Nr. 111. R^Wu (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Traute batte sich vor dem Wiedersehen mit alten Bekannten gefürchtet, aber der Takt und das warme Entgegenkommen der Kieselharts liehen sie bald die Scheu überwinden. Es dauerte nicht lange, so fühlte sie sich in ihrem Element und, durch die liebenswürdige Unterhaltung der Gäste aufs angenehmste angeregt, etwas befreit von dem Zwang und Druck, den sie sonst in diesem Hause auf sich lasten fühlte. Und dieses gesellige Zusammensem hatte den schmerzlichen Reiz für sie, Paul Lehmigke einmal m seiner Würde als Hausherrn und Wirt beobachten zu können. So übertrieben Alma in ihrem lauten, ungenierten Wesen sich- zeigte, so einfach und ruhig benahm sich ihr Gatte. Er war zuvorkommend als Wirt, ohne tnt geringsten die allgemein übliche Höflichkeit zu überschreiten, und Traute fühlte sofort heraus, mit welcher Achtung man chm be- aeanete, während man seine Frau nur tolerierte. In der allgemeinen Unterhaltung fand Traute auch wieder Gelegenheit, zwanglos mit ihm zu sprechen, und wenn ein Thema beide interessierte, schien es, als könne er auf Augenblicke fast vergessen, was zwischen ihnen lag. Und das waren Lichtblicke für Traute, ihr ganzes Wesen belebre sich. Lehmigkes Unterhaltung, die stets von vielseitiger Erfahrung und reichen Kenntnissen zeugte, fesselte sie in hohem Grade, und es war, als ob ihr verständnisvolles Erfassen seiner Ideen den Bann seiner Zurückhaltung und Schweigsamkeit bräche und ihn mitteilsam machte. Auf dem neutralen Gebiet allgemein menschlicher Interessen begegneten sie sich wieder ohne Verstimmung. Traute wünschte Heimlich-, der Abend möge kein Ende nehmen, und ganz hm- genommen durch die Konversation mit. den Gästen und dem Hausherrn, achtete sie wenig auf das, was um sie her vorging. Mendessen, nachdem man sich- wieder im Salon versammelt hatte, stahl fi* Natta davon. Auch Herr von Löschnitz fehlte, der sich gleich im Eßzimmer empfohlen und mit Geschäften entschuldigt hatte. Als Natta den Salon verlassen wollte, rief ihr Alma nach-, he solle bleiben, aber Natta lieh sich nicht zurückhalten, sondern erwiderte tnit einem spöttischen Lächeln: „O, ich komme gleich tviebciV' Alma wurde rot vor Zorn und gab Frau Stroppa einen Wink mit den Augen, worauf diese nach einer kleinen Weile dem jungen Mädchen folgte. Als sie zurückkehrte, teilte sie Alma etwas mit, was diese ganz aus der Fassung brachte. Sie konnte sich nur mühsam so weit beherrschen, um ihre Pflichten als Wirtin nicht auffallend zu vernachlässigen. Sn dem Augenblick, als Kieselharts sich empfahlen, kam Natta aus dem Garten über die Veranda zurück. Kaum! war man wieder unter sich-, als Alma mit allen Zeichen heftigsten Zornes Natta anfuhr: „Wo bist Du gewesen? Warum läufst Du weg, wenn ich Dir sage, Du sollst bleiben? Wozu treibst Du Dich in der Nacht allein herum?" Natta war mit heißen Wangen und mit einem hellen Leuchten in den sonst stets träumerisch verschleierten Augen aus dem Park gekommen, das ihr reizend stand. Sie hatte wieder das spöttische Zucken um die Lippen,, als sie begann: „Verzeih — ich —" „Lüge nicht!" schrie Alma, sie wutbebend unterbrechend,- „Du bist in den Park gelausen, Frau Stroppa hat es- gesehen." Natta richtete sich zur ganzen Höhe ihrer schlankes Gestalt auf: „Warum soll iä) nicht in den Park laufen? Giebt es da vielleicht Fuchsfallen oder Meuchelmörder? Hätte ich eine Ahnung gehabt, daß Frau Stroppa mir dis Ehre erweist, mir nachzugehen, wäre ich natürlich hoch/ beglückt gewesen, den Spaziergang an ihrer Seite zu machen. Ich dachte nicht, daß Herr und- Frau von Kieselhart mich schmerzlich vermissen würden, ich- war wirklich zu bescheiden,- das anzunehmen." v r „Aber Sie haben mich ja gesehen, als Sie so sehr eilig nach dem Teich liefen", sagte Frau Stroppa mit einem bösen Blick. Und zugleich rief Alma: „Sei nicht noch unverschämt obendrein! Ich werde schon auf Deine Schliche kommen!" , , „®3 schickt sich jedenfalls nicht für ent junges Mädchen, sich nachts allein herumzutreiben", bemerkte Frau Jänisch ^^Natta sah die drei Damen der Reihe nach mit, unverhohlenem Spott an, dann wandte sie sich mit entern schmeichelnden Lächeln an ihren Onkel. „Onkel Paul, ist es wirklich ein großes Verbrechen, in Deinen Park zu göhen? Es war so langweilig fnr mich bei Euch alten Herrschaften im Salon." Paul Lehmigke, der mit einem Stirnrunzeln der Angelegenheit zugehört hatte, sagte: „Ich sehe wirklich Nicht ein, warum das Kind nicht lieber in den Garten gehen soll, statt sich bei uns zu langweilen. Komm, kleine Natter, ich- gehe gleich- noch mal mit Dir, wenn Du Lust hast. Und jedes weitere Wort abschneidend, ging er Mit seiner Nichte zur Balkonthür hinaus. r . Wie gern wäre Traute mitgegangen, aber sie wagte es nicht ohne seine Aufforderung. Sie mußte statt dessen das Strafgericht der Zurückbleiben über dieses unerhörte Benehmen mit anhören. . , . „Da hast Du's!" schrie Alma ihrer Mutter zu, indem sie mit dem Fuße stampfte, „das muß ich mir bieten lasten! Und dieses Gör verspottet mich, weil es weiß, wo es Schutz tUtbRatter!" wiederholte Frau Stroppa, indem sie die Augen verdrehte, „ja, da hat er em wahres W-ort ö.e* sprochen, eine richtige, kleine Ratterst-- 442 „Wirf doch das Balg zum Haufe hinaus!" sagte Frau Janisch, mit der Faust auf den Tisch schlagend- daß die Blumenschale in der Mitte klirrte. „Best Du denn nicht hier die Herrin?" „Du kennst Paul schlecht!" höhnte Alma, „erst ist er zehnmal der Herr hier, ehe ich einmal die Herrin bin!" „Er wird schon noch was erleben an seiner Natter!" lachte Frau Stroppa hämisch- „Na, ich wüßte, ivas ich an Deiner Stelle thäte", sagte Fran Janisch, indem sie. die fetten Schultern und die Augenbrauen hochzog und mit den Händen aufgeregt über die knisternden Falten ihres schweren Seidenkleides strich. „Ich begreife Dich nicht. Du hast keine Energie." „Ach, was ivüßtest Du — gar nichts weißt Du, sonst würdest Du nicht so sinnlos reden", schrie Alma ihre Mutter au mit einer heftiger: Gebärde, und Traute zog sich jetzt zurück." In der Einsamkeit ihres Zimmers fiel ihr all das Peinliche, Trostlose der obwaltenden Verhältnisse mit verdoppelter Schwere auf ihr Herz zurück. Zweiunddreißigstes Kapitel. Die Sterbeglocken läuteten. Wie ein Angstruf hallte der dumpfe, eherne Klang durch das Dorf, über dem sich ein unheimliches Wetter zusammenzog. Totenstille war in der Lust. Ein schwerer, graugelber Himmel lastete auf der Erde, unter dem sich die Hitze wie in einer Retorte sammelte, während sich am westlichen Horizont eine Wetterwand, schwarz tote Tinte, zusammenzog. Langsam bewegte sich der Leichenzug die staubige Dorfstraße hinunter, an der die Kastanien- und Lindenbäume, fast schou entblättert, braun und aschgrau standen, während der gänzlich ausgetrockrrete Teich große, klaffende Risse in seinem fast zu Cement verhärteten, kalkweißen Grunde zeigte. „Jesus meine Zuversicht" sang der Chor der Schulkinder, der dem Sarg voraufschritt, in dünnen, langgezogenen Tönen, die nur durch den tremulierenden Baß des Kantors zusammengehalten wurden, und so langsam schrttten die keuchenden Träger des Sarges, daß es oft den Eindruck machte, als wollte der ganze Leichenzug mit fernem wunderlichen Gefolge von Bauern und Arbeitern, alten Mütterchen, Frauen und Mädchen, von denen viele aussaheu, als wären sie aus Urgroßvaters und Mutters Truhe ausgepackt, stehen bleiben, oder kämen nur mühsam vom Fleck. Gleich hinter dem Sarge schritt Traute mit Frau Graumann. Ein trostloser Jammer hatte sich ihrer bemächtigt. Trockenen Auges starrte sie auf den Sarg, der, mit Eichenlaub und Georginen bekränzt, vor ihr herschwankte. Leben und Sterben in diesem Bilde des Leichenzuges, der sich über das holprige Pflaster der verstaubten Dorfstraße hinquälte, begleitet von dem Sterbelied der schrillen scharfen Kinderstimmen und dem winselnden Weinen der Trauernden, hatten etwas so Klägliches, Erbärmliches, daß chr öde und elend zu Mute wurde. Die ganze Misere der Vergangenheit und das Unglück der Gegenwart wollten sie ersstcken. Da, war in ihrem Leben und scheinbar auf der ganzen Welt nichts Großes, Erhebendes, kein erhabener Schmerz und kein erschöpfendes Glück, alles Sehnen und Streben wurde tnt Keime erstickt durch jämmerliche, kleinliche Thor- heit. und Schwäche, durch gemeine Alltäglichkeit und all- tägstche Gemeinheit, alles quälte sich so mühsam hin durch den Staub, dem Grabe entgegen wie dieser Leichenzug. Ter schmutziggraue, drückende Himmel Hatte kein erlösendes Wetter. Die häßlich war die ganze Farce, die sich dort nn Herrenhaus abspielte! Wie erniedrigend das Ge- hank der Frauen und der schmähliche Betrug, der ein trüb- seltges Ende nehmen wird. Natta wird schließlich über Alma siegen, Alma muh schweigen, um der Schmach willen, und unbewußt wird ihr Gatte die Fessel der entehrten Ehe werter schleppen. ,, , Md, wer kann sich vor Erniedrigung retten? Wie tief bis m den Staub gedemütigt ist sie selbst! , ®tebt es wohl ein Menschenleben, dem nie die kleinste Schande das unauslöschliche Mal auf die Stirn gezeichnet ^wbt es wohl ein Menschenherz, dem ein anderes in Liebe und Treue ganz zu eigen gehört in allen guten Und bösen Tagen? Giebt es wohl im Jenseits, in jenem Lande, von dannen kein Wanderer wiederkehrt, eine Erlösung von jedem brennenden Schandmal, von der fürchterlichen Sehnsucht des glücklosen, ungeliebten Lebens? Jetzt bog Der Zug kN vle offene Kirchhofspforte, vor der sich ein Trupp noch nicht schulpflichtiger Kinder, Mütter mit Säuglingen auf den Armen, und Mägde, die von der Arbeit weggelaufen waren, versammelt hatte. Auf dem Kirchhof, am offenen Grabe wartend, stand Paul Lehmigke. Es war das erste Mal, daß er an einer Leichenfeier! im Dorfe teilnahm, es war die letzte Rücksicht, die er Traute erweisen wollte. Dann würden sich ja ihre Wege trennen für immer. Ein großer, sprechender Blick aus Trautens tieferblaßtem Gesicht war ihm begegnet, als diese an Frau Graumanns Seite ihm gegenüberstand am Grabe, und eine seltsame Bewegung pochte an sein Herz. Der Blick war wie ein Hilferuf: „Ich bin in Todesnot, rette mich!" Und über das offene Grab hinüber flog es wie ein Funke des Erkennens von einer Seele zur andern: „Wir sind beide gleich unglücklich und elend." Aber dieser Funke glich nur dem schwachen Blitz, der eben zum ersten Mal die schwarze Wand im Westen zerriß- Gleich darauf war das Dunkel ebenso drohend und undurchdringlich wie vorher. Ein kalter Schauder ging Traute durch Mark und Bein bei dem Schurren und Kratzen der Stricke, die unter dem Sarge emporgezogen wurden, als dieser in die Erde gesenkt war, und bei dem hohlen, dumpfen Poltern der ersten Erdschollen auf seinen Deckel. Laut aufweinend klammerte sich Frau Graumann an sie, aber sie konute sich selbst nur mühsam aufrecht halten, und ihr schwindelte, als sie sich nach einer Handvoll Erde bückte. Endlich war alles überstanden, und sie ging mit Paul Lehmigke zurück. Sie wollte gleich abreisen, es war alles bestimmt und abgemacht und sie hatte sich schon vorher von Frau Graumann verabschiedet. Sie gingen nicht die Dorfstraße hinunter, sondern einen Fußpfad entlang, der zwischen Dorf und Feld durch den Park nach dem Herrenhause führte, da dies der kürzere und angenehmere Weg war. Dies war also das letzte Mal, daß sie mit ihm zusammen sein und an seiner Seite gehen durfte. Das letzte Mal im Leben. Seltsam, zu denken, daß sie beide weiterleben und doch für einander gestorben sein würden. Ihr Herz hämmerte, ihre Schläfen pochten. Sie rang nach einem erlösenden Wort, sie wollte ihm sagen, daß es ihr schwer werde, zu scheiden, ihm danken für seine Gastfreundschaft, ihn bitten, ihr ein freundliches Andenken zu bewahren, sie nicht mißzuverstehen oder falsch zu beurteilen, aber es war, als drücke ihr jemand die Kehle zusammen. Da sagte er ruhig und trocken: „Ich habe es mir überlegt, Fräulein Velten, daß es besser ist, wenn Sie Ihre Arbeit in Kienberg sofort aufgeben und gar nicht wieder anfangen, da Sie das Interesse für dieselbe doch verloren haben müssen. Ich werde so schnell wie möglich für einen Ersatz sorgen und dem Fabrikinspektor dementsprechend Instruktionen senden. Dann können Sie Ihre neue Stellung sofort oder wann Sie wollen antreten, jedenfalls sind Sie von heute an frei und unser Kontrakt existiert nicht mehr." Sein geschäftsmäßiger Ton legte jede Gefühlsregung in Bann, und mit einer erzwungenen Phrase dankte ihm Traute für diese Rücksicht und für seine Gastfreundschaft. Rechts von ihnen dehnte sich ein weites Stoppelfeld, von einer pappelbepflanzten Fahrstraße durchkreuzt, und am Eingang dieses Weges begegnete ihnen Herr von Löschnitz, der grüßend an ihnen vorüber wollte. „Gehen Sie zu den Ochsenpflügern?" rief ihm Lehmigke zu. „Nein, in die Lehmgrube, um zu sehen, ob die Arbeiter noch da sind. Der Ziegelbrenner braucht sie, ich soll sie herbestellen", war die Antwort, worauf man weiterging. Traute und ihr Begleiter traten jetzt unter das Laubdach des Parkes. Auch hier erstickende Schwüle, überall färb- und klangloses Grau, unheimliche Stille. Plötzlich in weiter Ferne ein dumpf aufgrollender Donner. „Das Wetter kommt herauf, es wäre gut, wenn Sie noch vorher zur Bahn tarnen", sagte Lehmigke, und während sie von der bevorstehenden Abreise wie von einer alltäglichen Spazierfahrt redeten, sagte eine Stimme fortwährend in Trautens Herzen: „Für immer. Leb' wohl, für immer. Du siehst die Hetmat, Du siehst ihn nie, niemals wieder! Niemals!" Sie hätte aufschreien mögen in ihrer Seelennot, sie hätte ihn mit gerungenen Händen anflehen mögen: „Erbarme Dich, laß uns nicht ohne ein Trostwort scheiden, ein einziges, kleines Trostwort auf den langen, langen ein- 443 samen Lebensweg." Aber ihre Seele hatte die Sprache verloren und ihr Mund fand nur inhaltlose Phrasen. An der Hausthür trennte sich ihr Begleiter von iHv mit einer konventionellen Verneigung. „Ich sehe Sie hernach noch, wenn Sie fortfahren, in einer halben Stunde wird der Wagen vor der Thür sein", sagte er und lieh Traute allein nach ihrem Zimmer hinauf- gehen. (Fortsetzung folgt.) Venedig ohne den Campanile. Venedig, 19. Juli. Ter erste Anblick des Trümmerhaufens au dem Markusplatze pflegt die Frage Hervorzurusen, ob denn der ganze mächtige Campanile aus Gußmasse, Kalk und Mörtel aufgebaut gewesen sei. Tie staubgraue, ja weißliche Farbe des hohen 40—50 Meter im Durchmesser haltenden Schutthügels veranlaßt häufig die verwunderte Frage, wo die gewaltigen roten Ziegelmauern samt den steinernen Pfeilern und Wänden der Glockenstube und der Attika geblieben seien. Offenbar sind sie im Innern des Schutthügels verborgen. Auf seiner Oberfläche haben sich die durch die Gewalt des Zusammensturzes nach oben gedrängten leichteren Teile des Baumaterials und der zu Staub gewordene Mörtel und Bewurf niedergelegt, was den Anschein erweckt, als habe man einen Schutthügel vor sich, Ten besten Ueberblick genießt man von der Außen- gallerie über der Vorhalle der MarNuskirche, von wo die vier bronzenen Rosse aus Konstantinopel auf den Platz hinabschauen. Man sieht hier auch größere zusammenhängende Stücke des Mauerwerks den Rand der, einer Schutthalde im Gebirge gleichenden Trümmermasse umsäumen und kann die an der Thür der Basilika angeh eftet-s Behauptung des Patriarchen begreifen, daß die Kirche sich eines ganz besonderen höheren Schutzes zu erfreuen gehabt habe. Denn bis dicht an die Säulen der Südwestecke sind zentnerschwere Teile der Turmbekrönung und der Loggia Sansovinos geschleudert worden. Sie umgeben diese Ecke auf beiden Seiten, lehnen sich an den Fuß der Säulen, die den leichten, graziösen Oberbau der Fassade tragen und haben dieser nicht den geringsten Schwaden zugefügt. Ein schwerer Schaden hat die gegenüberliegende Ecke der Bibliothek, des jetzigen königlichen Palastes, betroffen. In beiden Stockwerken sind vier Arkaden zerstört; die anstoßenden, einschließlich der architektonisch berühmten Eckewerden gestützt werden müssen, bevor man an die Wegräumung der Schiuttmassen geht, die gegenwärtig allein ihnen Halt verleihen dürfte. Man nimmt an, daß die bis jetzt nur durch ein Dutzend Geniesoldaten in Angriff genommenen Aufräumungsarbeiten besser fortschreiten werden, nachdem der König, der aus der Rückreise aus Peters!- burg heute hier erwartet wird, das Schguspiel wird betrachtet haben. Ta eine große Menschenmenge dem Einstürze beigewohnt hat, so ist es Nicht schwer, Augenzeugen zu finden, die gern und mit der den Venetianern eigenen Kraft des Ausdrucks über ihre Wahrnehmungen berichten, die natürlich in Einzelheiten vielfach abweichen. Am wirkungsvollsten erschien mir die Erzählung eines Cafökellners am Markusplatze, der seinen Beruf schon 30 Jahre ausübt und damit begann, daß er lächelnd aus seine weißen Haare deutete und sagte: „Daß ich einmal an der Piazza sterben würde, habe ich manchmal gedacht, aber daß ich sie noch ohne den Campanile sehen würde, ist mir nie eingefallen." Tie Einstellung des öffentlichen Konzertes am Sonntag Abend ohne Angabe des Grundes hatte nur die Wirkling, noch mehr Publikum nach dem Markusplatze zu locken, das sich in mannigfaltigen Vermutungell erging und, da mancher schon von den Beratungen der Techuiker bezüglich des Turmes gehört hatte, sich namentlich um diesen betrachtend und debattierend ansammelte. „Man sprach", erzählte der Kellner, „von einem Mordanschlag auf den Zaren und den König Wiktor Emanuel, von einer verfrühten Niederkunst der Königin, vom Tode des Königs von England, von Explosionen und Eisenbahn-Zusammenstößen — nur nicht davon, daß der Campanile uns allen auf die Köpfe fallen könnte. Tenn wer konnte denken, daß man die Venetianer ruhig auf der Piazza flanieren ließe, wenn Gefahr war, daß sie wie die Mäuse unter den Ziegelsteinen endeten? — Am frichtete un8 Dies hat dis andern Morgen, als wir öffneten, sah man Architekten uns Arbeiter am Turm beschäftigt, weshalb sich wieder viel Publikum ansammelte. Unsere Tische waren leer, und ich setzte mich hier an den Pfeiler (unter den neuen Pro- kurazien) und sah ein Stündchen zu. Es hieß, es sollten eiserne Bänder und Klammern angelegt werden. Feuerwehrleute kamen mit Leitern; andere schleppten Stangen- Bretter und Taue herbei. Ungefähr um halb so hörte man laute Rufe und Befehle. Tie Leute stiegen rasch von den Leitern und kamen aus der Turmthür gelaufen. Man trieb das Publikum nach Möglichkeit zurück und jagte die Ladern besitzer hier an der Ecke der Prokur,vzien hinaus. Tann wurde rasch mit ein paar Pfählen und Stricker: eine Umzäunung 30 Schritt vom Turme hergestellt. Ich glaube- man war noch nicht fertig, da schrie alles auf. Der Turm wankte — und dann war es Nacht!" Meine Frage, ob der Boden stark gezittert habe, verneinte der Gewährsmann. Auch das Getöse des Einsturzes sei nicht sehr erheblich gewesen. Aber eine dichte Staubwolke hüllte einige Minuten alles ein. „Keiner sah mehr den Andern", berichtete er, „und man glaubte ersticken zu müssen. Ratlos tappte man hin und her, nicht wissend, was noch erfolgen könne, und wohin man sich retten solle. Als es wieder Heller wurde, lag dort der Trümmerhaufen, so wie jetzt, vielleicht noch etwas höher; wir sahen weiß aus wie die Müller, und überall lag der Staub zollhoch- Ter Besitzer eines anderen Kaffeehauses — unter den alten Prokurazien — berichtete sehr beredt, wie die Hauptsächlich nach jener Richtung flüchtende Menge, die sich gegenseitig überrannte, zwischen den draußen stehenden Tischen und Stühlen zu Falle gekommen sei. Viele suchte» nachher ihre Hüte, Stöcke, auch die Jacken und Röcke, Tücher und Shawls, die sie sortgeworfen hatten, um sich rascher zü retten. „Tann stürmte alles in mein Lokal, um sich zu stärken. Jeder ergriff, was ihm zunächst war und trani darauf los. Es gab ja viel Staub hinunterzuspülen, und wir gönnten es den armen Leuten; aber mancher hätts auch zahlen können. Nun — wir waren froh, daß der Turm uns nicht auf die Köpfe gefallen war; er ist im letzten Augenblicke noch galantuomo gewesen." Auf einer Ladenthür beim bischöflichen Palaste sah ich eine rohe Kreidezeichuüng des einstürzenden Turmes. Vermutlich hatte ein Augenzeuge damit seine Erzählung illustriert. Sie stimmte mit den Angaben anderer überein. Danach hatte sich zunächst die schwere Glockenstube mit de» steinernen Attika vom Türme losgelöst und nach der Markus- kirche zu geneigt, um sich dann wiederum gerade zu richten und mit dem in sich zusammenfallenden Türme vertikal herabzusinken — woraus die Rettung der umliegenden Gebäude erklärlich wird. Betrachtet man Zeichnungen der vorher beobachteten Beschädigungen der Campanile und der an demselben vorgenommenen Veränderungen, so wird' jener Hergang völlig verständlich- Auf der — dem Uhr türm zugewendeten — Nordseite und zwar dicht an der Ostecke- befand sich die Reihe kleiner OeffnUngen, die der Jnnen- rampe Licht gaben. Längs der Linie dieser Fenster ev- streckte sich der alte, zuletzt länger und breiter gewordene Mauerrih vom Gesimse unter der Glockenuhr bis genau« zur Anfatzlinie der an die Ostturmwand gelehnten Loggia Sansovinos herab, über der eine lange und breite Sterne platte das Ziegelwerk des Turmes durchzog. Diese Platts war in letzter Zeit entfernt worden, worin viele den letzten Anstoß zu der Katastrophe erblickten. Jedenfalls hat der Mantel des Turmes gerade aus dieser Seite bis zu de« Riß zwischen den Fenstern der anstoßenden Seite begonnen, sich abzulösen, sodaß der Oberbau sich nach dieser Serie neigen mußte. Gleichzeitig hat der Rest des Turmes, fernen Halt verlierend, sich „niedergesetzt" und zwar rascher als der an der Sansovinischen Loggia einigen Widerstand finden!^ Mantel der Ostseite, weshalb der umkivpende Oberbau sich nicht hierher überschlug, sondern wieder aufrichtete un8 in das Innere des Turmes stürzte. Nur dies hat drs Marlnsiirche gerettet. Ihre unvergleichliche Fassade würde verloren gewesen sein, wenn nur wenige der Säuley, auf denen sie ruht, fortgerissen worden wären. . Da sich auch die örtlichen Parteileidenschaften der Frage nach der Verantwortung bemächtigen, so wird diese, ohnehin äußerst schwierig festzustellen, schwerlich gereckn und unparteiisch zwischen Regierungs- und Munizipalbehorden und den verschiedenen technischen Stellen verteilt werden. Für jetzt haben der konservative Architekt Saecardo, Setteti 444 esteht zumeist >n dem ®e» Ktbattlont Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brützl'schm UnivnWts-Buch° und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Gutes Deutsch. Im zweiten Juli,heft des Kunstwarts I veröffentlicht der Herausgeber, der feinfühlige Avena- I rius, einen Artikel „Gutes Deutsch', in dem er mancherlei Sprachsünden beklagt, und den Weg zur Besserung zeigt. Dabei schildert er sehr charakteristisch die Sprachsünder selbst. Die Zeitunigen, sagt er, fangen von Zeit zu Zeit solch mißtönig Bögelchen und fragen, woher es stammt. „Sie erwidern sich selbst: es ist ja klar, wer hat es denn aus- tzebrütet? Bon den Juristen stammt's! Wie, hallt die j Antwort, ihr wagt es, unser Singetier zu schmähen, hört ihr denn nicht, wie der Blätterwald selber mißtönig rauscht, in den ihr's gesetzt habt? Zeitungsdeutsch, giebt es was schauderhafteres als das Zeitungsdeutsch das schon vor zweihundert Jahren der alte Stieler bejammert hat? Das giebts schon, sagen die Journalisten, auch abgesehen von Eurem — ihr braucht nur hinten die Inserate bei uns zu lesen, für die wir nicht verantwortlich sind, von den Familienanzeigen über all die Kauf- und Wohnungsangebote weg bis zu den Stellengesuchen, in denen man mit ff. Refferenzen per sofort Kondition suchte Beim Kaufmannsdeutsch mit und ohne Schwung — in der That, da einigt [man[sich wieder. Besser ist ja das Schu lm eist erden t sch, es besteht nicht aus Wind, es besteht zumeist aus dauerhaftem Papiere. Es ähnelt schon dem Gelehrtendeutsch, das ja so hochberühmt ist von Alters her — nur daß man den Ariadnefaden bei sich haben fcHjcx {teilt/' Aus den Erinnerungen eines Kaufmanns aus keiner Lehrzeit vor 50 Jahren grebt die „Kolm Ztg. folgendes wieder: Als ich vor etwa Zähren in emeg KSÄffÄWÄ war in die Lehre trat, herrschten noch Zustande rm LA Ungs wesen, von denen man jetzt keine ^ung hat. Mrt dem Berechtigungsscheine zum Dimste-als williger in der Tasche und großen Rosinen rm Kopse, traracy, ÄS! 8 XV* Ä SÄ-Ä A hprfpn Und alles dazu nötige aus der Wohnung herunter-^ I und wieder ßinnthpr+a ickineiden und kleben, mit dem Alten zusammen Geld abzählen Und einpacken, Briefe abschreiben, ^ne M>Prer- vreiie aab es nicht, Bücher registrreren u. a. m. Ev^ waU wir in der ersten Zeit ein etwas prekäres und genierliches eüter primitiven Holzbude zu s-Paftn, wobei ich mit dem I Klivie ^an die Klappe zu liegen kam, durch die wir tnote I Rilde bineiukrochen Frühmorgens weckte mich der iXacht- 2ckier indem er die Mappe öffnete, um mich kräftig am Kommis bei meine/ Angebeteten Fensterparade machen | konnte. -— Rätsel. (Nachdruck verboten.) Das Zwillingspaar, wie soll ich's wohl beschreiben? Wo wir auch geh'n, geht's mit auf jeden yciU; Doch soll's nur rückwärts schau'n und unten bleiben, Kommt's Plötzlich hoch, ist's wohl em schlnnmer Fall. Doch wird geändert drin ein cinz'ges Zeichen, — Das Ziel der Sehnsucht vieler stellt es dar. Heil dem, dem es mit seiner wonnererchcn Freiheit Erholung bietet jedes Jahr. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Ruderregatta. must per, ans Eingangswort gebunden, wieder an r e frische Luft führt. Wir freilich meinen die Geistlichen, wir sind doch andere Leute, von uns solltet ihr, Ge ehr e, das Elegantschreiben lernen: tragt den Kopf nicht oben, stellt euch drauf, so hat er was solides unter sich.und wenn ihr dann mit den Beinen wackelt, wie originell sieht s aus? Ah, sagt der Offizier, das beste Deutsch giebts doch wohl in unseren Kreisen — oder kann irgendwer behaupten, daß zu den Sprudel- und SkrudelwitzsPäßen auch, nur der ent- ferntNe Anlaß da wäre? Und welche ein Deutsch pflegen, die uns nahe stehen in der Freude Korperubungen, dm S p o r t l e u t e von den Ruderern und Radlern bu hinauf den Feinsten in den Automobilen oder auf den Gaul - ta mm ite »!« »ÄS >« raMinTnuh hpritpfivn als Bet uns? Freilich, es giebt ja Rörgeler und Krittler, die selbst die Hofbehörden nicht ganz natürlich fmden, wenn sie K. Bi. ! vom Andenken „Allerhöchstihres h°UMpiUN lmi so Baiers" svrechen, oder die unserer Minister selbst bei 1 wichtig-»'LV, d-m « »W varaäravhen. Ja, Menschen giebts, die bezweifeln, ob man von einem Sowaten reden könne, der „für fern BaterlanÄ farfpuh bearaben liegt", was doch unter einem Knackfußbilde K Ten?Ärtfe & Ä<Ä Sr. Majestät des Kaisers der Arbeiten an der Markuskirche, und der mit der Kon- , fervierung der Baudenkmäler Beauftragte Ingenieur Rm I polo die meiste Aussicht, als Sündenböcke ausersehen M werden. Die Oberleitung der Aufräumungsarb eiten ist deut bisherigen Leiter der Forumsausgrabungen, Boni, übertragen worden. Dieser will, falls der Carnpanile tnt I alten. Stile wieder errichtet wird, alle brauchbaren Teile I wieder verwenden und gleichzeitig festzustellen suchen, von I wo das Baumaterial stamme; er vermutet,, daß die Ziegel römischen Ursprungs, vielleicht «us Agntleja, sein Annen. Tie Mehrzahl der Benezianer ist unbedingt für Wiederaufbau des Bauwerkes!, das so viele Jahrhunderte hindurch eins der charakteristischsten Wahrzeichen der Dogenstadt gebildet hat. Nicht nur aus diesem Grunde, sondern auch aus ästhetischen Rücksichten ganz örtlicher Bedeutung — denn I allaemeine Schönheitserwägungen könnten das Gegenteil an- I raten - möchL ich mich diesem Wunsche anschließen. ®er durch seine wuchtige Masse und gewaltige Hohe die ganze Mazza di San Marco beherrschende und unwiderstehlich Be- acktung heischende Campanile trug ganz hervorragend dazu Bei, die Unregelmäßigkeit der Grundform des Platzes sowie die Ungleichheiten im Stile der monumentalen Gebäude desselben zu „übertönen". Der Markusplatz hat die Gestalt | eines Trapezes, an dessen längerer paralleler Seite, aber nicht in ok Bütte, die byzantinisch Markuskirche liegt. Ohne organische [Verbindung schließt sich an sie der gothische Dogenpalast an, von dem aber Nur ein klemer Teil s^tbar ist, wenn man inmitten das Markusplatzes steht. Die Stelle, wo beide Gebäude zusammen stoßen, verdeckte in sehr glücklicher Weise der Markusturm, und zwar so,, daß nun die herrliche füufbogige Kirchenfassade gänzliche jene Platzfeite auszufüllen schien. ... .... Andererseits ist nicht zu verkennen, daß Mit dem massigen, mittelalterlichen Turme ein mit keinem der sämtlichen Gebäude im Stil harmonierendes Bauwerk verschwunden und das volle Uebergewicht der horizontalen Sutten und der Bogenhallen im ganzen Umkreise der Piazza her- aestellt ist. Eine gewisse Berechtigung ist deshalb den Gegnern der Wiedererrichtung des Turmes am alten Platz und im alten Stil nicht abzufprechen, und ich. möchte glauben, daß der Campanile nicht Wiedererstehen wird, wenn es nicht sehr bald geschehert kann. Man wird sich, bald an den einheitlicheren Anblick des viel freier gewordenen Platzes gewöhnen und die Zahl der überzeugten Turm- freunde, die heute keinen Einspruchs wollen gelten lassen, wird int Verlaufe der Zeit sicherlich zusammenschrumpfen. Gegenwärttg wird noch darüber gestritten, ob den Venezianern allein die Ehre Vorbehalten bleiben solle, die Kosten aufzubringen — fast eine Million ist bereits gezeichnet — oder ob man die übrigen Landsleute und das Ausland zur Mitwirkung heranziehen solle. Vermischtes. h f r k t S ( 1 < i 1