Mittwoch den 30. April. m 1902. — Nr. 64. it kannst dir jeden Feind versöhnen und verbinden, Nur bei dem Neider wirst du niemals Gnade finden. Tscherning. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Z-acharios Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen Von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Als die Thür endlich ins Schloß gefallen war, setzte sie sich auf ihren gewöhnlichen Platze auf den Puff und starrte vor sich hin, ein Gefühl der Erschlaffung in allen Gliedern. So weit war es also gekommen, und man wagte es, ihr Anspielungen auf ihre Leichtfertigkeit direkt ins Gesicht zu sagen! . . . Das Blut pochte ihr in beit Schlafen und spielte gleichsam rötlich über ihre Sehnerven. Aber den Kopf trotzig in den Nacken werfend, stand sie auf und begann im "Zimmer auf und nieder zu gehen. Während der folgenden Tage befand sie sich in einem Zustand der Unschlüssigkeit, der sie ganz krank machte, und als sich Böse das nächste Mal einfand, flehte sie ihn an, sich wieder zu entfernen. Er wandte sich auf der Schwelle um und ging. Hinterher quälte es sie, daß sie so auseinandergeheu sollten. Auf einem kleinen Zettel bat sie ihn, ihr nicht zu zürnen, und erlaubte ihm, noch einmal zu kommen, damit sie ordentlich Abschied von einander nehmen könnten. , . Das Buch hatte mehrere Tage auf ihrer Kommode gelegen und sie mit seinem gelben Umschlag gelockt. Sie wagte nicht, es anzurühren, sie hatte noch den Kopf voll von allen diesen glühenden Liebesszenen, die ihr das Blut in die Wangen trieben. , Aber die Versuchung wurde ihr zu stark; eines Abends holte sie es hervor und las es zu Ende. Böse kam gerade in dem Augenblick, als sie es zugeklappt hatte. Ihr Hirn war überfüllt mit Bildern, ihr Herz pochte von brennender und doch angsterfüllter Anteilnahme an dem Schicksal des jungen Paares, sie saß wie in einem Mansch von Bildern und Eindrücken. „Es ist ein gefährliches Buch, das Sie mir da gegeben haben." „Gefährlich?" „Ja, ich weiß nicht — ich glaube, es ist mir nicht gut gewesen, es zu lesen; ich bin so, ich weiß nicht wie — geworden." Die Augen glühten wie Kohlen unter den dunklen Brauen; in ihrem Antlitz lag ein bezaubernder Ausdruck von Leben und Spannung, der Böse ganz wirr TH (ich t€. „Finden Sie denn nicht, daß Gram und Margarete ein Recht hatte, so zu handeln, wie sie es thaten?" „Ja, aber trotzdem — die Eltern — alles, was vor- ausgegangen war, und dann ist es so eigenartig geschildert, ich habe niemals etwas gelesen, tvas mich so ctrccit ticittc/' „Sie können doch nicht sagen, daß etwas Unreines in dem Buch ist?" _ „Nein, nicht geradezu: aber es ist so vieles angedeutet, und dann brechen sie ja mit allem, wofür sie bisher gelebt haben — mit Eltern und Freunden ---." „Das ist ihr gutes Recht, weil man mit roher Gewalt ihre Herzen trennen will." ' „Ihr gutes Recht? Ja, freilich; aber — ach, ich weiß bald nicht mehr aus noch ein!" „Ich bin nicht im geringsten im Zweifel. Es grebt eine Ansicht, die so tief in dem gesunden menschlichen Gefühl begründet ist, daß nichts in der Welt sie um- stoßen kann." , ' Er dachte an Thomas, aber er wollte seinen Namen nicht nennen. Es war auch nicht nötig, denn sie hatte bei seinen Worten sofort an ihn denken müssen. Ja, selbst Thomas hatte diese Ansicht gehabt! Wenn er aus dies Thema gekommen war, so hatte sie stets deutlich den Klang der Ueberzeugung aus seiueu Worten heraushören können. . „ f „Du hast — Sie haben--" Sie wurde dunkelrot und begann, ihre Uhrkette um die Finger zu wickeln. „Ach, ich weiß nicht, wie ich mich so versehen konnte — ich dachte an —" _ „ „Ja, aber Sie haben sich nicht versehen, Ihr Herz meint ja doch „Du". Nicht wahr, Helene?" Er legte den Arm leise um ihren Hals. Weshalb sollten sie einander so fremd gegenüberstehen? Weshalb fürchtete sie sich vor ihm? Wußte sie denn Nicht, daß er nur sür sie allein lebte und atmete? . Es war ihr, als werde ihre ganze Gedankenwelt um- gewälzt. Liebe und Angst kämpften einen harten Kampf, der ganze Grundwall von Gewohnheiten und Erfahrungen, von Treue und Sittlichkeitsgefühl, auf dem sich ihre Vergangenheit entwickelt hatte, erzitterte wie unter etttem Erdbeben; sie sah Thomas' gebrochene Gestalt, die harten Augen ihres Vaters, diese Augen mit dem Blitzstrahl, die an Sinais Finsternis und Blitze erinnerten - ste hörte das harte Urteil ihrer Angehörigen - als Klatsch und bösen Leumund über das Land dahinsausen. Aber mitten im diesen wirren Gedanken erhob sich auf einmal. em Willenskraft, die mit einem Schlage «Ne A>,gst au- ihrem Innern bannte; alles, was-sie an-Selbsterbe- ungstri b. besaß, das unabweisbare Recht des Herzens, seiner rrrn ii, warmen Liebe zu folgen, vereinigte sich in dem eine.. 254 ann würde er schon Der Me streichelte ihm die Hand. „Hast Du nicht Luft, einmal auf den Hof zu gehen? Es ist so lange her, seit Du da warst, Schwiegervater!" ■ ...Ich weiß, daß ich sündige, aber ich thue es — — willig und gern!" ja, Helene war fort! Diese Thatsache drängte sich aller Augen und Ohren täglich auf, sie wogte des Morgens im Theedampf, sie strahlte des Abends wehmütig aus den Ofengluten, sie war auf den welken Blättern der Rosen und Kallas zu lesen, sie wehte dem Beschauer traurig aus der gestärkten Wäsche entgegen, die im Garten hmg. An einem Sommernachmittage wanderte der Re^ dakteur, auf Thomas gestützt, langsam im Garten umher, finstere Blicke auf die verdorrten Blumen werfend. Er hatte eine Zeit lang krank gelegen, und war jetzt so gebrechlich geworden, daß er nicht mehr allein zu gehen vermochte. 0 ö ' Thomas redete ihm Mut ein. Er würde sich, weiß Gott^ wieder erholen; er habe nur ein wenig Luft in den Lungen nötig, und ein wenig gutes Leben. Er solle nur tüchtig Malzextrakt nehmen, dann würde er schon sehen, tote er wieder Fleisch ansetzte. „Aber das kostet Geld, das kostet Geld." „Sa,, zum Teufel auch! Das Leben währt jal Nicht ewig! Laß uns nur nicht darüber reden, Schwiegervater!" ° ' Thomas konnte sich nicht davon entwöhnen, ihn Schwiegervater zu nennen. Langsam gingen sie hinaus und setzten sich ins it-t •) 11-t-f A V» haben wollte, hm! - es wollte gar nicht gehen! Jeden Abend zankten sie sich so daß der Schnupftabak und der bitterste Hohn nur so durchs Zimmer flog. Der alte Müller war nahe daran, dem Bruder das Leben zu nehmen mit Tor- pedos und schwimmenden Batterieen. Mein Gott, was sollten wir nur mit Festungen! Nein, Küstenverteidigung und Volksbewaffnung nach Tschernings Plan — das sei der rechte Weg! 1 , So zog denn der Redakteur wieder in fein früheres §etm und alles ging im alten Geleise, nur Helene war fort. Da merkte der alte Mann, daß seine Lebenskraft verbraucht war, nur die trockene, klappernde Greisenhülls T' 6,kblieben. Die Schweißperlen der Ermattung auf §ierC&Ttf?"eiftC et bte §anb nuS: "Thomas, da?f ich Müller war voll Aufmerksamkeit gegen b>J?Tuber’- ®cTer ^ott! Sollten zwei gute alte Brüder bei einander wohnen können, wenn sie nur selbst wollten! Das Ganze könne noch wieder gut werden, wenn Thomas drückte die dünne Hand. „Bleib Du nur. Schwiegervater, bleib Du nur!" Dann wurde sein Bett in den Mühlhof hinaufgeschafft, weil man meinte, daß es der Pflege wegen besser fei' wenn er ganz tm Hause ausgenommen werde. Als der Frühling ins Land zog, ergriff ihn die Baulust wie em wildes Fieber. Nur das verdammte Eine Zeit lang fuhr er in der Nachbarschaft umher man Ten tonbf ffSr*8“ e<^e&en' ,a6er überall schüttelte «T’L-T kT; .Endlich erbarmte sich die „Sparkasse des hmr f^Trtbevr^ ^rner, aber die Summe, die er erhielt, wtm> T Ö r?nd)t üroß- genug, jetzt wollte er die Sache in Angriff nehmen, vielleicht gelang es ihm dann sväter noch irgendwo des fehlenden Geldes habhaft zu werden. ' Tage gingen dahin mit Reisen, mit Zeichnen und Erwägen, mit Unterhandlungen mit Zimmerleuten ÄSh”tebe” ~ em unaufhörliches Jagen, viele Wochen Und dann kam die Geschäftigkeit des Baues mit ihrer ganzen aufregenden Spannung. Vom frühen Moraen bis zu»- spaten Abend Peitschengeknall und Wagengerassel, Balken knarr en, Klirren und Klappern der Werkzeuge Und »w i>a6d’ ’n,‘ *«8™ »"d auf. Äe Ktg;1 ™ KN,f.-n und dtonle -u- | Tfrf1Tfrnb/ Kat! Hblene gegangen war, hatte er bei p* beschlossen, daß er sofort in die alte Heimat znrück- w?T Ta6' ? fto-ürbe <3aV)t '^end eine Höhle finden, TLVf, M Mit seinem Aerger verkriechen und in Ein- tofJiTf 'i16 konnte. Möglicherweise konnte er auch eine i ^anqlam Sten CCr dergleichen an seinem Wohnzimmer. wÜden Hohn auf bei eigenartigen „So!" rief plötzlich der Alte aus; er hörte trippelnde leser bei der ÄTXTf ^danken: Er Korrektur- I Fußtritte aus der Kammer nebenan. ' W Bald war alles zu,/Ümzua bereit (Kn „ra i x, "^m!. ®u einmal sehen, Thomas — Ah! Da seine schmerzende Lütte es^bT ST™E haben wir ja Bruder Kristen! Willkommen Bruder! er nach dem Mühlhofe hinüber Ät t. in d-r Ä I bem"still ta b« «nfl"'S>lmf-chl?nb, Ah--n/"st« te **" « * • - I Nggrw-M» 8» Di- Gchlv-g-iin „61ett ilvrf Dann warf sie sich an seine Brust I § Arster^' klopfte er ihr noch einmal auf die - - - — ' _ 1 ff.^ulter - das Ganze ging mit Würde vor sich. Als aber Ter Winter war mit Schneefall und trübem Wetter I TTTTs Thomas kam, brach der alte Mann zusammen. über Ostholmstrup hingezogen, ganz wie sonst Es waren I Seinp-n sro'Ts ^tebe5 Tr.e cr die Hand, während es keine großen Vernndertmgen in dem Do f vS ch TganT s uen Mund wuiiherlich ilmzuckte endlich richtete er sich ols der kleine, schwarze FrühlingseMingelfltzupfZe^bL S oikers unbesiegbaren Festigkeit des es s™. zKW« L Ä « A »ÄML »ÄSöäftC stoei Menschen sich so recht von Herzen liebten, so sollten fle einander, weiß Gott, haben! Er war stolz darauf daß er sich treu gewesen war, an jenem Tage, als seine Ueberzeugung auf bte Probe gestellt wurde. J Aber eines Abends vermißte man ihn. Man suchte Überall, m der Backerei, in der Mühle. Endlich fand man ihn er lag über dem Koppelzaun und weinte . E nun an geschah es häufig, daß er mit Sette gingett/ 9eIb6rciunert' langhalsigen Gefährtin zu Lange Zeit kämpfte er mit sich selber. Einen Tag ■?n'lv-e br stundenlang auf einem Holzklotz sitzen, an I 7""'°" “yw ivicuci gut werven, wenn «TT ^krohhalm nagend, den nächsten Tag machte er I h vfJT 'm eln , toem9 mehr heitere Lebensanschauung! sich dann in der Mühle und auf dem Hof mit der 1 BaBen 1DDnt*’- B” =U jungen* LchsNsgn bte nnbere Ajen“’ 68 016 b0<' I11»" »»4 »»4 . Zuweilen überfiel ihn eine wilde Lust, das Ganze anzittiedeln" 'n Tetlb binein Urwald Amerikas anzufiedeln, ein Bretterhaus zu zimmern, und mit den OTaaTT kämpfen. Wenn er dann aber an seine alte ytianimem ^te' ’C e” nHe feine Auswanderungspläne 255 Hornbrille tiefer und tiefer auf die Nase herabsenkte: „Ich hab doch mein Lebtag nicht so etwas gehört!" Der Redakteur schielte unter den herabgezogenen Augenbrauen zu ihm hinüber, und wandte sich so weit als möglich ab, um nur die Zeitung nicht zu riechen. Wie konnte nur ein vernünftiger Mensch daran denken, Mannschaft für einen Wall von drei ein halb Meilen zu schaffen! Wenigstens müsse man dann jeden Mann mit einem großen Signalinstrument — einer Art Nebelhorn oder dergleichen — versehen, damit er im Notfall seinen Nachbarn zur Hilfe rufen könnte. Nein, Küstenverteidigung und Volksbewaffnung? Er war wahrhaftig nicht bange, selbst mitzugehen, wenn es darauf ankam! Jeder Mann sollte seine eigene Büchse haben und im Gebrauch der Waffen unterrichtet werden, großer Gott, was für ein Geist dann ins Volk fahren würde! Das Blatt schmolz ihm in der Hand und sandte dein konservativen Redakteur einen solchen liberalen Mi.nd zu, daß er schließlich mit den Absätzen auf den Boden stampfte, und mit aufgeblähten Nasenlöchern um sich sah. „Zum Teufel auch mit dem dummen jungen Stierkalb!" rief Thomas vom Fenster her. „Das rennt und peitscht mit der Tüderleine herum, bis es sich losgerissen hat!" „Wie — was — losgerissen?" Und zur Thür hinaus war er — ohne Hut, die Zeitung in der Hand. Thomas lächelte leise vor sich hin. „Guten Tag, guten Tag, lieber Jensen!" hörte man den Alten vom Wege her rufen. „Ja, ich habe keine Zeit — das verteufelte Stierkalb!--aber was ist das? Da hegt es ganz ruhig im Schatten und schläft!" . "®n ist der Förster!" rief Thomas erfreut aus, der dem Gedanken, ein Glas mit dem Freund leeren zu können. DerFörster war am vorhergehenden Tage in der Stadt gewesen und kam, um Thomas Bescheid über eine Besorgung zu sagen, die er für ihn gemacht hatte. Wie immer, wenn ein Fremder kam, wurde der Tisch gedeckt und das Beste' aufgesetzt, was das Haus zu bieten vermochte. Der Mühlenbauer, der gerade auf dem Bauplatz anwesend war, wurde hereingeholt, und ein dritter Gast, Gutsbesitzer Hansen von Holmstruphof, der zufällig kam, wurde mit in das Gelage hineingezogen. Branntwein und Arrak machten die Köpfe heiß. Die schlechten Zeiten und die Widerwärtigkeiten in der Politik wurden laut behandelt. Der Gutsbesitzer wollte mit dem Teufel wetten, daß die ganze Landwirtschaft zu Grunde gehen müsse, falls die Regierung nicht einen Stopper vor das amerikanische Schweineschmalz setzte. Thomas meinte, das Unglück sei weit eher in der Roggeneinfuhr aus den Ostseeprovinzen zu suchen. Der alte Müller, der wieder zurückgekommen war, war der Ansicht, die Erdkonturen würden sich heben, falls man die Sahara unter Wasser setzte — hm; der Förster saß da und lachte, einen ganzen Haufen aufgelöster Zigarrenblätter in dem Mundwinkel haltend, und ein Glas nach dem andern hinutergießend. Thomas tapste mit einem zerbrochenen Glase in die Küche hinaus, und näherte sich einem der Mädchen — einer Venus von e'twas zweifelhaftem Ruf —, die mit dem Aufwaschen des Geschirrs beschäftigt war. (Fortsetzung folgt.) Diebstähle bei Juwelieren. (Nachdruck verboten.) Vor einigen Tagen betrat ich einen Juwelierladen in ?5^.,I^^drichstraße in Berlin in der Absicht, für meine hübsche Nichte ein Hochzeitsgeschenk zu kaufen. Ta ich über •le . 6eS Schmuckstückes noch unschlüssig war, so ließ k PB °Ort dem Verkäufer nacheinander verschiedene der kostbaren Gegenstände zur Auswahl vorlegen. Hierbei fiel es mir auf, daß mir jedesmal dieselbe Anzahl von Gegenständen, nämlich fünf Schmuckstücke jeder Art, vorgelegt wurden. Nachdem ich weder unter den Ketten, Ringen oder Broschen das Passende gefuichen, konnte ich meine Wißbegierde denn doch nicht länger zügeln, als ich wahrnahm, daß der Verkäufer wiederum fünf kunstvoll gearbeitete Armbänder ihren Etuis entnahm und vor mich auf den Ladentisch legte, und unvermittelt fragte ich ihn nach dem Zwecke dieser Maßregel. Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort, dann aber bekannte er: „Diesen oder einen ähnlichen Geschäftsgebrauch werden Sie bei den meisten Juwelieren finden. Wir suchen uns auf diese Weise vor den Langfingern zu schützen, die gerade unsere Geschäfte mit Vorliebe heimsuchen." „Und gewährt Ihre Vorsichtsmaßregel wirklich einen sicheren Schutz vor Diebstählen beim Vorlegen Ihrer Waren?" forschte ich weiter. „Tas wäre zuviel behauptet", gab er zu, „denn gerade unter den berufsmäßigen Ladendieben gießt es geriebene Burschen, die mit erstaunlicher Fertigkeit dem vorsichtigsten Geschäftsmann die Waren sozusagen vor der Nase wegnehmen. Diesen Menschen gegenüber ist unsere Maßregel, die sie ebensogut wie wir selbst kenne«, ziemlich belanglos. Anders verhalt es sich mit den Neulingen und den Unerfahrenen dieser edlen Zunft, und mehr als einem von ihnen ist unser Geschäftsbrauch schon zum Verhängnis geworden. Ich erinnere mich zwei besonderer Fälle aus meiner Geschäftspraxis, die das Wesen des Berufsdiebes im Unterschied zu dem Neuling charakterisieren. In beiden Fällen hatte ich die Genugthuung, die Langfinger zu erwischen. Ich hatte dem Neuling die gewöhnliche Anzahl goloener Ringe vorgelegt, als ich auf einen Augenblick ins Kontor gerufen wurde. Diesen Moment benutzte er, um einen der Ringe in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Als ich in den Laden zurückkam, bemerkte ich das Fehlen des Ringes nicht sofort, bald aber fiel mir eine merkwürdig nerpöse Hast an meinem Kunden auf. Seine Stimme klang eigentümlich unsicher, und als ich gar Schweißtropfen auf seiner Stirn bemerkte, regte sich sofort der Verdacht in mir. Ein rascher Blick auf die Ringe belehrte mich, daß einer derselben fehlte. Inzwischen machte mein Käuser Anstalt, sich zu empfehlen mit dem Bemerken, daß er für den Augenblick keine Wahl treffen könne. „Und wie denken Sie über den Ring, den Sie in der Tasche haben?" fragte ich. Ein heftiger Schreck malte sich in seinen Zügen, und ohne ein Wort der Erwiderung legte er den gestohlenen Ring auf den Ladentisch. Von einer Verhaftung nahm ich Wstand, da wir eine solche gewöhnlich nur dann vornehmen lassen, wenn der Dieb Widerstand leistet und seine Beute nicht gutwillig herausgeben will. Es schadet immer dem Geschäft, wenn man gleich Lärm schlägt. Etwas mehr als dieser Anfänger in der Diebeskunst machte mir ein Berufsdieb zu schaffen, von dem ich Ihnen erzählen will. Er war einer jener internationalen Gauner, die ihr Handwerk in großem Stil betreiben und auf ihren „Geschäftsreisen" oft die glänzendsten Erfolge aufzuweisen haben. Keine größere Stadt ist vor ihrem Besuche sicher, und nur selten gelingt es, ihrer habhaft zu werden. So betrat eines Tages ein stattlicher, mit vornehmer Eleganz gekleideter Herr unseren Laden und wünschte.goldene Uhren zu sehen. Mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis prüfte er die vorgelegten Uhren und schien in der Wahl zwischen zwei der kostbarsten nicht schlüssig werden zu können. Sein vertrauenerweckendes Auftreten ließ kein Mißtrauen in mir aufkommen, und als er mich bat, ihm auch noch einige Ketten vorzulegen, bevor er sich für eine der Uhren entscheide, kam ich seinem Wunsche bereitwilligst nach. Ich ließ sogar die sonst beobachtete Vorsicht außer acht und legte ihm eine größere Auswahl von Ketten vor, in der Hoffnung, ein gutes Geschäft machen zu können. Er besichtigte eine Kette nach der anderen und legte sie dann, was ich für den Augenblick nicht weiter beachtete, aufeinander, statt nebeneinander. Dann verstand er es, für die Dauer weniger Sekunden meine Aufmerksamkeit auf einen im Schaufenster auggelegten Gegenstand zu lenken. Dieser Augenblick genügte ihm zur Ausführung seines Diebstahls. Unter sehr wahrscheinlichen Vorwänden und mit dem Versprechen, am Nachmittag wiederkommen zu wollen, verließ er das Geschäft, ohne etwas gekauft zu haben. Wer beschreibt aber meinen Schrecken, als ich beim Sortieren der durchemandergemischten Ketten fand, daß zwei der schönsten fehlten. Ich eilte auf die Straße, obgleich ich nur geringe Hoffnung hatte, den durchtriebenen Spitzbuben noch zu erwischen. Entweder mußte er aber durch seine bisherigen Erfolge allzu verwegen geworden sein oder er hatte eine besonders geringschätzige Meinung von der Intelligenz der 866 Redaktion: I. R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen, Berliner Geschäftsleute — kaum zwanzig Schritte von unserem Geschäft entfernt, erblickte ich ihn, im Begriff, einen Taxameter zu besteigen. Ich erreichte ihn atemlos in dem Angenblick, als er einen Fuß auf den Tritt des Wagens setzte, und ergriff feilten Arm. Er zuckte kaum merklich zusammen und fragte mich mit scheinbarer Kaltblütigkeit, was ich noch von ihm wünsche. „Nichts weiter als die beiden Ketten, wenn Ihnen daran liegt, Aufsehen zu vermeiden", war meine Antwort. In diesem Augenblick tauchte in dem Menschenstrom eine blaue Schutzmannsuniform auf, die auch die scharfen Augen des Spitzbuben erspäht haben mochten; er zog die Ketten hervor und legte sie mir in die Hand. Daun bestieg er den Wagen, lehnte sich mit sorgloser Nachlässigkeit in den Fond zurück und fuhr davon, ohne mich an.ch, nur noch eines Blickes zu würdigen." Dg. wird abgefeilt und die Kante dann mit größter Sorgfalt gerändert. Tarauf werden die Münzen in eine Silberlösung gelegt, in der sie sich bald auf galvanischem Wege mit einem Silberniederschlag bedecken. Um den Münzen das auffallend neue Aussehen zu nehmen, werden sie mit einer Mischung von Fett u,nd Zigarrenasche oder .Lampenruß eingerieben. Um die Täuschung vollkommen zu machen, wählen die Falschmünzer fast ausnahmslos alte Münzen zur Nachahmung; die erzielte Kopie geht dann aus den verschiedenen Stadien des Fabrikationsprozesses schließlich als eine schmutzige, etwas verwischte Münze aus zurückliegenden Dezennien hervor. Ein bevorzugter Trick der Fälscher von Goldmünzen besteht darin, daß sie eine echte Goldmünze soweit wie möglich ausbohren, um die Höhlung dann mit Platin aus- zufüslen, um das erforderliche Gewicht wieder zu erzielen. Durch dieses Verfahren büßt das Goldstück die Hälfte oder gar drei Viertel seines ursprünglichen Wertes ein, ohne von dem Aussehen einer echten Goldmünze das geringste zu verlieren. Nur ein Sachverständiger kann derartige Betrügereien entdecken. Tie gewöhnlichen Nachahmungen aus Zinn- Blei, Antimon und änderen Metallen können mit ziemlicher Sicherheit durch folgende Versuche herausgefunden werden: Wenn beim Reiben der Münze mit dem angefeuchteten. Finger das glänzende Metall unter der schmutzigen Oberfläche zum Vorschein kommt, so ist die Münze sicher falsch. Manche Leute pflege» aus die Münze zu beißen, wobei die unechte Münze sich sandig zeigt, zum Unterschied von der glatten Fläche des echten Goldstückes; auch wenn eine Goldmünze ein Zeichen auf einer Schiefertafel hinterläßt, so kann man sicher sein, daß der Argwohn gerechtfertigt war. In dem altbewährten Familienblatt, das die Vorzüge aktueller Berichterstattung über alle Zeitergebnisse mit einem gediegenen, vielseitigen Inhalt und einer ausgezeichneten Ausstattung vereinigt, erscheint augenblicklich der neueste Roman von Georg Freiherr von O m p t e d a: „Ma riech en", in dem uns der gefeierte Verfasser diesmal au die heilkräftigen Quellen von Karlsbad führt. Eine Eigenart des Daheims, in der das Blatt noch immer unerreicht ist, sind seine vielseitigen Beilagen: Aus der Zeit, Frauen daheim, Kinderdaheim, Hausmusik, Spielecke, Sam m ler d ah e im, 5z ausgar teil. Neuerdings werden fast jeder Nummer außer trefflichen Holzschnitten auch «och besondere Kunstblätter beigegeben. Die uns vorliegenden letzten Nummern enthalten z. B. eine ausgezeichnete Reproduktion des Gemäldes „Sevillanert.n" des Düsseldorfer Künstlers Karl Sohn und eine wundervolle Madonna von Perugiuo. Was »ruß »rau von der Buchführung wissen? Unter diesem Titel erschien int Verlage von Hugo Siri- nitz in Berlin SW., von dem bekannten Handelsschriftsteller P. Ch. Martens ein kleines Werk (Preis 1 Mk.), Dem Verfasser ist es vollauf, gelungen, in faßlicher klarer Weise das Nötige darzustellen über das Wesen der Buchführung, die sämtlichen bekannten Buchführungsarten, Inventur, Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung usw., und wir können das Merk allen denen empfehlen, die durch Amt oder Beruf genötigt sind, die Buchführung zu verstehen, besonders Kaufleuten, Gewerbetreibenden, Vormündern, aber auch andere Beamte und viele Private werden es zu ihrem und anderer Nutzen studieren. Zahlenräts el. (Nachdruck verboten.) 1 2 8 8 4 5 6 7 4 1 2 8 3 4 8 9 4 Sprichwort. 1 2 3 3 9 Zeichen. 1 9 4 5 6 Haustier. 9 8 9 Vogelart. 3 9 8 7 6 Vorname. 8 9 4 4 6 Nagetier. 1 9 3 3 6 8 Gemach. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor, Nr,r Regen — Regent. Die Tricks der Falschmünzer. (Nachdruck verboten.) „Kein Verbrecher der Welt ist so wenig besserungsfähig, . kvie der berufsmäßige Falschmünzer", sagt ein bekannter ,-Tetektiv. Ein gebesserter Bettler oder Taschendieb ist gar . nichts Ungewöhnliches; aber ein Falschmünzer, der seinem -Gewerbe entsagt, ist seltener als ei» schwarzer Schwan. Keine noch so schwere Strafe kann einen Falschmünzer zurückhalten, sofort nach Verbüßung derselben zu seinen Tiegeln und Batterien zurückzukehren Ter moderne Falschmünzer steht unter den intelligenten Verbrechern auf einer hohen Stufe und unterscheidet sich von seinem Vorgänger einige Generationen früher ebenso sehr wie ein normaler Mensch von einem Affen. Der Falschmünzer zur Zeit unserer Vorfahren war nichts als ein plumper Arbeiter, der seine Münzen aus Eisen und Zinn, Wismutb nnd Messing fabrizierte; und die Produkte seiner Geschicklichkeit konnten nur den Unwissendsten und Sorglosesten täuschen. Selbst jetzt noch gießt es eine „niedrigere" Klasse von Falschmünzern, die bei ihrer Arbeit ebenso primitiv vorgehen. Ihre Batterien sind aus Kücheugefäßen roh zu- sammeugestellt, und der übrige Apparat besteht aus Gipsmehl und Bleiglanz zur Herstellung der Formen, einem Schmelztiegel, einem Löffel, einer Rolle und etwas Fett. Tie ganze Ausstattung ist kaum zehn Mark wert. Die Opfer dieser Nachahmungen sind natürlich nur unter den unwissendsten Bevölkerungsklassen zu suchen; und selbst hier werden die Verbrecher und ihre Helfershelfer, welche die Münzen unterzubringen versuchen, häufig entlarvt. Ter „höhere" Falschmünzer wird in Tit-Bits treffend charakterisiert. Er ist ein Mann von bedeutender Intelligenz, der oft ein erschöpfendes Studium der Metalle und des galvanischen Plattierungsprozesses anwendet, um zu seinem Ziele zu gelangen. Er stellt Münzen her, die anscheinend dieselbe Bollkommenheit aufweisen, wie die echten, und die sogar dasselbe Gewicht und alle sonstigen Kennzeichen der echten Münze haben. Manche der Münzen werden . sogar aus wirklichem Golo und Silber gemacht, nur ist das . Gold und Silber von einem niederen Grade und reichlich . mit Kupfer und Silber vermischt, während bekanntlich un- eckte Silbermünzen aus Silber von der erforderlichen Feinheit hergestellt werden können, wobei trotzdem noch ein , Gewinn von über 100 Prozent erzielt wird. Bei einem . solchen Gewinn ist das Geschäft lukrativ genug, um Ersatz für eine kleine Gefahr zu bieten; Münzen aus Silber von dein erforderlichen Feinheitsgrade und vollem Gewicht sind natürlich auch nicht leicht als falsche zu erkennnen. Indessen, die meisten Falschmünzer geben sich nicht zufrieden mit einem mittelmäßigen Gewinn. Sie ziehen es vor, ihre Silbermünzen aus Antimon und Blei (Antimon bildet dabei den größten Teil der Münzen) herzustellen und sie nur mit einem Ueberzug aus Silber zu versehen. Falsche Goldmünzen werden, meist aus Platin hergestellt, welches das erforderliche Gewicht gießt. Das Münzverfahren an sich ist sehr einfach, wenn es auch Vorsicht und Geschicklichkeit erfordert. Zuerst wird von der zu kopierenden Münze ein genauer Wachsabdruck gemacht und aus gesiebtem Gipsmehl eine Form hergestellt. Daun wird das geschmolzene Metall durch eine winzige Oessnung in die Form gegossen. Tas überflüssige Metall