1902. — Nr, 161 s -• \ äTjfim WUk .;V/ USB H8 (Nachdruck verboten.) Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel» (Fortsetzung.) Sie verschwend eiligst, und Hesekiel über seine Geschicklichkeit und den günstigen Zufall hochzufrieden, rieb sich vergnügt die Hnäde. Nur ein Punkt machte ihm noch Sorge: Minna konnte er zwar den Tag über aus seine Weise überwachen; aber wie und durch wen würde er erfahren, wenn sie sich des nachts aus ihrem Zimmer entfernte, oder wenn sie jemand zu sich einließe oder gär aus dem Hause ginge? Er konnte nicht gleichzeitig im fünften Stock wohnen und im sechsten aufpassen, nicht gleiche- zeitig den Herrn und den Diener spielen. Wer weshalb konnte er sie denn nicht in diesem kleinen, finsteren Verschlag einquartieren, den ihm' die Portiersfrau mit dem Bemerken gezeigt hatte, daß man Dort im Notfälle eine Dienstperson hineinlegen könnte. Dann wäre sie auch des nachts mit ihm unter gleichem Schloß und Riegel. Und wohlgefällig sagte er sich selber: „Tu bist, entschieden ein sehr tüchtiger Kerl, Hans Hesekiel." Es klingelte, und er öffnete schleunigst. Ein Blick überzeugte ihn, daß Frau Peters das Bild des Mädchens sehr richtig und sehr genau entworfen. So hatte er sie sich auch vorgestellt, voll Schüchternheit und voll Verlegenheit, mit gesenktem Blick, doch im ersten Moment erschien sie nicht hübsch, noch weniger schön. Wer sie hatte etwas Mgenartiges, ein gewisses bestechendes Etwas an sich, das Hesekiel als Kenner sofort zu schätzen wußte. Es' war ein Vergnügen, ein solches Wild zu erjagen, wie dieses hier. Entschieden, sein Handwerk hatte feine guten Seiten. „Sie sind mir auf das' wärmste von der Portierssrau empfohlen, Fräulein", sprach er sie an, „und in meiner Eigenschaft als Mieter habe ich immerhin das Interesse, ihr irgendwie gefällig zu sein. Sonach, wenn Sie nicht gar M hohe Lobnanforderungen stellen, bin ich gewillt, Sie rn meine Dienste zu nehmen. In der Provinz sind wir nicht gewohnt, so hohen Lohn zu zahlen wie in Berlin." „Ich weiß dies, gnädiger Herr, und da auch td) den Wunsch hege, mich Frau Peters gefällig zu erweisen, will ich Ihren Wünschen gern in jeder Weise entgegenkommen." „Ist es Ihnen daher lieber, daß ich mich in diesem Punkte mit der Pertiersfrau verständige?" „O ja! Ich 'Erde dies vorziehen, gnädiger Herr." „Gut. Ich habe aber eine wesentliche Bedingung an Sie zu stellen." „Welche, gnädiger Herr?" „Nämlich die, daß Sie Ihr oberes Zimmer aUfgeben Müssen, um in dieser Kammer zu schlafen, die sich! neben diesem Salon befindet. Ich könnte Wer Nacht plötzlich, krank werden und wünsche daher, jemand in meiner Mhe zu wissen." „Ich finde dies ganz selbstverständlich^ gnädiger Herr, und gehe darauf ein." „So wäre denn alles abgeMacht." Hesekiel kehrte in den Salon zurück und ließ Minnä im Vorzimmer, die leise lächelrrd vor sich hinmurmelter Entschieden, Tu bist ein Genie. Und er ist jetzt gefangen!^ 52. Kapitel. Georg Rakenius teilte nun sein Leben. Den einen Teil widmete er Franz, von Sempach, den andern der Gräfin Torvukosf. Für Franz war er voll Ergebenheit, fovd währender Freundschaft trotz seines Verrates, oder vielleicht gerade wegen dieses Verrates, um dadurch seinen Freunds schaftsbruch in etwas wieder gutzumachen; und bei ihr fand er trotz aller Gewissensbisse glückliche, selige Liebe». Was aber seine Arbeit anbetraf, die Arbeit der Ausführung und des Gedankens — denn jeder Maler, wenn er wahrhaft Künstler ist, träumt und sieht sein Werk schon vor den« Beginn, — so dachte er nicht mehr an sie, fand er keines Zeit mehr, daran zu denken. Er stand ganz gegen seins sonstige Gewohnheit ziemlich spät auf. War er dann aufc gestanden und angekleidet, ging er zu seiner Schwester, die seit einiger Zeit viel seltener an ihn das Wärt richtete» Sie unterhielten sich wenige Augenblicke — das' war allesp Er wagte sich nicht über ihre Wortkargheit zu beklagen^ deren Ursache ihm nicht entgehen konnte. Tann eilte ec zu Sanftleben, um zu erfahren, ob die Ueberwachung Minnas etwas neues an den Tag gebracht hätte. Nach seinem Besuch auf der Agentur begab er sich zum Verteidiger Sempachs, dem er gewünschte Notizen und unerläßliche Aufklärungen gab und dessen Eifer er anzuspornen suchte, ununterbrochen bemüht, ihn von der Unschuld des Angeklagten zu über-? zeuen. Auch machte er öfters von der Freundlichkeit des Polizeipräsidiums und der Erlaubnis, seinen Freund ganz nach Belieben zu besuchen, Gebrauch und fuhr nach Moabit hinaus, um dort einige Minuten mit dem armen Franz zu verbringen. Er berichtete ihm von seinen unternommenen Schritten und verschiedenen Versuchen, besprach sich darüber mit ihm und versuchte seinen Mut aufzurichten; denn die Einsamkeit und das lange Harren hatten Sempach schon furchtbar niedergeschlagen. Tie Freude, die Georg sonU empfunden hätte, seinen Freund wieder zuseh en, verwandelte sich durchs seinen gegen die Freundschaft begangenen Fehler in Schmerz und bitteren Vorwurf. Aber trotzdem zwang er sich zu diesem Leiden, um dem Gefangenen und von aller Welt Wgeschlossenen einen Lufthauch von da draußen;» ein Echo des Außenlebens zu bringen, einen Sonnenstrahl in das Dunkel seiner Nacht. Sobald er seine Pflichten erfüllt hätte, vergaß er bal8 den Freund über die geliebte Frau, unterdrückte ferne letzten Vorwürfe »W stürmte auf Flügeln der Liebe zur .Gräfin 642 Dovoukosf. Jeden Tag UM drei Uhr betrat er das Palais Und begab sich sofort in das Ateiier nach oben auf jenem Weg, den er nun schon so gut kannte. Und sie erwartete ibn schou immer voll Aufregung, sobald sie nur seinen Schritt auf der Treppe erkannt hatte. Kaum waren die Thüren geschlossen, die Portieren herabgelassen, als sie ihn mit sich in den Hintergrund des Ateliers zog, sich an seine Seite setzte, ihre Hände in den seinigen, und ein Strom von gehasteten Worten und Fragen, die keiner Antwort harrten, entströmte ihren schönen, schwellenden Lippen: „Was haben Sie seit gestern begonnen? Wo waren Sie? Haben Sie an mich gedacht, — immer, immer nur an mich? Ah, — die Zeit schien mir so endlos lang! Tiefe Nacht hab' ich von Ihnen geträumt. Mir Ivar, als liebten Sie mich nicht mehr; ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Was soll der Traum bedeuten? Tu liebst mich doch, nicht wahr? Tu wirst mich ewig lieben. Ich kann ja ohne Dich nicht mehr leben. Tu bist ja mein Alles, mein ganzes Sein. Tie Welt ist mir gleichgiltig geworden. Ich mache keine Besuche mehr, empfange nicht mehr, gehe nirgends hin. Ich lebe nur, wenn Tu hier bist, hier an meiner Seite. Wenn Tu fort bist, dann bleibe ich noch in diesem Atelier, dann bilde ich mir ein, daß ich! Tich immer noch sehe. Ich spreche mit Dir, und Tu giebst wir Antwort." Sie sprach die Wahrheit und übertrieb nicht. Sie liebte nur ihn allein, mit rasender Leidenschaft. Sie rächte sich an der Vergangenheit, — an ihrem Strebertum, an ihren Io lange unterdrückten Leidenschaften, — sie rächte sich für ite der Welt gebrachten Opfer, für ihre so lange geheuchelte Kälte, für ihre stolze Zurückhaltung, ihren Hochmut. Wie war es nur gekommen, daß sie ihn so rasch, so Unsagbar lieben gelernt? Oft schon hatte sie versucht, sich das klar zu machen. Da sie vor ihm kerne Geheimnisse hatte und an seiner Seite oftmals ganz laut dachte, erzählte sie ihm urrumwunden, an ihn gepreßt, ihre Augen in die seinigen versenkt: „Tu hast wir gleich das erstemal gefallen, als ich Dich sah. Ich war betroffen von Deiner zugleich mannhaften und milden Schönheit. Dein Blick, der ununterbrochen wechselt, bald wild, bald weich, — bald müde schläfrig, bald erglühend, — hatte mich durchdrungen. Ich bemühte mich Mängel an Dir zu entdecken; ich fand keine. Ich dachte mir: „Das' ist das Mensch gewordene Ideal, das ich ersehnt; so war oer, den ich als jrrnges Mädchen wir erträumt hatte, den ich mir zum Manne gewünscht hatte." Tu hattest damals die Angelegenheit Deines Freundes mit Leidenschaft vertreten, und Deine etwas langsam betonte, warme Stimme erfüllte mich mit Entzücken. /Wenn er seine Freunde bis zu dem Punkte lieben kann", sagte ich mir dann wieder, wenn er schon die Freundschaft so güt versteht, wie muß der Mann erst eine Frau tieben können." Sie unterbrach sich, uw sich nur dichter an ihn zu schmiegen, und fuhr fort: „Trotzdem hatte ich Dir meinen Namen verborgen, hatte ich Dich getäuscht und war Dir entflohen. Bangte ich bloß für weinen Ruf? Ich glaube nicht. Ich mußte auch einem anderen Gefühle gehorcht haben. Ich hatte Angst vor mir, vor Dir. Und als Tu mir endlich mein Bild geschickt hattest, da rief es in mir: „Taß er mich bloß aus dem Gedächtnis so ähnlich macht, daß er mein Bild so behalten hat, welchen Eindruck muß ich auf ihn gewacht haben!" Und unbewußt fühlte ich mich glücklich und befriedigt. Ich schrieb Dir dann, Tu möchtest kommen, ich wollte Dich sehen. Du kamst sofort. Welcher Empfang wurde Tir damals zuteil! Wie war ichi kalt und hart! O, heute darfst Tu Tich darüber nicht mehr wundern. Ich gab _ mir Mühe, mich gegen mich selbst zu schützen, Hindernisse, Eisberge zwischen uns aufzutürmen, doch sie zerschmolzen im Feuer Deines Blickes. Ich sagte zu Tir: „Kommen Sie wieder!" Und Tu kamst wieder. Und als wir hier stundenlang plauderten, als Tu mir Dein Leben, ich Dir das meine erzählte, da mußte ich Tich nach und nach aus voller Seele lieben, nachdem ich Tich bis dahin NUr als Künstlerin mit dem Auge geliebt hatte." So sagte sie ihm alles^ was sie dachte, was ihr auf kein Herzen lag; und er — er ließ sie reden, ohne sie zu Unterbrechen, selig, ihr zu lauschen, in seiner Eitelkeit leise geschmeichelt — in eine Seligkeit, in jene Halbekstase getaucht, die sich geliebt weiß'. — Doch wachte er bald auf, um sie voll Aufregung und Ungestüm an sich zu ziehen und ihr seine Liebe in noch beredteren Wörter: zu gestehen, als sie ihm eben die ihre gestanden hatte. Tie Frau, die bis dahin so sorgfältig um ihren Ruf bemüht war, auf ihren Namen so stolz schien, die ehedem so unendliche .Vorsichtsmaßregeln ergriffen, so tausend Listen ersonnen hatte, um sich zu Sempach nach Friedenau zu begeben, diese Frau fürchtete heute nichts mehr und hatte ihren ganzen Mut wiedergefundeu. Allerdings hatte sie Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um sich gegen Indiskretionen und Ueberraschungen der Bediensteten zu sichern; unter dem Vorwande, sich! vor der Zugluft zu schütze::, und im Atelier mehr Schatten zu erzeugen, hatte sie im Atelier mehrere spanische Wände und große Schirme auf- gestellt, die so das Gemach in mehrere Teile teilten, kleine Zimmerchen bildeten, und zwischen der Eingangsthür und dem Hintergründe, nach dem sie sich mit Vorliebe zurückzogen, verschiedene Mauern darstellten. „Und schließlich, was liegt auch daran!" rief sie ost. ,/Jch liebe Tich grenzenlos, und für einen solchen Mann kann man sich wohl zu Grunde richten!" 53. Kapitel. Nie ward ein Spion besser überwacht, niemals ein Polizeiagent besser an der Nase herumgeführt, als Hesekiel von Julie Farkas. Und es ivar wirklich traurig, daß Julie Hesekiels Handwerk ohne Besoldung betrieb, indes der Beamte Sanftlebens für das {einige hohe Summen erhielt. Schon am zweiten Tage ihres Dienstantrittes bei dem Mieter der fünften Etage wußte Julie, woher er kam, was er beabsichtigte, auf wessen Rechnung er arbeitete, kurz und gut, sie hatte ihn, wie sie sich selbst trivial ausdrückte, durch und durch „ausgesackt". Er hatte sich jedoch durch nichts selber verraten; man konnte ihm weder eine Indiskretion noch eine Unvorsichtigkeit vorwerfen. Aber diese kleine Viper war heimlich hinter ihm hergeschlichen, ohne daß er sie gesehen, hatte langsam denselben Weg verfolgt wie er, ohne daß er sie bemerkt hätte, und so kannte sie ihn nun vom Scheitel bis zur Sohle. „Ein Provinzler?" hatte sie sich erst gesagt. „Warum nicht gar! Ein Provinzler, der hätte eine andere Wäsche, als er sie hat, und Kleider in besserem Zustand. Seine Hemden sind gestopft, und seine Kleider riechen nach der Seine; nur das, was er an hat, ist sein Eigentum, weil er es sicherlich soeben gekauft hat, und da er dessen zu seinem Dienst bedurfte. T!ann hat ein Provinzler, der in Berlin ankommt, nur einen Gedanken: Unter den Linden und in der Friedrichstraße zu bummeln, ins Theater zu gehen, Abenteuer zu suchen; mein Mann aber rührt sich den ganzen Tag nicht von zu Hause weg. Und warum? Weil ihn eine Thätigkeit zurückhält. Worin besteht diese? Tas ist leicht zu erraten: er geht um mich herum wie die Katze um den Brei, starrt mich an, versucht, mich zum Reden zu verleiten. Er hat es also auf mich abgesehen. Sobald er mich in Ruhe läßt, so schreibt er. An wen? An eiinen Verwandten oder an einen Freund? Er würde mich in diesem Falle mit dem Brief auf die Post schicken« Nein, er trägt ihn selber dahin, nachdem er ihn heimlich adressiert hat. Tas ist kein Bries, sondern nichts weiter als e>in Rapport für die, die einen solchen verlan/gen." Diesen Folgerungen und Schlüssen folgten bald viel wichtigere Entdeckungen. Verschiedene Anzeichen hätten auch eine minder Erfahrene als Julie auszuklären vermocht. Sa z. B. ein über die Schulter Hesekiels hinweg flüchtig gelesenes Wort des Rapportes oder ein technischer Ausdruck seines Berufes, der ihm plötzlich entschlüpft war, oder ein Stück Papier, das er in der Tasche vergessen hatte, als er Knall und Fall packen mußte, oder auch eine buntfarbige Auszeichnung im Knopfloch eines alten Rockes, die sie bemerkt hatte. Ta sie trotz ihres genugsam verwerteten und reichlich ausgefüllten Lebens immerhin noch jung war und sich infolgedessen fürchterlich langweilte und Unterhaltung liebte, spielte sie von morgens bis abends Komödie, nachdem ihr das Komödienspielen von ihrem Spießgesellen schon längst beigebracht worden war. Sie hielt es für eine Ungerechtigkeit, daß sie ihn so genau kannte und er von ihr gat; nichts wußte, und deshalb begann sie, ihm ihr Leben zu erzählen. Ihre Eltern, die einst sehr reich gewesen waren. Hatten ihr eine vortreffliche Erziehung augedeihen lassen und waren, nachdem sie sich auf der Börse zu Grunds 643 gerichtet hatten, vor Gram gestorben. Ms Waise--- wäre sie nach Berlin gekommen, um ihr Glück zu versuchen. Doch wehe! Wenn man entschlossen ist, anständig zu bleiben, läßt das Glück lange auf sich warten. Nachdem sie vergeblich versucht hatte, irgend eine Stelle als Gesellschafterin oder Kindergärtnerin zu erhalten, mußte sie eines Tages, um nicht einfach zu verhungern, bei Frau von Sanden als Kammermädchen eintreten; sie hatte diese Dame für verheiratet gehalten. Sie hatte es sehr gut mit ihr gemeint, würdigte sie sogar ihrer Freundschaft und hätte ihr sicher einen besseren Posten verschafst, wenn sie nicht der Tod so plötzlich überrascht hätte, wenn nicht diese furchtbare Katastrophe eingetreten wäre. Sie erzählte ihm die ganze Geschichte so einfach und natürlich, mit einem solchen Ausdruck von Aufrichtigkeit, daß sich schließlich Hesekiel, der noch Neuling in seinem Fache war, dachte, obwohl er sich lange dagegen gesträubt hatte: „Aber warum endlich kann denn dies nicht wirklich so sein?" Sie näherte ssich ihm dann öfter in aller Unschuld wie ein Kind, das an nichts Arges denkt, und streifte ihn, während sie sprach, wie unabsichtlich, durchbohrte ihn mit ichrem lebhaften, glühenden Blick und lachte, so vft sich die Gelegenheit bot, mit vollen Lippen, um ihm ihre weißen, kleinen Zähne und ihr frisches Zahnfleisch zu zeigen. Um ihn gänzlich zu erobern, erinnerte sie sich wieder ihrer früheren Gewohnheit, nut der Zunge über die Lippen zu huschen, wie die Viper ihre Zunge herauszuschleudern pflegt, und leckte sich die Lippen. Hesekiel wußte nicht mehr, was er von ihr glauben sollte. Hatte sie ihn zum Narren? War er wirklich in Gegenwart eines jener Geschöpfe, die man einer jeden Thal für fähig hielt, das sich sogar an einem Mord sollte beteiligt haben? Oder hatte er es mit einer arg verleumdeten, anständigen Person zu thun, auf die man einen ungerechten Verdacht geschleudert hatte, — welch letzterer Ansicht auch der Untersuchungsrichter nnd Polizeikommisfar waren, die sich doch schließlich darin auskennen mußten? Wie dem auch war, ob gut oder schlecht, — für den Augenblick war sie von musterhafter Aufführung. Nachdem sie den ganzen Haushalt mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt besorgt hatte, setzte sie sich gewöhnlich in das Eßzimmer und beschäftigte sich mit einer Näharbeit. Sie ging nur aus, wenn sie in einem Nachbargeschäft etwas zu besorgen hatte, und Hesekiel, der dann sofort an das Fenster lief, um sie mit den Augen zu verfolgen, mußte zugeben, daß sie sich niemals unterwegs aufhiekt und meist rascher zurückkehrte, als er erwartete. Abends zog sie sich dann in das finstere Kabinett zurück, das ihre Schlas- kammer geworden war, und ließ, um mehr Luft zu haben, die Thür in das Borzimmer weit offen. Ihr Herr konnte somit jeden Augenblick konstatieren, daß sie sich in ihrem Bette eines kräftigen, höchst unschuldigen Schlafes erfreute. (Fortsetzung folgt.) Der Kummer bei groß und klein?) Nach dem Englischen. Der Mann, der das Meeresufer entlang dem mit dichtem Unterholze bestandenen Walde zuschritt, wußte nicht, daß ein Knabe hinter ihm yerging. Zu einer anderen Zeit hätte er das Glitzern der Wogen im fernen Sonnenuntergang nicht unbeachtet gelassen und hätte sorgfältig vermieden, die zarten rosa Glöckchen der wilden, wohlriechenden Blatterbse im salzigen Boden niederzutreten; er hätte die schreienden Möven beachtet, die über der Bucht kreisten, wo ein Fischerboot beim Landen seine zu kleinen Fische ausgeworsen hatte. Nun wandte er seine Schritte nach dem steilen Ufer und warf sich da nieder, wo armselige Fichten und die Spitzen von Zwergcedern einen kurzen Schatten warfen und die Einsamkeit noch erhöhten. Er schleuderte den Hut beiseite und legte sich mit dem Gesicht auf den Armen nieder. Ter kleine Knabe machte auch Halt; er war mechanisch dieser großen, vierschrötigen Figur in grauem Leinwand- auzug gefolgt, weil sie zufällig denselben Weg gingen, gerade wie ihm ein Hund nachlief, dessen Aussehen darauf *) Für die „Gießener Famb l." aus Harpers Magazine, einer der berühmtesten amerikanischen Zeitschriften übersetzt. Nachdruck dieser Uebersetzung nur nach besonderem Uebereinkommen gestattet. yindeutete, daß fern einziges Ziel im Leben war, Mitgefühl zu erwecken. Sie erreichten das Ende des steilen Ufers und anscheinend des irdischen Ehrgeizes, denn der Kleine blickte ziellos umher, und der Hund wedelte traurig mit dem Schwänze. Das Wasser der Meerenge leckte an dem vorspringenden Lande mit winzig lleinen, weißen Wellen, die sich weit am Ufer hinauf ausbreiteten. Es war ein einsamer Platz; der Knabe kletterte über das steile Ufer und setzte sich so, daß er dem dalieaenden Manne den Rücken zeigte. Seine kurzen Hosen waren in gleicher Linie mit dem 'Kinn; in trostloser Stimmung warf er Stückchen Holz in das "Wasser, die der Hund holen sollte; dieser jedoch kroch nur näher herbei und sah sehr kummervoll aus. Mürrisch blickte der Mann aus und sagte: „Heda, was fehlt Dir?" „Mir fehlt nichts!" erwiderte der kleine Knabe, der sich bemühte, heiter zu erscheinen, was ihm jedoch vollständig mißlang. „Dann laß mich hier in Ruhe, bitte!" Der blonde Kopf des Mannes fiel wieder auf seinen Arm. „Ich thu' Dir ja nichts", sagte der Knabe trotzig. „Dann laß' den Hund in Ruhe! Verflucht! Jag' ihn fort, hörst Tu nicht?" Es sah aus, als wenn der Mann den Hund treten wollte; die Augen des kleinen Knaben flammten plötzlich aus und füllten sich mit Zornesthränen. Er richtete sich mit hochmütiger und grimmiger Gebärde trotzig auf, und. seine Augen bohrten sich fest in die blauen Augen hinter ihm. „Wenn Tu beit Kummer berührst, so werde ich Dich lecken", sagte er. Tor Mann drehte sich um und lachte trotz seiner finsteren Stimmung. „Auf mein Wort, Tu bist ein mutiger Bursche. Ich bin jetzt gerade nicht zum Kämpfen aufgelegt, obgleich wir schon spieen, wie zwei Katzen. Wer ich bin schon beim ersten Kampfe von Dir besiegt. Ich danke Dir." Ungläubig blickte der lleine Knabe die vierschrötige Figur des Mannes an und machte eine geringschätzende Gebärde. „Ueber den Kummer ist heute schon genug getobt worden." „Ich habe Mitgefühl mit dem Kummer", sagte der Mann. „Ich habe selbst heute getobt und eine bittere Erfahrung gemacht, die bitterste, die ich je in meinem Leben machte. Tor Name des Hundes ist zutreffend; es ist der elendeste Köter, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe!" ,/Es ist eben nur ein Hund!" Der KUabe streichelte trotzig das ungekämmte Fell des Hundes. „Ich wünschte, ich wäre es!" murmelte der Mann. „Wenn ich ein Mann wäre, möchte ich doch kein Hund sein —" „Ganz richttg! Gerade, weil ich heute noch nicht zur Hälfte M a n n genug bin, wünsche ich es. Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich nicht hier." ,-Gefällt es Dir hier nicht?" „Es gefällt mir hier außerordentlich gut; gerade deswegen." „Ich möchte auch gern mit dem Kummer hierbleiben, wenn ich könnte, aber mein Vater reist morgen ab —" er war ein sehr Keiner Knabe, und seine Schultern hoben sich verräterisch — „und ich kann den Kummer nicht mitnehmen." Tas erste wirlliche Zeichen von Interesse stahl sich in die Stimme des Mannes. „O", sagte er, „Deine Mutter kann die Hunde wohl nicht leiden?" „Habe gar keine Mutter." „Vielleicht Deine Schwester?" „Hm—" der kleine Knabe schluckte etwas hinunter — „ich habe gar niemand außer dem Kummer, — nur wenn der Vater zu Hause ist, und das ist nicht oft. Mein Vater ist ein sehr beschäftigter Mann. Ta ist ja auch Griffits — das ist mein Hauslehrer — aber der zählt nicht- Wir haben einen Monat lang zusammen aus der Jacht gelebt, weil mein Vater nach Afrika geht. Ich und der Kummer sind den ganzen Tag zusammen gewesen. Er hat mich, sehr gern, — nicht wahr, Kummer?" Tos Knaben Antlitz ruhte auf seiner Hand, während er den Rücken des Hundes mit seinem Fuße rickb. Sein Gesicht war sehr blaß, seine weiße Seidenbluse war mit silbernen Knöpfen besetzt, silberne Schnallen waren M 644 Litterarisches „Himmel und Erde", Illustrierte naturwissenschaftliche Monatsschrift, herausgegeben von der Gesellschaft Urania, Redakteur Dr. P. Sch wahn, Verlag von H. Paetel in Berlin. Jahrgang XIV, Heft 11. Dr. Alex. Rumpelt-Taormina, bekannt durch seine lebensfrischen Reiseschilderungen aus Sizilien, führt die Leser dieser Zeitschrift abermals an die Gestade des Mittelmeeres. Diesmal durchwandert er mit ihnen den klassischen Boden von Syrakus, wo der hellenische Hauch, welcher der Insel ihre zauberische Atmosphäre verleiht, am deutlichsten zu tage tritt. Tie Rumen der Tyrannenstadt geben dem Verfasser Anlaß zu fesselnden Schilderungen ihrer großen Vergangenheit und der seinen Lederschuhen und' silberne Buchstaben an seiner weißen Mütze. Tie Innenseite seiner Hände war zart, und seine Haut war weiß und fein. Ter Mann berührte sanft den Schwanz des Hundes. „Tas ist ja sehr traurig!" sagte er; der Kummer aber lief dem sandigen Ufer zu, um nach Möven zu jagen. „Es ist ein schöner Hund, mein Kind. Ich wundere mich nicht, daß Tu ihn gern bei Dir behalten möchtest. Wenn Du Deinen Vater vielleicht noch einmal bätest —" „Meinen Vater darf man nicht zweimal um etwas Litten", sagte das Kind ernsthaft; „ich will auch nicht, daß der Kummer überall auf der Jacht im Wege ist. Tas Fahren auf dem Meere verträgt er ja sehr gut. Er will nur bei mir sein. Siehst Tu, ich fand ihn selbst; er gehört mir; niemand kaufte ihn für mich. Sem Zuhörer war überrascht von der bedeutsamen und leidenschaftlichen Art, wie der Keine Knabe sich ausdrückte. Der Mann sah ihn scharf an. '"„Heda! Bist Tu - bist Du vielleicht der Sohn von H. Katerfield?" . • ' „Natürlich!" Der Knabe sah ihn mit betrübten, aber Vermischtes. Um kranke Körperstellen oder -teile empfindungslos zu machen, wird bei Operationen Aether, Cocain, Morphium u. bergt. Narkotica verwendet. Nun hat T'Arsonval, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, mitteilt, die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß die Haut, wenn man sie 10—15 Sekunden lang der Einwirkung von Hochfrequenzströmen aussetzt, unempfindlich wird. Bei Anwendung eines Stromes von 250—300 Milliamperes Stärke und 700 080 bis 800000 Schwingungen in der Sekunde konnte Tidsbury eine genügend tiefe Empfindungslosigkeit hervorbringen, um schmerzlos Zähne auszuziehen und Geschwüre und Kieferabszesse zu öffnen. Er stellte zunächst einen Abguß der Zahnhöhle her, überzog denselben mit einem leitenden Pulver und setzte ihn dann wieder in den Mund ein. Ter eine Pol des Hochfrequenzsolemides wurde mit dieser leitend gemachten Form in Verbindung gesetzt, während der andere Pol dem Patienten in die Hand gegeben wurde. prrchllolen Augen an. ,Bei Gott. Kein Wunder!" murmelte der andere. „Ja, Tein Vater ist ein sehr beschäftigter Mann, aber wenn er vielleicht wüßte, wie sehr gern Tu den Hund hattest — Der Knabe schüttelte entschieden den Kopf. „Fetzt darf mein Vater gar nicht gestört werden. Der Telephon und der Telegraph und Tips — das tst sein Sekretär — alle gehen zur gleichen Zeit. Zunächst will er nach dem Mittelmeer fahren. Vorgestern schon wollte er abreisen, aber er wartete noch, well er Fräulein Gammelin mit an Bord der „Pauline" nehmen wollte. Er sagte, sie sei schuld daran, daß er heute nicht gegangen sei; morgen geht er ..........— „ „ aber sicher, denn heute morgen hat er schon Vorkehrungen I fcett Schilderungen ihrer großen Vergangenheit und dev dazu getroffen A" Plötzlich hörte der Knabe auf zu I A§mm^ denen sie schließlich zum Opfer fiel. .Das' Heft sprechen. | bringt außer einem Aufsatze von Prof. Auerbach woch „O, weiser, jünger Mann!" murmelte der Zuhörer. Er 1 ^inere Mitteilungen aus dem Gebiete der Physik und Bio- ' stützte sich dann auf den Ellenbogen, und seine Gleich- I logie unb, neben der astronomischen Monatsübersicht die ailtigkeit war verschwunden. „Deines Vaters Jacht ist ja I Besprechung litterarischer Neuigkeiten. Ä bÄS™1"WC für Säoer und S-0»fre>mde -m 9 9Zs ist An aanz großes und schönes Schiff, - wenn Franz Krichler Zweite Auflage, durchgesehen von G, ich nur den Kummer nntnebmen könnte. Ich mache mir | Knapp. Mit 57 Abbildungen, «jit Orrginallernenband 3 Mk. aar nichts mehr aus Jachter7 uud Reisen, obgleich die Verlag von I. I. Weber in Leipzig. - Sckwn dreiersts Vauline" besser ist als der „Gustav Katerfield", — das ist | Auflage des vorliegenden Buch^es erfreute sich des unser Eisenbahnwagen, in dem wir nach Kalifornien reisen. I meinen Beifalls weidmännischer Stet fe,, n am en thd) tour be -ach möchte viel lieber den Kummer haben. Aus einer j die prägnante Kürze und ^^/^ösalllge Auswahl alles nt,rrFip irfi rnir rr-nr nichta Da aiebt es fast jeden I Wissenswerten, sowie die leicht verständliche Darstellung Tag Gabellrühstück, und ich und'Griffiths müssen aus dem I des umfangreichen Stosses aus so beschränktem Raums ßtrifftis iit manchmal recht langweilig." | gelobt. Der erste Abschsnitt des Katechismus hat es mit Iti teXib S 'UÄS mit bÄrnem der JagdtierkuMe M.thun und vermittelt die genau« Dann hielt er inne und las einen Käfer von seinen seidenen Kenntnis der Gewohnheiten,wendet^sich Ktrihrrrfprr I tümlichkeiten des Wildes; der zweite Abschnitt wenoer sich! Das ist doch auch gar zu traurig, alter Bursche; den Wildständen und deren Verwaltung W der dritte denkst Du nicht, 3 sei besser, Deinen Vater noch einmal Abschnitt endlich verbreitet sich über■. bvt* mcoen des Lundes ’M bitten?" I Jägers, die Jagdwaffen und die Jagdhunde, und erörtert will dm schlnutzigm KOtec oicht auf der Jacht hlchm. I J. Egsordnet tst, berückfichtigt am aus führe „Unb der Kummer ist doch gar nicht schmutzig; er ist I v-.^rr. b-p EinLelstaaten des Teutsch-em Reiches;, dann aber nur noch nicht ordentlich gezogen, und er hat Mich doch österreichischen Länder und di« so gern." Wieder schluckte der Kleine etwas Hartes Yim @^9r^Se« Sorgfalt ist auf die Ausarbeitung unter und blickte mit geöffneten Augen dahm, wo der I alphabetischen Sachregisters verwendet worden, das all« Kummer saß, der traurig aus das weite Meer hinaus- | Jagdberichte vorkommenden Gegenstände Md Ausdrücke schaut^ ist schwer, nicht um das M Litten; was I enthält., ; 1 ------------ man am liebsten haben möchte", sagte der Mann. „Höre, | » x * s »t ich bin auf demselben Boote, alter Bursche." I Zaykenrarfe». „Wenn ich ein Mann wäre und etwas haben möchte, I ^(Nachdruck verboten.) so würde ich es mir verschaffen; so macht es auch mein i ’S 1 1 4 N 3 1 Sporttuf ~ Ld°r « kaufm", ragte der Aud-re mit gang Monberem > - *“ 8* Nachdruck. „Nein, mein Sohn, das würdest Du nicht thun, | 9 i 9 8 7 6 10 Tier wenn Du ein Betller wärest und einen Juwel wünschtest." I 3 6 13 8 7 6 1 14 Menschenrasse „Ich weiß das nicht", sagte der Knabe müde, „vielleicht. | 1 7 11 15 20 7 11 11 8 15 14 9 Alpensee. Fräulein Gammelin sagt, sie würde es thun." | (Auflösung in nächster Nummer.) „Fräulein Gammelins I ----- , m „Sie ist mein Liebchen", sagte der Knabe ernsthaft. I Auflösung des Scherzätsels tn vor. Nr.: (Schluß folgt) I Ei, Dreck, Dr-Ei-eck, Dreieck. Redaktion! Curt Plato, - Rotationsdruck Md Verlag der Brübl'schen finivcrsttätS.Pnch. «nh.SterndmSexei (Pietsch Erben) in Gichm,