Nr. 96 Mittwoch den 1. Juli. 1903. sTJIamj MW peW Bä M s (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clar a Rh ein au. (Fortsetzung.) 8. Kapitel. Ohne zu W&ettfett, daß sie zu dem wichtigen Schritte, den sie vorhatte, der Einwilligung ihrer Eltern bedürfe, eilte Ellinor, so rasch ihre Füße sie tragen wollten, nach Fran Stirlings Hütte in B-ridgeham. Aus der Verwirrung, in die Fräulein Bassetts Erzählung ihre Gedanken gebracht batte, sonderte »ihr warmes Herz als schwärzesten Punkt die Grausamkeit ab, die man der einsamen alten Frau angetan hatte, und die sie ohne Zeitverlust wieder gut machen wollte. Beim Durcheilet: des letzten Gäßchens stolperte sie in ihrer Hast beinahe über ein kleines rotwangiges Kind, das auf dem Boden saß und eifrig im Sande spielte. „Aus dem Wege, kleiner Wurm!" rief sie in scharfem Tone, kehrte aber nach wenigen Schritten wieder zurück, und warf dem erstaunten Kinde all' die kleinen Münzen zu, die sie bei sich hatte. „Wer kam: wissen", sagte sie für sich, „ob ich nicht vielleicht die Ehre habe, eine entfernte Verwandte dieses struppigen Geschopfchens zu sein! Vielleicht habe ich eine Menge derartiger Verwandten im Dorfe, ohne es zu wissen! O, mein armes, schönes Westfields" — wehmütig blickte sie über das Wasser nach ihrem Heim, das ganz in Laubwerk eingehüllt, kühl und friedliche in der Augusthitze da- lag — „wird mich dies von Dir entfernen, -oder werden wir Mut zum Bleiben haben? Er soll für uns entscheiden, ihm will ich alles überlassen." Die bescheidene Heimstätte der alten Frau war bald erreicht. Eine strohgedeckte Hütte mit bleigefaßten Fensterscheiben und sehr baufälligen: Aussehen — die Wohnung ihrer nächsten Verwandten auf englischem Boden. Ein schmales Streifcheu Garten trennte das Häuschen von der Landstraße, zwei üppige rote Dahliensträucher wucherten zu beiden Seiten der Tür, umflattert von hübschen Schmetterlingen, die Ellinor beinahe um ihre sorglose Lebenslust beneidete, als sie auf ihr erstes Klopfen einige Sekunden ivarten mußte. Endlich hörte sie langsame, schlürfende Schritte näher kommen. Die Tür wurde geöffnet, und die alte Witwe stand knixend vor ihr. Die trotz ihrer 70 Jahre noch lebhaften braunen Augen, blickten zu der Besucherin auf mit dem geduldigen, halb schüchternen Ausdrucke, den Ellinor -oft an ihrer Mutter gesehen hatte, wenn diese auf irgend eine Aeußerung ihres Vaters wartete. „Darf ich etntreten?" fragte sie, plötzlich von einer nervösen Unruhe und der Lust zu weinen befallen. „Ich möchte m:t Ihnen sprechen, Frau Stirling. Sind Sie ganz allein?" „Ganz allein, Fräulein, und stolz auf Ihren Besuch-^ war die Antwort mit einem abermaligen Knix. „Ich rechnete schon die ganze Zett darauf, daß Sie wieder einmal zu mir kommen würden." „Und die Frau, die bei Ihnen wohnt, wo ist sie fragte Ellinor, indem sie in die armselige, niedere Stub!e eintrat, die nur außerordentliche Reinlichkeit vor dem gänzlichen Verfall bewahrte. „Sie ist zum Aehrenlesen", war die Antwort. „Matt sagte mir, die Ernte wäre vorüber. Gesehen habe ich dieses Jahr nichts davon, denn viele Schritte kann ich nicht mehr machen." Ml das Leben eines Gesichtes, das vor einem halbett Jahrhundert schön gewesen sein mußte, -lag nun in den sagenden Augen der Frau Stirling. Sie sah so entsetzlich schwach und gebrechlich aus, daß Ellinor unwillkürlich ihre Hilfe anbot, um sie an ihren Stuhl zurückzuführen. Befriedigt bemerkte sie, daß sowohl die hagere, braune Hand, die aus ihrem Arme ruhte, als auch jeder Faden des dürftigen Kleides von peinlicher Sauberkeit war. Mit vielen Dankesworten nahm die alte Frau ihrett Platz vor einem runden Tische wieder ein. „Seit letztem Winter", bemerkte sie traurig, „als mich der Rheumatismus erfaßte, bin ich hier festgebannt. Nur manchmal krieche ich hinaus in die warme Luft, sonst sitze ich fast der: ganzen Tag allein hier." Sie sprach ohne Klage. Aber es lag etwas Rührendes in diesem -letzten „allein", das Ellinor zum Sprechen drängte. Für sich selbst zog diese einen Schemel herbei, schob den Hut von ihrer erhitzten Stirn zurück und fragte r „Müssen Sie allein sein? * Kann niemand von den Ihrigen bei Ihnen bleiben?" Frau Stirling schüttelte traurig ihr graues Haupt. „Fast alle die Meinigen sind tot, Fräulein. Unsere drei Männer liegen droben bei der Kirche begraben, und meine Jungen hinterließen niemand." „Aber Sie hatten eine — Tochter? Wo ist diese?" „Ach, wenn ich es ivüßte — ach, wenn ich es wüßte! Oft denke ich, ich wäre froh, wenn ich sie sicher da droben bei den übrigen wüßte." So mitleiderregend war der Anblick der zusammen- gesunkenen Gestalt, ein solch herzbrechender Kummer klang durch diese Worte, daß Ellinor die Wahrheit nicht länger zurückhalten konnte, lieber den Tisch hinüber reichend, legte sie ihre kräftige junge Hand auf die zitternde Rechte der alten Frau. „Ich kann Ihnen sagen, wo Ihre Tochter ist; itt Marypint in Australier: und sie ist — meine Mutter!" Ein seltsamer, säst erschreckter Schrei entfuhr der arnren Mten. Einen Moment erfaßte sie Ellinor's Hand, gab! sie aber sofort wieder frei. Sie wagte ihren Ohren mcht zu trauen, aber an allen Gliedern zitternd, wiederholte sie leiser „Ihre Mutter! Fräulein Grahams Mutter?! 382 O nein, nein, Fräulein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein!" „Wer es ist wahr", beharrte Minor und erzählte nun aufs Mnaueste alles, was sie von Fräulein Bassett erfahren hatte, ohne deren Namen zu verschweigen. Verwirrt, wie aus einem Traume erwachend, saß die Zuhörerin da, ohne sie bis zum Ende auch nur einmal zu unterbrechen. Dann sagte sie: „Gott sei gelobt! Meine Tochter ist eine ehrliche Frau!" Dann wandte sie ihren Kopf zur Seite, um vor ihrem vornehmen Enkelkinde die Gemütsbewegung zu verbergen, die sich in Tränen Luft zu macheu suchte. Minor blieb noch fast eine Stunde in der kleinen Hütte. Da sie nun selbst ruhiger geworden war, fühlte sie sich im stände, die freudige Aufregung der alten Frau zu beschwichtigen. „Meine Tochter reich! Und seine Frau — des jungen Gutsherrn Frau! Gott gebe, daß ich nicht aufwache und finde, haß alles nicht wahr ist! Meine Dora wohl und glücklich und geachtet, nicyt wahr, so sagten Sie doch, Fräulein?" „Nennen Sie mich Minor", bat das junge Mädchen freundlich. „Ja, meine Mutter ist hochgeachtet, und sie verdient es äüch Ich hörte meinen Vater oft sagen, daß sie hart gearbeitet habe, um ein Vermögen zu ersparen. Meine Eltern sind beide so gut, so ehrenhaft. Ich fasse nicht, daß sie dies tun konnten, daß sie Ihnen die Wahrheit vorenthalten. Sie in dieser Armut lassen konnten!" Vor Scham errötend barg sie ihr Gesicht in beiden Händen. Ueber Frau Stirlings runzelige Züge ging es wie eine plötzliche Erleuchtung. „Aber sie wollten es nicht tun, sie wollten mich nicht arm lassen", rief sie fast lebhaft. „Jetzt wird mir alles klar, setzt verstehe rch alles! Sehen Sie hier, Fräulein — es ward mir noch so schwer, anders zu sagen — also sehen Sie hier, Minor, nun weiß ich erst sicher, wer mir dies geschickt." Mit diesen Worten hatte sie ein kleines Kästchen geöffnet, und ein Päckchen herausgenommen, in dem sich lauter Banknoten befanden. „Sie kamen", erklärte sie jetzt flüsternd, „einige Zeit nach dem Tode meines Mannes. Ein fremder Bote brachte sie mir, und es lag ein Zettel dabei, auf dem stand, daß meine Dora wohl und glücklich sei. Aber mir war so bang zu Mut, ob es auch ehrliches Geld sei; und so sagte ich niemand davon und verbrauchte nur zwei Scheine, gerade um Leib und Seele zu- sammenzuhalten, ohne ins Armenhaus zu gehen. Die Leute glaubten, ich hätte das Geld von daheim, wo noch ein paar Verwandte von mir leben. „Jetzt aber" — mit zitternder Hand die Wertscheine glättend-- „Machen Sie nach Belieben Gebrauch davon", sagte Minor. „Und sagen Sie, wem Sie wollen, woher das Geld kam, und wer es schickte. Es muß hart für Sie gewesen sein, die ganze Zeit darüber zu schweigen." Die alte Frau blickte mit höchster Verwunderung auf das hochherzige Mädchen; aber in ihrem einfachen Sinne war sie weltklüger als ihr Enkelkind. „Nein", sagte sie ernst mit einer ablehnenden Geberde, „ich bin schon zu lange still gewesen, als daß ich jetzt noch damit prahlen wollte. Ihre Nachricht hat mir das Herz warm und leicht gemacht, und das ist genug. Sie haben vielleicht nicht bedacht, Kind, was das Sagen für Sie bedeutet. Schweigen Sie noch darüber und lassen Sie auch das andere Frauenzimmer schweigen, bis Sie jemand um Rat gefragt haben. Von mir soll es niemand zuerst erfahren." Durchaus nicht gewillt, auch nur eine Silbe von dem zurückzunebmen, was Fräulein Bassett gesagt hatte, gab Minor keme direkte Antwort, sondern neigte sich herab Und drückte einen Kuß auf die gefurchte Stirn der Greisin. „Ich werde bald wieder kommen — Großmutter", sagte sie und verließ die kleine Hütte mit einem Gefühl aufrichtiger Bewunderung für Frau Stirlings große Uneigennützigkeit und vuit weniger beschämt über ihre nahe Verwandtschaft mit der armen Frau, als es unter gleichen umständen einer jungen Engländerin möglich gewesen wäre. Auf dem Heimwege beschäftigten sich Minor's Gedanken eifrig mit der Frage, ob Fräulein Bassett das lange gehütete Geheimnis jetzt schon preisgegeben habe und an wen, ynb wie es wohl der eine aufnehmen werde, dessen Rat sie sofort einholen wollte. „Wenn Herr Morgan mir sagt . . ." dachte sie, als sie bei einer raschen Biegung des Weges dicht am Flusse die Spuren eines kürzlich stattgehabten Unfalls bemerkte. Mit einem Ausrufe des Schreckens erkannte sie eines ihrer eigenen Fahrzeuge — einen Wagen ohne Deichsel und halb zusammengebrochen, den man gerade einen steilen Abhang auf der einen Seite der Brücke heraufzog; der Grauschimmel, den Herr Morgan stets zu benutzen pflegte, stand schwer verletzt dicht daneben, und eine Anzahl! Männer stritten lebhaft darüber, ob man das arme Tier noch nach Hause bringen könne, oder auf der Stelle töten müsse. „Was ist passiert?" rief Minor. Harris, ihr eigener Verwalter trat vor, nm ihr zu antworten. „Etwas recht Schlimmes, Fräulein Graham", sagte er ernst. „Herr Morgan saß in diesem Wagen und Fräulein Bassett saß bei ihm. Im Hause erzählten sie mir, daß Herr Morgan hierher gekommen sei, um auf Sie zu warten. Da Sie aber lange ausgeblieben und er noch Nötiges auf der Post in Bearsord zu besorgen batte, ließ er einspannen, um hinüberzufahren. Gerade wt letzten Augenblicke kam Fräulein Bassett herunter und fragte, ob sie mitfahren könne, da sie auch dort zu tun habe. Ich stand hier nebenan auf dem Felde und sah sie daher kommen. Plötzlich scheute das Pferd beim Anblicke einiger Kinder, die Aehrenbündel auf dem Kopfe trugen, und ging in rasendem Tempo durch. Herr Morgan hatte die Zügel fest gefaßt, und ich konnte sehen, wie er Fräulein Bassett, Die herausspringen wollte, auf ihrem Sitze zurückhielt; es wäre wahrscheinlich alles gut abgegangeu, iveun nicht das Frauenzimmer gerade, als sie über die Brücke fuhren, wie toll geschrieen und sich au den Zügel festgeklammert hätte. Damit war das Unglück geschehen, der Wagen stürzte hinunter und ein Wunder ist's, daß sie nicht beide den Hals brachen." „Wer — wer von ihnen — ist verletzt?" stammelte Minor. „Wo sind sie?" „Ich ließ einen Wagen vom Felde kommen, und Fräulein Bassett nach Westfields zurückfahren. Dann schickte ich nach Herrn Pott, der schon bei ihr ist. Sie sprach kein Wort, es scheint sehr schlimm mit ihr £u stehen." „Und — Herr Morgan?" „Er kam am besten weg, Fräulein Graham, aber das will nicht viel heißen." Minor atmete dennoch erleichtert auf, und Harris erzählte weiter: „Glücklicherweise kam gerade Herr Dr. Wilson mit seinem Landauer vorüber. Er half uns Herrn Morgan in den Wagen tragen und fuhr ihn sofort nach Hause." „Dann muß ich sofort nach der Villa", erklärte Fräulein Graham augenblicklich: „bestellen Sie zu Hause, daß man mich heute abend dort abholt. Mit dem Pferde machen Sie, was Ihnen am besten, am barmherzigsten scheint. Sagen Sie auch, daß man Herrn Pott alles zur Verfügung stellt, was er für Fräulein Bassett braucht. Gehen Sie jetzt gleich nach Hause zurück?" „Noch nicht gleich, Fräulein. Herr Morgan, der "nicht ganz das Bewußtsein verloren hat, vertraute mir ferne Briefe an. Ich versprach ihm, auf den Postboten zu warten, und sie ihm mitzugeben. Er wird bald hier vorüberkommen." „Dann geben Sie ja Acht, daß Sie ihn nicht verfehlen", sagte Minor, „denn dies würde Herrn Morgan sehr unangenehm sein" — und ohne noch einen Augenblick weiter zu verlieren, eilte sie auf einem Wiesenpfade nach der Villa. Hier traf sie Frau Wilson in größter Bestürzung, halb weinend vor Angst.um den geliebten Bruder, im Garten aus und 'ab schreitend. Man hatte sie aus seinem Zimmer verbannt, während der Doktor mit geschickter Hand, den wohlerfahrenen Jarris als Assistenten zur Seite, Richards doppelten Armbruch einrichtete. Die beiden Damen hörten draußen das schmerzliche Stöhnen des halb bewußtlosen Patienten, und während Minor totenbleich wurde, brach Frau Wilson in lautes Schluchzen aus. „O wäre ich doch früher nach Hause gekommen, und hätte ihn oder wenigstens dieses unglückselige Fräulem Bassett zurückgehalten!" flüsterte Minor ganz schuldbewußt in großer Bestürzung. „Oder hätte er überhaupt nicht nach Vearford gewollt! Was konnte er nur dort zu tun haben?" ent- 383 — gegnete Frau Wilson, nicht weniger bestürzt, wenn auch wohl in anderem Sinne. „Es tut wir so leid", fuhr Minor fort, die Augen voll Tränen, „für ihn und für uns alle. Ich- hätte ihn heute so sehr — sehr gern gesprochen." „Vielleicht werden wir ihn, wer weiß wie lange nicht sprechen", war Frau Wilsons kalter Trost. „Robert hält entschieden darauf, daß seine Kranken ruhig gehalten werden." Und der Doktor sagte genau dasselbe, als er eine Stunde später mit den neuesten Nachrichten von seinem Patienten herunter kanl. „Nach einer solchen Erschütterung, wie diese war, bedarf er mehrere Tage lang der äußersten Ruhe", lautete sein Ausspruch. „Die ganze Ausdehnung des angerichteten Unheils läßt sich noch gar nicht übersehen. Jarris und ich werden die Pflege übernehmen, und die Damen müssen ihn uns überlassen, bis das Schlimmste vorüber ist." (Fortsetzung folgt.) Selma Lagerlöf. Bon Bertha Kes. (Schluß.) In dem darauffolgenden Jahre bis 1899 weilt Selma Lagerlöf in Schweden. Diesmal taucht sie tief in die Vergangenheit des Landes: in die christlich-mythische Vorzeit und schreibt die Sammlung; Legenden und Novellen, welche unter dem Titel: „Die Königinnen von Kungahäll" veröffentlicht sind. Sie enthalten wahre Perlen der skizzenhaften Erzählerkunst, unter denen „Eine Grabfchrift" die kürzeste und ergreifendste Weibertragödie ist, die je ge- fchrieben wurde. Für einen sparsamen Menschen und Dichter hätte der Stoff zu einem zweibändigen Roman gereicht. Auch die „Ingrid" genannte Novelle, ein Hhrnnus auf die Liebesund Opferfühigkeit der Frau, erscheint im Jahre 1899. Um 1900 zieht es die Dichterin wieder mächtig hinaus. Sie ist inzwischen eine anerkannte Größe geworden. Es ist sattsam bekannt, daß zwischen den drei nordischen Reichen starke Eifersuchtsströme fließen. Um so bemerkenswerter ist die unanime Begeisterung, mit welcher seitens der gesamten nordischen Presse die Werke Selma Lagerlöf's beurteilt werden, nachdem der erste Schrecken überwunden war. Ich erwähne hier nur das Urteil eines norwegischen Blattes, weil es mir als besonders charakteristisch erscheint: „Die drei skandinavischen Länder haben vollauf genügend -literarisch Hand arbeitende Damen. Einen reichlich gefüllten Korb niedlicher, weiblicher Bücherindustrie. Damen mit allerlei Richtungen, mit allerhand Eigenschaften, aber alles Damen, und darum . . . unbelangreich. Plötzlich ersteht in Schweden ein großer Dichter, der eine Frau ist. Menschlich und weiblich. Ohne inneren Zwiespalt. Eine reiche Seele voll Zartheit und Kraft,! eine ursprüngliche Natur mit charaktervoller Einfachheit, ein unabhängiger Geist, mit einem Wort: eine große Künstlerin, in deren Seele sich das Leben hell und tief spiegelt." Die schwedische Akademie der schönen Künste setzte ihr ein jährliches Dichtergehalt aus. Sie darf nun unbehelligt von alltäglichen Sorgen schaffen, im stolzen Gefühl ihrer Kraft, getragen von der Liebe und Bewunderung der Besten ihres Volkes. Nun führt sie ihr Weg während einer Jahresreise nach Aegypten und Palästina. Die Frucht derselben ist ihr umfangreichstes Werk: „I er u s a-l em". (München, Alb. Langen.) Selma Lagerlöf zählt heute 45 Jahre; sie steht im Zenith ihrer Schaffenskraft" und wir dürfen annehmen, daß ihre fürstlich ausgestattete Dichterphantasie uns noch manches Meisterwerk beschert. Aber sollte es das Schicksal auch anders bestimmt haben, so können !vir mit dem, was sie uns bis jetzt gegeben, wohl zufrieden sein. Die Stoffe ihrer Dichtungen, seien sie nun den heimatlichen Sagen, den Ueberlieferungen anderer Völker oder Geschehnissen der Neuzeit entnommen, immer färben sie sich in der Glut ihrer Phantasie mit neuen Farbentönen erhalten sie, wie der Edelstein unter der Hand des Schleifers, sprühendes Feuer, neue, bisher ungeahnte Reflexe. „Am farb'gen Abglanz haben >vir das Leben"; dies Goethesche Wort ist lange vergessen worden. Selma Lagerlöfs daseinssreudige Künstlernatur weckt es in unserer Erinnerung. In ihrer Darstellung findet auch das Kleinste eine Verklärung. Auch der Unansehnlichste hat seinen Anteil am Leben, hat seine großen Augenblicke gehabt und einen großen Entschluß fassen können; er hat einmal „mit dem goldenen Würfel gespielt". Die Dichterin überschlägt alles Unbedeutende. Das gewöhnliche, das tägliche Leben faßt sie in eilt paar Worten zusammen, aber die Augenblicke, in denen die Menschen sich selbst sind, die schildert sie. Sie versteht das Leben so umzudichten, daß es wahrer, begreiflicher vor uns steht, als in Wirklichkeit: diese hohe Kunst aller Großen! Sie sieht die Menschen lichter, klarer! Mit liebevollem Verstehen bringt sie in die Tiefen ihres Mesens und erblickt den Adelsstempel auch in der Seele des Niedriggeborenen. Sie liebt das Volk, die,e Liebe glüht in all ihren Schriften. Seine Gewohnheiten, feine Ueberlieferungen, fein Besitztum, ja seinen Hausrat umfaßt diese Liebe und gibt ihm eine entsprechende Bewertung. Die Heimat, aus der ihre Gestalten entsprossen, ist der Antäusboden ihrer Kraft. Mit ihrem Fühlen und Handeln wurzeln sie in dem Erdreich, dessen Kinder sie! sind, sei es welches Land es sei — Schweden, Italien odev der Orient, immer sind sie die Erzeugnisse ihrer Umgebung, hätten sich nirgends anders gerade so entwickeln können. Das verleiht ihren Gestalten die unendliche Mannigfaltigkeit, ihrer Landschaft den unwiderstehlichen Stimmungszauber. Ohne uns durch langatmige Natur- oder Charakterschilderungen zu ermüden, ziehen Personeu und Ereignisse an uns vorüber, wie das bunt bewegte Bild des Lebens selbst. Welch eine Fülle der Gesichte in ihrem letzten Buche, dem groß angelegten Werke „Jerusalem". Wie in jeder starken Dichtung ist auch hier die Unterströmung eine tief ernste, melancholische. Die schwermütige Betrachtung, wie wenig das Ideal sich verträgt mit dem Leben. Hier ist es eine starke Volksbewegung, ein erwachendes Gottverlangen, das nicht zu vereinigen ist mit den Anforderungen des alltäglichen Daseins, ließet dem ersten Teil liegt die dunkle, aber mächtig ergreifende Stimmung des ernsten, verschlossenen nordischen Wesens, das, einmal aufgewühlt in den tiefsten Tiefen, zu großen heroisches Entschließungen fähig ist, aber nie einen Schritt zurückgeht oder bereut, den es einmal als richtig erkannt. Ein völlig verschiedenes Bild zeigt der zweite Teil, der als die eigenste Frucht der Palästinafahrt zu bezeichnen ist. In ihm bewundern wir zumeist die große Milieukunst der Schreiberin, ihre hervorragende Fähigkeit, das Lokalkolorit zu treffen, und ihre scharfe, geistreiche Beobachtungsgabe, welcher auch nicht der kleinste Zug menschlicher Eigenart entgeht. , z Und zum Schluß „Die Wunder des Antichrist" (obgleich es in der Reihenfolge nicht das letzte W^k ist), diesem Buch, das selbst Ivie ein Wunder in unserer nüchternen Zeit erscheint. Im Gegensatz zu dem düsteren Grundton, auf den das tief einschneidende religiöse Fragen behandelnde „Jerusalem" gestimmt ist, gedenkt mau hier unwillkürlich des Faustschen: „Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!" Dort alles ernst und würdevoll, dem Charakter des Volkes und des Stoffes angemessen, hier südliche Glut und Grazie. Ein naiver, entzückender Humor, eine leidenschaftliche!, liebestrunkene Hingabe an das Leben selbst. Auch hier ein Ringen zwischen Ideal und Wirklichkeit, aber iuie es der praktische, daseinsfrohe Südländer versteht, ohne die bleischweren Gewichte der Reflexion an den Füßen. Auch hier eine brennende soziale Frage. Und wie wird sie gelöst? ' ' , Selma Lagerlöf löst keine Fragen. Das Aus und Ab des Lebens gibt sie uns, schildert uns die Wirkung auf den einzelnen, seine Daseinsgestaltung durch sein Dafür öder Dawider. Und Selma Lagerlöfs eigene Meinung? Um solche Frage schüttelt sie wohl lächelnd den Kopf. Sie entgleitet uns, wenn wir sie festzuhalten meinen. Kraft ihres Dichtersürstentums wehrt sie alle plump zufassenden Hände, die sie für eine Tendenz gewinnen möchten, ab. Sie entschwebt hoch über alles Parteigetriebe, und mit dein Finger deutet sie auf die Schlußworte ihres „Wunders- Buches : „Niemand kann die Menschen von ihren Leiden befreien, aber dem soll viel vergeben werden, der in ihnen neuen Mut erzeugt, sie zu tragen!" Gemeinnütziges. * Größte Vorsicht beim Gebrauch von Petroleum ist in den heißen Sommermonaten dringend geboten. Das in Deutschland gebräuchliche Petroleum besitzt einen Entflammungspunkt von 21 Grad Celsius, d. h., es entwickelt bet dieser niedrigen Temperatur schort explosive Dämpfe. In den Kirchen rrnd Wohnräumen herrschen jedoch manchmal 25—30 Grad. Das hier ausbewahrte Petroleum befindet sich mithin in einem geradezu höchst feuergefährlichem Zustande, und es genügt schon die Nähe einer Flamme, um eine offene Petroleumflasche zur Explosion zrr bringen. Man sorge daher beim Fullen von Lampen rrrrd Kochapparaten, daß sich keine Flamme auch nur in der Nähe befinde. Feueranmachen mit Petroleum ist ein unglücklicher Leichtsinn, dem leider in jedem heißen Sommer Müdcherr und Frauen zum Opfer fallen. Schon im Winter ist es gefährlich, führt jedoch, wenn das Petroleum kalt ist, nicht so leicht zur Explosion, die im Sommer unausbleiblich ist. Man soll es daher stets streng verbieten, damit niemand glaube, was er im Winter zufällig ohne Schaden riskiert habe, auch im Sommer tun zu dürfen. Das hier vonr Petroleum gesagte gilt in noch höherem Maße auch für Benzin, Spiritus, wie für alle brennbaren Flüssigkeiten. vermischtes. * Prinzessin Luise von Toseana im Schloß R o n n o. Ein Korrespondent des „Petit Puristen" hat das Schloß Ronno (Südfrankretch), tu dem die Prinzessin Luise von Toscana Aufenthalt genommen hat, ausgesucht und berichtet über sein Gespräch mit der Besitzerin Mme. de Saint-Victor folgendes: „Der Flecken Ronno liegt sechs Kilometer von Amplepuis entfernt und zählt 1200 Einwohner, deren Anwesen auf den grünenden Mhängen der Montagnes du Sauvage liegen. Trotz einiger neuer Häuser bewahrt der Ort sein altes Aussehen. Viele finstere Tannen überragen das Dorf, während in den umgebenden Tälern eine üppige Vegetation herrscht. Das Schloß von Mme. de Saint Victor liegt ganz dicht neben dem Pfarrhaus in einem schattigen Dal, das den wunderbarsten Park bildeä; es ist ein großes zweistöckiges Gebäude, dessen geweißtes Mauern die vor kurzem vorgenommenen Reparaturen an- gei^cn. Von der Freitreppe aus beherrscht mau bas grünende Tal; es ist von einem Gehege umschlossen, dessen hundertjährige Bäume das alte Wohnhaus beschützen. Gut gepflegte und mit Sand bestreute Alleen durchschneiden den Park und enden an Eisengittern, deren eines sich für die Besucher und Freunde der Herrin des Hauses öffnet. Besonders sorgfältig ist die Anordnung der Gemächer im Innern, die gleichzeitig streng und verschiedenartig aussehen. Mme. de Saint-Victor hat der Prinzessin Luise ihre eigenen Gemächer abgetreten. Die Herrin'des Hauses, die den Winter über in Paris lebt, ist eine sehr vornehme Mau, deren noch junges Gesicht die vereinzelten weißen Haare Lügen straft. In dem großen Salon, in den ich eingeführt wurde, fielen mir unter den zahlreichen Photographien viele auf, die von der Prinzessitt Luise und ihrer Familie sind; sie tragen Unterschriften und weisen auf enge und alte Beziehungen zwischen ihr und Mme. de Saint- Victor hin. Nach kurzem Zögern und Ueberlegen entschloß sich die Herrin des Hauses, meine Fragen zu beantworten, damit nicht falsche Nachrichten durch, die Presse in die Oeffeiitlichkeit bringen. „Ich bin", sagte sie, „an die äußerste Verschwiegenheit gebunden. Die Prinzessin Luise weilt an meinem Herde, und mein Haus ist jetzt die Zuflucht der Ruhe, des Stillschweigens und des stärkenden Friedens. Die Nachricht, daß die Fürstin von Toscana ihre Tochter hierher begleitet hatte, ist vollkommen falsch. Die Dame, die man in Genf und Lyon für die Fürstin von Toscana gehalten hat, war ich. Nach einem sechswöchentlichen Aufent- halt in Lindau bei der Prinzessin Luise habe ich sie mit t^rer Tochter hierher geführt. Der Konsulatsattachee, der uns begrüßt haben soll, war mein Neffe. Auch daß wir am Buffet gefrühstückt haben, ist ungenau; wir haben dort nur unsere Lebensrnittel gekauft und sehr prosaisch im Zuge gefrühstückt. Ich kann Ihnen sagen, daß die Prinzessin Luise glücklich, ist, hier im Schloß zu sein, und daß die hier herrschende Ruhe ihr sehr gut tut." „Sie stehen schon lange in Beziehung mit der Prinzessin?" „Ja, unsere Familienbeziehungen datieren von sehr lange, und überdies kann es nicht soiiderbar erscheinen, daß ich ihr meine Gastfreundschaft angeboten habe, denn sie ist die Großnichtei des Grafen von Chambord und hat französisches Blut in ihren Adern. Mr sind noch nicht ausgegangen, aber ich werde sie bald mit meinen Armen bekannt machen und bin überzeugt, daß sie sich ihnen mit unvergleichlicher Aufopferung widmen wird. . . Zum stärkenden Frieden wird auch das Vergessen kommen; der Ihnen bekannte Namei wird niemals erwähnt, und 'es ist auch besser, daß man ihn nie hört. Die Prinzessin wird "vergessen." Vor der Haupttür sah der Berichterstatter einen Kinderwagen. Jeden Tag wird die Tochter der Prinzessin Luise von der Lindauer Wärterin in den Alleen des Parkes spazieren gefahren. „Das Baby gedeiht vorzüglich, und nach, allem, was ich hier in dem einsamen Winkel gesehen und gehört habe, erhielt ich den Eindruck, daß die einzige Stimme, dis jetzt ein Echo in dem Herzen der Prinzessin Luise findet, die ihres Kindes ist, für das sie lebt und hofft." Literarisches. — Lemuren. Wenn wir etwas von Lemuren hörens so denken wir mit Goethe an die bösen Spukgeister der alten Etrusker, an die nächtlicherweile umherirrenden Seelen der Verstorbenen, zu bereu Gedächtnis im alten Italien die Lemnrien gefeiert wurden. Neuerdings wird mit diesem Namen aber auch eine sehr merkwürdige Ordnung der Säugetiere bezeichnet, eine Gruppe von eigenartigen Tieren, die man früher ungerechtfertigterweise als Halbaffen in die erste Hauptordnuug des Tierreiches, in die der „Primates", einzureihen pflegte. Die Lemuren bewohnen ausschließlich die tropischen Waldungen der alten Welt, und zwar hauptsächlich die Madagaskars, die des kontinentalen Afrikas einschließlich Fernando Pos und die des Festlandes von Asien von Madras bis Südchina und seiner Inseln von Ceylon bis zu den Philippinen. In den zoologischen Gärten sind viele Arten dieser seltsamen Tiere fast gar nicht vertreten, sodaß sie dem Laien noch immer mehr oder weniger unbekannt sind. Um so dankenswerter! ist es, daß Prof. Dr. W. Marshall in der soeben erschienenen 4. Lieferung seines populären Prachtwerkes „D i e Tiere der Erde" (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt) sich in besonders ausführlicher Weise mit ihnen beschäftigt und ihr Wesen, ihre charakteristischen Merkmale und ihre Lebensweise durch Wort und Bild mit voller Klarheit veranschaulicht. Die vierte Lieferung enthält ferner einige prächtig illustrierte Abschnitte über die erste Familie der Landraubtiere, die Katzen, und schildert in trefflicher Weiss die Eigentümlichkeiten der Löwen und Tiger. Die Illustrationen sind um so wirkungsvoller, als sie ausnahmslos nach photographischen Aufnahmen nach dem Leben hergestellt sind. _____________ Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.) (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Delphischen Spruchs in vor, Nr.r Erz — Herz. Redaktion: Angnst Götz.— Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Üniversitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Kirsten.