Nr. 3S. 1903. W iiibi I» W L (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Morl E. W. Hornung. Autorisierte tlebersetzung aus dem Englischen «r. Von F. Mangold. / (Fortsetzung.) ■ f IV. Le premier pas. An demselben Abend erzählte ec ,uir die Geschichte seines ersten Verbrechens. Seit beut verhängnisvollen Morgen in ben Iden des März, wo er es als einen unbekannt gebliebenen Zwischenfall einer Cricketreise erwähnt hatte, war es mir nie gelungen, Raffles ein Wort über den Gegenstand zu entlocken. Nicht, bas; ich es an Versuchen hätte fehlen lassen, allein dann betrachtete er kopfschüttelnd die Rauchwolken seiner Zigarette und eilt halb cynischer, halb trauriger Blick erschien in seinen Augen, als ob die Tage der Ehrlichkeit, die entschwnnben waren, doch auch ihre guten Seiten gehabt hätten. Raffles machte Pläne zu einer neuen Abscheulichkeit ober schwelgte mit der unverminderten Begeisternng eines Künstlers in ber Erinnerung an die letzte. Hinter diesen unverhohlen selbstsüchtigen und ansteckenden Freud en ausbrüchen eine einzige Regung von Gewissensbissen zu entdecken, war ein Ding der Unmöglichkeit, und doch schien ihn bei der Erinnerung an sein erstes Verbrechen der Schatten einer toten Reue heimzusuchen, sodaf; ich die Hoffnung, die Geschichte zu erfahren, schon lange vor unserer Rückkehr von Milchester aufgegeben hatte. Allein es lag Cricket in ber Luft, und ber Reisesack, worin Raffles seine Cricketgeräte mitzunehmen pflegte, lag ivieber an seinem gewöhnlichen Platze, aber so, hast man einen Gepäckzettel sehen konnte, ber beit Namen einer Stabt im fernen Osten zeigte. Auf diesem Zettel hatten meine Augen eine zeitlang geruht, und seine, wie ich glaube, auf den meinen, denn plötzlich fragte er mich, ob ich noch immer so begierig sei, die Geschichte zu hören. „Was kann mich das nützen?" erwiderte ich, „Du erzählst sie mir ja doch nicht, und ich must sie mir allein mtsmalen." „Wie kannst Du denn das?" „O, ich fange an, Deine Methode zu durchschauen." „Du glaubst also, ich sei mit offenen Augen zu Werke gegangen, wie ich das jetzt tue?" „Daß Du anders zu Werke gegangen sein sollst, kann ich mir nicht vorstellen." „Mein lieber Bunich, es geschaht so unabsichtlich, als »ur je etwas in meinem Leben." Sein Stuhl rollte bis an deu Bücherschrank zurück, als er mit plötzlicher Energie aufsprang, und seine Augen funkelten vor Entrüstung. „Das kann ich nicht glauben", erwiderte ich schlau. „Einer so armseligen Schmeichelei bin ich nicht fähig." „Dann bist Du ein Dummkopf . . . ." Er brach, ab und sah mich mit einem harten Blick an, konnte aber gleich darauf, sich selbst zum Trotze, ein Lächeln nicht unterdrücken. „. . . . ober ein besserer Spitzbube, als ich glaubte, Bunny, und, so wahr ich lebe, es ist der Spitzbube! Na, es wird wohl nichts helfen, und so mag's drum fein. Ich habe nämlich wirklich selbst an die Geschichte gedacht, denn der Spektakel ber letzten Nacht erinnert mich in mancher Hin-, sicht daran, aber dies ist jedenfalls eine besondere Gelegen-, heit, die ich dadurch feiern will, daß ich gegen meine einzige gute Lebensregel fündige: ich werde ein zweites Glas Der Whisky gluckste, das Sodawasser brauste, das Eis klirrte int Glase, und daun erzählte mir Raffles in feiner bunten Hausjacke, die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern, die Geschichte, die zu hören ich längst die Hoff-, ituitg aufgegeben hatte, Die Fenster standen weit offen, und als er begann, drang das Brausen des Verkehrs von Piccadilly herein, aber lange bevor er geendet hatte, waren die letzten Räder vorbeigeraffelt, war der letzte Ruhestörer zum Schweigen gebracht, und wir allein unterbrachen die Stille der Sommernacht. „. . . . Nein, sic behandeln einen sehr gut, man bezahlt, sozusagen, nur die Getränke, aber die meinen waren etwas reichlich bemessen, und dazu kam, daß ich von Anfang an in einer Klemme steckte, sodaß ich von Rechts wegen die Einladung hätte ablehnen sollen. Daun begaben wir uns alle zu dem Wettkampfe, der um beit Becher von Melbourne ausgefochten wurde. Ich hatte ben sicheren Gewinner aus meiner Seite, der jedoch natürlich nicht gewann, aber das ist nicht bie einzige Art, wie man sich in Melbourne zum Narren machen kann. Damals ivar ich noch nicht der gesetzte alte Herr, ber ich jetzt bin, Bunny, allein die mtbereu wußten nicht, wie tief ich brüt steckte, und ich gelobte mir selbst, daß sie es niemals erfahren sollten. Zuerst versuchte ich es bei bett Juden, allein die sind da draußen ganz besonders zäh. Dann entsann ich mich eines Verwandten, einer Art von entfernten Vetters meines Vaters, von dem keiner von uns etwas wußte, ausgenommen, daß er sich in einer unserer Kolonien aufhalten sollte. Stellte es sich heraus, daß er reich war, so war alles schön und gut und ich konnte mich an ihn machen; wenn nicht, nun, dann war ich noch nicht schliinnter daran, als vorher. — Ich suchte feine Spur zu entdecken, und das Glück fügte es, daß ich sie fand (ober gefunden zu haben glaubte), als' ich zufällig ein paar Tage für mich hatte, denn eine Ber--, letzung an der Hand verhinderte 11114 gerade vor beut großen Weihnachtswettkampf am Spielen. „Der Arzt, der mich behandelte, fragte mich nämlich, ob ich mit dem Raffles von den Natvonalbank verwandt sei, und ick; ivar so bass über dieses Glück, daß mir de« — 130 Atem stockte. Mein Verwandter ein hoher Angestellter bei einer von den Banken, der mir schon auf meinen bloßen Namen hin ntt8 allen meinen finanziellen Nöten heraus- helfen ivürde — konnte ich mir etwas besseres wünschen? Daß dieser Raffles der von mir gesuchte sei, stand sofort bei mir fest, und ich war furchtbar enttäuscht, als ich gleich darauf hörte, daß er durchaus fei» höherer Beamter war. Der Doktor hatte ihn auch niemals gesehen, sondern seinen Namen nur bei Gelegenheit eines mit dem kleinen vorstädtischen Zweiggeschäft, das mein Namensvetter leitete, in Verbindung stehenden Vorfalls in der Zeitung gelesen. Ein bewaffneter Einbrecher war von diesem Raffles mit großem Mute und einer Kugel im Leibe verjagt worden, und das war da draußen ein so alltägliches Vorkommnis, daß dies das erste Wort war, das ich darüber hörte! Ein vorstädtisches Zweiggeschäft! Mein Finanzier war zu einem braven Burschen zusammengeschrumpft, der eine Stelle zu verlieren hatte, wenn er seine Seele sein eigen nannte. Indessen — ein Geschäftsführer war immerhin ein Geschäftsführer, und ich erklärte, ich wünsche mich zu überzeugen, ob er der Verwandte sei, den ich suchte, und ob der Herr Doktor so freundlich sein wolle, mir die Firma des Bankgeschäftes zu nennen? „Ich will noch mehr tun", entgegnete er, „ich werde Ihnen die Adresse des Zweiggeschäftes verschaffen, an dessen Spitze er jetzt steht, denn ich meine gehört zu haben, daß er befördert worden sei. Am folgenden Tage bezeichnete er mir die einige fünfzig Meilen nördlich von Melbourne gelegene Stadt Ma, allein mit der Unbestimmtheit, die alle seine Mitteilungen kennzeichnete, konnte er mir nicht sagen, ob ich meinen Verwandten schon dort treffen würde, lobet nicht. „Er ist unverheiratet und die Anfangsbuchstaben seines Vornamens find W. F.", sagte der Doktor, der über nebensächliche Punkte ziemlich genau unterrichtet war. „Seine alte Stelle hat er vor ein paar Tagen verlassen, aber wie es scheint, tritt er seine neue erst Neujahr an. Ohne Zweifel wird er aber schon, vorher dort eintreffen, um die Geschäfte zu übernehmen und sich einzuarbeiten. Vielleicht finden Sie ihn dort schon, vielleicht auch nicht- An Ihrer Stelle würde ich zunächst einmal schreiben." „Dadurch verliere ich zwei Tage und mehr, falls er noch nicht dort ist", antwortete ich, denn ich war sehr begierig nach der Bekanntschaft dieses ländlichen Geschästs- sührers geworden, und ich hatte das Gefühl, daß es meinen Zwecken sehr förderlich fein würde, wenn ich ihn noch während feiner Ferien träfe und gemütlich mit ihm Verkehren könne. „In dem Falle", erwiderte der Doktor, „sollten Sie sich ein rnhiges Pferd besorgen und reiten. Dabei können Sie die verletzte Hand schonen." „Kann ich denn nicht mit der Bahn fahren?" „Vielleicht, vielleicht auch nicht, aber reiten müssen Sie immer noch eine Strecke. Sie können doch wohl reiten?" „Ja." „Dann würde ich auch den ganzen Weg retten. Die durch Whittlesea und die Plentyberge führende Straße ist ganz wundervoll. Sie wird Ihnen eine Vorstellung vom Busch geben, Mr. Raffles', und Sie werden die Quellen sehen, die unsere Stadt mit Wasser versorgen, denn es klommt bis zum letzten Tropfen aus dem klaren Pan 9)ea. Ich wollte, ich hätte Zeit, Sie zu begleiten." „Aber, wo soll ich denn ein Pferd herbekommen?" Der Doktor überlegte einen Augenblick. „Ich habe selbst eine Stute, die so fett ist, als eine Schnecke, weil es ihr an Bewegung fehlt", sagte er endlich, „und es wäre ein Werk der christlichen Nächstenliebe gegen mich, sie mal hundert Meilen laufen zu lassen, und dann wäre ich auch sicher, daß Sie nicht in Versuchung geraten würden, Ihre Hand zu gebrauchen." „Sie sind wirklich! zu liebenswürdig", wandte ich ein. „Sie sind ja A. I. Raffles", antwortete er einfach. „Wenn jemals eine feinere Schmeichelei gemacht worden ist, und wenn es jemals ein schöneres Beispiel selbst kolonialer Gastfreundschaft gegeben hat, so kann ich nur sagen, Bunny, daß sie mir unbekannt geblieben sind. Mit einiger Mühe gelang es mir, ein paar eigenhändige Zeilen an W. F. zu schreiben, woraus Du ersehen wirst, daß meine Verletzung nicht sehr bedeutend war. Ich hatte nur den dritten Finger gebrochen, weshalb er in einem Gipsverband steckte. Am nächsten Morgen schickte mich der Doktor mit einem Tier auf Reisen, das für einen Krankenwagen gepaßt hätte. Die Hälfte der Cricketspieler kam, mir Lebewohl zu sagen, während die anderen ärgerlich waren, weil ich nicht blieb, um Zeuge zu fein, wie der Wettkampf endete, als ob ich ihnen durch Zusehen hätte zum Siege verhelfen können. Sie wußten nichts von dem kleinen Spiel, das ich für mich selbst plante, aber noch weniger hatte ich eine Ahnung von dem, das ich tatsächlich spielte. Der Ritt war in der Tat ganz interessant, besonders nachdem ich bett Whittlesea genannten Ort passiert hatte, eine richtige Urwaldstadt auf bett ersten Abhängen eines! Gebirgszuges, mit dem bie Erinnerung an ein lebensgefährliches Efsen von heißem Hammelfleisch und Tee bei einer Hitze von über hundert Grab int Schatten verknüpft ist. Während der ersten dreißig Meilen bestand der Weg aus einer guten Kunststraße, aber hinter Whittlesea war er nur noch ein Saumpfad über bie Berge, ben ich häufig selbst nicht sehen konnte, sodaß ich es meinem Pferde überlassen mußte, ihn zu finden. Manchmal senkte er sich in eine Schlußt hinab, oder folgte dem Bett eines Baches, aber das Lokalkolorit war überall dick aufgetragen: Gumini- bäume in Massen und Papageien in allen Farben des Regenbogens. An einer Stelle war einem ganzen Walde von Gummibäumen die Rinde abgeschält worden, und nun sahen sie aus, als ob sie weiß angestrichen wären. Meilenweit war kein Blatt ober lebendes Wesen zu sehen, unb bas erste lebendige Geschöpf, bas mir begegnete, war ganz danach angetan, einem gruseln zu machen, denn es war ein reiterloses Pferb, bas mit auf ber Seite hängendem Sattel unb flirrenben Steigbügeln in vollem Laufe durch den Busch angejagt kam. Ohne mich lange zu besinnen, versperrte ich ihm mit ber Stute des Doktors den Weg und hielt es so lauge auf, bis ein Wann, der hinterher galoppiert kam, bas übrige besorgen konnte. „Danke, Mister", knurrte der Mann, ein großer Bursche in einem rotkarrietten Hemd und mit einem wirren Vollbart, aber einem satanischen Gesichtsausbruck. „Unfall gehabt?" fragte ich, mein Pferd anhaltend. „Ja", sagte ber andere mit einem häßlichen Blick, ber jebe weitere Frage verbieten zu wollen schien. „Der muß schlimm gewesen sein", fuhr ich trotzdem fort, „wenn das Blutflecke ftitb, bie man am Sattel sieht." „Ich mag ja selbst ein schlechter Lump fein, Bunny, aber ich glaube nicht, daß ich jemals einen Menschen so angesehen habe, wie der Kerl mich anschaute, aber ich hielt den Blick aus unb zwang den Mann, zuzugeben, daß die Flecke an bem gerutschten Sattel von Blut herrührten, und von da an wurde er ganz zahm. Er erzählte mir offen, was vorgefallen war. Einem feiner Gefährten fei beim Reiten durch den Wald von einem Ast bie Nase ein-. geschlagen worden, aber er habe sich im Sattel gehalten, bis er infolge des Blutverlustes zu Boden gestürzt fei. Ein anderer Gefährte sei noch bei dem Verwundeten im Busche. „Wie ich schon einmal gesagt habe, war ich damals noch nicht der gesetzte alte Praktikus, der ich jetzt in jeder Hinsicht — bin, und wir trennten uns ganz freundschaftlich. Er erkundigte sich nach dem Ziele meiner Reife, und als ich ihm das angegeben hatte, antwortete er mir, ich könne einen Umweg von sieben Meilen sparen und eine Stunde früher nach ?Jea kommen, wenn ich ben Saum- pfab verlasfe unb gerade auf einen Berggipfel losreite, bett wir zwischen ben Bäumen wahr nahmen, und bann einem Bache folge, den ich sehen werbe, wenn ich ben Berggipfel erreicht habe. Du brauchst nicht zu lächeln, Bunny, ich habe ja gleich zlu Anfang gesagt, ich fei in jenen Tagen noch ein Kind gewesen. Natürlich war der Richtweg weiter als ber Saumpfad, und es war fast Nacht, als die unglückliche Stute und ich die einzige Straße von Dea erblickten. Während' ich mich nach dein Bankgeschäft umsah, trat mir ein Mann in einem weißen Anzüge von einer Veranda herunter entgegen. „Mr. Raffles?" fragte er. „Mr. Raffles", antwortete ich lachend, indem ich ihm die Hand schÄttelte. Sie kommen itiät!" ,fJch bin auf einen falschen Weg gewiesen worden." „Wenn das alles ist, bin ich beruhigt", entgegnete der andere. „Wissen Sie auch, was sich die Leute erzählen? Ganz funlelnageltteue Buschklepper machten die Straße von Whittlesea hierher unsicher! Die wären aber bei ihnen wohl an den Unrechten gekommen, he?" 131 „Bei Ihnen auch", erwiderte ich, und dieses tu quoque ließ ihn verstummen und schien ihm zu denken zu geben, und doch lag mehr Sinn darin, als in seinen fchmeichel- haften Worten, denen es an jeder Pointe fehlte. „Sie werden, fürchte ich, die .Verhältnisse hier noch ziemlich unentwickelt finden", begann er wieder, nachdem er mein Felleisen abgeschnällt und die Zügel meines Pferdes seinem Knechte übergeben hatte, „und es ist ein Glück, daß Sie Junggeselle sind, wie ich." Worauf er mit dieser Bemerkung hinauswollte, war mir nicht ganz klar, da ich meine Frau schwerlich so ohne weiteres und ohne Anmeldung mitgebracht haben würde, wenn ich verheiratet gewesen wäre. Als ich eine den Um-» ständen entsprechende Antwort gab, meinte er, es würde mir schon ganz gut gefallen, wenn ich mich erst etwas eingelebt hätte, als ob er glaubte, ich wolle ein paar Wochen bei ihm bleiben. Na, was Gastfreundschaft anlangt, so schießen diese Kolonisten den .Vogel ab, dachte ich, während er mir in die Wohnräume des Bankhauses vorausging, wohin ich ihm, immer noch über meinen Empfang verwundert, folgte. „Das Essen wird in einer iBiertelstunde fertig fein", sagte er, als ivir eintraten. „Ich meinte, Sie würden zunächst gern ein Bad nehmen, und ich habe in dem Zimmer dort aut Ende des Ganges eins Herrichten lassen. Wenn etwas fehlt, rufen Sie nur. Ihr Gepäck ist, nebenbei gesagt, noch nicht angelangt, aber hier ist ein Brief an Sie, der heute morgen angekommen ist." „Doch nicht an mich?" „Ja; erwarteten Sic keinen?" „Ganz, gewiß nicht!" „Na, da ist er aber." Und als er mich mit dem Licht in mein Zimmer geleitete, las ich die von mir selbst am vorigen Tage geschriebene Adresse: An W. F. Raffles! „Bunny, Dir zu schildern, was ich in diesem Augenblick in mir vorging, als der Brief plötzlich alles klar machte, was mir bei meinem Einpfang so sonderbar vorgekommen war, ist unmöglich. Sprechen konnte ich nicht, und ich war unfähig, etwas anderes zu tun, als den Brief anzustarren, bis der Mann, der mich empfangen hatte, so taktvoll war, sich zu entfernen. „W. F. Raffles! — Wir hatten uns beide geirrt und 'jeder den andern fiir W. F. Raffles gehalten, der noch nicht angelangt ivar! Nun war es freilich nicht mehr zu verwundern, daß ivir uns gegenseitig nicht verstanden hatten, und das einzige Seltsame war, daß wir unseren doppelter Irrtum nicht schon früher gemerkt hatten. Wie der andere gelacht haben würde! Aber ich — ich konnte nicht lachen, denn für mich war, bei Gott, nichts zu lachen dabei. Wie von einem Blitze erleuchtet, stand die ganze Sache vor mir, aber diese Erleuchtung war für den einzigen Standpunkt, von dem aus ich die Angelegenheit betrachten konnte, von niederschmetternder Wirkung. Nenne mich gefühllos, wenn Du willst, Bunny, aber vergiß nicht, daß ich so ziemlich in derselben Klemme steckte, !vie Du neulich. Und daß ich aus diesen W. F. Raffles ebenso fest gerechnet hatte, als Du aus A. Ich dachte an den Mann mit dem rotkarrierten Hemd — das reiterlose Pferd mit dem blutigen Sattel — den absichtlich falschen Bescheid, der mich, von beut Saumpfad entfernt und aus dem Wege geführt hatte — und nun warfen der fehlende Geschäftsführer und die Gerüchte von Buschräubern ein eigentümliches Licht auf beit Vorfall. Allein ich will nicht so tun, als ob ich persönliches Mitleid für den Menschen gefühlt hätte, der mir ganz unbekannt war: diese Art von Mitleid ist gewöhnlich Heuchelei, und ich hatte all das meine für mich selbst nötig. Ich war so tief in der Klemme, als nur je. Was, zum Teufel, sollte ich tun? Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist. Dir die unbedingte Notwendigkeit, reichlich mit Geldmitteln versehen, nach Melbourne zurückzukehren, hinlänglich klar zu machen. Tatsächlich, war es aber weniger die Notwendigkeit, als mein Vorsatz, den ich der Wahrheit gemäß als unerschütterlich bezeichnen kann. Geld mußte ich haben — aber wie — aber wie? Würde dieser Fremde Bitten zugänglich sein, wenn ich ihm die Wahrheit sagte? Nein, das konnte nur dazu führen, daß wir beide für den Rest der Nacht die ganze Gegend- durchsucht hätten. Warum sollte ich es ihm denn sagen? Angenommen, ich überließe es ihm selbst, seinen Irrtum zu entdecken.....würde dadurch etwas gewonnen werden? Bunny, ich gebe Dir mein Wort, daß ich ohne eine bei stimmte Absicht im Kopfe, ohne eine überlegte Lüge auf den Lippen zum Essen hinunterging. Ich hätte tun können, was so nahe lag und was der Anstand erfordert hätte, indem ich ohne Zeitverlust alles erklärte, aber andererseits war das ja gar nicht so eilig. Den Brief hatte ich noch nicht geöffnet, die Ausrede, ich hätte die Anfangsbuchstaben über-, sehen, stand mir immer noch zu Gebote, und inzwischen konnte irgend etwas Vorfällen. Jedenfalls wollte ich die weitere Entwicklung noch eine Weile abwarten. Eine gewisse Versuchung fühlte ich bereits, aber sie hatte noch keine bestimmte Gestalt angenommen, und gerade diese Unklarheit ließ mich zittern. (Fortsetzung folgt.) Die Herstellung photographischer Linsen. (Nachdruck verboten.) Die wachsende Bedeutung der Photographie für künstlerische und wissenschaftliche Zwecke und der große Eifer der Amateure hat cm allgemeines Interesse für den Bau photographischer Apparate wachgerufen. Heute ist eö selbst jedem Laien bekannt, daß die Linse das wichtigste Element der ganzen Ausrüstung bildet. Der vorzüglichste Apparat mit allen modernen smnreicheu Vorrichtungen ist nichts wert, wenn tue Linse nicht von wirklich guter Beschaffenheit ist. So liegt die Frage nahe, wie denn eine erstklassige photographische Linse erzeugt wird. Nun, der Uneingeweihte dürfte sicher im höchsten Grade überrascht sein, wenn er eine der großen Werkstätten betritt und nun beobachten kann, mit welch großer Sorgfalt und Umständlichkeit das Schleifen und Polieren einer solchen Linse bewirkt wird, bis sie auch nur zum Gebrauch in einer wohlfeilen Kamera fertig ist. Die umfangreichen Operationen sind aber nicht nur ntechanischer Natur, sondern beruhen auf sehr ver- ivickelten Berechnungen, sodaß man sagen kann, die Wissenschaft habe einen Hauptanteil bei der Herstellung der Linsen. Ich möchte nachstehend, ohne mich auf mathematische und physikalische Untersuchungen einzulassen, in großen Zügen die Fabrikation der photographischen Linsen schildern. Ich habe da speziell eine der größten oder wohl auch die größte Fabrik dieser Art im Auge, welche in ihren Berliner Werkstätten 700 Personen und eine weitere große Zahl von Kräften in Newyork und Thüringen beschäftigt. Die Einrichtungen sind hier natürlich außerordentlich vollkommene, doch dürsten auch in kleineren Werkstätten die angewandten Verfahren im allgemeinen dieselben sein. Als Rohmaterial dienen sowohl größere Glasplatten, aus denen Linsen verschiedener Größe herausgeschnitten werden, wie auch rohgegossene Platten, welche schon an-, nähernd die gewünschte Form zeigen. Die früher übliche Verwendung vierkantiger Blöcke aus gewalztem Glase hat man ganz verworfen, da durch das Abschneiden der Ecken bedeutender Materialverlust entstand. Das zur Verwendung kommende Material muß natürlich von allerbester Beschaffenheit, größtmöglicher Durchsichtigkeit, Farblosigkeit, Klarheit, also auch frei von allen Flecken und Rissen sein. Nach Bestimmung der sogenannten optischen Konstanten werden die Blöcke in geeigneter Weise bezeichnet und durch Maschinen in Platten von geeigneten Dimensionen geschnitten. Als Schneidewerkzcug dienen hier rotierende galvanisierte Eisenplatten, deren Ränder mit Diamanten besetzt sind. Die Glasplatten werden gegen die rotierenden Scheiben geführt, und so die einzelnen Stücke abgetrennt. Ist annähernd die richtige Form der Linse erreicht, so wird die Rohplatte durch Schleifen mit feuchtem Sand auf flachen, rotierenden Gußeisenscheiben zunächst auf die erforderliche Stärke gebracht. Nachdem dann auch die Kanten der Roh- platte an Schleifscheiben geglättet worden, erfolgt die rohe Bearbeitung der konkaven und konvexen Flächen. Bei diesem Verfahren wird das mit beiden Händen gehaltene Glas gegen die schnell rotierende Schleifform gedrückt. Die Schleifform ist mit feuchtem Sand bedeckt, und größte Sorgfalt ist erforderlich, damit die Wirkung sich in gleichmäßiger Weise über die ganze Fläche verteilt. Da dieser Punkt von allerhöchster Wichtigkeit ist, werden die Gläser vor ihrer weiteren Verarbeitung mehrmals nach dieser Richtting hin geprüft und bei Nngletch- mäßigkeit der Flächen verworfen. 132 Von Zeit zu Zeit wird die Linse während des Roh- schteifeus mit Taftzirkeln und Schablonen geprüft! letztere bestehen aus Messingplatten, deren Kante dieselbe Krüm- • ittuitg besitzt, welche die Linse erhalten soll. Für eine Konkavfläche braucht matt natürlich eine konvexe Schablone, und für eine konvexe Fläche eine konkave Schablone. Der Arbeiter legt die Schablone senkrecht auf und sieht zu, ob ihre Kante die Linse tu allen Punkten berührt. Die Tastzirkel gestatten die Prüfung der Linsendicke mit einer Genauigkeit von einem Zwinzigstel Millimeter. Wenn die Linse auf diese Weile annähernd die gewünschte Form und Dicke erhalten hat, so kann mit beut Fein schleifen begonnen werden. Zunächst benutzt man äh nliche Schleifplatten wie beim Rohschleifen, nur daß das Schleifmaterial hier natürlich von feinerer Beschaffenheit ist. Tie Platten sind tu Mühlen angebracht, die mit Fuß- pedalen betrieben werden, wodurch man größere Ge- tiauigkeit erzielt. Tiefe Schleifarbeit erfordert eine Genauigkeit, von der ein Laie sich nur schwer eine Vorstellung machen kann. Kein mechanisches Meßinstrument kann nämlich den Erfordernissen genügen, sodaß man zu einem optischen Hilfsmittel greifen und die Erscheinung der sogenannten Newtvn'schen Ringe benutzen muß. Diese „Jnter- fereuzringe" treten mit den Farben des Regenbogens auf, wenn man die Linse fest gegen ein Probierglas drückt. Man nennt eine derartige Kombination einer ebenen Glasplatte und einer darauf gelegten Linse von sehr geringer Krümmung „Newtons Farbenglas". Aus Farbe, Lage und Regelmäßigkeit der auftretenden Ringe kann man die geringste Abweichung von einer korrekten Fläche bestimmen und Fehler von der Kleinheit eines Zehntausendstel von einem Millimeter feststellen. Um die Linse gleichmäßig gegen die rotierende Schleifscheibe drücken zu tönnett, befestigt der Arbeiter dieselbe vermittelst eines geeigneten Siegellacks an einem Handgriff. Zum Feinschleifen benutzt man ausschließlich feuchten Schmirgel von verschiedenen Feinheitsgraden, bis man schließlich zur Herstellung einer mathematisch korrekten Oberfläche gelangt. Mit dem Polieren wird die lange Reihe der Prozesse beschlossen. Man verwendet hierzu Polierrot auf selbsttätigen Poliermaschinen. Der Arbeiter bedeckt den Polierstein mit Pech! und drückt in dieses die Linse, sodaß sie vollständig festgehalten wird. Dann wird das Polierpulver aufgestreut, und so unter Einwirkung des rotierenden Mechanismus die Glasfläche poltert. Der Erfolg wird fortwährend unter Anwendung der Probiergläser festgestellt, überhaupt die Arbeit mit einer so großen Sorgfalt durch- ert, daß z. B. das Polieren einer Linse von fünf metern Durchmesser einen ganzen Tag beansprucht. Tie fertigen Linsen werden wieder mit einem Instrument, mit einem sogenanntett „Sphärometer", gemessen. Zugleich wird untersucht, ob das Glas etwa Sprünge enthält. Linsen mit Flecken und Streifen, welche eine ttnregelmäßige Strahlenbrechung Hervorrufen, müssett unbedingt verworfen werden, und häufig werden wertvolle Linsen durch die Ungeschicklichkeit eines Arbeiters völlig verdorben. Wenn man bedenkt, daß die modernen astigmatischen Linsen aus sechs bis zehn Einzellinsen bestehen, so wird man den hohen Preis eines solchen Objekts begreifen können; erfordert doch schott die Herstellung einer einzigen vollkommenen Linse die größte Mühe. Ferner darf man nicht.vergessen, daß die optischen Eigenschaften von Gläsern, die aus verschiedenen Lieferungen stammen, auch stets verschieden sind, und daß matt daher die Polier- und Schleifformen häufig auswechseln muß, was die ganze Fabrikation natürlich erheblich verteuert. Temnächst muß man an das Zusammensetzen der Linsen zu ganzen Systemen gehen. Tie Linsen werben zu diesem Zwecke aneinander gekittet und mit Hilfe von Drehbänken von höchster Präzision zentriert. Während des Drehens der Spindel beobachtet der Arbeiter, ob das Spiegelbild eines hellen Gegenstandes in der Linse unverrückt bleibt. Wenn nötig, verschiebt er die Linse in dem weichen Kitt, vermittelst dessen sie mit dem Ende der Spindel verbunden ist und bringt vermittelst eütes Tasthebels die Rotationsaxe der Spindel zum Zusammenfall mit der optischett Axe der Linse. Hierauf folgt das Abschletfen der Littsenkantett. Sobald der richtige Durchmesser erreicht ist, wird die Linse von dem Spindel abgenotttmett uttd mit einet ähnlich bearbeiteten Schwesterlinse kombittiert. Tie Linsen, werden sorgfältig gereinigt, mit warmem Balsam bestrichen, gut aneinander gedrückt und mittelst eines geeigneten Hebelapparates zentriert. Hierauf werden die fertigen Linsensysteme vermittelst eines besonderen. Sparates in einem völlig dunklen Raum auf ihre opii- en Eigenschaften hin utttersucht. Benutzt wird hierbei eine Glasplatte mit abgeschliffenen Kanteu, auf der in gleichem Abstand von einander Parallellinien gezogen sind, deren Spiegelbilder in den Linsen beobachtet werden. Wenn bann auch noch ber günstigste Abstand zwischen den beiden Kombinationen bestimmt worden ist, werden die Linsen in den mechanischen Werkstätten montiert, eineArbeit, deren Vollkommenheit die allerhöchste Bedeutttng hat. Das! fertige Objektiv wird schließlich als Ganzes nochmals geprüft und gilt nur dann als brauchbar, wenn es innerhalb eines Neigungswinkels von sechzig Grad ebenso gut wirkt, tote bei normaler Stellung zur Axe. Zuletzt werden die Objektive in einem Prüfungsatelier untersucht, wo ihre photographische Leistungsfähigkeit durch Aufnahmen von großen Probeplatteu festgestellt ivird, da die vorhergehende Untersuchung rein optimistischett Eharakters ist. Diese wiederholten Prüfungen auf Genauigkeit bieten dem Käufer jede Garantie, sofern er für eine photographische Linse nur einen angemessenen Preis zahlt. Dr. A. Gr. Heilung der Vergeßlichkeit. Ein Loitdoiter Kauf- mann hat ein Hausmädchen, welches anfangs sehr vergeßlich, war. Dieser Fehler machte sich besonders unangenehm bei den Mahlzeiten bemerkbar, da man sicher sein konnte, daß, immer etwas auf dem Tische fehlte. Eines Tages saß die Familte bei Tische, als tote gewöhnlich die Tischglocke ertönte. Das Mädchen eilte in das Speisezimmer. „Marie", sagte Herr B., „hole doch schnell etnmal die Trittleiter front Boden und bringe sie hierher." Marie, die bei ihrem Mittagessen gestört worden war, ließ ein mißvergnügtes Brummett hören, lief dann aber die drei Treppen hinauf, um die Leiter zu holen. Nach fünf Minuten kehrte sie kettchend mit der Leiter in das Eßzimmer zurück. , „ c „So", sagte Herr B., „nun stelle sie dort auf und steige hinauf." ' r. , Marie tat es. Als sie nun oben auf der Letter stand,, bemerkte Herr B. ruhig: „Marie, Du hast nun einett besseren Ausblick als wir. Bitte, fiety Dich doch einmal um und sage uns, ob Du das Salz auf dem Tische sehen kannst. Meine Frau sagte, sie könne es nicht findetl." Das half. Marie hat nie wieder etwas vergessen. Til-Bits. Bilderrätsel. »Nachbildung ucrboten.j OW.R WW ! v WG pv.. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Zahlendiamants in vor. Nr.r P Pan Bautt e Pauline Peine In« e A-daknon: Turt Pieta. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen NniversMS-Buch. und SteindrnSerei (Pietsch Erben) in Meßen.