Freitag den 31, Isimsr. W 1902. — Nr. 17. l H er Erfolg ist offenbar, Die Absicht aber niemals klar; Drum wird man alle Menschengeschichten Ewig nach dem Erfolge richten. Rückert. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) Clarita staunte im ersten Moment diese ganz nner- ivartete Güte an, Feodor aber jubelte. Er vergaß seiner Mama elegante Gesellschaftstoilette, ihr ihm oft so fremd gewordenes Mesen, ungestüm sprang er auf sie zu, umarmte, küßte sie und dankte ihr — alles in einem Moment — voll maßloser Freude. Wera wehrte lächelnd seinem Ungestüm. „Still, still" — sagte sie kühl, „die Sache ist abgemacht. In zwei Tagen reist ihr, sage Herrn Goluschkin, daß er sich als euer Reisebegleiter bereit halten soll, und nun wünsche ich vor der Abfahrt nichts mehr von der Tour zu hören. Ich muß zurück nach dem Salon. Es ist amüsant heute dort. Deine Freunde, die Romanzow's sind auch gekommen, Lisavetta", ergänzte sie boshaft, des jungen Mädchens betrübte Miene streifend, die sie viel zu wenig rührte, um eine Aufforderung, ihr zu folgen, beizufügen. Ohne solche auszusprechen, verließ sie ebenso geräuschlos, wie sie gekommen, das Gemach, innerlich höchst befriedigt, daß die Laune, welche sie getrieben, die kleine Gesellschaft zu überraschen, sie auf eine Idee gebracht, die sie zu einem raschen Entschluß geführt. Impulsiv hatte sie denselben gefaßt, aber er deuchte ihr gut- Sie wurde dadurch Clarita los — augenblicklich, und zwar unter dem Anschein großer Güte gegen die Fremde, und zärtlicher Mutterliebe gegen ihren Knaben. Denselben zu missen, hatte sie ja bereits während des Minters gelernt, nnd für dies von ihr gebrachte Opfer mußte Nikolai Pawloivitsch um so liebenswürdiger sein. Ihn behielt sie für sich- Er sollte ihrem Zauberkreis nimmer entrinnen, bis sein widerstrebendes Herz sich ihr aufs neue ergeben- Es war ein lichter, sonniger Frühlingsmorgen., Bor dem alten Gitterthore hielt ein prächtiges Fünfgespann mit einer bequemen Reisekalesche der kleinen Gesellschaft harrend, deren Haupt Clarita bildete. In aller Tages- frühe stand dieselbe bereit, ihr neues Amt zu übernehmen. Frau von Ornatoff lag noch tief in den Federn; sie fand es nicht der Mühe wert, die kleine Truppe ab- reisen zu sehen nach dem verwünschten Ornatoffsko. Schon den Gedanken daran haßte sie, sie wünschte nichts mehr, als mit jeglichem Reisedetail verschont zu werden. Vorhergegangenen Abends hatte sie Clarita kurz und bestimmt ihre Anweisungen gegeben, ihr das Wohl Feodors auf die Seele gebunden, und ihr dann leichthin — und ahnungslos wem sie selbst den Weg nach Ornatoffsko gebahnt — gute Reise gesagt. Damit glaubte sie ausreichend das Ihrige gethan zu haben- Die Dienerschaft kannte ihre strikten Befehle, auf Lisavetta nahm sie keine! Rücksicht, und Feodor durfte in der Frühe an ihr Bett kommen- Den Kcpf etwas ans dem weichen Kopfkissen hebend, küßte sie den Knaben, hieß ihn folgsam sein, und fröhlich wiederkommeu. Damit entließ sie ihn- Und das Kind sprang, voll Frohsinn und lebhafter Erwartung davon, und belustigte sich damit, die ganze Gesellschaft in die kleine Arche Noah — mit der sich füglich die Kalesche vergleichen! ließ — hinein zu treiben. Es fand denn auch ein jeder sein Plätzchen darin, nur Herr Goluschkin, Feodors für die Ferienzeit angenommener Lehrer, der selber noch Student, und merkwürdigerweise noch sehr schüchtern war, zog es vor, zu dem Kourier ins Kabriolett zu klettern. Feodor hatte dagegen nichts einzuwenden; er lachte und schwatzte fortwährend mit Clarita und Lisavetta, mit letzterer in allerhand versteckten Geberben sich über Madame Düflois lustig machend, die, zu früh aus dem Schlafe herausgeklopft, eine saure Miene und matte Augen geinte» Clarita sah das übermütige Gebühren der Kinder kaum; ihr Ginn fühlte sich so weit, so froh, wie sie es kaum für möglich gehalten. Sie kam sich vor wie ein kleiner Bogel, der aus gleißendem Käfig entlassen, endlich den ersehnten Flug nehmen konnte- Sie sollte ihres Gatten wirkliche Heimat sehen, seinen Geburtsort, die Stätte seiner kindlichen Spiele und den Schauplatz doch still! fort mit den entsetzlichen Gedanken! Nurjetzt Mut und Freudigkeit- Tie letztere konnte nicht fehlen bei der munteren Fahrt durch die Morgenfrische. Tie Glöcklein des Fünfgespaunes läuteten gar fröhlich darein, und die lauge Peitsche des Kutschers knallte lustig dazu, wahrend dieser seinen Pferden die zärtlichsten Schmeichel« uamen zurief, um sie zu immer rascherem Laufe an- zufeueru. Lustig ging's so in die Welt hinein. , . Vor dem schweren Reisewagen tanzte die kleine Pirr- kladnai*) her, worin sich das Gepäck mit Geraßin befand, der Diener und Koch in einer Person vorstellte. Der gute Mann war an das in seinem Gefährt unausbleibliche Gerädertwerden gewöhnt, und fühlte tief die Wichtigkeit seiner Person, da er, vorauseileud, auf den Poststatiouen für das Wohl der gnädigen Herrschaft Sorge tragen mußte. Diese Art zu reifen, das Land, die Menschen, die eigentümliche große Landstraße, alles und jedes, was sie umgab, *) Ländliches Gefährt. 66 war Clarita neu und interessant. In ihrer Stimmung war sie geneigt, alles gut, jegliches Mißgeschick, über das die alte Französin — die als Begleitungsdame für Lisavetta mitsuhr — unaufhörlich jammerte, erträglich zu finden, selbst die armselige Station mit den unzulänglichen Nachtquartieren. Reinliche Stuben fanden sich dort nie, obgleich Geraßin zwei solcher stets voraus für die gnädige Herrschaft bestellte, während er eilig den Proviant auspackte, Milch und frisches Brot eiukaufte, und in seiner Eigenschaft als Koch sich mühte, wenigstens ein bescheidenes Mahl herzurichten. Bescheiden blieben solche denn auch beständig während der viele Tage laugen Reise; denn die Stationen lieferten nichts als den Samowar und heißes Wasser. Dazu erwiesen sich die Nachtquartiere, welche jene Poststationen bieten, eher abschreckend als einladend; jedenfalls war ihre Einrichtung mehr als mangelhaft und widerwärtig schmierig. Schmierig die alten Möbel, schmierig die Betten, schmutzig geschwärzt die Wände, mitsamt der Unzahl alter Heiligenbilder, die daselbst überall unbedingt zur Ausstattung gehörten. Um die Ruhelager einigermaßen erträglich zu machen, mußten aus dem Wagen die Kissen und Polster herbei; aus den Reisetaschen brachte die Kammerfrau Bett- leinen hervor, das über ausgestreutes Heu gezogen, noch das beste Bett hergab. Clarita konnte darüber schon Lesser den Schauder begreifen, den Frau Wera vor einer solchen Reise empfand, für sie selbst hingegen blieb die neue Situation reizvoll. Sie teilte Feodors Vergnügen und Teilnahme, sie lachte mit ihm über die kleinen Mißhelligkeiten und nahm das Leben, wie es sich eben bot. Derr Schmutz abgerechnet, bot sich ihr auch des Interessanten genug; denn ihr, als Fremder, drängte sich eben jeder Eindruck in ungeschwächter Frische aus. Ihr Auge erfaßte viel schärfer das Eigentümliche, Besondere, was die andern kaum beobachteten. Zudem war es ja Alexis' Vaterland, das sie durchfuhren. Dies alles hielt Clarita stets in belebter Stimmung, dennoch war sie's zufrieden, als sie die vierte Station hinter sich hatten, welche solch' eine Armseligkeit geoffenbart, daß die Damen diesmal vorzogen, int Reisewagen zu übernachten, undFeodor mit Herrn Galuschkin zur Lagerstätte einzig Heu gewählt hatten. Der Wagen rollte nun mit Tagesgranen den unebenen Weg weiter; sein nächstes Ziel bildete eine kleine Stadt, auf welche Feodor ermutigend die Gesellschaft vertröstete. Deren Umgebung ließ sich an jenem Frühlingsabend, da man sie erreichte, gewiß etwas Malerisches nicht absprechen, doch das Städtchen an sich bot nichts weniger als einen erfreulichen Anblick. Selbst Claritas Blick verdunkelte sich, da sie die in überwiegender Mehrzahl vorhandenen einstöckigen Holzhäuser sah ■— verlassene, zerfallene Gebäude, welche Ruinen gleich die bodenlos schmutzigen Straßen umstanden, an die hier und da noch ein von verkrüppelten Obstbäumen und wildverwachsenen Stachelbeersträuchern bedecktes Stück Land grenzte und die Nachbarhäuser recht weitläufig von einander trennte. Grimd und Boden mußten dort eben wenig Wert haben; deshalb dehnte sich das Städtchen in wahrer Raumverschwendung in die Länge und Breite, und niemand fand es nötig, die verlassenen Häuser, das oft gänzlich dachlose unter dem Einfluß von Eis und Schnee zerbröckelnde Mauerwerk abzubrechen oder niederzureißen. Unbekümmert überlieh man der Zeit, das Zerstörungswerk nach und nach zu besorgen. Auf den ersten Eindruck hüt hielt der Ausländer sicher den ganzen Ort für verkommen, jedenfalls für verarmt und verelendet. Dem war dennoch nicht ganz so; die Reisekalesche bog endlich auch in ein besseres Quartier ein, das einige weiße Steinhäuser aufzuweisen hatte, die durch ihr hübsches Aeußere um so schärfer von dem sie umgebenden Verfall abstachen. Sie gehörten reichen Kaufleuten, unter welchen Wohlstand herrschte, während die Verhältnisse der Grundbesitzer traurig waren und der Adel des Distriktes zumeist verarmt und heruntergekommen schien. So erklärte es wenigstens Herr Goluschkiu in bescheidener Gelehrsamkeit, Unterdes Clarita in trübem Staunen auf das planlose Gemisch von Häusern blickte, zwischen welche sich ein, zwei Kirchen und Klöster einreihten. Sie boten leinen ansprechenden, mehr einen düsteren Anblick. Die Poststation dagegen, die sich hier fand, rechtfertigte in etwas Feoders Trostbemühungen. Der Schmutz und die schrecklichen Insekten erwiesen sich nicht gar zu störend, wie denn über!-, Haupt die ganze Ausnahme, welche der gnädigen Herrschaft daselbst zn teil wurde, eine leidliche Nachtruhe erhoffen Bis in die Steppe. Die alten Bäume rauschten Als riefen sie ihr zu: Komm' her zu mir. Du Arme, Hier find'st Du Deine Ruh. W. M. Die kleine Gesellschaft sah sich in ihrer Hoffnung nicht betrogen; sie alle schliefen wirklich einmal und erwachten am lichten Morgen erfrischt, neu belebt. Clarita war am ersten munter; mit wehmütiger Freude sah sie die Sonn« aufgehen. Ehe die heute sank, sollte sie zu Ornatofssko sein! Freilich noch lag dasselbe eine ganze Unzahl von Wersten entfernt, jedoch, und dies war der größte Vorteil, den das! erbärmliche Städtchen bot — von jetzt ab stand für die weitere Fahrt ein hübscher leichter Wagen mit einem lustigen Dreigespann bereit, das Clarita, Lisavetta und Feodor mit dem Wtnde um die Wette dem ersehnten Ziele zuführen sollte. Ter Intendant von Ornatofssko hatte seinem jungen Bärin den Tarantaß entgegen gesandt und zweimal des Weges Relais gelegt, sodaß man die Pferde wechseln und ohne Aufenthalt möglichst rasch weiter konnte. Es war eine treffliche Einrichtung, und Feodor ganz entzückt darüber. Nicht weniger war dies der alte ihm entgegengesandt« Kutscher. Der graubärtige Mann war selig, seinen jungen Barm Wiedersehen und fahren zu dürfen. Das fremde schöne Fräulein, welches statt der gnädigen Herrin da war, um! Befehle zu geben, betrachtete er mit ehrfurchtsvoller Scheu und voll Bewunderung staunte er Lisavetta an, die er sich erinnerte, als kleines Mädchen gesehen zu haben. — Er wagte freilich nicht zu sprechen, aber er küßte den Saum von Feodors Rock, sobald er dessen habhaft werden konnte. Der junge Bärin nannte ihn kurzweg Du und hatte ein« ganze Menge von Fragen zu stellen, wie allerlei Erkundigungen einzuziehen. Clarita hörte ihm vom geöffneten Fenster aus zu, sie wartete auf Lisavetta, welche mit ihrem Frühstück noch nicht zu Ende war. Ihr behagten die frühen Stunden nicht recht. Clarita dagegen standschon lange am Fenster und blickte neugierig in die ihr völlig fremde Welt hinein, nachdem sie vorher aus der Tiefe ihres Herzens ein heißes Gebet zum Herrn der Welten emporgesandt, daß er ihren Einzug in Ornatofssko segne. Jede Minute vor der Fahrt däuchte ihr lang, um ihre Gemütsbewegung zu beschwichtigen, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die Um-: gebung. Fuhrleute gingen von der Station ab und zu und warfen verstohlen neugierige Blicke auf die Fremde, welch« so sinnend hinaus auf die Straße schaute. Dort kam eben mit lang wallenden Locken ein Pope daher in braunseidenem Talar, ziemlich eilig hinschreitend. Er mochte sich verspätet haben; denn schon geraume Weile klangen von der Kirch« die Glocken. Clarita wunderte sich über den trüben Gesichts-, ausdruck der Leute, die ihm begegneten. Sie wußte nicht,; daß das Begegnen eines Priesters bei ihnen Unheil bedeutet; sie sah nur staunend, wie jene Leute sich umdrehten und dreimal ausspieen, — nach der Volksmeinung das trefflichst« Mittel, den Teufel zu vertreiben. Clarita blieb indes keine Zeit, jenen Werglauben —i an dem das russische Volk so reich ist — jetzt zu ergründen. Feodor rief ihr zu: die Troika harre voller Ungeduld. Das fahle Licht der Morgendämmerung wich immer rascher der hellstrahlenden Sonne. Der alte Postillon mit seinem turmhohen Hut saß bereit, er konnte kaum mehr das Feuer der Tiere zügeln. Lisavetta war endlich munter, und dis Damen stiegen ein, von ihrem jungen Kavalier gefolgt. Lustig fuhr man zu dem Städtchen hinaus, während der schwerfällige Reisewagen noch vor der Thür der Station hielt. Madame Duflois durfte darin nun nicht mehr über Mangel an Platz klagen, auch keine scharfen Bemerkungen mehr machen über die lose Jugend; denn Herr Goluschkiu, der arme,: schüchterne Student, ließ sich zu solcher nicht wohl zählen. Eher hätte sich das von Stiopa, der Kammerzofe, sagen lassen, die es indes für zweckmäßig fand, sich bei der gestrengen Gouvernante ihrer jungen gnädigen Herrm beliebt zu machen. Clarita war sehr zufrieden, mit den jungen, ihr anvertrauten Leutchen allein zu sein. Der kleine Tarantaß flog 67 die crfoxbcxt. Unsere kleine Gesellschaft fand sich nun vor eine solche Geduldsprobe gestellt und sah erst recht gut die Schwierigkeit der Lage. Jedoch für den leichtgebauten Tarantay war dieselbe weniger bedenklich- er lag zwar halb auf der Seite, als die Pferde querfeldein jagten, doch ohne umzuwerfen, nur von Lisavettens lautem Aufschrei begleitet, brachte Jegor die gnädige Herrschaft an dem mit lieblichen Schimpfreden begrüßten Warenzuge vorüber. Es war gut ’a6gelaufen. Wie es aber dem nachfolgenden, schweren Rerse wag en ergehen würde, erregte lebhaft Clarrtas Besorgnis. Sie fragte Jegor, ob zu hoffen sei, daß, die Kalesche gleichfalls passieren könne? „Mer kann es wissen! Gott wird sorgen", lautete gleichmütig gegebene Antwort. Damit mußte sich die Fragerin zufrieden geben. (Fortsetzung folgt.) förmliche mit ihnen dahin, rasch lag das Städtchen zurück- vor ihnen schimmerte ein kleiner FluA Die über diesen führende Brücke zeigte sich unpassierbar, weil halb eingestürzt. Jegor, der Kutscher, schimpfte jämmerlich, über feine bärtigen Lippen strömte eine ganze Flut von russischen Schimpfworten, in die Feodor und selbst Lisavetta nicht übel Lust zeigten, einzustimmen oder doch wenigstens ein Verständnis dafür verrieten, wie Clarita es den vornehm erzogenen Kindern nimmer zugetraut hätte. Ihrer Verwunderung gelang es wohl rechtzeitig, die beiden an das Unschickliche ihres Beginnens zu mahnen, aber nichts vermochte dieselbe gegen Jegors Kummer, daß er nun eine ganze Strecke stromaufwärts fahren müsse nach einer Ueber- setzstelle, die er hasse, weil der böse Blick darauf ruhe. Tiefes abergläubischen Unsinnes wegen hieb er wie toll auf sein schönes, liebes Dreigespann ein, und glücklich flog es über die gefürchtete Stelle hin, wobei ihr Lenker befriedigt sagte: „Diesmal hab ich's überwunden!" Statt auf das nur in Jegors Einbildung drohende Mißgeschick, stießen sie indes auf ein anderes. Von ihnen auf der Chaussee, unter der aber keine glatte Bahn zu verstehen ist, sondern der ziemlich unebene Boden einer schmal gebauten Straße, zeigte sich einer jener langen Warenzüge, welche das Innere Rußlands durchziehen, den Handelsverkehr vermittelnd. Eine endlose Kette einspänniger Karren ziehen dabei so dicht hintereinander her, daß das Pferd des nachfolgenden feinen Kopf gemächlich gegen die Rückwand des vorderen Gefährtes reibt. . Solch ein Zug bewegt sich schrittweise, wird von wenigen Fuhrleuten gelenkt und bietet eine furchtbare Geduldsprobe für die Reifenden, welche das Glück haben, auf eine derartige Karawane zu stoßen; denn bei den schmalen, meist schadhaften Wegen ist das Ausweichen, resp. Borbeifahren mit einer Gefahr verknüpft, welche zu überwinden die ganze sichere Geschicklichkeit der russischen Kutscher des Feinschmeckers bildet. Gleichfalls minderwertig oder vielmehr sogar völlig unbrauchbar a.s Genußmittel sind Apfelsinen mit dicker Schale und verfilztem Fleisch, also entweder überreife oder von schlechter Sorte, bei denen auch der Geschmack weichlich und fade zu sein Pflegt, bar jedes Saftgehalts und ohne Würze. Die erste wirklich schmackhafte Frucht, die in unsere Breitengrade gelangt, stammt aus Südspanien in der Gegend von Valencia. Von Kennern sehr geschätzt wird diejenige von der Insel Malta mit ihrem köstlichen Gehalt an lieblichster Würze; doch kommen diese Apfelsinen verhältnismäßig wenig in den Handel, da der Anbau nicht ansehnlich genug ist, um mit seinem Ertrage einer großen Nachfrage zu genügen. Ein fernerer gar nicht genug zu schätzender Vorzug der Malteserapfelsine besteht darin, daß sie in eine nur ganz dünne Schale gekleidet ist. Syrien und Palästina übermitteln uns außerdem die sogenannte Jerichow-Orange mit rotem, ungemein süßem Fleisch, und aus Sizilien kommt die Mandarine, nur von der Größe etwa eines Borsdorfer Apfels und gleichfalls das Fleisch tiefrot abgetönt, während die Schale geradezu tote lauter Gold prunkt. Die Apfelsine, in Oesterreich schlechtweg „Orange" genannt, ist eigentlich nur eine Abart der letzteren, während die übrigen Mitglieder dieser Familie unter dem Namen „Citrone", „Limone" und „Pomeranze" mehr oder weniger bekannt sind. Sonst führt sie noch hin und wieder die Bezeichnung „Sina-Apfel". Bon ihren Geschwistern unterscheidet sie sich schon insofern sehr entschieden, als allein sie den Namen eines Obstes in Anspruch nehmen kann, wogegen jene immer nur als Gewürze in Betracht kommen können. Die Heimat der Apfelsine ist China, von wo aus die Frucht wahrscheinlich über Indien auf dem großen Handelswege des Mittelalters nach Italien und Spanien gelangte und dort ebenso bewundert wie dem Werte nach geschätzt wurde. Im Jahre 1548 kam der Seefahrer Juan de Castro auf den Gedanken, von China aus, wo er gelandet, ein junges Stämmchen mitzunehmen nach feiner Heimat Portugal. Dorthin glücklich zurückgekehrt, pflanzte er es in die Erde, und siehe, der fremde Baum gedieh dermaßen, daß sein Besitzer bald eine reiche Ernte von ihm erzielen konnte. Damit war der Anfang gemacht von einer Kultur, die sich bald immer mehr ausbreitete, und wirtschaftlich einen sehr großen Nutzen abwarf. Die Portugiesen verpflanzten dann den Baum nach Amerika, das sich gleichfalls für die betreffende Kultur sehr günstig zeigte, zumal nach den Azoren, wo die Apfelsine bald jede andere« Obstkultur weit hinter sich ließ. Noch heute erntet man hier jährlich gegen acht Millionen Früchte, die überaus würzig und wohlschmeckend find, aber bedauernswerterweis« nicht zu uns gelangen, indem John Bull sie sich durch seine bequeme Schiffsverbindung für den eigenen Gaumen sichert und dabei ein recht artiges Sümmchen als Baren Verdienst in die Tasche gleiten läßt. Einmal in Europa angelangt, verbreitet sich der Apfelsinenbaum bald über den ganzen Süden. Er umsäumt die Gestade des Mittel- meers, und die Früchte, aus dem Grün hervorlachend, wetteifern in ihrem goldenen Farbenton geradezu mit den Sonnenstrahlen. Auch in Deutschland versuchte man die Apfelsine anzubauen; Straßburg und Metz bringen bereits im 16. Jahrhundert Früchte auf den Markt, die in den Gärten bU'ietl beiden Städte geerntet waren. Aber das Klima erwies fich doch als zu rauh, der Baum selber litt unter den Unbilden harter Winter, und die Früchte lechzten, um einer echten, wirklichen Reife teilhaftig zu werden, nach vollerer Sonnenglut. So schlief allmählich die Kultur ein und mit ihr die Hoffnungen, die man auf sie gesetzt. Um so besser gedieh sie dafür in Frankreich, das in seinen südlicheren Gegenden denn auch alljährlich eine sehr stattliche Ernte aufzuweisen hat. Den ersten Baum soll übrigens die Ahnfrau! des Hauses Bourbon im Jahre 1411 in dem Städtchen Pampeluna, der ehemaligen Residenz der Könige von Navarra, «aus einem Kern gewonnen haben, den sie selber tn die Erde gelegt. Neunundachtzig Jahre später wandert« dieser Baum, inzwischen prächtig gediehen, gesund bis in das Mark, und fröhlich Sprosse treibend, nach Pans als Geschenk für den großen Connetable von Bourbon, als Unterpfand der guten Beziehungen, die zuuschen der na- varrefischen Herrscherfamilie und diesem tapfer« Berfechier ihrer beiderseitigen Ideen herrscht«. Dieser Baum steht noch Apfelsinen. Genrebild aus Natur und Küche, Bon Hildegard Orth. (Nachdruck verboten.) Wenn fich der Vorrat der heimatlichen Obstsorten, soweit diese aufbewahrt werden können und in den Wmter hineindauern, immer mehr zu lichten beginnt, stellt sich für «Ile die, die auf ein der Gesundheit so zuträgliches Nahrungs^ und Erfrischungsmittel nicht verzichten mögen oder können, als Retter in der Not die — Apfelsine ein. Und allen ist die schmucke, in lichtem Hellgelb bis zur gesättigten Goldfarbe prangende Frucht dem Aussehen nach wohlbekannt, und ebenso wissen wir auch, wie gut sie mundet. Denn ihr Fleisch ist saftig und überaus würzig; es zergeht gewissermaßen auf der Zunge, schmeckt lieblich mit einem leichten Stich ins Herbe, und ist zugleich wie durchtränkt von einem feinen, unbestimmbaren Gewürz. Freilich unterfcheiden sich die verschiedenen Arten ziemlich auffällig in Bezug auf dies« ihnen innewohnenden Eigenschaften von einander. Jene halbreifen Apfelsinen, die eine übertriebene Handelsgeflissenheit schon zn Beginn des Winters aberntet, um uns damit zu überschwemmen, kann sich doch in keiner Hinsicht messen mit der köstlichen Frucht ans Genua; oder Messina, die erst nach Neujahr eingeführt wird und das Entzücken 68 heute in Versailles, ein Greis dem Alter nach, aber so frisch an Lebenskraft, und freudig in die Welt blickend, als wolle er in dieser noch ein weiteres halbes Jahrtausend seinen Platz behaupten. Welche Stelle die Apfelsine heute innerhalb unseres Winterobstes einnimmt, das braucht eigentlich kaum des näheren auseinandergesetzt zu werden. Sobald die kalte Jahreszeit ihren Höhepunkt erreicht hat, fluten alltäglich aus südlichen Zonen ganze Wagenladungen dieser Frucht, her zu uns auf dem Schienenwege. Der Apfel ist seltener geworden, und demgemäß auch teurer, Birne und Weintraube stehen so hoch im Preise, daß sie nur noch als Leckerbissen angesehen werden können, und höchstens auf die Tafel der „oberen Zehntausend" gelangen. In diese Lücke hat Allmutter Natur in ihrer Güte und Weisheit nun die Apfelsine gestellt. Denn abgesehen von ihren sonstigen, bereits oben angeführten Vorzügen, ist sie so billig, daß auch der Unbemittelte den Preis dafür sonder Mühe und Entbehren erschwingen kann- Dabei ist sie der Gesundheit überaus zuträglich; von sämtlichen Früchten, die auf den Tisch des Menschen kommen, ist sie bei weitem die saftreichste, und verfügt außerdem über einen Säuregehalt, welcher der Verdauung durchaus zuträglich ist. Ganz- verkehrt ist es, wenn mau diesen Geschmack durch Zucker verwischen oder gar heben will; Apfelsinen werden am besten roh gegessen, wie sie aus der Schale kommen, ohne alle Zuthat oder künstliche Zubereitung, sei es indem man die Frucht aus der sie umgebenden Hülle löst und dann, in einzelne Scheibeir -erteilt, genießt oder aber einen Teil der Schale entfernt zmd nun an der somit entstandenen Oeffnung den köstlichen Saftgehalt heraussaugt. Vielleicht ist sogar die zuletzt erwähnte Methode, wenn auch bei uns die weniger übliche, schon deshalb mehr zu empfehlen, weil dabei nicht so viel Saft verloren geht, wie dies unter Umständen beim völligen Loslösen aus der Schale geschehen kann. Ueberdies ist man dabei mehr oder weniger der Verpflichtung enthoben, das an sich geschmacklose und die Verdauung höchstens hemmende Fleischgefaser, womit der Saft durchwuchert ist, mitzuverzehren. Sehr beliebt rst übrigens auch in manchem Haushalt ein Apfelsinen- falat, bestehend aus recht dünngeschnittenen Scheiben dieser Frucht, durchmischt mit denen des Apfels- Nur wird man, wenn die Apfelsinen nicht in der That reif und demgemäß vollauf süß sind, bei diesem Salat auf eine Vergabe von Zucker nicht verzichten können- Mehren- terls überstäubt man diese Schüssel noch mit Marasquino oder Cura^ao; auch Kirschwasser und recht guter Rum ignen sich dazu. In dieser salatarmen Zeit erweist ,ich solche Schüssel als Rettungsanker für manche Hausfrau, die plötzlich Besuch bekommt und nicht recht weiß, was sie den Gästen vorsetzen soll; ich meinerseits schwärme nicht dafür. Kauft Apfelsinen; eßt sie fleißig — frischweg, sobald sie erstanden sind, und den zusammenschwindenden Vorrat sofort durch einen neuen ersetzend. Völlig falsch ist cs übrigens, von der Größe der Frucht auf die etwaige Güte einen Schluß ziehen zu wollen. Hauptsache bleibt fast immer nur, daß die Schale recht dünn und möglichst eben sei; dann schlummert auch dahinter gewöhnlich ein hinreichend süßer und lieblich gewürzter Saft- Uebri- gens können Apfelsinen im Haushalte noch auf die mannigfachste Art und Weise zur Verwendung gelangen- Sehr gut mundet eine Apfelsinentorle, zu der mau zweier- runder Böden aus Mürbeteig bedarf. Ngchdem diese etwa nne halbe Stunde im mäßig geheizten Öfen gewesen, bestreicht man den einen mit Apfelsinenmarmelade, setzt den andern darauf, belegt den letzteren mit Apfelsinen- schewen, und stellt das Ganze noch etwa eine Viertelstunde in einen ziemlich heißen Ofen. Dabei darf ich ilcht unterlassen, vor allem das Rezept zu der für die Füllung notwendigen Marmelade zu geben. Diese stellt .nmi, her aus fünf Teilen Apfelsine, 1 Teil Zitrone und > Teilen Pomeranze, zu der später mindestens eine gleiche Gewichtmenge von Zucker hinzukommen muß. Die Früchte werden nun zuerst ohne den letzteren mit kaltem Wasser mm Kochen gebracht,abgegossen und kalt gestellt. Nach Onager Zeit nochmals gekocht, bleiben sie auf dem Feuer, bis fte fach lercht durchstechen lassen. Jetzt schneidet man sw in dünne Scheiben, löst die Kerne daraus und bringt oie ersteren etwa mit der Hälfte des vorher abgewogenen Zuckers und unter Zuhilfenahme von Liter des Kochwassers auf jedes Pfund Früchte wiederum auf das Feuer. Hier kocht die Masse recht langsam eine halbe Stunde! unter allmählichem Verrühren der übrigen Zuckerhälfte; dann ist sie bestimmt gallertartig, wird in erwärmte Büchsen gefüllt, luftdicht verschlossen und an trockener Stelle für den Gebrauch aufgehoben. Apfelsinencreme, den man gleichfalls als Füllung für Torten benützt, stellt man her aus 2 Eiern und 2 Eidottern, dem Saft von einer Zitrone und 2 Apfelsinen, etwas ganz fein gewiegter Apfelsinenschale und 200 Gramm Zucker- Diese Masse wird über Feuer so lange mit einem Schaumbesen geschlagen, bis sie dicklich und somit also Creme geworden ist- Die Apfelsinenschalen selber bilden kandiert einen Leckerbissen, der überdies den Vorzug hat, daß er sehr herzhaft schmeckt. Man befreit die Schalen möglichst sorgfältig von der weißen Innenwand, und kocht sie unter iviederholtem Abgießen des Wassers, bis sie recht weich geworden- Nun nimmt man eine ihrem Gewicht entsprechende Menge Zucker, kocht ihn gut ein, und legt dann in diesen die Schalen, nachdem man sie hat gut abtropfen lassen. Darin müssen sie eine volle Nacht verbleiben; am nächsten Tag wird der Saft abgegossen, langsam auf Feuer von neuem verdickt, und wieder den Schalen beigesellt. Auch ein Aufwellen dieser in der Zuckermasse selber ist anzuraten; Hauptsache bleibt eben, daß die letztere hinreichend in die Poren dringt, und den Wassergehalt daraus vertreibt. Schließlich geben Apfelsinenschalen, in Würfel geschnitten, und mit bestem Weinessig aufgestellt, einen Extrakt, der, mit Zucker gemischt, und einer entsprechenden Menge Wassers zugetröpfelt, einen ebenso billigen wie wohlschmeckenden Kühltrank. Bei uns ist dieser leider noch bei weitem nicht hinreichend gewürdigt, weil nicht gekannt, allein in Frankreich spielt er als sogenannte Orangeade in der Krankenpflege, und bei Sommerhitze eine umso wichtigere Nolle; ein Versuch sollte also wohl wenigstens gemacht werden. Neuerdings will man auch noch herausgetüftelt haben, daß Stiefel, mit einer natürlich frischen Apfelsinenschale eingerieben, und dann geputzt, einen Glanz zeigen, wie ihn selbst die durch alle nur möglichen Patente geschützte Wichse nicht zu erzeugen vermag. Mehr wird doch schließlich k e i n M e n ' ch v o n d e r Apfelsine verlangen können! Geineinnütziges. Den Krebs will ein englischer Arzt mit §tife der Röntgenstrahlen heilen können. Die tägliche Behandlung des Kranken soll schon nach einer Woche eine augenscheinliche Besserung zur Folge haben. Wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, werden schon seit Jahren mittels des Brennglases Krebs, Geschwüre, Gewächse und dergleichen geheilt, und zwar mit Sonnenstrahlen, sodaß selbst erfahrene Aerzte sich dieses Verfahrens bedienen. DieKochkunst ist kein Luxus, sondern durchaus notwendig, um Wohlbehagen und Gesundheit zu fördern- Von maßgebender Bedeutung für den Wert der Speisen ist ihre Schmackhaftigkeit und Verdaulichkeit; von ihnen hängt zum großen Teil die Ausnutzung und damit die Nährwirkung der Speisen auf den Körper ab- Ein unübertroffenes Mittel, um diese Zwecke zu erreichen, ist die altbewährte Maggi-Würze; sie sollte in keinem Haushalt fehlen. _____________ Abstrichräts el. Nachdriut tierboten. Stall, Enten, Bart, Bern, Liter, Ast, Augen, Knie, Ferse, Echo, Affe, Haft. Von jedem der vorstehenden Wörter sind zwei Buchstaben und zwar entweder beide hinten oder vorn, oder einer hinten und einer vorn abzustreichen. Die stehen bleibenden Buchstaben müssen im Zusammenhang einen Sinuspruch ergeben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Abswichcätsels in vor. Nr.: Chaos, Otter, Leim, Uhr, Mais, Basel, Udo, Serie. Columbus. Gießen. Nedakrion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch. und Stemdrnckerei (Pietsch Erben) in