(Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Helene, die nun auch ein Wort mit hineinreden mußte, verwies auf die großen Wohlthäter der Menschheit, auf die Heroen der Wissenschaft und der Geschichte, die Märtyrer der Kirche usw. „Eigenliebe! Nichts als Eigenliebe!" Die Eigenliebe sei auch der innerste Nerv der Religion. Die Menschen beten zu einem Gott, weil sie seiner bedurften, und damit er vollkommen genug sei, um ihnen auf alle Weise helfen zu können, statten sie ihn mit all den Eigenschaften aus, an denen es ihnen gebrach, ja, machten sich selbst in geistiger wie in körperlicher Beziehung armseliger, als sie waren, um den Gott desto reicher darstellen zu können, rissen aber dann durch ihren Kultus diesen ganzen Reichtum wieder an sich. Im Gebet betete der Mensch sein eigenes Herz an, deswegen würden die Götter die unerfüllten Wünsche der Menschen — „Du solltest Feuerbach lesen, mein Freund!" „Ja, die Weisheit kenne ich gründlich. Aber ihr guten Feuerbacher redet über Religion wie der Farbenblinde über Farben." „Ja, das thun Sie", fiel Helene ein. „Sie kennen das Christentum nur aus den Büchern." „Das Christentum ist für alle diese hochgelahrten Denker, die selber unberührt davon geblieben sind, nur ein System, lute der Diamant für den Chemiker nur ein Stück krystallisierter Kohle ist; das Christentum ist aber etwas ganz anderes, mein guter Rudolf!" „Ja, was ist es denn aber, was ist es denn aber?" „Es ist eine Macht im Herzen", versetzte Helene mit Nachdruck, „es ist eine Macht, die achtzehnhundert Jahre in der Gemeinde gelebt hat und die alle Adern des Menschen mit seiner Kraft durchdringen kann." Rudolf zog die Augenbrauen in die Höhe und sandte einen Seufzer zstr Decke hinauf. „Halten Sie das vielleicht für Wahnsinn?" fragte sie.. „Ach, Sic ahnen nicht, wie häßlich Sie und Ihre Gesinnungsgenossen handeln, wenn Sie uns Christen als Irrsinnige stempeln. Freilich brauchen wir uns das nicht zu Herzen zu nehmen, aber von Ihrem eigenen Standpunkt Mittwoch -rn 28. Mai, LS 1902. — Nr. 78. iffiül 'M. MW as die wahre Freundschaft und noch mehr das glückliche Band der Ehe so entzückend macht, ist die Erweiterung des Jchs. G. Ch. Lichtenberg. aus ist es häßlich. Sie sind ja ein Mann der Freiheit» der Freund des freien Gedankens! Aber wenn ich nun einen Glauben habe, der sich in meinem Innern unter Angst und jahrelangen Kämpfen abgelagert hat, und der mir teuer geworden ist tote das Beste, das ich besitze, weil ich ihn erprobt habe, weil ich seinen Wert erkenne, so habe ich auch ein Recht darauf, Achtung für diesen meinen Glauben zu fordern, und ich dulde nicht, daß er mit großen, schweren Absätzen zertreten wird." . । „Helene!" bat Böse. - | „Ja, man kann schließlich auch einmal —" A Rudolf kraute sich im Nacken. Helene ging hinaus, um nach den Kindern zu sehen. „Du bist ja auf Deine alten Tage höllisch steif in den Dogmen geworden", stichelte Rudolf. „Du solltest lieber meine letzten Tage sagen!" „Ach, das meinte ich nicht!" „Ich versichere Dich, Rudolf, es ist auch kein Kinderspiel, so auf einen Stuhl gepackt zn werden mit der nahen Aussicht auf den Friedhof. Dir ahnst nicht, was das sagen will." „Ja, ja — ja, ja!" „Du gehst umher und stöhnst unter einem Uebermaß ton Gesundheit. Wenn man, wie Du, munter ist wie ein Fisch und genug hat, um zu leben und sich zu amüsieren, dann mag es leicht sein, von dem sanften Nirwana zu reden; aber Du kannst mir glauben, es ist kein Scherz, wenn die Zeit kommt, wo uns der Tod zur Seite nimmt — so ganz privatim — und uns mit feinen hohlen Augen und seinem moderigen Atem ins Gesicht starrt — z. B> so eines Abends in der Dämmerstunde, wenn man sich selber in einem schwarzen Kasten mit Buxbaum auf dem Magen liegen sieht, und alles, alles sich in Leichenluft und Verwesung auslöst." „Hör einmal —" „Ich weih nicht, Rudolf, ob Du einen Begriff davon hast, wie groß einem in einer solchen Stunde die Angen im Kopfe werden können." „Du, das ist ein verteufelt ungemütliches Thema." „Ja, gemütlich ist es nicht — der Tod ist überhaupt nicht gemütlich." „Ich sage wie Epikur: ,Weshalb soll ich ait den Tod denken? Solange ich bin, ist der Tod nicht für mich da, und wenn ich nicht mehr bin, brauche ich mich nicht vor ihm zu fürchten'. Weshalb sollte ich denn überhaupt an den Tod denken?" „Alls die Weise räsonnieren wir den Tod nicht fort. Es giebt nicht einen unter uns, der nicht Augenblicke hätte, wo ihm davor graut. Wir wissen, daß wir einmal mit ihm ringen müssen, toie sehr wir uns auch dagegen sträuben mögen." „Ich weiß nicht recht, — aber ich- glaube, es zieht „Und das, worauf es schließlich doch für uns an- — 310 — kommt, die letzte Und große Frage unseres Lebens, wenn alles andere in der Welt — Sozialismus, Nationalökonomie und das Ganze — so unendlich nichtssagend für uns wird, ist: wie wir ihn schließlich empfangen, ob wir die Stirn erheben und sagen können: ,Jn Gottes Namen, komm'!" „Kannst denn Du das?" „Es hat Augenblicke gegeben, in denen ich es zu können glaubte; aber ich will auch ehrlich gestehen, daß es Stunden giebt, wo mich die Angst- überkommt. Nicht zu allen Zeiten vermag man sich über den siebzigtausend Klaftern Wasser zu halten, von denen Kirkegard redet; aber ich bin sicher, daß der Herr mir helfen wird, wenn meine Stunde kommt." „Ja, ja — weißt Du eigentlich, daß wir heute Mondfinsternis haben?" „Und trotz meines Kleinglaubens steht es für mich fest, daß das Christentum, es mag heutzutage noch so viel heruntergerissen werden, dennoch mit seiner Kraft und Schönheit, mit seiner erhabenen Sittenlehre die einzig haltbare Grundlage für das Menschenleben ist, die einzige Macht, die u ns zu einem wirklich versöhnenden Blick auf das Leben erheben kann." „Na, jetzt gehe ich. Laß Dir's gut gehen, alter Junge." Helene kam unterdes wieder herein und setzte sich auf einen Binsenschemel zu Böjes Füßen. Ach, dieser Unglaube, dieser Unglaube, meinte sie, der sei doch das größte Unglück unserer Zeit. Er breite sich mit seinen tausenderlei Verzweigungen und Leichtsinn über die moderne Welt aus und mache den ganzen Organismus krank. Böse gab zu, daß es schlecht genug um das Glaubens- lebcu stünde, besonders in der Hauptstadt, wo sich der Herd der Freigeisterei befinde, und wo man zugleich den widerwärtigen Anblick habe, daß viele das Christentum als Tünche benutzten, die den Verdacht von der Fäulnis ihres Privatlebens ablenken solle; es gäbe viel verborgene Gottesfurcht ringsumher im Lande, besonders in den einfacheren Häuslichkeiten des kleinen Mannes. Sie sprachen über den Ernst und die Kämpfe des Daseins im allgemeinen und kamen schließlich auf die Widerwärtigkeiten ihres eigenen Lebens zu sprechen. „Ist es nicht sonderbar, Hans, wir haben uns doch so von Herzen lieb gehabt, und sind trotzdem nicht glücklich gewesen!" Sie seien so verschieden angelegt, meinte er. Sie gehöre zu jenen ernsten Naturen, die stets die ganze Vergangenheit als Reisegepäck mit sich schleppen und die stets ein Verhör mit sich selber anstellen, während er einer jener unruhigen Köpfe sei, die voll und ganz in dem leben, was für den Augenblick die Oberhand in ihnen hat, und die oft zu eifrig und rücksichtslos werden. Und dann sei eS nun ja einmal die Eigentümlichkeit der Uebergangszeiten in der Geschichte, daß sie an den Privatverhältnissen von Tausenden zerrten und rüttelten und überall Gärung bewirkten. „Ja", erwiderte sie mit feuchten Augen, „ich glaubte, ich könnte mit all dem alten brechen und mein ganzes Herz umgestalten. Du weißt nicht, wie ich gekämpft habe, Hans! Ich habe die Zähne zusammengebissen und alle meine Kraft darangesetzt, um Dir zu folgen; aber man kann seine Natur nicht ändern." Eine Weile saßen sie da und sahen einander schweigend an. Beider Augen füllten sich mit Thronen. Da ergriff Böje ihre Hand: „Mein geliebtes, teures Weib!" — Er bat sie, ihm einige Papiere zu geben, die in seiner Mappe lagen. „Du kannst dies gelegentlich einmal lesen und es dann verwahren", sagte er, ihr einen Briefbogen reichend. Sie las es gleich: „Und sitz' ich einsam hier in meiner Kammer, Vor mir das Bild, auf dem gequält- geschunden, Ich Loke seh, au Arm und Bein gebunden, Wie er sich windet unter Schmerz und Jammer, Und dann sein Weib sich naht und, seine Qual zu enden, Des Wurmes Gift will in der Schale fangen, Und, daß kein Tropfen soll ins Blut gelangen. Sie von sich schleudert weit mit beiden Händen: Dann denk' ich dein, wie oft in deiner Treue Du, teures Weib, mir Hilf' und Trost gespendet, Wenn mich gefesselt hielt des Zweifels Qual aufs neue. Und wie es dich beglückt, wenn du von mir gewendet Des Schmerzens Tropfenfall, und Sorg' und Not und Reue: Hab' Dank, so oft du mir die Schale hast gesendet!" Sie ging zu ihm hin, setzte sich wieder auf den Binsenschemel und lehnte den Kopf au seine Kniee. Ehe Böje sich schlafen legte, öffnete er ein Fenster, uni sich durch einige Züge der frischen Frühlingsluft zu erquicken und die rote Pracht des westlichen Himmels zu betrachten. Die Sonne versank in ein Meer von purpurbezogenen Federkissen. Bald sah man nur die obere Rundung ihrer Stirn über dem Horizont. Die Natur wurde still — die Königin des Tages wollte schlafen. Ueber ihrem Lager erglühte der Himmel in roten, violetten und gelben Farben, alle mit dem feinen Schimmer der Unberührtheit, zusammengeschmolzen zu einem harmonischen Ganzen, gleich den Bildern eines schönen, farbenreichen Traumes. Einige Tage nach Absendung des Briefes kam Thomas, um Verabredungen über den Umzug zu treffe», der seiner Ansicht nach am besten sobald als möglich ins Werk gesetzt werden müsse. Da aber war Böje gestorben. Die Frühlingsträume, die lichten Sommerbilder, die ihn: die Hoffnung vorgegaukelt hatte, waren das letzte Aufflackern seines Lebens gewesen. Helene war anfs Standesamt gegangen, nm seinen Tod anzuzeigen. „Gott int Himmel mag wissen", meinte Madame Hansen, die Thomas in ihre kleine, einfache Stube hinein genötigt hatte, „woraus das Frauenzimmer zusammengesetzt ist, denn nichts in der Welt vermag sie zu beugen. Jetzt ist sie drei Tage und drei Nächte hier herumgegangen und hat keinen Schlaf in die Augen bekommen. Und womit sie ihr Leben aufrecht hält, das ist mir ein Rätsel, denn sie hat auch nicht einen Bissen Brot über die Lippen gebracht." Thomas hörte dem Gerede nur mit halbem Ohre zu. Böje war tot! Er konnte weder fitzen noch stehen. Wie mochte es ihr ergehen? Wie war ihr zu Mute? Was sollte er zu ihr sagen? Ob sie nun wohl nach Holmstrup hinausziehen würde? „Nur ein einziges Mal, in der letzten Nacht, kant sie zu mir hereingerannt: „Ich kann es nicht aushalten, ich kann es nicht aushalten!" — „Ja, aushalten müssen Sie es", sagte ich zu ihr. „Ich kenne es ganz genau von Hansen her, er lag ebenso da und verdrehte die Augen, aber es währte doch, gottlob, nicht lange, bis es mit ihm aus war." Ich mußte sie ja ein wenig trösten." Thomas stemmte die Arme in die Seitetr und starrte den Fuß des Ofens an. Wie alt war Helene jetzt eigentlich? Erst dreiunddreißig Jahre! Und noch so schön. Er rief sich ihr Bild von jenem Mondscheinabend zurück. Gott weiß, ob sie nicht doch — ob es nicht noch — — Endlich trat sie in die Thür. Es war Thomas, als ginge ihn: ein Stich durchs Herz, als sie ihm ihr Antlitz zuwendete. War dies das graue, starre Gesicht Helenes? Erst jetzt entsann er sich, daß er sie nicht bei Tageslicht gesehen hatte. Ach, wie hatte sie sich doch verändert! Eine bitter-schmerzliche Wehmut er- grrff ihn, eine Stimmung, wie sie uns überkommt, wenn wir von etwas unendlich Liebem und Schönem Abschied nehmen müssen. Er reichte ihr die Hand und wollte etwas sagen, konnte aber keine Worte finden. „Ja", begann sie, während ihre Lippen in dem stillen Kämpf mit den Thränen bebten, der das Antlitz eines Kindes und einer Frau so unsagbar anziehend machen kann — „ja, wer hätte gedacht, daß es so plötzlich kommen würde, nachdem er sich so erholt hatte!" Thomas besorgte einen Sarg und traf alle Vorbereitungen zur Beerdigung. Am Begräbnistage kam er wieder und brachte einen Kranz aus Christdorn mit einer Kalla und weißen Lilien mit. — Die Feier verlief in aller Stille. Nur wenige Freunde folgten dem Sarge, darunter Rudolf, der tief bewegt einen Palmenkranz aus die Bahre legte und Helenes Hand mit thränenfeuchten Augen drückte. Helene war sehr bleich, aber ruhig und stark in ihrem Schmerz. Auf ihrem Antlitz lag jene Seelenhoheit, die der edelste Schmuck der Frau ist. Je länger Thomas sie ansah, desto mehr söhnte er sich mit ihrer Magerkeit und ihrer grauen Hautfarbe aus. . ~ Am Grabe fand Rudolf Gelegenheit, ihr em Tennyson- sches Trosteswort ins Ohr zu flüstern — natürlich m englischer Sprache: i , „’T 18 better, to have loved and lost, than never to have loved at all.“ (Fortsetzung folgt.) Aus Liebe. Novellette von C. Gerhard. (Nachdruck verboten.) Sie liegt ans dem Ruhebett, das Köpfchen mit den goldbraunen Löckchen in die Kissen gedrückt, die Augen geschlossen, so daß die dunkeln Wimpern wie ein Schleier auf den Weißen Wangen ruhen, die Hände, an denen kostbare Ringe blitzen, über dem schlichten Weißen Kleide gefaltet. Plötzlich fährt sie empor, sie hat das Zufallen der Hausthür vernommen. Kehrt ihr Gatte schon heim? Nein, es ist nur der Diener. Meder liegt sie regungslos, aber die wunderschönen, seelenvollen Augen schweifen im Zimmer umher, das mit künstlerischem Geschmack eingerichtet ist. Jedes der geschnitzten Möbel ist sehenswert, die Wände, die Decke sind von einem berühmten Meister mit Malereien versehen, aus Gruppen von Blattgewächsen tauchen die marmornen Leiber von Göttergestalten auf, — dieser Anblick soll die junge Frau ablenken von ihrem Leiden, mit dem Abglanz unvergänglicher Schönheit ihr stilles Dasein erfüllen." Durch die Portiere schaut sie in ein zweites Zimmer, in dem ein geöffneter Blüthner steht, umgeben von Büsten der Meister der Tonkunst. Marines Licht, durch rote Schleier gedämpft, fällt auf diese herrlichen Räume, die ein süßer Beilcheuduft durchzieht. Bor der Kranken auf einem Tischchen steht in einem mit altvenezianischer Goldfiligran-Arbeit umrankten Glase ein Strauß köstlicher Rosen; die .Ruhende zieht eine La France heraus und führt sie an die Lippen. Ihr Gatte hat sie ihr heute, wie alle Morgen gebracht. Wie gut ist er doch! Wohl hat sie ihn während ihres kurzen Brautstandes und ersten berauschenden Ehejahres innig geliebt, aber recht verstehen, ihn bewundern hat sie erst gelernt, seitdem sie durch die Geburt eines Kindes, das kaum eine Stunde gelebt, ihre Gesundheit eingebüßt. Als inan die zarte Blüte der Erde übergab, raste sic in Fieberphantasien, eine Krankheit nach der andern brachte sie dem Tode nahe, aber endlich siegte ihre Jugend. Doch eine nervöse Lähmung der unteren Glieder war eingetreten, die allen Heilversuchen spottete. Seit vier Jahren ist Margarete hilflos, und dennoch beklagt sie nicht ihr Geschick. Denn Eberhard überhäuft sie mit seiner 'zärtlichen Liebe und Sorgfalt; vom Schlafzimmer trägt er sie in den Salon und wieder zurück; nie ist er ungeduldig, nie zu müde, mit ihr zu plaudern, ihr vorzulesen,' oder zu spieleu. Und doch ist er so lebensfreudig, doch könnte ihm eine gesunde Frau so viel sein! Das ist das Bitterste für sie, daß sie ihm nicht die sorgende Hausfrau, die Gefährtin sein kann, wenn er sie auch das Glück, den Inhalt seines Lebens nennt. Eine Thür wird geöffnet. Margarete hört einen schnellen Tritt, sie preßt die Hand auf das Herz, ihre Wangen färben sich, — noch immer errötet sie wie eine Brant, wenn ihr Gatte sich naht. Und nun beugt er sich zu ihr nieder und küßt sie. Sein starker Arm richtet sie empor, ihr Kopf liegt an seiner Brust, mit strahlenden Augen sieht sie zu ihm auf. „Lieber, Geliebtester, wie glücklich bin ich!" „Ach, Du armes Bögelchen! Glücklich — und kannst nicht die Flügel regen!" „Du trägst mich, in Deiner Liebe ruhe ich!" „Mein holder Liebling!" Sie streicht ihm das aschblonde Harr aus der breiten Stirn, die im Verein mit dem markigen Kinn dem Gesicht den Stempel der Energie und Bedeutung verleiht, während die Augen oft einen träumenden Ausdruck anuehmeu. „Weißt Du, welch ein Tag heute ist, Margaretleiu: Bor fünf Jahren gewann ich Dich mir. Du standest im Garten, rupftest die Blättchen eines Maßliebchens ab und flüstertest: Er liebt mich liebt mich nicht, er liebt mich! Weißt Du es noch?" „Wie könnt ich's je vergessen! Plötzlich standest Tu hinter mir und sagtest: Ja, so ist es! Und dann nahmst Tu mich in Deine Arme, und das verwaiste Mädchen gewann ein Herz und eine Heimat." „Zum Andenken an die selige Stunde habe ich Dir dieses MargaretenblümleiN mitgebracht." Er nimmt ans einem Etui ein Medaillon aus edlen Steinen in Form eines Maßliebchens, das sein Bild enthält. „Tausend, tausend Dank! Bist Du nun ferne von mir in Deinem Kontor, so soll das Maßliebchen und Dein Portrait mich trösten. Bitte, willst Tu mir nun etwas spielen?" Er nickt und schreitet zum Flügel, Und daun erbraust Beethovens Appassionata, jenes erschütternde musikalische Seelengemälde unter seinen Händen, vollendet vorgetragen. Als er zu seiner Frau zurückkehrt, ist ihr Antlitz von Thränen betaut. „Du weinst? Ich hätte heute diese tragische Sonate nicht spielen sollen." „Doch, ich liebe sie sehr, wenn mich auch dcr'Ausdruck leidenschaftlichsten Schmerzes stets ergreift Und meisterhaft hast Tu gespielt! Wie schade, daß Du die Welt mit Deinem Talent nicht beglücken kannst, Dich selbst durch Hingabe an Deine Kunst!" „Ich beklage es nicht mehr. Freilich, als mein älterer Bruder starb und mein Vater mich ans den erfolgreichsten musikalischen Studien an seiner Stelle ins Geschäft berief, brauste ein Sturm durch meine Seele. Damals habe ich die Appassionata verstehen gelernt. Schwer nur trug ich mein Joch. Doch jetzt preise ich meinen Beruf; er gestattet mir, bei Dir zu sein, Dich zu pflegen, während die Virtuofeulausbahu mich von Dir getrennt hätte. Statt für die Welt spiele ich nun für Dich, mein Lieb, das ist Glückes genug." „Du denkst immer nur an mich. Du bester der Menschen! Aber heute gehst Tu in den Klub, Du versprichst es mir?" „Wenn Tu es wünschest, gehorche ich." Doch als sie gemeinsam gespeist und die Kranke gebettet ist, denkt Eberhard nicht mehr des Versprechens. Ter Glanz in seinen Zügen ist erloschen, eine tiefe Falte gräbt sich in seine Stirn, er sitzt an seinem Schreibtisch und rechnet, rechnet. Tas Blut steigt ihm in den Kops, es muß sich doch ein Ausweg finden, ein Mittel, die verlorenen Summen wieder einzubringen, damit er fein krankes Vögelchen in gewohnter Weise hegen und pflegen kann. Als er Margarete zum Altäre führte, war er reich; er hatte sich schnell eingearbeitet, ja, der überseeische Handel interessierte ihn. Wohl verschlang der großartige'Zuschnitt des Hauses, die Kur eil, Reisen, zahlreiche Aerzte, die Pflege der Kranken bedeutende Summen, aber er hatte auch viel verdient. Doch vor einigen Wochen war er einem Diebstahl auf die Spur gekommen. Aus dem Geldschrank, zu dem nur er und der Kassierer den Schlüssel besaß, waren Papiere verschwunden, die den dritten Teil seines Vermögens ausmachten. Tie Flucht des Kassierers bewies dessen Schuld. Der Verlust schädigte Eberhards Kredit, eine Schwierigkeit erwuchs ihm nach der andern. Was thuu: Als er sich endlich zur Ruhe legt, hat er einen Entschluß gefaßt, doch den Schlaf findet er nicht. Ter Sommer vergeht mit seiner Blütenpracht, der Herbst singt sein Klagelied, der Winter beginnt mit Eis und Schnee. In' der Geschäftswelt ist man erstaunt, daß Eberhard Altenburg seit geraumer Zeit, entgegen den Traditionen feines Hauses, spekulierte. Niernaild ahnt, was ihn dieses Thun, das er selbst niedrig, verächtlich findet, kostet. Zuerst gewann er, bann verlor er, und diese Verluste treiben chn, immer wieder neues zu wagen, nicht um seiner selbst, nur um Margaretes willen. Und er giebt sich fast übermenschliche Mühe, ihr, die auch von dem Diebstahle nichts weiß, seine Sorgen, seine Verstimmung zu verbergen. Augenblicklich hat er sich an einem großen Unternehmen be-, teUigt. Glückt es, so ist Margarete für alle Zeit gesichert, und er kann zu den soliden Geschäften der früheren ^ayre zurückkehren. IN fieberhafter Spannung verlebt er die nächsten Wochen. Endlich kommt die Entscheidung: ©te sit siM ungünstig, er hat den Rest seines Vermögens verloren. 812 glück naht 1" nebenan: „Glauben Sie, Marianne, der Herr hat Boses vor. Gestern breitete er schnell sein Taschentuch über einen Revolver, als ich eintrat. Bald haben wir einen Toten Redaktion: I. B.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brithl'schen Uuivcrsilats-Vuck- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Tn hierher?" „Gott gab mir die Kraft", erwiderte sie einfach", aber? laß uns von Dir sprechen. Eberhard, Du wolltest sterben, mich verlassen?" Er vermag nicht zu lügen, stumm senkt er das §aupt., „Hast Du mich denn nicht mehr lieb; bin ich Dir eine Last?" „O Gott, nein, aus Liebe zu Dir ivollte ich's ja thun. Und er erzählte ihr alles, alles. „Und Du glaubtest, ein Leben in Bequemlichkeit und Glanz wäre mir mehr wert, als Dein Besitz?" fragte sie vorwurfsvoll. „Eberhard, ich wäre nach Dir gestorben! Gelobe mir, nie Hand an Dich zu legen! Ich werde genesen, Steigerungsscherze. (Nachdruck verboten.) Die Striche sind durch Wörter zu ersetzet!, von denen das zweite dem Klange nach die Stcigernugsform des ersten darstellt, z. B. Mai, Maier; Ritt, Ritter. 1. Nur dies eine — möchte der — preisgekrönt werden. 2. Das Edclsräulciu trat aus dem — und schwang sich auf deu —. 3. Das Mädchen ließ den — in der — liegen. 4. Hebet die — der Schützen schwebte stolz ein —. 5. Ich lasse — bei diesem — arbeiten. 6. Wie kann dieser Stümper —, etwas von ~ zu spielen. (Anflösnug in nächster Nummer.) Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.: Welle, Wille, Wolle. schaudert. , r,, . Am andern Tage ordnet er seine Papiere, um sich dann heimlich aus dein Leben zu stehlen. Nun sitzt er bei Margarete, zwingt sich, zu sprechen und hat dabei nur den einen Gedanken: zum letzten Mak! zürn letzten Mal umfängst Tu die holde Gestalt, zum letzten Mal küssest Tu den süßen Mund! Er muß gehen, sonst verrat er sich. Er beugt sich, seine Lippen berühren ihre Augen, ihr Haar. „Leb' wohl, Margaretlein!" Ist nicht eine heiße Thräne auf ihre Stirn gefallen, klang seine Stimme nicht gepreßt? Er grämt sich um ste, denkt sie gerührt. Sie sinkt in leichten Schlummer. Plötzlich fährt sie empor, hat sie nicht eben gehört: „Ein Un- ----- Zitternd lauscht sie, der Diener flüstert wen Sie, Marianne, der Herr hat Böses vor. büßen, stammelte er. „Nein, nein, sieh her, ich gehe frei Und sicher!" „So hat Deine Liebe das Wunder vollbracht!" „Die Deine wollte ein größeres Opfer bringen. Gotch lob, ich kam zur Zeit. Und nun tilge Dreine drückendsten Verpflichtungen mit meinem kleinen Erbteil, löse Tein Geschäft auf und werde ein Künstler. Ich begleite Dich auf Deinen Reisen, trage fortan mit Dir Freud und Leid, Wohl- Ms er an diesem Wend nadji Hause kommt, fällt . was die Aerzte für möglich halten: ein großer Schre« keiner Frau doch sein verstörtes Aussehen auf, mit leerem | hat die Lähmung gehoben. Ich, werde gesund, gesund! ■ pr fifier sie fort sein sonst so klares Spiel ist | Und sie lachte und wernte m einem Atem. ^erwirrt Aber er sagt ihr beruhigend, er hätte Aergev | „Ich kann's noch nicht glauben, Du wirst den Opfergang im Geschäft, rmd es lohne nicht, darüber zu sprechen. Ruhelos wandert er dann in seinem Zimmer auf und nieder, Verzweiflung int Herzen. Aus dem Geheimfach seines Schreibtisches nimmt er einen Revolver. Ntcht aus Feiabeit will er dem Leben entfliehen, sondern um Margaretes' Zukunft zu sichern. Tie Gesellschaft, bei welcher er sein Leben versichert hat, zahlt die Summe auch, bet ÄjöÄSÄTJft I Brust 6efr.it, er HlBt feit, ®ei6, Haben « er M-Mdt an fein «Ml fettt ^0/ fn-hmp i hfe moralische Kraft mit ihm I lind von nun an werden sie wandern Seite an Seiten MhSÄSÄUS A yzK-BLUM-AM*-♦**8,efe ihr Siechtunt erfordert anderes. Aber damit sie nicht ahne, I vereint. Dvkch ro„> tg icitg ^o^. brütger 'ei?Spuren ^hitEer- Was muß man vou der Wetterkunde (Meteorologie) läßt." Er hat es einst einem Mexikaner, der mit ihm Musik I wissen? studiert und aus Liebesgram sterben wollte, fortgenommen. I $ott -Zr. I. v an Halen. Verlag von .Hugo Steinitz in Da ist das Fläschchen mit feiner grünen Flüssigkeit. Ihn | Berlin SW; 12. (Preis 1 Mk.) Tie Wetterkunde hat in ihrer neuen, wissenschaftlichen Gestalt in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht, und eilt Netz von hunderten von Beobachtungsstationen mit den nötigen Instrumenten und kundigen Beobachtern ist über die Erde gespannt und durch Telegraphen verbunden. Täglich gehen an den Hauptstationen von überall her Berichte ein. Auch werden daraufhin Wettervoraussagen, Sturmwarnungen tc. gegeben, in den Wetterwarten angeschlagen und in den Zeitungen veröffentlicht. Tie Wetterkunde ist für manchen höchst nützlich und für alle höchst interessant, ttnb keiner, der nicht mit in der allgemeinen Bildung zurückbleiben will, darf in der Wetterkunde unwissend bleiben. Der Verfasser des vorliegenden Buches hat es m ei st er ha ft verstanden, dir-, elementaren Sätze der Meteorologie allgemein verständlich, leicht faßlich und inter- essantda rzustellen. Das Buch sollte in keiner Haus- , bibliothek fehlen. im Hause." . ! ------------ Sie will ihn zurückrufen, doch kein Don entringt sich | (Semchtttii&iges« ihrer Kehle. Ist es denn möglich, Eberhard will sich toten, Seh r w ichti g fiir a ll e Sp ar g e lb e etb e sitz er! sie allein lassen: Nun versteht sie seine heutige^Bewegung. I Wenngleich auch die heurige kalte Witterung der Entwicke- Jhr wird eiskalt und bann glühend Hertz. Vielleicht richtet j f Spargels nicht besonders dienlich ist, so dürfen er jetzt die Waffe auf seine Stirn, vielleicht haucht er fetzt )uir boct). nicht glauben, daß das Wetter auch den seinen letzten Seufzer aus! Nein, noch hort sie ihn umher- Sparqelfeinden unangenehm sei. Im Gegenteil, je mehr gehen. Aber dann wird er den Revolver nehmen, — nem, j ungünstige Witterung Saftstockungen hervorgerufen er darf's nicht, sie wird ihn hindern! I werden, desto mehr wird der Spargel von seinen Feinden Kein Gedanke kommt ihr an ihr Leiden, sie läßt die | angefallen. Es ist deshalb jedem Spargelzüchter auf das! Füße zur Erde gleiten und steht auf. Da sinkt sie zu- I dringendste anzuraten, auf die Spargelfeinde Heuer beson- sammen. Nun besinnt sie sich, sie ist gelähmt. Aber sie ders acht zu haben. Tie Feinde, die jetzt schädigend aufmuß gehen und wäre es ihr Tod! Die Schritte dort sind | treten, sind Spargelfliege und Spargelkäfer. Neue^ Anverstummt, das Fürchterliche naht. Kälten Schweiß auf I sagen werden häufig durch die Spargelfliege vollständig der Stirn, bei jedem Schritt strauchelnd, sich an den Möbeln I vernichtet. Um unseren Lesern bei der Bekämpfung der haltend wankt sie durch den Musiksaal zum Zimmer ihres Spargelfeinde an die Hand zu gehen, haben wir mit dem Gatten. Ihr Atem keucht, bunte Lichter tanzen vor ihren „Erfurter Führer im Gartenbau", in dessen Nr. 5 die Augen. Mit letzter Kraft öffnet sie die Thür, der Unglück- Spargelsliege abgebildet ist und deren Bekämpfungsmaß- liche hält ein Flakon mit einer grünen Flüssigkeit in der regeln genau angegeben sind, das Abkommen getroffen, Hand. Sofort errät sie, daß es Gift ist. daß diese Wimmer unseren Abonnenten kostenfrei zu- „Eberhard!" schreit sie markerschütternd aus. I geschickt wird, sobald sie sich inittelst Postkarte an das Ge- Er starrt sie an, als sähe er einen Geist . I schäftsamt des „Erfurter Führer int Gartenbau", Erfurt, Tann springt er auf, das Fläschchen rollt zu Boden, er | senden. ___________ umschlingt die zerbrechliche Gestalt, er bettet sie auf dem Sofa. „Tu, Du", murmelte er immer wieder, „wie kamst