Nr. 16. 1902 Mittwoch den 29. Januar. w aöräjifl UÜHUlu oppelt lebt, wer auch baS Vergangene genießt. Martialis. Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) Der Knabe blickte sie voll stolzer Befriedigung an, ihr Blick aber, den seinen verständnisvoll streifend, schweifte Wetter in dem Gemache umher, um sich zu versichern, ob ob man ihr leises Zwiegespräch auch nicht beachte. Nein, allgemein war man von anderen Dingen in Anspruch genommen, nur einen Müßigen, einen Sinnenden fand ihr Auge — Nikolai Karin. Etwas verdeckt von einem der seidenen Vorhänge lehnte er neben einem Palmentisch still und schweigsam. Er hatte sie die ganze Zeit über beobachtet, nur ihrem Gesang gelauscht; jetzt begegnete sein Blick dem ihren, und Clarita erschrak davor bis ins Herz; denn dieser Blick, er sagte deutlich-, klar und wahr, dasselbe, was eben des Knaben Mund gesprochen: „Ich liebe Dich, und werde Dich immer lieben!" Es gab da kein Mißverstehen, der Augenblick hatte verraten, was bislang sorglich gehütet, und beherrscht in Nikolai's Brust gelegen, was Clarita wohl zuweilen blitzähnlich geahnt und gefürchtet, immer aber wieder verworfen hatte, als eine unbegründete Einbildung weiblicher Eitelkeit, lieber dergleichen mußte sie erhaben sein; keiner ihrer Gedanken durfte daran haften bleiben. So hatte sie sich gesagt. Danach hatte sie gehandelt. Nie hatte sie gesucht, gestrebt, zu gefallen — im Gegenteil, sich zurückgehalten, in Unnahbarkeit gehüllt, sobald ein oder der andere von Wera's galanten Gästen ihr huldigende Auf- rnerlsamkeit zu widmen suchte. Der Fall war wohl zuweilen eingetreten, da man die französische Gesellschafterin mit dem spanischen Typus interessant fand. Weil aber deren edles Mesen keine spielenden Artigkeiten znließ, so bequemte man sich in gewählterer Form die bescheidene Dame zu verehren, deren eigentümliche Schönheit immer mehr hervortrat, je öfter man sie sah, je länger man sie betrachtete. Wera Sergewna war darüber längst zur Erkenntnis ihres Irrtums gelangt, jedoch zu spät, um noch eine Aeuderung herbeiführen zu können; denn Claritas Bescheidenheit war tadellos — sie konnte nicht daran mäkeln, deren Wesen war zu fein und edel, als daß sie dem gegenüber ihre kleinlichen Nörgeleien hätte entfalten können. Sie wußte es selbst kaum warum, aber sie konnte Made- mvlselle de la Para nicht behandeln wie Lisavettens Gouvernanten Madame Düflois und die englische Lehrerin Miß Bob. Endlich waren Claritas Leistungen auch so ausreichend, daß sie selbe ungern in ihrem Salon vermißt haben würde, schon deshalb nicht, weil Claritas Talent dieselbe sicherlich rasch in einen anderen Salon der vornehmen Welt geführt hätte, wohin ihr vielleicht Nikolai Karin gefolgt Ware! — Wera litt bereits innerlich aus Eifersucht, diese machte sie scharfsichtig, und ängstlich zugleich. Oft schon hatte sie auf dem Punkte gestanden, die ahnungslose Clarita zu entlassen, immer aber wieder sich damit begnügt, statt dessen ihre übrige Umgebung- durch Launenhaftigkeit zu quälen, und Karin zu beobachten. Es deuchte ihr leichter, die Eifersucht zu ertragen, Nikolai aber in ihrer Nähe festzuhalten, als es zu riskieren, daß derselbe andere Gesellschaftskreise aussuche. Diese Gedanken und Erwägungen hatte Clarita freilich bisher noch nicht erraten, sie hatte nur zuweilen, wenn sie nicht umhin konnte, ihr gezollte Rücksichten anzuerkennen, Weras Unmut und Rastlosigkeit bemerkt. Doch weniger deshalb, als ihrer selbst wegen, erwuchs dadurch in ihrem Innern eine gewisse Unruhe. Als Alexis Gattin mußte jede huldigende Werbung sie eher beleidigen als freuen, andererseits jedoch durfte Mademoiselle de la Para, für welche die Welt sie noch hielt, darüber zürnen? Das Geheimnis, in das sie die Wahrheit gehüllt, warf auch hier in bitterer Folgerung seine Schatten, die sie bedrückten, sie unsicher machten. Sie konnte den errungenen Platz nicht fliehen, sie vermochte nur sich in kühle Zurückhaltung, in abweisende Kälte zu hüllen, mehr noch, sie wählte absichtlich weniger vorteilhafte Toiletten, und wenn sie auch in heroischer Selbstverleugnung nicht soweit ging, wie jener etruskische Jüngling, von dem die alten Sagen erzählen, daß er — weil um seiner Schönheit tvillen jedes Weib für ihn in Liebe erglühte — sich selbst das Antlitz durch Wunden verunstaltete, so that sie doch, jeder weiblichen Eitelkeit entgegen, alles, was in ihrer Macht stand, um ihrs ganze Erscheinung möglichst unscheinbar zu machen- Für ihren Zweck mochte dies das richtige Mittel sein, einen: Kreise oberflächlicher Menschen gegenüber. Zu jenen gehörte aber Nikolai Pawlowitsch nicht. Er fand gerade durch jene anspruchslose Bescheidenheit Clarita nur um so schöner, doch noch in innerm Zwiespalt mit sich selbst, hielt er sich fern von ihr. In edler Zurückhaltung hatte er bisher das, was in ihm erwachen wollte, zu unterdrücken oder doch zu verbergen gestrebt, bis heute sein sprechendes Auge das Gefühl seines Herzens verraten. Clarita völlig bestürzt dadurch, wandte sich hastig ab, und das Piano mit bebender Hand schließend, versuchte sie gleichmütig mit Feodor weiter zu plaudern, doch des Knaben Aufmerksamkeit war inzwischen von Lisavetta m Anspruch genommen worden, die sowohl ihm, tote Herr von Karin zurtef, ein. Älbumblatr in Augenschein W nehmen- 62 XIV. Ins innere Land. Die Hoffnung stehet mit mir auf Uud legt sich spät mit mir zur Ruh', Sie hemmet meiner Thränen Laus Und flüstert heimlich Trost mir M- Mly Gregor. „Heilige Theodosia von Kiew, wie langweilig dies hier ist in den engen Zimmern! Ich vergehe vor Sehnsucht nach der freien Steppe, nach meinem lieben Ornatoffsko!" Es war Feodor, der so klagte in kindlichem Unwillen und Verdruß über die Enttäuschung, welche ihm selbigen Tages geworden. Gr hatte so sicher darauf gerechnet, die Ferien draußen auf dem Lande zu verbringen, daß er die Erklärung seiner Mutter, sie würden in der Stadt bleiben, vorerst überhaupt nicht mehr nach Ornatoffsko gehen, gar nicht zu fassen, nicht zu begreifen wußte. Und koch sollte er sich oarein ergeben. Seine Mutter war entschlossen- „Sprich mir nicht von Ornatoffsko!" hatte sie seiner Bitte heftig entgegen- aesetzt; „nur daran zu denken, macht mich krank! Was sollten wir dort in der Steppeneinsamkeit? Ich würde mich langweilen zum Sterben- Auch für Dich wird Petsrs- Feodor sprang munter ihr zu. Auch Nikolai trat zu der kleinen Gruppe, indes einzig, um einen Blick aus das erwähnte Bild zu werfen, und sich dann Clarita zu nahen- Sie konnte ihm nicht ausweichen. Fetzt hatte sie es gern gethan, obgleich er ihr persönlich keineswegs uw- angenehm war. Ja, es hatte sogar eine Zeit gegeben, wo sie sich geneigt gefühlt, gerade dieses Mannes Freundschaft zu würdigen, ihm zu vertrauen, jedenfalls zu versuchen, durch ihn etwas über Alexis zu erfahren. Immer jedoch war ihr eine daraus bezügliche direkte Frage auf den Lippen erstorben. Zuerst hatten seine ihr etwas unverständlichen, unklaren Beziehungen zu Frau von Orna- toff sie zurückgehalten — später that dies die Furcht, seine Aufmerksamkeit mehr und mehr zu erregen- Gott wußte, wie sehr Clarita solche Aufmerksamkeit scheute, und heute mehr denn je, seit sie den heißen Strahl seines Auges gesehen, der ihr mehr noch verraten, als sie befürchtet. Nikolai Karin durfte, und sollte sie nicht lieben. Sie empfing ihn kalt, gleichgiltig. Er schien innerlich erregt, gewann jedoch bei ihrem kühlen Wesen bald die gewohnte ruhige Selbstbeherrschung wieder- Er versuchte eine Unterhaltung, zerstreut hörte sie ihm einige Minuten zu, wobei sie ersichtlich mehr auf die jugendliche Gruppe um den Tisch achtete. Sie machte den Sprecher auf Lisavetten's musikalisches Talent aufmerksam, und zog sich mit einer flüchtigen Entschuldigung, häusliche Pflichten vorschützend, zurück- Frau Wera hatte sich die ganze Zeit über mit ihren Freundinnen und Freunden lebhaft unterhalten, trotzdem war ihr der kleine Vorgang keineswegs entgangen. Innerlich erzürnt, weil Nikolai Pawlowitsch sich ihrer Unterhaltung nicht anschloß, hatten ihre unruhigen Augen ihn verfolgt, und nicht einen Moment ganz aus dem Gesichtskreis verloren. Dabei hatte auch sie mehr gesehen, als ihr lieb war. Krampfhaft zog sich ihr Herz zusammen, und während ihre hochmütigen Lippen lächelnd die gleichgiltigsten Dinge behandelten, sagte sie sich voll {stühender Leidenschaft gleichfalls innerlich: „Er darf, er oll jenes blasse, stolze Mädchen nicht lieben! Ich kann, ch vermag ihn nicht zu verlieren — ihn — den zu erringen ich soviel — selbst meiner Seele Ruhe geopfert!" "Ganz das gleiche wiederholte die beunruhigte Frau sich noch öfter in der tiefen Stille der folgenden Nacht, während sie voll rastlosen Unbehagens in ihrem prunkendem Schlafgemach auf und nieder schritt, dabei die weihen Hände wie in Angst und Furcht ringend. Zuweilen streckte sie dieselben auch wie abwehrend aus, als wolle sie ein Phantom, etwas Geisterhaftes zurückscheuchen! Ihre Augen leuchteten dabei wie blendende Irrlichter, aber um ihren stolzen Mund trat langsam, allmählich wieder jener kalte, entschiedene Zug hervor, der ein selbstsüchtiges hartes Herz bekundet- „Nein, Du wirst, Du kannst Nikolai nicht verlieren- Wera Sergewna", — sagte sie endlich, jedes Wort betonend zu sich selbst, — „Du nicht, aber diese Clarita, sie muß aus dem Wege." bürg unterhaltender sein. Du sollst hier Deine Ferien reichlich genießen, und wenn Du in's Institut zurückgekehrt bist, gehe ich den Sommer wieder in's Ausland- Der Arzt hatte mir eine Badekur augeraten, die Nerven Deines Mütterchens sind angegriffen. Ich bedarf der Kräftigung, der Erheiterung, darum — sei gut, mein Knabe, und quäle mich nicht. Ich mag, und will von Ornatoffsko nichts, gar nichts mehr hören — also füge Dich, Lieber!" — Alle die schönen Worte verfingen bei Feodor nicht; er hörte aus ihnen nur das Nein für seinen Wunsch heraus. Gr gab das Bitten auf, ging aber trotzig davon. Sein junges Herz konnte die Sehnsucht nach all den: heimischen Freuden nicht bannen, reden mußte er wenigstens davon. Er that's bei Clarita und Lisavetta. Sie saßen in dem sogenannten Schulzimmer; auf dem Tisch rauschte! der Samowar. Clarita bereitete für die Kinder und sich den Thee. Alle drei waren zufrieden, heute aus dem Salon wegbleiben zu dürfen, Feodor aus Trotz, Lisavetta! aus Kummer, da ihre Schwester wieder einmal mit ihr schmollte, Clarita aus sinkender Kraft. Der Beschluß/ daß man nicht nach Ornatoffsko gehen werde, hatte sie! völlig niedergedrückt, alle die darauf gesetzten Hoffnungen verschwanden nun im Nebel. Statt ihrem Ziele näher, rückte sie ihm ferner, all' ihre stille Ausdauer, ihr Harren und Warten schien nicht allein vergeblich, es mochte zwecklos sein. Die Geduld wollte sie verlassen, innere! Zweifel peinigten, ihr armer Kopf schmerzte sie. Dies letztere vorschützend, hatte sie bei der Herrin die Erlaubnis erbeten, den Abend für sich bleiben zu dürfen, Wera bewilligte gern, daß Mademoiselle de la Para! sich schone und Miß Bob deren Stelle mnnehme- Es förderte dies trefflich ihren Zweck: es war der beste Anfang, Clarita unmerklich zu entfernen, jeden werteren Verkehr zwischen ihr und Nikolai abzuschneiden. Dres, mußte geschehen, nur über das Wie war die ferne Jntrr- qantin sich noch nicht völlig klar, einstweilen redoch be- ; friedigte sie Claritas eigener Wunsch, dem Salon fern zu bleiben. Das machte sie gnädig. „Sie sehen rn Wahrheit schlecht aus, meine Liebe" sagte sie lässig — „bleiben : Sie den Abend für sich — achten Sie nur ern wenig aus ; Lisavetta, die ich heute abend nicht sehen wrll- Der letzte Wink wurde absichtlich gegeben. Clarita verstand vollständig Wera's Egoismus. Lisavetta, das heranblühende, hübsche Mädchen, dem war dre ertle Fran nicht hold, dasselbe sollte, und mußte oft genug seins ; Abhängigkeit empfinden, um bescheiden rm Hintergrunds zu blerben. Aus Laune verbannte dre Schwester sie h.uts aus dem Salon, während sie Feodor fernes Trotzes wegen dispensierte. Es war das, was letzterm gefiel; er suhlt« sich viel behaglicher bei Clarita, der er erzählen konnte,- von allem, was man ihm jetzt versagte, und was dreser- halb seine Phantasie in noch leuchtenderen Farben sah-! Selbst Lisavetta vergaß darüber ihren Trübsinn, und er-, fragte dies und jenes über die ländlichen Herrlichkeiten von denen sie nur eine dunkle Erinnerung besaß, da sie- bisher selbst ihre Ferien hinter den Jnstitutsmauern verlebte. Madame Düflois, entrüstet darüber daß Miß Boh in den Salon war gerufen worden, hatte sich aus ihr eigenes Zimmer zurückgezogen. Clarita vergaß chreu schmerzenden Kopf, ihre schwindende Kraft, und ihres Herzens Sorge über dem Interesse, das Feodors Geplauder iür einflößte, der bis ins Detail Hinern, Ornatoffsko beschrieb, und mit Jugendlust die Wonne schilderte, auf schnellem Pferde hinaus zu jagen rn dre herrliche, weite/ endlose Stepps er eifrig, - „Sie wiss^ nicht, wie wunderbar die ftere grüne Steppe ist! Es gießt nichts Schöneres auf der Welt. O, dre Steppe, drei Steppe — man glaubt auf fernem Tiere dahrn zu fliegen/ bis wo die Sonne untergeht!" Des Knaben Wangen hatten sich hoch gefärbt, sim Antlitz leuchtete, seine Stimme Melte, sein Geist war aanz daheim bei dem fliegenden Rrtt durch die unabsehbare Steppe. Und Clarita verstand ihn; auch sie gemachte eines Rittes auf schnellem Roß;sie in ihren spanischen Damenmantel gehüllt,, getragen von ihrem edlen Tiere an Alexis Seite in nächtlicher Stillg das schöne Land von Teneriffa bis zu dem Hafen von Vera-Cruz durchjagen voll heißer Lebenslust ernem neuen I Leben entgegen, unbekümmert um den zurückgelassenen I Schmerz, 63 — Der Schmerz aber hatte sich an Clarita gerächt. Leise war er ihr nachgeschlichen durch Länder und Meere, und hatte nicht geruht, bis er sie gefunden, und sich hineingebohrt in ihr Herz^ Dort innen saß er nun tief und fest. Er war's, der ihr jetzt den Ausruf auf die Lippen drängte: „O, Feodor — wie gern möchte ich sie sehen, und kennen lernen Eure weite unendliche Steppe! Mit Ihnen möchte ich sie durchjagen auf schnellem Pferde, wie ich es einst in meiner fernen Heimat zu thun pflegte- Es wäre reiches Glück für mich- Ich hatte mich! mit Ihnen so sehr auf die großartige Einsamkeit drinnen im heiligen Rußland gefreut! — Ich wünschte, Frau v- Ornatoff ließe mich mit Ihnen und Lisavetta dort hinziehen, damit Sie daselbst Ihre Ferien verbringen könnten, wie Sie es so heiß wünschen. Ich wollte über Sie wachen, Sie hüten, für Sie sorgen, wie besser es Ihre Mutter selbst nicht Vermöchte." „Wollten Sie das wirklich, mein liebes Fräulein?" sagte da plötzlich Wera's Stimme; sie klang diesmal nicht scharf, sondern weich, melodisch, und der launenhaften Dame Blick ruhte dabei auf ihres Knaben leuchtendem Gesicht. Sie hatte seine Schilderung gehört, sein Geplauder voller Sehnsucht belauscht. Unbemerkt war sie in die Stube eingetreten, ungehört über den weichen, dicken Teppich geschlichen bis hinter Clarita's Stuhl. Diese wandte sich bei der unerwarteten Frage hastig um, doch Verlor sie ihre Fassung keinen Moment. Lisavetta sah scheu ein aufziehendes Gewitter voraus- Feodor staunte verwundert, etwas starr seine Mutter an, Clarita aber erwiderte ruhig: „Gewiß, gnädige Frau, ich würde nach besten Kräften mein Wort wahr machen- so Sie Ihr Kind meiner Obhut anvertrauen, und uns die Ferienreise gestatten wollten." „Gut — es sei!" antwortete Frau v- Ornatoff gelassen. „Ich vermute, daß Sie gern eine Reise ins Innere Ruß- Imio un tern ehmen?" „Es ist dies ein heißer Wunsch von mir", bestätigte Clarita. „Nun wohl — Sie sollen Ihren und Feodors Wunsch erfüllt sehen. Ich vertraue Ihnen meinen Knaben an Lisavetta mitsamt der alten Düslots mögen Sie gleichfalls mitnehmen- Sie werden bei der kleinen Reisegefell- schaft mich vertreten, Mademoiselle de la Para, und ich darf erwarten, diese Mission von Ihnen gewürdigt zu sehend (Fortsetzung folgt.) Kotillon. Eine Ball- und Tanzplauderei, Bon Helmut Giese. (Nachdruck verboten.) Nachdem man sich in protestantischen Ländern schjon durch die letzten Herbstzeiten und den Winterbeginn durchgetanzt hat, tritt mit dem neuen Jahre und dem Drei- königstage auch in den katholischen Gegenden der Fasching mit seinen Freuden in volle Geltung. In den Tagen —i oder richtiger gesagt, in den Nächten, während welcher draußen im Freien der Winter mit unerbittlicher Strenge herrscht, entwickelt sich in den glänzend erleuchteten öffentlichen Festsälen und in den Prtvaträumen jener, die ein gastliches Haus führen und heiratsfähige Töchter haben, das rauschende Treiben des Karnevals. Alte, würdige Ballväter mit den an einem Goldkettchen aufgereihten Mtntatur- orden am Kragenumschlag, die froh sind, wenn sie sich sobald wie mögliche in ein verschwiegenes Seitenzimmer bei einem Glase Bier zu einer Skat- oder Whistpartie drücken können; Ballmütter, bekümmerten Hennen vergleichbar, die orgenvoll über die ersten Schritte ihrer Küchlein auf dem glatten Parkett wachen und zurzeit vielleicht keinen sehnsuchtsvolleren Wunsch haben, als daß ihr Töchterlein auch amtliche Nummern der Danzkarte besetzt hat. Und mitten >rin im Brennpunkte des ganzen Festes diese Küchlein selber, teils stolze, anspruchsvolle Schönheiten, welche in dem, erhabenen Selbstgefühl der Präsidententochter dem demütig vor ihnen stehenden Referendar, der ja seinen Pflichttanz abmachen muß, mit herablassendem Kopfnicken den erbetenen Tanz gewähren, teils bescheidene Veilchen und Tausendschönchen,, mit denen der von Vorgesetztengunst unabhängige junge Tänzer die köstlichsten Viertelstunden verplaudern kann, die oft zum Anknüpfungspunkt eines Bundes fürs ganze Leben werden. Allüberall aber gerötete Wangen, lachende Gesichter, glänzende Augen und jugendsrohe Lebenslust, die ihren Höhepunkt erreicht, wenn der Tanzordner das Zeichen zum Beginn des Kotillons giebt, bei dem die herkömmliche Förmlichkeit unserer Bälle in besserenGesellschasts- kreisen einer gewissen Vertraulichkeit weicht. Wenn der Kotillon heute den Schluß und nach dem Gesetze der dramatischen Steigerung den Gipfel der Tanzfreuden bildet, so begann man zu Ludwigs XIV. Zeiten mit ihm den Ball, sodaß er also ungefähr die Rolle der heutigen Eröffnungspolonaise spielte. Man führte ihn damals mit einer beliebigen Anzahl Personen — zum mindesten aber mit acht Paaren in der Art aus, daß man mit einer großen Ronde begann, an die sich eine oder mehrere Quadrillen- touren (Chaine en quatre, Croisse), anschloß, nach welchen jedesmal um den Saal herumgewalzt wurde. Das vortanzende Paar fügte daran andere, möglichst überraschende Touren, welche der freien Phantasie und der galanten Erfindungsgabe reichlichen Spielraum ließen, und indem man in diese Touren kleine Maskeraden, Scherzspiele, Veralt reichung von Orden, Bouketts und anderen, kleinen Geschenken nach freier Wahl der Tanzenden einführte, wurde der Kotillon zu dem, was er heute ist, nämlich zu jenem! Gesellschaftstänze, bei dem man sich nicht erhitzt, sondern im Gegenteile nach den gern ertragenen Ballanstrengungen soweit abkühlt, daß man ohne Gefahr der Erkältung durch die frostige Winternacht nach Hause gelangen kann. Er gestaltete sich aber dabei gleichzeitig auch zur reizvollen Gelegenheit, wobei sich die Beziehungen gleichgestimmter Seelen am besten anspinnen, und bei welcher Herren und Damen in taktvoller unaufdringlicher Weise kundthun können, wen sie bevorzugen, und wo schließlich auch Raum vorhanden für die praktische Ausübung des Sprichwortes: „Was sich, liebt, das neckt sich." Haben Sie sich, meine verehrten Damen, schon einmal die Frage vorgelegt, woher der gewiß auch von Ihnen bevorzugte Kotillon seinen Namen erhalten hat? Eigentlich ist es schrecklich, dieses Thema zu berühren; aber der gewissenhafte Geschichtsschreiber darf auch vor der Mitteilung nicht zurückschrecken, daß cotillon, im Mittellateinischen cotta, cote, Kutte nichts anderes ist als die Kleiderschicht, welche! Sie zunächst unter Ihrem von Atlas, Seide und Zephyr- stoffen schimmernden Ballkleide tragen, also auf gut Deutsch der „Unterrock". Der Kotillon ist nämlich! schon in den fernen Zeiten des frühen Mittelalters entstanden, wo «teilt in vielen Beziehungen, besonders aber im gesellschaftlichen Leben viel harmloser und urwüchsiger war, und während die Damen von Anno dazumal beim Tanzen die Spitzen ihrer Gewänder graziös lüfteten, wie sie es auf einem Bilde von Watteau und anderen Verherrlichern des Rokokko und an eien regime sehen können, sangen sie ein SchelmeM liedchen, dessen Verse auf den Kehrreim ausgingen: Ma commere, quand je danse, Mon cotillon va-t-il bien? Frau Gevatter, läßt beim Tanze Meinem Kotillon nicht schön? Der Ordner des Kotillons gehört, wenn er nicht schnöderweise eine gemietete und bezahlte Kraft ist, was in Er- mangelung eines besseren auch zuweilen der Fall ist, zu den bevorzugtesten, aber auch zu den am meisten gequälten Personen der Welt, in der man sich vergnügt. Besonders, wenn der mit den entsprechenden gesellschaftlichen Talenten begabte junge Herr von der Gastgeberin mit der stereotypen, sanft und berückend geflöteten Redensart: „Nicht, wahr, Sie sind doch so liebenswürdig, die Sache wieder in die Hand zu nehmen", auch mit betn! Oberkommando über die anderen Teile des Hausballes betraut wird, ist er eine Art höfischer Ceremontenmeister, ein ausgleichendes Element, dem es obliegt, aus der Herreninsel und den Gruppen der tanzfaulen, blasierten Eckensteher mit Kennerblick die Opfer herauszufischen und zu den Mauerblümchen zu dirigieren, deren Tanzkarte noch eine gähnende Leere aufweist. Er ist dadurch aber auch für die Tauer der schnell verrauschenden Festesstunden eine Macht, mit der selbst die junge Damenwelt rechnen muß, ein König in seinem Reiche, der Wer den Klavierspieler und die Kapelle! gebietet, uno aus einen bittenden Blick aus schönen Augem deren Besitzerin sich! eben im feurigen Walzer wiegt, den 64 — Tanz, der gerade abgebrochen werden soll, noch einige Minuten währen lassen kann. Meistens wird auch diese Aufgabe mit einem Ernste ausgeübt, als ob es sich um Dinge handelte, davon das Wohl und Wehe vieler abhängt, und Vortänzer, wie der schmucke Gardeoffizier, Herr v. Leipziger, der auf den Festen am Berliner Kaiserhofe dieses Amtes waltet, werden auch gewiß nicht bereuen haben, daß Mutter Natur sie mit gesellschaftlichen Talenten ausgestattet. Beim Kotillon lockt ein reicher Sternenhimmel glänzender Orden, und niemand erhält deren soviel wie der Ordner. Auch hier hat der Luxus der Neuzeit seine mächtigen Hebel angesetzt. Aus Metall gestanzte und mit Glasimitatiou besetzte Komturkreuze und Sterne sind vielfach an die Stelle unserer alten bescheidenen, mit Flittergold beklebten pa- P.iernen Ballauszeichnungen getreten, sodaß der Schein der Wirklichkeit täuschend nahe kommt, und man beschränkt sich auch keineswegs mehr auf Phantasiedekorationen: sondern die Fabrikanten langen mit flottem Griffe in den Ordensschatz exotischer Staaten hinein und stellen Dekorationen wie den chinesischen Orden „vonk doppelten Drachen", den persischen „Sonnenorden", das „strahlende Kreuz von Sansibar", das abessinische „Siegel Salomonis", den japauesischen Orden „der aufgehenden Sonne", oder den „Chryscmthe- mumorden", den siamesischen Orden „des weißen Ele- phauten" oder der siamesischen „Krone" großweise zur Verfügung. Auch die europäischen Staaten und 22 Königreiche und Fürstentümer sind vor dieser Plünderung nicht sicher. So konnte ich bei einem Händler unter den Vorräten für die diesjährige Saison in allerliebster Ausführung bei mäßigen Preisen so ziemlich die wichtigsten Orden Europas, z. B. den Danebrogorden, das griechische Erlöserkreuz, Englands blaues Hosenband, den Stern von Indien, Italiens Annunziatenorden, den niederländischen Löwen, Oesterreichs goldenes Vließ und Eiserne Krone, das russische Andreaskreuz, natürlich auch den Medschidschije und den Saukt- Savaorden Milans seligen Angedenkens, ja sogar Preußens schwarzen Adler und Pour le merite, merkwürdigerweise aber nicht den Roten Adlerorden in seinen unzähligen Variationen aus sauberstem Papier-Machö oder Celloidin geprägt sehen. Darf man den iveiteren Schicksalen dieser Balltrophäen nachspuren, so zeigt sich noch eine weitere AehnlMett derselben mit ihren echten Kameraden, welche bekanntlich nur „verliehen" werden und eventuell nachdem sie an die Ordenskommission zurückgegeben sind, neu aufpoliert und vergoldet nach Jahren an einen zweiten und dritten Inhaber gelangen. Diese Ordenskommission ist nun für die Sterne und Kreuze der Ballnacht meistens eine ausgeleerte Zigarrenkiste, aus welcher Schwestern und Cousinen des dekorierten eine Anleihe zu machen Pflegen, in jenen Fällen, wo di« Damen selber Orden zum Balle mitbringen und das vom Herrn Papa zugestandene Taschengeld für glänzende Neuanschaffungen gar zu knapp bemessen ist. Bei aufmerksamer Beobachtung kann man dann gewahren, daß auf diese Weise ein besonders schöner und widerstandsfähiger Orden durch mehrere Ballsaisons an der Heldenbrust der verschiedensten Herren glänzt, bis er gar zu arg mitgenommen ist, um noch weiter zu dienen. Viel kurzlebiger sind die Blumensträußchen, mit denen die Ritter des Tanzes ihre Tänzerinnen schmücken. Bier- leicht noch einige Tage lang paradieren sie im Doppelfenster der elterlichen Wohnung, als ein wenigstens in der Kleinstadt nicht ganz unbeachtetes Zeugnis der Umworbenheit ihrer Eigentümerin; aber nach wenigen Tagen, wenn ihre Pracht verwelkt ist, erleiden sie int Küchenherd den Ver- vrennungstod, wenn nicht eine mitleidige Schublade ibnen noch ein Schattendasein gewährt, in die vielleicht nach längen Zähren, einmal ein Lichtstrahl und ein Blick der einstigen Ballkonigin fällt, an den sich oft genug hundert süß-schmerz- ltche und wehmutsvolle Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit der Jugendhoffttungen knüpfen mögen, die tue tn Erfüllung gingen. Jedenfalls hat die alte gute Sitte der billigen und zu nichts vervilichtenden Kotillongeschenke unendlich viel mehr ™ cW die kostspieligen Damenspenden der heutigen Elttebälle und die krhstallenen oder silbernen Geschenke, Welche bei Ballfesten in manchen reichen Häusern schreiend zu verkünden scheinen, daß man es hier ja dazu hat. Esj ist dies das widerwärtige Prunken mit dem Reichtum, Witz es durch die amerikanischen Milliardäre groß gezogen worden ist und auf dem Umwegs über das stets nachahmungsbereite Paris auch hier und da in Deutschland Eingang gefunden hat. Wirkt es aus diejenigen Familien, die nicht entsprechend mttmachen können und wollen, eigentlich wie ein Vorwurf, so erhöht es gewiß auch in den Kreisen der Reichbegüterten keineswegs das Vergnügen, und ist das sicherste Mittel, die Freuden des Balles zu so kostspieligen zu machen, daß der mäßig bemittelte seinen tanzfreudigen Töchtern das Vergnügen auf ein oder zwei Male im Winter beschränken muß. Unsere Eltern und Großeltern waren jedenfalls in diesem wie in vielen andern Punkten größere Lebenskünstler als wir anspruchsvollen Kinder der Gegenwart, denen auch auf dem Gebiete der Ballfreuden durch die Sucht, die Gewohnheiten der sehr Reichen nachzuahmen, immer neue Luxusbedürfnisse künstlich anerzogen werden. Aber wo es auch fein möge,; ob in den palastartigen Räumen der Berliner Philharmonie, des Wiener Rathaussaales, des Kölner Gürzenich oder in den bescheidenen Hotelsälen der kleinen Städte und in Privaträumen: immer kann man gerade bei den Touren des Kotillons beobachten, daß der Mensch der Jetzzeit im Grunde genommen doch nicht so blasiert ist, als er sich den Anschein zu geben sucht. Jugendfrohsinn und Lebenslust durchbrechen hier noch immer — zum Heile der tanzlustigen jungen Welt — die herkömmlichen Schranken, und manches süße Geheimnis, das beim Kotillon sich anspann, findet seine Fortsetzung tags darauf auf der spiegelnden Fläche der Eisbahn, bis am Osterfeste eine goldgeränderte Berlobungs- anzeige vermeldet, daß der eigentliche Leiter des KotillonH Gott Amor war. Vöglein im Schnee. Vöglein sitzt auf schwankem Ast, Blickt sich staunend um — Weiße Flocken ohne Rast Fallen rings herum. Dicht und überall zugleich Sie hernieder weh'n — Solche Federn, zart und weich, Hat's noch nie geseh'n- Prüft sie mit dem Schnäbelein Spielt damit zum Scherz, Bis vor Schreck, dem Vogel klein Bang doch pocht das Herz, Immer dichter deckt sich's weiß Ueberall — o weh! Hänschen sieht vom dürren Reis Seinen ersten Schnee. Wie er zu die Körnchen deckt, Alle, weit und breit — Jedes Krümchen tief versteckt — Nun kommt schwere Zeit! Und die klugen Aeuglein fleh'u In der großen Not: Menschenkind, hast du's geseh'n? Bitte, gieb mir Brot! Und das große Menschenkind Nickt dem Vöglein zu: Nur nicht bange so geschwind — Hab ich, hast auch du! Anna Theiß (Alzey). Wortspiel. (Nachdruck verboten.) Schoa, Torte, Emil, Ruh, Siam, Salbe, Duo, Riese. Von jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umstellung der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden. Die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter müssen im Zusammenhang einen großen Entdecker bezeichnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auslösung des Anagramms in vor. Nr.: Nische — Schein. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.