Freitag den 30. Mai. ZW W 1902. — Nr. 79. 1 rgwohn ißt mit dem Teufel aus einer Schüssel. Sprichwort. (Fortsetzung.) Thomas befand sich in einer peinlichen Verlegenheit. Er wußte nicht, ob er jetzt von dem Umzug ansangen könne, und auf der anderen Seite war es so sonderbar, ganz darüber zu schweigen; glücklicherweise wandte sie sich selber mit der Frage an ihn: „Darf ich nicht doch zu Vater hinausziehen — wenigstens auf kurze Zeit?" „Wie kannst Du nur danach fragen, Helene! Du weißt ja so gut —" er hielt einen Augenblick inne, besorgt, sie möge die Wärme seiner Worte mißdeuten — „Du weißt ja so gut, daß Dir Dein altes Heim stets offen steht, Du magst kommen, wann Du willst." „Ich will Dir aber nicht zur Last fallen, das will ich nicht! Ich will arbeiten, sonst ziehe ich nicht hinaus." Sie kamen schließlich überein, daß sie an einem der letzten Apriltage hinausziehen solle. Thomas wollte sie mit einem großen Arbeitswagen abholen, und Madame Hansen erbot sich mit gewohnter Bereitwilligkeit, ihr beim Einpacken behilflich zu sein. Und dann kam der Umzugstag, dieser Schreckenstag, für so viele bangende Herzen, an dem die Hausgötter aus ihrer gewohnten Ruhe aufgestört und alles auf den Kops gestellt wird, wo alle Erinnerungen, lichte und dunkle, in Staub und Schmutz aufgescheucht werden. Die Nacht war still und sternenklar gewesen. Schon um drei Uhr des Morgens guckte Helene zum Fenster hinaus, um zu sehen, wie das Wetter zu werden versprach; sie war der Kinder wegen besorgt. Als der Tag graute, fing es an, so unheimlich in den Häugeeschen drüben auf dem Friedhöfe zu sausen, und große, graue Wolken überzogen den Himmel. Sie setzte sich aus den Rand des Bettes und starrte in die Finsternis hinaus. Weshalb hatte Gott ihr dies angethan mit Böje! Sie hatte ihn so inbrünstig angefleht, und es war auch scheinbar von Tag zu Tag besser mit ihm geworden, bis er plötzlich zusammenbrach. Was half da all der Glaube, all das Flehen? Wenn es schließlich darauf ankani, that Gott doch, was er wollte, und hinterher hielt er sich so fern und schweigsam, als gehe ihn die ganze Sache gar nichts an. Und doch hatte er gelobt, 6et uns zu sein alle Tage bis an der Welt Ende. Es ergeht den Gläubigen ja gar nicht besser hier auf Erden als den Ungläubigen. Sie dachte an Rudolf und an viele andere^ die in strotzender Gesundheitsfülle und Lebensfreude ein^ hergingen, uns es ward ihr so bitter schwer, an Böje denken, der nun da draußen lag. Sie selber saß hier rn der Morgendämmerung — eine arme Witwe mit den beiden hilflosen Kindern. Wie sollte sie nun das Leben ertragen ohne Böje? Und was machte sie sich aus dem Leben, wen« er nicht mehr bei ihr war! Sie lehnte den Kopf gegen den Fensterpfosten mit einem unbeschreiblichen Drang, sich in die tiefsten Tiefen der Schwermut zu versenken und einsam und verlassen zu sterben. Da bustete eins der Kinder; sie sprang auf, beugtü sich über das Bett und legte die Kissen und Bettücher! zurecht. Als Thomas mit dem Wagen kam, umfanfte der Wind heulend die Ecken des Hauses und trieb von Zett zu Zeit einen Hagelschauer gegen die Fensterscheiben. Sie war ganz unglücklich, der Kinder wegen; aber Thomas meinte, es würde schon gehen, er habe einen! ganzen Arm voll Decken mitgebracht. Um zwei Uhr des Nachmittags war der Wagen zur Abfahrt bereit. Die Kinder saßen warm eingepackt da, der Knabe in seines Vaters Ueberrock, beide mit den Köpfe« aus einem Bündel von Decken hervorragend. Thomas wollte sich umwenden, nm Helene behilflich zu sein. „So, nun in Gottes — — aber wo ist denn nur Frau Böje geblieben?" Die alte Frau kehrte ins Haus zurück. Ganz recht, dort stand sie auf der Schwelle, in den leeren, stilles Raum hineinstarrend. Ihre Brust ivogte auf und nieder, krampfhaft umklammerte sie den Thürpsosten mit der einen Hand. „So, so, so, es läßt sich ja nicht ändern." Mit Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft richtete sie sich auf, schloß die Thür und ging hinab an den Wagen. Madame Hansen blieb stehen und schaute dem Wage« nach, so lange sie ihn sehen konnte, und Helene stand einmal über das andere auf, um ihr mit dem Taschentuch ein Lebewohl zuzuwinken. Erst spät am Abend erreichten sie Ostholmstrup. Aengst- lich vor sich hinspähend, bog Thomas in den dunkeln, von Regen aufgeweichten Hohlweg hinter dem Garten ein. Er fuhr hier völlig aufs Geratewohl los, der Dampf von den Pferderücken schlug ihm ins Gesicht, die Dornen- und Flreder- zweige zerkratzten ihm die Haut. Die Räder versanken bis an die Achse; aber es ging gut; ohne Unfall erreichten sre ihr Ziel. „ ,, Helene war ganz gerührt im Anblick einer Lanipe, die im Küchenfenster stand — es war die wohlbekannte Kuppeft die sie mit ein paar Papierstreifen zusammengekleistert hatte. (Nachdruck verboten.) Die Möve. • Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. — 314 — Nls sie in die Mär trat erblickte sie ihren Vater, der in ctnent Korbstuhl am Ösen saß — steif und ernst, das Gesicht in würdige Falten gelegt. „Ja, Vater, da bin ich wieder!" Sie reichte ihm die Hano. „Nun zürnst Du mir doch nicht mehr, ich will anch thnn, was in meiner Macht steht, nm Dir das Leben zu verschönern." Blaugefroren und zitternd standen die Kinder da nnb sahen den Alten an, der Knabe mit dem großen Ueberrock, der bis zur Erde schleppte, fragte: „Sieht ein Großvater so ans?" „Und hier sind zwei kleine Menschenkinder, die anch gern beim Großvater sein wollen." Er schielte mit einem Blick zn ihnen hinüber, als wollte er sagen, daß, er es einstweilen noch werde dahingestellt sein lassen, ob er sie als eheliche Kinder anzuerkennew gedenke; als aber Helene die kleinen Hände in die seinen legte und „Gnten Abend, Großvater" sagte, da sammelte sich all das Wasser, das noch in den alten Thräuenquellen vorhanden war, zn ein paar Tropfen, die in die Höhlen unter seinen Angen fielen. @in Gefühl von etwas unsäglich Anheimelndem hatte Helene überkommen, als sie das warme, gemütliche Zimmer betrat, und als sie nun den Blick umhergleiten ließ und die neue geblümte Tapete, die kleine, niedliche Hängelampe, den anflackierten Kohlenkasten, den neuen strahlenden Brüsseler Teppich gewahrte und merkte, wie die Wärme des Zimmers ihre beiden Kleinen umfing, da erfüllte eine heiße Dankbarkeit ihr Herz. Der gute, treue Thomas, der so viele Jahre um sie getrauert hatte, und der sie jetzt, wo sic mit zwei verhungerten Kindern als Bettlerin heimkehrte, empfing, als sei sie die Königin von Saba! Sie ging auf ihn zu und drückte ihm die Hand. „Hab' Dank für alles, was Du uns gewesen bist, Thomas!" „Äch — laß uns doch davon nicht reden! Jetzt wollen wir essen und eine gute heiße Tasse Kaffee trinken. Die Fahrt war verteufelt kalt!" sagte er, sich Sie Hände reibend. Ein warmer BrateuLeruch drang ans der Küche herein, ivo Thomas Haushälterin in Qualm und Ranch stand und mit den Vorbereitungen zum Abendbrot beschäftigt war. Als Helene gerade ein Tischtuch über den Tisch gebreitet hatte, kam !der alte Müller mit einer großen, fettigen Laterne hereingestürzt, Nase und Ohren guckten zwischen einer Pelzmütze und dem anfgeschlageuen Kragen Heraus. „Aber nein. — Da haben wir ja die ganze Gesellschaft! Herr Du meines Lebens! Guten Abend, liebe, kleine Helene! Herzlich willkommen! Ach ja! Ach ja! Es kann noch alles — alles ivieder gut werden!" Der Bruder saß da und wünschte im stillen, daß er seine Lebensanschauungen nur möglichst schnell zum besten geben möge, aber merkwürdigerweise behielt er sie diesmal für sich, obwohl er noch treulich daran festhielt. „Und da haben wir ja das kleine Fräulein! Nee, so ein großes Mädchen! Soll ich Dir einmal die kleine Nase putzen, mein Lamin? Ja, ja, wir werden uns schon cm- frennden! Und Du, großer Bursche da! Komm mal her, wollen doch mal sehen, ob Du mich wohl unterkriegen kannst! Aber kein Bein setzen, sag' ich Dir!" Der Knabe kam der Aufforderung sogleich nach und ging so keck auf die alten sechsundachtzigjährigen Knochen los, daß Helene sich schließlich dazwischen werfen mußte, um die Laterne zu retten, die auf einem Schemel stand und in tödlicher Angst erbebte. „Ja, warte nur, mein Freund", tröstete der Alte. „Marte Du nur! Ich will Dich schon kriegen!" Die Kinder verschlangen das Essen wie gierige kleine Raubvögel, mit dem Ausdruck des Heißhungers überflogen die Augen den Tisch. Helene selber aß nicht viel, aber die- warmen, guten .Speisen thaten ihr doch unendlich wohl. Warm und wohlig lehnte sie sich ins Sopha zurück und schaute ihre Kinder an, die vor Wohlsein strahlten. Als sie im selben Augenblick den starken Duft des Kaffees roch und den heißen Dampf in die Höhe steigen sah, hatte sie einen Augenblick ein Gefühl, als umflattere sie eine Schar milder Hausgeister und gelobe ihr für die Zukunft alle mögliche Gemütlichkeit und Sicherheit. Im selben Augenblick aber verscheuchte diese friedliche Stimmung der Gedanke an ein frisch geschaufeltes Grab', Mer dem tiefe Finsternis ruhte und das der Sturmwind eisig umsauste. Da zuckte ihr ein schneidender Schmerz durchs Herz und! dre Thränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, brachen! gewaltsam hervor. Der alte Müller und der Knabe hatten so viel verwandte Züge gefunden in Beziehung auf Laune und Lebensanschauung, daß sich vom ersten Abend an eine innige Freundschaft zwischen ihnen entwickelt hatte. Die Hand des Kleinen war wie festgeleimt in der des Alten, vom frühen Morgen bis zum Abend. Bald waren sie zusammen int Garten oder in der Bäckerei, bald schweiften sie durch Moor und Wald, sich Über alles mögliche unter Himmel und Erde unterhaltend. Zuerst wußte der kleine Bursche nicht so recht, wie er seinen neuen Gefährten nennen sollte, denn es wollte ihm gar nicht in den Kopf, daß dieser gute Alte von Thomas „Vater", vom Großvater „Rasmus" und von der Mutter „Onkel" genannt wurde, während ihn alle anderen Menschen „Rabe" anredeten. Da aber der Name Rasmus am kameradschaftlichsten klang, wählte der Knabe diesen zu unsäglicher Belustigung des Alten, der diese Anrede sehr passend! fiir das Verhältnis fand, in dem sie zu einander standen, als erprobte Freunde und Altersgenossen. „Nenne Du mich nur Rasmus, mein Junge — das darfst Du gern thun!" „Nein, wie darfst Du wohl Großvaters Bruder so anreden", schalt Helene. „Du mußt ihn Onkel nennen!" Aber der Knabe hatte sich nun einmal daran gewöhnt, Rasmus zu sagen, und dabei blieb es. Oft, wenn sie zusammen int Felde nmhergingen, fern von lauernden Ohren, füllte der alte, schlaue Politiker das kleine unschuldige Kinderherz mit demokratischen Scheuß^ Weiten an, die den Knaben allmählich ganz für seine Partei warben. Als aber der Redakteur eines Tages durch ein offen stehendes Fenster die Wörter „Oberst Tscherning" aufgefangen hatte und infolgedessen seinem Bruder beinahe an den Kopf gesprungen wäre, da mußte sich Helene ins Mittel legen und den alten Aufrührer bitten, seine Politik für sich zu behalten. Ob diese Bitte fruchtete, darüber war ste sich nicht so recht klar, wenigstens bemerkte sie sehr wohl, wie der Alte jedesmal, wenn sich der Kleine in der Nähe des Großvaters aufhielt, mit der Unruhe eines böten Gewissens zu den beiden hinüberschielte. Beinahe jeden Abend kam der Alte hinüber, um den Kleinen auszuziehen. „Kratz mich, Rasmus", sagte dieser eines Abends in befehlendem Tone zu ihm, seinen Rücken zu einem Bogen krümmend. „Ich soll Dich kratzen? Ja, ivo soll ich Dich kratzen, mein Junge. „Das mußt Du doch selber am besten wissen! Du sollst jetzt kratzen." Aehnliche kleine Szenen kamen den ganzen Tag hindurch vor zur größten Belustigung des Alten. Der alte Redakteur seinerseits hatte jetzt so einigermaßen Frieden mit dem Leben geschlossen, denn die fürsorgliche Liebe der Tochter machte ihm das Dasein angenehm. „Bleib nur liegen, bis das Zimmer ordentlich warm ist! Jetzt bring' ich Dir gleich eine warme Tasse Kaffee! — Soll ich Dir eine Pfeife stopfen? — Willst Du nicht im Korbstnhl sitzen? Hier ist ein Kissen." So ging es mit stiller Herzlichkeit den ganzen Tag hindurch. Sonderbar aber war es, daß er von Tag zu Tag schwächer wurde; es schien, als löse ihn die milde Luft auf, die ihn umgab. _ Die bitteren Kräuter des Lebens hatten bis dahin auf seine inneren Teile gewirkt wie eine Art Gewürz, das ihn frisch hielt; jetzt aber, wo die Wärme kam, und keine herben Kräuter mehr aufzutreiben waren, fiel er zusammen und schien sich nach dem Sarge zu sehnen. Helene wirkte auf ihre stille Weise. Es waren nur wenige Tage vergangen, als sie sich schon wieder heimisch in Ostholmstrnp fühlte, und im Laufe der Wochen fand sie sich wieder ganz in die alten Verhältnisse im Mühlhofe, wo sie die Wirtschaft bald wieder unter ihr festes Regiment brachte. Aber ihre Kräfte erschlafften, sodaß sie oft ihre Arbeit in Küche und Keller unterbrechen und sich hinsetzen mußte, wo sie gerade ging und stand. — SIS - Des Mends oder in den stillen Mittagsstunden durchzuckte es sie mit stechendem Schmerz. Böje und immer wieder Wie! Wohl tausendmal hatte sre in diesen Monaten aus der Schwelle ihres Ärmlichen Stübchens in der Hauptstadt gestanden und ihren Blick durch den stillen Raum schweifen lassen. Es war ihr, als spräche alles flüsternd zu ihr: Das Sausen des Windes, das durch die Fensterscheiben drang, das Rascheln der Tapete an der Wand, Böses kurze Atemzüge — eine Sprache so voller Schmerz, voll Entbehrung und süßen Liebesleids. Wie hatte sie doch nur dies Zimmer verlassen können! Nun ging sie hier umher, in Küche und Keller beschäftigt, die Kinder tummelten sich voll frischer Lebenslust im Garten und auf dem Felde, sie selber rief dem Vater ein ermunterndes Wort zu, nickte zu den Mädchen hinüber, alles mit freundlicher Miene. War das recht? Als ob ihr nicht das Geringste fehle! Als ob es nicht Tag und Nacht in ihr brenne! Dieses Schweigen, das Böses Namen umgab, diese Entfernung von allem, worin fie bisher gelebt hatte, diese warmen, gemütlichen Abende aus der ersten Zeit ihrer Ehe, diese harten Mißklänge, die später ihr Glück übertönt hatten, diese qualvollen Selbstank'lagen, die sie sich über jedes lieblose Wort machte, das sie zu ihm gesagt hatte, und dann seine lange Krankheit, sein stilles Leiden, sein schweigsames Aufgeben der Lebenshoffnung — das Ganze überkam sie mit einer Gewalt des Schmerzes, die sie oft fast zu Boden beugte. (Fortsetzung folgt.) Berühmte Schifffahrtskanäle. Von Arnold Rohde. Nachdruck verboten. In allen Kulturländern hat man den Schifffahrtskanälen während der letzten Jahre erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt, und es hat sich allgemein gezeigt, daß eine Steigerung des Bahnverkehrs eine Erweiterung und Verbesserung des Kanalnetzes erforderlich macht. Vielleicht aber könnte es doch jemandem befremdlich erscheinen, daß man noch jetzt die Anlage großer Kanäle für die Binnenschifffahrt plant, wo die Eisenbahnen mit großer Geschwindigkeit Massengüter zu niedrigen Tarifsätzen befördern und außerdem vor den Wasserstraßen den Vorzug aufweisen, daß sie weit weniger als diese von Einflüssen des Klimas und der Witterung abhängig sind. Aber die Kanäle haben jetzt mehr als zuvor die Aufgabe zu erfüllen, den Handel des Inlandes mit dem der Meere zu verbinden, und wenn auch die Bahnen heute gleichfalls in sehr vollkommener Weise diese Verbindung bewirken, so sind sie doch den Massenbeförderungen von Rohstoffen nicht gewachsen. Mag auch der Frost des Winters für einige Zeit zur Einstellung des Kanalverkehrs zwingen, der Vorzug, daß die Schifffahrtstraßen so außerordentlich viel größere Massen an Gütern zu befördern vermögen, fällt doch so sehr ins Gewicht, daß ihnen die Eisenbahnen vermutlich niemals den Rang ablaufen werden. Außerdem bietet der Kanal zweifellos beit Vorteil, daß er lange nicht so hohe Selbstkosten für die Frachtbeförderung beansprucht, wie die Eisenbahn. Kanal und Eisenbahn sind Konkurrenten; aber allem Anschein nach wird keiner dieser Konkurrenten den Gegner aus dem Felde schlagen. Sie sind beide vielmehr gezwungen, die Arbeitslast zu teilen und einem Zwecke zu dienen — dem Weltverkehr. Bei dem großen Interesse, welches man heute allgemein und ganz besonders im Handel, den Kanälen zuwendet, dürfte es gerechtfertigt erscheinen, eine Reihe der berühmtesten Kanäle und ihre Bedeutung ins rechte Licht zu rücken, sowie auch der Entwickelung der Kanalschifffahrt seit den frühesten Zeiten einige Aufmerksamkeit zuzuwenden. Mas den Kanalbau betrifft, so müssen wir die Chinesen an erster Stelle nennen; ihr Kanalwesen hatte sich schon in glänzender Waise entwickelt, als die europäischen Kulturstaaten noch gar nicht an den Bau von Kanälen dachten. Tie heutigen Großstaaten begannen mit den Kanalbauten überhaupt erst in der neuen Zeit, während sich die Holländer und die Republiken Norditaliens im Kanalbau schon im Mittelalter hervorgethan hatten. Frankreich, welches von allen europäischen Staaten das umfangreichste und vortrefflichste Kanalnetz besitzt, begann erst unter Ludwig XIV. mit dem Bau des Kanals von Languedoc (1666); dann folgte gegen Mitte des 18. Jahrhunderts Großbritannien, das die Sache mit großer Energie betrieb', jedoch in der Anlage der Kanäle mannigfache Fehler beging, von welchen ich weiter unten noch sprechen werde. Deutsche land i st hinter seinen Nachbarstaaten noch weit zurück, selbst hinter dem kleinen Belgien; doch gehören die deutschen Kanalanlagen zu den technisch vollkommensten. Zu der Zeit, als Holland sein prächtiges Kanalsystem' beendet hatte, und auch Frankreich seine Binnenschifffahrt bereits eröffnet hatte, hatte England noch keinen einzigen Kanal. Zwar waren in England schon von den Römern Kanäle gebaut worden, und einer derselbe u, der Foss Dyke in Lincolnshire, ist noch schiffbar, aber ein eigentliches Ver-i kehrsmittel ist derselbe nicht. Ein solches wurde erst durch das Unternehmen des Herzogs von Bridgewater geschaffen, welcher die Initiative zu dem Bau des nach ihm benannten Kanals gab. (Chambers' Journal 28. Dez. 01.) Im Jahre 1767 wurde Manchester mit Liverpool durch einen Kanal verbunden, welcher den Jrwell auf einem hohen Aquädukt kreuzte. Das schnelle Wachstum der Kohlen- und Eisenindustrie hatte nunmehr eine rapide Ausdehnung des Handelsnetzes zur Folge und bald waren 3000 englische Meilen Kanallänge eröffnet. Thörichterweise waren die ersten englischen Kanäle nicht mit massiven Ufermauern versehen. Tie Ufer sind ab geböscht, sodaß zu schmale Fahrbahnen entstanden. Dadurch kommt es, daß z. B. die Maximallast von London nach Liverpool via Shrvpshire Union Canal nur 25 Tonnen beträgt, wogegen eine weitere Last von fünf Tonnen getragen werden könnte, wenn der Kanal in gutem Zustand wäre. Ein weiteres, großes Hindernis ist der Mangel an Verbindungen der Kanäle untereinander, infolge der Verschiedenheit in der Höhe ihrer Wasserspiegel. Kaum zwei Kanäle in England und Wales stimmen in dieser Hinsicht überein. Tie Gesamtlänge der Kanüle in England beträgt 3050 engl. Meilen, in Schottland 154 und in Irland 609 engl. Meilen. Tie meisten englischen Kanäle sind viel zu schmal, während die irischen erheblich breiter sind. Ter Schiffskanal von Manchester ist eines der groß?- artigsten Werke moderner Jngenieurkunst. Derselbe ist im ganzen 351/2 engl. Meilen lang und seine Gesamtkosten betrugen 300 Millionen Mark. Er geht von Eastham am linken Ufer des Mersey aus und endigt an der Trafford Bridge in Manchester. Bei Barton befindet sich ein Treh- aquädukt, längs dessen das Wasser des Bridgewater-Kanals geführt wird, ein hydraulisches Schiffshebewerk stellt big Verbindung zwischen beiden Kanälen her. Verbesserungen, welche kürzlich hinsichtlich! der Schiffbarkeit des Flusses Weaver ausgeführt wurden und einen Kostenaufwand von 1400 000 Mk. nötig machten, haben jenen Fluß zu einem der schönsten Wasserwege Englands gemacht, dem wichtigsten nächst dem Manchester-Kanal. Zwei iteue, bei Northwich für 500 000 Mk. errichtete Drehbrücken sind die ersten «d urch Elektrizität betriebenen Brücken dieser Art in England. Als Resultat dieser Verbesserungen können Schiffe von 400 Tonnen den Fluß direkt von Liverpool nach Manchester befahren. Es ist erwähnenswert, daß die Schifffahrt aus« dem Weaver stets erfolgreich mit den Eisenbahnen in dem Transport schwerer Güter konkurriert hat. In Frankreich giebt es schon 6000 Kilometer Kan-al- längc. Viele der Kanäle sind abgabenfrei und die Bau-, Meliorations- und Unterhaltungskosten werden vom Staate gezahlt.. Durch ein Gesetz von 1879 wird gleiche Tiefe aller Haupt-Wasserstraßen der Republik vorgeschrieben, so daß diese durch Schiffe von 300 Tonnen und einem Tiefgang von 6 Fuß befahren werden können. In auffallendem Gegensatz zu der Enge der englischen Wasserstraßen zeichnen sich °die belgischen Kanäle, namentlich« der Ostende und Brügge verbindende Kanal, durch ihre große Breite aus. Amsterdam und Rotterdam werden von zahlreichen Kanälen durchschnitten. Ter bekannte Amsterdamer Schiff- fahrtskanal erforderte zehn Fahre Bauzeit, bei einem Kostenaufwand von 52 000 000 Mk. Tie Länge dieses Kanals beträgt 26i/2 Kilometer. Da Seeschiffe mit großem Tonnengehalt mit Bequemlichkeit den Kanal befahren können, so bildet derselbe eine prächtige Verbindung der Stadt mit der Nordsee. Ter Bau des Kanals durch den Isthmus von Korinth nahm, obgleich dieser Wasserweg nur 6,5 Kilo- meter lang ist, mehr als zehn Jahre in Anspruch und — 816 kostete 80 Millionen bis 40 Millionen Mark. Der Kanal hat eine Tiefe von 266) Fuß und an beiden Enden sind Schutzdämme ins Meer hinein geballt worden. Der Nord- Ostsee-Kanal ist rund 96 Kilometer lang und hat Schleusen an beiden Endpunkten. Er beginnt bei Holtenau an der Ostsee in der Whe von Kiel und vereinigt sich einen Teil der Eider benutzend, mit der Elbe bei BrunÄüttel. Dieses Unternehmen kostete 160 Millionen Mark. Die Russen haben die Wolga ulld die Newa durch einen Kanal verbunden, welcher durch Schiffe von 1000 Tonnen befahrbar ist. Ein in nächster Zukunft zur Ausführung gelangendes Unternehmen ist die Verbindung der Wolga mit dem Don, wodurch das Schwarze Meer eröffnet sein würde. 'Der Kanal dürfte ungefähr 56 Kilometer lang sein und die Kosten werden auf 80 Millionen Mark geschätzt. Seeschiffe können Petersburg airf dem Kronstadt und St. Petersburg verbindenden Schiffskanal erreichen, welcher eine Länge von etwa 20 cngl. Meilen hat. Venedig hat seineil Canal-Grande mit den zahlreichen Nebenkanälen. Diese Nebenkanäle sind äußerst düster und unfreundlich. Geisterhaftes Flüstern scheint von den.Mauern wiederzuhallen. Das Plätschern des Ruders weckt ein hohles Echo in den schwarzen, unheimlichen Höhlen, die zu beiden Seiten gähnen. Der Gondolier führt" den Fremden überall hin in seiner müßigen Art. Jeder hat Muße in Venedig, nur nicht der Tourist. Schwer beladene Marktboote, schwarze Barken mit Silberfranzen, welche den Toten nach San Michele tragen, gleiten lautlos dahin. Nur zuweilen hört man leisen, monotonen Gesang. Der Canal- Grande ist der Kanal der 'Dichter und Maler. Der Panama-Kanal wurde unter der Protektion des Herrn v. Lesseps begonnen in der Absicht, die Landenge von Panama zu durchstechen und so den atlantischen mit dem pazifischen Ozean zu verbinden. Die projektierte Länge des Kanals betrug 47 en gl. Meilen. Ein mörderisches Klima, Unterschätzung der natürlichen Schwierigkeiten, vor allem jedoch skandalöse Finanzmachinationen, Bestechungen rc. führten den Ruin desselben herbei. Die Frage der Vollendung dieses so überaus wichtigen, grandiosen Projektes ist jedoch vor kurzem durch ein günstiges Angebot von feiten der Panamagesellschaft an die Regierung der Vereinigten Staaten in ein neues Stadium getreten; indessen ist es doch noch zweifelhaft, ob die Panamlavoute den Sieg über ihre gefährlichste Rivalin, die Nicaragnalinie, davontragen wird. Die Länge des projektierten Nicaraguakanals, für den namentlich früher von amerikanischer Seite vielfach mit Wärme eingetreten wurde, beträgt etwa 170 engl. Meilen. Obgleich diese Strecke fast viermal länger ist als der Panama- Kanal, so ist der Bau doch durch natürliche Vorzüge in Gestalt eines Binnensees und Benutzung des San Juan- Flusses begünstigt. Diese Vorzüge erweisen sich indessen bei näherer Betrachtung als ziemlich illusorisch; dieselben werden durch bedeutende Schwierigkeiten, welche dem Unternehmen im Wege stehen, vor allem den außerordentlich starken Regenfall in dem vom Kanal zu durchschneidenden Lande und die Art des Gesteins, durch welches der Durchstich teilweise geführt werden muß, reichlich wieder ausgewogen. An der Vollendung eines dieser Projekte sind die Vereinigten Staaten, wie England in hervorragender Weise interessiert. Der Erie-Kanal verbindet den Erie-See rnit dein Hudson und bildet einen Teil eines großen Kanal- systems, welches über 640 engl. Meilen lang ist und dem Staate Newyork gehört. Kanada wurde seit 10 Jahren durch ein großes Kanalprojekt in Anspruch genommen. Die der Regierung gehörenden Kanäle waren nicht für Schiffe mit mehr als 9 Fuß schiffbar; die Ausführung des Projektes hat jetzt jedoch eine leistungsfähige Wasserstraße zwischen den großen Seen, dem St. Lorenz und Montreal geschaffen, welche f“1; jStfiiffe. bon 14 Fuß Tiefgang fahrbar ist. Durch die Croftnung des neuen Kanals ist den gewaltigen Stahlwerken der Dominion Jvon and Steel Eompany und der Nova Scotia Steel Eompany die Möglichkeit gegeben, mit den amerikanischen Firmen, deren Abnehmer Kanada bisher war, in erfolgreiche Konkurrenz zu treten. Die Dominion Eoal Company verschifft in jeder Saison 2 Millionen Tonnen Kohle, sodaß der kanadische Kanal ein wichtiger Faktor für die Verteilung von Erz und Kohle sein wird. Und Sidney (Cape Breton) bald zu den bedeutendsten Häfen gehören, sowie erheblichen Einfluß auch auf den europäischen Stahl- und Eisenmarkt gewinnen dürfte. Ter 150 Km. lange, von Lesseps angelegte Suez-Kanal ist eine der besten und sicherlich eine der nützlichsten Wasserstraßen. Er wurde am 17. November 1869 eröffnet. Tie Ausführung der Aufgabe war mit großen Schwierigkeiten verknichft. Werkstätten und Maschinen mußten in der Wüste ausgestellt werden. Enorme Baggermaschinen von 110 Fuß Länge und 75 Pferdekräften ivnrben benutzt. Jede dieser Maschinen kostete 400 000 Mk. und hatte täglich 2000 bis 3000 Kubikmeter Erde abzutragen. Ungefähr ein Jahr nach der Eröffnung des Kanals war die Gesellschaft in ernstlicher Geldverlegenheit. Am 23. November 1875 gab der Khedive sein« Bereitwilligkeit kund, seine Aktien (176 002 an der Zahl) an die englische Regierung für 80 Millionen Mark zu verkaufen. Zwer Tage später war das Abkommen unterzeichnet und ein Arrangement mit den Herren Rothschild getroffen, 20 Millionen Mark bis zum 1. Dezember und die weiteren Millionen im Januar und Februar aufzubringen. Am 1. Januar 1876 wurden vier, die Aktien enthaltende Zinkkästen bei der Bank von England deponiert, „an die Ordre des Schatzkanzlers und Baron Rothschilds" und so führte die mißliche finanzielle Lage der Gesellschaft dazu, England die Kontrolle über den für den Weltverkehr so wichtigen Kanal für immer zu sichern. Wegen des erhöhten Tonnengehalts der neuen Linienschiffe soll die Tiefe des Suez-Kanals auf 30 Fuß vermehrt werden. Die Einführung elektrischen Lichtes gestattet auch Nachtverkehr auf dem Kanal. Vor ungefähr 2 Jahren enthüllte der Khedive unter großen Zeremonien ein Denkmal Ferdinand v. Lesseps bei Port Said in Gegen- ivart des diplomatischen Korps, der egyptischen Minister und Beamten und Hunderten von Gästen aller Nationalitäten. , Englische, französische, amerikanische, italienische, österreichische und dänische Kriegsschiffe tvaren im Hafen. Eines der neuesten Projekte hat die Verbindung des atlantischen Ozeans von der Bucht von Biskaya mit dem Mittelmeer zum Gegenstand. Vor einigen Jahren veröffentlichte ein französischer Ingenieur etnett bezüglichen Plan. Der Kanal sollte 512 engl. Meilen lang, 144—215 Fuß breit und 28—33 Fuß tief sein. Er würde 22 Schleusen haben ititb die Baukosten würden 540 Millionen Mark betragen. Man hat vorgeschlagen, den Weg nach der Ostküste Indiens um 350 Seemeilen abzukürzen, indem man die Insel Rames- waram durchstechen und einen Kanal durch den Golf von Manaar und die jetzt nicht schiffbare Palk-Straße anlegen sollte. Ein weiterer Vorschlag, der wahrscheinlich zur Ausführung gelangen wird, betrifft die Anlegung eines Kanals durch den Isthmus von Perekop, das schwarze Meer mit dem Asowschen Meere ans der dem Lande zugekehrten Seite der Krim verbindend. Gemeennützsges. Dicke Spargel zu ernten. Tie meisten Spargelzüchter sind der Meinung, daß sie genügend gedüngt haben, wenn sie int Winter ihre Beete düngen. Das ist über nicht der Fall. Wer besonders dicken Spargel ernten will und wer außerdem viel Spargel ernten will, muß auch düngen, wenn das Stechen aufhört — also von Jvhanni an. Diese Düngung ist wichtiger als die Düngung im Winter. Wie sie einwirkt, schildert ein Artikel in Nr. 4 des „Erfurter Führer". Diese Nummer können unsere Abonnenten sich vom Geschäftsamt des „Erfurter Führer" kommeit lassen. Sie wird ihnen kostenfrei zugeschickt. Z a h l e n q n a d r a t. (Nachdruck tierboten.) In die Felder des nebenstehenden Quadrates fallen die Zahlen ticn 3 bis 27 derart eingetragen werden, daß jede wage- rechte, jede senkrechte und jede der beiden Querreiheu die Summe tion 75 ergibt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Steigerungsscherze in vor. Nr.: , 1. Mal, Maler, 2. Zelt, Zelter. 3. Kamm, Kammer. 4. Reihe, ___________________________ Reiher. 5. meist, Meister. 6. wagen, Wagner. Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotaitonsdruck und Verlag der Brühl'schen llniversitäts-Buch- und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.