Samstag den 31. Mai. 1902. — Nr. 80. 81'jraW uKW Kl» r I (Fortsetzung.) Aber sie dürfe nicht zusammenbrechen. Satte nicht jeder Mensch sein Päckchen zu tragen? Galt es nicht, alle Kraft aufbieten, einander zu helfen und zu stützen? Da war zum Beispiel Thomas! Wre war es nrcht Vorwärts gegangen mit ihm! Sie wußte, daß sie sein Leben in ihrer Hand hielt, und dies Leben mußte gerettet werden, indem sie es auf die Höhen der Selbstachtung führte. Es bedurfte keiner großen Anstrengung; sie wußte aus alten Zeiten, wie leicht es ihr wurde, sich in seme Natur hineinzuarbeiten und sie in lichte, befreiende Regionen zu heben. _ „Du siehst jetzt immer so fröhlich aus, Thomas", sagte sie eines Tages. „Es war doch ein Glück, daß wir auf den Gedanken mit dem Mais kamen!" Sie hatte in der Hauptstadt von einem Müller gehört, der dadurch ein reicher Mann geworden war, daß er große Ladungen Mais hatte kommen lassen, die er dann in gemahlenem Zustande wieder als Futter verkaufte. „Du solltest doch einmal den Versuch machen, Thomas!" Und ein Wort von ihr genügte, um so mehr, als er selber Vertrauen zu der Sache hatte. Der Versuch glückte, die Bauern in der Umgegend waren ganz wie versessen aus den Mais. Die Mühle arbeitete Tag und Nacht, von den Gütern und aus den Städten kamen die Leute mit großen Wagen herbei; es gab Wochen, in denen Thomas eine Nettoeinnahme von zwei- bis dreihundert Kronen hatte. „Das sind die „Konturen"!" sagte der alte Müller, sich vergnügt die Hände reibend. Helene scheute sich durchaus nicht, wenn Thomas zu ihnen kam, die Rede auf die unruhigen Zeiten zu bringen. Der Kamps in der Hauptstadt hatte in ihr so viel Interesse an der Bewegung, die in der Zeit lag, erweckt, daß sre keinen Tag vergehen lassen konnte, ohne ein wenig in die Zeitungen zu gucken und zu sehen, was bei den Festen und den Zusammenkünften im Lande verhandelt wurde. „Es kann nichts nützen, Vater, wir können das Leben Nicht eindämmen, und wir sollen es auch nicht thun, wir müssen uns nur bemühen, es in ein gutes Geleise zu lenken." Sie war sich darüber klar geworden, daß doch im Grunde viel gesunde Krast im Volke lag; man müsse nur die Ausschweifungen milde beurteilen, sie hätten rhren Ursprung mehr in Uebermut und Unklarheit, als in bösem Willen. „-Su solltest nicht so viel über all den Kram nachdenken", meinte Thomas, „ich glaube nicht, daß. es gut für Deinen Kops ist." . Sie dachte auch gar nicht so viel daran, ganz lassen konnte sie es aber doch nicht. Es sei unsere Pflicht^ nach Kräften daran teilzunehmen. Weshalb bildeten sich P uhle von Haß und Verzweiflung in so vielen armen Familien? Weshalb nahm der Unglaube so erschreckend zu? Nur weil wir anderen in unseren Stuben saßen und uns die Ohren zuhielten. Es ist ganz entsetzlich mit all der Gottlosigekit da draußen! Wir sollten wetteifern, dre Schlechtigkeit aufzusuchen, liebevoll mit den Irrenden sprechen, Hilfe leisten, wo es in unserer Macht steht. „Da ist so vielerlei, was man sollte." „Ja, aber wir thun so unendlich wenig. Es nützt nicht, still zu sitzen und sich zu bekreuzigen, wir müssen zugreifen und arbeiten." , , „, . Obwohl sie elend aussab, hatte es doch den Anschern,^ als wenn sie sich wieder ausrichten könne. Thomas Gedanken gerieten in Schwung, die Vergangenheit rückte auf ihn ein mit dem mahnenden Leben, das einst seine Pulse stark gemacht hatte. Aber die rohe Krafch die seinem Leben früher einen so plumpen Anstrich v er- liehen, machte einer stillen Sicherheit Platz, die täglich durch Licht und Liebe geadelt wurde. Eines Nachmittags kehrte Thomas ganz strahlend aus der Stadt zurück. , c Er ging durch das Haus. „Wo ist Helene? Ach da! Helene, nun will ich Dir etwas erzählen: Dienstag nehm«! ich die Mühle wieder in Angriff." „Hast Du Holz und Dachsparren bekommen?" „Als ich erst ordentlich mit dem Holzhändler gesprochen hatte, und er hörte, wie die Sachen standen, ging, ev gleich darauf ein." „Das ist ja herrlich !" „Du kannst Dir denken, wie froh ich! bin. Ich hätte es nun und nimmer geglaubt." Das geschäftige Treiben begann von neuem, und eh« zwei Monate verstrichen waren, stand die Holländerin itt ihrer neuen grauen Jacke da, die Arme voller Stolz in der Luft schwingend, als rufe sie der Nachbarschaft zur „Habt Ihr mich denn schon gesehen?" „Ich hätte das nun und nrmmer geglaubt, Helene.' „Ja, da kannst Du sehen! Wie gut, daß Du es mit dem Mais versuchtest!" , .,x „Ja, das war gut. Aber das Mein h.at's auch nrcht gethan." „Was denn sonst?" „Kannst, Du es Dir nicht denkend er Wohlthat dir erwies, sei deines Danks gewiß; Die du erweisest, die vergiß! I. M. L. Gleim. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. 318 „Ja, ich sehe es sehr wohlt „Das ist gewiß Maria. 1 o. Zewrß Maria. Und die beiden dort zur Lrnken smd wohl ein paar Jün--Thomas, Du zitterst ja am ganzen Serbe!" A Ter alte Redakteur, der den Gast sehr kühl empfanget hatte, wurde allmählich weicher gegen ihn gestimmt und! forderte ihn schließlich sogar zu einer Partie Schach auf.. Während Rudolf den Alten in der Kunst unterwies, ein Spiel richtig zu eröffnen, und von Gambiten, Variante« und Gabelangriffen redete, faß der Redakteur schweigend ., «Ja, das wäre mir freilich am liebsten. Dann kau« tl§ ^e abarbetten , sagte sie, lächelnd zu ihm ausschauend. „Im übrrgen aber hoffe rch, daß ich im Sommer mit Nahen etwas verdrenen werde." „Ja, ja; kommt Zeit, kommt Rat." Die Pfarrersleute waren nicht zu Hause. Die Gäste mußten sich mit einer Wanderung auf den Friedhof begnügen; Thomas legte einen Kranz aus Buxbaum und Zrmmerblumen aufs Grab seiner Mutter. Helene ging in die Krrche, die offen stand. Als Thomas ihr nach einer Weile folgte, lag sie auf den Knreen vor dem Altar und betrachtete das Altarbild das tue Hochzeit von Kana darstellte. „Ich habe so oft daran gedacht, daß es doch ein merkwürdiges Sujet für ein Altarbild ist, aber es soll uns wohl daran erinnern, daß uns Jesus den Wein des Lebens grebr, oder auch soll es das große Hochzeitsfest im Himmel versrnnbrldlrchen." Thomas stand schweigend da und sah das glückliche Brautpaar an, das in Lust und Freude am Tische saß, Mrt eigenartig bebenden Gedanken und ohne recht zu wissen, was er that, kniete er neben Helene nieder. „Wie schön das Licht auf die Stirn der Braut fällt", stlhr Helene fort. „Nicht wahr? Und wie glücklich der Bräutigam aussieht! Je länger man das Bild betrachtet, desto schöner findet man es." Sie schwieg einen Augenblick und begann dann wieder; „Hast Du das seine Frauengesicht dort neben Jesu betrachtet? — Das ist gewiß--aber Du siehst es ja gar nicht!" gehabt!" Sie richtete sich auf. Ihre Augen waren thränenleer, aber sie war sehr bleich, und ihr Atem ging hastig. „Ich kann Ihnen nicht sagen, Rudolf, wie ich mich Wer das Bild freue pnd wie dankbar ich Ihnen bin." „Tas ist mir wirklich eine große, eine außerordentlich große Freude!" Seine Augen schimmerten feucht hinter den Brillengläsern. „Ich habe erst hinterher ein gesehen^ wie teuer Sie mir geworden waren, Sie und Böje!" Thomas trat ein und stutzte. „Hm, ja!" Er klopfte Helene aus die Schulter und setzte sich schweigend hin . Als sie in den Mühlhos zurückkamen, lief dort ein kleiner Mann, den Hut in dem Nacken, herum, und spielte Pferd' mit den Kindern. „Aber das ist ja doch Rudolf!" „Guten Tag, Frau Böje! Wie freue ich mich. Sie wieder^ zusehen! Und das ist sicher Herr Rabe! Entschuldigen Sie, daß ich — mein Name ist Rudolf — ich möchte so gern' sehen, wie es Frau Böje und den Kindern geht." „Seien Sie willkommen", sagte Thomas, den Fremden aber doch mit etwas kühlem Blick musternd. Helene war ganz gerührt, daß Rudolf sie und die Kinder aufgesucht hatte, und der Gedanke, wieviel schwere Erinnerungen sie mit ihm gemein habe, stimmte sie weich., „Es thut mir leid, daß Sie mich nicht zu Hause trafen. Haben Sie meinen Vater begrüßt?" „Ja, aber er — ich weiß nicht — er befindet sich Wohl nicht gut, und da glaube ich. — und dann kamen die Kinder und zogen mich hier heraus." Sie ging mit ihm nach Hause. Während sie ihr Ueber-, zeug ablegte, wickelte Rudolf sein Packet aus. Als sie sich wieder umwandte, stand auf den Lehnen des Schaukelstuhles eine große, schöne Kohlenzeichnung von Böje, in einen breiten Eichenrahmen gefaßt. „Hans!" Sie stand einen Augenblick schweigend da, hielt dann plötzlich beide Hände vor die Augen und beuats sich über die Kommode. „Ja — hm! r— Liebe Frau Böje! I chchatte eine so gute Photographie von ihm und dachte, daß es Ihnen sicher angenehm sein würde — wir haben ihn ja beide so lieb „Nein, wie sollte ich wohl, — aber was ich sagen wollte, — glaubst Du nicht, es könnte sich bezahlen, wenn wir die Bäckerei erweiterten und auch Weizenbrot büken?" „Das wird mit Gottes §tife auch noch kommen!" Eines Sonntags im Herbst ging Helene mit dem Dorfschullehrer von der Kirche nach Hause. Am Tage darauf kam dieser zu Thomas und bat ihn, ihm bei der Errichtung einer Volksleihbibliothek behilflich zu sein. Thomas schüttelte den Kopf. Das sei nichts für ihn, auch habe er keine Zeit dazu. Der Lehrer mußte unverrichteter Sache wieder abziehen. „Nein — darauf verstehst Du Dich wohl nicht", meinte auch Helene. „Ja — ich habe doch früher gar nicht so wenig gelesen!" „Und dann sind ja auch, wie Du bemerktest, die Zeiten so schlecht." „Ja, ich kann es nicht, und thue es auch nicht. Es hätte ja sonst seine großen Vorzüge mit so einer Volksbibliothek. Man kann durch eine gute Büchersammlung so viele gesunde, gute Gedanken verbreiten; aber man kann ja nicht mehr, als man kann." Den ganzen Nachmittag sann er darüber nach. Am nächsten Morgen ging er in die Dorfschule. „Hören Sie mal, Petersen, wir müssen doch wohl an die Bücher denken. Man kann durch so eine Sammlung von guten Büchern viele gesunde und gute Gedanken verbreiten." Und dann bekam Ostholmstrup seine Bolksbibliothek. Helene gegenüber beobachtete Thomas eine gewisse ehrfurchtsvolle Zurückhaltung, die eine Folge der Einsicht war, die er jetzt in ihren feinen Charakter bekommen hatte. Jedesmal, wenn er sie sah, ging ihm ein Sonnenstrahl durch die Seele. Aber die Furcht, etwas zu thun oder zu sagen, was das neue Verhältnis zerstören könnte, das sich Uvischen ihnen bildete, legte seinem ganzen Sein einen Dämpfer auf. Verstohlen ging er umher und beobachtete sie. Es war sonderbar, daß sie jetzt Böjes Namen nie wehr erwähnte, daß sie die Stellung einer Hausfrau im Mühlhofe ganz und gar eingenommen hatte, daß sie ost, wenn sie mit ihm sprach, ihre Hand aus seinen Arm legte. In sein ganzes Benehmen ihr gegenüber war «etwas Lauerndes, etwas Vorsichtig-Abwartendes gekommen, eine zitternde Hoffnung, die unsichtbar nach den Worten langte, die seinem Leben die Krone aufsetzen sollten. Einer der Leute auf dem Müblhofe wurde krank. I Thomas mußte der Frau, wenn sie mit ihrem Suppentopfe kam, alle Augenblick ein paar Kronen zustecken. „Ihr solltet Euch eine Ziege halten", schlug er vor. „Ich will Euch behilflich sein, und dann könnt Ihr sie am Grabenrande weiden lassen." Das Anerbieten wurde mit Freuden angenommen, und hatte zur Folge, daß mehrere von den Häuslerfamilien Ziegen anf&afften. Auch eine „Kranken- und Begräbniskasse" errichtete Thomas, und am fernen Horizont seiner Gedanken dämmerte ein landwirtschaftlicher Verein. „Das würde auch noch kommen!" Als Helene eines Tages in der Weihnachtszeit den I Wunsch äußerte, ihr früheres Heim in Kirchholmstrup wieder I ju sehen, erbot sich Thomas sofort, sie dorthin zu fahren. | Es war ein milder, stiller, sonniger Tag, in der vorher- I gehenden Nacht war ein leichter Hagelschauer gefallen und | lag nun auf den Feldern, hie unb da in den Kronen der Bäume, in zartem, rötlich-gelbem Schimmer erglänzend. I Ein kleiner Mann, mit einem großen, flachen, viereckigen j Packet unterm Arm, kam mit trippelnden Schritten 6en I Hügel hinan, wo ein Steig an einem Deiche entlang läuft. I Helene sah ihm nach. „Wie er Rudolf gleicht", rief sie aus, „der dort ans | dem Hügel!" | „Rudolf?" „Das ist ja wahr! Du kennst ja Rudolf nicht!" Und nun erzählte sie von ihm. „Em kleiner, schrecklicher | Wilder, im übrigen aber ein prächtiger und gutmütiger I Mensch. Er hat uns oft Geld geliehen." Thomas fragte, wieviel sie rhm schulde. „Es mögen wohl zweihundert Kronen fein; ich habe 8« Hause ein Buch, worin ich es aufgeschrieben habe." | „Dann müssen wir es ihm senden. Ich finde eS am I richtigsten, wenn ich all Deine Schulden übernehmet » 319 — und steif da und machte ihn in vier Zügen matt. „Was ist das! Ja, weiß Gott, daJitz' ich! Tas müssen wir nochmal machen!" Wer eine Schlacht nach der andern verlor der kleine Mann an diesen Heroen der Schachkunst. Während des Spieles hatte Thomas eine kleine geheime Unterredung mit Helene in einer Ecke des Zimmers. Rudolf spitzte die Ohren, hörte Thomas aber nur zum Schluß sagen: „Nun ja, dann senden wir es ihm!" Helene hatte es Rudolf gleich angemerkt, daß er nicht mehr der Alte war; seine Züge waren ein wenig schlaff geworden, seine Kleidung war nicht ganz tadellos, und das alte zündende Leben war erloschen. . Er hatte aber auch bittere Enttäuschungen erlitten, die schwere Schatten auf seinen Weg geworfen hatten. Nach „gutwilliger Uebereinkunft" hatte er die Lateinschule verlassen müssen und lebte nun von Privatunterricht und Ueber- setzungsarbeiten. Ter Diskussionsverein war längst aufgelöst, der Freundeskreis, in dem er sich mit dem Selbstgefühl eines Führers getummelt hatte, war zerstreut. Tarein mußte er sich finden. Daß aber der Plan zu dem neuen Blatt zunichte wurde, das war ibm ein Stoß ins Herz. Ter Gedanke an dies Blatt war die große Flamme seines Lebens gewesen, die jahrelang in ihm geleuchtet und seinem Geist Wärme zu tausenderlei lebensmutigen Hoffnungen verliehen hatte; hartnäckig hatte er gekämpft, um Geld zu schaffen, war von Hinz zu Kunz gerannt, hatte sich in den Druckereien nach den Preisen von Papier und Satz erkundigt, seinen Plan Politikern und Arbeiterführern dargelegt — aber alles vergebens. Ta hatte er endlich den Mut verloren, und allem, was Politik und Sozialismus hieß, die Zunge ausgestreckt und war wieder in sein früheres, inhaltloses Junggesellenleb en verfallen. Tie Zeit der großen Gedanken war aus; geblieben waren ihm nur die fettigen Billards der Cafös, die Witze der Wochenblätter, das abendliche Trinkgelage und die nächtlichen Abenteuer mit Chan- sonettensängerinnen. Wenn er zu Grunde ging, so sollte es ihm einerlei sein! Zuweilen stählte er sich durch eine Phrase, deren er sich aus irgend einem Roman erinnerte; er wollte wie eine stolze Seele seine Leiden unter einem Lächeln verbergen und der Schlechtigkeit und der mensch- lichen Dummheit den Triumph nicht gönnen, „einen aus- ?gebildeten Verstand in Schmerzen zu Grunde gehen zu ehen." Wenn ihn aber der Lebensüberdruß überkam, nutzten ihm alle schönen Phrasen nichts — er fühlte sich einsam und unglücklich (Schluß folgt.) r? Das Duell. Alte Gießener Erinnerungen, Eine wahre Begebenheit, erzählt von John Gröninger,*) Brooklyn. „Die Philister sind uns gewogen meist, Sie ahnen im Burschen was Freiheit heißt, Frei — frei — Mei ist der Bursch'!" Der Refrain dieses uralten Studentenliedes erscholl an einem wunderschönen Sonntagmorgen gegen Ende der 60 er Jahre aus den geöffneten Fenstern des Extrastübchens der Brauerei König, am Nordende des gemütlichen Universitätsstädtchens Gießen, und einem nicht heimischen Beobachter mußte es gar auffallend erscheinen, daß das Lied nicht etwa aus den Kehlen jugendfroher Stuoenten stieg, sondern von einer Korona ältlicher Herren mit grauen Haaren und spiegelblanken Glatzen, mit zufriedenen, trinkfröhlichen Gesichtern kommentmäßig ge- filngen wurde, also von echten rechten Spießbürgern, von Philistern selbst. Und das verhielt sick so. In dem damals noch ziemlich kleinen Gießen mit seinen urkomischen Straßennamen wie Mäusburg, Teufelslustgärtchen, Kuh- 6affe, Hunds g ässe u. a. m. hatten sich die Gewohnheiten der Studenten mit ihrem einfachen G'moin-Gruß, ihren Kneipregeln und Gebrauchen — das Zutrinken — es kommt dir ein Ganzer oder Kuh schluck — steig' in die Kanne — Salamanderreiben und selbst auch das Singen der ur- wüchsigen Lieder des Kommersbuches mit ihren unver- *) John Gröninger ist der Sohn des hiesigen Haut- vorsten i P. Gröninger, der uns die kleine in einer deutsch-amerikanischen Zeitung erschienene Erzählung zum Abdruck freundlichst zur Verfügung stellt. Die Red. geßlrchen Wersen — bei jung und alt so eingebürgert, baH man btefe Gewohnheiten nur natürlich fand und als selbstverständlich hrnnahm. So auch bei unserer eingangs erwähnten Tafelrunde. Noch sehe ich sie sitzen, die lieben alten Bekannten, den behäbigen Thorschreiber R., den dicken Bäckermeister V., genannt Datcher, den langen Scbwa- nenwirt F., den Expolizeidiener E. mit seinem eisgrauen Schnurrbart und noch neben sechs oder acht anderen ehrwürdigen Spießern, deren Namen mir entfalten sind, den Helden meiner Erzählung, den ehrsamen Schneidermeister Christian P. und zuletzt noch den humorvollen Freund der anderen, Stud. Phil. C. V. im 30. Semester, einen zweiten laugen Israel — der ewige Student. Jawohl ein eibhastiger „Eivis Aeademiae", bereits im hohen Mittelalter tehend, ein lieber, guter Mensch, dem Dank seiner gün- Hgen Vermögensverhältnisse, ein Examen eine unbekannt« Größe geblieben. Dieser würdige Nestor belegte nur noch ein oder zwei Kollegien „pro forma", besuchte die reguläre Kneip« seines Korps nur noch selten, um so häufiger aber die Exkneipen Lotz', Buschs und Königs, und war ein gentj gesehener Gast und Freund der genannten Herren. Seine Haupt- und Lieblingsbeschäftigung mar, Schnurren und Witze zu erzählen, und zur Zielscheibe seines Witzes nahm er sich jedesmal den etwas leicht reizbaren Schneidermeister Ehr. P. Fast noch in jeder Sitzung der Tafelrunde war es ihm gelungen, zum Gaudium der andern den armen Christtan so zu erzürnen, daß derselbe, Gift und Galle spuckend, die Versammlung verließ, um aber ebenso regelmäßig am kommenden Sonntag morgen sich wieder einzufinden. So auch wieder an dem fraglichen Sonntage. Am Abend vorher aber hatte der dicke Thorschreiber R. eine gar ernste Unterredung mit ihm gehabt. „Christian", sagte er, „bist eigentlich ein Feigling; die ewigen Uzereien von dem V. würde ich mir nicht gefallen lassen, und noch weniger würde ich immer fortlaufen."' „Ja, aber — was würdest Du thun?" erwiderte, ihn fragend ansehend, unserer biederer Christian. „Ihn fordern!" „Ihn fordern? Um Gotteswillen, nur das nicht!" 1 „Ich hab's gewußt, daß Du ein Feigling bist — Leb« wohl!"-- „Halt! Dageblieben! Ich will mir's überlegen." „So ist's Recht", sagte R., „nur den Mann geigelt; Uebrigeus, wie ich den V. kenne, ist der viel zu feige, um die Forderung anzunehmen, und bedenke doch auch, dann stehst Du doch als Held da in unserer aller Augenm „Meinst Du?" erwiderte Christian mit begeisterten Blicken, aber dann doch etwas merklich gedämpfter hin- zufügend: „Meinst Du wirklich, daß V. die Forderung nicht annimmt?" „Ich könnte drauf schwören." „Gut denn, ich werde dann handeln, wie Du mtt sagst." „Ein Mann ein Wort! Adieu, Christian!" „Adieu, Theodor!" Die geneigten Leser werden sich wohl denken können, warum am nächsten Morgen vor dem Erscheinen des Schneidermeisters die Mitglieder der Tafelrunde so geheimnisvoll die Köpfe zusammensteckten und andächtig beit Worten R.'s lauschten, nur manchmal ihn durch heimliches Kichern und Grunzen unterbrechend. Auch V. nahm an der Beratung teil. Endlich schien man zu einem befriedigenden Resultat gekommen zu sein, alle nickten bei- stimmend und nahmen mit noch lachenden Gesichtern an dem langen Tische Platz. Kaum war das Lied: „Stoßt an, Gießen soll leben hurrah hoch!" verklungen, als der Schneidermeister erschien. „G'moin Kommiltonen!" „G'moin P.! Nimm Platz!" — R. winkte ihn an seins Seite. Noch hatte er seinen Schoppen nicht angestochech als sich Sind. B. räusperte und mit einem bezeichnenden Blick auf P. fragte: „freunde, habt Ihr schon die Geschichte von bent Schneider und dem Gaisbock gehört?" Ein kräftiger Fußtritt von feiten R.'s urck> einige Worte im Flüstertöne, brachten den Schneider aus de« Damm, 320 „V.", sagte er, „wenn Du wieder beabsichtigst, mich zu uzen, dann zeige ich Dir etwas anderes!" . „Wäre begierig zu erfahren was", antwortete V. gelassen, „deshalb werde ich meine Geschichte doch erzählen." „Das wirft Du nicht!" rief P. wütend, „das ist eine Beleidigung, und Du sollst mich nicht mehr beleidigen — Du bist gefordert!" Es war heraus. Sprachlos saßen die Freunde da. V. fiel, oder that nur so, scheinbar tief erschrocken in seinen Lehnstuhl zurück. Einige bemühten'sich um ihn. Das war das Zeichen für R., um den Schneider noch mehr zu begeistern. „Siehst Du die Angst, Christian, gieb's ihm noch einmal!" raunte er dem tapferen Manne zu, und wirklich, kühn gemacht durch seinen Erfolg, erhob sich P. zum zweitenmale in die Worte ausbrechend: „Ja- wohl, V., bist gefordert, Du Feigling Du!" Das brachte V. auf die Füße. „Meine Herren", sagte er, „das war die größte Beleidigung, die mir jemals jemand ins Gesicht geschleudert hat. Jetzt nehme ich die Forderung an, werde mich auch zu keiner Aussöhnung hergeben. Nur mit Blut kann meine angegriffene Ehre wieder abgewaschen werden. Und da . ich als Geforderter das Recht habe, die Waffen zu be- . stimmen, so mögen Pistolen entscheiden!" Tiefes Schweigen. — Nur P. schien wie umgewandelt; totenblaß sah er da; dicke Schweißtropfen rannen von seiner Stirne. Aber R. hatte die Situation erfaßt und redete ihm Mut zu. Endlich erhob sich E.. der Expolizeidiener, und begann: „Freunde! Leider ist hier in unserer Mitte diese un- angenehme Sache passiert. Da wir aber alle nach altem Burschenbrauch für's Burschenwohl den Schläger ziehen wollen, so wird wohl keiner der Kontrahenten durch Feigheit seine Ehre beflecken und zurücktveten wollen. Da die Beleidigungen und Forderungen auf diesem Grund und Boden geschehen, so soll auch hier im Garten unter den grünen Bäumen der Kampf der Ehre ausgefochten werden — und zwar sofort. Ich ernenne R. und F. zu Sekundanten — 20 Schritt Barriere — auf Kommando 3 wird gefeuert — ich selbst werde als Unparteiischer auftreten und als solcher ote Pistolen besorgen. Verweilt hier eine kurze Zeit und haltet die Kontrahenten auseinander. Tiefe Stille herrscht. Nur aus der Ecke, wo P. und R. sitzen, ertönt öfters ein unheimliches Stöhnen. Nach einer Viertelstunde erscheint E. wieder mit zwei kolossalen alten Reiterpistolen. „Alles bereit, meine Herren, machen Sie sich fertig zum Duell!" bemerkte 'er kurz. Die Nichteingeweihten wunderten sich, warum eigentlich jedem der Duellanten eine große Küchenschürze als Serviette umgebunden wurde, doch noch mehr Aufsehen erregte es, als man am Kampfplatz, dem Garten der Brauerei, angelangt, sah, daß hinter jeden der Duellanten eine große Garbe Stroh gelegt wurde. P. bekam seinen Platz nahe der Gartenhecke, während V. neben einer großen Kastanie Aufstellung genommen hatte. Hinter diesem Baum hatte aber schon vorher einer der Beteiligten sich versteckt; er trug einen Topf in der Hand, welcher eine Flüssigkeit enthielt, die mit Roterübenbrühe verzweifelte Aehnlichkeit hatte. Jetzt wurden den Duellanten die natürlich blind geladenen Pistolen behändigt. Der Unparteiische ermahnte nochmals, erst auf das Kommando drei zu feuern. R. und der dicke Bäckermeister haben große Mühe, den unglückseligen Schneider aufrecht zu erhalten. R. spricht ihm tapfer Mut zu. Langsam fängt E. an zu zählen: Eins — Zwei — und--als das Kommando Drei erschallt, hebt ,P. zitternd an allen Gliedern die Pistole. Den Anblick vergesse ich mein Lebtag nicht. Mit nach hinten gedrehtem Kopf, bte Lippen krampfhaft zusammengepreßt, die Augen geschlossen, die Schultern fast verrenkt, steht er da ein Bild des 'Jammers und schießt wirklich die Pistole ab. Ein Blitz und Knall. — Ein einziger Blick nach seinem Gegner überzeugt P. von dem vermeintlichen Unglück, das er angerichtet. V. steht da mit blutgefärbtem Gesicht, scheußlich anzusehen. Das Blut — recte Roterübensaft läuft auf die weiße Küchenschürze nieder und langsam sinkt er auf das Stroh, die Arme weit ausbreitend. Das genügt für P. Es war nicht nötig, daß R. ihm mit komischen Angst^ebärden zurief: „P., Du hast den V. totgeschossen!" Dre Pistole wegwerfend, ein verzweifelter Sprung über die Hecke und wie von Furien gepeitscht, rast der unglückliche P. die Wallthorstraße hinunter. Drei oder vier hinter ihm drein mit dem Rufe: „Haltet ihn! Haltet ihn!" — Unterdessen hat sich V. aus seinem Strohbündel aufgerappelt, wischt sich mit der Schürze die rote Brühe aus seinem Gesicht und bricht mit den übrigen in ein schallendes Gelächter aus. — P. hatte seine rasende Flucht fortgesetzt. Von zwei handfesten Stationsdienern gepackt, welche ihn glücklrch abgehalten hatten, auf einen gerade abführenden Personenzug zu springen, so fanden ihn die ihm nachgeeilten Freunde am Bahnhof. Nach kurzer Aufklärung gegenüber dem Stationsvorsteher, überließ ihn dieser seinen Bekannten. Aber welche Mühe hatten diese, ihm die Sachlage zu erklären. Er wollte es immer noch! nicht glauben, daß V. gar nicht tot, sondern munter; und guter Dinge sei. Erst als sie in einer Droschke nach Königs zurückgekehrt, und V. ihm mit lächelnden Antlitz und ausgestreckter Rechte entgegenkam, da stürzte er mit Freudenthränen in den Augen und dem Ausrufe: „V., V., Du lebst?!" in dessen Arme und dann kam es nach einigen langen, tiefen Atemzügen wie eine Erlösung aus seinem Munde: „Herrgott, was hab' ich 'ne Angst ausgestanden!" An jenem denkwürdigen Sonntage aber, hat gar manche ehrsame Hausfrau vergeblich auf ihr Ehegespons mit dem Mittagessen gewartet. Gemeinnützrges. JndasOyr eingedrungeneJnsekten können recht ungemütliche Empfindungen und nicht selten schwer heilbare Erkrankungen des Ohres verursachen, wenn sie nicht gleich entfernt oder durch ungeschickte Handhabung; im Ohr getötet werden. Das Herumbohren im Ohr hat, schreibt der „Praktische Wegweiser", Würzburg, in diesem Falle einen recht zweifelhaften Erfolg, der manchmal recht unglücklich ausfällt. . Die Entfernung des eingedrungenen Insekts geschieht zweckmäßig in der Weise, daß man sich so legt, daß das Ohr, in welchem der Eindringling haust, nach oben kommt und vorsichtig reines Mohn- oder Olivenöl einträufelt. Kampheröl ist noch wirksamer. Tie Insekten werden durch das Oel getötet und sind dann leicht mit einer Pinzette zu entfernen. Kleine Insekten sind durch Ausspülen des Ohres mit lauwarmem Wasser herauszuschwemmen. Das Oel schadet in keinem Falle und wird durch das Wasser wieder herausbefördert. :—r. Schachaufgabe. Von K. Laufs in Ahrweiler. a b abcdef g h d e f g h Weiß. (9+6) Weiß zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) 8 7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 5 4 3 2 1 Auflösung des Zahlenquadrats in vor, Nr.r 18 26 9 22 5 6 14 27 10 18 19 7 15 23 11 12 20 8 16 24 25 8 21 4 17 Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniverfltätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.