Mittwoch den 30. Juli. ^SiöLi-.su»L7p7»rö>i. 6Ttsse.iT 1902. — Nr. 112 i! Oil bJpÄsJhJ t™ M2 AM 5^ I iill*; „ (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Als Lehmtgke durch den Salon nach seinem Zimmer wollte, hörte er schon von weitem die laute Stimme seiner Frau, und als er den Gartensaal betrat, sah er Alma und Natta in streitbarer Haltung sich gegenüberstehen. Natta hatte ihren Hut auf, als wollte sie ausgehen, und sie verbarg etwas schützend mit ihren Armen, was wie ein Brief amssah. , , „Ich werde gehen, wohin ich will, ich brn kern Strafgefangener", sagte sie trotzig. „Untersteh Dich und setze einen Fuß. zum Hause hinaus!" schrie Alma, deren Gesichtsfarbe fahl war vor Zorn und die in Momenten leidenschaftlicher Erregung erschreckend gewöhnlich aussah. „Du liederliches Geschöpf, ich weiß wohl, wem Du nachlaufen willst! Ich habe Dich längst durchschaut!" Und als sie ihres Mannes ansichtig wurde, rief sie ihm herrisch zu: „Paul! Ich verlange von Dir, daß Du ihr verbietest, sich herumzutreiben und sich und uns zu blamieren! Wenn Du es noch nicht weißt, weil Du blind bist, so sage ich Dir hiermit, daß fte tote verrückt den Männern nachläuft nnd sich ihnen an den Hals wirft! Aber ich dulde es nicht länger in meinem Hause, und entweder sie pariert mir oder sie kann noch heute ihre Sachen packen!" , . „Den Männern? Welchen Männern?" fragte Lehmigke sehr erstaunt. , „Tante Alma meint nur erneu Mann, das ist Herr von Löschnitz", sagte Natta, den Kopf stolz zurückwerfend, „bitte, Tante Alma, hast Du Beweise für Deine Anklage?' Das junge Mädchen hatte sich hoch aufgerichtet und sah die von Leidenschaft entstellte Frau mit unsäglicher Verachtung von oben herab an. „Was hast Du für Beweise?" fragte auch der Gatte kurz und scharf, der finster drein sah. „Beweise?" kreischte Alma. „Du freches Dmg! Ich habe genug Beweise, und den besten Beweis wirst Du wohl selbst da in der Hand haben! Was ist das für ein Brief, den Du eben trotz des Gewitters forttragen wolltest? Gieb doch mal her den Brief!" Es war dunkler und dunkler geworden, plötzlich zuckte ein fahler Schein durch das Gemach. „Laß den Brief, er gehört nicht mir, er geht memand etwas an!" rief Natta ängstliche , , „Ah, da haben wirs! ha, ha, ha! Das Fräulein besorgt heimliche Briefe und thut so harmlos tote die Tugend selbst. Glaubst Du's nun, Paul?" _ , „ „Ich weiß mmd glaube gar nichts", sagte Lehmtgke ärgerlich, „aber jedenfalls fängst Du es sehr falsch; an, Natta zu beeinflussen. Das ganze Gezänk ist mir in den Tod zuwider, ich habe noch! nie etwas Ungehöriges an Natta bemerkt." _ . „Co? — Natürlich, das konnte ich mir denken, daß Du wieder ihre Partei nimmst. Das ist ja sehr nett von Dir. Mer diesmal sollst Du doch den Beweis schwarz auf weiß haben, ich lasse mich nicht länger von der Gör dumm machen!" t _ Mit diesen Worten riß Alma ihrer Nichte den Brief aus der Hand und ihn triumphierend umtoendend, starrte sie verstummend auf den weißen Umschlag, der keine Adresse trug. „ , In diesem Augenblick fuhr ein Windstoß beulend gegen die Glasthür, eine Wolke von Staub und dürre Blätter gegen die Scheiben werfend. Zu gleicher Zeit zuckte ein Blitz, dem nach wenigen Minuten ein krachender Donner folgte, und jetzt begann ein wilder Aufruhr in der Natur. Geisterblaß stand Natta, und die Hände flehend ausgestreckt, bat sie: „Gieb mir den Brief! Oeffne nicht, um Gotteswillen, öffne nicht!" „So?" höhnte Alma, „also doch schuldbewußt? Rem, Ich habe die Komödie satt — es soll endlich einmal an den Tag, was dahinter steckt!" Mit diesen Worten floA der Umschlag in Fetzen auf den Boden und eine Kabinettsphotographie mit einem Brief fielen in Almas Hände. „O Gott, was habe ich gethan?" stöhnte Natta zitternd, während Alma triumphierend das Bild gegen das Licht hob, und ihr Gatte sich nach dem Brief bückte, der Alma in der Erregung aus den Fingern zu Boden glitt. „Was — ist — denn — das?" kam es plötzlich tonlos von Almas Lippen. „ . . „Was ist's? Zeig her!" sagte Se^migte nut einiger Spannung, und nahm seiner Frau nun auch das Bild aus der Hand, der plöülich die Arme wie in'einem furchtbaren Schreck schlaff herabfielen. In der nächsten Sekunde hatte sie ihre Fassung wieder. „Gieb her — gieb mir das zurück — alles — e» hat nichts zu sagen — es geht Dich nichts an — ich sehe schon, was es ist", stammelte sie in fliegender Hast, während fte versuchte, Bild und Brief wieder an sich zu bringen, aber ihr Gatte hielt beides fest. ... Es geht mich ebenso viel an tote Dich, denn es ist Dein Bild, und ich will wissen, was die ganze Geschichte bedeutet", sagte er stirnrunzelnd, und mit beiden an die Thür tretend, um besser sehen zu können. Da sank Alma mit einem Schrei in den nächsten Sessel. Gellend, schauerlich klang dieser Schrei in den aufheulenden Sturm hinein. Dreiunddreißigstes Kapitel. Traute hatte unterdessen in ihrem Zimmer gepackt und sich reisefertig gemacht. Im letzten Augenblick, nachdem sie ihren Koffer geschlossen, fiel ihr em, daß das Bild in Dem verschlossenen Umschlag an seinem Platz gefehlt und daß — 446 _ sie es nicht mit eingepackt habe. Ein heftiger Schreck erfaßte sie. Wer anders als Natta konnte es genommen haben, und zwar erst heute nachmittag, während sie bei der Beerdigung war, denn sie erinnerte sich, es vorher noch gesehen zu haben. Sie mußte sofort Natta aufsuchen und sie vor ihrer Abreise zur Herausgabe des entwendeten Bildes bewegen. Mit dieser Absicht ging sie hinunter, und als sie Natta vergeblich in ihrem Zimmer gesucht hatte, begab sie sich nach dem Gartensaal. Dort stand Natta mit gerungenen Händen, fassungslos, verstört, bleich wie ein Geist, und am Boden lagen verstreute Fetzen Papier. „Natta — das Bild — was ist — was ist geschehen?" stieß Traute entsetzt heraus, Traute am Arm fassend. „Um Gotteswillen, Traute", jammerte Natta in furchtbarer Angst, „sic nahm es mir mit Gewalt — ich wollte es ja nicht — bei Gott! Ich wollte es nicht — ich wollte es ihm geben!" „Wer — was — schnell, schnell, sprich deutlich!" Natta erzählte mit angstbebeuden Worten, was geschehen war. Als Onkel Paul Brief und Bild gesehen, sagte er zu Alma — o, er sah furchtbar dabei aus — „komm, ich muß mit Dir allein reden", — sie wollte nicht mit ihm gehen, aber sie mußte — o, ich habe ihn noch nie so> gesehen — niemand hätte in diesem Augenblick gewagt, chni zu widerstehen — sie gingen in sein Zimmer — o. Traute, Traute, das giebt ein Unglück!" Aber Trante war schon zum Zimmer hinaus. Sie hörte lautes Schreien und Weinen, und sie stürzte nach der Richtung. ' _ , In ihrem Zimmer lag Alma am Boden in Wein- und Schreikrampfen, ihre Mutter, Frau Stroppa und einige Dienstboten waren um sie bemüht. Ihr Gatte fehlte. „Wo ist Herr Lehmigke?" fragte Traute atemlos Onkel Tom, der ihr rn der Thür begegnete. „Mein Gott, weiß ich's? Es scheint, es hat einen Krach gegeben zwischen den Beiden" - er wies mit dem Daumen über die Schulter nach Alma — „es lag wohl schon lange in der Luft nun ist auch da das Wetter losgebrochen und hat em bischen eingeschlagen. Ja, ja, so was kommt w den besten Ehen vor — heiraten ist gut, aber nicht heiraten ist besser." ~ Traute hörte schon lange nicht mehr aus ihn. „Wo boten ^bhmrgke?" fragte sie den nächststehenden Dienst- „Ach, Fräulein, der ist fortgegangen." „Fortgegangen? Hinaus?" „Ja, er setzte seinen Hut auf und nahm feinen Stock UNd — und —" „Was, und?" „Herjeses, Fräulein, er sah so aus, ich weiß gar nicht wie, und ehe er vorging, sah ich ihn nebenan in der Kammer lemen Gewehrschrank ausmachen und etwas in die Tasche stecken, ich glaube, es war eine Pistole, wahrhastigen Gott, Fraulein, eine Pistole! Ach, ich zittre so, mein Gott, mein Gott, was wird das werden!" m^kK^Besinnen stürzte Traute zum Hause hinaus. 11 n‘3 Hagelkörner schlugen ihr in das Gesicht, der Sturm raubte ihr säst den Atem, Blitze zuckten um sre herab und schienen rechts und links neben ihr m den Boden zu fahren, während der Donner krachenden, knatternden Geschützsalven glich. ~ Sie kämpfte sich vorwärts, sie lief mit Aufbietung all ihrer Kräfte, so schnell sie lausen konnte. Sie wußte, «Ägehen hatte, sie kannte den nächsten Weg cr&t,tjmgnröe genau, lieber ihr bogen sich die Pappeln an der Fahrstraße im Sturm, Aeste brachen und splitterten herab, und um den Weg zu kürzen, stürzte sie mit keuchendem Atem quer über das Stoppelfeld, das der Sturm peitschte. Sie sprang über Gräben, sie stolperte und fiel in Ackerfurchen, ste raffte sich auf, nur vorwärts, vorwärts! Üblich versagten ihre Kräfte, sie fiel und schlug mit dem Gesicht Hart auf den Boden. Aechzend blieb sie liegen, wahrend der Regen auf sie niederströmte und der Sturm ste wie em wildes Tier packte und anbrüllte. , Sterben? Hat der Himmel keinen Blitz für sie? Nein l.chk ist keine Zeit zum Sterben, weiter, weiter! Sie rafft sich auf ünd taumelt weiter. Wer jetzt geht es nur langsam vorwärts. Endlich da! — Ein gellender Aufschrei entfährt ihr. Sie hat die Höhe eines Sandhügels erreicht/ dck Unten unter der einsamen Fichte, da steht ein Mann und etwas Dunkles liegt am Boden, und der Mann hat etwas in der Hand — was th'ut er? Es ist Paul Lehmigke. Vor ihm am Boden, in seinem Blute liegt Löschnitz, und eben ladet er die Pistole wieder und richtet sie gegen die eigene Schläfe. Er will losdrücken, da krampft sich eine Hand wie eine Kralle in seinen Arm' und eine zweite schlägt ihm die Waffe aus den Fingern. Ern Schuß kracht und fährt in den Fichtenstamm. m Entgeistert starren sich zwei Menschen an. Mit einem. Ruck schüttelte sich Lehmigke bett unliebsamen Störer ab. „Sind Sie wahnsinnig? Was wollen Sie — hier haben Ste nichts zu suchen!" schreit er zornig auf. Er will sich nach der Pistole bücken. Aber Traute ist schneller als er. Schon hat sie die Waffe tti der Hand und schleudert sie weit weg. Er will chr nachstürzen, aber sie wirst sich ihm in den Weg, sie krallte sich ait feine Brust und hängt sich mit ihrer ganzen Schwere an ihn. „Soll ich ins Zuchthaus?" schreit er wieder, mit aller Macht feinet; Lungen den Sturm übertäubend, „entehrt, geschändet von dem da —" er wies auf den leblosen Körper — „und auch noch seinetwegen als Mörder ins Zuchthaus?" ~ „Ja, ja — besser Zuchthaus als Selbstmord!" slehte Traute, die ihn nicht los ließ. „Warum? Nein, nein — besser tot als ehrlos —" „Nein, nein", schrie Traute auf, „alles, alles — nur das nicht! Erbarmen Sie sich! — haben Sie Mitleid!" „Mitleid? Mit wem?" „Mit mir! Ich ertrage es nicht!" „Mit — Ihnen!" «Ja, ja, mit mir! Tann töten Sie mich wenigstens erst!" „Sie — warum?" „Weil — weil — o mein Gott —" sie schlang in besinnungsloser Verzweiflung beide Arme um seinen Hals und klammerte sich an ihn. „Traute, Traute — was heißt das? Warum sind Sie hier, an diesem Ort des Schreckens, warum wollen Sie mit mir sterben?" t „O — fragen Sie nicht", schluchzte Traute auf, „ich darf nicht reden, ich muß ja schweigen!" Sie war halb von Sinnen, sie wußte kaum, daß sie sich immer fester an ihn klammerte. lieber den Verzweifelten katn plötzliche die Ruhe. Schweigend hielt er das zitternde Weib an seinem Herzen. Die Gewalt des Orkans war gebrochen, grollend zog sich das Wetter in die Ferne. Seufzend strich der Wind über die verwüstete Ebene und der Regen rieselte unaufhaltsam, gleich einem unversieglichen Thräuenstrom des Himmels. „Jetzt weiß ich alles. Traute. Gott sei uns gnädig."! „Und Sie werden nicht mehr daran denken, zu sterben?" fragte Traute, indem sie das bleiche, thränenüberströmts Gesicht zu ihm hob, in das der Wind die nassen Haarsträhnen peitschte. Er sah sie mit einem unaussprechlichen Blick voll Liebe und Trauer an. Und dieser Blick haftete sehnsüchtig an ihren Lippen, an ihrem lieblichen Mund. „Nein, jetzt gilt es, dem Leben die Stirn zu bietem Jetzt kann ich das Leben weiter tragen, wenn auch als ent Unseliger." Er zog sie ivieder an sein Herz und streichelte anft ihren nassen Scheitel. „Gieb mir Kraft, mein Liebling, tandhast wie ein Mann das zu tragen, was kommen muß — gieb mir Mut!" Da hob Traute das leuchtende Auge zu ihm aus: „Ich liebe Dich und ich werde Dich lieben, mag kommen, was will — ob getrennt für immer — ob Kerker und Tod uns auseinanderreihen — ich liebe Dich — nur Dich!" „O Gott, Gott — ist es denn möglich ? — Ist es möglich? — Wer ich darf Deine süßen Lippen nicht küssen — nicht, o lange die Sünde und die Schuld zwischen uns stehn — ich darf Deinen lieben Mund nicht entweihen mit einem sündigen Kuß — hier, an dieser Stelle, — wo —" Mit einem Schauder wandte er sich nach seinem Opfer und mit einem Aufschrei fiel Traute auf ihre Kniee, neben den leblosen Körper. „Tot? Ist er tot?" 447 Sein Gesicht war starr und bleich, seine Brust blutüberströmt. „Hilfe! Schnell, schnell Hilfe!" rief Traute, „ich werde hier bleiben — holen Sie Hilfe!" Und während Lehmigke fortstürzte, blieb sie bei dem Toten. Sie hielt fein Haupt auf ihrem Schoß und suchte das langsam rieselnde Blut seiner Brustwunde mit ihren Tüchern zu stopfen. Sie achtete nicht darauf, daß sie im Schmutz am Boden lag, daß der Regen sie bis auf die Haut durchnäßte und der Wind in langen, heftigen Stößen über das flache Feld auf sie losfuhr. Angstvoll spähte sie aus nach Hilfe. Jeder ihrer Atemzüge war ein Stoßseufzer um Rettung. „Gott, Gott! erbarme Dich — laß ihn nicht zum Mörder werden — erhalte, rette dies Leben! Laß ihn nicht zum Mörder werden!" Die alte Fichte über ihr rauschte so ernst, so tieftraurig. Dunkel und geheimnisvoll war ihr Lied. War es eine Totenklage? War es eine Verheißung? (Schluß folgt.) Weitere alte Grabsteine in der Friedhofskapelle an der Licher Straße in Gießen. (Nachdruck verboten.) Unser jüngster Rundgang durch die alten Grabdenkmäler auf dem Friedhof an der Licher Straße brachte die Erwähnung der an den Außenseiten und Innenwänden der Kapelle ausgestellten Grabsteine. Zur Vervollständigung der dort besprochenen Denkmäler wollen wir uns heute noch mit den auf dem Fußboden der Kapelle niedergelegten Grabsteinen Lefchäftigen. Der Zweck ihrer Verwendung konnte sie weniger wie die an den Wänden ausgestellten vor der Zerstörung schützen, daher ihre Schrift meist schwerer zu entziffern ist. Die Steine sind bei der Wiederherstellung der Kapelle von ihrer ursprünglichen Bestimmung aus dem Gottesacker weggenommen und hier niedergelegt worden. Sie stammen meistens aus dem 17. Jahrhundert, sind in Sandstein ausgeführt und tragen die Namen einiger Ad-- ligen, Gießener Geistlichen und anderer bürgerlicher Familien, die z. T. heute nicht mehr vorkommen. Die gewählte sprachliche Form der Aufschriften hat manchen historischen Wert. Die Grbasteine sind in Kreuzform niedergelegt. Beginnen wir am Eingänge zur Kapelle mit der Querseite des Kreuzes! Hier ist als zwerter Stein zu nennen: „Monu- mentnm D. Philippi Ludovici Ruppi, Archiatri Tarmstadii (Darmstädtischer Oberarzt), gest. 1757, der mutmaßlich ein Verwandter des verdienstvollen Gießener Botanikers Heinrich Bernhard Rupp war. Hieran schließt sich ein Stein aus dem Fahre 1654, der die Grabstätte einer vornehmen Frau nennen soll, deren Zuname aber, da der Stein verletzt ist, nicht mehr zu entziffern ist. Er trägt als Ueberschrift den Spruch: „Ich weis, das mein Erlöser lebet . . . ." und am Ende die Aufschrift: „Memento mori!" Ter 6. Stein berichtet uns von der Ruhestätte des M. Justus Geilfusius, aus Witzenhausen, eines hochverdienten Gießener Geistlichen, der im Jahre 1653 starb. Ter folgende (7.) Mein ist gewidmet dem Andenken des „wohledelgeborenen und manvesten Asmus von Bavmb ach, Forstlicher Hessischer geheimbter Rath Oberister vnd Ober- rommendant zv Giessen ist daselbst im 72. Jahre seines -Alters anno 1639 den 26. September in Jesv Christo selig- lich endschlafen und am 3. Tag Octobris alhier begraben worden." Hierauf folgt als 8. in der Reihe der Gedenkstein für zwei in zartem Alter gestorbene Kinder. Die Aufschrift lautet: „Hier ruhen zwej Gott geheiligte Corper deren Seelen in die Herrlichkeit eingegangen und die Hertzen ihrer annoch lebenden Eltern als D. Johann Christoph Bilefelos und Frauen Annen Sabinen gebohrenen Sch la stsin nach sich gezogen haben. Ihre Nahmen seynd gewesen Christina Alexandrina welche gebohren anno 1693 den 1. November und gestorben anno 1695 den 20. August sodann Heinrich Christoph, welcher geboren anno 1695 den 22. April und gestorben beit 1. Februar 1697. Sie seynd als Kinder und Gerechte ins Himmelreich komen. Laset uns ihnen folgen." Am Kopfe des Steins wird ein Wappen von zwei Engeln gehalten, das auf der einen Seite eine Axt und Säge (Fuchsschwanz), auf der anderen einen Rebenzweia mit Trauben zeigt. In der Mittelreihe, die durch die Länge der ganzen Kapelle zieht, ist unter der Kanzel ein größerer Gedenkstein niedergelegt, der dem Andenken verstorbener Angehöriger der Baumbachschen Famsilie gewidmet ist. Er trägt am Kopfe an den Wappen einen Halbmond mit zwei Sternen. Er berichtet unter anderen von der Ruhestätte „der tvgendreichen Fraw Margraeta Lvcraetia von Bavmbach geborne Schvtzbarin genannt Milchling weiland Asmvs von Bavmbach gewesenen forstlichen hessischen geheimbten Rats Obristen und Obercommendantens zv Giessen ehliche Havsfraw ist daselbst im 63. Jahre ihres Alters anno 1640 den 8. Septembris in Jesv Christo selig- lich endschlafen vnd den 11. Tag Septembris alhier begraben worden. Spruch: Herr lehre mich bedenken das ich sterben mvs vnd alhie in dieser Pilgerschaft kein bleibende Etat habe. Thüe mir kvnd mein kvrtztes vnd vergängliches Wesen. Christus ist mein Leben Sterben ist mein Gewien." Vor dem Baumbachschen Familien grab stein liegt der Gedenkstein der „wohlduenden vnd viel tvgendreichen Fraw Anna Maria Struppin v. Gelnhause gebore v. Hartenraid. Sie ist anno 1638 den 8Xbris ihres Alters im 79. Jahr alhie zu Giessen selig im Herrn endschlafen und den folgenden 12. Tag Xbris und er diesen Stein in ihr Ruhebettlein bis an den grosen Gerichtstag gesetzt worden." Der Kopf des Grabsteins zeigt die Wappen der von Hartenraid und Kleppinei, der Fuß derer von Meri und Balin. (?) Rings um den Rand des Steins steht der Spruch: „Selig find die Toten die in dem Herrn schlafen ..." Ein folgender Stein läßt außer dem Namen Joh. Peter Melchior 1621 nichts weiter erkennen. Besser erhalten ist der hieran anschließende Gedenkstein, der die Aufschrift trägt: „Hier ruhet der entseelte Leichnam des Hochj-Ehrwür- digen und Wohlgelahrten Herrn Johann Andreas Schillings gewesenen Stadt und Burg Predigers, wie auch Consistorial Assessoris und Definitoris allhier zu Gießen. Ist gebohren den 23. August 1665 zu Böseneck (?) im Herzogthum Saatfeld Seelig gestorben den 17. Febr. 1750 im 85. Jahr seines Alters, und 51 seines treu geführten Amtes." Am Fuße des Denkmals steht der Spruch: „Es wird gesäet verweslich und wird aufferstehen unverweslich." Ein weiterer Stein in dieser Reihe nennt die Grabstätte dreier früh verstorbener Kinder folgendermaßen: „Auf diesem Gottesacker liegen ruhen in Gott vnd erwarten der srohgen Aufferstehung des lieben jüngsten tages Maria Cath. Köppelin, geb. 1660, gest. 1662 Joh. Michael Koppel, geb. 1665, gest. 1669 Geronimus Georg Köppel, geb. 1662, gest. 1671." Eigenartig ist die Aufschrift des letzten Grabsteins, der die Reihe schließt und unter dem Fenster niedergelegt ist, insofern, als er von dem Hinscheiden eines besonders be- anlagten zweijährigen Kindes berichtet. Sie lautet: „Hier schlafet in Christo Anna Elisabetha Haber-Kornin geboren zu Marpurg den 12. January, g et auf et daselbst den 21. January anno 1638 in Christo aber selig verschieden zu Giessen den .. July anno 1640. Nachdem es vielfältig gebetet und gefungen das Blut Jesu Chrisft des Sohnes Gottes machd uns rein von allen Sünden. Amen. Der verleyh ihm mit uns allen balt balt ein fröhlich und felig Aufferstehung."—6— Nervöse Träume. Auch das zarteste Kind des menschlichen Gehirnlebens, der Traum, scheint allmählich dem Seciermesser der Wissenschaft zu verfallen. Sowohl die Psychplogie wie die Heilkunde haben sich neuerdings vielfach mit den Träumen beschäftigt, um sie auf ihre Entstehung und Wirkung zu untersuchen. Es ist auch schon eine ganz stattliche Zahl von Büchern und Aufsätzen darüber zusammengeschrieben worden, sodaß es wohl verdienstlich ist, wenn jetzt Tr. Birn- baum in der Monatsschrift „Die Krankenpflege" (Georg 448 — Merkrätsel. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UuiversitLts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen. Auflösung des Rätsels in vor. Nr.: Fersen, Ferien. (Nachdruck verboten.) Badereise, Napfkuchen, Nothelfer, Einfälle, Gruftnische, Wacht- meister, Zweifel, Altvordern, Bomst, Kammer Von jedem Wort sind drei nebeneinanderstehende Buchstaben zu merken, die im Zusammenhänge gelesen ein bekanntes Sprichwort ergeben. (Auflösung in nächster Nummer.) Reimer-Berlin! eine Zusammenfassung der bisher gewon- I überhaupt eine künstliche Zeugung der Träume.^Daß nieimer^ er nn) e ö l i u a fj)rid6t7 ilt fe{nem I beides möglich ist, wird durch zahlreiche Beispiele be- Auftatz im VLren üb?r EvU LLm'e, die wiesen. Schon im Altertum sogar soll die Möglichkeit künf^ er noch in eine Anzahl von Gruppen unterscheidet. Zu- I licher Traume bekannt gewesen sem. jedenfalls aber ist 1,/irbkt sind da die Erscheinungen, die als hysterische I man damit noch Nicht wett genug gediehen, um eme Träume zu bezeichnen wären und meist bei Frauen vor- günstige Beeinflussung von Krankhertssallen zu gewähr- kommen. Ihnen hängt in außergewöhnlichem Grade dre leisten. ----------- Eigenschaft an, daß es den betreffenden Personen schwer ncrmiicbtCS» fs. . , - , . , , a 4«. ..«.. Die rettende Ciaarre. Man schreibt aus London: Ein wohlbekannt» Md hochangesehener Londoner Jurist! rm wachen Abstande geschehen ist. nner ^e^eyung neuliche wie hiesige Blätter erzählen, eine merkwürdige Gelegenheit, seinen Scharfsinn und .seine Advokaten-Ge- ^leinere oder größere Tiere'auftreten, wie Katzen, Ratten, I wandtheit in eigener Verteidigung in einem ^0^ a 4e üLwerer die Erkrankung ist, desto kören Falle zu bethätigen. Der Herr war auf ber Rnck- r, 'n cm ö fi 1 r f f rft n-ucnf der Schlaf desto lebhafter auch I reise von dem Landsitze eines Freundes nach London be- der Traum. Das Erwachen erfolgt meist jäh wie aus einem I griffen und sah friedlich, in einem Ranch^oupee erster Klastö vlöblichen Schreck heraus. Was den Inhalt der Träume I als auf einer Station, wo der Zug Hielt, eme elegant ge- betrifft, so unterscheidet der um solche Forschungen höchst kleidete, hübsche WngeDame mdas Abteil emstieg,die verdiente römische Arzt Sante de Sanetis Kontrastträume, er schon auf einer früheren Haltestelle auf dem Perrow bereit Fnhalt dem Gedanken gang des wachenden Zustandes | bemerkt und am Züge hatte entlang gehen sehen. ~er g rade entgegenläuft, und stereotype Träume, die sich in Herr Jurist ist ein starker Rancher und war^ gerade nn mehreren aufeinander folgenden ^Rächten gleichuiäßig Begriff, sich eine fische Zigarre anzuzunben, als die Dame wiederholen und gewöhnlich den geistigen Zustand nach- einstieg und der Zug sich in Bewegung setzte. Höflicher haltig beeinflussen. Dah aufregende Traumbilder über- ! Weise fragte er um die ErlaubNis, weiter rauchen W Haupt auf eine Krankheit verschlimmernd wirken, liegt auf dürfen, was der jungen Dame Veranlassung gab, mne leb der Land. Bei den Hysterischen bleibt dadurch das Nerven- ! hafte Unterhaltung zu eröffnen. Nach etwa ro ucinuren system oft Tag und Nacht in dauernder Erregung. Auch änderte sich die bis dahin ganz angenehme Sachlage sehr Herzkranke leiden vielfach unter lebhaften und quälenden plötzlich, indem der weibliche Passagier ben mannüchen nn Träumen die jedoch keine Nachwirkung zeigen. Eme zweite I vermittelt um Aushändigung seines Baarvestanoes ooer Grnvve^^der n^vösen Träume btldeii bte ber Epileptiker, eines Cheks ersuchte, mit ber Drohung, dah sw int die ftst immer schreckhaften Inhalts sind Und häufig einem gerungsfalle sofort dieJ^tletnetöWtt,a210^efnf|JuJere: Cramvfanfall vorausgehen. Eigentümlich ist dabei die That- I daß, der Herr soeben em unsittliches Attentat auf f fÄÄberSnt« InSm Sll- an W W- Sm erinnert, an den Anfall aber nicht, dessen sich allerdings unser Juristaauffahren, besann sich^dann aber Bessern die Epileptiker überhaupt nur selten bewußt werden. Ist weigerte sich ganz entschieden, ^^^^Surucken nno die Krankheit veraltet, so erlischt das T-raumleben fast blieb ruhigm seiner Ecke sitzen und' Dw „ " völlig, wie sich ein solches auch, bei Schwachsinnigen nicht brachte bann tönen i$re !»ung unb i^te »nfttttn n finben kann. Es gilt überhaupt im allgemeinen der Satz, ordnung, warf ihr Gepäck durcheinander, zogi dre Rotte daß, nur der em Traumleben haben kann, der tut wachen und schrie fürchterlich, um Hilfe. Der Zug lMt, Kond Zustande geistig regsam ist. Dieser Satz darf wohl aber I teure Und Schaffner eilten herbei, hörten die ®etötöte nicht umgekehrt werden, denn es muh entschieden bestritten des „Attentates" pflichtschuldigst an, em, Schaffner wurde werden, daß jeder geistig regsame und bedeutende Mensch .als Wachtposten in das Koupee gesetzt, und der Zug fuhr notwendig auch, ein reiches Traumleben besitzen müsse In- bis zur nächsten Station Die teressant ist ferner noch die von Lombrvso und anderen Vorsteher unb die Polizei herbeigerufen wurden. Die vertretene Ansicht, dah die Träume der Epileptiker vom Dame blieb bei ihrer Behauptung,. der PolMst verlang , Witterungswechsel und namentlich von raschen Aenderungen dah die Beteiligten aussteigen sollten, worauf der Jur f, des Luftdrucks beeinflußt werden. Die dritte unb all- ber W) in feiner Ecke kaum bew^t ntö munter weiter gemeinste Gruppe krankhafter Träume ist bie ber Neurasthe- geraucht hatte, unter Angabe seines AENsdarauf nifer, ber Nervenschwachen. Bezeichnend ist für sie ihr stand, daß das Protokoll im * häufiges Eintreten, ihr quälender Inhalt, wobei Schlangen | werde. Er verteidigte sich dann kurz und bündig wie folgt, und andere Ungetüme, Leichen und Mörder eine Rolle „Von ber Station X. bis hierher smd es bekanntlich^ 0 spielen, Albbrücken, ruckartiges Erwachen. Begreiflicher- Minuten; ich zündete meme Zigarre an, als wir A. ver weise ist in den Ereignissen des Traums die träumende liehen und habe nicht aufgehört zu^ rauchen, wie Siecm Person selbst stets der unterliegende Teil, ber sich von I ber absichtlich und sorgfältig erhaltenen Asche, die noch Tieren oder Menschen bedroht unb gemihhanbelt sieht. Oft vollstänbig an ber Zigarre sitzt, ersehen können. Wie kann bezieht sich der Traum gerade auf den Körperteil, an ich mit dieser Zigarre in ber §aub m w lebten dem ber Kranke auch im wachen Zustande leidet. Die Minuten ein Attentat auf jene „i^me versucht h Träume der Geisteskranken endlich sind für den Forscher Tie Logik dieser Beweisführung war den BEten sofort ver ein ungemein fesselnder Gegenstand. Man braucht nur an stündlich und einleuchtend, aber auch der schlauen und um den Ausspruch Kants zu erinnern: „Der Verrückte ist ein nehmungslustigen „Dame', denn sie benutzte dre » n Träumer int Wachen." Won anderer Seite ist auch der taue Ueberraschung auf feiten ber Beamten, nm a v gewöhnliche Traum als ein kurzer Wahnsinn des Träumers Koupee zu springen und den Versuch zu wachen davon zu bezeichnet worden. Diese Beziehung zwischen Traum und taufen, was ihr aber «töt gelang denn sie wurde prompr Wahnsinn wird schon von den Philosophen des Altertums eingeholt und gefangen gesetzt. Die spatere Unter,ucyung hervorgehoben. Der Vergleich beruht hauptsächliche auf der ergab, dah man es mit einer ab0efeimten Schw n Verwirrung und der unzusammenhängenden Art, in ber I nnb Betrügerin zu thuu hatte, bie schonfrnye y lü bie Vorstellungen aneinander gereiht werden, ferner in ber I mit ähnlichen Tricks- ihr Gluck versuchte. $ phantastischen Umbildung und Uebertreibung jedes Gescheh- füfy ber Londoner Jurist mit Hilfe seiner ZtWrre-au», nisses. Wie der Wahnsinnige, so hält auch der Träumer j einer immerhin sehr heiklen und unangenehmen Situation, gegen alle Erfahrung an erdichteten Dingen fest und vermag selbst einen nach den Naturgesetzen ganz immöglichen Unsinn nicht als solchen zu erkennen. Saute de Sanetis! hat die wichtige Frage aufgeworfen, ob ein Traum den Ausbruch einer Geisteskrankheit veranlassen könne, unb eine bejahenbe Antwort barauf gefunden. Bei Kindern findet man nach lebhaften Träumen zuweilen einen Zustand, ber diese Behauptung glaubhaft macht- Endlich wäre noch von dem zu sprechen, was man neuerdings als eine Traumtherapie bezeichnet hat, nämlich eine Beeinflussung ober