Freitag den L. Ianmr. VST > wSiSiSA \aw\ H! M $ /, o ■> ^ *) / W- / 8' q Ä 1903. — Nr. 4. übl ■ognjifriiC; M Herr Msermeistsr. Humoristische SKzze von Bruno von Erfur-t. (Nachdruck verboten.) Ein schriller Klingelton durchfuhr das Hans. Eine hastige Frage: „Hier wohnt doch Assessor Rein- Hart?" Eilige, säbelklappernde Sch,ritte im Korridor y ein heftiges Klopfen an der StubentWr. „Hans!" „Anita!" Beide Namen klängen ineinander, wie ein einziges Wort. Stürmisch umfaßte der junge Leutnant seine Schwester, die freudetrunken an feinem Halse hing. „Hans, welche Ueberraschung! Was wird Oskar sagen?" rief die junge Dame strahlend, indem sie sich nicht satt sehen konnte an seinem lieben, braungebrannten Gesicht mit den großen, übermütigen Augen. „Nun sag nur mal, Kerlchen, woher Du so urplötzlich kommst, wohin Du gehst und wie lang Tu Meibft ?" „Drei Fragen auf einmal!" scherzte er lachend. „Fangen wir bei der Beantwortung der ersten an. Also: Meine Herren Borgesetzten haben misch für würdig befunden, die Rekruten des Regiments zu holen, und mein Weg führt mich auf der Hinreise zum Transport über euer weltvergessenes, pommersches Nest. Woher ich komme? Na, aus meiner Garnison. Und wie lang ich bleibe? Drei Tage, und die wollte ich benutzen, um mal unvermutet Revision bei Dir abzuhalten, und", er rieb schmunzelnd beide Hände ineinander, „und mal sehen, wie's meinem lieben Schwesterchen in ihrer jungen Ehe geht." Frau Reinhart errötete lieblich. Sie streichelte dem Lieblingsbruder zärtlich die Wange und meinte lächelnd: „Das ist lieb von Dir, Hans. Uns gehts recht gut. Sieh mal, wie hübsch wir wohnen." Sie hing sich an seinen Arm und führte ihn voller Hausfrauenstolz durchs die hohen, modern eingerichteten Zimmer. „Wie schön und gemütlich es bei Dir ist" meinte tzr bewundernd, „da läßt sich's schon aushalten trotz Eures kleinen Provinznestes." „Tu sag mal, Anita", er blieb zögernd stehen und ließ sich langsam, die langen Schnurrbartetiden durch die wohl- gepflegten Finger gleiten, „was kann man hier eigentlich mit seiner freien Zeit anfangen? Tenn ewig Familie simpeln thue ich nicht, das sage ich Dir gleich." „Ach, das verlangt ja auch kein Mensch von solchem Uebermut und Durchgänger, tote Tu einer bist", warf sie schnell ein. ,/Oskar und ich vertreiben uns die Zeit sehr angenehm. Wir radeln fleißig, spielen Tennis und besuchen Gesellschaften, & h. wenn wir eingeladen werden", fügte sie mit kokettem Äugenaufschlag hinzu. „Ten heutigen Wend werden wir bei unserem Ches, dem hiesigen Landrat, verleben. Er eröffnet die Saison mit einem! großen Ball, zu dem auch wir besohlen sind." „So", fragte der junge Offizier mit sichtlichem Inters esse, „giebt es denn hier so viele tanzfähige Tarnen-^ „Et freilich, Hans. Ein paar zugereiste Wintercousinen mitaerechnet, sechs. Der Landrat selbfft hat eine entzückende! Tochter, Margot genannt. Ach Kerlchen", ereiferte sie sich und stahl ihre Hand in die seine, „die würde Dir gefallen, ganz Dein Genre! Ich sage Dir, Augen: wie etrte Spanierin, eine Figur: tote eine Königin, Haarfrisur: a Hi Defregger und —" „Na, hör auf, Anita", unterbrach er sie lachend' und hielt sich die Ohren zu, „Du verstehst es aus dem ff, einem mit Deiner begeisterten Beschreibung den Mund wässrig zu machen. Deine Margot scheint ja der Inbegriff aller weiblichen Schönheiten zu feilt. Schade nur, daß es für mich ganz aussichtslos ist, sie kennen zu lernen.^ „Ach, so aussichtslos scheint mir die Sache gar nicht zu sein", fiel sie ihm schnell ins Wort, „ich habe eine feine Idee. Du wirfst Dich schnell in Gala und machst vor Tisch noch Besuch; im Landratsamt. Eine Einladung ist Dir dann sicher, denn erstens sind Leutnants hier zu Lande eine gesuchte Wäre und zweitens wird Deine Wer- wandtschast mit dem landrätlichen Assessor Mit in die Wäg- schale fallen." „Also los, Hans, zieh Dich um; ich werde unterdessen für Frühstück sorgen." „M. w. Machen wir", sagte belustigt der junge! Offizier, „Deiner berühmten Margot zu Liebe. Bis zum Essen bin ich wieder zurück, mit militärischer Pünktlich, feit. — Du, Anita, sag mal", setzte er zögernd hinzu, und sah sie mit seinen braunen Schelmenaugen an, „bei Euch giebts doch, hoffentlich was Anständiges zu essend Was? He? Hast Du eine gute Köchin „Erlaube mal", erwiderte die junge Frau entrüste^ und gab ihm einen zärtlichen Klaps auf den Rücken, „heute giebts sogar Dein Leibgericht, dicke Bohnen mit Speck." „So, jetzt im Herbst?" fragte er mißtrauisch und schob, leise vor sich hinpfeifend', ab. — — — —. — — — —• —• —5 Ter ^Vorschriftsmäßige" war bald seines Inhaltes beraubt Und die eingehende Toilette beendet. So, nun noch ein paar Tropfen „Jockey Klub" auf das seidene Taschentuch, ein Blick in den Spiegel und S. M. schönster Leutnant war fertig und begab sich auf den Besuchspfad. Am Landratsamt angekommen, zog er die Glocke zum Portier. Von unsichtbarett Händen geleitet, öffnete sich geräuschlos die große Pforte, und er befand sich im Hausflur. Mit einem Feldherrnblick versuchte er sich zu orientieren. Rechts und links Thüren mit Tieustauf- schriften, in der Mitte ein Gang, der nach dem Gartchl führte. Der junge Offizier ging schnurstracks aus die breite Treppe los, über die man gewiß nach dem Privatlogis gelangen konnte. Lautlose, vornehme Stille herrschte im ganzen Hause. Plötzlich hörte er unter sich ein Pushen und Stöhnen, das unwillkürlich seine Schritte hemmte. „Aha", dachte er, „da kommt jemand aus dem Keller. Den werde ich abwarten. Ter muß mir Auskunft in diesem verwunschenen Schlosse geben. Ein Lichtschimmer kam nun die Ecke herum und beleuchtete zwei mit schweren Körben Wein beladene Männer. Komische Gestalten! Ter erste war der reine Hüne, ein echter pommerscher Landjunker mit seinen charakteristischen hohen Stiefeln und grüner Jagdjoppe. Ter Mann war über und über mit Spinnweben bedeckt, Rücken und Aermel zeigten weiße Kalkspuren. Aus dem Kopfe saß schief eine bestaubte Radlermütze. An jeder Hand trug er einen schweren Korb, mit Weinflaschen gefüllt, den er laut ausstöhnend auf die Erde setzte. „Uff!" ächzte er und wischte sich die dicken Schweißtropfen ab, die ihm von der Stirne tropften. Tann drehte er sich mit einem Lächeln zu seinem Begleiter herum/ der ebenso heiß, spinnwebenbedeckt und kalkspurig aussah, wie er. „Aha", dachte der Leutnant aus der Treppe, „Wein für heute abend! Na, die Beiden rechnen, ja auf Durst wie ans einer Bauernhochzeit. Muß sie doch mal ansprechen und mir Auskunft über die Wohnung des Herrn Landrat geben lassen." Gesagt — gethan! Er klemmte sein Monocle ins Auge, stieg die paar Stufen wieder herunter und ging auf die Beiden zu. „Na, Herr Küsermeister", sagte er leutselig zu dem Arsten, Großen, der ganz verdutzt dastand beim unvermuteten Anblick eines Offiziers in Krähwinkel, „bei euch scheint's ja recht staubig im Keller zu sein. . „Donnerwetter, Sie rechnen aber aus großen Turst bei Ihren Herren Gästen! Eine Batterie Flaschen fährt der Mensch auf, als ob es gelte, eine Abteilung Artillerie zu befriedigen." Er klemmte sein Einglasfenster ins Auge, bückte sich und besah sich die Marken. „Schloß Johannisberger Auslese! Donnerwetter, da läuft einem ja ein Pfützchen auf der Zunge zusammen. „Sagen Sie mal, Verehrrester Herr Küfermeister", meinte er vertraulich, und klopfte ihn auf die Schulter, „wo kann ich wohl hier meine Kürte los werden?" Leiser setzte er hinzu, „der Herr Landrat ich natürlich nicht zu Haus?" „Nein", antwortete der Geftagte und richtete seine Hünengestalt stramm in die Höhe, ,chie Herrschaften sind ausgefahren." „Gute Gardeerscheinung!" dachte der junge Offizier, Und musterte ihn mit Kennerblick von Kopf bis Fuß. j,,Wenn der Kerl nicht gar so spinnwebenbedeckt wäre, würde es mich interessieren, ihn um seine Nationale zu befragen." Aber so begnügte er sich damit, ihm mit drei spitzen Fingern (um sich ja nicht zu beschmutzen) seine Visitenkarte zwischen die beiden oberen Knöpfe seiner grünen Joppe zu stecken, die Hand flüchtig an den Helm zu legen und den beiden verdutzt Dastehenden leutselig zuzu- Uicken. Tann ging er, konnte sich's aber nicht versagen, einen langen Blick nach! der Treppe, nach dem Garten zu werfen — vielleicht, daß er irgendwo ein Zipfelchen Von „Schön Margots" Kleid erspähen konnte. Vergebens. In dem Zauberschloß schien alles fest zjü schlafen. Mit einem Ruck hakte er den Säbel aus und ging, ihn laug nachschleppend, zum Hause hinaus, dessen Thür sich wieder lautlos vor ihm öffnete. Im Laufe des Nachmittags kam die ersehnte Einladung. Tankend wurde angenommen Und mit größter Sorgfalt Toilette gemacht r- Wagen auf Wagen fuhr am Wend am Landratsamte vor , das in strahlender Helle sich vom nächtlichen! Himmel abhvb. Das Hausthor stand weit geöffnet; ein dicker Läufer, der die Schritte dämpfte, lag durch den langen Musgcmtz bis zur Straße hinaus. Eine wilde Tanzmusik empfing die Ankommenden und elektrisierte die Jugend gleich so, daß sie gern bereit wcu^ Terpsichore zu huldigen. Eine festliche, animierte Menschenmenge bewegte sich begrüßend und flirtend durch die prächtigen Räume; ein Stimmengeschwirr sondergleichen empfing Familie Reinhart, die sich langsam mit ihrem Besuch durch die große Gesell-, chaft hindurch arbeitete. Ter junge Leutnant bekam manchen gutgemeinten Rippenstoß von seiner Schwester, um seine Aufmerksamkeitj auf dies und jenes zu lenken. Mit liebenswürdigem Lächeln beugt er sich zu ihr nieder, immer wieder in der Hoffnung, endlich Fräulein Margots Namen zu hören. Aufrechten Ganges, die Hand am Säbel, das Monocle im Auge, S. M. begehrenswertester Offizier, harrte er auf den Moment, „Ihr" präsentiert zu werden. Plötzlich stockte sein Fuß; eine Blutwelle schlug ihm ins Gesicht. Ja, litt er denn an Halluzinationen? Ter Herr da, mit dem Johanniter aus dem Halse, den vielen Orden auf der Brust, der Hüne — glich der nicht auf ein Haar dem Mann mit dem Wein vou hcute morgen? Ter elegante Gesellschaftsanzug ließ seine Recken-. figur ncich imponierender erscheinen. Donnerwetter, tote tief sich ein jeder vor ihm verneigte; mit welch bezaubernder Liebenswürdigkeit er jeden Gruß erwiderte! Ja, um Gottes und um Jesu Willen, das — das würde doch nicht am Ende gar der Herr Landrat fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu, „den wir Uns beide so redlich verdient haben, de» „Schloß Johannisberger Auslese", (er w arf ihm einen schuld- herzlich! leid. , . Na, nichts für ungut, junger Freund", er schüttelte ihm kräftig die Rechte, der „Herr Küfermeister" zürnt Ihnen nicht. Und nun kommen! Sie. Ich möchte Sre mit meuter Margot bekannt machen. Als Entschädigung für den kleinen! Schreck sollen Sie ihr Tischherr sein. __________ ' Und den Wein", F ' selber sein? Ein tiefer, zitternder Seufzer hob seine Brust. Na, das wäre ja eine schöne Geschichte! Im Sturmschritt ließ der junge Offizier sein Erlebnis mit dem „Herrn Küfermeister" Revue passieren. Er strich sich gedankenvoll über den blonden Schnurrbart. „Hm, hm." Tann schüttelte er den Kvps, „zu unangenehm." Was sollte er denn tyun? Selbst „Knigge" könnte hier nicht helfen. Sollte er stillschweigend den Rückzug antreten, Unauffällig „sich drücken"? „Netn. Ein preußischer Leutitant ist, niemals feige", dachte er, „er ißt die Suppe hübsch aus, die er sich, selbst eingebrockt hat." Er ließ das Monocle aus detn Auge fallen und gtng mit einer tiefen Verbeugung auf den ordensgeschmückten Herrn zu, der chm mit ausgestr eckten Händen entgegen kam, „Wie mich das freut, mein lieber Herr v. Möllenheim, Sie hier bei mir begrüßen zu können. Ich danke deut Zufall, der meinen jungen Damen einen flotten Tänzer verschaffte." Als' er das verlegene Gesicht seines Gastes, seme nnt- leiderregende, geknickte Haltung sah, klopfte er ihn auf die Schulter und sagte: , „Und das' von heute morgen wollen totr gleich mal besprechen, junger Freund. Dann haben wir's Hütter uns. v , . . Sehen Sie, heutzutage ist man am besten fern eigener Diener und erspart sich dadurch manchen Aerger." Ich kenne meinen Weinkeller, weiß genau, wo die verschiedenen Sorten liegen und scheue weder Staub noch Spinnweben, um mir den W'ein selbst auszusuchen, sobald ich Gäste erwarte. , v. Tie Situation von heute morgen war peinlich für Mich/ das müssen Sie zugeben. Ich konnte mich doch unmöglich als Landrat entpuppen, so wie ich aussah) bestaubt wie mein ältester „Bordeaux". Tarum schwieg ich still und markierte meinen Diener. Und die Stunde des Erkennens jagte Ihnen einen kleinen Schreck ein, das merke ich. Und das thut mir 3 hasten Blick zu, der den junge» Leutnant tkef erröte» ließ) den lassen Sie sich recht gut munden. Ich werde mir erlauben, Ihnen nachher Mutrinken." fc 1 ' - s — •— Frau Assessor Reinhart zupfte ihren Gatten am Aermel und sagte leise: „Nun sieh! nur, Oskar. Seit einer Viertelstunde unterhält sich der Landrat mit größter LiebeNswürdigkeit mit Hans. Ich, möchte nur wissen, wie der Junge es ansängt, haß jeder Mensch "glerch so gesprächig und nett zu ihm ist. Ich werde ihn gleich, morgen früh um Rat fragen." Japanische Kinderspiele am Neujahrsfeste. Von E. Osten. (Nachdruck verboten.) Das Neujahrsfest ist Gemeingut aller Nationen. Alke haben ihre besonderen Festgebrauche, welche mehr oder- minder dem Nationalcharakter entsprechen. In Japan sind die Straßenbilder am Neujahrstage noch dreimal so malerische und bunt wie zu jeder anderen Zeit, und es such Namentlich die Kinder, welche die Szene beleben und das Interesse des Europäers in besonderem Maße fesseln. In allen Wohnungen intb vor den Häusern giebt es nirgends ein Plätzchen, welches nicht mit frischen, grünen Fichtenzweigen, bisweilen auch mit ganzen Bäumchen, geschmückt wäre. In diesen grünen Gängen ziehen Scharen munterer Kinder dahin, jedes- in seinem schönsten, neuen seidenen Kimono. Alle Kinder sind an munteren Spielen beteiligt, die unseren deutschen Kindern zum Teil recht Merkwürdig erscheinen müssen, zum Teil aber auch nur eine Variante unserer Kinderspiele darstellen. — Die Japaner sind bekanntlich große Meister des Pinsels, und daß die Malkunst bet ihnen in ganz besonderem Maße geschätzt wird, zeigt auch das Kattzome-Spiel der Kinder am Neujahrsfeste. In diesetl Tagen erhalten die Kleinen Neue Malpinsel, welche dazu Berufen sind, ihre Geschicklichkeit zu offenbaren und ihre Zukunft kund zu thun. Wir werden bald sehen, in welcher Weise dies geschieht. Die Kinder haben sofort den neuen Malpinsel zu probieren, und dies! geschieht, indem sie einige Worte aus einem bekannten Sinnspruch auf große Seidenpapierbogen schreiben. Bisweilen sind es auch nur einzelne Bezeichnungen, wie „Bambus", „Kranich", „Schildkröte" usw., welche eine symbolische Bedeutung haben. Darauf malen die Kinder Wider dieser Pflanzen, Tiere oder auch angemessene Figuren auf die Papierbogen, welche dann überall an den Wänden befestigt tverden. Wenn am Neujahrstage Besucher, kommen, so erwartet man unbedingt von ihnen, daß sie die Mlder mit außerordentlicher Bewun- derung betrachten. Das ist ganz wie bei uns; auch wir sollen ja die aus kleinen Bausteinen errichteten Tempel .und Paläste unserer kleinen Neffen und Nichten oder ihre ersten Lerstnngen auf dem Klavier mit gut gespieltem Erstaunen aufnehmen, um den Kindern eine Freude zu Machen. Die Wider bleiben an der Wand dis zum 15. Tage des- neuen Monats; dann werden sie abgenommen und an dem Kado-Matsu, dem Fichtenbaume, befestigt, welcher eine so große Rolle bei den japanische Neujahrs- Dekorationen spielt, wie bei uns am Weihnachtsfeste. Dann werden Baum und Bilder feierlich im Garten verbrannt. Während des BrennerM beobachten die Kinder mit gr'ößter .Spannung- wie hoch die Asche in die Lust steigt, da Man glaubt, daß im neuen Jahre ihre künstlerischen Fähigkeiten in demselben Maße wachsen werden. Wenn die Asche so hoch steigt, daß man ihren Flug nicht mehr verfolgen kann, so wird der glückliche Zeichner als ein großer Künstler der Zukunft begrüßt. Nach dem mehr oder, nnnder hohen Fluge der Asche wird also das zu- künftige Geschick des Kindes geschätzt, wobei natürlich den auf das Papier gemalten Bildern, Sinnsprüchen usw. Einfluß zugeschrieben wird. Wesentlich anderer Art ist das Nadelspiel Jedes Kind hat such mehrere Blatt japanischen Seidenpapiers zurecht gechMtten. Die Kinder hocken auf der Erde, um ein Häufchen Seidenpapierblätter, zu dessen Bildung jedes Kind seinen Teil beigesteuert hat, einen Kreis bildend. Jedes EEr Kinder hat sich ein kleines Wurfgeschoß gefertigt, bestehend aus einer an einem kurzen Faden befestigten Nadel, auf welche zur Beschwerung ein LehMkügelchen geschoben ist, Die Spitze der Nadel nehmen sie zwischen die Zähne, und indem sie das kleine ' Wurfgeschoß am Faden schnell aus den Mund ziehe::, verstehen sie es, der beschwerten Nadel Schleuderkraft zu geben, so daß sie mit der Spitze auf das Papierhäufchen fliegt. Je mehr Blättchen an der Nadel festsitzen, desto höher stehen die Chancen des Spielers; sind die Blättchen verbraucht, so wird der Vorrat wieder ersetzt. Ist der Wurf aber ganz erfolglos, so hat das betreffende Kind zur Strafe so viel Blatt beizusteuern, als' Mitspieler vorhanden sind. Die japanischen Knaben lieben ihren Drachen über alles; dieser spielt daher am Neujahrstage eine besonders wichtige Rolle. Ueberall in den Straßen, auf den Plätzen, ja selbst von den Dächern der Häuser lassen die Kinder unzählige Drachen aufsteigen; sie sind von verschiedenster Gestalt und Größe, von jeder nur erdenklichen Form und Farbe, zum Teil in gar verschwenderischer Weise dekoriert. Natürlich ist es eine glückliche Vorbedeutung für den Besitzer des Drachens, wen:: derselbe recht hoch hinauf in das Reich seines Vaters, des Windech fliegt. Ein anderer Drache zeigt die Gestalt einer Biene und ist auch nicht größer als solche; wieder andere stellen einen Vogel, einen Fächer, einen Schmetterling dar. Daß alle die buntfarbigen, mannigfachen Drachen ein malerisches Bild bieten, wird man sich leicht vorstellen können. Jeder japanische Knabe muß eine ArmbrnA haben, welche meist mit jener minutiösen Sorgfalt gefertigt und geschmückt ist, mit welcher die Japaner ihre Heinen, kunstgewerblichen Gegenstände zu behandeln pflegen. Es wird nicht nur nach Schießscheiben geschossen, sondern auch nach' Küchenbergen. Der glückliche Schütze erhält als Preis so viele Kirchenscheiben, als auf seinem Pfeil stecken, wenn letzterer aus dem Knchenberg herausgezogen wird. Bei jedem Fehlschuß hat der Schütze soviel Knchenscheiben als Strafe zu zahlen, als Mitspieler vorhanden sind. Ich! glaube fast, daß eine derartige Jagd nach wohlschmeckenden Honigkuchen, sei es am Neujahrs- oder Weihnachtsfeste, auch unfern Kindern rechte Freude machen würde. Das Ballspiel ist bei den japanischer: Mädchen genau so beliebt, wie bei uns; vielleicht noch einige Grade mehr. Während sich aber unsere Mädchen mit mehr oder minder bunt geschmückten Gümmibällen begnügen, wie sie aus bat Markt gelangen, fertigen sich die japanischen Kinder dieses Spielzeug selbst, und sie verstehen, ihm noch besonderen Reiz zu verleihen. Kurz vor Mujahr sind sie Bei Anfertigung von Bällen besonders geschäftig, wobei sie eine wunderbare Geschicklichkeit offenbaren Eine Handvoll Baumwolle wird so lange in der Hand gerollt, bis sie kreisrund ist. Die Baumwollkugel wird dann gleichmäßig mit Garn umwickelt, bis sie so härt ist, daß selcht der kräftigste Muck keine Vertiefung auf derselben hinterläßt. Darauf wird der Ball geschickt mit farbigen Schnüren und Borten dekoriert, welche die kleinen Mäd- chcn sich selbst aus Garn oder Seide zusammendrehen. Eine Nadel dabei zu benutzen, gilt als Zeichen der Un- geschicklichkeit; eine rechte Künstlerin verfertigt ihren Ball allen: mit der Hand und nimmt nur ihre Zähne zur Hilfe, es ist erstaunlich, welche schönen Muster die Kinder auf diese Weise ausznführen verstehen. Biele der fertigen Bälle haben hinsichtlich der Farbenwirkung eine unverkennbare Mhnlichkeit mit Schildpatt, Chrysantemen, einem Bündel Tannennadeln usw. Während also die Knaben beim Bogenschießen beschäftigt sind, spielen die Mädchen Ball, und zeigen hierbei eine so außerordentliche Geschicklichkeit, daß sie wohl nur von wenigen europäischen Kindern hierin erreicht werden dürften. Es ist nicht die Uebtmg allein, welche diese Fertigkeit erzeugt, nein, daö japanische Kind besitzt ein angeborenes, d. h. vererbtes Talent für derartige Spiele. Was für das Mädchen der Ball ist, ist für den Knaben der Kreisel. Es ist so ziemlich dasselbe Spielzeug- wie es Bei uns bekannt ist, aber der japänifche Knabe treibt allerlei überraschende Scherze mit demselben. Während der greifet sich im schnellsten Drehen befindet, nimmt er ihn vom Boden, stellt ihn auf seine Handfläche, läßt ihn hier weiter tanzen, oder er läßt ihn auf einem Bindfaden laufen, welchen er zwischen zwei Fingern aus- gespannt hat. Ein außerordentliches Kunststück besteht darin, einen rotierenden Kreisel in die Luft zu werfen Und ihn noch in drehender Bewegung aufzufangen. Diese 4 Spiele werden natürlich! auch von europäischen Jungens versucht, nur mit dem Unterschied, daß der Kreisel bei diesen Experimenten sofort aufhört, sich zu drehen, wäh- renö die japanischen Knaben die Sache glücklich durchführen. Alle diese Spiele bilden einen wesentlichen Teil des Neujahrsfestes in Japan, und man wird sich vorstellen können, daß die Kinder nicht wenig bestrebt sind, ihre Fertigkeiten auszubilden, um bei solcher Festlichkeit zu glänzen. Ehrgeiz und Eitelkeit sind ja sehr kräftige Triebfedern. Bekanntlich sind ja auch die Japaner die hervorragendsten Meister in der Aequilibristik und den Taschenspielkünsten,' sie übertreffen darin jede andere Nation die Chinesen nicht ausgenommen. LMerarisches. „Frühlingsstürme." Roman von I. Bin egg. E. Pierson's Verlag, Dresden. Preis 3 Mark. — Den stofflichen Kern und Stamm der ungemein reich verzweigten und interessanten Begebnisse bildet der Bruderzwist im Hause Mvenhüller. Der Majoratsherrr sagt sich von seinem leichtsinnigen und unwürdigen Bruder, der sein ganzes enormes Vermögen verpraßt hat, los und unterstützt nur noch die beiden Kinder Hugo's, um sie vor Lebensforgen zu schützen. Die Schicksale dieser Neiden werden nun weiterhin zum Hauptthema des Romans. Das flott geschriebene Buch ist sehr hübsch und sinnig ausgestattet. „Lttkie." Eine Dichtung in Briefen unb Tagebuchblättern von I»Hannes Paul. E. Pierson's Verlag, Dresden. Preis 2 Mark. — So einfach die Handlung, das Thatsächliche und Greifbare in dieser Dichtung auch erscheinen mag, so kompliziert und farbenreich ist dafür das Innenleben, das sich in den Taaebuchblättern und Briefen dieses interessanten Buches offenbart. Das Buch enthält auch viele feinsinnige Betrachtungen über Kunst und Kultur. Es giebt ja heute noch Leser, die sich gerne in das Innenleben eines zartbesaiteten Gemütes versenken; ihnen sei das übrigens sehr hübsch ausgestattete Buch Herzlichst empfohlen. M« erfolgreicher Berfafier. Jüngst ist eine Notiz durch> die Blätter gegangen, wonach Wilhelm Meyer- Förster mit seinem Schauspiel „Alt-Heidelberg" während der Bühnenfpielzeit 1901/02 den größten Theatererfolg errungen und in der Zahl der Aufführungen dieses einen Stücks die sonst am mefften gegebenen Dramatiker Schiller und Sudermann mit all ihren dramatischen Werken zusammen geschlagen hat. Nicht allgemein bekannt wird es sein, daß das Schauspiel „Mt-Heidelberg" die Dramatisierung einer früher erschienenen Erzählung des gleichen Verfassers ist, die den Trtel „Karl Heinrichs trägt. Go wirksam das Schauspiel von der Bühne herab ist, so sehr macht für den Leser die Lektüre der Erzählung den tieferen Eindruck, denn gerade in der Erzählung tritt Meyer-Försters schriftstellerische Eigenart — deutsche Innigkeit, verhaltene Glut und vornehme Zurückhaltung der Gefühlsäußerung — ganz besonders eindringlich hervor. Das Mich, das der bekannte Illustrator Mols Wald mit zahlreichen, prächtigen Abbildungen versehen hat, ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschienen, und hat einen nicht weniger großen Erfolg als die Theateraufführung aufzuweisen. Zeitschriften. Deutsche Kunst und Dekoration. Herausgegeben und redigiert von Alexander Koch-, Verlagsanstalt von Alex. Koch, Darmstadt. 6. Jahrgang. 4. Heft. Jnnen-Dekoration. Illustrierte kunstgewerbliche Zeitschrift für den gesamten inneren Ausbau. Verlag von Alexander Koch, Darmstadt. Jahrgang 1903. Heft 1. Wiener Mode. Illustriertes Frauen- und Mode- journal. Mit dem Unterhaltungsblatt „Im Boudoir" und der Beilage „Wiener Kindermode". Verlag: Wien, VI. Gumpendorfecstr. 87. 16. Jahrgang. 7. Heft. DiesBlatt gehört der Hausfrau. Illustrierte Zeitschrift für die Angelegenheiten des Haushaltes sowie für Mode, Kindergarderobe, Wäsche Md Handarbeiten. Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin. 17. Jahrgang. 13. Heft. Mode und Haus. Illustriertes Uutverfalblatt für die Familie. (Mit Schnittmustern und belletristischen Beilagen.) Verlag von John Henry Schwerin, Berlin W. 35, 19. Jahrgang. 7. Heft. Illustrierte Wäsche-Zeitung. Gebrauchsblatt mit Zuschneidebogen. Verlag von John Henry Schwerin, Berlin. 13. Jahrgang. 1. Heft. Aus fremden Zungen. Halbmonatsschrift für die moderne Roman- und Novellenlitteratur des Auslandes, 12. Jahrgang. 2. Band. IV und 152 S. Q. in 12 Heften. Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt. Nord und Süd. Lindau, Paul. Eine deutsche Monatsschrift. 103. Band. 422 S. in 3 Heften- Breslary, Schlesische Verlags-Anstalt v. S. Schottlaender. Vermischtes. . , Mur nach einer gnten Mahlzeit. Eine Anzahl Damen begannen beim Kaffeeklatsch, als jedes andere Gesprächsthema erschöpft war, die Tugenden ihrer Männer zu rühmen. „Mein Mann", sagte eine der liebevollen Frauen, „ist ein Muster eines güten Hausvaters, er trinkt nie, flucht nie — in der That, er hat keine einzige Mochte Gewohnheit." „Raucht er auch nicht?" fragte eine der Damen. „Ja, etc raucht gern eine Zigarre unmittelbar nach einer guten Mahlzeit. Aber ich glaube, er ramW durchschnittlich nicht öfter alS einmal in der Woche." Einige der Freundinnen kicherten, doch sie schien den Grund ihrer Heiterkeit nicht zu verstehen. Tit-Bitsi Humori-tisches. Gastgeberin: „Wie, Sie gehen schon, Professor? Und müssen Sie dann Ihre liebe, kleine Frau mft nach Hause nehmen?" Professor: „Ich bedauere aufrichtig, gnädige Frau,- daß ich es' muß." Ern sich en: (bet Tische) „Onkel, bist DU blinde4 Onkel: „Nein, mein Junge, wie kommst Tu darauf?" Ernstchen: „Weil Mama sagte, Dir würden schon die Augen aufgehen, wenn 'Tu erst mit Fräulein Rosa! verheiratet wärest." „Herr Professor", sagte ein Student beim Verlassen einer Universität, „alles, was ich weiß, schulde ich Ihnen I'4 „Bitte, sprechen Sie nicht über eine solche Kleinigkeit", war die wenig schmeichelhafte Entgegnung des Professors. Logogriph. (Nachdruck verboten.) Der Christbaum sah ein glücklich Paar; Nach langen, seufzerrcichen Wochen Da hat Mama und hat Papa DaS langersehnt« Ja gesprochen. Als Bräutigam stand Röschens Schatz Frohlächelnd unterm Weihnachtsbaume. Dies Paar, den Himmel aufgethan Sah cs in sel'gem Zukunststraume. Und unsre Hochzeit wird nun auch Gefeiert bald, sprach Fräulein Rosa; Da macht Mama das Rätselwrrt Mit aller ihrer Hausfrau'n-Prosa. Nein, Röschen, noch ist's nicht so weit, So können wir nicht weg dich geben; DaS alles ging fo schnell, es fehlt In Schrank und Truh noch manches eben. Besonders ist's das Rätselwort, Jedoch mit einem Kovf vom Lande; Füllt das nicht reichlich Schrank und Truh, Gilt'S für die Braut als ein« Schande. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfltäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.