Nr. 63. 1903. Freitag -rn 1. Mai. 24$ II iiEOS ^2OMWMMi'ü» (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. L.. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. fr': (Fortsetzung.) ?,Ev öffnete Ihnen selbst die Tür, wie ich glaube?" „Ja, Sir, das tat er." „Und er war sehr aufgebracht gegen Sie, oder Nicht?" „Ja, Sir, so ziemlich. Er war sehr erregt und sagte, daß wir morgen früh uns zu verantworten haben würden." Bei diesen Worten fühlten sich alle, Männer wie Frauen, zu einem tieferen Interesse angeregt. Man rührte endlich- an den Rand' des Geheimnisses. „Er sagte, daß Sie sich zu verantworten haben würden? Was dachten Sie, das er damit meinte?" „Ich habe es mir kaum überlegt. Er sprach wild durcheinander. Er war zornig und aufgeregt. Ich dachte an nichts, als wie ich ihn beruhigen könnte." „Fiel es Ihnen nicht bei, daß er den Gedanken Haben konnte, selbst seinem Leben ein Ende zu machen?" Diese Frage überraschte augenscheinlich die Dame. Miß Böstal starrte betroffen den Coroner an. Es ivar klar, daß der Gedanke ihr neu war. „Nein, Sir, an so etwas dachte ich sicherlich nicht." „Sie hatten keine Idee, was er damit meinte?" „Je nun, Sir, ich dachte, er wollte damit auf die Geschichte, die im Umlauf war, anspielen, die Geschichte von den Räubereien, die nicht weit von ihm stattgefunden Hatten. Er pflegte zu sagen, er kenne den Dieb." Bei dieser offenherzigen Antwort, die dem Munde der Zeugin entschlüpft war, ohne einen Begriff davon zu Haben, welche Bombe sie niederwarf, geriet die lauschende Versammlung in heftige Aufregung, die von feiten der Koltzet dre Rufe: „Ruhe!" hervorrief. . lvnc sehr aufgeregt, sagen Sie? Schien er sonst rn fernem gewöhnlichen Zustand zu sein? Ich meine, sprach er tote ein Mann, der sich in vollkommener Gesund- hett befindet, ut vollkommener Selbstbeherrschung?" fragte der Coroner, sehr zur Enttäuschung der Hörer, die sich' nrehr pur das der Gesch-tchte zu Grunde liegende Geheimnis als für den Tod des, Fischers Jem Stickels enteressierten. cr sch-ieu ganz er selbst zu sein. Wir waren erstaunt, thn so zu finden." „Und — war er nüchtern?" „Ganz nüchtern, tote ich sagen muß."! er etwas von dem Schlage, den er erhalten Hatte? Klagte er über etwas?" „Nicht, während ich da war." „Und fetzt, mein Fräulein, muß ich Ihnen noch! eine andere Frage vorlegen. Wie weit ist es von Ihrem Hause bis zu dem Fleck, wo der Verstorbene gefunden wurde?". Miß Bostal überlegte. . „Wenn man über die Felder geht, muß es ungefähr eme und eine halbe Meile sein. Auf der Straße sollte ich' glauben, fast zwei Meilen." Hier winkte der Oberaufseher der Polizei dem Co- roner zu, um seine Zustimmung zu dieser Berechnung aus- zudrücken. „Und fetzt sagen Sie mir gefälligst, welche Zeit war eG, als Ste die Hütte verließen, das ist, als Sie zuletzt den Verstorbenen sahen?" 3 81 „ES war ungefähr zehn Minuten nach Sieben.^ „Wonach stellen Sie die Zeit feft?" „Ich sah nach der Uhr, als wir wieder zurück nach Hause kaineu, um zu wissen, ob es Zeit wäre, für di« Rückkehr meines Vaters das Feuer im Speisezimmer an- zuzünden. Und es war fünfundzwanzig Minuten nach Sieben." „Dantt rechnen Sie auf den Weg eine Viertelstunde?^ ,, „Ja. Es ist auf dem Weg, den wir kamen, über die Felder dreiviertel Meile." Es fand fetzt eine kurze Pause statt, und die lauschend«' Menge, gespannter als je, harrte atemlos der nächsten rprage des Coroners. Sie fand in einer ziemlich' überraschenden Form statt. „Können Sie mir sagen, Miß' Bostal, ob Sie und Miß Claris vom Augenblick Ihrer Rückkehr an bis zur Ankunft Ihres Vaters immer beisammen blieben?". Miß Theodora besann sich. „Nicht die ganze Zeit", antwortete sie, nachdem sie stch einen Augenblick bedacht hatte. „Ich zerriß mir, als, ich' durch die Hintertür trat, an einem Nagel das Kleid und bat Miß' Claris, den Tee zu bereiten, während! ich auf toeitt Zimmer hinaufeilte und es ausbesserte." „Und tote lange waren Sie oben?" „Ungefähr eine Viertelstunde, wie ich! glauben möchte.^ „Sie haben kein Mittel, die Zeit festzustellen." „Ich hatte nicht Ursache, besonders acht auf die Zeit zu gefreit; doch ich glaube mich zu erinnern, gesehen zu haben, haß es zwischen zwanzig und fünfzehn Minuten vor Sieben war, als ich in das Speisezimmer hinunterging und Feuer machte." „War Miß Claris darin?" „Nein, sie kam nicht lange darauf mit dem Tee herein.^ „Und um welche Zeit war das?" „Das kann ich! nicht genau sagen. Doch glaube ich, es war bald nach! Acht." „Und hörten Sie sie während der Zeit, da Sie allein! im Speisezintmer waren, sich in der Küche bewegen?" „Ich erinnere mich nicht, es bemerkt zu haben. Ich war mit dem Feuer beschäftigt. Es wollte nicht brennen.^ „Alles tit allem folgere ich aus dem, was Sie sagten, daß von der Zeit, da Sie Miß Claris an der Hintertür 254 Verließen, bis zu der Zeit, da sie den Tee Hereinbrachte, volle drei Viertelstunden verstrichen?" „Ungefähr so, sollte ich meinen." „Sie sahen sie während dieser Zeit nicht, noch erinnern Sie sich, sie inzwischen gehört zu haben?" „Gewiß sah ich sie nicht und erinnere mich nicht, sie gehört zu haben." Wieder entstand eine gespannte Pause. „Als Sie sie das nächste Mal wiedersahen — das ist, als sie den Tee hereinbrachte, schien sie da auf- geregt oder war sie ruhig?" „Sie war sehr aufgeregt. Sie hatte die ganze Zeit geweint, wie sie mir, glaub' ich, sagte." „Ich muß Ihnen für die Klarheit, mit der Sie Ihre Aussagen abgaben, danken. Nur noch eine andre Frage. Würde es — glauben Sie — für jemand möglich sein, von Ihrem Hause in drei Mertelstunden oder etwas mehr bis zu dem Platze, wo der Verstorbene entdeckt wurde, und wieder zurückzukommen?" Die im Gerichtshof versammelte Menge schien einen tiefen Atemzug einhelliger Bestürzung zu holen. Nur die Zeugin schien die Absicht der Frage nicht zu bemerken. „Es würde, wie ich sicher bin, völlig unmöglich sein", sagte sie verwundert. „Und Sie sind sicher, daß die Zeit drei Mertelstunden nicht überstieg?" „So sicher, als ich es sein kann in Anbetracht, daß ich nicht besonders acht auf die Zeit gab." „Ich danke Ihnen. Das ist alles, was ich Sie jetzt zu fragen habe, doch! ist es möglich', daß wir Sie noch zurückrufen müssen. — Meine Herren", fuhr er gegen die Geschwornen gewendet fort, die mit ihren Fragen schon aufsprangen. „Ich glaube, es wird für Sie besser sein, die Aussagen der Aerzte erst anzuhören, ehe Sie weitere Fragen an diesen Zeugen richten." Sie setzten sich wieder, und wieder gab es ein Summen und Zischeln der Aufregung im Gerichtshof und die Leute sahen einander an und fragten einander, ob es wahr wäre, daß Nell Claris vom Bahnhof geholt worden sei und ob sie als Zeuge vernommen werden würde? Die Geschichte wurde immer rätselhafter. Das Geräusch hörte auf, als der Arzt, der die Leiche, ehe sie vom Fundorte fortgeschaft worden war, besichtigt hatte, den Eid ablegte und seine Aussage machte. Bei der ersten flüchtigen Untersuchung, die er nur draußen zu machen im stände war, hatte er nichts bemerkt, das ihm Aufschluß über die Todesursache gegeben hätte. „Sie nahmen aber später mit Hilfe von Doktor El ar gas noch eine gründliche Untersuchung der Leiche vor?" „Ja." „Und Sie waren dann im stände, zu einem bestimmten Schluß- zu gelangend „Ja, das war ich." „Ich glaube, Sie waren im stände sestzustellen, daß- der Mann auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen ist?" Es herrschte jetzt völlige, völlige Stille im Saal, als der Doktor erwiderte: „Ja. $n der rechten Seite des Kopfes fand ich eine kleine Wunde und nachdem ich eine Zeitlang sondiert hatte, fand ich im Gehirn eingebettet tzirre Kugel." 15. Kapitel. Der Wahrspruch. Zu sagen, daß man in dem überfüllten Gerichtshof Line Stecknadel würde habe fallen hören, als der Arzt diese Aussage machte, hieße die totenähnliche Stille, von her die dichte Masse der Hörer ergriffen war, unterschätzen. Nicht einer von zwanzig in der Menge war aus diese aufsehenerregende Enthüllung gefaßt, die in der Tat nur der Polizei und Hemming mitgeteilt worden war. Diese neue Tatsache warf ein so plötzliches Licht aus den Fall, jede Möglichkeit ausschließend, daß Jem durch einen Zufall ums Leben gekommen sein konnte, daß alle Anwesenden, Männer wie Frauen, einen Augenblick Atem schöpfen mußten, um die sich so plötzlich, darbietende neue Ansicht der Lage fassen zu können. Inzwischen fuhr der Arzt ruhig in seiner Aussage Jort, von der vieles technisch und für die Mehrheit von einem Interesse war. Doch war die Meuge fähige siH an die wichtigen Tatsachen zu halten, daß der Schuß von hinten und von der rechten Seite des Wegs gekommen sein mußte, wenn das Opfer, wie anzunehmen war, nach Stroan zu gegangen war und daß das Verbrechen ganz kurz vor der Entdeckung der Leiche begangen worden sein mußte. „Können Sie eine Meinung abgeben, Doktor, hinsichtlich der Länge der Zeit, die zwischen dem Mfeuern des Schusses und Ihrer ersten Besichtigung der Leiche verstrichen ist?" „Nach meiner Meinung ist der Tod höchstens eine Stunde vor dieser, wahrscheinlich eine viel kürzere Zeit vorher eingetreten." „Können Sie uns Ihre Gründe für diese Meinung mitteilen?" „Der Körper war noch ganz warm. Da es eine kalte Nacht war, und der Körper an einer sehr offenen Stelle laß, so konnte der Abkühlungsprozeh ein sehr rascher sein." „Können Sie uns genau sagen, zu welcher Zett Sie diese erste Untersuchung der Leiche machten und zu dieser Meinung gelangten?" „Es war sechzehn Minuten nach acht Uhr, als man mich holen ließ und ich kam an dem Ort, wo die Leiche lag, zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Minuten nach acht Uhr an." „Und die Leiche hatte nach Ihrer Meinung ungefähr eine Stunde dort gelegen?" „Oder beträchtlich weniger lange." „Sie würden daher annehmen, daß der Tod ungefähr zu welcher Zeit stattgefunden hätte? Oder ist es möglich, noch eine genauere Schätzung erlangen zu können?" „Es ist natürlich schwer, es genau zu bestimmen. Doch bin ich sehr geneigt, den Tod auf acht Uhr oder selbst später anzusetzen." „Das ist tatsächlich- nur einige Minuten, ehe die Leiche von dem Knaben entdeckt worden tft?" „Nur sehr wenige Minuten." Eine neue Erregung ging durch das Gedränge der „Ich hätte selbst erwarten sollen", fuhr der Arzt fort, „daß der Knabe den Knall der Feuerwaffe gehört hätte." Aller Augen waren jetzt auf den unglücklichen Knaben, Charles Wallett, gerichtet, der, nachdem er seine Aussage gemacht hatte, im Gerichtshöfe saß» Auf die Bemerkung eines der Geschwornen, ward er wieder vorgerufen und befragt. Er behauptete jedoch unter tiefem Erröten der Verwirrung, durch die so plötzlich von allen Seiten aus ihn gerichtete Aufmerksamkeit, kein Geräusch bemerkt und nichts gesehen oder gehört zu haben, was seine Beachtung erregt hätte, 6t3' er auf den mit dem Gesicht auf der. Erde zu Seiten der Straße liegenden Mann gestoßen wäre. „Wenigstens —Hier hielt er plötzlich inne und sein hochrotes Gesicht wurde blaß. Er hörte dann hinter sich im Saal ein Gemurmel! und er sing an verstört auszusehen und zu zittern. „Ganz recht, mein Junge", sagte der Coroner ermutigend, „überlege Dir hübsch, eh' Du sprichst, doch dann sage uns alles, was Du weißt, selbst das Gering- sügigste, das Du bemerkt hast." „Sir", sagte der Knabe, indem er abwechselnd rot und weiß wurde. „Ich hörte etwas' — es war gerade ehe ich- an die Biegung des Wegs kam und dann den Mann sah, aber ich habe nicht vor diesem Augenblick wieder daran gedacht." „Und was war das?" „Es war, was ich für Mr. Wells Schießen nach Vögeln hielt, Sir. Er ist immer da herum mit seiner Flinte und darum beachtete ich's nicht." Es' lag Wahrheit auf dem Gesichte dessen, der diese so spät und wider Willen aus ihm hervorgezogene Auskunft gegeben hatte. Da er, wie er sagte, das Schießen nach! Vögeln so oft hier gehört hatte, so konnte der Schall für ihn weiter keine Bedeutung haben, und es war, ihm nicht einmal sonderbar vorgekommen, daß- der Gutseigner noch! so spät sollte geschossen haben. Ein Schatten von Enttäuschung ging durch den Gerichtshof fiel dem Gedanken, daß Stickels trotz allem nur zufällig statt eines Sperlings erschossen worden sein konnte. Doch wurde diese Annahme rasch wieder verscheucht, ittbetn 255 Ber- dem den man Mr. Wells' selbst, der sich auch als Zeuge im Gerichtshof befand, herbeirief. Er pflegte, wie er aussagte, nie so spät nach Dunkelwerden zu schießen, und den vorigen Tag ser er in Canterbury gewesen und erst nach neun Uhr abends' zurückgekehrt. Dieses neue Glied in der Kette der Beweisführung, das über die genaue Zeit von Jems Tod wichtigen Aufschluß, gab, hatte ein kleines Gespräch zwischen Coroner und dem Oberausseher der Polizei, rind Aufruf Mrs. Manns als Zeugin zur Folge. „Ihr Gatte sagte uns, Mrs. Manu, daß der _ storbene aus seinem Weg zur Hintertür an Ihnen vorübergegangen wäre. Und totr haben gehört, daß er dabei sagte, er wolle zu seiner Pfeife und seinem Glas Bier gehen. Bemerkten Sie nun, nach welcher Richtung er ging?" „Ja, Sir, das tat ich", antwortete Mrs. Mann, eine ängstliche Frau, die niM dahin gebracht werden konnte, ihre Aussage anders als in einem wispernden Tone zu machen. der in Rr. 15 der „Petersb. Wjed." veröffentlicht wurde und das größte Aufsehen in ganz Rußland hervorrief. „Auf Grund meiner Untersuchung", schreibt der Fürst, „und auf Grund von Daten, die durch die höchste Verwaltungs- Lehörde des Gebiets bestätigt worden sind, nachdem sie von mir direkt bei den Eltern der unglücklichen Solotowa eingcholt worden waren, beruhen die Mitteilungen Ihres Korrespondenten unbedingt auf Wahrheit, ja die Tatsachen sind noch viel schrecklicher, als Ihnen berichtet worden ist. Es ist Ursache zu der Annahme vorhanden, daß die Solotowa sich nicht selbst mit Karbolsäure vergiftet hat, sondern vergiftet worden ist zur Beseitigung der Spuren der Bergewaltigungen, denen sie seitens einiger Dutzend Menschen ausgesetzt worden war." Dieser Brief, dem die Redaktion noch einen Artikel unter der Ueberschrift „Man kann nicht schweigen", zugesellt hatte, rief einen Sturm der Entrüstung in den besten Kreisen Petersburgs hervor. Die Presse wurde von den Behörden sofort gezwungen, die Angelegenheit totzuschweigen. Der Minister des Innern, Plehwe, erließ folgendes Zirkular an die Presse: „Hauptverwaltung in Presseangelegenheiten. Nr. 517, 16. Januar 1903. Angesichts der Anordnung einer Untersuchung in Sachen der Umstände beim Tode des Fräulein Solotowa, erachtet es der Minister des Innern für notwendig, bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Untersuchung die Weiterverbreitung irgend welcher Nachrichten und Artikel über die genannte Angelegenheit zu verbieten. Desgleichen ist es untersagt, den in Nr. 15 der „Petersb. Wjed." veröffentlichten Brief des Fürsten M. Andronikow, sowie den Artikel „Man kann nicht schweigen" nachzudrucken." Fürst Uchtomski wurde in die „Hauptverwaltung" be- schieden, wo Herr Swjerew ihm die „Unzufriedenheit des' Ministers Plehwe zu eröffnen hatte. Herr Swjerew hatte dabei die Einfalt, dem Fürsten Uchtomski zu bemerken, der Minister sei besonders deshalb unzufrieden, weil der Fürst, inl Besitz anscheinend wahrheitsgetreuer Daten in der Angelegenheit Solotowa, diese Daten nicht ihm, dem Minister, habe zugehen lassen. IM übrigen erklärte Herr Swjerew, der Minister des Innern habe aus eigenem Antrieb gleichfalls eine Untersuchung des Falles angeordnet. Der Brief des Fürsten Andronikow hatte also wenigstens die Wirkung, daß die Angelegenheit wieder ausgenommen werden mußte. Gegenwärtig machen in Rußland Abschriften eines Privatbriefes des Fürsten Andronikow an W. D. Bjelow die Runde. Daraus sind folgende Angaben zu entnehmen: Nachdem der Fürst sich entschlossen hatte, auf eigene Faust die Wahrheit zu erkunden, begab er sich zunächst, um offen vorzugehen, zum Chef des Kubangebietes, des Schauplatzes der Ereignisse, Generalleutnant Malama, den er von seiner Absicht unterrichtete. Nicht wenig überrascht war der Fürst, als General Malama ihm sofort erklärte, die in den „Petersburger Wjed." gebrachte Darstellung entspräche vollkommen den Tatsachen. Fürst Andronikow schreibt nun, wie folgt: „General Malama versicherte mir, daß die Solotowa in der Tat von Persönlichkeiten des Justizressorts, d. y. der örtlichen Gerichtsbehörden vergewaltigt worden und daß ihr Tod infolge der tierischen Mißhandlungen und Schändungen erfolgte, denen dieses unglückliche Mädchen ausgesetzt war!" lieber all das hat der General seinerzeit dem tzöchst- kommandierenden im Kaukasus, Fürsten Golizyn, Bericht erstattet, und er ist bereit, jederzeit vor allen und auch vor dem Kaiser seinen amtlichen Bericht zu bekräftigen. Aus den wahrheitsgetreuen Angaben der Eltern der Solotowa sind mir ferner folgende Einzelheiten klar geworden: Dem Untersuchungsrichter Pussepp war die Solotowa schon lange in die Augen gefallen und er machte eifrig Jagd aus sie. Als Helfershelferinnen zum Erreichen seiner Ziele dienten ihm zwei Mädchen, welche die nichtsahnende Solotowa, die schon lange ihre Schwester in Zaryzin besuchen wollte, überredeten, am 1. Mai die Fahrt nach Zaryzin anzutreten, und zwar mit demselben Zuge, in welchem Untersuchungsrichter Pussepp, Friedensrichter Dobrowolski (Sohn eines reichen Beamten in Jekaterinodar) und der Kandidat für Gerichtsämter Besmenow reisten. Tie Solotowa fuhr dritter, die andere Gesellschaft zweiter Klasse. Unterwegs war die Solotowa im Abteil mit den beiden oben erwähnten Mädchen, die ihr Spirituosen mv- boten und ihr eifrig zusprachen, daß sie trinken möge. Als die Solotowa eingeschlafen war, legten die beiden Ein Mdchenschicksal. Eine tiefe Erregung geht durch die gesamte russische Gesellschaft infolge der vom Fürsten Andronikow veröffentlichten Mitteilungen über den Tod eines unglücklichen Mädchens Namens Tatjana Solotowa. Die Solotowa wurde im Mai des verflossenen Jahres auf der Station Tichprez- kaja der Rostow-Wladikawkas-Eisenbahn angeblich wegen Diebstahls verhaftet und soll sich — nach amtlicher Lesart — aus unbekannter Veranlassung oder in einem Anfalle von Hysterie, im Gefängnisse das Leben genommen haben. Bald daraus erschien in der „Petersb. Wjed." eine Zuschrift, worin der Untersuchungsrichter Pussew beschuldigt wurde, der Solotowa die angeblich von ihr gestohlenen Sachen in ihr Gepäck geschoben zu haben. Dann habe Pussepp Lärm geschlagen, die „Diebin" sestnehmen lassen, sie in der Zelle vergewaltigt und darauf den Polizeibeamten überlassen. Diese hätten das Mädchen nicht allein selbst geschändet, sondern verschiedenen Vorübergehenden gegen ein Entgelt überlassen. Das Justizministerium ordnete eine Untersuchung an, dre überaus oberflächlich gewesen sein muß, denn das Ministerium verwies alsbald offiziell die in dem Zeitüngs- berrchte nntgeteilten Dinge in das Reiche der Fabel und Redakteur der „Petersb. Wjed.", den Fürsten Uchtomski, wegen Verleumdung zur Verantwortung zu zrehen. Der angeschuldigte Untersuchungsrichter Pussepp reichte, durch den Petersburger Untersuchungsrichter des 4. Bezirks bereits im August des vorigen Jahres gegen Uchtomski tatsächlich die Klage wegen „Verleumdung durch Die Presse" ein, doch ist diese Klage merkwürdigerweise bis jetzt nicht zum gerichtlichen Austrag gekommen, ein Umstand, der nicht gerade zur Beliebtheit des Justizministers Murawjew beiträgt. Tas Ergebnis einer genaueren privaten Untersuchung war in einem Briefe des Fürsten Andronikow niedergelegt. „Und ging er in der Richtung des,Blauen Löwen' fort?" „Nein, Sir." Ein neues Murmeln entstand, das rasch unterdrückt wurde. „Welcheii Weg ging er dann?" „Er ging ins Waschhaus und wusch sich und dann ging er in seine Stube hinauf, zu der er die Hölztreppe emporstieg, die im Waschhause ist. Und ich beobachtete ihn aus Furcht, er würde das Licht brennen 'lassen. Das tat er auch', und so ging ich 'nauf und löschte es aus, damit es nicht unnütz verbrannte." „Und wie lange war er da?" Doch hierauf konnte die Zeugin sich nicht entschließen, eine bestimmte Antwort zu geben. „Sie könnt' es kaum sagen. Es möchte eine halbe Stunde gewesen sein, vielleicht auch noch mehr". Schließlich räumte sie ein, daß es kaum weniger gewesen sein konnte. So daß es nun möglich schien, die Todeszeit Jems zwischen zehg Minuten vor acht, was ungefähr der früheste Zeitpunkt sein konnte, an dem er den Ort, wo man ihn sand, erreicht hatte, und zehn Minuten nach' acht festzusetzen, zu welcher Zeit der Knabe Charles Waklett den Leichnam entdeckt hatte. (Fortsetzung folgt.) 256 r Mädchen einen Degen (in Rußland tragen die Justizbeamten bei der Paradeuniform Degen) und einen alten Regenschirm zn den Sachen des Opfers. Auf der Station Tichorez- kaja wurde die Solotowa des Diebstahls beschuldigt, auf Befehl des Untersuchungsrichters Pussepp festgenommen und sogleich in das unweit belegens Arresthaus gesteckt. Auf diese Weise gelangte die hilflose Person in die Gewalt dieser niederträchtigen Spitzbuben: des! Untersuchungsrichters Pussepp und seiner Spießgesellen Dobrowolski und Besmenow, die sie mißbrauchten und sie dann allen Leuten Preisgaben. Als ich auf der Station Dichorezkaja anlangte, be- gegnete ich mehreren Arbeitern, die aus dem Eisenbahndepot kamen, und bat sie, mir die Wohnungen Kondakows und einiger anderer für tneine Zwecke wichtiger Personen zu nennen. Ich erklärte den Leuten, daß ich mid) für die Geschichte der Solotowa interessiere, die ihrem Tod vvraus^- gegangeneu Einzelheiten erfahren wolle und vom Gebiets!- chef ermächtigt sei, mit ihnen über diesen Gegenstand zu sprechen. Als die Arbeiter den Zweck meines Besuches kannten, wurde ich mit Freude von ihnen ausgenommen, uran unrdrängte mich!, lud mich? ins Depot ein, rief die Augenzeugen des erschütternden Dramas herbei und gab mir mit Eifer die genauesten Erläuterungen über den empörenden Fall. Die Arbeiter bestätigten mir in allem die Erzählung der unglücklichen Eltern und fügten hinzu, daß die Solotowa allen Leuten preisgegeben wurde. , Außer dem gesamten Dienstpersonal, dem der Zutritt freigestellt war,' durfte jedermann gegen eine geringfügige, an das Gefängnispersonal zu zahlende Entschädigung in die Zelle der Solotowa gehen. Die Kosaken wurden für einige Groschen oder auch nur für Schnaps zugelassen. Hingegen haben alle, welche das unglückliche Mädchen in Schutz nehmen wollten, für die hochherzige Wallung ihres Herzens büßen müssen. Der Stationsmaschinist Kondakow wollte die Solotowa gegen Kaution zu sich nehmen. Er wurde auf Anordnung des Staatsannwalts Dubinski ins Jekateri- nodarsche Gefängnis gesetzt und erst nach der Ankunft des Petersburger Staatsanwalts entlässen. Er wurde aus dem Dienst gejagt und ist bis jetzt ohne Stelle. Die von den Eltern bei der Leichenschau der Solotowa erbetenen Zeugen Kisselew und Sopow, Schlosser im Eisenbahndepot, wurden gleichfalls ins Gefängnis gesetzt, weil sie öffentlich! versicherten, „daß Tatjana Solotowa sich nicht vergiftet habe, sondern bei den Vergewaltigungen erstickt sei". Tie Leiche ivar schrecklich, entstellt. Geschwollene Beulen und Wunden bedeckten den Körper, Spuren von Nägeln waren auf Beinen, Brust und Händen zu finden. Tatjana hatte mehrere Telegramme an ihre Eltern aufgesetzt, das Geld dafür hatte sie erlegt und Quittungen darüber erhalten, doch keines dieser Telegramme hat seinen Bestimmungsort erreicht. — Später wurden die Quittungen von den alten, Solotows in den Strümpfen der Tochter entdeckt. Die Polizei verbot den Slotows aufs strengste, irgend jemand in der Stadt von den Vorfällen etwas zu erzählen. Dem Eisenbahn- bediensteten Dolmatschew wurde verboten, eine Photographie von der entstellten Leiche des Mädchens anzusertigen." So weit der Brief des Fürsten Andronikow, der überall in Rußland gelesen wird und die Empörung gegen die heutige Beamtenwirtschaft nur noch mehr anfacht. Vermischtes. * E i n o ze ani s ch e s Mär chen v o n d e r s ch ö n e n Melusine erzählt der Regierungsarzt Dr. Born in Pap in einem Aufsatz über die Leute der K'arolineninsel Pap, der der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte eingesandt wurde und in der „Zeitschrift für „Ethnologie" zum Abdruck gelangt. Es ist die Geschichte vom Fre-Gntschik. Letzteres Wort bedeutet in der Papsprache den Delphin; doch scheint es nicht ausgeschlossen, daß man ftüher damit auch die sogenannte Meerkuh, den Dugang, bezeichnet hat, der sich ab und zu von den Palaus, wo er sich häufiger zeigt, in der Vorzeit an die Küste von Pap verirrt haben soll. Da kamen nachts oft zwei Gutschiks ans Land geschwommen, die verbargen ihre Rückenflossen im Sande und verwandelten sich! bald in zwei schöne Mädchen. Durch den Busch liefen sie zum Tanzplatz der Frauen und schauten den Tanzen zu. Wenn die Nacht um war, eilten sie zum M. messtrand zurück und gruben ihre Rückenflossen wieder aus dem Sande. Sobald sie diese aus den Rücken legten, wurden sie wieder zu Fischen und schwammen über das Rifs in das Meer hinaus. Ein Mann saß aber einstmals oben in einer Kokospalme und sah, wie die Fischte ihre Flossen verbargen und zu Mädchen wurden. Rasch! stieg er hinunter und stahl dre eine der Seit und verbarg sie in einem Korbes AG nun die hen am Morgen vom Tanz zurückkehrten, fand die eine! ihre Flosse nicht und mußte traurig sehen, wie ihre Gefährtin davonschwamm; da stieg der Mann vom Baum herab, führte das Mädchen in sein Haus, gab ihr zu essen und! nahm sie zu seinem Weibe. Die Flosse aber verbarg er sorgfältig in einer Matte. Sie lebten glücklich und hatten viele Kinder. Als aber der Mann eines Tages in den Busch gegangen war, fand die Frau ihte Flosse wieder. Sofort lief sie zum Meeresstrand hinunter, legte sich die Flosse auf den Rücken und wurde alsbald zum Fische Rasch schwamm sie ins Meer zurück. Lange Zeit war vergangen, da segelte der Mann mit seinem Sohn einst zum Fasch fang auf das Riff hinaus. Und wie er nun umherfuhr und nach Fischen spähte, kam ein großer Fisch geschwommen, der beständig das Kanoe umkreiste und über den Ausleger hin uttti her sprang. Der Knabe aber rief dem Water zur „Sieh den großen Fisch." Da ergriff der Mann die Lanze und speerte den Fisch Als er ihn aber ins Kanoe zog, erkannte er an der Flosse, daß er sein Weib getötet hatte. Da wickelte er den Fisch in seine Matten und weinend! grub er ihn in die Erde und legte viele Steine darauf. Tann zog er mit seinen Kindern in den Busch und blieb trauernd zwanzig Tage darin. Dann kehrten sie in iHv Haus zurück und lebten wie zuvor, der Mann und die Kinder. . . Die Nachkommen dieses Fischsss leben angeblich heute noch!, und ein Kranker, den Dr. Born pflegte, ein fünfzehnjähriger Jüngling von Gatschbar, leitet seinen Stammbaum von ihm her. Literarisches. — Dr. Theod. Matthias, Vollständiges kurzgefaßtes Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung mit zahlreichen Fremdwortverdeutschungen und Angaben über Herkunft, Bedeutung und Fügung der Wörter. 2. Ausl. Max Hesses Werlag. Bd. 31 und 356 S. Preis geb. 1,30 Mk. hatte schon in der ersten Auflage durch, ein vergleichendes Verfahren praktisch bewiesen, wie verhältnismäßig leicht eine bloße Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung sei. Nun diese durch die Berliner „Orthographische Konferenz" von 1901 erreicht worden ist, nach den aus dieser hervorgegangenen amtlichen Bestimmungen umgearbeitet, muß es daher gleichmäßig für das Reich, die Schweiz und Oesterreich-Ungarn als der berufenste Führer durch, die — leider immer noch! gar zahlreich gebliebenen Schwierigkeiten der deutschen Rechtschreibung gelten. Doch ist das Blich viel mehr als ein bloßer Berater in Rechtschreibungsnöten. In den Andeutungen über die Herkunft und Verwandtschaft der Wörter enthält es zugleich das Gerippe einer Wortgeschichte. Durch die weitgehende Berücksichtigung des mundartlichen Sprachgutes ist es jedem, namentlich, auch dem Ausländer, em bequemes Hilfsmittel für das Verständnis fo gut der Buch?- wie der Umgangssprache. Auch ein vollständiges Verzeichnis der deutschen Vornamen ist hineingearbeitet, das über die Bildung und Bedeutung unserer älteren wie neueren Rufnamen Aufschluß gewährt. Es ist ferner ein Fremdwörterbuch, im kleinen, das die unersetzlichen Fremdlinge erklärt und für die im guten Schreibgebrauch besser vermiedenen die treffendsten üblichen Verdeutschungen an die Hand gibt. Endlich ist es ein Wegweiser durch alle Schwierigkeiten der deutschen Sprachlehre, in welchem von allen Verhältniswörtern die möglichen Fügungen verzeichnet sind. Auflösung des Magischen Dreiecks in vor. Nr.: F R A ALB NOTE ZOBEL Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und L erlag der Vrübl'ichcn Universitiits-Buck- und Stcindruckerci (Pietsch Erben) in Eicken.