Lgö^gr-aufg. H.NO1 1902. — Nr. 145. «WS issia 'HI WWMZ (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel. (Fortsetzung.) Am andern Morgen begab er sich- nur um sein Gewissen zu beruhigen — denn während der Nacht war er ganz der Ansicht seiner Schwester geworden — nach Nummer 42 der Seydelstraße und erhielt die Auskunft, daß in ihr weder eine Baronin, noch sonst jemand des Namens Halpern wohnte. Er durchschritt alle Höfe, studierte das ganze Haus und konnte sich leicht den wirklichen Fall erklären: um sich eines unbequemen Begleiters zu entledigen, hatte sie die Toppelausgänge des Hauses, das ihr jedenfalls schon lange bekannt war, und worin sie vielleicht irgend einen Bekannten wohnen hatte, benutzt. Er war aber immer noch nicht im stände, sich von einer letzten Illusion loszureißen. „Sie wollte mich weder ihren wahren Namen, noch ihre Adresse erfahren lassen", dachte er sich, „aber vielleicht kommt sie doch zu dem mir gegebenen Rendezvous, um sich mit mir über deu armen Franz zu bereden tuti> mit mir das Mittel zu suchen, ihn zu retten." So begab er sich denn gegen zwei Uhr nach Friedenau in die einsame Villa. Tas Haus träumte noch, öde und verlassen; doch die Möbel, die sie gestern in Unordnung gebracht hatten, waren wieder an Ort und Stelle gerückt. In den Kandelabern waren die halb niedergebrannten Kerzen durch neue ersetzt worden. Nirgends war die Spur eines Stäubchens zu entdecken. Tie unsichtbare Wirtschafterin mußte also schon in aller Frühe ihren Dienst versehen haben, um sich hieraus diskret zurückzuziehen. Voll Angst, Unruhe und Sehnsucht, sie zu sehen, wartete er zuerst im Schlafzimmer, wo sie sich 'zuerst begegnet waren, da sie aber nicht kam und die Zeit verstrich, begab.er sich, nur um den Platz zu wechseln und seine Ungeduld hinwegzutüuschen, in das Toilettenzimmer. Kaum befand er sich darin, als ihn die Neugierde überkam, nachzusehen, ob die Wirtschafterin d.en Schrank ebenso aufgeräumt hatte wie die Zimmer, und ob die Spitzen- und Seidenhemden, die er am gestrigen Mend beim Geräusch der unten geöffneten Thür rasch wieder in die einzelnen Fächer geworfen hatte, wieder an Ort und Stelle läge». Wohl, da lagen drei Stöße, symmetrisch nebeneinander gelegt, da die Spitzen-, da die Battist-, da die Seidenyemden. Auch der Morgenrock hing an gewohnter Stelle, kalt und regungslos. Georg überraschte sich selbst dabei, als er ihn von neuem betrachtete, und er sah dann infolge seiner seit 24 Stunden überspannten Einbildungskraft wieder feine Unbekannte vor sich, plastisch, lebendig. Jeder Maler mehr oder weniger ist stets versucht, in irgend einem schönen Weibe ein Modell zu erblicken, und er schmückt eÄ im Geiste schon aus professioneller Angewohnheit, aus Liebe für die Kunst und alles Schöne. 22. Kapitel. Er wartete noch eine volle Stunde, bei jedem Geräusch aufhorchend. Endlich aber mußte er sich entschließen, wegzugehen. Er begab sich eiligen Schrittes und tief verstimmt zu Fuß nach Hause. Er war wütend auf die, die ihn so getäuscht hatte, wütend gegen sich selbst, daß er mit sich hatte spielen lassen, wie mit einem Kinde, und zerbrach sich ununterbrochen darüber den Kopf, wer sie sei und wie er sie auf- sinden könnte, als ihn urplötzlich ein Gedanke durchzuckte. Er beschleunigte seinen Schritt noch mehr und kam beinahe im Laufschritt atemlos daheim an. „Nicht wahr, sie ist nicht gekommen?" empfing ihn seine Schwester. „Nein, sie ist nicht gekommen", sagte er hastig; „aber sie wird kommen, sie muß kommen, das schwör' ich Dir! Binnen drei Tagen werde ich wissen, wer sie ist. Sie soll mich nicht mehr zum Narren haben! — Jetzt habe ich sie!" Da fie ihn erstaunt anblickte, eben im Begriff, ihn zu befragen, war er schon hinausgestürzt und stürmte in aller Hast die zwei Treppen hinauf/ die ihn in sein Atelier brachten. Seine Schwester war ihm gefolgt und sah ihm wortlos zu. Aber als sie ihn aus einer Atelierecke eine neue große Leinwand nehmen, diese abmessen, zuschneiden und auf eine Staffelei stellen sah, konnte sie sich nicht enthalten, auszurufen: „Was! Tu willst jetzt arbeiten! Wenn Tn wenigstens ein schon begonnenes Bild fvrtsetzen wolltest; aber ein neues in Angriff nehmen — — ?" „Ja, ein neues", rief er aus, „und das vielleicht nicht das schlechteste werden dürfte!" „Wie Tu das sonderbar sagst! Was hast Tu für eine Idee? Sollte es sich etwa um--?" „Ja", wandte er sich lebhaft gegen Bertha, „es handelt sich d arum, meinen Freund, Deinen Bruder zu retten." „Indem Tu ein Bild malst?" „Ja, und zwar das Porträt jener Frau, jener Unbekannten, die uns betrogen und ihn im Stich läßt." i „Ah! Hast Tu sie denn genügend in Erinnerung?" „Ob ich sie habe! Ta, vor mir sehe ich sie, meiner Staffelei gegenüber, in einer Flut von Licht. Ich sehe sie vom Scheitel bis zur Sohle. Ich werde weder einen Zug ihres Gesichtes noch eine Linie ihres herrlichen Körpers, vergessen. Ich habe den Ton ihrer Haare, ihrer Haut^ ihrer Altgen, ihrer Lippen. Tu scheinst erstaunt. , Gott, habe ich nicht schon öfters aus freiem Gedächtnis gemalt, und warst Tu nicht jedesmal überrascht von der Aeynlichkeit?" „Tas ist wohl wahr. Aber dieses Porträt wird Tor viel Zeit rauben." „Allerdings wenn ich es! ausführen, wenn ich daraus ein Gemälde machen wollte. Wer hier handelt es sich Kloß um eine Skizze. Ich will nur die markantesten Züge Niederwerfen, bloß das zur Geltung bringen, das mir als Linie und Farbenton am meisten auffiel. Zwei oder drei Tage werden genügen." „Und dann?" fragte sie. „Was willst Tu dann damit thun?" „Begreifst Du denn nicht? Errätst Tu es denn nicht? Diese Unbekannte ist eine Frau aus der Welt, der Gesellschaft, eine große Dame. Davon sind wir beide fest überzeugt, Tu mmv t'cf). Dann werden ihr wohl 'auch schon Lebemänner begegnet sein und werden diese wohl auch ihren Namen wissen." „Jedenfalls. Und dann?" „Ich lade, sobald das Bild fertig ist, alle jene meiner Freunde, die am meisten in Berlin herumkommen, die an allen Festlichkeiten teilnehmen und alle Salons besuchen, ein. Wenn sie dann auf meiner Staffelei dieses Porträt erblicken, werden sie mir dann sagen: „Tas ist Frau von So und So." „Jetzt begreife ich!" ries sie nach kurzem Nachsinnen. j,Die Idee ist gut." „Nicht wahr?" „Aus die Art kannst Tu sie kennen lernen und ihren wirklichen Namen erfahren. Was willst Du thun?" „Tann will ich zu ihr hingehen, denn daraufhin wird sie mich wohl empfangen müssen, und werde ihr sagen: „Sie haben mich scheußlich hintergangen. Das thut aber nunmehr wenig zur Sache; denn ich habe Sie entdeckt. Wollen Sie ihn retten und sprechen, ja oder nein? — Nicht? Gut denn, so werde ich ihn retten." „Gut, vortrefflich!" rief Bertha, sich in die Arme ihres Bruders werfend. Seinen Kopf noch belebt von seinen Erinnerungen, ferne Einbildung noch entflammt, machte er sich sofort daran, seinen Plan auszuführen. Sie setzte sich einige Schritte hinter ihn, hochbegierig, aus dieser toten Leinwand allmählich das Bild jener Frau sich entwickeln zu sehen, jener Frau, die ihren Geist seit Jestern so sehr in Anspruch nahm. Ws der Wend hereinbrach, konnte Georg bei elektrischem Licht an seiner Skizze weiterarbeiten. Er unterbrach seine Arbeit nur, um rasch einige Bissen zu sich zu nehmen und die Wendblätter zu durchfliegen. Leider brachten sie die Nachricht, daß Franz von Sempach im Laufe des Nachmittags nach Plötzensee übergesührt und daselbst in Jsolierhaft gesetzt worden war. Jedes Blatt erging sich in anderer Meinung. Einige Blätter hielten ihn für einen ganz gewöhnlichen Mörder; andere hingegen bloß für einen "Totschläger, der in einem Anfall von Zorn die That vollbracht hatte; aber kein einziges Blatt nahm sich seiner Verteidigung an, ergriff Partei für seine Unschuld oder schien anzunehmen, daß die Justiz eine falsche Fährte eingeschlagen habe. „Und sie kann das alles lesen?" rief Bertha aus. „Sie hat den Mut, zu all dem stillzuschweigen, dem nicht zu widersprechen?" „Sie wird dem wohl widersprechen und ihn retten müssen", gab Georg zur Antwort mit der Ruhe, welche Arbeit und Ueberzeugung, sein erträumtes Ziel zu erreichen, verschaffen. Unter seinem geschickten und kühnen Pinsel ward das Werk, das anfangs noch in Umrissen verschwommen war, immer deutlicher, wurde nach und nach lichter und Heller und wuchs förmlich empor. Um 11 Uhr, als er anfgehört hatte, zu arbeiten, waren bereits die Hauptzüge auf der Leinwand fixiert. Sollte etwa tags darauf die Erinnerung an jene Frau schon etwas verblaßt sein, so genügte dieser Entwurf, dieselbe wieder in vollster Schärfe zu erwecken, das Bild von neuem in seinem Geiste erstehen zu lassen. Aber am nächsten Morgen stand sie wieder so lebhaft vor ihm wie tags zuvor, und sofort setzte er die begonnene Arbeit fort. Am Nachmittag plötzlich trat er einige Schritte von der Staffelei zurück und zeigte seiner Schwester das wohl noch unvollendete, aber bereits lebende Bild. „Nicht wahr, sie ist schön?" fragte er. „Ja, sehr schön", erwiderte Bertha, das Bild mit den Augen durchbohrende „Und trotzdem ließ ich ihren Mund' noch nicht sprechen; ihr Lächeln ist kaum angedeutet; auch haben rhre Augen in Wirklichkeit viel mehr Ausdruck, auch ihr Teint mehr Glanz. Das will ich morgen alles ausführen. Jetzt für den Augenblick bin ich gezwungen, in den Klub! zu gehen. Ich bin aber bald wieder zurück- Auf Wiedersehen, liebe Schwester!" Er ging. Sie blieb noch eine Weile im Atelier vor dem 93116e stehen, das sie wider ihren Willen feuchten Blickes, mit zusammengeschnürtem Herzen bewundern mußte. Kaum war Georg Rakenius in seinem Künstler-Klub! eingetreten, als er rasch umringt wurde. Einige Mitglieder wußten von seiner engen Freundschaft mit Franz von Sempach und hofften nun, durch ihn nähere Nachrichten über ihren unglücklichen Klubgenossen zu erfahren. Georg behauptete, nichts zu wissen, versicherte sie aber der Schuldlosigkeit seines Freundes, und unterhielt sich, als wäre ihm dieses Thema zu schmerzlich, über Kunst und Malerei. „Ich habe dieser Tage", begann er plötzlich, „ein Gemälde vollendet, das ich für unsere nächste Ausstellung bestimmt habe. Ich möchte aber vorher die Ansicht verschiedener Personen hören, z. B- auch die Ihrige, meine Herren." Bei diesen Worten wandte er sich speziell an den Grafen von X. . . ., den Baron von N. . ., an Eduard A. . . und an den Grafen von F. . ., die größten und bekanntesten Lebemänner unter seinen Kameraden, die nicht allein ganz Berlin, sondern auch das auserwählteste „selected Berlin" kannten. „Unsere Ansicht?" sagte Eduard A. . . „Wir sind gern bereit, sie Ihnen auszusprechen, und ich speziell fühle mich sehr geehrt, daß Sie die meinige auch hören wollen. Wer wo können wir denn das bewußte Werk in Augenschein nehmen? Ihr Atelier ähnelt nicht den anderen. Es ist sowohl für die Kinder der Welt, als auch für uns stets hermetisch verschlossen." „Allerdings bangte mir immer vor Besuchen", lächelte Georg Rakenius, „die mich von der Arbeit abzogen. Wer heute wünsche ich mir dieselben, das heißt: ich wünsche die Ihrigen, meine Herren. Ich möchte wirklich gern wissen, welche Wirkung mein letztes Machwerk erzielt." „Also, mein Lieber, verfügen Sie ganz über uns", rief der Graf von X. , . „Wir werden entzückt sein, in Ihr bisher so verschlossenes Heiligtum eindringen zu dürfen." Und gleichzeitig sich an seine Freunde wendend, fragte er sie: „Ist es Ihnen recht, meine Herren, wenn wir uns gleich hinbegeben?" „Mit Vergnügen," begann der Graf von F. , .; „wir wollen alle zusammen hingehen, und so unfern Freund weniger derangieren. Sind Sie morgen frei, meine Herren?" „Ja, vollkommen", riefen mehrere Stimmen. „Welche Stunde ist Ihnen am liebsten, Rakenius?" „Die Ihnen beliebt. Ich gehe des Tages niemals aus."' „Also gut! Sagen wir um drei Uhr." „Gut, um drei Uhr", riefen alle einstimmig. „Meine liebe Jury", sagte Georg, „Sie sollen mir willkommen sein." „Was für einen Gedanken behandelt Ihr letztes Gemälde?" fragte Eduard A. . . den Maler, der eben im Begriff stand, sich zu verabschieden. „Nn Sujet, das man oft findet, das ich aber zu modernisieren versuchte, einen Gladiatorenkampf in einem römischen Zirkus." Es war dies auch wirklich sein letztes Gemälde, das er eben beenden wollte, als er unterbrochen wurde, da er das Porträt der Unbekannten beginnen mußte. Er hatte sie zwar aufgefordert, seinen Gladiatorenkampf zu besichtigen, doch sollte man in einem Atelierwinkel wie aus Zufall das Porträt jener Frau finden, deren Namen er sehnsüchtig zu wissen wünschte. 23. Kapitel. Die ganze Entstehung und Gründung des Künstlerklubs, die große Anzahl von Künstlern, die zu dessen Mitgliedern gehörten, seine Gemäldeausstellungen, die ganze Luft, die man in diesem KlÜb einatmete, der Wirkungskreis, worin jeder lebte — alles das hatte es bewirkt, sämtlichen Klubmitgliedern, selbst den Unkünstlerischsten, Geschmack für die Kunst und Liebe zum Schönen beizubringen und ein* Kuslößen. Auch hüteten sich Georgs Kameraden, die selbst 579 große Lebemänner Waren, und die man etwa für gewisse Arten des Vergnügens hätte für indifferent halten können, wohlweislich, bei dem besprochenen Rendezvous im Atelier zu fehlen. Es bedeutete dies für sie eine Art Delikatesse, ein Fest beinahe, in dies bis dahin verschlossene Atelier zu dringen, aus dem sonst ein Meisterwerk hervorging, das zu beurteilen niemand berufen war — das niemand hatte entstehen sehen. Sie kamen alle fünf so ziemlich um dieselbe Stunde und wurden sofort bei dem Meister vorgelassen. Bertha batte anfangs bei Georg bleiben und ihm helfen wollen, im Atelier die Honneurs zu machen, das heißt, sie wollte anwesend sein, um die Enthüllungen mit anzuhören, die sie bestimmt erhofften. Aber ihr Bruder machte sie aufmerksam, daß chre Gegenwart seine Besucher beeinflussen könnte, daß sie, falls sie das Original wirklich kennen sollten, und sie über dasselbe zufällig etwas Nachteiliges zu sagen wüßten, in ihrer Gegenwart zu reden kaum wagen würden. Sie fügte sich diesen Gründen und hatte sich deshalb zurückgezogen. Zuerst zeigte ihnen Georg das Gemälde, das, wie er sagte, für die Ausstellung des Klubs bestimmt war: seinen Gladiatorenkampf. Jeder bewunderte, und jeder, seinem Empfinden nach, bewunderte der eine mit aller Freiheit und großer Wärme, andere andere hingegen wieder weniger ausdrucksreich mit Zurückhaltung, und dritte wagten sogar eine leichte Kritik; .aber alle kamen darin überein, diesem neuen Werke einen großen Erfolg vorauszusagen. Hierauf zerstreute sich die kleine Besucherschar, um neugierig das Atelier zu durchstöbern. Sie beguckten sich die Wände, untersuchten die abseits stehenden Staffeleien, suchten einen Entwurf oder eine Skizze eines schon bekannten Gemäldes herauszufinden, oder auch, einige jener Studien zu entdecken, die ein Atelier niemals verlassen und an denen des Meisters Herz hängt, von denen sich zu trennen er sich nicht entschließen kann. Scheinbar gleichgiltig, in Wirklichkeit aber voll Unruhe und gepreßten Herzens — denn der große Moment war nahe — ließ sie Georg ruhig .gewähren, gab Antworten auf ihre Fragen und folgte ihrem Rundgange durch das Atelier. Er hatte absichtlich das Porträt, das er gesehen haben wollte, das Einzige, woran ihm jetzt etwas lag, hinter einige andere Bilder gestellt, als ob er demselben keinerlei Wichtigkeit beilegte. Er wußte recht gut, daß sie es doch schließlich entdecken würden, und hätte sie im Notfälle, falls sie sich davon entfernt hätten, ünmerklich darauf hingeleitet. „Sieh da", rief plötzlich Eduard A. , ., der nach allen Seiten herumgestöbert hatte, und auf seiner Forschungsreise weiter gekommen war, als alle anderen, „Sie sind also auch Porträtmaler!" „Das ist kein Porträt", antwortete Georg mit einer Stimme, die er ruhig erscheinen lassen wollte, „es ist bloß eine Studie, deren ich mich später zu einem Gemälde bedienen will, das ich noch im Kopfe habe." „Wo finden Sie denn, Mensch, Modelle wie dieses da? Das Weib ist ja herrlich, an Körper sowohl, wie an Gesicht." t „Dazu hat mir kein Modell gesessen. Meine Phantasie hat eines Tages diesen Körper erzeugt und das Gesicht erträumt, und so warf ich's auf die Leinwand." „Wirklich? Bloß Ihre Phantasie?" sagte der Graf von $. . ., vorkommend. „Sagen Sie wenigstens: Ihre Erinnerung, lieber Freund." „Wieso meine Erinnerung?" „Na, ganz entschieden. Sie sind diesem herrlichen Weibe irgendwo begegnet, im Tiergarten, in der Gesellschaft oder im Theater. Ihr Anblick hat Sie jedenfalls frappiert, vielleicht ohne daß Sie selber es recht wußten, — das will ich ja gerne zugeben, — und so haben Sie einfach nichts anderes als ihr Porträt gemacht." „Sie glauben ?" „Ich bin dessen ganz sicher; das Original existiert." Dabei wandte er sich gegen seine Freunde, welche infolge dieser Unterhaltung näher getreten waren: „Nun, meine Herren, ich rufe Sie als Richter an. Ist dies nicht das Porträt der Gräfin Olga Dorvukofs?" „Ganz entschieden", sagte der Graf von F. . . ., indem er näher trat. „Es ist frappant getroffen", fügte Baron von B. . . Lei. „Sie haben recht, meine Herren", rief jetzt auch Eduard A. . . „Jetzt erkläre ich mir auch, weshalb mich das Bild sofort anzog, als ich es da in dem Winkel entdeckt hatte." „Meine Herren", bemerkte der Graf von X. . ., „wir müssen uns bei unserm Wirt entschuldigen. Mr begehen dadurch, daß wir uns. bei diesem Bilde aufhalten, unbedingt eine Indiskretion. Die Gräfin, die die Ihrigen jedenfalls damit zu überraschen beabsichtigt, kommt ganz gewiß in aller Heimlichkeit hierher zu den Sitzungen.^ „Aber nein, meine Herren, ich versichere Sie--—", wandte Georg lebhaft ein. „Ah, lieber Freund, weshalb wollen Sie das vor uns leugnen? Trotz aller Ihrer Geschicklichkeit und Ihres großen Talentes, das ja die ganze Welt bewundert, hätten Sie ohne ein paar gute Sitzungen eine solche vollkommene Aehnlichkeit niemals Hervorrufen können." „Ich versichere Sie, meine Herren, die, von dir Sie sprechen, die Gräfin---" „Olga Doroukoff", ergänzten einige Herren den Namen. — — hat noch nie einen Fuß über meine! Schwelle gesetzt; auch bin ich niemals bei ihr gewesen, noch habe ich die Ehre, sie zu kennen." „Na, dann haben Sie sie gesehen. Gestehen Sie wenigstens das ein, daß Sie sie irgendwo gesehen haben" „Es mag sein. Ich weiß es nicht- Es ist nicht das erste Mal, daß mir dergleichen passiert. Die Einbildung ist ja oft nichts anderes, als eine unbewußte Erinnerung. Man denkt selbst zu schaffen, und reproduziert nur. - Aber wissen Sie, meine Herren, Sie machen mir grost Lust, die Frau, deren Anblick mich, wie Sie behaupten, derart angeregt haben muß, näher kennen zu lernen." „Das ist ein sehr begreiflicher Wunsch," lächelte Eduard A. . . „Sie brauchen ihr bloß zu sagen: ,Frau Gräfin, ich habe, ohne es zu wollen, Ihr Bild vollendet. Man findet es von einer frappanten Aehnlichkeit. Woll Sie es haben?" (Fortsetzung folgt.) Leutnant Pearys Expeditionen. Leutnant Robert E. Peary, dessen Rückkehr aus den Polargegenden dieser Tage kurz gemeldet wurde, ist vier Jahre der Zivilisation ferngeblieben. Er ist int Juni 1898 abgefahren, erreichte int August Kap Pork am Eingang des Smithsundes, wo er die Eskimofamilien und Hunde, die er schon im Sommer vorher in Dienst genommen hatte^ an Bord nahm. Im folgenden Frühling wollte er mit Hundeschlitten nach dem Pol zu gelangen suchen und die Eskimokolonie als Basis benutzen und während seiner auf fünf Jahre berechneten Abwesenheit auch den unbekannten Norden Grönlands erforschen. Peary war, wie kaum ein anderer, zu dieser kühnen Reise geeignet. Er hat schon eine ganze Reihe von Erfahrungen in diesen Gebieten hinter sich. Im Herbst des Jahres 1885 besuchte er einen alten Bücherladen in Washington und fand einen Artikel über das große Inlandeis von Grönland. Seine Phantasie wurde davon ergriffen, er las eifrig alles, was über den Gegenstand geschrieben worden war und kam zu dem Schluß, daß es zwei Wege gäbe, das Inlandeis zu erforschen. Im Sommer 1886 unternahm er eine Rekognoszierung der Gegend und drang weiter vor, als bis dahin je ein Weißer gekommen war. 1891—92 hielt er sich dreizehn Monate in Nordgrönland auf und bewies, daß Grönland eine Insel ist. 1893 bis 1895 erstreckte sich sein Aufenthalt über 25 Monate, und er ging zum zweitenmale über das beständige Eis. Diesmal studierte er auch sorgfältig die Eingeborenen des Whalesundes und entdeckte die berühmten Meteorsteine auf Cap Port, von denen einer 90 Tons wog. 1896 und 1897 brachte er den Sommer wieder in Grönland zu und bereitete die große Expedition vor. Im Jahre 1891 hat Mrs. Peary ihren Gatten auf seinen Reisen begleitet. Ehe Peary zu der jetzt beendeten Expedition aufbrach, veröffentlichte er ein Buch, das die Geschichten seiner früheren Reisen erzählt. In diesem Werk „Northward" entwirft er von dem Innern Grönlands folgende fesselnde Schilderung: „Alles, was von Land in Grönland ist, ist ein Küstenstreifen von 5—25 und an einer ober zwei Stellen von 60—80 Meilen Breite, mit Bergen, Thälern und tief einschneidenden Fjorden, umgeben vom nordischen Eismeer 580 ttrit seinen Eisbergen und dem Packeis. . . . Der aufgehaufte Schnee von Jahrhunderten hat die Thäler im Innern ge- ffrtlt, sie den Berggipfeln gleichgemacht, sich dm Jnhi> bunderte hindurch immer mehr ausgeturmt und schlrehlrch die höchsten Gipfel Hunderte und tausende Fuß tref rn Schnee und Eis vergraben. Das Innere Grönlands rst jetzt em ununterbrochenes Schneeplateau von 5000 8000 und 10 000 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel, ein großes, weißes, schimmerndes Schild, 1200 Meilen lang und 500 Merlen breit, das auf den stützenden Bergen ruht. Auf dieser gefrorenen Sahara des inneren Grönlands grebt es weder vegetabilisches, noch animalisches Leben, kem Felsstuck, kern Sandkorn. Wer, wie ich, Woche auf Wvche über drese gefrorene Wüste reist, sieht außer sich und ferner Gesellschaft nur die unendliche Ausdehnung der gefrorenen Ebene, den unendlichen Dom des kalterr, blauen Hrmmels und dre kalte weiße Sonne. Die höchsten Berggipfel lregen 1000-5000 Fuß unter der mächtigen Schneedecke. An der Westküste des Smithsundes fand Peary einen kleinen Eskrmostamm, der nördlicher als alle anderen menschlrchen Geschöpfe, unter dem äußersten Druck der wilden Umgebung wohnte, ohne Regierurrg, Religion, Geld oder einen anderen Wertmaßstab, ohne geschriebene Sprache, ohne Eigentum außer Kleidung und Waffen, deren Nahrung rrur aus Flersch, Blrrt und Thran ohne Salz oder irgend einem vegetabilischen Stoff, und deren Kleidung aus Bogel- und Tierhäuten bestand. Ihr Lebenszweck war nur, etwas zum Essen und zur Kleidung zu bekommen, und ihre einzige Beschäftigung war der Kämpf darum. Diese Leute, deren Sitten und Lebensbedingungen kaum über denen des Tieres stehen, scheinen sich zuerst sehr nahe dem Boden auf der Stufen- leiter der Zivilisation zu befinden, bei näherer Bekanntschaft zeigen sie sich aber schnell, klug, begabt und durchaus menschlich. ... Sie sind in ihrer Einfachheit, Ehrlichkeit, in dem glücklichen Fehlen jeder Sorge, von Lebewesen m ihrer Umgebung, in ihrer Nahrung und ihren Gebräuchen eine Gemeinde von Kindern. Sie find eiserne Menschen m ihrer äußersten Mißachtung der Kälte, des Hungers, der Ermüdung, sie sind Wesen von hoher Intelligenz m der Herstellung und dem Gebrauch der Jagdgeräte." Aus dre Dienste dieser Leute stützte sich Peary während ferner vrer- jährigen Verbannung im Polareis. „Die Wirkung meiner Spedition auf die Kinder des Nordens ist gewesen, den ganzen Stamm zum Reichtum zu bringen. Bor sieben Jahren besaß mancher Mann kein Messer und manche Frau kerne Nadel. Wenige Männer besaßen Kajaks oder Kanoes aus Fellen, und wer einen Speer oder eine Harpune aus einem einzigerr Stück Holz hatte, war wohl daran. ... Ein Mann bot mir einen Hund und Schlitten und alle seine Pelze sür ein Brett von seiner Größe an; ein anderer seine Frau und zwei Kirrder für ein Messer und eine Frau alles, was sie hatte, sür eine Nadel. Heute sind Männer und Frauen mit Messern und Nadeln versehen, jeder Mann und Knabe hat sein Boot, die meisten Gewehre, und jeder Jäger das beste Holz sür seine Lanze, seine Harpune, seinen Walroßspeer und Schlitten. Tie Leute sind besser gekleidet und genährt, die Sterblichkeit hat abgenommen und die Ge- burtszahl in den letzten sechs Jahren zugenommen." Tie Heiratöbräuche der Eskimos sind sehr primitiv. Peary gießt in seinem Buche auch Photographien vieler Leute, unter denen sich auch eine Ahtooffungwah befindet, deren Gatte von einem Eisbären getötet worden war. Bon dieser Eskimofchönheit erzählt er eine sehr drollige Geschichte, die das Liebesleben im hohen Norden kennzeichnet: „Ahtovk- sungwah war ganz hell (in der Farbe) und hatte eine Gestalt wie ein Walroß. Ihr glänzendes Gesicht war bedeutend breiter als lang, sie war Vier Fuß sechs Zoll groß und wog 300 Pfund, und ihre Figur ähnelte emer Anzahl zusammengebundener Polsterkissen. Nach meiner Ansicht waren ihre Linien etwas schwer, aber sie war augenscheinlich das Ideal einer Eskimoschönheit und unwiderstehlich, da sie Witwe war. Unter ihren vielen Bewerbern waren Koko, ein mehrmals Geschiedener, und Akpudia, der nach dem Tode seiner Frau nur Augen für seine kleine, apfelwangige Tochter gehabt hatte, am meisten begünstigt. Aber sein Herz schmolz unaufhaltsam bei der Wärme des öligen Lächelns der Witwe wie ein Stück gefrorener Speck in der Flamme eines Jkomar." Ein unblutiges Eskimoduell, bei dem der Besiegte aus den Rücken geworfen wird, folgte, in dem Koko Sieger war. Er schirrte seine Hunde an und machte mit der Witwe eine Hochzeitsreise. Nach zwei oder drei Tagen kamen sie zurück, aber Jkwah, der chon Frau und Kind hatte, verliebte sich in die Witwe, und nachdem er in einem anderen Duell Koko besiegt hatte/ ührte er die rundliche Sirene mit ihrem ganzen Reichtum und ihren bezaubernden Reizen in seine eigene Schneehütte.^ Vermischtes. Blühende Resedatöpfe sind im Winter ein hübscher Zimmerschmuck und besonders wegen des angenehmen Dustes beliebt. Man füllt zwecks Aussaat Blumentöpfe von 8—12 Ctm. Weite mit leichter Erde und streut etwa zehn Samenkörnchen in jeden Topf, drückt die Erde ganz leicht an, worauf die Töpfe überbraust und an einen mäßig warmen Platz an das Fenster gestellt werden. Sobald die Pflänzchen einige Blättchen entwickelt haben, werden diej chwachen bis auf drei oder vier der stärksten heraus-^ gezogen, da sich mehr Pflanzen nicht gut entwickeln können., Anfangs ist nur sparsam zu gießen, weil die Pflänzchen onst leicht an Wurzelfäule eingehen; sobald die Blüten erscheinen, wird reichlicher gegossen. Werden die abgeblühten Blumen stets bald entfernt, daß sich kein Samen bilden kann, dann entwickeln sich, ivie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, fortwährend neue Blüten, die lange Zeit anhalten. MttsraVesches. Kaiser reden, Reden und Erlasse, Briefe und Telegrainme Kaiser Wilhelms II. Ein Charakterbild des Deutschen Kaisers. Verlagsbuchhandlung von I. I. Weber in, Leipzig, 1902. Preis 6 Mark, gebunden 7,50 Mark, Kaiser Wilhelm II. gehört zu denjenigen Fürsten der Gegenwart, die wohl am meisten öffentlich sprechen, dabek aber auch den Erfolg haben, daß ihre Reden nicht spurlos vorübergehen, sondern von der Tagespresse des In- und Auslandes aufs eifrigste erörtert werden. Wer dem karser- lichen Redner und seinen Anschauungen, Grundsätzen und Absichten aber wahrhaft gerecht werden will, der wird die Reden des Monarchen im Zusammenhang Nachlesen müssen, vor allem jene, die sich auf bestimmte Ereignisse beziehen oder einen ganz besonderen Zweck verfolgen. Ein überraschend klares Bild des kaiserlichen Charakters ergießt sich aus diesen Reden. Sie beleuchten die Persönlichkeit Kaiser Wilhelms II. so scharf, daß dadurch für den unparteiischen Beurteiler eine Charakterskizze entsteht, die durch keine andere Schilderung so genau wiedergegeßen werden könnte. Die Aßsichten und Ideen, die Kaiser Wilhelm II. ßei seiner Thronbesteigung in den Proklamationen' an Volk, Heer und Marine ausgesprochen hat, finden srch, in allen den Reden wieder, die er in den vierzehn Jahren seiner Regierung gehalten hat, und sie sind auch ohne Kommentar aus diesen Reden leicht herauszufinden. Es ist ein dankenswertes Unternehmen der VerlagshandlunA I. I. Weder in Leipzig, in dem soeben von A. Oskar Klauß- mann herausgegeßenen Werke „Kaiserreden" die wichtigsten und für seine Person und Politik bezeichnendsten Reden des Deutschen Kaisers zu ßieten, die, sehr übersichtlich gruppiert, und durch einen erklärenden Beglerttext untereinander verßunden, ohne jede persönliche und politische Neßenaßsicht Helle Streiflichter auf den Charakter und dre Person Kaiser Wilhelms II. werfen. Das Buch rst nur zu empfehlen. ______ Charade. (Nachdruck verboten.) Die beiden Ersten locken schimmernd, Ich hab das Dritte draus gemacht, Und hab das Ganze meinem Liebchen Als Schmuck des blonden Haupts gebracht. Sie saß im Stübchen bei der Muhme, Und beide beten fromm und still, Das Ganze haltend in den Händen, Wie Sankt Dominikus cs will. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.: GOLD ODER L E D A DRAU ____ Redaktton: Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch-n Universttäts.Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.