Montag den 30. Juni. fl 1902. — Nr. 96. ■! hi hihfeo ■Äai 3 b- ulil] i&K WW^W F^W M! hat das Recht, die Menschen ans altgeheiligter Heiniat hinweg- zuführen? Nur wer die Macht besitzt, sie zu einer neuen Heimat hinzuleiten. H. St. Chamberlain. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Trante war froh, am Nachmittag der gedrückten Stimmung im Haufe 'entfliehen zu können, um ihre Malstunde KU besuchen. Sie ging jetzt oft allein nach der Centralhalle, denn Litlian vernachlässigte ihre Studien arg, da Armin eifersüchtig auf alles war, was sie seiner Gesellschaft entzog. Als Traute aus dem Johannapark in die Weststraße einbog, begegnete ihr Paul Lehmigke, dec zu ihrer lieber» raschnng auf sie zukam, den Hut zog und sie anredete. „Seit einigen Tagen suche ich eine Gelegenheit, Ihnen zu begegneir, Fräulein Welten, es ist mir lieb, Sie zufällig hier zu treffen; obgleich die Straße nicht ganz der geeignete Ort ist, Ihnen das zu sagen, was ich sagen möchte, so weist ich doch keine bessere Gelegenheit." Traute machte eine kleine stumme Verneigung und sah ihn erwartungsvoll an. „Ich werde mich, nicht entschuldigen, daß ich mich in Ihre Angelegenheiten mische", führ er fort, mit einem harten, schroffen Klang 6er Stimme, der Traute von neuem abstieß, „ich wollte Ihnen nur die Thatsache mitteilen, daß mir vor kurzem von einem Geldverleiher eine ganze Reihe von Wechseln zum Kauf angeboten wurden, die alle die Unterschrift des Grafen Camill Stauffen trugen und zusammen eine hohe Summe Schulden ausmachten. Ich, habe natürlich das Geschäft abgelehnt, weil ich mich nie mit derlei Dingen befasse, und die Sache hätte weiter kein Interesse für mich gehabt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß Sie in Beziehungen zu diesem jungen Mann stehen. Mögen Sie nun mein Benehmen beurteilen wie Sie wollen, Sie thaten mir zu leid, Fräulein Welten, um Sie ungewarnt zu lassen. Ich weiß, Sie gehen blind und wahrscheinlich harmhis in Ihr Verderben. Niemand wird Ihnen sagen, daß Graf Stauffen kein passender Umgang für Sie ist, Ter junge Mann hat hier einen sehr schlechten Ruf." „Sie sind sehr gütig, Herr Lehmigke", sagte Traute mit hoheitsvoller Miene, während sie bald blaß und bald rot wurde, „aber ich glaube, ich kenne Graf Stauffen besser als Sie." Lehmigke sah sie mitleidig an, und vor diesem Blick mußte Traute die Auaen Niederschlagen. „Ich bin im Begriff, mich zu verheiraten, Sie werden Mo nicht daran zweifeln, daß meine Warnung uneigennützig gemeint tvar. Weiter habe ich jedoch nichts zu sagen, ich wollte Ihnen nur diese eine Zchatsache zur eigenen Begut- achtung mitteilen", mit diesen Worten zog Lehmigke höflich den Hut zum Wfchied, aber Traute machte eine halb verlegene, halb bittende Bewegung, die ihn zum Bleiben auf«, forderte. Er zögerte darauf und sah sie fragend an. „Herr Lehmigke", sie wurde sehr rot, und nahm endlich eine sehr stolze Miene an, „Papa ist in einer schrecklichen Verlegenheit — können — können — wollten Sie ihm nicht vielleicht — helfen —" „Nein, Fräulein Belten, das kann ich nicht. In ®e* schäftssachen kenne ich keine Gefälligkeiten. Der Profit ist ausschlaggebend. Selbst die geringste Summe lege ich nie ohne Sicherheit und ohne Vorteil an. Jedes Darlehn an Ihren Herrn Vater wäre so gut Ivie fortgeworfen." Es funkelte etwas in Trautens Augen. „Sie haben nicht recht an meinem Water gehandelt", sagte sie heftig. „Wenn das Haus ein so unsicherer Besitz ist, wie Sie jetzt selbst zugeben, war es kein ehrlicher Handel, es gegen ein so schönes Gut wie Brantikow als Tauschobjekt zu bieten!, Aber freilich, für Sie ist der Profit ausfchlaggebend und heiligt alles. Ich weiß jedoch nicht, ob es Ihnen ganz gleichgiltig sein kann, wenn man sagt, daß Sie uns ruiniert haben. Ich schließe aus Ihrem Urteil über Graf Stauffen, daß Sie etwas auf den Ruf eines Mannes geben." Sie hatte die Hände in den Jackentaschen und sah Paul Lehmigke von oben herab an, wie ein Richter einen armen Delinquenten. Der junge Mann war ein wenig blasser geworden bei ihren Worten, seine Züge wurden wieder hart und streng. „Das verstehen Sie nicht, Fräulein Belten, Sie erlauben sich ein Urteil über Dinge, von denen Sie ebenso wenig wisfen, wie von den Bergen auf dem Mond. Ihr Water war ein ruinierter Mann, ehe wir einen Fuß auf Brantikow setzten. Wer und was an seinem Ruin schuld ist, wissen andere Leute ebenso gut wie mein Vater und ich, und keinem urteilsfähigen Menschen wird es einfallen, uns zu beschuldigen. Das Haus, das er gegen Brantikow eintauschte, war nicht wertlos, er hat es für sich entwertet durch die zu große Schuldenlast, die er darauf wälzte. Die Rente des Hauses ist nicht hoch genug für diese Schulden. Und außerdem wiU Ihr Water mit seiner Familie davon leben. Wenn ein Mensch mehr Schulden hat als aktiven Besitz, so bedarf es keines zweiten, um ihn zu Grunde zu richten. Es gehört heutzutage ein ziemlich bedeutendes 58eti mögen dazu, wenn eine Familie wie Sie, in der Stadt von ihren Renten leben will, ohne zu arbeiten. Es ist Ihres! Herrn Vaters Sache, ob er arbeiten will oder nicht, es geht mich nichts an, aber wenn Sie alle die Hände in den Schoß legen wollten, dann beschuldigen Sie wenigstens nicht andere mit Ihrem Unglück." Traute ballte die Fäuste in bett Jäckentaschen, bi® künftige Gräfin Stauffen regte sich in ihr. Sie warf höchst mütig den Kopf Mtrück. 582 und ein Tie Deutschen haben keinen Geschäftsgeist." Als Armin die wissenschaftliche Bildung, die Schulen Universitäten, die Vorzüge der militärischen und Staatscarrieren rühmte, die einen Mann schon auf den geisterte Zwischenrede, Deutschland sei das schönste Land der Welt, erwiderte er wegwerfend: „Für Soldaten und Musiker. Ich begreife nicht, wie intelligenter Mann es in Deutschland aushalten kann. untersten Stufen eine geachtete, gesellschaftliche Stellung gewährten, zuckte Mr. Severn ironisch die Achseln. „Ich weiß, man kann in Deutschland fünfzig Pfennig in der Tasche, und eine geachtete gesellschaftliche Stellung haben", sagte er mit unverkennbarem Hohn. „Ein Engländer bedankt sich für eine Ehre, bei der er sich nur halb satt essen kann." So hinterließ der Besuch einen höchst unerfreulichen Eindruck, und als Mr. Severn seine Tochter für den Rest des Tages mit sich nahm, um sich in ihrer Gesellscha° ' Stauffen durfte nichts davon erfahren. — Und sie sollte Camill aufgeben — empörend! Und doch — o Gott' — ihres Vaters klägliche Lage, Eamills Schulden — es war alles so beängstigend, so unzuverlässig — es gab Lehmigkes schonungslosen Worten so schrecklich recht — was sollte noch daraus werden? Fünfzehntes Kapitel. Tie Krisis des fünfzehnten April wurde wieder glücklich überständeu. Im letzten und höchsten Augenblick der Not halfen Onkel Lothar und die Tanten. Herr Velten erholte sich schnell von seinem Trübsinn und der gefürchteten Zuckerkrankheit. Hulde ließ ohne Besorgnis Papierscheeren und Pfropfenzieher unverschlossen, Frau Veltens homöopathische Hausapotheke und die Andachtsbücher traten in den Hintergrund des Interesses, und Armin blieb bei seinem Korps. Traute hatte einige Tage nach ihrem Zusammensein mit Paul Lehmigke die ernsthafte Absicht, zu arbeiten. Sie stand zum Erstaunen der Familie um fünf Uhr früh auf, um AU zeichnen. Tiefer plötzliche Arbeitseifer wurde jedoch ihren Angehörigen unbequem. Hulde, die mit Traute dasselbe Schlafzimmer teilte, zankte jeden Morgen mit ihr, weil sie im besten Morgenschlaf gestört würde, und Armin wurde ernstlich böse, wenn Traute zu Hause bleiben und arbeiten wollte, statt sich mit ihm und Lillian auf den täglichen Nachmittagsbummel zu begeben. „Es ist unrecht von Dir, daß Du uns jetzt im Stich lassen willst, weil Stauffen weg ist", sagte Armin, „Tu weißt, daß Lillian nicht allein mit mir gehen darf." Traute gab ihm Recht, sie schob mit einem Seufzer der Erleichterung die Arbeit bei Seite, und entschuldigte sich vor sich selbst mit höheren Pflichten gegen den Bruder und seine Zukunft. Sie konnte es auch unmöglich verantworten, daß Hulde jeden Tag Migräne bekam durch die frühe Störung, und so schlief sie bald nach wie vor bis acht Uhr. Es ging alles seinen altgewohnten Gang, und man lebte wieder recht gemütlich im Belten'schen Hause. Bis an einem schönen Maimorgen Mr. Severn, Lillians Vater, ganz überraschend erschien, um seine Tochter mit sich nach England zu nehmen. Das war ein schwerer Schlag für Armin. Miß Buxton hatte zwar eine Abberufung nach England schon zum ersten April in Aussicht gestellt, da dieselbe jedoch hinausgeschoben wurde, hegte man die Hoffnung, die beiden Damen noch länger als Hausgenossen zu behalten. Mr. Severns Besuch wirkte niederschlagend auf sämtliche Veltens, auch aus diejenigen, die von Armins Herzenswünschen nichts wußten. Herr und Frau Velten empfingen ihn mit großer Zuvorkommenheit und mit der freundlichsten Gesinnung, weil sie seine Tochter, abgesehen von dem materiellen Vorteil, den sie ihnen brachte, aufrichtig lieb gewonnen hatten. Armin und Traute nahmen alle Kraft zusammen, um einen guten Eindruck zu machen, aber sie hatten kein Glück bei dem reichen Wollhändler, der als Knabe in Transvaal selbst die Schafe gehütet hatte, und jetzt eine große Geringschätzung für Leute, die Zimmer vermieteten, besaß. Er setzte allen Bemühungen herzlichen Entgegenkommens eine eisige Gleichgiltigkeit entgegen. Aus die Frage, wie ihm Deutschland gefiele, und auf Lillians be- „Zum Gelderwerb wird man in unserem Stande nicht erzogen. Ter Profit ist Ihr Gott, aber wir haben andere Götter und andere Ideale!" Paul Lehmigke schwieg eine Weile, er sah das junge Mädchen mit einen: langen, ruhigen Blick an. Sie waren jetzt auf der Promenade bis vor die Zentralhalle gelangt, aber Traute hatte ihre Malstunde vergessen, und sie gingen weiter, Zeit und Ort vergessend. „Sie thün mir unendlich leid", sagte jetzt Lehmigke mit verändertem, freundlicheren: Ton. „Sie befinden sich in einer sehr traurigen Lage, und so wie ich Ihren Herrn Vater kenne, ist er gänzlich unfähig, sich zu helfen. Er hat Sie mit Ansichten erzogen, die verkehrt und unwahr sind, und Sie unfehlbar noch tiefer ins Unglück bringen müssen. Aber Sie sind noch nicht zu alt, um die Wahrheit einzusehen und einen neuen Weg einzuschlagen. Arbeit allein kann Sie retten. Sprechen Sie nicht so verächtlich vom Gelderwerb und vom Profit. Nur Thoren und Dummköpfe arbeiten ohne Profit. Und die gar nicht arbeiten »vollen, das sind unnütze Menschen ohne Ehrgefühl. Es ist viel verächtlicher, Geld zu borgen, es geschenkt zu nehmen oder es anderen schuldig zu bleiben, als es zn verdienen. Selbst die niedrigste Arbeit, das Sichmühen in: Staube um den Pfennig und Groschen ist ehrenvoll gegen den hochmütigen Müßiggang. Hören Sie auf meine Warnung. Vermeiden Sie den Umgang mit Menschen, die Faulheit, Genußsucht und Verschwendung für vornehm und ehrenhaft halten, dagegen Arbeit und den Kampf um den Vorteil gering schätzen. An Ihrer Lage müssen Sie arbeiten lernen, wenn Sie sich vor moralischem Untergang retten wollen. Sie brauchen nur die Augen aufzumachen, Und sich in der Welt umzusehen, um zu erkennen, daß die Anschauungen, in denen Sie aufwuchsen, nicht die herrschenden und maßgebenden sind." Traute hatte mit niedergeschlagenen Augen zugehört. Ihr ganzes Gefühl empörte sich gegen diese bittere Lektion, aber mit Schrecken wurde sie sich bewußt, daß sie ihr keinen Widerspruch entgegenzusetzen hatte. Alle Thatsachen sprachen für die Wahrheit dieser Worte. „Ich verachte die Arbeit nicht", sagte sie leise wie ein gescholtenes Kind, „ich gebe schon jetzt Stunden für Geld, Und ich selbst nehme Malstunden, ich möchte gern einmal recht v:el Geld verdienen mit Bilderverkaufen." „Verzeihen Sie, ich fürchte, Ihnen fehlt jeder Begriff, wie man arbeiten muß, um recht viel Geld zu verdienen. So nebenher als Spielerei geht das nicht. Um Bilder zu verkaufen, müßten Sie eine große Künstlerin werden, und neben starker Begabung arbetten wie ein Pferd. Ich rate Ihnen, sich ein weniger hohes, aber erreichbares Ziel zu stecken. Lernen Sie statt Malen zum Beispiel lieber die lauf- männifche Buchführung, es werden heutzutage oft Damen als Kassiererinnen und Buchführerinnen in den Geschäften angestellt und können sich durch Zuverlässigkeit und Brauche barkeit eine einträgliche, geachtete Stellung erringen. Wenn Sie sich dazu entschließen, würde ich gern bereit sein. Ihnen durch meine Empfehlung zu nützen. Sie müßten freilich in bick;:: Fall jeden Umgang und jede Verbindung mit Leuten wie Graf Stauffen abbrechen, denn ich würde es nie übernehmen, eine Dame zu empfehlen, die zu diesem Herrn in irgend welchen Beziehungen steht." Traute richtete sich hoch auf. „Ich danke Ihnen, Herr Lehmigke, Sie sind sehr gütig. Aber es ist m:r unmöglich, von Ihrem Anerbieten Gebrauch zu machen oder Ihren Rat zu befolgen. Meine Eltern würden.es mir nicht gestatten; meine ganze Familie würde dagegen sein. Und andere Rücksichten, die ich Ihnen hier nicht erklären kann, binden mich." Lehmigke machte eine ungeduldige Bewegung. „Gut. Dann habe ich weiter nichts zu sagen. Ich fürchte, ich habe Sie unnütz belästigt. Leben Sie wohl." Er zog den Hut Und entfernte sich eilig. Traute ging gedankenvoll nach der Zentralhalle zurück. Ern schreckliches Unbehagen war in ihr. Es war nicht möglich, Lehmigkes Ratschlägen zu folgen. Was für eine Idee — sie — sie sollte unter die Krämer und Häringsbändiger gehen — hinter irgend einen Ladentisch an der Kasse stehen oder Kontor sitzen — und dazu ihre Eltern und Armin, der . .ftudent — Egon der Leutnant — es war rein Kum Lachen — sie durfte es zu HaUse gar nicht erzählen, man würde sie schelten, daß sie sich überhaupt mit dem taktlosen Menschen, dem Lehmigke, eingelassen hatte. Leipzig und Umgebung anzusehen, bemächtigte sich Armins dumpfe Verzweiflung. Er sah plötzlich mit entsetzlicher Deutlichkeit die Kluft, die den armen, deutschen Studenten von der Tochter des britischen Millionärs trennte, und Mr. Severn machte nicht den Eindruck, als ob er jemand einen Pfennig Kredit für künftige Größen geben würde. Traute allein kannte seinen Herzenszustand, und zu ihr flüchtete er mit seinem Jammer. „Du mußt schnell Karriere machen; wenn Du etwas bist, und etwas hast, wird dieser Materialist mit dem Scheerenschleiserbart ganz andere Saiten aufziehen", versuchte Traute ihn zu ermutigen, obgleich ihr selbst hoff- uungslos elend zu Mute war. Schnell Karriere machen! Dieses Wort legte sich als neuer Alp auf Armins verzagendes Herz. Er hatte während seiner Studienzeit überhaupt noch nicht gearbeitet, das Korps und Lillian ließen absolut keine Zeit dazu, und welch ein Berg blieb zu überwinden bis zu dem allerersten Beginn einer Karriere! „Man muß ein Mr. Severn oder Paul Lehmigke sein, um mit dieser elenden Welt fertig zu werden", seufzte er bitter, „der gemeine, flache Verstand prosperiert stets, aber der höher und ideal veranlagte Mensch scheitert. Solch ein englischer Dickschädel wird niemals einsehen, daß die Liebe das erste Recht hat, und die höchste Macht auf Erden ist, und daß alle seine Pfundnoten nicht den Wert eines echten Gentleman auswiegen können!" Traute wurde sehr bang zu Mut. Das unheimliche Gefühl, auf der Schattenseite des Lebens zu stehen, beschlich sie plötzlich mit unabweislicher Gewalt. Es war da so öde und sinster, und alle Glücklichen, die sich im Sonnenschein freuten, wandten sich fröstelnd ab. Wird Stauffen je die Kraft besitzen, sie auf die Sounen- seite zu führen? Wird er nicht ebenso ohnmächtig sein wie Lillian? Sie zog ihren Stuhl näher zu dem des Bruders und legte ihre Hand auf die seine. Stumm saßen die Geschwister nebeneinander, eine große atemraubende Furcht im Herzen. Tie Furcht vor der Erbarmungslosigkeit des Schicksals, die sie zum ersten Mal ahnten. Im Lauf des Nachmittags kam ein Brief von Mr. Severn an Miß Buxton mit der Aufforderung Lillians Sachen zu packen, und ihm die Rechnung für seine Verpflichtungen zukommen zu lassen. Er gedenke am folgenden Tage Deutschland zu verlassen. Das trieb Armin zum Aeußersten. Er gestand seinem Vater alles, und flehte diesen um Beistand an. Herr Velten war zuerst sehr unangenehm betroffen über des Sohnes Enthüllungen, und nahm diesen streich ins Verhör. Schließlich zeigte er sich jedoch geneigt, die Sache zu überlegen, und m gänzlicher Unkenntnis englischer Verhältnisse und Charaktere, mißverstand er Mr. Severns Benehmen. (Fortsetzung folgt.) Im Löwentheater. Skizze von Emma Kinzle. (Nachdruck verboten.) Ein empfindlicher Stallgeruch beleidigt förmlich die Geruchsnerven. — Durch den niedern langgestreckten Raum tanzen Sonnenstäubchen, und zu den breiten Fenstern herein flutet aufdringlich hell das Tageslicht. — An langen Drähten schaukelten einige primitive Lampen. Der Bursche für alles versuchte vergeblich, nachdem er der alten Klavierorgel ein Musikstück abgelockt, die Lampendochte zu entzünden. Sie versagten alle hartnäckig, und achselzuckend hielt er in seinen Bemühungen inne. Mochten die wenigen Zuschauer sehen, wie sie die Vorgänge auf dem, von dicken eisernen Gittern umfriedigten Podium wahrnehmen konnten. Was kümmerte es ihn? — Draußen vor der Bude schlug ein bildschönes, etwa sechsjähriges Kind die Trommel, im rosa Flitterkleidchen, rote Bänder durch das gelöste Flachshaar geschlungen, hohe gelbe Stieselchen an den kleinen schmalen Füßchen. Neben ihr blies ein brauner Mann in roten Samnitpluderhosen und Trikotleibchen weit- Hinschallend die Trompete, während ein anderer im schäbigen Gigerlanzug die Sehenswürdigkeiten des Löwen- theaters ausrief.---- Langsam füllte sich die Bude. — Zwar auf den vorderen Bankreihen klafften noch für die Direktorenkasse empfindliche Lücken, aber desto voller war es dafür hinten bei den Stehplätzen. Die Klavierorgel leierte wieder irgend ein abgedroschenes Stück, und ein schöner herkulisch gebauter Neger mit prachtvollen schwarzen Sammtaugen, begann die Schiebwände der Käfige herauszuziehen. Mit einem fast behäbig zu nennenden Brummen und Murren trollten langsam und gemächlich drei junge Königslöwen heraus, begannen gleich zierlichen Kätzchen mit einander zu spielen, und ignorierten das Publikum vollständig. — Eine niedere Holzthüre öffnete sich, und herein trat ein schöngewachsenes, wie für einander geschaffenes Menschenpaar. — Sie, eine imposante glutäugige Raceschönheit, umflattert von Kettchen, Bändern, Schleifen; umflossen vom Schleier ihres herrlichen Loreleyhaares. Ihr zartes rosiges Gesicht entbehrte jeder Schminke, und die prachtvolle Gestalt wurde noch gehoben durch das blutrote, enganliegende Trikot, das über und über mit glitzerndem Flitter benäht war. — Ihr Partner zeigte in Haar, Augen und Gesichtsschnitt ganz den slavischen Typus. Seine großen schwermütigen Augen hingen mit verzehrender Glut an dem schönen ihn anlächelnden Mädchen. Mit verschränkten Armen stand er abseits in einer Ecke, und folgte jeder ihrer Bewegungen, während sie, graziös sich in den Hüften wiegend, die Billete einsammelte. — Ein schmetternder Trompetenstoß verkündete den Anfang der Vorstellung. Mit zierlichen Tanzschritten trippelte die reizende Kleine, welche vorhin das Amt des Tambours verwaltet, herein, warf Kußhändchen ins Publikum, und näherte sich dem Zwinger der jungen Löwen. Das schöne Paar stand schon wieder abseits beisannncn, kosend und flüsternd. Der große Neger hob mit einer impulsiven leidenschaftlichen Gebärde das blondlockige Kind auf seinen Arm, und küßte es zärtlich auf die Stirne: „Mache Deine Sache gut, Jetta, und Jim wird Dir eine große Zuckerstange kaufen!" flüsterte er ihr zu, die ihr feines Gesichtchen zutraulich an seine schwarze Wange schmiegte. Dann lieh er sie sachte zu Boden gleiten, und plötzlich, mit einem Hellen Siegesschrei ihres zarten Sümmchens stand sie inmitten der jungen Löwen, übermütig ihr knrzstieliges Peitfchchen schwingend. „Heda, Holla, Grete, Liese, Mieze aufgepaht, ihr faulen Racker!" schrie sie in tollem Entzücken, lind ließ sich mitten in dem spielenden Raubtierknänel nieder, dem sich noch zwei junge Bären, ititb ein junger Wolf zugesellt batten. Auf dem zähnefletschenden Wolf machte sie einen dreimaligen Spazierritt durch den Zwinger, die Löwen mußten durch Reifen springen, und mit einem der Bären tanzte sie nach dem Takte der Klavierorgel eine zierliche Polka. Brummend und schnaufend vollfuhrte Meister Petz jun. diese schwierige Piece, und erhielt dafiir einen schallenden Kuß auf seine breite Nase. Zum Schlüsse hetzte sie die ganze Tierschar aneinander, und stand, seelenruhig mit den Füßchen wippend inmitten dieses Tobens, Schnaufens, und Brüllens. — Reichlicher Beifall belohnte das liebliche kühne Kind. Wieder nahm sie der Neger auf seine Arme, und küßte sie. Aber seine Augen loderten in wilder Glut, und suchten dabet die schöne Schwester, welche noch immer mit dem Slaven schäkerte.---: — Widerwillig, mit dem Schweif den Boden klopfend, trat weitausholenden Schrittes der große Königslöwe in die Manege. Langsam, unter dumpfen: Knurren, ließ er sein mächtiges Haupt auf die Vorderprauken nieder und blinzelte gleichgiltig in den Zuschauerraum. Jetzt belebte sich sein Blick. Etwas wie ein Schmunzeln überlief seine großen Züge. Er ließ ein ganz leises zufriedenes. Knurren vernehmen. Seine Herrin, das schöne gvldhaarige Mädchen trat an ihn heran, und sprach zu ihm mit flüsternden Schmei- chelworten. — Langsam hob er den Kopf, und folgte aufmerksam jeder ihrer Bewegungen. Es schien, als lese er ihr die Worte von den Lippen ab. Die Orgel spielte eine einfache rührende Liederweise. Das Mädchen ließ ihre Gestalt langsam auf den mächtigen Löwcnkörper gleiten, und umschlang seine Mähne mit beiden Armen, daun sang sie in halblautem Murmeln.: „Al za jednom viek’ cu ’ceznut, Ji sucam ko za inajkom grezmit, — A to ti si, moja ot acbino!“ (Nur nach einer Scholle Erde werde stets ich schmachten. Werde Thränen wie nach einer Mutter weinen — Und die bist Du, mein Vaterland!") 384 Reglos lauschte der Xlötoe, nur seine Augen redeten. Redeten die stumme Sprache tierischen Mitgefühls. — Jnr Zuschauerraum war es lautlos still. Der Neger stand, seine breiten Schultern eng an das Eisengitter gepreßt. Schweiß perlte auf seiner Stirne. Sein dunkles Antlitz bedeckte fahle Mässe, und die mächtige Brust arbeitete heftig. Raubtierartig funkelten seine Augen, und es schien, als wolle er das Gitter eindrucken; denn seine zitternden .Hände umklammerten krampfhaft die dicht- gefügten Eisenstäbe. „Herrliche Guya!" Wie zischend kam der Name aus den H!usammengepreßten Lippen. — Guya aber drückte unter jauchzenden Jubellauten ihr reizendes Gesicht tief in die Löwenmähne. Dann mußte der prächtige König der Tiere seine Kunststücke machen. Und er that es. Sanft wie ein Lamm, gelehrig und folgsam, immer die Blicke auf seine schöne Herrin gerichtet. Mit keiner Miene zuckte er, als sie den brennenden Reif um seinen Kopf schwang, die Pistole vor seinen Augen abschoß; willig ließ er es geschehen, daß sie das frische Stück Pferdefleisch, welches sie ihm gereicht, wieder aus dem Rachen zog, aus seinem hungrigen, offenen Löwenrachen, der das ganze fnrchtbare Gebiß bloßlegte. — Gyuro, der junge Slave, erteilte dem Neger seine Anweisungen. Mit einem breiten Grinsen nahm sie der Schwarze entgegen. Oder war es Hohn, das da seine wulstigen Lippen umspielte? — „Halte Dich dem Gitter ferne, Jim!" gebot Gyuro. „Du weißt, der alte Bär liebt Dich nicht, seit Tu ihm einmal mit der glühenden Feuerzange die Tatzen zwicktest! Während ich mit ihm ringe, bleibe Du ja außer Sehweite. Sonst könnte am Ende die Hauptpiece verunglücken!" „Sehr wohl, Master Gyuro!" nickte Jim, und wieder spielte ein rätselhaftes, fast diabolisch zu nennendes Lächeln um seinen blutroten Mund. Der Slave schlüpft noch schnell hinter den Vorhang, und Jim sah durch den Spalt, wie er die schöne Guya umarmte und küßte, als gälte es ewigen Abschied. — Manche Ural gilt es auch solchen, denn ein Kamps mit Bestien, seien es auch gezähmte, ist immer gefährlich! — Hatte da ein Löwe gemurrt, oder war das dunipfe Grollen aus der breiten Brust des Negers gekommen? — Seine weißen Zähne knirschten und sein funkelndes Flammenauge ließ nicht von dem glücklichen Liebespaare. Es war eine mühselige Arbeit für den plumpen, zottigen Gesellen, diesen aufgetürmten Stuhlberg zu erklettern. Brummend hielt er manchmal inne, und schielte zu seinem Herrn hinüber, ob es nun noch nicht genug sei. Aber dieser antwortete ihm nur mit einem sausenden Peitschenschlage. Endlich war die saure Arbeit vollbracht. Oben auf dem höchsten Punkt, die massige Gestalt auf vier Stuhl- beinen balancierund, stand Meister Petz und nahm gelangweilt mit fauler Grazie das Beifallklatschen des Publikums hin. — Dann stieg er langsam, knurrend und schnaufend von seinem hohen Standpunkte herab, und legte sich zu des jungen Slaven Füßen, der ihn zärtlich den zottigen Kopf kraute. Darauf begann das Ringen. — Sie rangen regelrecht miteinander. Der schlanke, junge, bildschöne Mensch, und das Ungetüme Raubtier. Kopf an Kopf, Schulter an Schütter. — Der Neger war verschwunden, und das goldhaarige Mädchen lehnte dicht am Gitter, mit blassen Lippen und angstvollen Augen. Denn sie war schwer und gefährlich, diese Piece. — Der Bär, welcher bis jetzt seine volle Aufmerksamkeit dem Gegner geschenkt, hob plötzlich lauschend den Kopf. Settmdenlang. — Nebenan, wo die jungen Löwen sich spielend balgten, scholl ein tiefes, an* haltendes Brummen, gleich dem Atemholen eines Riesen. Noch einmal, und noch einmal. — Meister Petz stutzte. —, Ao locken in den Wäldern die Bärenmännchen ihren Weibchen. — Sehnsucht schwellt sein weibliches Bärenherz, und seine kleinen Augen suchen die Stelle, woher das Locken kommt. — Dort steht Jim, und schwingt unter teuf- ttschem Grinsen eine glühende Feuerzange. — Er kennt sre nur zu gut, diese Zange. - Mit einem Wutgebrüll hebt er die rechte Pranke. Sein Instinkt verläßt ihn. Er werß in der tollen Angst, der rasenden Wut nicht mehr zu unterscheiden, wo sein Herr, wo sein Peiniger, und sieht in dem jungen Slaven nur noch den Menschen. Den brutalen Menschen, der sich durch die Schläge, das Quälen, den Hunger, die Tiere unterthan macht. Und seine Danke schlägt zu. Mit wuchtiger Kraft. — Blutüberströmt sinkt Gyuro zu Boden. Durch den Zuschauerraum gellen Entsetzensschreie. In wilder Panik rennt alles durcheinander. „Jim, hilf, Jim!" Wie eine Rasende rüttelt das schöne Mädchen an den Gitterstäben. Der Neger aber rührt sich nicht. Sein Auge weidet sich an dem regungslosen, blutenden Körper seines Neben-> buhlers. vermischtes. Pommersche „Dnllbretter". Ein eigenartiges und natürlich „ganz unfehlbares" Mittel gegen die Tollwut giebt die plattdeutsche Schriftstellerin Margarethe Neres e-i Wietholtz in der „Gartenlaube" an. In einigen Pommers chen Bauernfamilien erben sich sogenannte „Du ll- bretter" fort, die als kostbarer Besitz sorgsam aufbewahrt und gehütet werden. Ein Tullbrett ist ein längliches Stück Holz mit eingeschnittenen Buchstaben, die häufig geradezu an Runen erinnern. Tie Inschrift ist meist nicht zu enträtseln. Kommt in der Gegend ein Fall von Tollwut vor, so drückt die Hausfrau das Brett mit der Inschrift auf einem eigens zubereiteten Brotteig ab, und jedes Mitglied der Familie, sowie die Haustiere müssen ein Stückchen des Brotes, der „Back", einnehmen. Ter Biß eines tollen Hundes kann ihnen dann nicht schaden. Tie Abbildung eines dieser selbst in Museen selten vorhandenen Duttbretter ist dem Keinen Artikel Margarethe Nerese's bei-, gefügt, es ist das Stück, das sich im Besitz der Verfasserin befindet. „Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege." Berliner Blätter schreiben: Eine Rentilerin in den besten Jahren und Witwe, suchte durch eine Zeitungsanzeige einen Mann. Es meldeten sich ohne Angabe ihres Namens viele, welche die Bekanntschaft der Frau mit „imposanter Figur"- machen wollten. Die Heiratslustige entschied sich für einen Bewerber aus der Provinz. Auf dem Fernbahnsteig an der Friedrichsstraße sollte er sie treffen. Sie wollte einen Maiglöckchenstrauß tragen, und er sollte eine rote Rose ins Knopfloch stecken. Sehnsüchtig harrte die Witwe der Ankunft des Zuges; der einzige Reisende aber, der mit roter Rose ausstieg, war ihr Sohn, der in der Priovinz angestellt ist. Das Wiedersehen war für beide etwas peinlich. (Wahrscheinlich hat der Sohn eine „Offerte" per Schreibmaschine gemacht.) Ein ungeheurer Schnupfen. In einem Badeorte am Genfer See erschoß sich dieser Tage ein reicher Amerikaner, dem ein formidabler Gehirnschnupfen die Existenz verleidete, aber doch in letzter Stunde den Humor nicht ganz verdorben hatte. Denn das auf feinem Schreibtische vov- gefundene Matt enthält die Worte: „Nachdem ich nun heute das zehnte Schnupftuch verbraucht habe, kann ich nicht mehr bezweifeln, daß ich einen Wasserkopf Haber woher sonst als aus dem Köpf kann das viele Wasser kommen? Ta ich nun nicht im Sinne habe, meinen Kopf als Bassin für Goldfische herzurichten, und überhaupt mit einem Wasserkopf nicht leben will, so erschieße ich michp Ich bin ober so rücksichtsvoll, mich ins Herz zu treffen^ da man, wenn ich in den Kopf ein Loch schösse, vermuten könnte, die Röhre der Wasserleitung im ersten Stock, wo ich wohne, sei gesprungen." Charade. (Nachdruck verboten.) Jin Wald vor dem Ganzen, an einsamer Stelle, Da hält ein wackerer Krieger die Wacht. Er träumt und sinnt. Mit magischer Helle Durchflutet der Mond die stille Nacht. Eine EinS-Zwei raschelt in den Tannen, Auf fährt der KriegSmann und ruft Drei-Viert Vier flattert'S auf und rauscht von dannen. Drei nennt das Ganze, daS Städtchen, mir? (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.t Untergrundbahn. Redaktion: Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UntversilätS-Vuch. und Steindruckerri (Pietsch Erben) in Gießen.