Nr. 49. 888' ' cjTji AxxWWva MWÄÄ« ^Skbfir-.aute,. 9lga£g ujife. Ä (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) „Es ist sehr hübsch für Ihren Onkel", fügte er nach einer Pause hinzu, „aber —" er zögerte, fürchtend, zudrmg- lich zu erscheinen — „ist es ebenso angenehm für Sie selbst, hier draußen zu leben, ich meine, so weit weg von — nun von —" „Der gebildeten Welt?" fragte Nell lächelnd. „Gewiß bringt dies manche Nachteile mit sich Natürlich weiß ich, was Sie damit wirklich meinen und was Sie nur nicht gern sagen wollen. Wenn aber die Wahl nur zwischen dem liegt, mit meinem alten Onkel zu leben und ihm behilflich zu sein, oder von hier zu gehen und mir selbst zu genügen, kann ich da zweifeln, was ich zu tun habe? Miß Theodora, die das beste weibliche Wesen der Welt ist, sagte, ich müsse hier bleiben, ich täte recht, wenn ich bliebe." Clifsord zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete.. „Mir scheint, daß noch jemand außer Ihrem Onkel hier in Betracht zu ziehen ist. Dies ist doch für Sie ein schreckliches Leben. Alles muß Sie verletzen — das, was Sie an einem Orte, wie diesem, sowohl sehen wie hören, jede Einzelheit seines Lebens. O, sagen Sie mir nicht, daß es nicht so ist. Es ist natürlich sehr liebenswürdig von Ihnen, es zu leugnen, doch werde ich Ihnen nicht glauben." Doch Nell lächelte frei heraus und schüttelte nut einer Miene fester Ueberzeugung den Kopf. „Cs ist eigentlich schrecklich", sagte sie, „gestehen zu müssen, daß Sie zu hoch von mir denken. Mer es ist so. Nicht, daß ich sagen will, es gäbe in meinem Leben nichts, das ich nicht ändern möchte, wenn ich es könnte. Doch ist nicht in jeder Art Leben etwas, das man über sich ergehen lassen muß? Wie? Wenn man die frische Luft und das Meer hat — und ich liebe das Meer! — und den alten Onkel George — ich hätte ihn beiläufig zuerst genannt haben sollen, statt zuletzt — so kann man sicher zufrieden sein, auch ohne einige Dinge, an die mau gewohnt war, ans- zukommen." „Doch die Dinge, ohne die Sie hier auskommen müssen, sind doch so wichtig", sagte Clifsord ernst, „Der Umgang mit — nun mit —" Er wollte sagen: „mit Leuten von Erziehung und Bildung", brach aber kurz ab, damit das Mädchen nicht dächte, er würfe einen Makel auf ihren Onkel. Sie verstand jedoch seine Zurückhaltung, denn sie sah ihn bescheiden mit einem vergnüglichen Blicke an. „Ich weiß, was Sie gu sagen beabsichtigen", rief sie fröhlich, „Sie wagen es nur nicht, sich zu äußern. Und Sje haben, es nicht M wagen, ganz recht. Hab' W doch! gleichwohl den Umgang von — von — von —" und sie begleitete jedes „von" mit einem nachdrücklichen Nicken des Kopfes. „Miß Bostal ist so gütig, mich, als ihresgleichen zu behandeln." „Als ihresgleichen? Das könnt' ich mir denken!" er-, widerte Clifsord entrüstet. „Das verdrießt mich nun eben, daß Sie jemandes Güte betnen müssen, der sie als seinesgleichen behandelt. Das ist widersinnig! Mir scheint, daß da die Güte ganz nur auf Ihrer Seite liegt. Sie bringen etwas Jugend und Leben und — und —" Er blickte sie verlegen an und, seinen Satz unvollendet lassend, fing er einen andern an: „Ich sollte denken, daß sie Ihren Besuchen mit mehr Verlangen entgegensehen muß, als Sie den ihren." Nell lächelte über seinen entrüsteten Don. „O, Miß Bostal möchte nicht, daß man sie hierher- kommen sähe!" fiel sie rasch ein. „Das würde doch etwas ganz anderes sein. Miß Bostal hat, wissen Sie, Ahnen gehabt, und das legt Rücksichten auf, die einen in der Tat in eine sehr enge Lebensbahn drängen. Gleichviel wie arm man auch sein möchte, man hat immer an sie zu denken und darüber nachzusinuen, welches ihre Gefühle wohl sein würden, wenn man Dinge beginge, die nicht ganz in Ordnung wären. Und Sie wissen, es ist nicht streng in Ordnung, die Nichte eines Gastwirts aus seiner Besuchsliste zu haben. Miß Bostal mildert die Regel soweit, daß sie meine Besuche empfängt, sie erwidert jedoch diese Besuche nicht." „Welcher Unsinn!" rief Clifford. „Ich halte alle diese kleinen Ansprüche der Mittelklasse auf hohe Abstammung für so abgeschmackt!" „Ich bin duldsamer", sagte Nell. „Liegt es nicht in der menschlichen Natur, stolz auf etwas zu sein. Meinen Sie nicht?" „Ja, ich vermute es." „Dann scheint es mir eine schöne Bescheidenheit an den Tag zu legen, daß man auf nichts an sich selbst stolz ist, sondern dafür auf die Eigenschaften des Stammbaumes zurückgreift!" „Das ist eine sehr gutmütige Art, es zurechtzulegen", sagte Clifford. Er war über die Maßen entzückt, zu finden, daß Nell ebenso glänzend im Gespräch, als ihr Gesicht schön war. Und da es nicht schien, als ob sie darauf verlangte, ihn loszuwerden, so blieb er fort und fort da, mit ihr plaudernd und lachend, ihrem Geschwätz über ihren Onkel und dessen Güte, über Miß Theodora und ihre Güte lauschend, bis die Sonne sich senkte. Als er sich zögernd erhob, um Wschied zu nehmen, bemerkte er, daß schwere Regentropfen zu fallen anfingen, und er ließ sich gern von dem Wirt und seiner Dochter überreden, bis zur Aufklärung des Wetters zu warten. Als aber das Wetter, statt sich, aufzuklären, nach und nach schlechter wurde, bis der Tag in einem furchtbaren Regenguß endete, der stundenlang anzuhalten drohte, erkundigte 194 fand, daß die Haut glatt wie Seide und die zitternden rger schlank und weich waren, die Hand klein und -art der seinen entwand und einen Augenblick später wurde die daß sie tn Unordnung gebracht worden waren, und ging dann zur Tür, drückte leise bte Klinke auf und sah' — eine Hand, die er kannte! „Wer ist das? Wer ist's?" schrie er heiser. Er erhielt keine Antwort, als bte Antwort seines eigenen ' Seine Aufregung war so groß, daß die kleine Hand bis der Dieb in der Ausführung sei . , war, und den Uebeltäter auf frischer Tat zu ergreifen. Er wartete also, den Atem anhaltend. dem Schlafe. Durch das Gefühl, daß jemand im Zimmer wäre, wurde er aus einem gesunden Schlummer geweckt. Er glaubte dessen ganz sicher zu sein, obschon er einige Minuten lang, mit geschlossenen Augen daliegend, nichts werter hörte, als das Ticken der Uhr unter dem Kissen. Hierauf war es ihm aber, als ob sich in der Dunkelheit etwas tote ein Schatten zwischen seinem Bett und dem dichtverhangenen Fenster hin und her bewegte. Sein erster Gedanke war, K schwelgerisch streichelnd, da, von seinen Gedanken scht. Es war spät, ehe das verlöschende Licht ihn mahnte, eiligst zu Bette zu gehen. Als er an die Tür ging, sie, tote es seine Gewohnheit an einem freinden Orte war, zu verschließen, fand er, daß sie weder Schloß noch Riegel hatte. Und die Worte des jungen Fischers, seine Warnung vor dem Rufe des Hauses durchzuckten ihn blitzartig mit einem un- sich Clifford, ob man ihn für die Nacht aufnebmen könnte, i Als seine Finger die des Wiebes umschlossen, wurde er und da dies bejahend beantwortet wurde, beschloß er, die von einem plötzlichen und furchtbaren Schauer erfaßt.da Nacht in dem Wirtshause zuzubringen. er s Das Zimmer, das man ihm gab, war klem, aber schön I Finger schlank , rein und lag an der Vorderseite des Hauses mit dem Blick — h,p *,r fr,nnh’a über die Marsch aufs Meer. Als Clifford sich spät in der XÄ'ÖÄffiÄÄ I H-VN-, A°p°gung ,v« 1° , d.» d,- zu spähen E? fing an zu fühlen, daß er danach verlangte, die immer noch seine Uhr und ferne Börse umschloß, snh teilt en an diesem Orte verbringen zu können, Nells I der seinen entwand und einen Augenblick später wurde die Kohl bebauend, die Hecken ihres Gartens beschneidend, ihre Türe geöffnet und toteber zugemacht, und er befand sich Rosen begießend, kurz alles verrichtend, was ihn in ihre I allein. Nähe bannte. | d- Kapitel. Er war verliebt, und zwar ernster, als Willie es jemals I Wem gehörte die Hand. oder er selbst es jemals zuvor gewesen war. Er fragte sich, I Clifford saß, als die Türe bei einem matten Lichttons für ein Zauber es wäre, den dieses junge Mädchen so schimmer und einem Zuge kühler Luft zugemacht worden rasch über ihn hingeworfen hätte, und er sagte sich daß tuar aufreAt im Bette, durchschüttelt von Kvpf zu Füßen es die Lieblichkeit ihrer Natur, die Reinheit ihrer Zungen bon Aufregung und Entsetzen, die ihn kalt und krank Seele, die ihre blauen Augen durchleuchtete, war, was ihr machten. die Macht verlieh, ihn so zu bezaubern, wie es die bloße I War es also ein Dieb, ein gemeiner Dieb, dieses Schönheit des Gesichts und der Gestalt niemals vermocht I grauäugige, rosenwangige Mädchen, das ihn den Abend haben würde. Er blickte auf seine Hand und sah tm Geiste ,uüor getört hatte? Diese Nell mit der sanften Stimme noch einmal die kleinen, weichen, weißen Finger, bte weicher uni> betn Gölten Haar, aus deren Geplauder er mit Ent- und weißer als irgenb eine Mädchenhand waren, bte er I gelauscht hatte, die er bereit gewesen wäre, wegen jemals berührt hatte, und die für einen Augenblick m der I ^re§ Seelenadels, ihrer zärtlichen Herzensgüte gegen ihren seinen geruht, als sie ihm gute Nacht bot. Er suhlte noch j afte„ ungebildeten Onkel tote eine Gottheit zu verehren? einmal die seidenartige Berührung, die ihn durchbebte, als ^ei„ e& töCir unmöglich! Er hatte geträumt und würde ihre Hand der seinen begegnete. Er jag, die eigene Hand- I {n e-n paar Augenblicken erwachen, um zu finden, daß die fläche schwelgerisch streichelnd, da, von seinen Gedanken Erfahrung der letzten Minuten nichts als ein Wahngebilde gewesen wäre. c t , ,, . . Mit dem Wunsche, es so zu finden, der so stark tote her Glaube war, griff er mit der Hand unter das Kissen und fühlte nach der Uhr nnb der Börse. Sie waren aber fort, kein Zweifel konnte hier aufkommen. Er sprang aus dem Bette, tastete sich nach dem Fenster und zog die schweren Vorhänge zuruck Die behaglichen Schauer. I Dämmerung brach an und ein blasses, goldenes Licht Im nächsten Augenblick aber schämte er sich dieser I yber dem Meere. Er glaubte, daß es etwa um Erinnerung. Natürlich war es ja möglich, und sein ge- I . ut|I rei Der Regen der vergangenen Nacht hatte sunder Verstand flüsterte es ihm zu, oatz selbst das .. quZ und frisch gemacht, und als Clifford das Haus, das eine Göttin beherbergte, auch einen Diener I cEgnner öffnete, war sein Kopf so klar als nur möglich, oder eine Dienerin enthalten konnte, die eilt gemeiner I . ^ch mußte er sich gestehen, daß der Besuch Dieb war; und da er eine volle Börse und eine wert- I . ftratt uiit der weichen Hand eine furchtbare Tatvolle Uhr bei sich hatte, steckte er diese Besitztümer vorsichtig war. Er untersuchte seine Kleider, sah> unter das Kissen nnd überließ sich in Gedanken an Nell pg 4J iuai . . -— ^itta$tor Treppenabsatz war klein und eng und Mei Türen öffneten sich noch außer der Cliffords daraus. Eine steile und sehr enge hölzerne Treppe führte aus den Boden des Hauses, und Clifford bemerkte hinaufsehend, daß sie an ihrem Ende zu beiden Seiten eine Siir Ijatte. Er ging in sein Zimmer zurück, zog sich an tmd setztt Fenner yin uno yer oewegte. tsem et|iei wuuuk «™*, i sich in großer Ausregung ans offene Fenster. Weit ent- laut aufzuschreien und den vermeintlichen Dieb, da er den ?ernty «ch der scheinbar unausweichlichen Folgerung sosorr Eindringling für nichts anderes halten konnte, zu erschrecken, hinzugeben, kämpfte er vielmehr mit aller Macht dagegen Im nächsten Augenblicke entschied er sich jedoch, zu warten, I an Die Leidenschaft für das Mädchen, rasch wie sie tn -- • 1 - ------------- 'einer Absicht begriffen ihm aufgestiegen war, war sie auch stark genug, ihn genetg 1 ,u machen, jeder Annahme, wie unwahrscheinlich sie auch ein möchte, lieber Glauben zu schenken, als der Beweiskraft Bisweilen verschwand das schattenhafte Etwas für I feiner eigenen Sinne, wenn diese gegen sie zeugte. C einige Augenblicke völlig, um unvermerkt wieder zu er- bereit, zu glauben, daß es im Hause noch em anderes weiv- scheinen, und an den Wänden des kleinen Zimmers herum- liches Wesen gäbe mit enter ebenso kleinen, weichen, IG zutasten. Nur eines war es, was er von den unsicheren Um- sanft anfühlenden Hand, wie die eine, die er ni sil rissen der Gestalt abnehmen konnte: der Eindringling war gehalten hatte, als er Nell gute Nacht bot. Unb tumn tr T ein Weib. Er hörte ein Geräusch, das ihm von dem Herab- ihn die verzweifelte Unwahrschetnltchkeit dieser Boraus- fallen seiner Kleider herzukommeit schien, nachdem sie durch- setzung doch wieder mit der Kraft eines Schlages^ Er wühlt worden waren. Dann war es ihm, obschon er es nicht I innerte sich der derben Bauerndirne mit roten Händen, deutlich sehen konnte, als ob die Gestatt sich dem Bette dem Wirte am Schenktisch zur Hand gewesen war, und er näherte fand sich gezwungen, zuzugeben, daß die Hand, bte bte uyr Er verhielt sich'ganz still und tat, als ob er im Schlafe und bte Börse genommen hEe, nicht die ihre sein kom^ atmete. Dagegen war eilte Old-Nannte gedacht worden, und er redete Er fühlte, daß! eilte Hand auf der Betttolle war und sich ein, daß dies nur ein Spitzname sein könnt^ und oap leise um seinen Kvpf herumtastete. Dann war sie unter sie, der er beigelegt worden wäre, sich jung und schön geimg der Betttolle und endlich unter dem Kopfkissen. Er hielt I erweisen bürste, und bte Eigentumerin der diebischen I g sich bereit, die Hand in dem Augenblick W ergreifen, da sie zn sein. . . M.T ult, sich seiner Uhr und seiner Börse bemächtigt hatte. Obwohl diese Aufklärung des Diebstahls eme sehr uw Als die behutsamen Finz w diese Gegenstände aber er- wahrscheinliche war, so hielt Clifford sre doch mit griffen hatten, wurden sie mit solcher Raschheit Kurückge- I öweifelt^ Hartnäckigkeit fest, bis s sicherlich eine 196 es der Fall, so bedurfte es nur einer tüchtigen Anspannung der Einbildungskraft Cliffords, sich das Mädchen als fortwährend, bei Tag wie bei Nacht, von der Idee besessen vorzustellen, ihrem Onkel zu helfen und ihn zu bereichern, bis endlich ihre Wünsche mit ihr davongingen und im Schlafe für ihn die Gestalt wirklicher Diebstähle gewännen. Clif- ford hatte derartige Geschichten gelesen, die er zwar größtenteils für erfunden angesehen hatte; jetzt aber ließ ihn die Liebe danach wie nach jedem Auswege greifen, um der schrecklichen Möglichkeit zu entrinnen, erkennen zu müssen, daß Nell eine Diebin wäre! , (Fortsetzung folgt.) Allerlei von Pantoffelhelden. (Aus' der „Köln. Bolksztg.") Ich weiß nicht, woher der Ausdruck „Pantoffelheld" stammt, und weshalb man gerade den Begriff der Frauenherrschast mit der Fußbekleidung des Weibes in Beziehung bringt. Wahrscheinlich hatte man dabei zunächst das Bild im Sinn, das uns den Mächtigern seinen Fuß auf den Nacken des Unterdrückten setzend zeigt, und da dies Bild, zwischen Frau und Mann gedacht, unschön fein würde, sprach man vom Pantoffelschwingen der Frauen, und die Bezeichnung Pantoffelregiment ist in Deutschland just so alt, wie wir das Wort Pantoffel! kennen, das im fünfzehnten Jahrhundert aus Italien nach Deutschland herübergebracht wurde. Jedenfalls aber ist der Begriff Pantoffelregiment heutzutage allgemein bekannt in allen Kreisen und Ständen. Wir nennen Fürsten, die ihre Ehegemahlinnen allzu sehr in die Regierungsangelegenheiten hineinreden lassen, ebenso Pantoffelhelden, wie den einfachen Mann, der von seiner Gattin den Hausschlüssel durch besondere Zärtlichkeit erbetteln muß, und üben dabei die alte sprachliche Praxis, Morte, die Schönes und Großes bedeuten, zu ironisieren, denn kein Mensch wird einen Mann, der unter dem Pantoffel steht, wirklich als einen Helden ansehen, obwohl wirkliche Helden der Geschichte auch richtige Pantoffelhelden waren. Mer kennt nicht die Geschichte jenes hohen Militärs, Vor dem auf dem Exerzierplatz und in der Kaserne ein paar Tausend Männer, tüchtige, kräftige, starke Männer bebten, und zitterten, und der, wenn er heimkehrte, im Borsaal seiner Wohnung die Stiefel ablegte, damit seine gestrenge Ehegattin, vor der er in beständiger Furcht war, ihn nicht höre. Natürlich mag dieser Witzblattscherz erfunden sein, es hält sich aber in den Grenzen der Möglichkeit, so seltsam es erscheint, denn vor der Frau, die schön und klug ist, wird auch der stärkste Mann zu Wachs, wenn jene Frau Herrschgefuhl genug in sich hat, den Mann beugen zu wollen. Es ist daher nach meiner Ansicht auch durchaus keine Schande, ein klein wenig Pantoffelheld zu fein. Jeder gute, das heißt liebevolle Ehemann, der die Forderung des Dichters erfüllt, den Frauen zart entgegen zu gehen, ist wohl ein wenig Pantoffelheld, und es ist daher nach meiner Ansicht durchaus keine Schande, das einzugestehen. Pantoffelheld zu sein ist immerhin noch besser als Pan- toffelsklave; Pantoffelheld ist meines Erachtens derjenige, der offen die Macht der Frau anerkennt und sich willig von der Lebensklugheit und dem praktischen Sinn des Weibes leiten läßt, Pantoffelsklaven aber sind diejenigen, die des Pantoffels spotten, aber seinen Schwingungen am meisten unterworfen sind, ohne daß sie es fühlen. Gerade unter den bedeutenden Männern des Geistes und der Kunst gab es und giebt es viele Pantoffelhelden. Der Grund hierfür liegt nahe. Jene Männer haben stets zu sehr in den höheren Sphären des Geistes geschwebt, um nicht ganz zustieden damit zu sein, auf der Lebens- bahn sich einer Lenkerin und Leiterin ihres Pfades anvertrauen zu können. Von den beiden modernen Dichtern des Nordens, Ibsen und Björnson, wird behauptet, daß sie Pantoffelhelden seien. Selbst Fürst Bismarck soll sich manchmal gern unter den Pantoffel seiner Gemahlin gebeugt haben, so wenn diese zum Beispiel mit großer Zähigkeit darauf bestand, daß der Kanzler seine Medizin efnnehme oder andere ärztliche Vorschriften befolge. Freilich in Staatsangelegenheiten durste sich die Gattin des eisernen Kanzlers nicht mischen, wie dies beispielsweise von der Lebensgefährtin eines anderen großen Staatsmannes und Pantoffelhelden behauptet wird, von Gladstones Gattin, ohne deren Rat der große englische Staatsmann niemals wichtige Dinge unternommen haben soll. Von bedeutenden Männern im Reiche der Kunst sind wohl als Pantoffelhelden bekannt Richard Magner, der sich dem Szepter seiner lebensklugen Frau Cosima blindlings unterwarf. Ebenso soll Tizian ein ganz arger Pantoffelheld gewesen sein, der die drolligsten Schliche anwenden mußte, um für seine kleinen Bedürfnisse Geld von seiner die Kasse führenden Frau zu erhalten. Um diesen materiellen Punkt, die Regelung der finanziellen Verhältnisse, dreht sich bei Künstlern wohl zumeist das Pantoffelregiment. Der Künstler giebt leicht Geld aus, die kluge, praktische Ehehälfte muh den Daumen auf den Geldbeutel halten. Das war z. B. bei Theodor Döring der Fall, dem berühmten Charakterdarsteller, dessen hundertjährigen Geburtstag man im Januar feierte, und der sehr stark unterm Pantoffel seiner übrigens noch unter den Lebenden weilenden Gattin stand. Zahlreiche lustige Geschicht- chen werden von dem Pantoffelregiment erzählt, unter dem Döring wohl mit vollem Recht schmachtete, denn der gutmütige Künstler wurde, sobald er von seiner Frau losgelassen, gar zu leicht ausgebeutet. Von einem berühmten Komiker, der als Gastspieler in deutschen Landen weit beliebt ist, wird in ähnlicher Weise erzählt, daß er sich fein ansehnliches Vermögen nur durch das Pantoffelregiment feiner feit einigen Jahren verstorbenen Gattin erhalten habe, die ihrem zu unnützen Ausgaben leicht neigenden Gemahl jeden Groschen, den er verdiente, sofort abnahm. Freilich wollten Eingeweihte wiederum wessen, daß dieser Pantoffel der sparsamen Gattin nur denjenigen gegenüber existierte, die den Künstler anpumpen wollten, ober gern sich von ihm steihalten lassen mochten, während in Wahrheit der Künstler durchaus nicht knapp gehalten wurde. So viele Pantoffelhelden es aber auch jemals gegeben haben mochte, sie wollten das Vorhandensein eines Pantoffelregiments niemals gern eingestehen. Und daher muß es ganz besonders unangenehm gewesen fein, was einmal einem bekannten deutschen Sänger passierte, dem einmal von der Bühne herab der Pantoffel gezeigt wurde, unter welchem jener Sänger steht. Jener bekannte deutsche Sänger ist der Gatte einer berühmten deutschen Sängerin, die einen ganz vulgären Namen a la Schulze und Müller durch die Kunst ihres Gesanges zur Berühmtheit gebracht hat. Diese Sängerin wurde insbesondere auch dadurch einst viel genannt, daß sie kontraktbrüchig wurde nnb nach dem Goldlande des Gesanges, nach Amerika, ging. Hier ereignete sich jener Fall, von dem hier erzählt werden soll. Das fünfzigjährige Künstlerjubiläum eines amerita- nischen Bühnenkünstlers wurde gefeiert, und dieses seltene Fest wurde durch eine Benefizvorstellung im Metropolitan- Opernhaufe in Newyork festlich begangen. Was damals nur an Äesangsgrößen in Newyork anwesend war, wirkte in dieser Benesizvorstellung mit, nur jenes Künstlerehepaar nicht. Zwar hatte der Gatte ebenfalls seine Mitwirkung zugesagt, aber im letzten Augenblick zurückgenommen, so daß das Programm noch in letzter Stunde verändert werden mußte. Das fiel natürlich im Publikum aus, und der jubilierende Künstlerbenefiziant sah sich daher veranlaßt, eine Erklärung darüber zu geben. In einer Ansprache am Schlüsse der Vorstellung bedankte er sich bei dem Publikum für die ihm zu teil gewordenen Auszeichnungen und Ehrungen, und bei den Mitwirken-» den für die Teilnahme. Dann fuhr er, auf die Abänderungen im Programm eingehend, welche durch die Ab- fage bedingt wurden, fort und sagte u. a.: „Ich hoffe, daß Sie den Sänger wegen seiner Absage entschuldigen werden. In meiner längjährigen Praxis ist er der erste, der bei feiner Entschuldigung bei der Wahrheit geblieben ist. Er ließ mir mitteilen, daß er absagen müsse, weil ihm seine Frau nicht erlauben wolle, in einem Benefiz zu singen. Das ist ein triftiger Grund. Ich bin selbst ein verheirateter Mann und überlasse es jedem hier anwesenden verheirateten Manne, ob es eine Appellation gegen das Verdikt der Ehegattin giebt." Diese Malice des Künstlerjubilars war nun freilich nicht sehr nett, denn immerhin hätte ihn der Freimut, mit dem der Sänger seinen Pantoffel ertrug, mit Be- 196 fieiatom 9tuauft Göll. — ««stt»8ÄMt.LLd. BeMl M UniversitätL-Buch- und MiMuckerei MM Exbm) m Gießen. Beschaffenheit, alS diejenigen in Deutschland, und so wird Cadburys Schöpfung denn auch nach Verdienst gewürdigt. Er hatte zur Lösung seiner Aufgabe einen Teil seiner Besitzung Bournville, welche etwa 7 Kilometer von Birmingham entfernt liegt, zur Errichtung eines Musterdorfes hergegeben; die Urkunde datiert vom 14. Dezember 1900, und der Wert der Schenkung wird auf 3 600 000 Mk. geschätzt. Der Begründer der Kolonie, welcher die Bedürfnisse der Arbeiter sehr genau kennt, wollte dieselben namentlich der Wohltat eines Lebens in freier Natur teilhaftig werden lassen und ihnen zu gesunder Beschäftigung auf eigenem! Boden Gelegenheit bieten. Deshalb sollte jedes Haus in Bournville einen Garten besitzen und etwa ein Zehntel! der Kolonie sollte für Parkanlagen und Sportplätze reserviert werden. Die ersten 140 Häuser wurden zum Selbstkostenpreise verkauft und der Boden, auf welchem sie erbaut wurden, auf 999 Jahre verpachtet. Die ursprünglichen Muser haben in vielen Fällen ihre Häuser mit einem Gewinn von 1000 bis 2400 Mark pro Haus Wiederverkaufs Das war natürlich nicht die Absicht des Gründers, und die seitdem erbauten Häuser sind daher vermietet worden. Gegenwärtig sind nach Chambers Journal 31 neue Häuser teils schon vollendet, teils noch im Bau, und Pläne für 18 weitere Häuser sind vorhanden, sodaß bis zum EndS des Jahres 1903 mindestens 500 Häuser erbaut sein werden, mit einer Einwohnerschaft von etwa 2500 Personen. Die Mieten betragen einschließlich der Steuern wöchentlich 6.50 bis 9 Mk. Die Häuser sind halb freistehend oder in Kom- ilexen von je vier Gebäuden errichtet. Die Monotonie oll durch große Mannigfaltigkeit der Entwürfe vermieden! ein. Die kleinsten Häuser besitzen im Erdgeschoß eine Küche, ein Wohnzimmer, eine Waschküche, einen Flur und eine Speisekammer; im ersten Stockwerk befinden sich drei Schlafzimmer und ein Wandschrank für Wäsche. Mit der Küche ist ein Baderaum verbunden. Die größeren Häuser, haben ähnliche Räume und besitzen noch ein weiteres Schlaf- zimmer. Es giebt bis jetzt hier kein konzessioniertes Haus! für den Verkauf alkoholischer Getränke, und sollte ein solches etabliert werden, so würde es unter der Aufsicht der Kuratoren stehen und jeder erzielte Gewinn für Erholungsund Wohlfahrtseinrichtungen verwendet werden. Es ist nicht erstaunlich, daß eine lebhafte Nachfrage nach solchen Häusern besteht, und daß dieselben nie leer stehen. Wenn dre Besitzung vollständig bebaut sein wird, so wird die für den Zweck gegründete Wohlfahrts-Gesellschaft durch Pacht und Hausmieten ein jährliches Einkommen von ungefähr drei Millionen Mark erzielen. Cadbury ist nicht durch Erbschaft zu feinem reichen Besitz gelangt. Er ist ein Mann, der aus eigenen Ideen etwas zu machen weiß. Auf seiner Besitzung in Northfield. wird die elektrische Energie zur Erleuchtung des Herrenhauses durch einen Windmotor erzeugt; dieselbe Maschine besorgt aber auch das Dreschen und Buttern. Jedenfalls eine interessante Propaganda für die Ausnutzung einer kostenfreien Kraftquelle. Es heißt, daß Cadbury vor 40 Jahren das Geschäft mit 12 Arbeitern übernahm; anfangs arbeitete er sogar, ohne Gewinn zu erzielen. Unter diesen Umständen war es entschieden ein Akt der Großmut, daß er die Löhne der weiblichen Arbeiter erhöhte. Heute be- schäftiat das Unternehmen etwa 3600 Personen, darunter 2300 Frauen. Es giebt viele geschäftliche Unternehmungen^ die einen derartigen Aufschwung genommen haben, aber wenige haben sich in einer so kurzen Spanne Zeit m so übe« raschender Weise entwickelt. u- Scherzrätsel. Freund, du bist so schlecht gelaunt. Na, ich bad' auch Grund! Saß als stiller 8 daheim, — Plötzlich heult mein Hund. Schrill und frech tönt eine 1, O! die Ohrenqual. Aergerlich begab ich mich In mein Stammlokal, Und bestellt' mein Leibgericht. Wie ich's kost', o weh! War die Sauce angebrannt \ Und die b wie d. (Auflösung in nächster Nummer., Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Mut verloren, alles verloren. _____ , wunderung erfüllen müssen. Doch steht dieser Sänger mit seinem wahren Pantoffelheldenmut keineswegs vereinzelt da. Bor einiger Zeit ereignete sich in einer kleinen deutschen Stadt ein Vorfall, der zeigte, daß es mehr so mutige Leute giebt, die ungescheut, öffentlich sogar ihre Abhängigkeit vom Pantoffelregiment dokumentieren. Der Vorsitzende einer gutbürgerlichen Versammlung jenes Ortes stellte, als die Debatten vollständig erschöpft waren, zum Schlüsse die Frage, ob etwa sonst noch jemand zu freier Diskussion das Wort verlangen wolle. Da erhob sich denn ein ehrbarer, älterer, jovialer Herr und sprach: ,„Jch hätte wohl den Wunsch, daß die Herren von der Presse, die uns immer in dankenswerter Weise ihre liebenswürdige Aufmerksamkeit schenken, den Schlußsatz weg- lassen möchten." Der Vorsitzende verstand diesen Antrag nicht sogleich, und nun erläuterte der Interpellant — übrigens unter großem Beifall der „alten Herren" — seinen Wunsch dahin: „Ich meine das nämlich so: Unsere Versammlung ist zum Beispiel heute um zehn Uhr zu Ende. Und da das verhältnismäßig früh ist, geht man noch ein Glas Bier trinken. Es werden wohl auch manchmal zwei Glas; ein paar Herren spielen Skat, und man kiebitzt ein Viertelstündchen, und so kommt man sachte gegen ein Uhr nach Hause. Am anderen Morgen sitzt mgn, nichts Böses ahnend, beim Kaffee und liest die Zeitung, und da hält einem dann die teuere Gattin den Ver- sammlungsbericht vor die Nase, wo in der letzten Zeile steht: „Schluß der Versammlung 10 Uhr." — „Und Du bist erst um ein Uhr aus der Versammlung heimgekommen!?" Natürlich giebt es dann eine unangenehme Auseinandersetzung. Was liegt den Herren von der Presse daran, „Schluß 10 Uhr" zu schreiben". Der freimütige Interpellant und Pantoffelheld schien in der Tat den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, denn sein Antrag sand die allgemeinste Unterstützung, und der Vorsitzende übermittelte denselben unter vieler Heiterkeit an die anwesenden Angehörigen der Presse. Daß mächtige Fürsten unter dem Pantoffel gestanden haben, ist schon erwähnt. Daß auch sonst noch der Pantoffel auf die Gesetzgebung und Politik einen Einfluß ausüben kann, zeigt das folgende wahre Geschichtchen, das von einem bereits verstorbenen Reichstagsabgeordneten erzählt wird. Zu den regelmäßigsten Tribünenbesucherinnen des Deutschen Reichstages gehörte die Gattin jenes Parlamentariers, der in seiner norddeutschen Heimat als Bürgermeister ein Keines Gemeinwesen leitete und sich von anderen Abgeordneten dadurch in bemerkenswerter Weise unterschied, daß er das ehrwürdige Haupt stets mit einem Sammetkäppchen bedeckt trug. So oft nun die Dame ihren Stammsitz oben auf der Tribüne einnahm, geschah es, daß ihr Gatte sich unten im Saal von seinem Sitz erhob und — sich zum Wort meldete. Böse Zungen be- hanvteten, es sei die einzige Gelegenheit, bei der es dem Abgeordneten möglich sei, seiner Gattin zu imponieren, und so brachte es denn der Pantoffel, unter dem der Herr Reichstagsabgeordnete stand, zuwege, daß der Parlamentarier ungemein rege an der deutschen Gesetzgebung teilnahm. Eines Tages ober geschah es, daß der sonst so liebenswürdige Präsident — Herr v. Simson war es damals — den sich zu Worte meldenden Abgeordneten übersah, und zwar nicht nur einmal, sondern auch beim nächsten Male. Da riß dem Abgeordneten der Geduldsfaden, er erhob sich und rief zum Präsidententisch hinüber: ■ „Ich habe mich bereits zum dritten Male zum Wort gemeldet . . ." Um den Mund des Präsidenten spielte ein feines Lächeln, er wandte den Kopf zur Tribüne und sagte: „Entschuldigen Sie, erst jetzt sehe ich — sie!" Ein wahrer Heiterkeitssturm durchzog das Haus, welcher dem Abgeordneten und seiner Gattin, oben auf der Tribüne, sicherlich nicht sehr angenehm in den Ohren klang. Eme englische Arbeiterkolonie. George Cadbury', der Inhaber einer der bekanntesten englischen Kakaosirmen, hatte, wie Krupp und andere Großindustrielle, sich die Ausgabe gestellt, durch Schaffung einer Arbeiterkolonie die ungesunden Verhältnisse zu beseitigen, in denen sonst die Arbeiter in der Regel zu leben gezwungen sind. Die englischen Arbeiterwohnungen befinden sich im übrigen meist noch in einer weit traurigen