlichkeit der Ideen. Der Gang durch die Katakomben wirkte unheimlich und höchst malerische Es wurde gerade ein Pilgerzug hindurchgeleitet. Alle hatten sich mit Fackeln versehen. Während mein Führer und ich fast ganz im Dunkeln waren, und bei dem dürftigen Lichte einer Kerze bald kapellenartige Höhlen, bald Ueberreste alter Fresken an den Wänden sichtbar wurden, tauchte auf dem hügeligen Terrain in den engen Gängen von Zeit zu Zeit geheimnisvoll die Schar der Pilger mit ihren Fackeln auf wie Geister längstverschollener Zeiten und Mären. Tu mutzt nicht glauben, daß ich planmäßig erst das Rom des Kaiserreiches, dann etwa die Ueberreste der späteren Kulturen durchstöbert hätte. Wie gesagt, das wäre unmöglich gewesen bei der kurzen Zeit, den weiten Entfernungen und den nur an bestimmten Tagen geöffneten Sammlungen. Heute vertiefte ich mich in die Entwickelung der Mosaiken in den Kirchen, morgen besichtigte ich irgend eine Gallerie tf&er durchwanderte die Gartenanlagen um die Villa Borghese oder die Villa Tora pamphilie mit ihren blumenübersäten Wiesenflächen, ihren murmelnden Quellen, ihren schattigen Baumgruppen und den köstlichen alten Denkmälern. Einmal lustwandelte ich im Garten des Vatikans und sah voller Ehrfurcht das schlichte Gartenhaus, in das der greise Papst sich gern zu Erholung und stiller Arbeit zurückziehen soll, das andere Mal sah ich bei feierlichem Empfang den heiligen Vater selbst, wie er in altmodischer Sänfte, umgeben von seinen Kardinälen, in feierlichem Pompe zum Altäre geleitet wurde, um den Segen über die Menge auszusprechen, die tausendstimmig ihm zujubelte, zuschluchzte: Evviva il papa. Manchen Streiszug habe ich mit Freunden in die Campagna unternommen. Mit ihrer wellenförmigen Ebene, den vielen Ruinen in den lauggezogenen Mleen von Eukalyptus- käumen zeigt sie ein eigentümlich schwermütiges Gepräge. Wenn man die Schafhirten sieht mit ihren mit Lammfellen umtvickelten Beinen, denkt man an die Faungestalten Böck- lins. Im Glanze der Wendfonne saß so ein bockbeiniger Geselle, die Flöte blasend, auf dem Gipfel eines weich- abfallenden Hügels, während seine zottigen Untertanen friedlich am Abhange weideten. Scharf zeichneten sich die Umrisse der Gestalten in der klaren Luft ab und kosend warf die Sonne ihren goldenen Schimmer über Hirt und Herde. Das gab ein Bild, das eines Segantini wert gewesen wäre! In der Campagna — ich erinnere nicht mehr Ben Namen — sah ich auch die einzige Kirche, die umgeben von Cypressen und Lorbeerbäumen in ihrer Schlichtheit wirklich die Vorstellung eines Gotteshauses weckte. Sonst erging es mir ganz eigen mit den meisten Kirchen Roms. Mit Ausnahme vielleicht von S. Maria in Trastevere sind sie alle viel zu gewaltig, überladen oder prächtig, um das innige Sichversenken in die Gottesidee zuzulassen. Ob die heidnischen Götter sich dafür rächen, daß man ihre (Nachdruck verboten.) Mein Kind, präg' diese Lehre tief dir ein: Noch bist du —, nicht immer wirst du's sein. Du bist —, nicht nach dem Einst zu fragen. Doch denk, einst wirst du —, kühl fließt dein Blutf WaS du — im Jngendübermut, Wird dann als Borwurf dir am Herzen nagen. (Auflösung in nächster Nummer.) Vermiete». * Vom Grafen Haeseler erzählt die „Stratzb. Post" aus Anlaß! seines Jubiläums folgende militärische Episode: Der Umstand, daß Graf Haeseler unermüdlich tätig, war, sich selbst davon zu überzeugen, ob man seinen Intentionen gemäß arbeitete, hat viel dazu beigetragen, daß die Ausbildung innerhalb des 16. Armeekorps eine so gleiche mäßige und einheitliche geworden ist. Sein größtes Augen- merk war darauf gerichtet, die jungen Soldaten nach ihrem Dienstantritt zu denkenden Menschen zu erziehen, die mit Ueberlegung die Befehle ausführen und nicht nur dem toten Buchstaben nach mechanisch. So sagte der Kommandierende einst zu einem Dragoner: „Reiten Sie nach jener Höhe dort, wo der Baum steht, und kommen Sie dann hierher zurück. Einen Augenblick zauderte der Mann, denn er war sonst gewöhnt, einen bestimmten Auftrag zu erhalten. „Bekomme ich keinen Auftrag, Exzellenz?" fragte er schließlich. „Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe, war die kurze Antwort. Nach! etwa 20 Minuten kehrte der Mann zurück. „Sind Sie auf der Höhe gewesen?" — „Zu Befehl, Exzellenz." — „Was für ein Baum steht dort?" — „Das weiß ich nicht, Exzellenz." — Die Stirne des Kommandierenden furchte sich. Mehr mißmutig als ärgerlich- sagte er: „Ich hatte Ihnen absichtlich keinen besonderen Auftrag gegeben! Wenn ich sage: „Reiten Sie nach! dem Baum", so ist es selbst- verständlichj, daß man sich ihn ansieht." Darauf zog der Reitersmann einen Zweig aus dem Stiefelschaft und sagte: „Da ich: den Baum nicht kannte, habe ich dieses mitgebracht, Exzellenz!" Man kann sich die Erheiterung der Umstehenden denken. Wer auch der Kommandierende lachte herzlich „Famos, mein Sohn, es ist ein Birnbaum", sagte er und gab dem überraschten und erfteuten Meldereiter einen Taler. _____