Samstag den 29. März. 1902. Nr. 48. m Hl Ali M Ium Ksterftste 1902. Won Alwin Römer. (Nachdruck verboten.) Das ist ein segensvolles Walten, Das jetzt durch alle Keime rinnt; Auf jedem Plan will sich's entfalten, Wo Sonnenkunst ihr Werk beginnt; Aus braunen Knospen möcht' es drängen Der Waldeskronen grüne Pracht; Und alle Kelche möcht' es sprengen Zum Osterschmuck in einer Nacht! . 7 Wohl lauert er noch in den Bergen, Der König, der sein Reich verlor. Und oft bricht er mit seinen Schergen, Dem Frost und Sturmwind, noch! hervor; Doch sucht vergeblich er zu dämpfen Die junge Kraft in Flur und Hain — Und müde von den schweren Kämpfen Schläft er auf hoher Alpe ein! . . . Sei denn gegrüßt, du holdes Licht, Das uns erlöst aus dumpfen Qualen, Um uns mit Osterzuversicht Die zagen Herzen zu durchstrahlen! Wie Lerchen, die mit Jubelton Im Frührot ihre Schwingen regen. Flog deinem ersten Schimmer schon Der Seele Sehnsucht froh entgegen! Und ob auch zart der Schleier noch) Den deine gold'nen Boten woben. Die frohen Augen seh'n ihn doch Und wandern zu dem Schöpfer droben, Der um die hehre Osterzeit Im Lenze grüßt die deutsche Erde, Daß uns des Lebens Ewigkeit In solchem Bild zur Klarheit werde! . . . Willst Du allein seitab noch stehn, Grämling, in Unmut eingesponnen? Das Osterwort vom Auferstehn, Auch Dir rauscht's in den Frühlingsbronnen, Und flammt in Osterfeuern licht Auch Dir, zur Freude Dich zu führen; Und wenn auf Bergesgipfeln nicht, j - In Deinem Herzen sollst Du's schüren!; z !' । Ein Gefangener. Eine Ostergeschichte von Gerhard Walter, (Nachdruck verboten.) Sie saß in tiefem Sinnen am Fenster. Draußen lag kalter Sonnenschein auf der waldigen Berglehne, deren Buchen noch kaum jenen zarten rötlichen Schimmer der schwellenden, geschlossenen Knospen zeigten. Aber auf dem Grat des Berges ragte aus dem Walddickicht eine ab-, bröckelnde Turmruine auf. Die Burg, die einst dazu ge- hörte, mochte damals trutzig genug ins Thal hinabgeschaut haben. Es war ein feines, liebes Gesicht, das da so nachdenklich hinausschaute, und das sich auf die zarte Hand stützte. „Ach ja!" seufzte sie tief auf. Und nach einer Weile flüsterte sie: „Nun ist er hinaus in die weite Welt; ach mög' ihn der Himmel bewahren." Es war ganz, ganz still im Hause an der Berglehne.^ Man hörte draußen die Drossel flöten, und ein Buchfink, der die Zeit nicht hatte erwarten können, schmetterte sein frisches Lied vom Zweig des kahlen Nußbaumes vorm Fenster. Es war Osterheiligabend. „Gerda!" klang die Stimme der Mutter durch die großes Stille. „Jawohl, ich komme!" rief das junge Mädchen und! sprang auf, das dicke, dunkle Haar feststeckend. Sie lächelte. Sie dachte daran, wie Er ihr einstmals den Pfeil aus den dicken Flechten gezogen, daß ihr die lange, dunkle Strähne über Schultern und Rücken in schweren Wogen gerollt war. — Und sie seufzte wieder ein wenig, als wollte sie heimlich sagen: „Ich wollte, er thäte es wieder!" „Er" war seines Zeichens ein Maler gewesen, der reisend und schweifend und studierend, singend und pfeifend und freiheitsstolz durchs Land gezogen war zur schönen, linden Sommerszeit. Da unten in der Mühle hatte er länger gewohnt. Nicht ganz freiwillig. Er war von den Trümmern des Burgturms oben heruntergestürzt, als sich die Steine unter seinem verwegenen Fuß gelöst hatten, und in ziemlich trauriger Verfassung hatten sie ihn mit Wend unten aufgelesen und in sein Quartier in der Mühle ge-, tragen, in foeiri er nur zum Studium der „zwölf Apostel"/ einer Gruppe berühmter Tannen, eingekehrt war. Nun mußte er da schon etwas länger aushalten. Und mittlerweile, bis sein verknaxter Fuß ausgeheilt war, studierte er die schönen dunklen Augen von Fräulein Gerda, die öfters nach der Mühle zum Besuch kam. Er war ent frischer, kerngesunder, blühender Gesell; sie ein liebreizendes, , süßes, inniges Geschöpf. Es dauerte gar nicht lange da I machte er ihr in stürmischer Weise den Hof. Die.Müllers-, | leute hatten ihren Spaß daran: „Das wäre ein Mann 190 für Sie, Gerda!" sagte die Frau Muhme mit listigem Lachen. Gerda lachte noch viel lauter. „Wie viel Mädchen der wohl schon Artigkeiten gesagt hat! Nein, so ganz Laudgänschen bin ich doch nicht!" Wer eines Tages, als er schon ausgehen konnte, du hatte er Plötzlich an der Quelle, die so frisch und ursprünglich aus dem Gestein brach, und bei deren murmelnden Rauschen sie so gent sah, da hatte — er plötzlich vor ihr gestanden, und sie hatte dunkelrot und befangen seinen Gruß erwidert, über ihre buntfarbige Stickerei gebeugt. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?" hatte er gefragt. Sie konnte kaum antworten vor Herzklopfen. Und ohne weiteres hatte er nach ihrer Hand gegrtzfen. Sie wollte sie aus der seinen reihen, aber er ließ nichk lvÄ „Nein, Fräulein Gerda, wenn man so gefangen ist, wie ich eS bin, daun wird man rachsüchtig und gönnt auch anderen die Freiheit nicht. So geht's mir mit Ihnen. Sehen Sie mir einmal in die Augen—" er hielt inne, und sie mußte es wirklich thun, sie mochte wollen oder nichts — und es waren leuchtende blaue Augen, aus denen Liebe und Leben sprühten — „glauben Sie, daß ich mich aufs Lügen verstehe? Nein! Denn so deute ich mir Ihr leises Kopfschütteln; nun, denn lüge ich auch jetzt nicht, wenn ich Ihnen sage, daß auch ich manchem Mägdlein in die Augen geschaut und hier und da auch eins geküßt habe — aber so riesig, riesig lieb gehabt habe ich bis dahin noch keine, d. h. so, daß das ganze Herz mitgeht, wenn ich mir diese Liebe ausreißen wollte. Wer jetzt ist es so. Und hier sitze ich neben Dir, Gerda, ich Johann Siegfried Möller, Landschaftsmaler, und frage Dich, Du süßes, reizendes, wonniges Mädel: willst Du mich haben?" Sie hatte gar nichts sagen können vor Glück; die Quelle schien ihr nur unheimlich laut zu rauschen, und der Specht, oer da im Forst einen Baum anschlug, der mußte mit einer Axt arbeiten. Und schließlich sand sie sich in seinen Armen wieder, wie sie halb erstickt sagte: „Herrgott, ja!" Und er zog ihr den Pfeil aus dem Haar. „Wie bist Du süß. Du liebliches Mädel Du! Machst Du es mir. zu Ehren immer los?" Es wurde an jenem Sommertage sehr spät, ehe sie nach Hause kam. Wer ihr Buch und ihre Stickarbeit mit den Rosen hatte sie an der Quelle liegen lassen. Als der Maler am nächsten Tage kam, um um Fräulein Gerdas Hand anzuhalten, da sahen Vater und Mutter gar nicht sehr zuvorkommend aus. Er stand breitspurig, kräftig, gesund, ehrlich vor ihnen, und versprach, alles, was sie wollten. Endlich sagte der Vater: „Nehmen Sie's mir nicht übel, wenn ich Ihnen sage, daß Ihr Vertrauen mich ehrt, und daß ich sehr gern glaube, daß Sie in meine Gerda sterblich verliebt sind! Das genügt mir aber beides nicht. Ich kann meiner Tochter nichts mitgeben, und Sie haben nichts und sind nichts, worauf Sie heiraten können. Ruhig! Ich kenne das, was Sie sagen wollen! Also: wenn Sie bis heute übers Jahr mir aufzeigen können, worauf Sie Ihr Haus bauen wollen — Hann soll's gelten! Am 15. August nächsten Jahres' ist mein Mädel wieder frei. Ich will Ihnen das Schreiben Nicht durchaus verbieten, denn das würde am Ende nichts nützen; aber mein Wort gilt! Am 15. September nächsten Jahres schicke ich mein Mädel nach Chieago zu ihrer Tante Tilly. Gott befohlen! Und hoffentlich erlaubt Ihnen Ihr Fuß bald zu reisen." Damit mußte er gehen. Der Vater war von einer gewissen ruhigen Grobheit, die Tochter und Schwiegersohn gleichmäßig imponierte. Als dieser Abschied nahm, hätte er Gerda beinahe umgebracht; — es war wieder draußen au der verschwiegenen Quelle — und auf ihre sehr atemlose Frage: „Wer wie kommen wir bloß zusammen?" hatte er nur geantwortet: „Liebe vermag alles!" — Und jeder Brief schloß nach tausend Liebesschwüren mit demselben Wort. „Ach Tu lieber Gott!" seufzte Gerda wieder und trat vor den Spiegel; und gerade wie die Mutter zum dritten Male rief, schon etwas sehr ungeduldig, da flog das Töchterlein, ohne ihrer zu achten, an der Küchenthür vorbei aus die Hausthür zu, an der eben der Postbote klingelte. Er lachte verschmitzt: „Hier Fräulein!" Seine Handschrift! Und auf einem Holzkistchen. Der Bote bekam einen ganzen Groschen. Gerda stürzte auf ihr Zimmer. „Ach was!" sagte sie, „Mutter kann warten mit der Hammelkeule!" Ihre Wangen glühten, ihr Busen flog. Wie pink die feinen Finger waren! Jetzt hob sie ein großes! Osterei aus dem Kistchen; weiße, köstlich bemalte Seide überzog es; sein Werk! Sie küßte das meisterhafte Werk der Rosen mit heißen Lippen. Im Ei lag ein Brief. Sie riß ihn auf — und las — und las — sie griff mit einem Male hinter sich und fuhr mit der anderen Hand ins Haar und riß den Pfeil heraus — wozu? dann legte sie beide Hände an die Stirn — und wie ein Reh eilte sie ungestüm den Gang hinunter, sprang die Treppe hinab und brach wie ein Sturmwind in die Küche, daß die Mutter vor Schreck die Spicknadel fallen ließ: „Herrgott, was ist los? Mädel, wie siehst Du aus?" Das dunkle Haar wogte in langen, üppigen Strähnen um das bleiche Gesicht: „Lies doch, Mutter, lies!" Sie stützte sich rücklings mit beiden Händen auf den Küchentisch und senkte das Haupt, daß ihr Haar ihr Gesicht flutend verhüllte. Ihr Atem ging schnell. Die Mutter las halblaut: „Fröhliche Ostern, Geliebte! War einst so stolz auf meine Freiheit, nun bin ich gründlich eingefangeu, von Dir! Und sonst noch! Habe mein Zeichenlehrerexameu gemacht und trete am 16. April in Quedlinburg am Gymnasium an; Möchte aber vorher gern Hochzeit machen. Kauu'I denn wohl in acht Tagen sein? — Hnrrah! Und morgen komme ich! Liebe vermag alles." Da Huben unten im Dorf die Glocken an, die das Osterfest einläuieten. Gerda hob die Hände, warf das Haupt zurück und ries jubelnd: „O mein Gott! Die Glocken läuten so hell!" (Nachdruck verboten.) Tobias Breeden. Von Luise Westkirch. de Tas Wort traf den kräftigen Alten dergestalt, daß er schwankte wie ein Birkenstämmchen im Sturm. ; Wat seggt Se da? Ebba! Min lütt' Ebba!" Es stieg ihm heiß in die Augen, in die Kehle. Dm Mutter mutzte es doch wissen! ,Ja, dat's so", nickte die Frau, schloß die Thür und tauchte zurück in Dunkel und Sturm. Zähneknirschend starrte der alte Mann zum Himmel. „Un die auch zu Grund gerichtet! Die auch M schänden gemacht! ,So'n smucke, leeve Deern! Un keine Vergeltung bei dir, Gott im Himmel!" Es litt ihn nicht mehr in seiner sturmum'heulten Wohnung. Er setzte seine Mütze auf und ging ins Dors &Ur Im Thürrahmen von des Eschenwirts J er wie versteinert stehen: Trina bediente die spärlichen Gälte cVfrm schoß es siedend heiß durch den Sinn: „Wenn een' von de Argenssche Fruensküe nütz richtig in’n Koppe is, denn is dat nick Ebba." Sich fassend, trat er ein. „Sich, süh, Trina! All wedder mal! Ick segg, de Welt is lütt!" „Die Frau is meine Pate, Tobias Breeden. Än mit *) dämmerig. (Fortsetzung.) Ter alte Mann ballte die Faust. „Wo — wo heiß Keerl sick verkrupt?" „Ick weih nich." „ „O, Mäken, heft di denn nich na em nmsehn?" „Nee. Ick harr' Angst." Sie begann wieder unruhig hiiiter sich zu schauen und rechts und links. „Du mußtest das wissen, Tobias Breeden. Un nn adjüs. 's wird all schummerig *) — Und mir läuft der Tod Übers Grab. 5mb meiner Tage nicht gewußt, was Angst war. Un nn hab ich Angst immer, immer, — so lang als Jan ^urgens! lebt .Adjüs! Wjüs auch, Tobias Breeden." Scheu, flüchtig, wie gejagt huschte sie hinaus. Er umschloß den Zettel mit seiner Hand und dachte nach. „Wo, wo krieg ick em to säten?" . B Bald schon klopfte es an der Ttzür Mutter Marinkas! schwarzumrahmtes Gesicht schaute herein. „Is mten pochier hier west, Nahber?' "Wat ^se ent ook verteilt hett, Tobias Breeden, dar is nix achter. Bersteiht he?" Die Frau fuhr sich mit bezeichnender Gebärde über die Stirn. „Se is nich richtig in'u — 191 —- is'r ook „Rinseild? Klooksnacker! Seild! Wer Lett' denn seild, he?" Gegen zwei Uhr kam er an daN Häuschen auf hochragender Düne, in dem der Pächter der fiskalischen Wiesen mit seiner Familie wirtschaftete. Er fand den Mann anr Wattstrand, wo er, bis an die Hüften im Wasser stehend, fern angepflöcktes Boot betrachtete und beklopfte. Gegenüber, nur durch einen schmalen Meerarm getrennt, lag das Notland, die werdende Insel, fahl und kahl unter dem niederen schwarzen Himmel. Tobias hatte nichts gefunden. Ihn fror, er war sehr müde, sehr niedergeschlagen. Er blieb stehen und sah zu. „Süh so, Krischan Pott. Wo geiht di't?" „Mutt god sien." Ter Pächter sah verdrießlich aus, und fuhr fort, sein Boot tut Wasser zu umkreisen. ,... Ja9te Tobias, „de hett'n groten Hümpel Water in t x,tef. Water treckt dat Kropptüg von Booten iümmers." „Bun een Dag up'n nich an to fin'nen." ward dat Water 'r woll rinseild sien, Krischan oem Dienst in Emden war's man en klatrigen Kram. Das geht^nich in 'nen hohlen Baum, was ich mir da gekribbelt „Jo, jo. Ost un West, to Huus is't best. Na, denn Hal mi mal glieks 'n mojen Happen Braden un 'n Genever." „Jehs', das süht ja aus, wie'n Mrmesessen. Sie sind wohl ausnehmend auf Ihrem Schick, Tobias Breeden?" „Jo, Trina, ick freu' mir." Das Mädchen war ihm etwas Aehnliches, wie den Fischerflotten im Herbst die eigentümlichen schwarzen Fische, die immer den Heringszügen voranschwimmeud, gleichsam als Herolde ihr Nahen verkünden. Während er tafelte, überlegte er. Konnte jemand auf der Insel so gewissenlos sein, den Verbrecher bei sich aufzunehmen? Er ging die einzeliten Familien durch!; außer Marinkamöh besaß Jan Jürgens keine Blutsverwandten. Nein, da war niemand, dem er die Nichtswürdigkeit zutraute. Wer vielleicht verbarg Jan sich in den Dünen, die jetzt, nachdem die Fremden sie nicht mehr kreuz und quer durchstreiften, oft Wochen- und monatelang unbetreten lagen, und die rote Füchsin versorgte ihn mit Speise und Trank? — Ein unwirtlicher Aufenthalt zur Novemberzeit war's. Wer ein Verzweifelter tvie Jan Jürgens mochte immerhin dort eine Zeit lang aushalten, bis:er Gelegenheit fand-, einen der auf hoher See vorüberfahrenden Ozeandampfer zu erreichen. Ehe der späte Strahl des nächsten Tages dämmerte, war Tobias zur Suche gerüstet. Die Stricke, die den Mörder binden sollten, auf der Schulter, ein Stück Brot in der Tasche, zog er ostwärts. Er ging den Strand entlang und erklomm die Höhen. Er durchstöberte jede Senkung nach einem Menschen, der Spur nach einer menschlichen Lagerstätte. Es war ein rauher Tag. Brüllend schlugen die Wogen den Strand, unheimlich weiß unter den tiefhängenden schwarzen Wolken blinkte ihr Schaum. Einzelne Regenböen, vermischt mit scharfen Hagelkörnern, gingen nieder. Wer der Stitrm, der eisig daherfegte, sog die Feuchtigkeit sofort wieder auf und trieb den losen Sand in wildem Wehen über die breite Strandfläche, daß es sich ausnahm wie ein Schneetreiben dicht über dem Boden, — als wollten der graue Himmel, die graue Erde, die graue See ineinanderfließend, ihre einzelnen Bestandteile zurückmischen zu dem formlosen Chaos, aus dem Gottes Schöpferwort sie hervorzauberte. Laut kreischend stoben Möven intb Strandläufer vor dem einsamen,Wanderer «s, strichen mit schwerem Flügel- schlag über die Wellen, und kehrten an ihren Standort zurück. Und jetzt brandete die See gradqus vor Tobias Breedens Füßen. Weiter hinaus führte kein Weg. Er stand an des Eilandes äuß!erster Ostspitze. Unb er hatte nichts gefunden. Er gönnte sich keine Rast. In einem Dünentrichter verzehrte er sein karges Mittagsmahl und wanderte weiter, zurück jetzt, uach Westen. Der Sturm, den er nun grade entgegen hatte, trieb ihm alle paar Schritte Thränen in die Augen. Er wischte sie mit dem Aermel fort, wanderte weiter und suchte. Er erreichte das Dorf, sein Haus, von dem er am Morgen ausgezogen war, und wanderte, vorüber, westwärts, immer westwärts. „Dat weet ick doch nich." „Na, ick ook nich. Tunnerslagl" Sich schüttelnd wie ein nasser Pudel, watete Kriscban Pott jetzt ans Land. „Tobias, glövst du an Spät?" „Nee, doh ick nich." „Ick segg di äwer, hier geiht et üm, Tobias, 't Boot is vull Water all't tweete Mal, un't Tauwerk is heel ver- tüdert, un dar is feen enfel Minsk mit seild. Un de anner, Nacht bei Vullmand, as mien Fru na'n kranke Koh seihen wull, kommt se flatterig as en Schötteldok in de Kammer torüglopen. Krischan! up'n Notland steiht een. — Rappelt't di? segg ick. Nee, seggt se, 't is en Matros. Ward woll sien Liek sien andreven kamen. He böhrt sien Händen itp un bittet um en christlich Grab. Ick kam denn ook to Gang, un mit'n Fernkieker na buten. Da is en swarten Klecks up den Witten Sand, Tobias Brecden, en groten smarten Klecks. Un as ick'n mi gemakelik dör't Glas besehen will, treckt di so'n verflixtige Wolk öwer den Mattd. Weg was mien Klecks, as hctrr'n een wegpust't. Ämtern Dags het 'r eit hoben Ochsen legen, äwer wat mihr na Baben. Un nu steiht 't Boot vull Water, un toi hebbt doch nich seild. Tat's mi to hoch. Ick kann ’t nich spitz kreegen." Durch Tobias Breedens Glieder rann ein Zittern. Zweimal hatte er angesetzt, um den Redenden zu unterbrechen, die Aufregung schnürte ihm die Kehle zu. Wenn's wäre! Wenn Gott ihm den Schurken in die Hand gäbe, dort in der Einöde, Mann gegen Mann, wo jeder Gedanke an Flucht ersterben muß! Er packte des Pächters Arm mit schmerzendem Griff und seine Stimme klang heiser: „Krischan Pott, um Gottes willen, borg mi dien Boot!" Krischan sah ihn betreten an. „Büst en Schipper, Tobias Breeden, un snackst so'n Tüg! De Tide*) kummt Klock fif. Un denn is't all stockdustre Nacht." „Wat, Tide! Glieks mutt't sien." „Tat het noch feen utprobiert, bi Ebbe na’n Notland öwertosteken. Da kummt ook keen Heu. 't Strand is Slick. Minsk un Boot mutt'r versichert." „De Schaden deiht, mutt Schaden Betern. Krischan, ick betaal di 't Boot. Willst du stüren?" „Nich vör düsend Dahlers! Tobias Breeden, du baust mi leed. Wat sall Jan Jürgens up'n Notland. Wör he 'r äwer, denn kunn di 't flecht to Paß kamen. He dreiht di 'n Kragen üm." Tobias stand schon im Boot, löste es von seiner Boje und zog mit raschen Griffen das Großsegel auf. Das Fahrzeug neigte sich schwerfällig vor dem daherbrausenden Nordwest, machte eine halbe Drehung, und schoß hinaus in die totlb aufspritzenden Wogen. Der Wasserarm Wischen beiden Küsten war schmal. Wär's fester Boden gewesen, ein Fußgänger hätte ihn in einer Viertelstunde durchmessen können; bei ruhiger See glitt ein Ruderboot in zehn Minuten hinüber. Aber wenn der Nordwest so steif aus seiner Ecke blies/ die See hohl ging tote heut, und die Wassermassen sich in dem engen Durchgang stauten, dann setzte Leib und Leben ein, wer die Uebersahrt wagte. Tobias hatte den Wind gerade entgegen. Dreimal war er zurückgeworfen. Dann gewann er endlich den richtigen Winkel und kreuzte auf. Die kleinen, kurzen Wellen des Wattmeeres, das in Sommertagen träg und blinkend wie eine polierte Stahlfläche unter dem Sonnenhimmel lag, hoben sich heut laut aufrauschend bis über die Mastspitze empor. Gleich senkrechten Wänden von grünem Glas schoben sie sich dem kämpfenden Schifflein entgegen, uno wenn sie platschend in sich zusammensanken, überschütteten sie es mit den Schaummassen ihrer Kämme. Tobias Breeden war nach zwei Minuten so durchnäßt, als hätte er die Strecke schwimmend zurückgelegt. Er fühlte es nicht. Er Stte den Sturm nicht, der ihn bis auf die Knochen chtvehte. Ein inneres Fieber hielt ihn warm. Mit einer Hand umklammerte er das Steuerruder, mit der andern bewegte er den Punchenschwengel, um das Wasser abzuwehren, das bei jedem Niedertauchen des Bootes eimerweise über Bord spülte. Was er in seinem langen Leben an Seefahrer kunst, an zäher Energie erworben hatte, er setzte es ein auf dieser Fahrt. Immer heftiger wütete der Sturm. Auch das verkleinerte Segel war nicht mehr zu brauchen. Er riß es herab, faßte die Riemen und *) Flut. 192 ruderte. Die Haut sprang ihm von den schwieligen Handflächen. Er ruderte mit blutenden Händen iveiter gegen Sturm und Seegang. Endlich knirschte der Kiel über Grund. Er warf Anker. Tann nahm er den Riemen und lotete. Der Schlick war an der Landungsstelle, die Tobias gewählt hatte, nicht ganz so tief; der Riemen wies vier Fuß. Ta sprang er über Bord. Das Wasser ging ihm bis an den Hals. So rasch er konnte, schwamm und watete er vorwärts. Bald hatte er die Brust frei; noch ein paar Schritt, er sank nur bis zu den Knieen ein. Aber hier wurde das Vor- wärtskommen mühsam. Er bewegte sich nicht mehr im Wasser, sondern in Schlamm, zähem, grauem Schlamm, der wie Pech klebte, sich wie Zentnergewicht ihm um die Füße hing und ihr Hervorziehen zu einer schweren Anstrengung machte. Doch durste er nicht stehen bleiben, nicht den Bruchteil einer Sekunde, nicht um Luft zu schöpfen; der tückische Brei schlang in bodenlose Tiefe hinab, was auch nur auf Augenblicke auf ihm weilte. Drum, wie auch der Sturm mit übermächtiger Wucht sich dein Keuchenden entgegenlegte, und ob auch seine Kniee fast brachen vor Ermüdung, vorwärts, vorwärts rang er sich. Es galt das Leben, galt mehr! Tie Vergeltung ! Bald wußte Tobias Breeden nicht mehr, war's Seewasser, waren's Schweißtropfen, was ihm unter den Haaren hervorrieselte. Seine Brust röchelte, sein Gesicht war blaurot. Feine Blutströpfchen perlten auf der harten Haut der Wangen, die Wind und Kälte, Hagel und Salz- wasser aufgerissen hatten. Und er watete vorwärts. Auf einmal warf der Sturm ihm stechend wie Nadelspitzen eine Handvoll Sandkörner ins Gesicht. Trotz des! Schmerzes hätte er fast aufgeschrieen vor Freude. Fünf Schritte noch, und der mörderische Schlick war überwunden, er stand auf ehrlichem Dünensand. Zum erstenmale wandte er das Gesicht aus dem sausenden Nordwest und versuchte Atem zu schöpfen. Ein widriger Geruch machte ihn stutzen. Richtig! Dort lag der tote Ochse, ausgecfnollen, mit offenem Maul, die Beine fehlten. Und mit widerwilligem Kreischen stob ein Schwarm Vögel auf, der den Angefchwemmten fast bedeckt hatte, Mantelmöwen mit den grauen Flügeldecken, tveißschilternde Silbermöwen, die dunkleren Regenpfeifer, Seeschwälbchen und Strandläufer. Wie eine Wolke schwirrten sie um den Kopf des unwillkommenen Störers und kehrten zurück zum leckeren Mahl. Platt wie ein Tisch lag die Insel vor Tobias. Nur im Südosten, dort, wo das Seezeichen seine phantastische Form an den tiefhängenden Himmel zeichnete, erhoben sich die kleinen Dünenhügel. Dazwischen Sand, im Sturm wirbelnder Sand stundenweit. Gegen Nordwesten streckte das Riff seinen Fangarm tief in die offene See hinaus. Blendend weißer Gischt spritzte hoch daran empor und zeichnete seine Lage weithin ° in der grauschwarzen Flut. Dicht wie Muscheln bedeckten es seine Siegestrophäen, die Ueberreste der gestrandeten Schiffe, ein Wald von Wracks, ein Leichenfeld, wie die gefahrvolle Küste vielleicht kein Weites aufznweisen hatte. Wer hier entlang wanderte, dessen Fuß trat aus zerschmetterte Hoffnungen, zerschelltes Menschenglück. Ten Anfang machte die Seitenwand einer Brigg; pechschwarz, mit Miesmuscheln überzogen, stand sie senkrecht im Weißen Schaum der Brandung. Zwanzig Schritte weiter hatte ein ostfriesischer Kutter'sich in den Sand gewühlt; die Planken des Rumpfes waren längst in Stücke geschlagen, die mächtigen Rippen starrten in bie Luft wie die Gräten eines ungeheuren Fisches. Sein Nachbar, ein schwedischer Schooner, lag völlig auf der Sette, ein stattliches Schiff, und bis auf den zersplitterten Bug Wohl erhalten; an seinen fast wagerecht in die Luft gestreckten Masten flatterten noch Fetzen von Tauen und Segeln im Sturrw Tann kam eine holländische Küss, eine Galiote, ein Fischerboot, eine Jacht, mehr noch, immer mehr! Eine unabsehbare Straße des Todes, ein Gräberfeld ohne Ende. Tiefes, feierliches Schweigen brütete darüber, die Einsamkeit der Wildnis. Nur der Novembersturm sang sein Totenlied, sein Siegesliod; nur die See peitschte mit triumphierenden Rauschen die elenden Reste ihrer Beute, ihres Spiel- Tobias stand, und sein scharfer Blick durchwühlte gleichsam die Insel. Wo barg sich Jan Jürgens? Er suchte ihn am Land, auf dem Meer, am Himmel. Und plötzlich durchzuckte eine wahnsinnige Freude sein Herz: aus dem Wrack des schwedischen Schooners stieg Dampf, ein leichtes blaues Wölkchen nur, gegen den schwarzen Himmel; Seemannsaugen gehörten dazu, um es zu erkennen. Ter Schiffer fühlte keine Ermüdung mehr. Er warf die Stricke iiber seinen Rücken und schritt durch den tiefen; Sand auf das Fahrzeug zu. Nach einer halben Stunde stand er vor dem schmalen Wasserstreifen, der es zur Ebbezeit von der Insel schied. Mit Befriedigung sah er ihn wachsen, anschwellen, sich verbreitern. Die Flut stieg rascher, als fie pflegte. In einer halben Stunde brach sie über den Unterschlupf des Verfehmten herein. Die Hände in! den Taschen, stand Tobias und wartete. Nach kaum zehn Minuten hob sich die Fallthür auf dem Teck. Ein Kopf erschien, ein angstverzerrtes Gesicht, das jählings wieder untertauchte. Tobias legte seine Hände an den Mund und überschrie! die Brandung. „Jan Jürgens! Jan Jürgens! Kumm herut! Tin Tip is afloopen!" Ta schlug der Flüchtige die Klappe vollends zurück; er hatte erkannt, daß es nur einer war, der, ihn suchte.^ Er trotzte. „Ick will di wat hosten, oll Snüffler, du! Kumm un haal mi, denn heft mi. Ick bliv." „Bliv, Jan Jürgens. Tenn steihst du in 'ner Stürm' vör Gottes Richterthron, statt dem der Minsken. Mi is ’t recht." „Scher' di tom Düwel, Karnaille." , Tobias rührte sich nicht. „Ick scheet di öwer'n Hoopen as 'n Kreih!" knirschte Jan und zog eine Feuerwaffe hervor. Die Verzweiflung! stieg ihm zu Kopf. Hinter ihm die unerbittliche See, vor ihm der unerbittliche Rächer! Er drückte ab. Ein Flämmcheu blitzte aus, ein schwacher Knall verpuffte, erstickend in der! schweren Luft; — die Patrone war im durchnäßten Lauf stecken geblieben. Eine Sturzsee brach über den Schoner. Da schwang sich Jan Jürgens mit einem Fluch vom Deck herab. Laufend durchmaß er das Wasser, die Arme eingestemmt, den Kopf gesenkt wie ein junges Rind, das seinen Gegner überrennen will. In seiner Faust blitzte ein Messer. „Tat schall beegen o'er breeken!" (Fortsetzung folgt.). Festrätsel. Nachdruck verboten. Eins Zwei am hohen Himmelszelt, Du führtest einst zum Licht der Welt! Du hast in mancher dunklen Nacht Dem armen Herzen Trost gebracht. Eins-Zwei (verbunden), holde Mär Dringt durch die Welt vom Himmel her! Es sagt der Glocken hehrer Klang, Daß Leben doch den Tod bezwang. (Auflösung in nächster Nummer.) A r i t h m o g r i p h. (Nachdruck verboten.) 123456785439 10 42 11 ein Wunsch an unsere Leser. 2 5 4 7 11 deutscher Strom. 3 5 2 4 11 Körperteil. 4 7 11 5 3 2 11. fabelhaftes Tier. 5 4 6 6 4 2 alte Münze. 6 7 10 7 11 Stadt in Rußland. 7 6 6 4 2 Fluß. 8 5 6 3 2 7 10 Mineral. 5 7 2 9 4 Pflanze. 4 7 8 5 4 Baum. 3 9 10 4 11 Himmelsrichtung. 9 10 3 2 8 5 Zugvogel. 10 5 3 11 3 11 Stadt am Genfer See. 4 6 6 4 altes Maß. 2 3 9 4 11 Blumen. 11 4 2 3 römischer Kaiser. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.