w 1902. — Nr. 193. W MM ifs Ob® I« ßmWW jLl3nn ^KU Ä-lW WS ffi WuMDWÄ WWW (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. (Fortsetzung.) Ein Glockeiizeich.en — und tiefe Stille trat ein. Mer Mugen richteten sich nach der kleinen Thür in der Nähe des Podiums. Ms der Schnelle erschien eine hoste, stolze Frauengestalt, und durch das Haus flüsterte es in Erregung: -Milica. Popow!" Timitry Kalussoff war der Erste, der Beifall klatschte und hiermit das Zeichen zu einer lärmenden Begrüßung gab, für welche die Künstlerin mit Lächeln und graziösem Verneigen dankte. Ja, Milica Popow war schön — hinreißend schön! Ta- tiana luußte es gestehen, obwohl ihr Herz blutete. Etwas Kühnes und Beherrschendes, das Unterwerfung forderte, lag in der Erscheinung dieser Frau. Wer in den Zügen prägte sich auch etwas Kultes) Hartes und Grausames aus, das selbst durch das freundlichste Lächeln nicht gemildert Würde. Irgend welchen Pomp hatte Milica Popow an ihrer Toilette verschmäht, denn ihre goldbraune Seidenrobe war ohne jeden Schmuck geblieben. Wer dieses Goldbraun leuchtete und schimmerte bei jeder Bewegung der Gestalt wie das Kostüm einer Serpentintänzerin seltsam auf, als vb sich eine Glorie zur .Verherrlichung der Schönheit bilden solle. — Tie schlanken weißen Finger schwebten über den Tasten Und griffen kräftig hinein — das Konzert statte begonnen. Töne von süßem Wohlklange zogen dastin, von zartestem Pianissimo zum machtvollsten Fortissimo anschwellend, sich verschlingend zu einem brausenden Gewdge und ausströmend zu rythmischen Figuren von edelstem Bau. Feierlich und ergreifend fluteten die Klänge aus Händels Messias in die Herzen der Hörer, sodaß sichi in andachtsvollem Schweigen jedes Haupt beugte und man kaum zu atmen wagte. Milica Popow spielte gut, und Schischkin war geneigt, ihr im Stillen Wbitte zu leisten. Als das Finale verklungen war Und der Bann, der jeden umfing, sich gelöst hatte, tobte der Beifall, und drohte er zu erlahmen, so ließ ihn Timitry Kalussoff wieder empor- flammen. Unaufhörlich mußte sich Milica Popow verneigen, während funkelnde Augen ihre Gestalt umfaßten und sie nicht losließen. Oh, Datiana verfolgte alles, jede Bewegung, jede Miene, jeden Blick des Mannes- der da unten der Künstlerin mit heißblütiger Leidenschaft huldigte, und je mehr sie beobachtete, um so Unerbittlicher wandelte sich ihr Empfinden für ihn zu starrer Kälte. „Sie hält sichj tadellos und verdient Betvunderung, denn es gehört Energie dazu, solchen Schmerz zu überwinden". dachte Madame Praksin, während sie unbemerkt neugierig« Blicke auf Datiana warf. Tas Konzert nahm seinen Fortgang, aber der Beifall wurde spärlicher, besonders als Milica Popow ihre eigenen Kompositionen zu Gehör brachte. Timitry Kalussvffs Am strengungen als Claqueur hatten immer weniger Erfolg, sodaß sein seltsames' Gebahren um so auffälliger wurde. Nur bei der letzten Nummer, einer beliebten Schöpfung Tschaikowskys, erreichte der Beifall wieder die frühere Hösts; die Künstlerin hatte mit dem Vorträge dieser Komposition und jener aus Händels Messias ihr Bestes geboten. Unter tiefem Verneigen verließ sie das Podium, während ihr die Blicke Datianas Mit dem Ausdrucke glühenden Hasses folgten. Eine Pause trat ein. Geräuschvoll drängte das Publikum zum Foyer. „Sehen Sie Timitry Kalussoff?" wandte sich Madame am mit flüsternder Stimme an Tatiana. „Er ver- ht das Foyer und wendet sich; dem Künstlerzimmer zu, indem' er sogleich verschwinden wird." Wer Madame Praksin erhielt keine Antwort; Datiana hatte sich plötzlich über die Brüstung der Lage gelehnt, UM Mit gespannten Blicken einen alten Herrn zu beobachten) der eben hinter einer Säule hervorgetreten war — Jefim Godunow! „Seltsam, Papa in einem Konzert", murmelte Datiana überrascht. „Was Mag ihn hergetrieben haben?" IN sorgen-, voller Unruhe suchte sie nach den Gründen für sein Erscheinen, das um so merktvürdiger war, als Jefim Musik und Theater für die überflüssigsten Tinge der Welt hielt. Tie Pause war zu Ende. Dias Publikum strömte zu seinen Plätzen zurück, Um den Wortrag Ilja Popows über das Instrument zu hören. Auf der Schwelle der kleinen Thür erschien wieder Milica Popow, gefolgt von einigen Herren, unter ihnen auch; Timitry Kalussoff. Sie ließ sich auf dem reservierten Sessel neben Kalussoff nieder, der eifrig mit ihr plauderte und sichi in Aufmerksamkeiten er-, schöpfte. Tie Augen ihres Nachbars schienen noch eine be- sondere Sprache zu reden, denn jeder Blick war so feurig und ausdrucksvoll, wie wenn er sagen wollte: „Ich liebe Dich!" „Ja, der Traum ist zerronnen", flüsterte Datumä, Sie wandte den Blick und saß gedankenvoll da. Frohe Hoffnungen waren vernichtet, der Reiz des Daseins war zerstört, vor ihr lag eine trostlose Nacht. Ihre Augen schimmerten) als vb ihnen Dhränen entrollen wollten, und gegen ihr laut klopfendes Herz mußte sie die Hand pressen. Wer die Schwäche wich. Ihre Seele erwachte aus dusterer Traurigkeit, aus zagendem Kleinmut und dumpfem Zorn zu freudige Stolze. „Fahre wohl, Timitry Kalussoff"- redeten ihre Gedanken, „wir sind für ewig geschieden! • In die tiefe Stille drang die Stimme eines Bortragem den. Datiana fuhr empor und richtete ihre Blicke imcder zum Podium. Ein Mann in der Mitte der Dreißiger stand — 770 -- dort, eine mittelgroße Gestalt mit nervösem Gefichtsansdruck, genial nach! hinten geworfenem Haar und einem goldenen Klemmer auf der Nase. Geläufig floß feine Rede dahin, während er sich unruhig hin- und herwiegte und mit den knochigen Händen viele überflüssige Gesten machte. Zuweilen begleitete er seine Worte mit Tonen auf dem Eleltrophon, die er zu erstaunlicher Kraft anschwellen ließ, sodaß man vermeinte, die brausenden Klänge einer Orgel zu hören. „Tie Töne lassen sich nach Belieben halten", hob er hervor, „und vom Piano zum Fortissimo steigern. Tas ist ein außerordentlicher Vorteil gegenüber der bisherigen Klaviatur mit Hammerwerk, bei der das Halten der Töne nur von beschränkter Tauer ist und ein Anschwellen zur Unmöglichkeit gehört." 1 ■ Während er sich in weitere Auseinandersetzungen vertiefte, wandte er den Kopf zu den Logen empor, sodaß ihm Tatiana voll ins Gesicht sehen konnte. Sie setzte ihr Glas an die Augen und stutzte — die Physiognomie Ilja Popows war ihr nicht fremd. Sie hatte diese Züge schon gesehen- ab-r sie wußte nicht wo und bei welcher Gelegenheit; eifrig verglich sie jene, des Redners mit denen Milica Popows- ohne eine Aehnlichkeit zwischen ihnen entdecken zu können. „Man sollte nicht glauben, daß sie Geschwister sind", dachte sie, ,chenn sie gleichen sich nicht im mindesten." Sinnend senkte sie das Glas, und rastlos ließ sie alle Menschen an sich! vorübergleiten, mit denen sie in den letzten Jahren verkehrt hatte, aber Ilja Popow befand sich; nicht unter innert. „Und doch kenne ich ihn", betonte sie, während sie wieder ihr Glas vor die Augen nahm und ihn aufmerksam musterte, „er ist mir schon in meinem Leben begegnet." Von dem Redner schweifte ihr Blick zu Timitry Kalussoff, der ebenso wie Milieu aufmerksam dem Vorträge olgte, aber von Zeit zu Zeit verstohlen zu seiner Nachs- barcn hinsay u:rd sich an ihrer Schönheit zu begeistern Men. Hinter beiden nahm sie einen Herrn wahr, der chr gleichfalls bekannt dünkte. „Wenn es nicht Wahnsinn wäre", schpß es ihr durch den Kopf, „möchte ich behaupten, daß er der dreiste Kellner aus dem Hotel ist." Trotz ihres! Unglücks mußte sie über den regen Flug ihrer Phantasie lächeln. „Unsinn", widerlegte sie sich, „wie soll der Mensch hierher klommen!" Sie suchte mit dem Glase weiter und gelangte zur Säule, an der vor der Pause der Water gestanden hatte. Eine Täuschung wär ausgeschlossen — er befand sich wieder an derselben Stelle, und ihm zur Seite sah sie einen andern, den sie gleichfalls kannte, Konstantin Simonowsffh, der sie bei ihrer Ankunft in Moskau am Bahnhofe erwartet hatte. Bleich und verstört starrte Jefim Godunow aus den Redner, der jetzt mit hohen: Pathos die Fortschritte der modernen Naturwissenschaften und insbesondere der elektrischen Wissenschaften pries. Aber lange hörte Jefim Godunow die Rede nicht an — er schier: sich nur mit Mühe aufrecht zu halten und verließ bald am Arme des alten Freundes den Saal. Wie entsetzlich leidend der Vater aussah! Wie sich im Ausdruck seiuer Züge der Grain zu erkennen gab, wie seine Haltung gebeugt und sein Auge getrübt war! Und diesen Mann, der so schwer um seines mißratenen Sohnes willen litt, dem der, Schmerz das Herz zernagte und die Jahre kürzte, hatte sie, die eigene Tochter, noch zu reizen und zu kränken vermocht? Tie Schwingen der Reue berührten sie, und unter ihrem Flügelschlage fand sie den Vater, entkleidet aller Schwachen, wieder. Ilja Popoiv war unter dem lebhaften Beifall des Publikums schwungvoll zum Schluß seiner Rede gelangt, in- den: er dem Nationalstolz ein Kompliment machte und das unwiderstehliche Vordringen des Slaventums auch aus den Gebieten von Wissenschaft und Technik konstatiert hatte. Befriedigt von der Anerkennung, die er gefunden, gestattete er sich die Aufforderung an die Versammelten, zum Podium heranzutreten, UM die Konstruktion des- Instruments näher in Augenschein zu nehmen unb Fragen zu stellen, zu deren Beantwortung er sofort bereit sei. Tie feierliche Stille war einem summenden Geräusch gewichen; man tauschte Ansichten über den Vortrag und das Instrument aus und suchte, langsam nacfj dem Podium vorzudringen. Auch eine breite, kräftige Gestalt- die sich vorher imj Hintergründe des Saales gehalten hätte, strebte in die Nähe des JnstrumentA und des Erfinders zu gelangen. „Boris Mi'irvfanowitsch!" klang e§ überrascht Aus W- tianas Munde. Als ob die Gestalt da unten den leisen Ruf gehört, hob sie ihr Haupt flüchtig zur Loge empor, und über ihre Züge flog ein Lächeln- wie in Freude über das unverhoffte Wiedersehen. Vor dem Podium und nur wenige Schnitte von Ilja Popow entfernt, hielt Boris Mitrofanowitsch an. Was spielte sich ab?! Tatiana zuckte zusammen. Sie sah, wie unter dem drohenden Blick des Rheders Ilja! Popow blaß wie eine Leiche wurde, tote er seine Augen entsetzt aufriß, als sei urplötzlich ein Gespenst aufgetaucht, wie seine Kniee schlotterten, und wie er sich gegen den Flügel stützen mußte, um nicht umzusinken. Zugleich vernahm sie Boris Mitrofanowitschs sonore Stimme, die, um Gehör bittend, das Summen und Brausen kräftig übertönte. „Ter Herr Erfinder", hörte sie ihn, nachdem Stille eingetreten war, mit schneidender Ironie sagen, „hat gestattet, Fragen bezüglich des Instruments an ihn zu stellen. Meine Frage geht dahin: Rührt die Erfindung wirklich von ihm her?" Was sollte das heißen?! Auf Aller Mienen lag das höchste Staunen. War man düpiert worden? Lautlos und gespannt hingen die Blicke des gesamten Publikums an Ilia Popol in Erwartung einer gebührenden Entgegnung. Aber Ilja Popoiv war wie erstarrt. Zu Stein schien auch! Milieu Popow verwandelt zu seinwährend Timitry Kalussoff mit aschfahlem Gesicht nervös aufgesprungen war. T-ce Versammlung geriet in Erregung. „Antworten! Antworten!" tönte es drohend. Ter Mann auf dem Podium rührte sich; noch immer nicht. „Sie sehen. Meine berechtigte Frage bleibt unbeantwortet", fuhr Boris Mitrofanowitsch erbarmungslos fort »So habe ich; nur noch zu erklären, daß der Herr die geniale Erfindung eines Ausländers, die dieser in Ruß^ land zu patentieren versäumte, fälschlicherweise für seine eigene ausgegeben hat. Ich; habe das Patentjournal des betreffenden ausländischen Staates im Foyer des Hauses niedergelegt, um jedermann zu beiveisen, daß die Veröffent- lichung der Erfindung schon vor einigen Jahren erfolgt ist. Ter Erfinder ist mir persönlich bekannt. Im übrigen bürge ich Boris Mitrofanowitsch Lyschnin aus Odessa, für die Wahrheit der von mir ausgestellten Behauptung mit meinem Ehrenworte!" Etwas Ueberzeugendes lag in diesen ernst und fest gesprochenen Worten, unter denen sich jeder beugte. Auf der Versammlung lag Totenstille — es war, als laste auf jedem der Anwesenden ein Alp, den nur der Angeschuldigte durch eine energische Abweisung der niederschmetternden Anklage zu lösen vermöge. Und wirklich;, in die Gestalt auf dem Podium kam iviedev Leben; sie reckte sich; empor, sie streckte wie zur Beschwörung des drohenden Sturmes pathetisch! die Rechte aus und schmet-. terte mit scharfer Stimme in den Saal hinein: „Es ist der elende Streit eines Neiders, den idji verachte." Tumult erhob sich Hunderte von Stimmen drangen durch einander. Zischen und Bravorufen kämpften um die Wette, das Dosen wuchs — die Erregung stieg zu ihrem Höhepunkte. Zahlreiche Herren drängten nach vorwärts, die Tanten beugten sich; weit aus den Logen, Timitry Kalussoff bot, wie Tatiana bemerkte, Milica Popow ostentativ den Arm und führte sie hinaus, Boris Mitrofanowitsch aber sprang mit einem Satze auf das Podium und rief, während seine Hand auf den zum Künstlerzimmer zurückweichenden Gegner wies, mit Stentorstimme: „Sehen Sie den Schwindler und Abenteurer, der, wie man mir versichert hat, sogar einen falschen Namen trägt!" Ein markerschütternder Schrei gellte durch das Dosen; er kam von oben und bebte durch den ganzen Saal. Wer Augen richteten sich entsetzt -hinauf — langsam glitt eine elegante, jugendschöne Frauengestalt von der Logenbrüstung kraftlos in die ausgebreiteten Arme einer älteren Tante..... Während es unten wie in einem !Vulkan in wilder! Erregung tobte und nicht zur Ruhe kommen wollte, verstrichen in der Loge Minuten in banger Sorge. Regungslos ruhte Tatiana Godunoiv in tiefer Ohnmacht in einem Sessel. Eine furchtbare Aufklärung 'war ihr geworden, unter deren Wucht sie widerstandslos zusammengebrochen war. 771 — Noch Immer Gar sie tote erstarrt. F ixte Minuten. Endlich, ein leises Z Noch iminer tote sie tote erstarrt. Zu einer Ewigkeit tvurden die Minuten. Endlichl, ein leises Zittern, ein leises Atmen — die Ktast der Jugend hatte sich siegreich Bahn ge- brochen. Datiana erwachte und schaute in hie klarblickenden Augen eines Mannes, der sich! in Langer Hoffnung über sie gebeugt hatte, während Madame Praksin mit einem Oüeurflacvn in der Hand- aufgeregt daneben stand und den Eindringling, der ess gewagt hatte, ohne ihre Erlaubnis die Loge zn betreten, fassungslos anbuckte. Warme Strahlen der Liebe drangen aus den Augen des Mannes, unter deren Gewalt Tatiana die ihrigen schließen mußte. Ein Gefühl ruhiger Sicherheit überkam sie, wie sie es bisher nur in seiner Nähe empfunden hatte«. Ihre Hand lag in der breitem mächtigen des Helfers, als ob sie für immer dahin gehöre, und dieser machte kein« Miene, die kleine, weiße Hand fahren zu lassen..... „Ser, den Sie gebe and markt haben", sagte Tatiana, Aögernd und mit leiser, bebender Stimme zu Boris Mitro- fanowitsch, als sie gestützt von ihm zum Wagen schritt, >,steht mir und den Meinigen nahe. Sie hätten tim schonen sollen." Erschüttert schaute er sie an. „Wie konnte ich« es wissen!" gab er nach, einer Pause ebenso letse zurück. „Und hätte ich« es auch gewußt", fügte er mtt der trotzigen Energie der Wahrheit hinzu, „so würde W thn nicht geschont haben — um der Gerechtigkeit willen!" „Auch« nicht um meinetwillen?" flüsterte sie. D. zauderte einige Sekunden mit der Antwort. „Ich fiihle", sagte er endlich« Mit tiefem Ernst, „daß mir in diesem Falle meine Anklage unendlich« schwer geworden wäre, aber uh« hätte sie nicht unterdrücken können, denn" — er &ögerte$einen Moment — „die Gerechtigkeit geht noch über Arm, der in dem seinen ruhte, zitterte, und ihr bleiches Gesicht tauchte sich in glühendes Rot. „Leben Sie wohl, Boris Mitrofanowitschi, preßte sie hervor, „ich« bin der Ansicht, daß über die Gerechtigkeit t ~le$e geht, weil sie das höchste und das Heiligste in der Welt tst." Wagm?^"^ Pvaksin trat hinzu Nnd stieg gleichfalls in den Ernst sinnend schaute Boris« Mitrofanowitsch bent davonrollenden Gefährt nach«, bis es' im Dunkel der Nacht verschwunden war. „Als Gott die Welt schuf", murmelte er, „war zuerst die Gerechtigkeit, aber dann kam die Liebe und mit ihr dre Sünde, unter der wir leiden. Und doch möchte ich an der Sette dieses Mädchens leiden bis in alle Ewigkeit!" 11. Freundlich lachte die Morgensonne in den Salon Hinern, sodaß die Broncen und venetianischen Gläser auf dem Kaminsims und auf den Bortbrettern über den Paneelen blitzten und funkelten. Paletot, Hut, Handschuhe und Papyros>-Etui lagen unordentlich umher und bewiesen, I daß der Bewohner des eleganten Raumes erst in Güter Stunde heim gekehrt war. I Noch« in den schwarzen Gesellschafts'anzug gekleidet, I lag Drmttry Kalussoss laitg ausgestreckt auf dem Divan und lreß seine glanzlosen Augen nach der Tecke oder nach! dem klernen Groom schweifen, der geräuschlos beit Früh- ststckstrsch servierte und die Holzkohlen im Ssamowar zur I vollen Glut anblies. I ei r Nachdem der Groom hinausgegangen war, richtete sich laut gähnend empor, um nach einem geöffneten amtlich,en Schreiben zu greifen, das zur Seite des Divans auf einem Tischchen lag. „Auch das noch!" grollte er leise, während er das Schoben aufmerksam durchlas. „Boris Mitrofanowitsch Lyschniii aus Odessa verklagt mich wegen EntwendUna geistigen Eigentums, bewirkt durch Nachsuchnng eines Pa- wnts auf einem von ihm erfundetlen Akkumulator. Nette Geschichte! Fühle mich so unschuldig wie ein neugeborenes I Jhnb. Penn Ilja Popow mich beschwindelt hat, bin ich doch selbst der Geschädigte. Tie Klage wird von meinem verehrten Bekannten Schischkin vertreten, dem es sicherlich« zum Bergungen gereicht, mir für die Verluste, die ich seinem Intimus Glinka am grünen Tische beigebracht habe, gründlich, Heintz»zahlen. Die Situation wird bedenklich," Gähnend sank er wieder auf den Tivan zurück. „Ein solches Konzert habe ich mir nicht träumen lassen", fuhr fort. ,Sch habe vieles erlebt, aber so etwas Tolles I noch« nte!" Ohne Zweifel ist Popow ein Betrüger, und' meine fünfzehntausend Rubel sind perdü. Jetzt gehen mir die Auggen aus; Er wollte Geld und wieder Geld, während er an den Bau des Akkumulators und des Straßenbahnwagens im Leben nicht gedacht hat. Und ich Esel wollte ihm gestern, wenn das Konzert glatt ver- laufen wäre, noch die zweite Rate von fünfzehntausend Rubel, die ich mir mühsam mit den Karten verdient habe, in die biedere Rechte drücken. Na, die sind wenigstens gerettet und werden mich eine Weile über Wasser halten!" Ermüdet schloß er die Augen, aber seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe. „Miliea Popow", versicherte er sich, „benahm sich großartig bei der Katastrophe, sodaß sie Bewunderung verdient. Ein Weib tote von Stahl und mit der Energie eines Helden! Daß der Bruder ge- schwindelt hat, scheint sie ebenso wenig gewußt zu haben, wie ich. Tas war die echte, kalte Verachtung- die sie gegen ihn zur Schau trug. Mir ist der Bruder gleich- giltig, aber Miliea — id« liebe sie! Wäre sie nur nicht so abweisend, leidenschaftslos und geheimnisvoll. Ich« mühe mich ab nm sie und komme um keinen Schritt weiter." Er erhob sich, schritt zum Ssamowar und bereitete sich ein Glas Thee, das er bedächtig austrcmk. Nachdem er sich eine Papyrosse au gezündet, setzte er, langsam hin- und herschreitend, seinen Monolog fort: „Ja die Situation ist bedenklich — sehr bedenklich geworden. Popow hat mich betrogen, und die Hoffnung auf den Akkumulator ist vernichtet, Lyschnin hat mich verklagt, für den edlen Bruder Jury existiere ich nicht mehr, im Klub' intriguiert man gegen mich, das Geschäft kracht in wenigen Wochen zusammen, und Jefim Godunow wird sich« für einen bankrotten Schwiegersohn bedanken. Tas Schlimmste ist, daß der Zusammenbruch, des Geschäfts den Strafrichter beschäftigen wird. Die einzige Rettung ist eine rechtzeitige Reise ins Ausland oder eine sofortige heimliche Heirat mit Tatiana, durch welche der Alte zur Hergabe seiner Reichtümer gezwungen wird. Steht Jefim Godunow vor einem fait aeeompli, so wird er trotz seines harten Schädels vielleicht Vernunft annehmen, uns in Gnaden aufnehmen und den Krach verhindern, um sich vor der Oeffentlichkeit nicht zu blamieren. Ein großes Malheur Ivar nur, daß ich sie gestern zu spät im Konzert entdeckt habe — gerade vor Schluß. Sie wird mich und Miliea beobachtet haben, sie wird eifersüchtig sein, sie wird eine Szene machen, aber ich werde sie beruhigen — natürlich« beruhigen mit dem Hinweise, daß ich auch geschäftlichen Rücksichten gegen die Schwester meines neuen Kompagnons Popow ein gewisses Maß von Liebenswürdigkeit entwickeln mußte. Ist sie allein nach Moskau bekommen, so wird ihr Absteigequartier bei Praisins sein, ist sie aber in Begleitung des Alten gereist, dann treffe ich sie int Hotel auf der Nikolskaja. Jefim Godunow kann bod} nichts dagegen haben, wenn ich ihm eine Visite mache — ich habe von seiner Anwesenheit gehört, und es ist mir ein Bedürfnis gewesen, ihn sofort aufzusuchen. Mit ihr unter vier Augen zu sprechen, wird sich dann noch immer bei einer günstigen Gelegenheit ermöglichen lassen." Sein Gesicht erhellte sicb und nahm sogar einen gehobenen Ausdruck an. Mit Bedacht blies er die Rauchwolken seiner Papyrosse in die Luft, daß sie zierliche Ringe bildeten. Träumerisch schaute er ihnen nach, und als sie zu phantastischen Gebilden zerflatterten, schien es ihm, als ob aus ihnen die Göttin Moneta mit ihren Goldsäcken tröstend winke. Bald nachher fuhr Dimitry Kalussoff in sehr gewählter Frühlingstoilette zum Hotel auf der Nikolskaja. Hinter ihm thronte auf dem Gigg mit verschränkten Armen der kleine Groom, mißvergnügt über den scharfen Dienst, den er in der letzten Zeit gehabt hatte. Jetzt senkte sich die Peitsche des Herrn zum Gruße, aber Glinka, dem der Gruß gegolten, wandte den Kopf zur Seite, als habe er nichts bemerkt. Der kleine Groom triumphierte, während der Herr wütend in die Zügel riß> daß der Traber erschreckt die Stange zwischen das Mbiß nahm und Miene machte, durchzugehen. „Diese Frechheit!" grollte Kalussoff, während er das Pferd mit aller Kraft zurückhielt, „er wollte mich nicht sehen. Hoffentlich« wird mir bald Gelegenheit geboten, ihm seine Unverschämtheit mit Zinsen heimzuzahlen." 772 — Seine erzürnte NK?ne glättete sich erst, als er vor dem Hotel angekommen war und vom Portier erfahren hatte, daß> Jefim Godunow und Tochter vor wenigen Tagen eingetroffen seien. „Aber der Herr ist schon in der Frühe fortgegangen", fügte der Portier hinzu, „nur das gnädige Fräulein ist da." Dimitry Kalussoff atmete erleichtert auf, denn alles ließ' sich in günstiger Weise an. Eilig sprang er in den Fahrstuhl, der ihn zum ersten Stockwerk emporführte, und in der Stimmung eines Triumphators hieß er einen Kellner seine Karte abgehen, währende er sich im Sprechzimmer niederließ und iuartete. Minute ans Minute verrann, und Dimitry Kalussoff wartete noch immer, Ungeduldig erhob' er sich, und nervös schritt er hin und her. 'Dann blieb er vor dem großen Trumeau stehen, um Jut), zu mustern. Ein gelinder Schreck befiel ihn, als ihm ein gelbliches, verlebtes, übermüdetes Gesicht entgegenstarrte, dessen Augen tief eingesunken und von blauen Ringen umgeben waren. „Ja, man wird alt", Lachte er, „und es ist die höchste Zeit, daß iäy nach allen meinen Sünden ein braver und solider Gatte werde." Wieder verstrichen Minuten. Er griff zu einer Morgen- zeitung, um gleichgiltig den Inhalt zu überfliegen, aber schon nach, wenigen Augenblicken schaute er mit höchster Aufmerksamkeit in die Spalten, seine Hand zitterte, und fein Gesicht rötete sich vor Aufregung. Was den Sturm in ihm hervorgerufen, war ein langer Bericht über das „Konzert Milica Popow", und der Bericht trug die fett gedruckte Ueberschrist: „Eine Sensationsaffäre". 'Die letzte Szene, bie ihm durch das vorzeitige Verlassen des Saales mit Milica Popow entgangen lo ar, erfuhr er jetzt erst. Groß und breit stand in dem Artikel zu lesen, daß Borts Mitrofanowitsch auf Len schleunigst retirierenden „Erfinder"' mit den Worten hingewiesen habe: „Sehen Sie den Schwindler und Abenteurer, der sogar, wie man mir bestimmt versichert bat, einen falschen Namen trägt I" Kalussoff riß die Augen auf vor Ueberraschung und ließ das Matt finken. „Einen fälschten Namen!" rief er, aber zu langem Nachsinnen hatte er keine Zeit, denn soeben öffnete sich! die Thür, und aus der Schwelle stand —, nicht Tattana Godunow, wohl aber Madame Praksin. Er tvar nahe daran, eine laute Verwünschung auszustoßen, aber er bezwang sich und zauberte auf sein Gesicht ein Lächeln, als sei das höchste Glück der Welt auf ihn niedergefahren. Wie zur Bekräftigung seines Enthusiasmus und seiner loyalen Gesinnung schritt er der Eintretenden unter den höflichsten Worten entgegen und küßte ihr ehrerbietig die Hand. Aber Madame Praksin schien auf seine Huldigung keinen Wert zu legen, denn sie befleißigte sich einer nordpol- artigen Kälte, während um ihren Münd ein sehr ironischer und mokanter Zug auftauchte. „Sie wollten Tatiana Jefimowna sprechen", sagte sie rasch, und bestimmt. „Ich bin von ihr zu der Mitteilung beauftragt, daß sie nicht mehr in der Lage ist, Sie zu empfangen." In Dimitry Kalussoffs Augen blitzte es grell auf, seine weißen Zähne krampften sich zusammen, daß sie knirschten, und seine Rechte ballte sich zur Faust. Vor Erregung vermochte er in den ersten Sekunden kein Wort hervorzubringen. Er starrte die Unglücksbotin an, als könnten ihre Worte unmöglich gesprochen sein. „Wie soll ich das verstehen?" preßte er endlich hervor. „Oh, Sie sind so gescheidt, Dimitry Akimowitsch', antwortete Madame Praksin, während sie mit süßester Miene lächelte, „daß ich sicherlich nicht nötig habe- Ihrem Verständnis zu Hilfe zu kommen." Seine Selbstbeherrschung kehrte zurück. „Sehr wahrscheinlich liegen Mißverständnisse vor", rief er, indem er seinem Gesicht den Ausdruck größter Treuherzigkeit gab, „und sie zu zerstreuen, bin ich sofort bereit!" „Ich! bitte, bemühen Sie sich nicht", gab Madame Praksin im trockensten Tone zurück, „ich will Ihre und meine kostbare Zeit mit der Zerstreuung etwaiger Mißverständnisse durchaus nicht in Anspruch nehmen." Sie verbeugte sich, nach diesen Worten mit kühler Höflichkeit, ohne ihm die Hand zum Abschiede darzureichen. Er begriff: Das war Entlassung! „Ihre gütige Vermittlerrolle", sagte er mit Hohn, „verpflichtet mich zum tiefsten Danke, und ihn sobald als mögliche abzustatten, soll mir zum höchsten Vergnügen gereichen." Mit lächelnder Miene, als sei ihm etwas außerordentlich Angenehmes widerfahren, verließ er, Madame Praksin einen wahren Dolchblick zuschleudernd, nach einer gemessenen Verbeugung das Zimmer. In Dimitry Kalussoffs Innern tobte eine wilde Wut, ein glühender Haß, ein grimmiger Durst nach! Rache. Unfähig- sich, zu sammeln, stürzte er nach dem Restaurant des Hotels. Erst hinter Sekt und Austern gewann er die Klarheit seiner Gedanken wieder. „Es ist aus", murmelte er, „auch die letzte Chance' ist verloren; Tatiana Godunow, der Goldfisch, ist von der Angel abgeglitten." Nach! einer Weile, während deren die Sektflasche leer geworden war, flüsterte er melancholisch!: „Bleibt also nur noch die Reise ins Ausland." Vorsichtig zog er sein Portefeuille hervor, um den Inhalt zu mustern. Seine Blicke hafteten an einem Paß. „Gut, daß ich, mir das Papier besorgt habe, denn sonst käme ich keine zehn Werst weit." Behutsam legte er das Papier in das Porte- feiuHe zurück und senkte dieses wieder in die Brusttasche. Sein Mut kehrte langsam zurück. Er ließ, sich eine neue Flasche geben, um sofort ein Glas des prickelnden, schäumenden Inhalts hinunter zu stürzen. „Prosit auf eine glückliche Reise!" scherzte er mit sich Mer bei dem Scherz überlief es ihn kalt — es nagte etwas in seiner Brust, d!as nicht zur Ruhe kommen wollte. Ein sein geschnittenes blasses Gesicht mit seidenweichem Haar und dunklen Augen, die vertrauensvoll blickten, tauchte vor ihm aus, und die Augen sahen ihn llagend und vorwurfsvoll an, als oh sie ihn für tiefes Leid verantwortlich! machten. Sinnend starrte er in das Glas, das Lächeln auf seinen Zügen erstarb und wich der Verzweiflung. „Es hätte ein neues und schönes Leben werden können, aber nun ist es zu spät", gestand er sich. Seufzend füllte er wieder sein Glas, und, während er trank, zerfloß das fttile, blasse Antlitz mit den dunllen Augen in Nebel und an dessen Stelle trat das stolze, gebieterisch blickende Gesicht Milica Popows in strahlender Schönheit. „Ja, Milica soll leben!" rief er leise, das Glas' emporhebend und mit einem Zuge leerend. „Milica bis in alle Ewigkeit!" Sich energisch aufrichtend, schritt er vorüber an den Gästen, die auf den seltsamen Zecher bereits aufmerksam geworden waren, nach seinem vor dem Portal haltenden Gigg. Wenige Minuten später lenkte Dimitry Kalussoff seinen Traber hinaus nach Ljublino zur 'Datsche Mflica Popows. Als er an der Front des Hotels langsam vorüber fuhr, warf er noch! einen Blick zu den Fenstern des ersten Stockwerks empor, aber sie blieben leer — niemand zeigte sich oben. Tatiana saß müde in einem Sessel ihres Zimmers, und Madame Praksin ivar liebevoll um sie beschäftigt. „Es wird vorübergehen, tote alles im Leben vorübergeht", tröstete die Freundin. „Sehen Sie, Tatiana Jefimowna, toie die Frühlingssonne lacht, als wolle sie sagen: Lasset das Leid fahren und freut euch des Daseins! Die Zeit heilt die schwersten Wunden, und find sie geheill, dann scherzen wir, daß unsere Herzen in Angst und Schmerz gezittert haben." r - _■ Tatiana Jefimowna aber sagte nichts, sondern ließ das schöne Haupt gegen die Lehne des Sessels sinken und schloß die Augen. Ter Traber strebte immer weiter, er bog, in die Jljinka ein und eilte die Straße nach- Ljublino hinunter. Vor dem Gitterpförtchen der Datsche von Ilja Popow, hielt ein Lichatsch, dessen Führer auf dem Bock sanft eingenickt war. Der Gigg fuhr an, die Peitsche knatterte, aber kein Mensch kam aus der Datsche zum Vorschein., Nur der Kutscher war emporgefahren und starrte schlaftrunken den vornehmen Herrn an, der von dem Gigg heruntersprang. Tas Schweigen war so beängstigend, daß Dimitry K'alussow einige Sekunden überlegte, ob er vorwärts, schreiten solle. „Unsinn", lächelte er, „was kann da sein — Besuch! ist leider da und hält die allgemeine Aufmerksamkeit gesesselt." (Schluß folgt.)' Auflösung des Arithmogriphs in vor. Nr.: Heilige Weihenacht. (Helene, Engel, Lilie, Wein, Geweih, Nacht.) Redaktion: Cnrt Plato. — Rotationsdruck und Verlas der Brühl'lchen Universitäts-Buch- und Stcindrnckerci (Pietsch Erben) in Gießen.