n 1902. — Nr. 178. Samstag den 29. November, A, . JI ii nkfeM UEWU" a MUWW JfiÖ (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg BuA i J [j i. 'r r In den vornehm dekorierten Saal der Eremitage zu Moskau strahlte die Wintersonne so kräftig hinein, daß die Prismen der Krystallkronen in allen Farben des Regenbogens leuchteten. Tie Garyons, nicht im Frack, sondern im hübsch gegürteten weißen Kittel, huschten geräuschlos mit den schwerbeladenen Silberplatten über die roten Veloursläufer. Obwohl es erst Vormittag war, knallten schon die Pfropfen und perlte bereits der Pommery in oen Kelchen und Gläsern, während die goldene Jugend über Theater und Ballet witzelte oder über Politik und soziale Verhältnisse leidenschaftlich debattierte. Mit den knochigen Fingern die Spitzen des Schnurrbartes kühn emporwirbelnd, spähte Ilja Popow scharf wie ein Sperber nach den Mienen der Tischgenossen. Entzückt nahm er wahr, daß Timitry Kalussoff und der junge Lanin seinen eben geäußerten Ansichten lebhaft zustimmten. Nachdem er den prickelnden Inhalt des Sektglases geschlürft und der Zigarette eine mächtige Dampfwolke entlockt hatte, fuhr er selbstgefällig fort: „Tas Geld liegt auf der Straße, meine Herren, und ein Thor ist, wer nicht schnell zugreift. Tie Elektrizitätsgesellschaften stehen phänomenal da, ihre Papiere steigen mit elektrischer Geschwindigkeit ins Fabelhafte. Elektrische Kraft ist notwendig geworden wie das liebe Brot. Wer's noch mit dem Dampf hält, steht auf einem veralteten Standpunkt. Felsenfest bin ich überzeugt, daß wir schon binnen Jahresfrist auf unserer großen sibirischen Bahn mit elektrischen Lokomotiven dahinsausen. Ja, das Bündnis zwischen Wissenschaft und Technik hat Gewaltiges geleistet. Es ist etwas Großes um den menschlichen Geist, der unablässig der Natur ihre Geheimnisse entreißt, und Raum, Zeit und der Materie lastende Schwere spielend überwindet." Wieder machte er eine Pause, um mit lauerndem Blick den Eindruck seiner Worte zu beobachten. „Wir Russen", schloß er mi* gehobener Stimme, „haben schon mit Rücksicht auf die Größe unseres Vaterlandes, und die Bedeutung des Slaventums die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, in dem industriellen Wettkampfe der Nationen die Führung zu erstreben. Ich für meine Person werde mit aller Kraft und mit nie erlöschender Begeisterung helfen, der Nation durch zweckmäßige Erfindungen den Ruhm und die Vorteile der Initiative zu sichern." „Bravo!" rief Kalussoff. „Stoßen wir an, meine Herren! Solcher Leute bedarf Rußland dringend, wenn es seine erhabene Mission als Kulturträger des Ostens erfüllen soll." Tie Gläser mit dem überschäumenden Sekt berührten sich kräftig ein harter, schriller Ton, und das Glas Popow's lag zerschmettert am Boden. . . „Thut nichts!" lachte Kalussoff. „Tie Begeisterung will ihr Opfer haben. Garyon, ein neues Glas!" An der zitternden Hand Popow's hing ein Blutstropfen, aber sie stießen nochmals mit den Gläsern an einander, daß es wie silberhelles Geläut den Saal durchdrang. „Ströme von Blut fließen!" scherzte Kalussoff. „Er ist schwer verwundet! Ich sehe, Glinka lechzt schon nach einer Amputation!" „Legen Sie ein wenig Heftpflaster auf", riet der Arzt, und sich an seinen Nachbar wendend, meinte er leise mit skeptischer Miene: „Der verehrte Popow hat wieder den Elektrizitätskoller. Seine Rede fließt zwar wie Wasser oder ich will lieber sagen, wie Sekt dahin, denn Wasser scheint nie seine Lippen zu netzen, aber das ganze Geschwätz, ist keine fünf Kopeken wert." „Nicht einen Kopeken", bekräftigte Schischkin. „Darf man Sie auch fragen, lieber Popow, welches Problem Sie zur Zeit beschäftigt?" tönte Lauin's Stimme über den Tisch. „Warum nicht! Tie Herstellung eines Elektrophons!" „Elektrophons — was ist das?" ries ein halbes Dutzend Stimmen. „Nun, die Sache ist leicht erklärt. Es handelt sich um ein Instrument, dessen Saiten ich nicht durch Klöppel, sondern durch den elektrischen Strom zum tönenden Schwingen bringe." „Tas ist nicht möglich", entfuhr es Glinka. „Wie wollen Sie das machen? Tie Klöpel durch den elektrischen Strom ersetzen — Unsinn!" „Und ich sage Ihnen, es ist kein Unsinn", schrie Popow erregt. „Wer von solchen Tingen nichts versteht, hat gleich das Wort „Unsinn" auf der Zunge." Seine Rechte ballte sich zur Faust, und er schien gesonnen zu sein, sich für die erlittene Beleidigung sofort Genugthuung zu verschaffen, „Echauffieren Sie sich nicht", beschwichtigte Schischkin. „Sie wissen, er wirft mit dem Worte „Unsinn" sehr oft um sich, ohne verletzen zu wollen." „Gewiß, ich habe es nicht böse gemeint", versicherte Glinka. Des Beleidigten Miene glättete sich wieder, während seine Faust sich löste. „Und wie geht die Geschichte?" fragte Lanin. „Famos! Kalussoff kann es bezeugen. Er ist der einzige Mensch, dem ich die Sache gezeigt habe." „Ja, ausgezeichnet", bestätigte Kalussoff. „Tas Elektrophon eröffnet, soweit ich zu beurteilen vermag, der Musik eine großartige Perspektive. Ter Ton ist so weich und melodrsch, wie ich ihn bisher noch nicht gehört habe.. Mer alle Beschreibung giebt keine richtige Vorstellung — 7 IQ — Um Besten, Sie hören selbst. Ist es Popow recht, so begleiten wir ihn nach seiner Wohnung." „Nichts könnte mir angenehmer sein", lächelte höflich der Erfinder. „Also vorwärts, brechen wir auf!" ' Sie leerten ihre Gläser, und erhoben sich. „Pardon!" bat Popow unter leichter Verbeugung einen am Nebentisch sitzenden alten Herrn, den er aus Versehen berührt hatte. „Bitte, bitte!" klang es zurück. Tie Blicke Beider begegneten sich und bohrten sich für eine Sekunde in einander. Rasch wandte sich Popow ab. Ueber das Gesicht des andern flag es wie Neberraschung, und seine Miene schien zu sagen: „Tich kenne ich doch!" Scherzend und lachend verließen die Herren den Saal. In lebhafter Unterhaltung schritten sie, fest in ihre weichen Pelze gehüllt, über den knirschenden Schnee nach der Lubjanka. „Trauen Sie unserem neuen Klubmitgliede eine solche Leistung zu, lieber Glinka?" warf Schischkin hin, während sie den anderen folgten. „Im Leben nicht! Er ist ein Strohkopf und Phrasenheld, der ein unverschämtes Maß von Selbstbewußtsein besitzt. Kennen Sie ihn genauer?" „Das nicht. Ich weiß nur, daß er bis vor wenigen Jahren als Elektrotechniker in Odessa thätig war und eine bildschöne Schwester besitzt. Sie werden bemerkt haben, daß ihn Kalussoff protegiert." — Es war ein neues, sehr vornehm ausgestattetes Haus, das sie betraten. Die stiegen die Treppe zum zweiten Stockwerk empor. „Ilja Popow, Ingenieur" stand auf einem Schildchen unterhalb des Klingelgriffs, während aus der Thür ein anderes mit der Aufschrift „Milica Popow, Pianistin" befestigt war. „Meine Herren, treten Sie ein", bat Popow. „Sie müssen verzeihen, wenn es in meiner Werkstatt etwas kunterbunt aussieht; bei Arbeiten, wie ich sie treibe, läßt sich Ordnung nicht aufrecht erhalten." Ein großer Raum öffnete sich, der ein wildes Durcheinander von Werkezugen, Apparaten, Kupfer- und Platindrähten bot, und von dem Gerüche verschiedener Säuren durchströmt war. Mitten in dem Chaos stand das Instrument mit deckellosem Kasten, von dem die Drähte zur Wand liefen und die Verbindung mit der städtischen Elektrizitätszentrale herstellten. „So, nun sehen Sie sich die Geschichte an!" Alle gruppierten sich neugierig um das Instrument ünd horchten den Erklärungen. Beim Truck auf eine Taste wurde unter dem Aus- zucken blauer Fünkchen sofort ein überraschend schöner Ton hörbar, der geisterhaft wie jener einer Aeolsharfe klang und erst verschwebte, als die Taste in ihren früheren Ruhestand zurückkehrte. Gegriffene Akkorde rauschten wie eine Kombination von Cello-, Harfen- und Flötentönen dahin. Als der Baß einfiel, schienen die wuchtigen, tiefen Tonwellen einer Orgel zu erbrausen. Und nun folgte ein machtvoll und feierlich klingends Musikstück. „Leider bin ich kein so großer Pianist, um Ihnen mein Elektrophon in seiner vollen Schönheit vorführen zu können", bedauerte Popow. „Will einer der Herren vielleicht statt meiner versuchen. . ." „Am Besten würde es sein", riet Kalussoff, „wenn Sie Fräulein Milica bewegen könnten, uns von den Vorzügen der Erfindung zu überzeugen. Sie beherrscht, wie ich weiß, das Instrument ausgezeichnet." „Falls meine Schwester zu Hause ist und Lust hat, zu spielen — Damen haben ja ihre Launen — soll Ihr Wunsch erfüllt werden." Schnell schritt er zur Thür hinaus, während die Zurückgebliebenen gespannt auf das Erscheinen der schönen Milica warteten. Am Ende einer Zimmerflucht blieb Popow vor einer Flügelthür stehen und klopfte. Ms keine Antwort erfolgte, pochte er heftiger. Tann drückte er die Klinke nieder — aber die Thür war verschlossen. „Diese fortwährenden Geheimnisse", schalt er ärgerlich. „Wer ist da?" fragte eine weibliche Stimme. „Mach auf, ich bin es! Kalussoff und einige andere Herren aus dem Klub haben mich besucht, um das Elektro- pchon zu hören. Die lassen Dich bitten, vorzutragen. Wichtiges steht auf dem Spiele — ich beschwöre Tich, sofort zu kommen." T Lautes Gähnen wurde hörbar. „Nicht eine einzige Stunde kann man ungestört sein", zankte die Stimme. „Es ist entsetzlich, wie mich dieser Mensch plagt." „Aber ich bitte Dich", rief er wütend, „Du wirst doch von der kleinen Gefälligkeit nicht sterben. Deine Rücksichtslosigkeit geht iu's Grenzenlose!" „Laß mich in Frieden", klang es zornig zurück. „Nein, ich lasse Dich nicht in Frieden. Du mußt spielen!" „Schon gut — schon gut — ich komme", hörte er die unwillige Antwort, und gleichzeitig vernahm er ein Geräusch wie von rauschenden Papieren. „Sie wird von dem vielen Schreiben und Agitieren noch verrückt", murrte er, seine Erregung niederkämpfend und zu den Gästen zurückkehrend. „Nun?" fragte Kalussoff, der am Instrument saß und sich mit einer Komposition Tschaikowsky's abmühte. „Meine Schwester wird in wenigen Minuten erscheinen !" „Ihre Erfindung ist großartig und hat mich überrascht", redete ihn, wie um Versöhnung bittend, Glinka an. „Meine Erwartungen sind erheblich . . . ." Er hielt inne, denn aller Augen wandten sich zur eben geöffneten Thür. Aus der Schwelle stand eine elegante hohe Frauengestalt, die mit musterndem Blick die Anwesenden überflog. Aus den klassisch-edlen Zügen und den grauen Augen sprach ein ungewöhnliches Maß von Energie. Das üppige rote Haar, das lose und malerisch-nachlässig um das schöne Haupt gelegt, und hinten zu einem Knoten aufgewunden war, schimmerte und fluoreszierte in seidenweichem Glanze. Feine bläuliche Tinten, die von dem violetten Sammet der faltenreichen Morgentoilette reflektierten, ruhten aus dem Antlitz und verliehen der Karnation einen eigenartigen warmen Ton von höchstem Zauber. Ihre Rechte hielt mit graziöser Bewegung ein Spitzentuch zusammen, während ihre Linke, an der einsam ein Brillant schimmerte, ein Notenheft trug. Etwas Stolzes lag in der ganzen Erscheinung, das Unterwerfung forderte und zu herrschen verlangte. Kalussoff brach mißtönend seinen Vortrag ab und sprang behend empor. „Fräulein Milica, die sehnsüchtig Erwartete!" beteuerte er, sich tief zum Handkuß nieder- beugend. „Darf ich vorstellen?" Auf ihr zustimmendes Nicken entledigte er sich der Aufgabe mit vornehmer Grandezza. Unangenehm überraschte ihn, daß Lanin so vertraut lächelte, als ob er keiner Vorstellung bedürfe. „Ein berückendes Weib", raunte Glinka in höchster Begeisterung Schischkin zu. „Brillante Figur und wahrhaft königliche Haltung! Das Feuer im Ausdruck zündet wie der Blitz!" »Ich sagte Ihnen ja, daß sie eine Schönheit ersten Ranges ist. Aber in ihrer Physiognomie liegt etwas Medusenhaftes, Grausames, Unheimliches. Frauen solcher Art sind gefährlich. Lassen Sie sich nur nicht in Flammen setzen, denn der Schluß ist — Asche!" Ter Arzt hüstelte verlegen, ohne den Blick von Popow's Schwester abzuwenden. Er empfand Neid gegen Kalussoff, der sie in eine längere Unterhaltung verwickelt hatte. „Ich habe von Ihrem hervorragenden Spiel gehört, mein Fräulein", fiel er ihm rücksichtslos in die Rede, „und darf wohl der Hoffnung Ausdruck geben, daß Sie uns den Genuß Ihrer herrlichen Kunst gewähren. Dem Vortrage einer Meisterin auf einem Instrument zu lauschen, wie es Ihr Herr Bruder erfunden hat, muß doppelt schön sein." „Ich eine Meisterin", spöttelte sie, während ihn ein prüfender Blick traf. „Nein, solchen Ehrentitel maße ich mir nicht an. Zwar habe ich Rubinstein Vieles zu verdanken, aber etwas Rechtes vermochte er aus mir nicht zu machen." . „Ihre Bescheidenheit läßt vermuten", gab er galant zurück, „daß Sie eine würdige Schülerin des genialen Lehrers sind." , , „Nun ja, ich spiele. Man gewinnt durch fleißiges Neben eine gewisse mechanische Fertigkeit. Doch mehr drängt es mich zur Komposition." „Sie komponieren?" fragte er erstaunt. „Warum sollte ich nicht! Oder liegt die Fähigkeit des musikalischen Schaffens nur bei den Männern? Musik 711 ist wesentlich Sache der Empfindung, und rühmt man den Frauen ein starkes Empfindungsleben nach, so ist ihnen auch die Befähigung zum Hervorbringen bedeutender musikalischer Schöpfungen nicht zu bestreiten." „Zweifellos besitzen Frauen eine außerordentliche Tiefe der Empfindung", warf Schischkin ein, „und gerade darum beschäftigen sich so viele von ihnen mit Musik. Mer beim Komponieren mutz die Empfindung korrigiert werden durch den Verstand, der auf Grund eingehender Studien zur musikalischen Erkenntnis gelangt ist." „So werden wir also die Gewißheit haben", fuhr Minka mit graziöser Unverfrorenheit fort, „Fräulein Popow in nächster Zeit als einen Stern auf dem Gebiete musikalischer Komposition feiern zu dürfen. Ich werde sicherlich der erste sein, der ihm begeistert huldigt." „Schmeichler!" lachte sie, während ihre schlanken Finger in die Tasten griffen. Nach einem kurzen Präludium zogen die gewaltigen Tonwellen einer Beechoven-Sonate dahin. „Ihr Spiel ist recht flott, aber seelenlos", dachte Schischkin. „Zwar bin ich nur Jurist, aber so viel verstehe ich doch von Musik, um akrobatische Fingerfertigkeit von einem wirklich Verständnis- und empfindungsvollen Spiel unterscheiden zu können". Und als sie einige ihrer eigenen Kompositionen zum Besten gab, murmelte er ge- rmgschätzend: ,Me hat gestohlen wie ein Rabe." Nur mit Muhe unterdrückte er ein Lachen über den Eifer, mit dem Kalussoff und Glinka sich in Lobeserhebungen Überboten, und über die ernsthafte Miene, mit der sie eine Art Bankerott der Kunst in Aussicht stellten, falls die Publikation der wertvollen Schöpfungen unterlassen würde. r „Jon ko, der Kapellmeister von Strelna, einer meiner besten Bekannte,!, muß Ihren schönen Marsch unbedingt von fernem Orchester spielen lassen", rief Kalussvff lebhaft. , ,, „Und Freund Garschin, Redakteur der „Nowoia Gaseta", sern Möglichstes thun", gelobte Glinka, „den trefflichen Arberten die weiteste Verbreitung zu sichern." ^„^.Ueber die Züge Milica Popow's glitt ein sonderbares Lächeln, in der sich für einen Moment Ironie und Geringschätzung paarten. . „Die ist klüger als Ihr alle Beide", sagte sich Schischkin, der scharf beobachtet hatte. (Fortsetzung folgt.) Zwei, die sich begegnen. Skizze von Wilhelm Schmidt (Bonn). Jeden Morgen, in aller Frühe, saß am Rhein ein junger Krüppel, still, fast ohne sich zu regen, ein Bauer, in Hemd- armeln, gestrickter Weste und genagelten Schuhen, neben sich die zwei Krücken, die oben mit schwarzem Leder und runden Mejsingnägeln beschlagen waren. Mit einem Höcker, chU schiefer Schulter, mit Beinen, die nicht dicker waren «ls Kinderarme, war er zu nichts anderem zu gebrauchen, als hier auf den Steinen am Ufer zu sitzen, während die Bruder auf dem Acker arbeiteten. Und es war möglich, daß dieses ewige Sitzen hier und dieses Hinaussehen auf das weite, ruhige Wasser sein Gesicht so merkwürdig ruhig feme Augen so merkwürdig weit gemacht, und daß die scharfe, feuchte Luft seinen Backen Fleisch und Blut genommen, sodaß nur noch ein paar weiße Knochen da waren. Hier, unterhalb, der Stadt, war eine andere Welt als oben, wo man in die leuchtenden grünen Berge hineinsah. Tas war nicht mehr der Rhein, von dem die Menschen der Erde .träumen. Hier gab es keine senkrechten Felswände, lerne Wemstöcke und keine zerrissenen Burgmauern mehr, die besonnt aus schwarzem Epheu herausschimmerten. Hier sahen die Berge nicht mehr über die Tücher der Stadt weg. Linker Hand lief eine flache Erdwelle mit dem Strom das frühere Ufer. Wenn der Krüppel hinaufstieq, so sah er in endlose braune Felder und über den Strom weg in «ine endlose ferne Stadt von Fabriken mit qualmenden Schloten. Unten aber, wo er saß, sah er von alle dem Nichts, sah nur das Wasser, besonnt und vom Widerschein Des Himmels blau gefärbt, das seine immer neuen Wellen vorbei^chob. Ter Rhein machte hier eine Ecke und war durch lange, schmale Steinkribben eingedämmt, die weit in den Strom hinausgebaut waren und zwischen denen das Wasser ruhig wie ein See stand. Am andern Ufer lag, weiter ins Land hinein, ein Torf um seine Kirche herum, sonst nur Weiden und immer Weiden, Nur die wechselnden Schatten der Wolken brachten in dieses Land der Stille ein lautloses Leben. Hin und wieder auch weit am andern Ufer, im liefern Fahrwasser, ein Schlepper mit rauchenden Schornsteinen, ein Schiff mit ausgespannten Segeln oder ein einsamer Nachen, dessen Insassen nicht zu erkennen waren. Außer den paar Männern, die auf einem warmen Sauofleck am Ufer herumlagen und schliefen, und den Fischern, die auf den Spitzen der Kribben weit draußen im Strom ihre Netze an den Stangen auswarfen, gab es hier nur wenige Spaziergänger: ein paar Studenten, die über irgend eine Frage stritten, ein Professor, der den §ut in der Hand trug, ein alter Bürger mit dem Stock auf dem Rücken. Und itvch einer kani vorbei: ein junges Mädchen, jeden morgen um dieselbe Zeit, in schwarzem Kleid und mit schwarzem Haar, Gesicht und Hände waren das einzige Weiße an ihr — und verkrüppelt, mit zwei Krücken wie der andere, der da saß. Ter ließ kleine Steine, die von der Sonne heiß waren, durch seine Hände gleiten und vertiefte sich ganz darin, wenn er das Mädchen in der Ferne kommen sah. War sie nahe, dann drehte er wie absichtslos den Kopf nach ihr hin. Und dann sahen sie sich an und es geschah etwas Merkwürdiges. Sie, in feinem Kleid, mit dicken Ringen an den Fingern, nickte schnell und mehrere Male, und er, der Bauer, der keinen Hut zum Abziehen auf dem Kopf hatte, lachte. Tann ging auch ein langsames Lachen über ihr Gesicht, mit einem sonderbaren, dankbaren und vertrauten Ausdruck. Er sah den ganzen Tag nachher dieses Lachen vor sich. Es kam so unvermutet auf das weiße, stille Gesicht, daß es wie plötzlicher Sonnenschein wirkte. Nie aber sprachen sie ein Wort zusammen. Sie wurden Freunde, Freunde, die ihr Leid kannten, die sich Trost und Zuversicht gaben durch ein Mckcn des Kopses, durchs einen Blick der Augen. Heute summte der Krüppel vor sich hin, ein Bauernlied, glücklich gemacht durch die warmen Strahlen der Sonne, die ihm durch den Rock hindurch auf den Rücken brannten. Seine blauen Augen liefen nach allen Seiten und standen nicht still. Er faßte mit den Händen um sich und pflückte die ersten gelben Blumen, die am Grasrand standen. Ein Schmetterling, von einem Windzug herbeigetragen, setzte sich auf seinen Arm, und er hielt den Arm behutsam still. Aber vergebens sah er heute den Weg hinauf nach seiner Freundin aus. Ter ganze Weg, der schmal und weiß durch das Gras vor ihm herlief, war heute leer. Auch die Möven, die noch voin Winter her zurückgeblieben ivctreit, die den einsamen Morgengast kannten, und sonst von allen Seiten heranflogen und Brotstücke aus dem Wasser holten, blieben heute fern. Er sah sie auf der Spitze einer Kribbe sitzen, von der sie hin und wieder, ohne sichtbare Ursache, kreischend aufflogeu, um dann zurückzukehren. Ter Krüppel nahm seine Krücken und humpelte über den Sand des Ufers hinunter, der naß war von den Wellen der Dampfer, und ging über die Kribbe hin. Die feuchte Luft legte sich auf seine Kleider, und die Sonnenstrahlen kamen blendend von dem Wasser zurück. Bald stand er draußen, auf der meterbreiten Steinbank, wie auf einen' Schiff, vom weiten, sonnendurchleuchteten Wasser umgebe,.. Er zog Brot aus der Tasche und schnalzte lockend mit der Zunge. Aber die Vögel umflatterten ihn, setzten sich weit oben in die Wellen, ließen sich fast bis zu ihm herantreiben und flogen wieder auf. Plötzlich sah er eine dunkle Masse, im Strom unten, an den Steinen hängen. Er nahm eine Krücke und stieß danach. Er traf auf etwas Weiches, wie auf Kleider. Und da sah er mit einem Male eine weiße Hand im Wasser/ auf die die Sonne fiel. Er hielt den Kopf vorgebeugt, regungslos. Er atmete nicht und sah immer nach der weißen Hand hin, die im Wasser groß und gebogen aussah. Er zog die Krücke zurück, behutsam, und sah mit schnellen Augen, unwillkürlich, zuin Ufer hin, als ob er Hülfe suche. Tann ließ er sich schnell aus die Kniee nieder, während die Hände, die die Krücken hinlegten, plötzlich ihre Kraft verloren hatten und an dem Holz zitterten. Er kroch den schrägen Steinrand hinunter bis ganz an das Wasser. Er stützte sich mit den Händen auf die Steine und starrte aufs neue mit aufgerissenen entsetzten Augen in das Wasser hinein, dessen kleine Wellen an seine Kniee spülten. 712 - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'scken UniversitStS-Bvck- und Cteindruüerei tDietlck Erden) in Gießen. Redaktion: Curt Plato. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Silbenätsels in vor. Nr.: Einwand, Meise, Pauline, Achse, Balltrine, Wilna, Arm«. Wilhelm. mach schnell! . Nä, ich blieven he, sagte der Krüppel eigensinnig, trotzig und drängte sich zu dem Mädchen hin. Ter Bursche hielt ihm ihre Mrme hin. Dä, dhon bte immer hin und her schmieße, laoß dat Mädche nit still ligge, ech jaohn nur schnell dä annere do Holle. Er lief mit hochgehobenen Schuhen über die Steinbank hin, he, he! rufend. ..., „ f,™ Mfirrv her meisten Land I Ter Krüppel, allein, sah wieder in das Mädchengesicht. Ertdltch griff er ,mt der tzaudnach der^wechen yano den Kops mit dem langen Haar in seine Hand, b« unten, m kalte,^ golde^Wa,ser Yrumm Alster Mitleid, damit er nickt auf dem harten Stein liegen !»»->■ b« ** Äne^Krast nicht g?oß war mußte er beide Hände Stirn, auf das starke Kinn. Tas ganze Gesicht da, fern ■siiiiÄia nicht näher trauten, sah der Krüppel mit Steinen warfen und ^m die Hunde uachbeltten, wenn we /wie^aus Wachs, auf den geöffneten Mund, in dem die ohne Pfarrer und Meßner begraben, wenn man es thaft Zähne sichtbar waren. Seine'Arme waren gelähmt und aber trotzdew: - er: er rechnete esSchande kraftlos Ihn schwindelte. Langsam richtete er sich auf und an, daß sre chr Leben tote emen Stein hinter sich gewo l u Xi? K d^7nL?und die schmalen Finger, deren Aitzen blau und j-ll- Brust, schmal wie eine «nderirnst. r-nchle Mr Au. schwellen L°"i-l?hNch "prang »» ' K'bnnn ,uh er wieder nach dem Mädchen «u uud in ihm aus -m.«-d-nre, bäuerisch lebe» ÖS-S 6Ät S' Lfths Wen” Me S V» ßtundeA ton sie nach Millich ««d^weuu st- bin und her hielt die Hand über ihren Mund, um ihren I wieder lebt? Herrgott, das mußte's s Atem zu Mren legte ihre» Kopf höher auf die Steine, wissen, soll ich sie nun lebendig^machen, und soll sie das bis enolich ein Wasserstorm aus dem weißen Munde brach alles noch einmal durchmachen? ünd ein unregelmäßiges Zucken durch die geschlossenen Angst kam^uber- * der Schweik in b»en Tudpseu kam ^vom"Üfer^her ein Bauer, der Pferd und starkem Willen auf seinem l-mgem ^gezehrten Geftchft Pflug auf 'dem Acker hatte stehen lassen, um zu sehen, was I e\^ete Er^lastte den Körpernden Schultern und da auf der Spitze der Kribbe vor sich ging. Em starker zu verdeckte. Er faßte de" Körper an gtrQtn Kerl mit langen dünnen Beinen und einem mächtigen Brust- schob ihn ms Nasser W Ück,^m den^t^^ Gesicht kästen darüber. Er sah verwundert auf das Mädchen hin- hinein. S das Haar schwamm noch ""^Laoß^sieben Rauh, sagte der Krüppel und streckte den eine Weile oben und bezeichnete dem Kruppeft der stand Arnr zum Schutze vor. Ter andere stieß den Arm mit ferner und ihm nachsah, ineStelle, wo K0^ rrren riesigen braunen Hand beiseite und bückte sich sodaß er Tann humpelte der Krüppel, von den Bogern um^ Mischen dem Krüppel und dem Mädchen stand. Er riß schnell zuruck. 51 £aV fnnt wx bumvelte schnell ^as nafle Kleid gaiiz f ff I :.p.. dern^Torf'^u^^uach '^aug^wo er sich in seins. faßte er den Körper an, anders wie der schmächtige Krüppel, auf der Straße klang 'schon. Litte ihn hin nn'd her über di- Steine rüttelte I6n, Mag ».amst- mit der flachen Hand auf den verwachsenen Rucken. sich dann nach ihm umiayen M g stj . > Tem Krüppel, der zurückgedrängt war, kletterte ein zu bemerken, trotzig, die Zahne au'einanvertzeoi^n,^ Gefühl des Unwillens und der Feindseligkeit in die Kehle gerunzelter Stirn und funkelnd lgem wie gegen den rauhen, entschlossenen Burschen. Das war, als bereit, mit fedem den.Kampf aufzuneymen^o . ^erbareA wenn das Leben selber, das rohe, das harte, vor dem I That wegen ang s • & starte in sich und war bas Mädchen davongelausen, nun da über sie gebückt sei sonniges, m' 9efa«nte2 ®efubl öer und sie sich mit allen Mitteln zurückhole. überrascht und saft glücklich daruver. Ter Bauer überlegte einen Augenblick, nahm seine Pfeife sRHherrätfeL aus der Tasche, rieb ein Streichholz an der Hose und I Sö,l’err ’ zündete sie an. Tie moß en et Huus jedraage würde, agte er und maß die kleine Gestalt des andern mit emem -rufenden Blick, der dann den Ausdruck der Gering- chätzung annahm, ävver du bes zo schwach dozo. Er drehte ich nach dem Lande hin und rief: He, he! Aber das Wasser und das weite, offene Land verschluckten den Rus, und der andere Pflüger da hinten ging unbekümmert seinen langsamen, schweren Gang über den Acker weiter. Gang du, sagte der Bursche zum Krüppel, holl eenen. * Hl 3.