1902 Nr. 194. e? Vj i J ij (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. (Schluß.) Neber dem zierlichen Eisenpförtchen prangte noch f~ der Umrahmung von frischenr Tannens>-"» ous Wort ,,Willkommen", hell beleudif-^ wn oer Sonne, sodaß der Gruß grell in £>-c Augen fiel. Kalussoff drückte energisch die Klinkc nieder, das Pförtchen drehte sich in den Angeln, und er trat in den Vorgarten. Langsam nahte er sich der Gallerie, und zögernd schritt er ihre Stufen empor. „Was wird Milica sagen, und wie wird sich Ilja Popow, der Schwindler, gegen mich benehmen?" dachte er, während er die zum Salon führende Glasthür öffnete. Noch immer Hörte er keinen Laut. Leise trat er in den eleganten Raum f— auf dem Tische standen noch die matt blinkenden Silberschüsseln mit Salz und Brot und die Vase mit den Blumen, jetzt halb verwelkt, die er vor wenigen Tagen gesandt hatte. Run nahm er auch Milica wahr — sie stand am Kamin «und schaute in die prasselnden Flammen, die funkensprühend Und hell aufleuchteno ihren Schein gespenstisch auf die dunkle Frauengestalt warfen. Etwas Furchtbares mußte geschehen sein, was dieses entsetzliche Schweigen hervor- gerufen hatte. „Milica Antonowna", rief er mit gedämpfter Stimme, „warum so still? Hat Sie ein Unglück "betroffen?" Sie fuhr empor, als sei sie plötzlich aus einer andern Welt in die Wirklichkeit zurückversetzt, und schaute ihn groß und starr an, während ihr Mund geschlossen blieb. „Sagen Sie, was ist geschehen?" rief er lauter, während er aus sie zutrat, ihre Hand ergriff und erschreckt in ihr kaltes, bleiches Antlitz blickte. Nur ein Nicken des schönen Kopfes war die Antwort, während durch die halb geöffnete Thür des Speisezimmers ein leises Stöhnen drang. Er wandte sich und schaute, obwohl Milica hastig, mit der Hand abwehrte, in das Zimmer; auf einem Divan lag in der starren Unbeweglichkeit des Todes Ilja Popow Mit geschlossenen Augen, und neben ihm saß in einem Sessel Jefim Godunow, das Haupt in der Hand gestützt und in Schmerz versunken. Entsetzt prallte Dimitry Kalussoff zurück. Ihm wär, als ob ihn ein Fieber schüttelte, als ob die Furien mit eisernen Fäusten nach ihm griffen und eine gewaltige Snmme wie grollender Donner rufe: „Siehe, so wirst auch du enden!" Er mußte sich setzen und blieb minutenlang stumm. Erst allmählich gewann er seine Ueberlegung und seine Drache wieder. „Wie ist es' gekommen?" fragte er tonlos, fedpeu nach Milica hinüberblickend. Sie schloß leise die Thür zum Speisezimmer. „Er Kat ein Schlafpulver genommen"« gab sie zur Antwort, „und ist nicht mehr erwacht. Was blieb ihm andereA übrng, als von der Welt zu scheiden! Nach Ruhm dürstet, aber talent- und energielos, ist er unterlegen. fCl Mer'"mas hat HU «^ounow mit ihm M schaffen? Godunow hat den Sohn verloren, denn Ilja Popow hieß in Wahrheit Stepan Godunow." Dimitry Kalussoff fuhr empor. Die Szene Mit dem Buche und der Hinweis Boris Mitrofanowitsch LyschninS auf den Mann mit dem falschen Namen schossen ihm durch den Kopf. Nun hatte er die Lösung. „Und was ist er Ihnen gewesen?" ries er mit einer Stimme, aus der die Glut der Leidenschaft aufflammte. ,F8as ist er Ihnen gewesen, Milica Antonownas wiederholte er nochmals, nach einer Antwort geradezu dürstend. „Mir? Nur der Genosse einer Partei, mit deren Zielen er einverstanden war. Mehr ist er mir nie gch wesen! Zu einer größeren Sicherheit übernahm e!r, da er bereits vor seinem Eintritt in die Partei stark kompromittiert war, die Rolle meines verstorbenen BruderA Ilja." Ms sei eine erdrückende Last von seiner Brust ge* nommen, atmete Dimitry Kalussoff tief auf, und in seinen Augen leuchtete es wie heißer Dank Aber Milica Popow schaute kalt und starr, wie zuvor, nach ihm hin, als fet alles Empfinden in ihr erstorben. „Hat Jefim Godunow mit seinem Sohne in Verbindung gestanden?" fragte er. „Nein! Seit vielen Jahren haben sie sich nicht gesehen. Erst in den letzten Tagen erschien einige Male ein alter Herr in der Wohnung, ohne Jlje zu treffen. Heute morgen kam er wieder — der Herr war Fefim Godunow. Ms er ins Haus trat, war der Sohn schon hinübergegangen." „Und was nun?" kam es gespannt über seine Lippen. „Was nun? O, ich werde weiter kämpfen — unverdrossen, bis zum letzten Memzuge!" ries sie mit wilder Energie. „Hier kann ich nicht hleiben. Schon Minuten werden mir gefährlich — ich muß eilen Und verschwinden, bevor es zu spät ist." Eine Pause entstand, während deren eine wahre Grabes- stille herrschte. Durchdringend ruhte der Blick Milica auf Kalussoff, als ob sie sein ganzes Wesen ergründen wollte. ,„Haben Sie Mur?" flüsterte sie endlich. „Sind Sie bereit, mir zu folgen, wohin es auch immer sei?" Er nickte bejahend und legte beteuernd die Hand aufS Herz. „Tann kommen Sie, Dimitry Akimowitsch. denn in schneller Flucht liegt die einzige Rettung. Ihr Wunsch mein Impresario zu sein, soll m Erfüllung gehen l" — 774 — Geräuschlos traten sie ans dem Salon auf die Gallerte. Eie durchschritten den Borgarten und schwangen sich auf -en Gigg, vor dem der Traber ungeduldig mit den Fußen Darrte. Timitry Kalussoff nahm die Peitsche zur Hand. Er pollte mit ihr den glänzenden Rücken des Tieres berühren, als hinter dem Eckpfeiler des Gitters blitzschnell rin Mann in Gärtnerkleidung hervorsprang Und dem Pferde mit kräftiger Faust in die Zügel fiel. „Im Namen des----", aber' er vermochte den Satz Nicht in vollenden, denn die Peitsche sauste mit voller Wucht nieder, ein Schuß krachte, donnerndes Gho im tiefen Schweigen des Waldes wachrufend, imb pfeilschnell schoß der Traber mit dem Gigg von dannen. Erschreckt flogen vom Helm des Türmchens die Räben auf, der Kutscher des Lichatsch fuhr aus seinem Schjlum- mer, und der blutende Mann, der zusammengesunken war, raffte {üfj unter einem derben Fluche wieder empor, noch halb batäubt mit wütenden Micken und drohend geballter Faust dem schnell verschwindenden Gefährt nach- schauend. , In sausender Eile flog das Gefährt dähtn. Mtltca, die den Schuß abgefeuert hatte, ließ den rauchenden Revolver in die Tasche ihres Mantels gleiten. „Wir hatte,: den Back zum Gärtner gemacht", sagte sie kaltblütig.„Schon in den ersten vierundzwanzig Stunden seines TtensteI habe ich! Verdacht geschöpft. Nun hat er den wohlverdienten Tenkzettel erhalten." Sie waren bis zur Chaussee gelangt. „Nicht nach der Stadt", befahl sie entschieden, „sondern die tinMe'waesetzter Richtung, wir fahren ihnen sonst in nT.'h pur, Timitrh Wmowitschl, dort MoLHnunter^ der Hand die Chaussee Leichte Staubwolken wirbelten empor — Helme ou?u.. in der Sonne auf — — Reiter sprengten heran. „Wahrhaftig, es sind Gendarmen!" rief Timitrh Kä- lussoff, dem der Schreck in die Glieder fuhr. Er riß den Traber nach! links herum und ließ ihn mit voller Ktaft ausgreifen, daß unter den Hufen die Funken sprühten. Tie Sonne lachte noch immer und redete von Hoffnungsglück und neuem, frischem Leben, aber in die Herzen der Flüchtigen strahlte sie nicht hinein. Als Timitrh K'a- lussoff das Haupt prüfend« rückwärts wandte, waren die Turme und goldschimmernden Kuppeln Moskaus tief zum Horizont gesunken und von den Gensdarmen auf der Chaussee war nichts mehr zu sehen. Ein triumphierendes Lächeln glitt über seine Züge. „Ein simples Gendarmenpferd kommt gegen den Traber nicht ans", spottete er, indem er wieder nach rückwärts schaute. Boll Stolz blickte er auf das gleichmäßig dahineilende Tier, dem der Schaum in weißen Flocken über den mächtigen, schwarz- schimmernden Hals und die Flanken flog. Auch Milica Popow wandte sich in Freude zurück Ter Lenker beugte sich besorgt Wr Seite, um die Gefährtin Lesser zu halten. Tie plötzliche Bewegung lockerte dis Zügel in seiner Hand. Und der Traber stolperte, stürzte, raffte sich! auf, stolperte wieder und stürrnte, von wildem Entsetzen gepackt, die Gebißftange zwischen den Zähnen, haltlos weiter. Ein Anprallen gegen einen Baum, ein ohrenbetäubender, gewaltiger Krach von splitterndem Holz und knickenden, Eisen, ein gellender Aufschrei — und in weitem Bogen sausten Milica Popow und Timitrh Kalussoff von dem zerschmetterten Gigg auf die Steine der Chaussee, während das Pferd wie der Sturnrwind mit der Gabel davonraste. Ein Kopf hob sich empor und schaute, als ob er die Situation noch nicht erfaßt habe, verwundert ringsum. „Verteufelt — das schmerzt", stöhnte Timitrh Kalussoff, sich vollends aufrichtend. Er schwankte einige Schritte vorwärts nach einer leblos daliegenden Frauengestalt — er stürzte neben ihr nieder, er rang verzweifelt die Hände und rief, ohne Antwort zu erhalten, ihren Namen. Tie Augen Milica Popows öffneten sich und sahen ihn eine Welle starr jam, um sich dann — für immer zu schließen. Er horchte an ihrem Herzen, fuhr über ihre Stirn, verbuchte sie aufzurichten, vergebens — das Leben war ent« lohen. Ratlos und zerschmettert blickte er in das stolze,, chöne Antlitz, das sich aus dem gelösten goldigen Haar otenbleich abhob. Tie wilde Energie der Züge war einem sanfteren Ausdruck Mwichen, und um den Mund schwebte ein leichtes, versöhnendes Lächeln. Mit Aufbietung aller Kraft versuchte ter, die Tote seitlich in den Wald zu tragen, aber der mit aufgelöstem Schnee gefüllte Graben hinderte ihn daran. W- er sie niederfinkcn ließ, nahm sein Ange ein Medaillon wahr, das an goldenem Kettchen hängend, sich infolge des Sturzes geöffnet hatte: es enthielt das Miniaturbild eines jungen Marineoffiziers. Langes Zaudern war gefährlich. Tinntry Mlujsoff sprang auf und sah die Chaussee hinunter in der Rich- jung uach> Moskau. Weit hinten wirbelten wieder die Staubwolken aus und blitzten die Beschläge der Helme. „Ich muß eilen", murmelte er. Ein Lebewohl flüsternd und einen schmerzlichen Scheideblick auf die am Boden liegende stumme Gestalt werfend, sprang er über den Graben in bett Wald hinein, zwischen dessen Stämmen er bald verschwand, für immer ein Verschollener bleibend. — Tie Gendarmen kamen und fanden die Tote. Auf ihren Säbelscheiden trugen sie Milica Popow zu der stillen Tatsche von Ljublino zurück, von deren Pforte einer der Männer das höhnende „Willkommen!" herabriß. — Jefim Godunow grübelte noch imtner in dumpfer, schweigender Trübsal. Seine Gedanken schweiften weit tn bte: Jahre zurück, da der stumme Mann, der aus dem Twan lag, jung gewesen war. Tein Water ließen Galgant und Chtua- wnrzeln nur geringe Zeit, sich um den Jüngling zu be- kümmern, und dieser konnte unbehindert fernen Neigungen! folgen. Tas Gute unterlag dem Bösen: Stepan Godunow wurde ein leichtsinniger Verschwender, dem nichts zu schlecht war, sicht die Mittel zu einem ausschweifenden Leben zu verschaffen, und schließlich >vurde er, ohne bte genügende Reife zum politischen Teuken zu besitzen, em Verächter und Bekämpfer der staatlichen Autorität. Jefun Godunow! p..-rtP auf Tie schwere Stunde wurde wieder lebendig tn ihm, uu hon Sohn hinausgetrieben und verstoßen hatte. „Wer weiß", baajt» =>r ,,ob es nicht anber8 kommen wäre, wenn ich weniger um bas Geschäft un' um ihn gesorgt, wenn ich ihm ein größeres Matz r zu den Semigen eingeflößt unb ihm rechtzeitig b-'geu rächt hätte, was Pflichten sind, denn wer sich ihrer k worden ist, besitzt die sittliche Freiheit, die größeres Maß von Liebe zu den ©einigen eingeflößt und ihm rechtzeitig beigebracht hätte, was Pflichten sind, denn wer sicht ihrer bewußt geworden ist, besitzt die sittliche Freiheit, die ihn Wie eilt alter, mächtiger Baumstamm sicher im Leben wurzeln läßt." Tie Liebe! Er hatte selber das Wort im Munde geführt, aber er fühlte in dieser einsamen Stunde, daß ohne sie die Wärme und das Leben fehlen. Wie in stiller Bitte um Vergebung richtete er seine Augen auf das ruhige Gesicht des Toten, der keiner Liebe mehr bedurfte. Gendarmen und Beamte traten ins Zimmer. Jeflm Godunow fuhr auf und starrte sie teilnahms!- los an. „Wir haben die traurige Pflicht", sagte enter von ihnen, „Euer Wohlgeboren zu vernehmen." „Was ich weiß, werde ich sagen", erwiderte Jeflm, während er sich« müde erhob. „Nach vierzehü Jahrenj habe ich den Sohn gestern im Konzert wieder gesehen, und als ich heute morgen hierher kam, um einen Verlorenen vielleicht noch retten zu können, war es schon aus mit ihm. Tort im Salon empfing mich eine Tarne, die mich! wortlos zu diesem Zimmer geleitete, wo ich den Entschlafenen sand." , „Und Sie haben keine Ahnung, was er tn den vierzehn Jahren getrieben hat?" „Nein", gab Jefim tonlos zur Antwort, „tch wähnte, ihn in Paris und habe bei meinem dortigen Bankier zuweilen Summen für ihn deponiert, die bis vor einigen Jahren regelmäßig abgehoben wurden. Sonst habe ich keine Gemeinschaft mit ihm gehabt. Nun er geschieden ist, will ich ihn nicht mehr verleugnen, denn der Tod predigt Friede unb Sühne." Jefim Godunows Vernehmung war beendet. „Mir bleibt nur übrig", sagte der Beamte, „Euer Wohlgeboren zu bitten, die Tatsche zu verlassen und sich dem Gericht, falls es gewünscht wird, sofort zur Verfügung zu stellen." Einen Abschiedsgruß dem Toten zuflüsternd', verließ' Jeflm das Zimmer, um nach der Stadt Utrückzusahren, 775 Gerade als er in den Lichatsch stieg, sah' er in geringer Entfernung Gendarmen nahen, die ihre Pferde am Zügel führten und auf ihren Säbelscheiden eine leblose Frauengestalt trugen. Er schauderte und wandte sich ab, während der Wagen sich langsam in Bewegung setzte. Madame Praksin sand das Aussehen Jesims nicht so gut, wie sie erwartet hatte. „Die Leiden des' Winters und die Anstrengungen der Reise wollen überwunden sein", meinte sie teilnahmsvoll. „Ruhe und milde Witterung werden Wunder bewirken." Ein trauriges' Lächeln war die Antwort. Jefim aber setzte sich! nach dem Verschwinden von Madame Praksin an den Schreibtisch und schrieb einen Bries an seine Frau. Schmerzliche Nachrichten waren es, die er mitzuteilen hatte; seine Hand zitterte, und seine Augen waren seucht geworden. Ms er den Brief geendet, stützte er den grauen Kopf in seine Rechte, still vor sich hinblickend und in Gedanken verloren. Eine Hand legte sich auf seine Schulter — er sah auf: Tatiana stand neben ihm und beugte sich zu ihm nieder. Sie schlang den Arm um ihn und flüsterte in tiefer Bewegung: „Papa, ich habe schwer gekämpft und — mich wiedergefunden! Verzeihen Sie, wenn ich vom rechten Wege abgeirrt war. Nun will f.h sühnen und Ihnen eine treue Tochter sein!" Verwundert schaute sie Jefim an. Tas blasse, verstörte Gesicht sagte ihm, daß sie tiefes' Leid empfand, und ahnungsvoll zog es durch seinen Sinn, daß ihr Herz dabei im Sprele war. Er fragte nicht, sondern zog die Tochter an sich, streichelte ihr dunkles, seidenweiches Haar und küßte sie auf die Stirn, während schwere Thränen ihr Antlitz netzten. „Und ich.", sagte er leise, „nehme die Wiedergefundene mit inniger Freude und väterlicher Liebe auf. Tas Eltern- ^"us soll Dir eine feste Burg sein, die Dich gegen die • - hpä Leben« schützt und Tein er Seele den Frieden spielten durch die mit warmem Licht, igen und der Hellen aß noch! immer bei di Rede gewesen, obras Lippen brannte. . i' v , .....uj . .i zu fragen. ist zu Ende mit ihm", gao Jefim leise und mit gebrochener Stimme zurück. „Tu wirst ihn in diesem Leben niemals Wiedersehen. Bete für ihn!" Im Zimmer entstand ein tiefes und langes Schweigen. 12. Monate waren vergangen. Der Sommer hatte längst seinen Einzug gehalten und die Menschen in die Bäder oder nach. Nrshni-Nowgorod zur Messe getrieben, deren Eröffnung unmittelbar bevorstand. Durch, die Straßen der ehrwürdigen Stadt an der Wolga flutete ein sinnverwirrendes Leben, denn einige hunderttausend Händler ane» dem europäischen Rußland und aus allen Teilen Asiens waren zum Abschluß von Geschäften herbeigeeilt. Unübersehbar dehnen sich die riesigen Schiffskarawanen aus der Wolga und Oka' aus, ein großartiges schwimmendes Äager von Naturprodukten und Rohmaterialien, das aus Sibirien, Persien, Indien und China, von den Ufern des Nordischen Eismeeres, des Kaspischen und Schwarzen Meeres mühevoll herbei- aeführt war. In den Reihen an der Czaren-, Minin-, Sibirischen und Posharski-Straße ruhten Millionen an Wert in gedrängter Aufstellung, insgesamt ein überwältigendes Bild von der Kraft und Intelligenz gewerblichen Schaffens. Und aus den benachbarten Feldern türmten sich, wie weit auch das Sluge sah, wohlgefüllte Tonnen, Kisten und Ballen zu mächtigen Pyramiden und Bergen, ragten dunkle Eisengerüste, riesige Krahn- Winden, schmuck ausgeputzte Baracken und lustige Zelte in die Luft, rasselten mit ohrenzerstörendem Lärm in chaotischem Gewirr Hunderte beladener Lastwagen, deren Pferde mühevoll vorwärts stampften, und duftete es betäubend nach! geräucherten Fischen, Fellen, Leder, Thee, fremdländischen Materialwaren und Hölzern. Es gab viel zu thun am Namenstage der Messe. Eifrig war der Prokurist Andrei Pawlowitsch Steinbrecht in seiner aus Stangen und Matten errichteten Baracke mit dem Notieren von Bestellungen beschäftigt. Seine Gedanken waren so ungeteilt bei der Arbeit, daß er den alten Herrn, der den Vorhang zur Seite geschoben hatte und auf die Schwelle getreten war, gar nicht bemerkte., „Nun, so fleißig?" hörte er plötzlich, eine Stimme. Ueber- rascht schaute er auf — vor ihm stand Jefim Godunow. „Ich komme wegen eine-- Postens Thee", sagte Jefim freundlich, während er Andrei Pawlowitsch der hinter dem Pulte hervorgetreten war, die Hand reichte, „ich Bitte um Vorlagen von Proben." In dem Prokuristen waren im ersten Moment Unruhe und Verlegenheit aufgestiegen, aber bald hatte er seine frühere Sicherheit wiedergewonnen, und nachdem er den alten Kunden höflichst begrüßt, legte er die gewünschten Proben vor. Beide unterhandelten mit dem Aufwande höchster Zähigkeit um den Preis. „Zwanzigtausend Rubel ist mein letztes Gebot", rief Jefim. „Kredit beanspruche ich nicht — die Zwanzigtausend stehen sofort zur Verfügung!" „Nein, mit Zwanzigtausend ist es nichts", betonte der Prokurist. „'Die Preise stehen hoch denn die Zufuhr ist infolge der chinesischen Wirren sehr gering geblieben." Jefim Godunow machte ein ernstes Gesicht, erhob! sich und schritt grüßend von dannen. Draußen blieb Jefim noch» bei den Theekisten stehen, die in strenger Ordnung über einander geschichtet und mit Bresent bedeckt waren. So sauber und tüchtig war die Verpackung, so regelrecht die Aufstapelung, so praktisch die gesamte Anordnung, daß er lichte Freude empfand. Prüfend fuhr er über einige Kisten mit seinem Stoch um sich zu versichern, ob sie den weiten Transport von Kjachta her auch gut überstanden hatten. Hinten zupfte ihn jemand am Rock. Er dv-ht» sich um — ein Geschäftsfreund stand vor ihm. „Haben Sie das Nei'-fte gehört?" „Was kann es sei. ""Welte Jefim. „Gebrüder Kalussoff ^aben ihre Zahlungen eingestellt. Tie Passiva ). - um das Zehnfache übersteigen. Soeben ijx. erhalten. Dimitry Kalussoff ist schon längp . d Jury ist nach einem mißlungenen Versuch«., i Leben zu nehmen, verhaftet worden." „Sind Sie tangiert?" fragte Jefim rr welche Bewegung zu verraten. „Nur mit einigen Tausend!" „Und ich mit vierzigtausend. Wenn meine Forderung mit zehn Prozent aus der Masse herauskommt, bin ich zuftieden." Einen Gruß nickend, wandte er sich, zur Baracke zurück. „Tas Geschäft, das ich vorhabe", dachte er, „wird, mir den Verlust hundertfältig decken." Er schob mit einem Ruck den Vorhang weit zur Seite, daß die Sonne voll in das Innere des Raumes fiel und Andrei Pawlowitsch geblendet aufschaute. „Den Thee nehme ich nicht", rief Jefim lächelnd hinein, „wohl aber den Prokuristen!" „Wieso den Prokuristen?" klang es fragend zurück. „9(1111, Sie hatten einen Brief an meine Tochter Wera geschrieben, und ich nehme den Prokuristen — im Auftrage meines Kindes. Nach. Geschäftsschluß erwarte ich. Sie im Hotel Petersburg!" Andrei Pawlowitsch Steinbrecht schoß hinter seinem Pulte fast mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges hervor. Kräftig die runzlige Hand des alten Herrn schüttelnd, rief er in heißer Freude: „Mich' zu Ihrem Sohne gemacht zu haben, Jefim Fedorowitsch, soll Sie nie gereuen!" — Einen schnelleren Gescböftsabschluß als am heutigen Tage hatte der Prokurist in seinem Leben nicht gemacht. Im Hotel Petersburg stürmte er mit einer Eile die Treppe hinauf, daß der Führer kaum zu folgen vermochte. „Tort!" rief der Kellner auf eine Thür weisend. Die Thür öffnete sich, und Andrei Pawlowitsch brcttch während ihm ein Freudenruf entfuhr, in das L-mckselig lächelnde Gesicht Weras. 776 Einige Minuten später traten Fesim Godunow, seine Frau Alexandra und seine Tochter Tatiana in den Salon. „Sie wollten mich nicht allein nach Mschni ziehen lassen", erklärte Jefim gut gelaunt, nachdem das Glückwünschen vorüber war, „und so habe ich kurz entschlossen die ganze Familie mitgenommen." Mit mütterlichem Stolze blickte Alexandra Michai- lowna auf die glückstrahlende Tochter und auf den Hünen, der nun ihr Sohn geworden war. Frommen Glaubens betete sie im Stillen zum heiligen Theodosius von Kiew, daß er das junge Paar allezeit gnädiglich beschirmen möge. Ernst schaute Tatiana drein. Nicht, als ob sie den Beiden das Glück mißgönnt hätte — sie mußte an die Vergangenheit denken, an leidvolle Tage, an versunkene Liebe, an zertrümmerte Hoffnungen. Jefim Mochte wohl ahnen, was seine Tochter bewegte, denn er schlang plötzlich den Arm um sie, küßte sie auf die Stirn und tröstete leise: „Kopf hoch, mein Kind! Auf trübes Wetter folgt Sonnenschein. Auch Du wirst noch rufen: Es ist eine Lust, zu leben!" — Heute war es wirkliche eine Lust, zu leben; denn die Sonne strahlte in vollster Pracht vom blauen Himmel herab und ließ das Wasser des gewaltigen Stromes glitzern und leuchten, als sei jede Welle ein schimmernder Diamant. Und jenseits des Stromes schweifte der Blick in die von satter Ruhe gestillte Ebene, die sich gleich einem Meer mit grünen Wogen weithin dehnte bis zu den dunsten, schwergenden Wäldern, die fern am Horizont duftig verschwammen. „Ein herrlicher Tag!" rief Jefim, der mit den Seinen auf dem Quai stand, und sich nicht satt sehen konnte. Vorn ragte ein Mastenwald empor und brauste das Leben. Fahrzeuge, oft von sonderbarer Bauart, schossen int bunten Wechsel vorüber, Frachten wurden eingenommen, dreistöckige Passagierdampfer, sogenannten „No- winkt", ernten mit einem großen Rad, die Maschine im Achterteile und die Kessel am Bug- lichteten unter schrillem Pfeifen die Anker, und jetzt glitt stolz und ruhig ein großer Frachtdarnpser an eine der Landungsbrücken heran. Jefim setzte sein Glas auf. „Das ist der Rurik", rief er lebhaft, „er ist über die Kanäle gekommen! Galgant, Chinawurzeln, Thee und alle meine anderen Einkäufe werde ich ihm mitgeben." Der Rurik! In Jefim Godunows Tochter wallte es fcint^ auf, ihr Herz pochte, ihr Gesicht wechselte die Farbe. Das Sonnenlicht lag zitternd, glänzend und blendend auf dem Dampfer, so daß sie die Hand heben und die Augen, die suchend über das blank gescheuerte Deck schweiften, beschatten mußte. Sie fand, den sie suchte. Fcfft und energisch, frei und stihn stand er, den Blick auf das Menschengewoge gerichtet, neben dem alten Kapitän Grekow auf der Kommandobrücke. „Er hat Deinen Bruder in den Tod getrieben", flüsterte ihr eine innere Stimme zu. Und eine andere: „Es ist eine Lust, zu leben!" „Wir müssen nach Hause, es wird schon kühler", hörte Tatiana die Mutter mahnen. Sie wandten sich und schritten zum Hotel. „Morgen ist auch noch ein Tag", flüsterte Jefim. „Wir werden den Marienwald auf den Oka-Höhen besuchen, den die Nowgoroder für den schönsten der Welt erklären/« — „Wenn Sie nichts Besseres Vorhaben, Borts Mitrofanowitsch", hatte Jefim Godunow am Morgen nach Abwickelung aller Geschäfte einladend gesagt, „dann kommen Sie zum Marienwalde Linaus. Wir treffen uns in der Meierei, wo sich heute die halbe Messe mit ihren Damen Versammeln wird." Nun stand Boris Mitrofanowitsch, nachdem er Jefim Godunow, Alexandra Michailowna und das Brautpaar begrüßt, vor Tatiana. Sein Blick suchte ihre Augen, um in ihnen zu lesen, was der Mund verschwieg. „Die Menschen", sagte er gedämpft, „sind wie das Rote Meer: Eben erst hat sie der Stab getrennt, und hinterdrein fließen sie gleich wieder zusammen. Es war Wein Hoffen, daß sich auch an uns die alte Wahrheit erfüllen werde/« Sie fühlte, daß, sein Herz sprach und um Liebe bat. Aber die grausame Stimme in ihrer Brust mahnte an den Bruder, der um der Gerechtigkeit willen geopfert ward. „Gewiß, sie fließen äußerlich wieder zusammen, die getrennt waren", gab sie leise zurück, „aber innerlich bleiben sie sich fremd, wenn ihnen die versöhnende all- barmherizge Liebe fehlt." Der schmerzliche Ausdruck seiner Züge bewies, daß! ihre Worte eine schwere Wunde geschlagen. Leid überkam sie, die grausame Stimme in ihrer Brust verstang, laut mahnte eine andere, selbst in versöhnender Liebe zu handeln, und wie in stummer Bitte um Verzeihung reichte sie ihm die schmale weiße Hantz, -die er schon länM ersehnt hatte. „Tatiana Jefimowna", wandte er sich, zu ihr, als sie abseits von den anderen aus den Oka-Höhen standen und ihre Blicke über das weite Land schweifen ließen, „sehen Sie, wie die Ebene sich unermeßlich dehnt und wie schweigende Einsamkeit aus ihr ruht? Im Getriebe des Lebens mit allen meinen Kräften schaffend, habe ich trotz meiner Arbeit in letzter Zeit das Gefühl, als sei ich ein einsamer Wanderer in solcher verlassenen Gegend. Mein Herz sehnt sich nach der Gefährtin, die so kühn sein tvlll, mich zu begleiten, aus daß die Einsamkeit schwinde. Diese Gefährtin, wagte ich zu hoffen, wird Tatiana Jefimowna sein, die ich'liebe, wie ein ehrlicher Mann nur lieben kann, und der mein Herz schlagest wird bis zum seligen Ende!" Sie waren in erneu Waldweg eingetreten und gingen still neben einander. „Jahre hindurch bin ich eine Fremde unter dem Dache meines Vaters gewesen", sagte sie nach einer Weile, tn der sie nach Fassung gerungen, tief bewegt, „und nun habe ich gelobt, int Elternhause zu bleiben, und eins treue Tcck'ter zu sein. Dieses Gelöbnis will ich auch halten/« Er war stehen geblieben und schaute sie mit seinen leuchtenden Augen an, als ob er noch ein einziges Mal ihre Gestalt erfassen wolle, um sie nimmer zu vergessen. „Ein scböner Wahn — nun ist er zerronnen", rtef er leise. „Leben Sie wohl, Tatiana Jefimowna! Der beeilte \u Sie schaute ihm nach, wie er ruhig und stolz davoit- schritt. Nur noch Wenige Schritte, und er mußte um die Waldecke verschwinden. Ein gewaltiges Weh zuckte in ihr auf, sie Durfte ihn nie und nimmer verlieren, sie liebte ihn — jetzt erst wurde es ihr llar — mit der ganzen! Krraft ihres Herzens. „Boris Mitrosanotvitsch!" rief sie laut und angstvoll, während sie die Hände hob. Und er stürzte zurück. Mit seinen starken Armen umfing er die Schluchzende, die unter Thränen in heißer Liebe zu ihm entporsah, während die stolzen Bäume des! Waldes int lauen Winde geheimnisvoll ihr ewiges Lied rauschten — den Beiden ein feierlicher Brautgesang. Litterar^ches. — Daß unter den soztalcn Problemen Unserer Zeit die Frauen frage eins der wichtigsten ist, steht außer allem Zweifel. Es ist daher freudig zu begrüßen, daß durch die Schilderung einer Landwirtschaftsschule für Frauen in dem neuesten Heft der ivellverbretteten Familienzeitschrist „Ueber Land und Meer" auch dies Gebiet Berücksichtigung erfährt. Nicht minder tntereffmtte, gleichfalls hübsch illustrierte Artikel behandeln den Ueber- gang eines ganzen österreichischen Regiments über einen Gletscher und wenig bekannte originelle Einzelheiten vom Dache und aus dem Innern der Peterskirche in Rom. Fortgesetzt wird der Roman von Richard Boß //Für die Krone", der immer fesselnder und ergreifender wirkt. Zahlreiche, vortrefflich ausgeführte Illustrationen, von denen das farbige Kunstblatt „Dämmerstunde" (nach dem Gemälde von Albert Ritzberger) besondere Erwähnung verdient, schmücken das Heft. Wie immer, werden besonders bemerkenswerte Zeitereignisse in Wort und Bild vorgeführt. Für den billigen Abonnementspreis (vierteljährlich 13 Nummern zU 3.50 Mk.,jedes lltägige Heft 60 Pfg.) wird eine Fülle des Interessanten und Wissenswerten den Lesern geboten. I Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und D erlag der Brübl'kchen UniverfitStS-Duch, und Steindruckerri (Pietsch Erbens in Gießen,