Freitag den 29. August. i ik H «WQM WUk ZWW GHiWL^ nn in W/wF M (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-Jork. Bon Heinrich, Lee. (Fortsetzung.) Alle Dämme der Ueberlegung, der Vernunft aber in ihm waren jetzt von seiner Leidenschaft durchbrochen, und selbst aus ihrem Leugnen vernahm er nur die Verkündigung seiner Seligkeit. „Du liebst mich noch", rief er, flüsterte er, und er zog sie in seinen Taumel hmein — „Du liebst mich, noch und wenn Du's leugnen willst — mir. Dir selber zum Trotz — Willst Du wissen, wer mir's verraten hat? Der alte Mann, der Deine Sache führt, den Du nicht täuschen kannst. Vor Deinen Fenstern habe ich gestanden, gewartet — voll Qual, voll Wahnsinn, Bell, voll wahnsinniger Eifersucht — auf die fremden Männer, die jetzt in Deinem Hause sind. Nun aber weiß ich bah sie nur alle Deine Narren sind, ja, Deine Narren — und daß Du keinen liebst, als mich!" Sie fühlte, wie sie dem Taumel, in den er sie, zu sich hinunterzog, versinken würde, wie sie die letzte Kraft verließ,. „Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr", stöhnte sie. „Bell", drang seine Stimme siegestrunken in ihr Ohr, „Dein Herz, Du bändigst es nicht. Und sagst Du, es sei nicht wahr — so ist es die erste Lüge, die Du sprichst, Du bist mein!" Sre war verloren. Ein Klopfen lieh sich, plötzlich vernehmen. Es kam von der Thür her. „Bell", klang eine Stimme von draußen, „darf ich herein?" Es war die Stimme Freds. Herwarth erhob sich,. Er sah aus wie jemand, der aus einem Rausch! erwachte. „Wer ist das?" fragte er. Ein unbeschreiblicher Ausdruck zog über ihr Gesicht. - Sie war gerettet. >,Mein Vetter Fred Bennet", sagte sie in einem Ton, der ihm feine Besinnung zurückgab. Dann wandte sie sich gegen die Thür. „Komm' herein", rief sie. Fred steckte, als er jetzt über die Schwelle trat, bereits itt seinem Reiseanzug. Er kam, wie verabredet, um' Bell abzuholen. Von Robinson hatte er erfahren, wo er sie finden würde und daß sie unvorbereiteten Besuch empfangen hatte — erst eine Dame und jetzt einen Herrn. Beim Anblick Herwarths blich Fred verwundert stehen Und fragend richteten sich seine Blicke auf Bell. >,Du kennst diesen Herrn noch nichts rief Bell jhm ruhig lächelnd zu, „es ist mein Gatte/; L_. Fred prallte zurück. Feindselig und herausfordernd maß er jetzt HerwarU Bell trat vor ihn hin. „Ruhig, Frch!" sagte sie. Was hatte sie im Sinn? Der rätselhafte Ausdruck wollte aus ihrem Gesicht nicht weichen. ! Es war ein Gedanke — wie ein Blitz wär er vor ihr aufgetaucht. Und mußte sie ihre Rettung vor diesem Manne^ vor sich selbst nm jeden Preis erkaufen — um jeden, i „Fred", sprach sie befehlend, langsam und fest, nur daß ihre Stimme etwas zitterte, „Fred, sage diesem Herrn,, weshalb Du zu mir kommst. Sage es ganz genau." Fred verstand sie nicht. Nur soviel begriff er, daß, es sich darum handelte, diesem Manne, den sie haßte, dep er selber haßte und der nun plötzlich auf eine chm noch unerklärliche Weise hier vor ihr stand, einen Stört an* zuthun — und ohnehin gewohnt, ihr mechanisch zu gehorchen, erwiderte er: „Du hast die Absicht, zu verreisen, mit Deiner Nacht, und ich soll Dich begleiten.. . "" „Allein?" : „Allein." ! " ■ t\ „Es ist gut. Geh' jetzt hinaus und warte auf mich" Fred warf dem Anderen noch einen kurzen verächt* lichen Blick zu, dann ging er. Wieder waren sie beide ohne Zeugen. Sie sah ihn jetzt an, tote der Jäger ein- anspringendes Wild erwartend, ob ihr Anschlag gelungen war. „Du willst mit ihm fort — mit ihm allein?" brachte er endlich mühsam hervor, während er plötzlich alles, waS er zwischen ihr und diesem Manne jetzt gesehen und gehört hatte, zu verstehen glaubte. „Du hast es gehört!" ■ 1 Ein Schwindel schien ihn zu überfallen und gleichsam,, wie um sich einen Halt zu geben, klammerte er sich att dem kleinen Tisch fest, der vor ihm stand. ,,Du liebst ihn r ries er heiser. Ihre Absicht war erreicht. Erst versagte ihr die Stimme. Dann aber sprach! sie,, ihre Züge hu einem kalten, steinernen Lächeln zwingendt „Glaubst Du mir nun, daß ich Dich nicht mehr liebe?" Er stieß, einen dumpfen Schrei aus wie ein verendendes Tier, dann raffte er sich, auf und stürzte davon. Sie hatte gesiegt. ' Jetzt erst war sie losgelöst von ihm — für immer. Es war der Abgrund, den sie aufgerissen hatte zwischen ihm und ihr — und keine Brücke führte mehr darüber hinweg. i Fred trat ein. 1 „Ist er fort?" fragte er. -/Bell, der Wagen wartet auf uns." ; A ■ ■■■ i V-y v ; , sagte sie. I -;l' i Me hatte Befehl erteilt, uyt möglichst üMMrkt davon* zukommen, daß der Wagen nicht im Garten, unmittelbar vor dem Hause, sondern aus der Straße warten sollte. Eine Viertelstunde später war sie umgekleidet. Ungeduldig scharrten die beiden Rappen mit den Hufen, und von Fred begleitet, trat sie hinaus durch das Thor. Fred öffnete ihr selbst den Schlag. In dein Augenblick aber, als sie einsteigen wollte, stürzte, aus beut Dunkel der Allee aus sie zusliegend, eine Gestalt zwischen sie und den Schlag. „Clara!" rief Bell. Sie war es. Wirr hing ihr das Haar in das grell von dem elek-- rrischen Licht der Portal-Kandelaber beleuchtete Gesicht. Es war erhitzt vom Laufen, und Schnecken und Entsetzen spiegelten sich darin. „Bell, er ist fort", stammelte sie. Er war vorhin au ihr vorübergestürzt, sie rief ihm seinen Namen zu, er hörte sie nicht, er rannte immer weiter, war ifjm nicr),t mti)t ^gen konnte, bis er verschwunden „Belr, Tu hast ihn unglücklich gemacht", schluchzte sie, „er hat sich eilt Leid angethan." Bell zog sie an sich, und vor dem Bilde, das setzt bei Carlas Worten vor ihre Seele trat, die Augen schließend, versuchte sie, Carla zu beruhigen. „Wo soll ich jetzt hin?" klang es durch ihre Thränen. „Zu Deiner Schwester", sagte Bell. Darauf erteilte sie den Befehl, auszuspännen. Tann kehrte sie mit Carla ins Haus zurück. Es wurde aus der Reise nichts. Bell blieb in Newport, aber sie begann plötzlich ein ganz anderes Leben. Sie hatte eine Kranke zu pflegen — Carla, die in ein hitziges Nervensieber gefallen war — und darum lebte fte jetzt in der größten Zurückgezogenheit. Steffie kehrte nach Newyork zurück, denn ihr Gastquartier bei Bell aesiel ihr jetzt nicht mehr, auch ging ohnehin die schöne Jahreszett zu Ende, und mit ihr verließen allmählich! auch hie meisten anderen Herrschaften den Ort, darunter auch Herr Richard Westheim, indem er zur Erkenntnis gelangt st>ar, daß, wenn irgend ein Mann noch Chaneen bei Bell hatte, dies leider nur dieser Herr, ihr Vetter, sein konnte fc Und so war Fred der Einzige, der noch geblieben war. Md Spangen, flatternde Bänder, wehende Schleifen, nickende Md winkende Reiher- und Straußenfedern, auf den Hüten Blumen und Blätter, die tadellosen schwarzen und hellen Mizüge der Herren, ihre blanken Cylinder, gelben Hand- schtche und weißen Cravatteu — alles glänzte, bunt und' lustig durcheinanderwimmelnd, während Laute in allen d^fe Menge schwirrten, im goldenen vor- Mittäalichen Schern der Ostersonne. Was Worth, Felix, Paquin, Laserriöre in Paris an Wunderwerken nur erfinden tonnten, das wurde hier von den hochgewachsenen, schtitt- MN Schönheiten Newyorks zur Schau getragen. Auch Bessie Wellingford fehlte natürlich nicht, sie feierte Tri- umphe und war Von einem großen Kreise von Verehrern M Bewunderern umgeben. Vermißt wurde dagegen Bell. Wie Bessie erzählte, verharrte sie in ihrer Zurückgezogen- ävch immer. Im Winter war sie zwar, ohne daß W sich allerdings jemals in Gesellschaft gezeigt hätte, nach! Newyork zurückgekehrt, schon feit Anfang März aber war sie wieder hinaus nach Longbranch übergesiedelt, wo sie, hier in nächster Nähe von Newyork, eine Kottage hatte wie in Newport. Es war das Ostern des Mahres 1898. Lm Wessen en Monat Febru!ar war die Welt durch die Nachricht erschüttert worden, daß im Hafen vonHavannah die den Vereinigten Staaten gehörige „Maine" durch eine Explosion zerstört worden Und gesunken sei. Worüber man an diesem Ostersonntag äuf der Dreßpromenade iu der \! Achtes Kapitel. Der Herbst, der Winter wären vergangen und der Frühling kam von neuem. Ostern zog ein, von den Türmen der Treietnigkeits-, der St. Thomaskirche und der St. Patricks- Katyedrale in Newyork läuteten, die Glockenspiele, und in der fünften Avenue, in dem Teile, der zwischen der 42. wnb 59. Straße liegt, hielten bie Newyorker Damen die auf den Ostersonntag fallende berühmte, althergebrachte Toilettenparade ab. Knisternde Seide iu allen Farben, knapp fitzende und' schlicht elegante englische Tuchkleider, kostbare Spitzen, Perlen und Steine, goldene und silberne Gürtel Md Spangen, flatternde Bänder, wehende Schleifen, nickende fünften Menne plauderte und was sogar die Toiletten in den Hintergrund drängte, das war der unvernteidlich scheinende Krieg. Bessie freute sich schon darauf. Wenn es losgehen würde, meinte sie, so wollte sie als Krankenpflegerin mitgehen, schon deshalb, weil sie daun in beit Zeitungen gedruckt wurde. So that man erstens ein patriotisches Werk und bekam als Zugabe noch eine brillante Reklame. , Auch über Longbranch leuchtete die Ostersonne. Longbranch ist ein vielbesuchter vornehmer Seebadeort, von Newyork kaum eine Stunde entfernt, mit vorzüglichen Hotels, schönen Villen, prachtvollen Parks und einent berühmten Rennplatz. Tie Kotage, welche Bell hier hatte, unterschied sich von der in Newport durch ihre ländliche Einfachheit. Sie bestand iu einem kleinen zierlichen Schweizerbau, ausgestattet mit allem Komfort, aber doch . dabei ohne eigentlichen Luxus. Gerade diese Bescheidenheit gab dem Häuschen seinen eigentümlichen, behaglichen Charakter. Tas Haus wurde von einem hübschen, aber nicht zu großen Garten umschlossen, der gegen unberufene Blicke durch eine dichte herurnlausende Taxushecke geschützt war, über die milde der Seewind sttich Tie kunstvoll angelegten Beete prangten schon in einem Glanz, wie man ihn in Europa um diese Jahreszeit nur im Süden sieht. In bett Wipfeln der Ähornbäume, die sich mit ihren breiten Schatten über die sauberen, kiesbestreuten Wege breiteten, flötete die Goldamsel, und mitten in dem smaragdgrünen Rasenrondel vor dem Hause plätscherte, ihren Strahl aus dem Schnabel eines bronzenen Schjvans empor in die blaue sonnige Luft sprudelnd, eine Fontäne, lieber den ganzen Garten breitete sich ein stiller, tiefer Frieden. Unter einem Zelt von weiß und rot gestreifter Leinwand saß einsam ein junges Mädchen mit einer Handarbeit beschäftigt. Es war Carla. Ihre frischen, geröteten Wangen bezeugten, daß sie die Krankheit glücklich überstanden hatte. Dennoch ruhte auf ihrem Gesicht ein Zug von stiller Trauer, der es aber nur noch lieblicher und anziehender machte. Sie trug ein einfaches Hauskleid von blauem Tuch,, das ihre jugendlichen, zart schwellenden Formen knapp umspannte. Tas Haar trug sie nicht mehr in Zövfen, sondern in einer Krone ausgesteckt, was sie reifer und größer erscheinen ließ. Aus dem einstigen Backfisch war eine sehr hübsche, liebreizende junge Dame geworden. Bell nahm eben ihr Bad, deshalb war Carla allein. lieber ein halbes Jahr war es nun schon her, daß Bell sie zu sich genommen hatte, daß sie unter ihrem Schutze stand. Zuerst, als sie aus ihrer Krankheit erwachte und nun sah, wo sie sich befand, sträubte sie sich gegen Bell und wollte davon. War Bell nicht an Herwarths Unglück schuld? Und niemand, niemand wußte, wo er war. Nur daß er noch lebte, wußte man. Denn Bell gab ihr einen Brief, der von ihm an sie — Carla — gekommen war. Er schrieb ihr darin, daß er sich vvn ihr trennen müßte und daß, was zwischen ihm und Bell auch vorgekommen sei, er doch niemand in dem fremden Lande hätte, dem er sie sonst anvertraueit könnte. Deshalb, wenn sie ihn noch lieb hätte, sollte sie Bells Güte, die sie ihr, der Verlassenen, erweisen wolle, sich voll Dankbarkeit gefallen lassen. So war es sein Wunsch gewesen und Bell wär so lieb und gut zu ihr. Zu wem anders konnte sie auch in dem sremden Lande, in dem sie sich nicht zurechtfand, hin? So war sie also Bells Gast geblieben. Ja, wo war Herwarth hin? Bell hätte ihr versprechen müssen, Nachforschungen nach ihm anzustellen. Sie hatte auch, ihr Versprechen erfüllt. Alle Detektivinstitute hatte te in Bewegung gesetzt, fte hatte alles gethan, was nur möglich war, aber es war umsonst Auch fein Brief war mehr von ihm eingetroffen und nur, daß er ihr in jenem einzigen damals den Trost zugesprochen hatte, daß sie sich um ihn und um fein Leben, das er weiter tragen würde, nicht beunruhigen foITte, gab ihr noch Hoffnung. Sie wollte warten — warten, bis er einmal wiederkam, bis sie mit ihm wieder vereinigt fein würde, und dann sollte ihr ganzes Leben nur noch ihm geweiht fein. Für sie selbst gab es fein Glück mehr auf der Welt. Sie konnte Bell nicht verstehen. Bell war so gut und' doch war sie auch so hart. Unversöhnlich blieb sie. „Bell, wenn wir ihn finden, wirst Tu ihm dann verzeihen?" so hatte sie Bell gefragt. Da wurde Bell wieder düster. „Das Iah ruhen", erwiderte sie. Vielleicht war es auch gut so. — 511 daß er niemals wieder kam — oder erst, nach vielen, vielen Jahren, wenn sie alle alt, ganz alt geworden waren. Dann würde er seine Liebe zu Bell endlich verwunden haben, dann würde er niemand mehr lieb haben, als seine Schwester und dann würden sie zusammenbleiben, irgendwo, wo niemand sie kannte, Bi^ Eins von ihnen starb. Liebe! Das also war die Liebe! Mas größte Unglück auf der Welt, das einen treffen konnte. Immer mußte sie darüber nachdenken. Warum hatte sich Herwarth verliebt? Warum hatte er sich davor nicht in Acht genommen? Wie gut war es für sie, daß sie sich nie, niemals verlieben würde. Aber niemals — ganz bestimmt. Dazu war sie nicht geschaffen — Gott sei Dank nicht. Ihr konnte so ein Unglück nicht widerfahren. Schpn deshalb, weil ein Mann überhaupt gar nicht in ihre Rühe kam. Nur einer. Das war Herr Bennet. (Fortsetzung folgt.) Verliebte Thoren. Von E. Osten. (Nachdruck verboten.) „Deine Vorurteile verstehe ich nicht, lieber Egon", sagte Frau von Ruhland, indem sie ihrem Sohn einen strengen Blick zuwars und die Tasse Thee, welche sie eben erhoben hatte, Kirrend auf den Tisch stellte. „Ihr seid euch doch nicht fremd. Im Gegenteil, ihr wäret die besten Freunde. Ihr spieltet als Kinder zusammen —" „Ja, ich auf der einen Seite des Ententeiches und sie auj der anderen", unterbrach Egon seine Mutter, indem er sich ihr gegenüber in den niedrigen Korbstuhl setzte. „Wenn ich mich recht erinnere, so trug sie kurze, kattunene Röckchen und ein Mauseschwänzchen von Zopf. Es war sehr schön! Aber wozu einen so schönen Kindertraum zerstören?" „Ich bitte Dich, Egon, fei vernünftig! Dein Vater hoffte darauf, als ihr beide noch ganz kleine Dinger wart. Es schien so natürlich, daß eines Tages ein wärmeres Gefühl als Freundschaft zwischen euch erwachen würde." Egon stand auf und trat ans Fenster. Einen Augenblick fesselte ihn das Leben und Treiben unter den Linden. Dann wandte er sich wieder zu seiner Mutter. „Was soll ich denn dort auf dem pommerschen Landgut. Ich bin für den Landjunker nicht geschaffen. Ws Bildhauer finde ich hier in Berlin am besten meinen Weg; Deine Pläne durchkreuzen die meinigen. Und wer zwingt mich denn, mit meinen 26 Jahren ins Ehejoch zu kriechen? — Gewiß — wir waren Freunde in der Kindheit, aber was will solch eine Kinderfreundschaft bedeuten. Jetzt muß sie 19 Jahre alt sein; seit vielen Jahren haben wir uns nicht gesehen, und Haven gar kein Interesse für einander." „Es' war ein Herzenswunsch Deines seligen Vaters, und !allles, was ich von Dir verlange, ist, daß Du eine Einladung zum Besuch ihres Landhauses annimmst". „Dieses Versprechen, Mutter, kann ich Dir nicht geben. Ich habe meine Studienfahrt nach Paris Dir zu Liebe aufgeschoben; in diesem Jahre weiß ich Dich bei den Reichenbergs gut ausgehoben, und so wirst Du mir nicht verübeln, wenn ich jetzt die vor langer Zeit geplante Reise unternehme. Wenn es sich nur um einen Besuch auf Schloß Reichenberg handelt, so wird man mich auch im Herbst oder int nächsten Jahre dort gern ausnehmen." — An einem sonnigen Morgen trat Egon mit seinem Skizzenbüch aus der Thür des Hotels Fürstenhof zu Lauterberg. Seine Pariser Reise hatte in ihm den Entschluß sich ganz und gar dem Kunstlerberuf zu widmen, vollkommen gefestigt. Der Anregung eines erfahrenen Freundes folgend, hatte er sich einer Künstlersahrt nach dem Harz angeschlossen, um hier Naturstudien zu treiben. Schließlich hatte er in Lauterberg Rast gemacht, wo sich int Herbst seine Mutter zur Kur einfinden sollte. Es war noch sehr früh. In dem dicksten Schatten hing der Tau noch schwer an Baum und Strauch, ivie Juwelen in der Sonne glitzernd. Als Egon das Ufer des Flusses erreichte, zündete er sich eine Zigarette an und stellte seinen Felbstnhl aus, um die am Tage zuvor begangene Arbeit sortzusetzen. „Guten Morgen!" sagte plötzlich jemand hinter seinem Rücken. Es war eine junge Dame, welche über seine Schulter auf das Skizzenbuch blickte. Sie trug ein weißes Musselinkleid und einen großen, mit heiteren Blumen geschmückten Hut, welcher das Gesicht beschattete. Egon zuckte zusammen. „Ach Sie haben mich erschreckt, Fräulein Eva, — ick hatte @ie jetzt nicht erwartet." „Dann bitte ich um Verzeihung. — Nicht wahr, es ist kornisch daß wir uns so oft begegnen." „Sehr komisch", sagte Egon lachend. „Wissen Sie", sagte das Mädchen, „ich dachte heute früh darüber nach; ich glaube, wir kommen nur deshalb so gut miteinander aus, weil wir absolut nichts von einander wissen. Die Leute, denen mau sonst begegnet, sind alle gleichsam etikettiert. Man weiß, wer jeder ist, Aber unser Verkehr ist wirklich originell. Sie könnten zum Beispiel ein Herzog oder ein Bankbeamter sein, es kommt gar nicht ein bischen darauf an. Darum eBen ist's so nett Ein Maler aber sind Sre gewiß nickst, sonst könnten Sie diesen verkrüppelten Baum nicht zeichnen, an dem garnichts Rechtes zu sehen ist." „Und Sie? — wofür soll ich Sie denn halten?" „Meinetwegen eine Masckstnenschreiberin auf Ferien — was Sie wollen. „Aber wollen wir nicht endlich das Inkognito aufgeben? Sie haben sich mir als Fräulein Eva vorgestellt — gut! Aber daß Sie mich als „Herr Müller mit dem« Skizzenbuch" getauft, fängt mir hier an, unaugenehnt zu werden. Die Leute beginnen bereits, sich über uns lustia braunen Augen tra1 ,ist das wahr? Dars ihr innig die HaN „Kleines Mädchen", sagte er. ich es glauben?" Sie antwortete nicht, doch sie senkte den Kopf etwas tiefer. Egon berührte eine ihrer Hände, die schlank und sonnengebräunt auf der Banklehne ruhten, mit {einen Lippen. . „ „Liebling", sagte er, „wenn Du wüßtest, tote so ganz anders mir die Welt erscheint, seit ich Dich kenne. In diesen schönen Morgenstunden bist Du ein Teil meines Lebens geworden. Jeden Tag erwachte ich hier zu neuem Glück. Ich wußte nicht, wie schön das Leben ist, bevor ich Dich sah." ' „ . Er fühlte die schlanken Finger in ferner Hand zittern. Sie blickte auf, und ihre Augen begegneten ben feinen, verschleiert, verwundert, und mit einem neuen Licht in ihren Tiefen, welches sie ihm schöner und lieber denn zu machen." „Lassen Sie doch, — das ist ja gerade amüsant. — Sehen Sie, es ist nicht einmal wahrscheinlich, daß wir einander noch wieder begegnen. In einigen Tagen werden wir beide unseres Weges gehen. Ich! glaube kaum, daß totr uns Wiedersehen." „Es ist sehr unwahrscheinlieh", sagte Egon schwer- 1UUh,/Sie wünschen es am Ende auch gar nicht einmal „Was wünsche ich nicht?" „Nun, daß wir uns jemals Wiedersehen sollten." „Hm — das habe ich mir noch garnicht überlegt." „Ach! — Sie sind heute in wunderlicher Laune." „Streiten wir doch an diesem schönen Morgen nicht — wer weiß, ob noch ein solcher wiederkehrt." Mit einer Miene plötzlichjer Ueberraschüng fragte sie: „Ist dies Ihr letzter Morgen hier?" Egon sah sie vorwurfsvoll und traurig an: „Ich glaube, ich sagte schon, daß meine Mutter hierher zur Kur kommt, und daß ich mich ihr dann ganz und gar widmen muß. Ich fürchte, wir werden uns nicht oft mehr sehen." „Wirklich? Verzeihen Sie, ich- halte es vergessen."- Egon warf ihr einen schnellen Blick zu, doch sie sah träumerisch in die Baumzweige hinauf. Er begann fein Skizzenbuch zuzubinden, und steckte das Zeichengerät in "bie Tasche, verdrossen zu ihr hinüber blickend. Das Mädchen faß da und schien ihn kaum ait- zusehen. Sie stützte das Kinn auf die Hände, in jener sorglosen Stellung, die ihm während der beiden letzten Wochen so vertraut geworden war. „Ich werde Sie vermissen", sagte sie plötzlich „Wenn es wirklich wäre —" sagte Egon hastig. Und wie ihn nun ein warmer, leuchtender Blick aus ihren ' f, eilte er zu ihr hinüber und drückte >d. 512 je erscheinen ließen. Und dann gingen sie langsam Hand tn Haird dem Kurhaus zu. „Komm' heute nachmittag", sagte er impulsiv. „Noch können wir ungestört einige Stunden beisammen sein. Willst Du kommen?" SBcttit —11 „Es giebt künftig kein ,Wenn'", lächelte er. „Kommst DU?" — ' : l •' „Ich komme." „Und so verliebtest Du Dich über einen Ententeich hinweg? Wie interessant!" „Wer sagte Dir denn, daß ich mich verliebte? In diesem Alter! Sie war acht, und ich war zwölf. Wenn Du das verlieben nennst. — Sie trug Kattunkleidchen und Schnallenschuhe." „Und hast Du sie seitdem nie wiedergesehen?" fragte das Mädchen nach einer langen Pause. „Nie!" „Hast Du nie gewünscht, sie wiederzusehen?'< „Nein, durchaus nicht!" „Aber siehe", sie richtete sich gerade auf und sah ihn an, „wenn. Deine Mutter es doch so sehr wünscht —" „Ach, ich bitte Dich, Schatze lassen wir baSf Meine Mutter hat mich schon genug damit gequält" „Doch zuweilen leben alte Zeiten wreder auf. Wenn Du ihr jetzt begegnetest, würdest Du Dich vielleicht in he verlieben?" " „Wie? Seitdem ich Dich kenne? —" „Vielleicht ist sie ein nettes Mädchen.^ „Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie nett geworden ist. In der That, ich bin überzeugt, daß sie häßlich ist und Sommersprossen hat." Ein Weilchen später sagte fier „Du hast mir nie den Namen dreses Mädchens gesagt." „O, sie hieß Helene von Reichenberg." „Reichenberg? Dann bist Du es> — Egon?" „Ja. - Und Du?" „Helene." ---- Egon war einfach starr. Sie rückte ein wenig von chm ab. „Ich meine", sagte sie endlich „Sie hätten nur dies früher sagen sollen." „Aber, Du selbst —" stammelte er. „Du wolltest nicht einmal, daß ich Dir meinen Namen sagte — cm dem ersten Morgen, als wir uns sahen. Ich wollte es, und da sagtest Du, das würde uns die ganze Freude an diesem kleinen Roman verderben." „Wie konnte ich das vermuten." •en uns ändern. Wir Helene! — Das kann doch nichts zwischen uns ändern, haben ja unser Glück selbst geschmiedet." ., „Eck?", sie richtete sich gerade au. „Glauben Sie, rch! würde Sie jetzt heiraten — ich bin ja dasselbe Mädchen, dessen bloßer Name Ihnen verhaßt ist, von dem Sie sagen, daß jeder es Ihnen an den Hals werfen wollte? Ich! wurde Sre nicht heiraten, und wenn Sie der einzige Mann in der Welt wären!'< " Unbewußt waren sie den kleinen Pfad entlang ge- gangen, welcher dem Lauf des Flusses folgte. Ein pein- liches Schweigen herrschte zwischen ihnen. Da wandte sich das Madchjen um. - ■ .. „Ich möchte Sie nicht bemühen, Mich- weiter zu begleiten , sagte sie. „Ich kenne meinen Weg von hier aus-" Egon biß sich auf die Lippen. „Es ist kaum nötig," sagte er, „mich so deutlich! daran zu erinnern, daß meine Gesellschaft unerwünscht ist." „Das sagte ich nicht — gerade." "Gs ist nicht immer nötig, seine Gedanken in Worte zu kleiden." ■./7^aruJS lhaten Sie es denn?" fragte sie ihn unvermittelt. „Warum sagten Die mir so deutlich daß ich Ihnen verhaßt bin." „Weil ich ein Narr war!" versetzte Egon. „Darum, wenn Sre es wissen wollen!" Er stand ihr gegenüber in dem schmalen, sonnigen Pfad. Sie hatte ihr weißes Kleid ^eimmengerafft und - sah ihn mit zürnenden Blicken an. „Weil ich mir nicht denken konnte, daß aus einem Kind, r glelchgiltig war, sich ein so liebenswertes Wesen entwickeln könne. Und nun stoßen Sie mich zurück -- wo wir so nahe daran sind, glücklich zu werden -5 nicht nur durch den Willen unserer Eltern, sondern durch unsere eigene Wahl." „Egon — sprichst Du denn auch die Wahrheit darf ich Dir denn auch glauben?" „Siehst Du es denn nicht, baß ich meiner Thorheit tief bereue, — daß ich alles wieder gut machen will, sofern es in meiner Macht steht." Mit Thränen in den Augen trat sie näher und reichte ihm versöhnlich die Hand. Er nahm sie in seine Arme und drückte einen heißen Kuß aus ihre schwellenden Lippen — den Verlobuugskußi, Vermischtes. Schriftstellerhonorare. Wie sehr der materielle Erfolg eines Schriftstellers von seinem Ruhme abhängt, hat sich in den letzten Jahren bei Sudermann gezeigt. „Frau Sorge", „Geschwister", „Der Katzensteg" wurden von einem kleinen Kreise wohlwollend ausgenommen, erst der Abend des 27. November 1889 brachte dem Verfasser der „Ehre'< einen großen Namen. Die „Ehre" hat bis jetzt nicht weniger als 300 000 Mark an Tantiemen gebracht. Auch dis Uebersetzungen seiner Werke brachten Sudermann hohe Honorare Sin. Für „Sodoms Ende" wurden vom Sanct James-Theater in London 10 000 Mark gezahlt, für die „Ehre" von Dalys Theater sogar 40000 Mark. Die Buchausgaben von Sudermanns Werken erlebten im Cottaschen Berlage zahlreiche Auflagen und zwar bis 1902: „Heimat"^ 28, „Johannes" 27, „Ehre" 26, „Sodoms Ende" 22, „Johannisfeuer" 18, „Moritnri" 15 usw. Gerhart Hauptmanns Erfolge sind ähnlich Die ersten vier Auflagen von, „Fuhrmann Henschel" in S Fischers Verlag waren zwei Tage nach dem Erscheinen vergriffen, während vier weitere Auflagen durch Vorausbestellung nahezu ausverkauft waren. „Die versunkene Glocke", „Die Weber", „Hannele" fanden so großen Absatz, wie es früher bei dramatischen Werken nie der Fall war. Litierarrsches. Die Ortsnamen Hessens. Etymologisches Wörterbuch der Orts-, Berg- und Flußnamen des Großherzogtums Hess en von W i l h. S t n r m f e l s. Preis 1.50 Mk. Rüsselsheim a. M., Vertag von W. Sturmfets. Tas vor kurzem erschienene Merkchen giebt in alphabetischer Ordnüng eine Erklärung sämtlicher Ortsnamen, sowie der meisten Berg-, und Flußuamen Hessens, im ganzen über 1200 Namen. Es begnügt sich jedoch nicht mit der! bloßen Deutung der Namen der Städte, Flecken, Dörfer, Höfe, Schlösser, Burgen re. rc. unseres Heimatlandes, sondern es bringt auch die Namen derselben aus früherer Zeit, d. h. aus der alten Zeit, dem Mittelalter und der Neuzeit, sowie die genaue Etymologie, d. i. die Herleitung oder Abstammung dieser Namen; und'zu dieser sprachlichen Erklärung ist überall die sachliche Begründung der Namengebung hinzu- gefügt. । ___________ Logogriphe. (Nachdruck verboten.) 1. Von hell'gen süßen Banden soll ich sprechen, Dich matten an den reinsten Treueschwur; Doch manche sind bestrebt, mich zu zerb lchen, Die seh'n in Üiir die läst'ge Fessel nur. Ich binde, war zusammen sich gefunden, — Doch wenn ich meinen Kopf verloren, bin Ich Thier; die Poesie ist dann geschwunden, Es steht nach mir zumal des Trinkers Sinn. 2. Hab' einen Kopf und Haare dran; Verlier' ich die, ist's aus mit mir. Dochtvenn ich meinen Kopf verlier', In Meer und Flüssen lieg' ich dann. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des MerkrätselS in vor. Nr.r Pyramide. RedaktW! .tzurt Plattz. - Notatiotisdruckund Perlaa der tzrühl'schen Universttäts-Puch.yttd Cteindruckepei (Pietsch Exben) in Sichen.