1902 Nr. M Xettag den 81. Klober. w W (Nachdruck verboten.) Nach, dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) Endlich entschloß' sich Hesekiel, der ein bewegteres Leven gewohnt war und sich! seinerseits ebensosehr langweilte wie Julie ihrerseits, um sich nur etwas zu beschäf- igen, da ja sein Spionenamt eine wahre Kasteiung war, । em em Tienstmädchen den Hof zu mach en. Anstatt tote sonst n seinem Salon zu bleiben und an den Nägeln zu kauen, ! uchte er sie jetzt öfters im Eßzimmer auf, sagte ihr kleine Schmeicheleien, machte ihr Komplimente, oder er rief sie m den Salon, nötigte sie, neben dem' Kaminfeuer sich niederzusetzen, und nahm an ihrer Seite Platz. Allmählich erkühnte er sich, ihr kleine scherzhafte Backenstreiche zu geben, sie unter das Kinn oder um ihre Taille zu fassen. Als ob ihr die Zeichen der Sympathie, die der Herr seiner Dienerin gab, schmeicheln würden, sah sie ihn verwundert an und wehrte dem nicht- Eines Tages ging er sogar weiter und küßte sie lebhaft auf die Lippen. Anstatt böse zu werden, fragte sie ibn voll Naivetät und Unschuld: „Sie wollen mich also heiraten?" „Warum denn nicht?" Und in der That: Warum sollte er sie auch nicht heiraten, toenit sie wirklich! diejenige war, die sie zu sein behauptete und die sie auch allem Anschein nach war: ein anständiges Mädchen, daS eine gute Erziehung genossen hatte? Hesekiel hatte schon längst die Absicht gehabt, sich einen selbständigen Haushalt zu gründen. Wenn er ganze Tage lang an den Schritt einer Person gefesselt war, die er im Auftrage der Agentur Sanstlebens zu überwachen hatte, ergötzte er sich an J)em Gedanken, daheim ein kleines, appetitliches Frauchen vorzufinden, das genug Bildung besaß, seinen Rapport abzufassen, indes' er sich zu Bette legte. Mer noch! wär er nicht so weit. Trotzdem er Geschmack an Minna fand, wollte er sie aus Pflichtgefühl und auch im eigenen Interesse nach jeder Hinsicht genauer kennen lernen. „Sie gestattet mir, sie zu küssen", sagte er sich; „wird sie aber auch! dabei stehen bleiben? Ich möchte doch erproben, wie wett zu gehen es mir ihre Unschuld und ihre Sympathie zu mir gestatten." Um sich davon zu überzeugen, schlich er sich eines Abends äus, dem Salon in das Borzimmer und von da in das Kabinett, woselbst Minna, vollkommen angekleidet, halb liegend auf dem Sofa saß. Sie schien zu schlummern. Vermutlich hatte sie auf die Heimkehr ihres' Herrn gewartet, ob dieser keine Befehle «lehr für sie hätte. Er Mich sich lautlos vorwärts, beugte M über sie und'--erhielt eine schallende Ohrfeige. Gleichzeitig hörte er Minna rufen: „Tas ist eine Gemeinheit, mein Herr! Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, so rufe und schreie ich, daß mir die Nachbarn zu Hilfe kommen." Ihm wurde die Sache unheimlich, und er retirierte, ohne weiter in sie zu dringen. Jetzt war er überzeugt» Minna hielt etwas auf ihre Tugend und! wußte sie zu verteidigen. Ten andern Morgen erklärte sie ihm, daß sie nicht mehr mit ihm unter einem Dache bleiben könne und den Dienst verlassen wolle. Er aber bat sie so lange, bis sie nachgav und erklärte, unter der ausdrücklichen Bedingung bleiben zu wollen, daß sie des Mends die Thür des Eßzimmers in dem Flur abschließen dürfe, um gegen jede Ueber- raschung gesichert zu sein. Er nahm die Bedingung um so lieber an, als ihn sein Verdacht von neuem erfaßte und! er sich dachte: „Ist sie einmal abgeschlossen, dann wird sie sich aus ihrem Zimmer entfernen." Dadurch wurde aus dem Liebhaber wieder der Spion, und er stellte sich, nachdem sie sich abgeschlossen hatte, hinter die Thür, die in den Flur führte. Tie ganze Nacht blieb er auf seinem Posten Durch das tiefe Stillschweigen des ruhenden Hauses vernahm er nur das gleichmäßige Atmen Minnas das ab und zu von einem kleinen, nervösen Seufzer erschüttert wurde. Ten nächsten Abend kehrte er wieder mutig auf den-, selben Posten zurück und war trotz des Schlafes, d'er ihn zu überwältigen drohte,, von gleicher Wachsamkeit wie gestern. Doch! ward er nicht um ein Haar klüger als am vorigen Tag. Ten nächstfolgenden Dag, überzeugt, daß er seine Zeit nur abermals umsonst vergeuden würde, unterbrach er seinen Wachedienst und legte sich, von Müdigkeit überwältigt, zu Bette. Julie Farkas, die ihn ebenso beobachtet hatte, wie er sie, zwei Tage, öffnete dann gegen Mitternacht leise die Eingangstbür, schloß sie doppelt ab, damit Hesekiel für den Fall, daß er die Thür des Flurs erbrech!en wollte, eingesperrt war, und schlich sich zu ihrem Nachbar Keßler, vielmehr zu Herrn Paul Querzewski. 64. Kapitel. Turch ein paar Zeilen, die sie im Laufe des DageH unter seine Thür geschoben hatte, auf ihr Kvmmen vorbereitet, erwartete, sie bereits Paul Querzewski, der ihr sofort öffnete. Seit mehreren Tagen hörten und fühltest sie, wie sie dicht nebeneinander lebten, doch eine trennend« Wand verhinderte sie, sich zu sehen, miteinander zu verkehren. Nach dem Austausch! der ersten flüchtigen Begrüßungen zog er sie in sein Schreibzimmer, das von der Nachbar-- Wohnung am weitesten entfernt lag, weiter als' der Salon, und Paul fragte sogleich!: „Bist Tu sichrer, daß er schläft?" „Ja — tief", versicherte sie. Wir habest nichts $u' befürchten. Ich stehe gut dafür, .Und wenn er wirklich! — 646 — sicht. zeugen und die Verurteilung zu der, das Urteil gesprochen, dann sind wir nun r— und, wie ich hoffe, auch reich." „Reichs Tu hast also ein Mittel gefunden, in das Palais Dorvukoff zu bringen?" fragte sie lebhaft. „Nein, noch nicht. — Tas scheint Dir so einfach, — was? Nun, ich kann Dir sagen, es ist teufelsmäßig schwer. Nichts ist schwerer, als sich in das mächtige Palais zu schleichen, das von Bedienten wimmelt. Es zählt mehr als dreißig Angestellte, alle Kutscher, Pferdewächter und Küchengehilfen eingerechnet. Eine wahre Armee! Ehe ich noch meinen Schatz gehoben hätte, hopp genommen zu werden, das hätte weder Sinn noch Verstand; und wenn man mich mit meiner Million unter dem Arm abfaßt, dann sehe ich sie nicht mehr wieder. Ich zittere bloß bei diesem Gedanken, unö deshalb verdoppele ich meine Vor- «ufwacben sollte, dann ist er von allen Seiten eingesperrt und eingeschlossen. Er wüßte dann höchstens, daß uh aus- geoangen bin; doch kann er weder erraten, woher ich komme, noch den geringsten Verdacht gegen Dich hegen." „Daß er gegen mich keinen Verdacht hegt, tft unbedingt wichtig. Aber gegen Dich könnte er schon mehr Verdacht haben." „Warum?" „Tie, die ihn zahlen", kombinierte Querzewski, „könnten allmählich ermüden, ihr Geld für nichts und wieder nichts hin auszuwerfen, ihn der Nachlässigkeit oder Unfähigkeit zeihen unb ihn durch einen anderen ersetzen. — Weh uns vor dem Nachfolger!" „Tas ist wahr; Tu deiikst doch an alles." „Was soll ich denn anderes anfangen? Für den Augenblick ist Nach,sinnen und Grübeln meine ganze Beschäf- tl9im,?trmer Kater!" schmeichelte sie ihm, sich an ihn schmiegend. „Teshalb nimm irgend einen Borwand, auszugehen, riet Querzewsk, „flöße ihnen etwas Angst ein. Sie werden hoffen, etwas zu entdecken; das wird sie einige Zeit beschäftigen, und so werden wir endlich doch bis zum Tage der Verhandlung kommen." ,zJst er schon nahe?" „Ja, er ist für den sechzehnten angesetzt, Ende nächster Woche. Auch Tu wirst ganz sicher Deine «Vorladung dazu erhalten." „Ah! So muß ich mich also vvrbereiten, von neuem krank zu werden?" „Nein. Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich halte es für besser, wenn Tu erscheinst." „Was? Vor den Geschworenen? Tu denkst nicht, was Tu redest." , „ , „Tir wird gar nichts geschehen. Ich habe Dich nämlich nÄlich im Tiergarten genau angesehen. Tu hast keinen Zug mehr von jenem kleinen Mädel, das sie vor Jahren verurteilt hatten." „Win ich heute weniger hübsch als damals?" „Im Gegenteil — viel hübscher sogar. Du hast Dich jetzt völlig zur Frau entwickelt." Sie dankte ihm dies Urteil, herzhaft seine Hand drückend. Sie konnte sich nur schwer mit dem Gedanken vertrant machen, vor Gericht zu erscheinen, unb begann abermals: < , , „Glaubst Tn, daß ich mich so sehr verändert habe, Um selbst von den Personen, von .denen wir neulich, gesprochen haben, nicht erkannt zu werden? Tu selbst warst der erste, es zu befürchten." „Tu willst vom einstigen Kt imin alw achim eist er, von Müller sprechen?" "Nun, ich habe heute erfahren, daß Herr X. zurückgezogen auf dem Lande lebt und an einem Buche arbeitet. Jgdes Müller — weißt Tu, wo der sitzt?" „Ich habe keine Ahnung." „In Monte-Carlo, wo er mit der Spielsaalüberwachung betraut ist. Tu siehst also, daß Tu von dieser Seite nichts zu fürchten hast, überhaupt von niemand, besonders wenn Tu in T einer Eigenschaft als Stanfe Deinen Kopf, wie Du es sonst so geschickt machst, fest verhüllst. Deine Gegenwart ist dort unumgänglich notwendig, unser Zeugnis ist zu wichtig, als daß es umgangen werden könnte. Auf unsere Aussage allein wird gerechnet, die Geschworenen zu über» ' ' ‘ ' hängen. Ist einmal whänglg und frei „Doch die Zeit verrinnt", bemerkte sie. „Du hast mir doch versprochen, mit mir nach Beendigung des Prozesses ins Ausland zu gehen." „Sei nur ruhig, wir werden auch geben. Wie nur der Zufall bisher immer geholfen hat, wird er mir auch diesmal helfen." Und immer und immer toieber überlegten sie die Art und Weise, wie sie sich geschickt aus der Schlinge ziehen Zollten, wie am leichtesten ihre Million zu erlangen märe« Um drei Uhr morgens trennten sie sich, um auf den Zehenspitzen in die Kabine zu gehen, die an die von Hesekiel in der Nachbarwohnung bewohnte stieß. Sie legten das Ohr an die Wand, horchten, vernahmen aber kein Gerau,ch. Noch eine letzte Umarmung, — dann erst trennte sich die „Viper" von ihrem Spießgesellen unb kehrte in ihren Verschlag zurück. Oie überzeugte sich, daß die Thür nach dem Vorzimmer noch immer verschlossen war, daß also Hesekiel keinen Versuch gemacht hatte, sie zu öffnen, und legte sich bann befriebigt zur Ruhe. Ten nächsten Tag gegen acht Uhr staub sie ruhig auf, Heibete sich au und begab sich in das Zimmer ihres Herrn, der noch in tiefem Schlummer lag. Sie zog die Vorhänge hoch machte Feuer an und bereitete das erste Frühstück. Hesekiel, der eben aufgewacht war, hatte absolut keine Lust, aufzustehen; es war so schön mollig warm in feinem Bette. Im angeborenen Hang zur Bequemlichkeit fand er sich gegenwärtig vollkommen befriedigt. Er verfolgte mit den Augen das Kommen und Gehen Minnas, die durch das Zimmer hin und herhuschte. Sie mache nicht das leiseste Geräusch sie schwebte eher, als daß sie ging; vmr Zeit zu Zeit näherte sie sich feinem Bett, glättete feine Decke und strich mit der Hand über das Oberbett, dasselbe gleichmäßig verteilend. , Wo gab es für ihn einen besseren, angenehmeren Platz als den feinigen? Er erfüllte gewissenhaft seinen Dienst und seine Aufgabe, er beobachtete genau die Person, die er zu beobachten hatte--unb das alles, ohne sich, zu stören, von einem guten Bette aus, schön im Warmen, em hübsches Wädchn vor sich, um sein Auge daran zu laben. , . T„, Allerdings verdiente er dabei nur ferne Gebühren: zwanzig Mark pro Tag, die ihm von Sauftleben unb Herrn von Sempach zugesicherte Belohnung entschlüpfte ihm bann allerdings. Um sie zu gewinnen, mußte er etwas entdecken, aber er entdeckte nichts. Als hätte sie seine Gedanken erraten, näherte sie sich plötzlich seinem Bette, eine Tasse Thee in den Händen, unb s 9 Gnädiger Herr, ich hätte eine Bitte vorzutragen." „Immer frisch drauf los, mein Kind", entgegnete Hese- kiel, indes Julie die Kopfkissen ausschüttelte, damit er bequemer läge. „Ich möchte einen Tag Urlaub erbitten." „Wozu denn?" fragte er, über sich selbst Herr genug, seine Geuugthuung zu verbergen. . „Ich möchte in Potsdam eine ehemalige Porter dieses Hauses besuchen gehen", antwortete die raffinierte Person. Sie war zu mir immer die Güte in Person, solange sie noch hier gewohnt hatte. Tie Portierfrau hat mir erzählt, sie wäre krank, und deshalb möchte ich ihr gern einen mr&e,^S^er^unf^^¥f?'gauä natürlich, und ich habe keinen Grund, Ihnen diese Sitte abzuschlagen", entgegnete He,e- kiel. „Wählen Sie einen beliebigen Tag in nächster Woche, sagen wir zum Beispiel Dienstag." . „Der gnädige Herr sind sehr gütig. Um wieviel Uhr könnte ich dann fortgehen?" sobald Sie fertig sind, um zehn Uhr." „Tas wäre mir gerade die passende Zeit. ®ann komme W noch zum Zuge zurecht, der um halb elf Uhr fahrr. Hat der gnädige Herr die Absicht, heute zeitig auszustehen? „Ja, ich stehe gleich auf. Richten Sie mir meine Kleider im Toilettezimmer her." Er wollte sofort zu Sauftleben eilen, ihm die Absicht Minnas mitzuteilen und mit ihm die zu vereinbarenden Dispositionen zu treffen. . „ , , . , Sauftleben, der fortwährend von Georg gedrängt wurde unb immer nur zu hören bekam: „Tie Sache geht nicht vorwärts. Ihr Mann thut nichts. Wir werden den Tag der Verhandlung erreichen, ohne einen Schritt uur meiter zu sein!" war demnach entzückt von der Nachricht, die 1 s e 1 i i i z t i 5 t ! i 1 i l < l i t U 1 $ ie e b I 9 s u u a 2 f u v V e m K f< u u » n d a ei a d 647 ihm sein Angestellter hinterbrachte. Alles hatte den An- schein, daß Minna, die bis dahin vorsichtig geblieben war, endlich den Entschluß gefaßt hatte, im letzten Moment noch, unmittelbar vor der Schlußverhandlung, einen Schritt von unbedingter Notwendigkeit zu thun. Vielleicht wollte sie ihren Mitwisser und Handlanger aufsuchen gehen, um ihn über ihre Haltung während der Verhandlungen um Rat zu fragen, oder nm mit ihm' nach Teilung der zwanzigtausend Mar? die Flucht zu ergreifen. Nach reiflicher Ueberlegung wurde nun beschlossen, daß Hesekiel, den Minna zu genau kannte, am nächsten Dienstag ruhig zu Hause bleiben sollte; aber man wollte drei von den tüchtigsten Beamten der Agentur, denen man das Stubenmädchen vollständig genau beschreiben würde, ihre Fährte verfolgen lassen. Vom Morgen an sollten sie ihr in der Nähe der Augsburger Straße auflauern und ihr überall hin folgen, selbst wenn sie sich nach dem Auslände wenden würde. In Anbetracht der Wichtigkeit der Sachlage entschloß sich Sanftleben, sich selbst „zu opfern" und mit seinen Leuten an der l^rfolgung teilzunehmen. (Fortsetzung folgt.) Der Kummer bei groß und klein. Nach dem Englischen. (Schluß.) „O, ich bitte um Entschuldigung. Ich sehe!" murmelte der Mann. „Höre, sagte Fräulein Gammelin etwas über einen Bettler, der einen Juwel haben möchte?" „Natürlich nichts Fräulein Gammelin ist eine erwachsene, junge Dame, über ich darf sie „mein Liebchen" nennen. Sie ist sehr schön. Mein Vater sagte einmal zum Herrn Kapitän, daß iie das hübscheste Mädchen sei, das er aus dieser Seite der Erde kenne. Er gab ihr gestern ein Gabelfrühstück auf der „Pauline", und das Andenken bestand aus goldenen Wasserlilien. Sie hat die Wasserlilien gern." „Goldene?" murmelte der Mann. „Auch wirkliche." „Ja, natürlich hat sie die Wasserlilien gern." Der Manu sprach gleichsam zu sich selbst. „Wir pflücken manchmal welche, wenn ich und sie zu- sammen in einem Boote ausfahren. Ich glaube, mein Vater möchte sie gern mit nack Afrika nehmen, denn er zupfte Mich einmal am Ohre und sagte, vielleicht träfe ich jemand an Bord, der noch viel schöner sei als der Krimmer." Der Mann glaubte, ein tiefes Stöhnen zu hören. „Ich suchte sie, als ich diesen Weg herkam, weil sie heute morgen nicht beim Frühstück war, — sie sagte, sie habe Kopfweh oder so etwas. Der Vater war in großer Aufregung. Er schickte den Jakob hinaus, weil et gern wissen wollte, ob «r zu ihr kommen dürfe, aber sie ueß ihm sagen „nein". Und der Vater sagte — er sagte —" Der kleine Knabe hielt plötzlich ein und sein Gesicht wurde dunkelrot. „Höre, mein Söhnchen, bist Du sicher, daß sie „nein" sagte, ganz sicher?" „Ganz sicher! Ich war ja doch da und fragte ihn wegen des Kummers. Und — und, als er es gesagt hatte, sag—sagte er: Mach', daß Du sortkommst!" Der kleine Knabe riß einen Büschel Gras aus. Einen Augenblick lang hörte man nichts weiter als die ausschlagenden Wellen und einen unterdrückten Seufzer. „Ich k—kann nicht fortgehen und den K—Kummer hier allein,^—zurücklassen! Er hat w—weiter n—niemand als m—mich!" Er kämpfte mannhaft, dann wälzte er sich auf die andere Seite und wandte sich in Verlegenheit ab. „Ich w—weine aber doch n—nicht!" „Sage, alter Bursche, das Weinen ist schon ganz recht", sagte der Mann, „und ich will Dir etwas' erzählen, wenn Du mich nicht .verraten wiflst. Ich wollte auch weinen, als Du kamst. Gerade zu dem Zwecke kam ich hierher." „Weswegen?" rief der Kuabe aus. „Aus demselben Grunde, den Du Hast. Ich mußte auch etwas zurücklassen, ohne daß ich darum bat, es mitnehmen zu dürfen." „Ei, deswegen hat ja Fräulein Gammelin gestern abend 'auch geweint." „Wie? Was?" „Ich und sie gingen gestern nach Tisch aus den Hafen- vämm, und da stand sie und blickte auf das Meer hinaus und weinte, als ich sie ansah. Sie sagte, es fei thöricht, um etwas zu weinen, was man nicht haben könne, und sie wolle es nicht mehr thun. Und ich sagte, wenn sie mir nur sagen wolle, was es sei, so wolle ich den Vater darum bitten, es ihr zu kaufen. Dann lachte sie und sagte, es sei etwas, das alles Geld des Vaters ihr nicht kaufen, noch geben könne." ' „Sagte sie das? Ganz gewiß?" fragte der Mann atemlos. „Ganz gewiß! Ist das, was Du willst, auch etwas, das der Vater nicht kaufen kann?" „Gott weiß es, ich hoffe es!" sagte der Mann. „Erzähle weiter!" ' ,Lch sagte, wenn ich ein Mann wäre, so würde ich es ihr geben. Sie sagte, niemand könne das, außer einem emzigen Menschen, und sie glaube, der wolle nicht. So glaube ich, daß sie deswegen weint. Ich sagte, wenn ich ein Mann wäre, so würde ich ihn veranlassen, das zu thun ! Und sie sagte, er wisse nicht einmal, daß sie sie He! Hier, Kummer, hier! Ku—m—tner!" „Halt, bleibe! Warte!" Der Manu ergriff den Arm des Knaben. „Erzähle mir! Erzähle mir —" „Laß mich los! Er ist im Wasser! Laß mich los! Ku—M—mer! O, er fürchtet sich doch so schrecklich vor dem Wasser! Hier! Ku—m—mer, hier!" „Verfluchter Hund! Bist Du sicher, daß sie das sagte? Höre doch, komme zurück, mein Herzchen! Bei Gott! Er geht dem Hunde in das Wasser nach! Der Heine Narr! Er wird ertr—!" Der Mann sprang über den Strand, aber ehe er das Meeresufer erreichen konnte, watete der Knabe schon im Wasser; er strengte sich an, das Gleichgewicht zu behalten, während er dem Kummer ries. Schnell nahm ihn der Manu unter seinen rechten Arm, fing den Hund mit der linken Hand, watete zurück und landete mit seiner Bürde sicher am Strande. „Bei Gott! Tu bist ein mutiger Knabe!" „Der Kummer fürchtet sich doch vor dem Wasser, ich aber nicht!" Ter Mann wickelte dann seinen Rock um den Knaben, nahm ihn auf den Arm und ging mit ihm fort. „Friert es Dich?" fragte der Manu, als sie das steile Ufer hinaufgingen. „Nein; mir ist ganz warm; ich danke Dir auch, daß Du den Kummer geholt hast. Wenn Tu nicht da gewesen wärest, hätte ich ihn den Minzen Weg durch das Wasser schleppen müssen." „Wenn ich nicht da gewesen wäre, junger Manu —" Ter andere brach ab und schaute sich um, denn jetzt kehrte die Flut zurück und breitete ihre Wellen weit au& „Ich glaube, daß Tein Vater in großer Angst um Dich ist." „Ich suchte zuerst Fräulein Gammelin, und dann ging ich mit dem Kummer weiter", sagte der Knabe, während er sein blasses Gesicht auf die Breite Schulter legte. „Genau mein Fall", murmelte der Manu. Hier erschien plötzlich ein Sommerwagen um die Biegung der Stifte, und die Schultern streckten sich unter ihrer leichten Bürde; der Mann rief etwas aus, was man nicht verstehen konnte. ,Lallo!" rief der Knabe. „Ta ist Fräulein Gammelin. Ei, Fräulein Gammelin, hast Du uns gesucht?" „Bei Gott!" murmelte der Manu. „Ich suchte nach Dir, Willy", sagte die Dame, die in dem Wagen saß. „Ich wußte nicht, daß Tu noch jemand bei Dir hattest. Dein Vater hat nach jeder Richtung suchen lassen, nur hier nicht; wir suchten mit dem Fernglas, konnten aber niemand sehen." „Das war, weil wir hinter dem steilen User saßen, er und ich; er sagt, er ging auch dahin, um zu Eine Hand unter dem Rocke, der den Herrn des Kummers umhüllte, erstickte die Worte und schnitt sie ckb. „Es ist so unwahrscheinlich, ihn an diesem Ende der Insel zu finden, daß ich das Suchen hierher ausgab, bis ich mich erinnerte, daß die zurückkehrende Flut oen Weg über den Strand hier abschneidet; dann kam ich unter allen Umständen." Der Wind hatte ihr das Haar zerzaust. „Ich dachste, Sie hätten die Insel verlassen", sagte sie zu dem Manne. „Wollen Sie nicht mit uns gehen?" „Wir gingen beide dem Kummer nach" Er sah betrübt nach seinen Beinkleidern, als er in den Wagen stieg, und setzte den Knaben zwischen die Dame und sich, „Bitte, laß' doch auch den Kummer herein: er ist kein 648 sehr starker Hund" sagte das Kind. Worauf der Kummer aufgefordert wurde, sich an dem Schutzbrett niederzuducken. „Mit dem Erzählen des Abenteuers wollen wir warten, bis dieser junge Mann mit etwas heißer Milch zu Bellt gebracht worden ist", sagte Willys Beschützer. „Das ist ganz recht", quiekte die Stimme aus dem Rocke. „Gieb nur auf den Kummer acht, wenn ich fort bin, bitte; Fräulein Gammelin, — deshalb suchte ich Dich doch.," „Du brauchst nicht fortzugehen, Willy; Du darfst mit Herrn Tips hier bleiben. Dein Vater hat heute einge- willigt, Dich hier zu lassen", sagte sie. Das Glück kann wuchtig sein. Willy war zuerst ganz still, dann sagte er: „Manchmal ist mein Vater sehr lieb. Gehst Du mit nach Afrika, Fräulein Gammelin?" „Ei, natürlich nicht Willy!" Ihr Antlitz zeigte eine entschiedene Zunahme an Farbe, und sie schwenkte die Peitsche, um das Pferd besser laufen zu lassen. „Ich bleibe auch hier." „Dann muff ja der Vater allein gehen, nicht wahr?" „Ich glaube wohl. Aber, willst Du denn nicht, daß ich hier bleibe?" „Ich möchte lieber Dich haben, als sonst irgend jemand auf der Welt, außer dem Kummer; und ihn möchte ich auch gern hier behalten", sagte er, während er aus ihren stillen Nachbar deutete. „Er ist auch sehr lieb. Er sagt, daß er etwas wünscht, was' er nicht haben kann, fast so sehr, wie ich wünschte, den Kummer mitzunehmen Nicht wahr?" wandte er sich an den jungen Mann. ,La, Willy; ich wünsche es sehr, ich habe nur nicht gewagt, tdiarum zu bitten", sagte der Mann mit Nachdruck. „Ich kann so wenig dagegen bieten, verglichen mit dem, was ein anderer bieten kann, daß ich es nicht für recht hielt, — so kam ich zurück, um diesem Fleckchen Erde Lebewohl zu sagen, Willy, als Du mich mit dem — Kummer fandest, Nun möchte ich wissen, ob ich gehen muß oder um das bitten darf, was ich so gern haben möchte —" „Ich — ich wußte nicht, daß Sie zurückgekommen waren." Fräulein Gammelin erblaßte, und ihre Stimme zitterte. „Ich konnte nicht anders; ich konnte nicht fern bleiben, und doch — doch fühlte ich, daß es unrecht von mir sei, mich einzumischen. Sagen Sie mir", mit plötzlichem Ungestüm brach er «$6, „wo sind Sie diesen endlos langen Tag gewesen?" „Ebenfalls bei dem Kämmer", sagte sie und lachte, aber ihre Augen waren irübe. Ihre Blicke hingen aneinander, und sie sagte entschlossen: „Ich hätte nicht bei ihm zu sein brauchen, wenn Sre um das gebeten hätten, was Sie wünschten." Hinter Willys Rücken sand seine Hand die ihrige, und einen Augenblick lang ruhten seine Lippen darauf. „Der Kummer ish doch ein schöner Hund", bemerkte Willy unbewußt, „Du sagtest es doch!" „Ohne Ausnahme der schönste auf der ganzen Erde!" sagte triumphierend der Mann hinter Willy. „Lieblich", murmelte Fräulein Gammelin zitternd. Und der Kummer ließ ein Ohr hängen und winselte mit übereinstimmender Traurigkeit. —n. Vermischtes. Napoleons Villa auf Elba. Die Königin Alexandra von England soll die Absicht haben, die Villa Napoleons auf der Insel Elba zu erwerben. Als sie vor zwei Jahren noch als Prinzessin von Wales eine Kreuzfahrt auf ihrer Dacht ,/Dsborne" im Mittelländischen Meere machte, hatte sie die Insel Elba besucht und sich lange in der Villa aufgehalten, die Napoleon nach seiner Abdankung bewohnte. Seit 1815 hat dieses historische Gebäude wiederholt den Besitzer gewechselt. Es gehörte lange dem Fürsten Demidoff, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, in seinem prächtigen Palast zu Florenz eine große Zahl von Ntrpolconerinnerungen zu sammeln. Zuletzt gehörte die Villa Ubaldo Tonielli, emem der reichsten Industriellen der Insel. Tiefer hat sie vor dem Verfall gerettet, indem er sie gründlich restaurieren ließ, und ein kleines Napoleon-Museum mit den Möbeln, den Gegen- Mnden, den Gemälden, die Napoleon gesehen und berührt hatte, eingerichtet. Trotz wiederholter Angebote hat er kein Stück davon veräußert. Tas Zimmer Napoleons ist genau! so geblieben, wie es im Jahre 1815 war. Man sieht Darin noch ein hübsches Porträt in Helldunkel der Prinzessin Pauline Borghese, der Schwester Napoleons. Er ging wieder aus. Es war spät geworden. Als er seine Wohnung erreichte, schlug die Turmuhr die fünftel Stunde. Müde und übernächtig öffnete er die Hausthür! und stieg mit einiger Mühe, aber ganz leise, die Treppei hinauf. Vorsichtig schlich er ins Schlafzimmer. Gott sei Tank, sie schlief. Er sank auf einen Stuhl und ohne Hut oder lieber^ zieher abzulegen, begann er, seine Stiefel auszuzieh em Behutsam setzte er einen Stiefel auf den Boden, aber ach! der zweite entfiel seiner Hand und fiel polternd nieder« Sie erwachte augenblicklich. Sie sah ihn an, und dann sah sie nach dem Sonnens licht, welches durch die Scheiben strömte. „Aber Georg, warum stehst Tu denn so früh auf?z< Rettung aus drohender Gefahr! „Ach, meine Liebe", erwiderte Georg so deutlich, toiti es ihm möglich war, „ich konnte nicht schlafen, darum stand ich auf, um einen Spaziergang zu machen." Und hinaus schleppte sich der Aermste, um eine Stunde! läng, zwischen Thränen und Stumpfsinn schwankend, draußen umherzuwanken. (Tit-Bits.) UebertrilMpft. Erster Zahnarzt: „Ich ziehe meinen Patienten die Zähne so zart aus, daß sie während der Operation einschlafen." Zweiter Zahnarzt: „Tas ist noch gar nichts. Meine Patienten lassen sich während des Zahit- ziehens photographieren, weil sie gar zu freundlich aus- schauen!" ___________ Literarisches. Katechismus der Versteinerungskunde (Petrefakten- kunde, Paläontologie) von Hippolyt Haas. Zweite, gänzlich umgearbeitete Auflage. Mit 234 Abbildungen und 1 Tafel. In Originalleineuband 3.50 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. — Tie Versteinerungskunde bildet eine! wesentliche Ergänzung der Zoologie und Botanik; denn! sie gestattet uns, den Stammbaum der heutigen Tier- und Pflanzenwelt einigermaßen festzustellen. Mit Hilfe der Petrefaktenkimde gelingt der Nachweis, duff heute gänzlich voneinander getrennte Familien und Gattungen auf eine Stammform zurückgeführt werden müssen. Außerdem iU die Paläontologie eine wichtige Hilfswissenschaft der Geo-, logie; denn eine jode Aera, em jedes System und jede Abteilung der Systeme oder Formationen hat eine Anzahl! von Versteinerungen, die für sie besonders bezeichnend sind und nur in ihren Schichten vorkommen. Solche, in geologischer Hinsicht sehr wichtige Fossilien werden als Seit» Eien bezeichnet. Tie Abbildungen dieser gänzlich neu- ieiteten Auflage des Katechismus der Versteinerungs-i künde hat durch den Autor Tr. Hippolyt Haas, Professor; der Geologie und Paläontologie an der Universität Kteh, eine bedeutende Vermehrung und Verbesserung erfahreni Preisrätse I.*) Füllrätsel. (Nachdruck verboten.) In die leeren Felder sind passende Buchstaben zu setzen, sodaß bekannte Hauptwörter entstehen. Die hinzugefügten Anfangs« und Endbuchstaben bezeichnen, im Zusammen« hang gelesen, einen bekannten Komponisten und einen berühmtm deutschen Dichter. a a n *) Lösungen find mit Aufschrift: „Preisrätsel-Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „GketzSNS* Aamtliendlätter" einzusenden. Auflösung deS Zahlenrätsels in vor. Nr.r All Heil. (All Heil, Lessing, Limburg, Habicht, Elefant, Indianer^ Lago-Maggiore.) Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniversitsitS-Buch- Wd Steindruckeret (Pietsch Erben) in Gieße«,