Samstag den 28. Junk. Nr. 95. 1902. W M aKTaBy '1 ? - jSo Bi S ist vollkommen richtig, daß einen großen Geist, der seine Ideen der Welt kund thnt. immer ein Golgatha erwartet. Robertson. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Es zeigte sich aber bald, daß das Reck für die kleine, korpulente Dame viel zu hoch war. Hopkins holte mit Gemütsruhe einen Stuhl herbei und half ihr hinauf. Miß Buxton hatte das Gefühl, als solle sie an den Galgen, aber wie unter einer Suggestion stehend, folgte sie den Anordnungen des Geistlichen. Sie stieß einen kleinen, schwachen Schrei aus, als er ihr jetzt den Stuhl unter beit Füßen wegzog. und sie sich Unter entsetzlichen Unbequemlichkeiten in der Luft schwebend fühlte. Ihre Kleidertaille war zu eng und platzte krachend in allen Nähten, alles Blut stieg ihr zu Kopf, und ihre weichen, jeder Anstrengung ungewohnten Hände vermochten die Last des schweren Körpers kaum zu tragen. Sie nahm alle Kraft zusammen, um die anbefohlenen fünf Minuten in dieser qualvollen Lage zu verharren, und Mr. Hopkins hatte sich eben behaglich, zurechtgesetzt, und John Bunyan aus seiner Tasche hervorgeholt, als sie plötzlich krampfhaft mit den Füßen zu zappeln anfing, wodurch das Reck in Schwingungen geriet. Jetzt versagten ihre Hände den Dienst, und mit einem Hilseschrei flog sie dem erschrockenen Geistlichen, der ihr beistehen wollte, in, die Arme, ihn mit der ganzen Schwere ihres Körpergewichts zu Boden werfend. In demselben Augenblick hatte Frau Welten an die Thür geklopft und war eingetreten, um Miß Buxton einen Brief zu bringen. Sie sah mit maßlosem Erstaunen die dicke Gouvernante wie vom Himmel herab in Mr. Hopkins Arme fliegen, und beide darauf sich gegenüber am Boden sitzend, erschrocken einander anstarrend. Der Anblick hatte etwas überwältigend Komisches, aber Frau Belten war voll Angst und Teilnahme, Miß Buxton könne zu Schaden gekommen fein. Es stellte sich heraus, daß Miß Buxtons Toilette am schlechtesten dabei weggekommen war, beide Taillenärmel waren ausgerissen, und sämtliche Knöpfe über dem Busen abgeplatzt, sodaß die Gouvernante einen durchaus nicht mehr salonfähigen Eindruck machte, und vor Entsetzen über die Blößen, die sie sich gab, nach der nächsten Tischdecke griff, um sich hineinzuhüllen. Mit dieser notdürftigen Draperie ergriff sie die Flucht uach ihrer Schlafftube, und Frau Belten lief, um ihren homöopathischen Leitfaden und die kleine Apotheke zu holen. Beide, Miß Buxton und Mr. Hopkins, mußten auf Frau Bellens dringenden Rat Arnikatropfen einnehmen, um allen bösen Folgen ihres Schreckens vorzubeugen. Tie Gouvernante lag nach diesem verunglückten Experiment etwas blaß und angegriffen auf dem Sofa, ließ sich aber jetzt gern die Lektüre von John Bunyan durch Mr. Hopkins gefallen. „ r 1 Armin hatte seinen Zweck erreicht, die deutsche Stunde blieb ungestört. Miß Buxton hatte zwar von Stund an eine unüberwindilche Furcht vor einem Hängereck, aber Mr. Hopkins wußte sie zu einer milderen, weniger wag-, hastigen Art von Zimmergymnastik zu überreden. Nach Anleitung der Broschüre für „Stubengymnastik und kalte Abreibungen" lehrte er sie regelrecht marschieren und allerlei körperliche Uebungen machen. Sie mußte, die Arme in die Seite gestemmt oder auf dem Rücken ver-- schränkt, zuweilen auch horizontal ausgestreckt, mit gebogenen Knieen um den Tisch herumhüpfen, abwechselnd den rechten und den linken Arm wie ein Mühlenrad drehen und andere gefahrlose Experimente unternehmen. Zum heimlichen, unendlichen Werguügen von Armin und Lillian hüpfte und exerzierte Miß Buxton bald mit Leidenschaft« da sie sich einbildete, die segensreichen Folgen dieser Kur bereits an ihrem Körper zu fühlen. Mr. Hopkins mit seinem gesegneten Appetit und seinem Mangel jeder überflüssigen Körperfülle war em so glänzendes Beispiel für die Zweckmäßigkeit seiner Lehren und Ratschläge, daß die kleine, fette Gouvernante mit ihrem schwachen Magen und ihren steten Indigestionen glaubte, nichts Besseres thun zu können, als ihm zu folgen und eifrig "ach^rw Lillian und Armin unter dem Deckmantel der deutschen Sprachstunde, so genossen Traute und Camill Stauffen bei Gelegenheit häufiger Spaziergänge em ungestörtes Beisammensein. , Man ging zu dreien von zu Hause fort, Lillian, Armm und Traute, das war ganz harmlos, und niemand hatte etwas dagegen. _ _ „ , , Draußen traf man zufällig Graf Stauffen, der sich dem Spaziergang anschloß. Zuweilen kam auch, Stauffen, Armin abzuholen, und wenn dann Lillian und Traute die jungen Leute begleiteten, so war auch nichts dagegen em-, zuwmden. Ma« einmat draußen im Rosenthal oder im Nonnenholz, so ging jedes Pärchen seinen Weg, und an bestimmter Stelle traf man sich wieder. Zuweilen blieb man auch zusammen, und war sehr übermütig und heiter. „ Die Tage und Wochen des März flogen dahin, und plötzlich war der erste April vor der Thür. In den ersten Tagen des April wollte Stauffen Leipzig verlassen und M seiner Familie ^urückkehren. Kurz vor Ostern hatte er das Examen gemacht, oder wie er sagte« 378 die Lehrer hatten ihn durchgedrückt. Nun füllte er bei den Garde du Corps eintreten. Auf einem der letzten Waldspaziergänge kam es zwischen ihm und Traute zu einer Auseinandersetzung. Sie waren über die Kettenbrücke tief in das Nonnenholz gegangen. Armin und Lillian verloren sich im Gesträuch beim Blumensuchen, während Traute und Camill an einem Wildgitter stehen blieben. Traute setzte sich aus die oberste Latte des Geheges, und sah in ihrem kurzen, englischen Jackett, nut dem kleinen, runden Strohhut ganz besonders hübsch aus. Camill stand vor ihr, sah sie bewundernd und verliebt an und seufzte. ,-Verflucht, daß ich fort muß!" Es hatte geregnet, die Luft hing in feuchten, grauen Schleiern zwischen den knospenden Zweigen des Waldes, eine warme, wollüstige Treibhausluft. Rings umher ein Keimen und Treiben und süße, lockende Vogelstimmen. Traute wandte plötzlich den Blick, der in die Waldes- ferne geträumt hatte, groß und voll auf Camill. „Was soll nun werden?" „Trennen müssen wir uns", war die Antwort. „Aus wie lange?" „O — ich werde, so ost ich kann, mal herüberkommen." „Ja aber — wie lange — bis —.** Camill verstand. „Tas ist vorläufig nicht abzusehen. Ich habe Dir gesagt, Schatz, daß ich, um alle Schwierigkeiten zu überwinden, ein freier Mann sein muß." „Wann wird das sein? Du mußt doch ungefähr wisserr, wann das sein wird." «^in, denn es hängt von denr Tode meiner Tante Camilla ab. Sie ist eine alte Dame von siebzig Jahren und meine Pathe. Sie wird mir ihr ganzes disponibles Vermögen, das fast eine Million beträgt, hinterlassen. Tos S}, mir alsdann eine gewisse Unabhängigkeit, und es läßt sich eher etwas machen." „®üte ganze Million!" rief Traute mit ausleuchtender Hoffnung. „Das ist nicht allzuviel für unsereinen. Allein der Rennstall und das Gestüt meines Vaters kostet jährlich eine halbe Million. Und wenn ich Offizier bin, brauche ich enorm. Aber wir könnten daraufhin heimlich heiraten." „Heimlich!" ,chsa, Schatz, vor dem Tode meines Vaters und vor meinem Erbschaftsantritt können wir nicht an eine öffentliche Ehe denken. Ich hätte nicht die Mittel, dieselbe standesgemäß zu repräsentieren, und mein Vater würde mir im Zorn alle Mittel und jede Hilfe entziehen. Tu weißt, daß ich die Prinzessin Trachenberg heiraten soll, die ein großes Verniögen in Gütern und Liegenschaften hat. Mein Vater rechnet daraus, um unsere Familienverhältnisse wieder zu arrangieren, denn er hat etwas stark darauflos- gewirtschaftet und unser Vermögen empfindlich reduziert. Ach und ich habe ihm bis jetzt auch schon ganz nette Summen gerostet. Er ist aber noch in tzen besten Jahren, und ich sage immer, wenn meine Mutter heute stirbt, heiratet er morgen wieder." Traute fühlte ein Unbehagen, als hätte sie plötzlich kemen Boden unter den Füßen, und schwebe mit ihren liebsten Hoffnungen in der Luft. ängstlAh^ 1U'C fönnen wir heimlich heiraten?" fragte sie „Sehr einfach. Wir gehen nach London, dort kann man ohne Schwierigkeit gesetzlich heiraten. Deine Eltern können es im schlimmsten Falle erfahren, aber sonst muß das Geheimnis strengstens gewahrt werden." weiß noch nicht, ob ich mich dazu entschließen werde, sagte Traute trotzig. Sie steckte die Hände in $ e und sah sehr energisch aus. «Aber, bester Schatz, was sonst? Willst Du warten, bis Tu eine Mumie bist?" „So lange würdest Tu schwerlich aus mich warten. Aber giebt es denn keinen anderen Weg? Ein Mann wie Tu, kann älles, was er will." „Bloß nicht Wasser trinken, und trocken Brot essen." „Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mir aus eigener Kraft erkämpfen, was ich will." /,Phrase, Schatz- Phrase. Wer als Löwe geboren ist, kann nicht als Hauskater Mäuse sangen. Bedenke doch. ich lasse Deinetwegen die Lori Trachenberg mit ihren Schätzen schwimmen. Dafür kannst Du mir schon das Opfer der heimlichen Ehe bringen. Ich könnte die ersten Partien im Lande machen. Mein Vater ließe mich sofort ins Irrenhaus sperren, wenn er wüßte, daß ich ein bürgerliches! Mädchen ohne Namen, Stellung und Geld heiraten will/« Traute nagte an der Unterlippe, und sah immer noch widerspruchsvoll aus. Wo blieben die Illusionen, in denen sie erzogen worden war, gegenüber dieser entnüchternden Wirklichkeit? Sie war mit einer so unbändig hohen Meinung von ihrer Familie und sich selbst und mit so unwahren^ romanhaften Anschauungen des Lebens ausgewachsen/ daß sie plötzlich das Gefühl eines Sturzes aus ■ den Wolken hatte. Ihr sehr empfindlicher Stolz empörte sich gegen die demütigende Zumutung, die ihr Camill in dem Ton von etwas Selbstverständlichem machte, er forderte eine energische Zurückweisung. In den meisten Romanen, die sie gelesen hatte, war die Heldin nichts als jung und schön, aber selbst wenn sie blutarm und abhängig war, lagen ihr die höchstgestellten und vortrefflichsten Männer zu Füßen, und rissen sich um die Ehre, sie zu ihrer Gattin machen zu dürfen. So etwas Aehnliches hatte sie stets von der Zukunft erwartet. Ihre Romanheldinnen hätten in einer ähnlichen Situation einen Bewerber wie Camill Stausfen mit edler Entrüstung zurückgewiesen, und in dem Verlauf der Geschichte hätte der Held später unerhörte Opfer gebracht, und wäre der stolzen Geliebten auf den Knieen nachgerutscht, nachdem er ihren vollen Wert begriffen, um sie schließlich in alle Rechte seiner Gattin und Königin seines Herzens einzusetzeu. Wer sie kannte Camill jetzt schon zu genau, um zu wissen, daß nichts dergleichen passieren würde. Er liebte sie ja — aber ganz anders als ihre Romanhelden liebten — er würde weder jahrelang auf sie warten, noch ihr auf den Knieen nachrutschen — war er viel zu verwöhnt — sie würde ihre ganze Kraft und ihren Verstand zusammeunehmen müssen, um sich seine Liebe und Treue zu erhalten, und das Opferbringeu würde auf ihrer Seite sein. Stolz und Ehrgefühl empörten sich gegen ein so ungleiches Verhältnis, und zum ersten Mal empfand sie mit bitterem Schmerz den Widerspruch zwischen den Ansprüchen, mit denen sie erzogen worden war, und ihrer traurigen Lage. Wie herrlich muß es sein, frei, stolz und gleichberechtigt lieben zu dürfeu! Sie sah Camill prüfend an. Mit Centnerlast legte sich die Ahnung auf ihr Herz, daß dieser Augenblick entscheidend sei für die Zukunft, daß sie an einem Scheidewege stand. Auf der einen Seite die Ideale ihrer Kindheit und frühen Jugend, auf der andern reales Erdenglück, um den Preis der Untreue gegen sich selbst, gegen das Allerheiligsts ihres bisherigen Daseins. Der Konflikt war einschneidend, und die Qual malte sich in ihren Zügen. Da legte Camill den Arm um sie, er hob sein schönes, männliches Gesicht liebeflehend zu ihr empor, mit dem sieg-, haften Blick seiner blauen Augen, der ihr das Herz gestohlen hatte, und in einem Rausch wachsender Liebesalut flüsterte er ihr süße Worte zu. Eine Amsel sang tm Tannengehege, und ein warmer, duftschwerer Lufthauch strich von den Wiesen herüber, so daß der Wald schauerte und leise seufzte wie in verhaltener Wonne. Wie ein gewaltiger, alles überflutender, alle Dämme niederreißender Strom brach die Liebe hervor in dem Herzen des jungen Mädchens. Ein starker, tiefgehender Strom. Wie Strohhalme ließ er alles auf seiner Flut tanzen, was bisher Wehr und Schutz ihres Lebens gewesen war. Sie fühlte sich verloren, ertrinkend in seinen reißenden Wogen, aber es war, als würfe sie eine alte, ausgewachsene Hülle von sich, einen zu eng gewordenen Körper, und sei plötzlich frei und neugeboren. Sie legte beide Hände auf Camills Schultern, sah ihn mit einem unaussprechlichen Lächeln an und sagte nur leise: Camill riß sie stürmisch an seine Brust. Vielleichjt fühlte er sich in diesem Augenblick über sich selbst hinausgehoben, Md wie durch Suggestion .etwas' von der HMe 379 Und Tiefe des Gefühls, das Trautens Seele durchzitterre Md selbst die Untreue gegen sich selbst adelte. Traute hatte in dieser verhängnisvollen Stunde den Schritt vom sorgenlosen Kinde zur Reife des Weibes gethan. Sie hatte zum ersten Male die ganze Schwäche imb die ganze Stärke des Weibes empfunden. Vierzehntes Kapitel. Der April brachte trübe Tage für die Familie ^Selten. „Papa muß in schlimmen Verlegenheiten sein", sagte Armin eines Morgens mit niedergeschlagener Miene zu seinen Schwestern, als er diese allein in ihrem Zimmer fand. „Er hat mal wieder die Zuckerkrankheit und spricht davon, daß ich aus dem Korps treten müsse." „Ach, weißt Tu denn nicht, daß er die Quartalszinsen für die Hypotheken noch nicht auftreiben konnte?" seufzte Hulde. „Einige Wohnungen stehen leer, es gab einen bösen Ausfall in der Mietseinnahme, dazu mutzten ein paar hohe Rechnungen für Wohnungsreparaturen bezahlt werden. Wenn Papa bis zum 15. nicht Hilfe schasst, kommt das Haus zur Subhastation." „Mir ahnte so etwas. Wenn Papa anfängt, homöopathische Tropfen zu schlucken, und Mama so viel in der Bibel liest, dann ist immer Holland in Not." Armin ging mit starken Schritten im Zimmer auf und ab. „Ter arme Papa!" schluchzte Traute, die bereits rot- verweinte Augen hatte; denn am frühen Morgen war Camill Stanffen abgereist. „Es ist ein Skandal, daß niemand mehr Geld hergeben will", schimpfte Armin, „warum wendet sich denn Papa nicht an seine alten Freunde?" „Ist bereits geschehen, aber ohne Erfolg", erwidert^ Hulde. „Gemeine, knickrige Bande!" sagte Armin mit tiefer Verachtung. „O —" schluchzte Traute, „ich kann Papas Jammer gar uicht mehr mit ansehen — es zerreißt mir das Herz! — Ter arme Papa! Er hat schon von ErMeßen gesprochen wenn — wenn —" „Ihr dürst ihn nicht allein lassen, und verfließt nur alle Waffen und Mordinstrumente", sagte Armin wichtig. „Mein Gott, die Papierscheere liegt noch auf seinem Schreibtisch!" rief Hulde 'erblassend, „den Pistolenkasten hat Mama sorgfältig verschlossen." ' „Mit der Papierscheere kann man sich doch nicht umbringen", bezweifelte Traute hinter ihrem Taschentuch. „Na, man kann nicht wissen — besser ist besser —i versteckt lieber auch die Papierscheere, es haben sich schon Menschen mit einem Federmesser oder mit einem Pfropfenzieher umgebracht", behauptete Armiu, obgleich er für den Pfropfenzieher kein thatsächliches Beispiel wußte. Hulde ging darauf Und verschloß gewissenhaft diePapier- fcheere, sämtliche Pfropfenzieher, Federmesser und sogar das Küchenbeil. (Fortsetzung folgt). Die Plaudertasche. Von Hieronymus Ivens. Nachdruck verboten. Es gießt einen Menschen, der von Zeit zu Zeit in Unserer Redaktion erscheint, angeblich um uns interessante Mitteilungen zu machen, in Wahrheit aber nur zu dem Zwecke, unseren Chefredakteur von der Arbeit ckbzuhalteu. Ter Mensch läßt sich aber nicht ohne weiteres abweisen,) denn er steckt immer voll interessanter Anekdoten, und hat man ihm erst zu reden gestattet, so ist man schon in seiner Gewalt. Ja, es Hat Fälle gegeben, daß unser ganzes Redaktionspersonal sich um den Mann versammelte, um ihm eine Stunde lang oder noch länger zuzuhören, sodaß der Faktor unserer Druckerei, der auf Manuskript lauerte, in arge Verlegenheit kam. Um diesen: Uebelstande ein für allemal zu begegnen, haben wir unseren Redaktionssekretär beauftragt, alle Anekdoten dieser unverbesserlichen Plaudertasche zu- stenographieren und sie nach Beendigung seiner ^Sprechzeit" in die Druckerei zu geben. Auf diese Weise rst mm dieses Feuilleton entstanden, welches unsere Freunde hoffentlich mit einigem Interesse lesen werden. Unsere Plaudertasche aber soll davon Notiz nehmen, daß ein Redakteur ein vielgeplagtes Wesen ist, das man nicht zwecklos von seinen dringenden Arbeiten abhalten darf. Ein Hausierer zog die Schelle an einem Hause und fragte das öffnende Dienstmädchen, ob er nicht die Dame des Hauses sprechen könnte. „Sie kauft doch nichts von Hausierern", erwiderte das Mädchen. „Eine Dame der Gesellschaft, die einige Häuser entfernt wohnt, hat mich hierher geschickt", sagte er, und als in diesem Augenblick die Hausfrau erschien, fuhr er zu dieser fort: „Gestatten Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit für eine der sinnreichsten Erfindungen unserer Zeit zu erbitten." „Was ist es denn?" „Eine patentierte Thürdecke mit zivei Klappen, Madame. Auf der einen steht „Willkommen", aus der anderen „Nicht zu Hause". Diese Klappen werden von den: Vorraum aus durch zwei Schnüre bewegt. An Tagen, an denen sie vorbereitet sind, Besuch zu empfangen, bringen Sie das Wort „Willkommen" auf der Decke an, und wenn Sie nicht wohl oder auf irgend eine Weise verhindert sind, so zeigen Sie den etwaigen Besuchern die Klappe „Nicht zu Hause". Ich habe schon eine Menge von diesem Artikel verkauft. „Ich möchte solch ein Ding uicht bei mir im Hause wissen", bemerkte die Dame. „Wirklich nichjt?" „Nein. Es ist vielleicht neu, aber ebenso unpassend. Nehmen Sie es wieder mit." „Aber, Madame, so viele von Ihren Nachbarn haben es gekauft, und ich versichere Sie, eA wird sehr beacht werden." „Ich will es nicht sehen." „Alle Vorstellungen nützen nichts?" „Nicht das Geringste." „Seien Sie vorsichtig, Madame, oder Sle zwingen mich. Ihnen ein Geständnis zu machen." „Das ist gar nicht nötig. Machen Sie mit Ihren Decken, daß Sie fortkommen, weiter verlange ich nichts." „Nun, meinetwegen, Sie wollen es ja nicht anders. Also Ihre Nachbarin gegenüber kaufte mir vorhin eine von meinen Decken ab und sagte, sie hätte nur eine Veranlassung, das zu thuu." „Und welche wäre das?" „Sie sagte, sie brauche gerade solche Decke auf der Thürschwelle, damit Sie nicht jede Stunde herübergelaufen, kämen, um über andere Leute zu klatschen. Adieu, Madame; Sie hätten wirklich gut gethan, auch eine solche Decke zu Ihrer Verteidigung zu kaufen."-- Ein w ohlb ekannter Politiker, welcher etwas schwerhörig ist, versucht zuweilen, sich vor Belästigungen zu schützen, indem ,er sich noch tauber stellt, als er in Wirklichkeit ist. Bei einer Versammlung sah' er einen Bekannten auf sich zukommen, von dem er Grund hatte zu befürchten, daß er ihn mit endlosen Leidensgeschichten langweilen würde. Ter Mann sagte mit leiser Stimme, sodaß die anderen es nicht hören konnten: „Willst Du mir gütigst 20 Mark borgen?" „Was sagst Tu?" fragte der Politiker in einem Ton, der den Bittsteller abschrecken sollte, sein Ansuchen in Gegenwart so vieler Personen zu wiederholen. Doch der Mann schrie so laut, daß jeder, der sich in Hörweite befand, aufmerksam wurde: „Willst Tu so gut sein, mir 100 Mark zu leihen?" Der Politiker genierte sich, die Bitte abzuschlagen. „Aber gewiß", sagte er, und gab dem andern das Geld. Als der Borger abging, sah ihm sein Freund tief- betrübt nach, und seufzte: „Das soll mir eine Lehre sein. Ich hätte rund 80 Mark gespart, ivemt ich ihn gleich das erste Mal gehört hätte!"-- Ein sehr träger Mann wurde von seiner Fran gebeten, die Kartoffeln im Garten zu graben. Er willigte ein, und nachdem er einige Minuten gegraben hatte, kam er wieder ins Hausund sagte, er hätte eine Münze gefunden. Er wusch dieselbe ab, und es zeigte sich, daß es eine halbe Krone war. Er steckte das Geld in die Tasche und ging wieder an die Arbeit. , Bald kam er wieder hinein und sagte, er hätte wieder ein Geldstück gesunden.' Diesmal war es ein Zweimarkstück. Er steckte es in die Tasche. 380 ,Jch habe tüchtig gearbeitet", sagte er za seiner Frau, „jetzt will ich erst mal ein Mittagsschläfchen halten." ' " Als er erwachte, fand er, daß seine Frau den ganzen Rest der Kartoffeln ausgegraben hatte. Sie fand aber keine Veldstücke. Da erst dämmerte es ihr, daß er sie rerngelegt yatte.--. Die schöne und gebildete Tochter eines reichen Kaufmannes hatte das Unglück, sich heftig in einen iungen Mann zu verlieben, der in einem Eisenbahnbureau beschäftigt war. Ihre Zuneigung wurde ebenso lebhaft, von dem iungen Mann erwidert; leider aber lag aller Grund vor zu der Annahme, daß der Water des Mädchens sich der Heirat mit ihrem Erkorenen energisch widersetzen würde, da er ein sehr geringes Einkommen hatte. ,Wie kann ich den Alten am besten gewinnen? TU kennst doch gewiß seine schwache Seite?" fragte der Jüngling das Mädchen bei einer ihrer geheimen Zusammen- ^'"^Mein Water", sagte das reiche Mädchen, „bewundert nichts so sehr als Aufrichtigkeit. Wenn Du ihn im geringsten über Deine finanziellen Verhältnisse oder Deine Vergangenheit zu täuschen versuchst, so ist alles verloren. Wenn Du bei ihm aber vorsprichst, so sei ganz, offen, wenn es nötig ist, offen bis zur Grobheit." Ter junge Mann merkte sich den Wink und begab sich am nächsten Morgen geradeswegs in das trauliche Arbeitszimmer seines kiinftigen Schwiegervaters. „Guten Morgen, mein Herr", sagte der letztere. „Guten Morgen." „Womit kann ich Ihnen dienen?" „Ich komme, mich um die .Hand Ihrer Tochter zu bewerben; doch bevor Sie mich in Ihrer Familie. willkommen heißen, wünsche ich Ihnen einiges aus meinem bisherigen Leben mitzuteilen." „Nun, Sie fassen sich kurz. Haben Sie Vermögen?" — „Nicht das geringste." „Sie sind verschuldet?" — „Das will ich meinen. Es vergeht kaum em Dag, daß ich nicht von Gläubigern belästtgt iverde." „Am Ende ist gar der Rock, den Sie anhaben, nicht Ihr Eigentum?" , — „Sie haben's getroffen. Ich. borgte ihn für diese feierliche Gelegenheit. Auch, der Hut ist nicht bezahlt, und der Schuster wartet draußen, um mit mir über die Stiefel zu verhandeln, die ich anhabe." „Sie sind ein aufrichtiger Mann." — „Ganz recht. Mein Gehalt beträgt nur 40 Mark wöchentlich, und ich glaube, die Eisenbahngesellschaft ist im Begriffe, es noch herabzusetzen." Ter erstaunte Kaufmann war glücklich — er hatte einen vollkommen aufrichtigen Menschen entdeckt. Und er gab ihm wirklich seine Tochter, denn er sagte sich, daß auch seine Liebe aufrichtig sein müsse, denn nur ein ehrlicher Mensch könne so freimütig zu dem Vater seiner Angebeteten sprechen.-- Hier wurde die „Plaudertasche" — so haben wir den Herrn in der Redaktion getauft — durch einen neuen Besucher unterbrochen: „Hter ist ein Gedicht, welches Sie in Ihrer Zeitschrift veröffentlichen können", sagte ein Jüngling mit rollenden Augen, als er in das Redaktionszimmer trat. „Ich habe es in einem müßigen Augenblick niedergeschrieben, und übergebe es Ihnen, sozusagen in rohem Zustande. Sie können die Veränderungen daran vornehmen, die Sie für richtig halten." „O, sehr verbunden", sagte unser Chefredakteur, „tch will Ihnen gleich einen Check dafür geben." „Sie sind sehr gütig", sagte der Dichter. „Hier, ich bitte", sagte der andere, ihm den Check ein- händigend. „Danke sehr", rief der junge Mann aus. „Ich werde Ihnen noch einige weitere Dichtungen bringen." An der Thür hielt er plötzlich inne, dann kam er zurück. „Entschuldigen Sie", sagte er, „aber Sie vergaßen, den Check auszufüllen. Sie haben weder das Datum noch die Summe vermerkt, noch haben Sie mit Ihrem Namen nnter- zeichnet." „O", sagte der Redakteur, „es.ist alles in Ordnung, Sie sehen, ich habe Ihnen einen Check sozusagen in r ohem Zustande übergeben. Sie können die Veränderungen daran machen, die Sie für nötig, halten." Versteckte Jasminen. Mädchen, was hast du, ivas ist dir begegnet. Hat dir der Tag heut die Laune verregnet, Siehst so bettoffen und wunderlich aus. Guck rnir ins Auge, und häng nicht das Köpfchen, Soll ich's von hinten her hoch ziehn am Zöpfchen, Mädel, was ist denn, so sprich dich doch aus. Wird sie verlegen ganz, greift in die Tasche, Bleibt ihr die Hand dort, ein Fisch in der Masche, Endlich., Jasminen. Wie sind sie mir lieb. Blitzend dann lacht sie: Ich hab sie gestohlen, Mußte sie heimlich vom Park her holen. Hast sie so gern ja, und hier steht der Dieb. Lachen wir beide, der Weg ist gefunden. Fliegende Freude und flatternde Stunden, Süßes Geplapper, Getändel und Kuß. Ward doch int Leben aus Liebe, aus Liebe Einmal auch meinethalben jemand znm Diebe, Galgen und Rad sind nicht immer der Schluß. — Detlev v. Liliericron. Vermischtes. Der große und der kleine Mann. In der englischen Zeitschrift „Family Herald" liest man folgende Anekdote: Ter einzige Mensch, der je dem großen Cecil Rhodes „über war", scheint ein kleiner Schreiber gewesen zu sein, der. vor einer Reihe von Jahren bei einer Behörde von Johannesburg angestellt war. C. Rhodes, der damalige Premierminister vom Kap, war gezwungen, sich in irgend einer Angelegenheit an diesen Schreiber zu wenden. Er fand den Warteraum mit Menschen angefüllt, und auch ihm wurde angedeutet, in Reih und Glied mit den anderen zu warten. Dies behagte jedoch dem „afrikanischen Napoleon" nicht, denn er war weder in Europa noch m Afrika des Wartens gewohnt- „Bitte, bedienen Sie mich sofort!": rief er dem Kleinen ungeduldig zu, „ich habe nicht Zett, hier lange zu warten!". — „Immer nach der Reihe, nach der Reihe", mahnte der Schreiber. — „Hören Sie ntaP, brach da C. Rhodes los, „wissen Sie denn mcht, wen Sm vor sich haben!? Ich bin Cecil Rhodes!" - „Tas wech ich wohl", kam es in stoischer Ruhe zurück, „aber das ändert an der Sache nichts. Sie müssen eben auch warten, btA Sie daran sind!" — Da ward aber der große Mann zornig. „Wenn Sie in Kapstadt wären", rief er außer sich, „tch ließe Sie auf der Stette verabschieden!" — „Natürlich, tch hörte schon, daß Leute dort um Amt und Brot kommen, weil sie ihre Schuldigkeit thaten", entgegnete der Beamte, in der gleichen unerfchütterlichen Ruhe wie vorher, „wtt sind aber hier nicht in Kapstadt, — das ist hier ettte Republik." — Und der mächtigste Mann einnes ganzen Erdteils mußte warten, bis die vor ihm Angekommenen expediert waren.__ Bilderrätsel Auflösung in nächster Nummer. > Auflösung der Pyramide in vor. Nr.' E E R REH HERA ARCHE RACHEN Redaktion: Curt Plato. — NvtationLdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Bnch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.