Montag den 28. April. Nr. 63. 1902. MI ZLL ÄS fiMwZ iflegte sie eine Weile bei der Lampe chen, oder sie hockte auf einem hölzernen können!z/ „Das konnte er, weil er im Innersten seines .Herzens ehrlich ist, wie nur wenige." förmig. Des Abends st (Fortsetzung.) Er war im selben Augenblick aufgesprungen und wollte sie einholen. , ... ~. „Helene, so dürfen Sie nicht von mrr gehen!", Sie aber wandte sich um und hielt die Hände vor sich, tote zur „Böje, ich bitte Sie von Herzen, lassen Sie mich gehen." Er kehrte zurück, sank auf die Bank nieder und barg sein Antlitz in den Händen. ~ , „Großer Gott, wie sehen Sie denn aus, Fräulein?' Sie schob die Wirtin zur Seite, lief die Treppen hrnauf und warf sich mit Hut und Umhang auf einen Stuhl, bie Handflächen gegen die Brust pressend " ' „Gott fei Lob und Däne, daß rch das fertig brachte." Mer der weiche Klang seiner Worte tönte ihr noch nt den Ohren, und in Gedanken sah sie ihn ganz vernichtet ddraußen auf .der Bank sitzen. Da wußte sie wie hmß sie ihn liebte, und in dem Gefühl, als ruhe all der Schmerz und alles Leid der Welt aus ihr, brach sie in Thranen aus und preßte ihr Taschentuch gegen die Augen. Lange Zeit hindurch hörte und sah Helene nichts von Böse. Unter dem dämpfenden Einfluß einsamer Betrachtungen kam ihr Sinn allmählich wieder zur Ruhe. Wieder und wieder sagte sie sich selbst, daß sie an f en em Tage, als die Versuchung ihre Fäden um sie schlang, richtig gehandelt habe, sie hatte einen Sieg, errungen, der im Himmel verzeichnet wurde — vieles wurde ihr dieses Sieges wegen abgerechnet werden. , Die Zeit verging wie vorher, abgemessen und em- VV~3cßer,' wenn et sich nun veranlaßt fühlte, das Verhältnis zu lösen, so geschah dies wohl nicht allein um Ihretwillen, sondern wohl auch, weil er fühlte, daß ihm selber der Grund unter den Füßen fortgeglttten sich Thomas und seinem Vater zu Füßen zu werfen und ihr Leben unter der alten Zucht zu verbringen.. Es ist schwer, über die endlose Fläche des Wüstenlandes hinuberzublicken, aber man wird ruhig uud stark, wenn man den Weg, geht, den uns Gott durch seine Licht- und Wolkensäule vorzeichnet. Da kam Böje eines Abends zu ihr heraus. Die Angst trieb ihr alles Blut aus dem Gesicht, als sie öffnete und ihn gewahrte; aber sie beruhigte sich bald, wieder — sie war sich ihrer Kraft bewußt. „Das ist nicht recht von Ihnen, Böse." Er stand in der Thüröffnung, schlank und schön, sie drinnen, die Hand auf das Schloß gelegt. Das Mädchen der Wirtin, das im selben Augenblick heraufkam, einen Teller mit Thee und Butterbrot tragend, ging auf die Thür zu und stellte sich abwartend hinter ihn. Er wandte sich um und war im Begriff, zur Seite zu treten, besann sich aber und trat ein. Das Mädchen setzte das Theebrett hin und entfernte sich wieder „Böje! — — — Sie dürfen nicht bleiben!" Ein bitter-wehmütiges Lächeln umzuckte seinen Mund. „Ist es nicht sonderbar — jeden beliebigen, anderen Menschen würden Sie freundlich empfangen — mich wagen Sie nicht bei sich zu sehen." „Sie wissen sehr wohl, aus welchem Grunde." „Nein, ich weiß es nicht, denn es gießt lerne Macht zwischen Himmel und Erde, die unser Herz zu bezwingen vermag, wenn wir ihm seinen freien Willen lassen." Sie hatte auf den« Puff am Ende des Tisches Platz genommen uud nähte krampfhaft an ihrer Arbeit, hellbeschienen von dem Licht der Lampe. Er saß in der Nähe der Thür auf einem Stuhl und schlug mit der Krücke seines Stockes Beulen in den weichen I Kopf seines Hutes. , , ,x . , „Sageu Sie mir doch, weshalb Sie mich Uicht sehen I wollen, Helene?" r. „Ich sagte es Ihnen neulich schon: Ich bin nicht I frei, ich habe einem andern mein Wort gegeben." I „Aber davon sind Sie ja entbunden worden." „Ich bin nicht von seinem Herzen gelöst. Ich toet& daß er mich nie vergißt. Falls ich wüßte, daß ich ihm gleichgiltig wäre, so läge unser Verhältnis sonnenklar —. so aber thut es das nicht." , _ . , I „Das verstehe ich nicht, wie er Sie hat fmgcßcn, ^'„Jch weiß so sicher, wie ich hier sitze, daß er mich zehnmal so lieb hat, seit wir geschieden sind. Und es. zu sitzeu und zu nähen, ober sie hockte auf einem hölzernen Schemel, lehnte sich mit den Ellbogen über einen kleinen Puff und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Sie hatte Zutrauen zu ihrer Seelenstärke gewonnen Und fand oft eine eigene, qualvolle Befriedigung in dein Gedanken, daß sie jetzt Kraft genug besäße, den Schritt zu thun, den sie so oft erwogen, den sie aber bisher nie auszuführen vermocht hatte: nach Holmstrust zurückzukehren, idjt jeder kann sich dnrch außerordentliche Handlungen ans' zeichnen; aber gemeinnützig wirken kann und soll jeder. Wolfg. Menzel. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Romall in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. ,li 250 Ist für mich eilt furchtbarer Gedanke, daß ich für seine Zukunft verantwortlich sein soll." „Wie können Sie mir so etwas sagen?" „Ja, das bin ich. Es ist mir von dem Tage an, wo ich ihm meine Hand gab, ganz klar, daß Gott selber uns zusammengeführt hat. Er gab mir eine Macht über ihn, wie sie kein Mensch bisher besessen hatte, und so sicher wie sein Leben eine ganz andre Richtung erhielt, nachdem wir verlobt waren, ebenso gewiß weiß ich auch, daß er zu Grunde gehen wird, wenn er mich nicht hat." „Denken Sie denn daran, das Geschehene wieder gut zu machen?" „Ob ich daran denke?" wiederholte sie. Die Frage kam ihr so überraschend, daß sie nicht wußte, was sie antworten sollte. „Der Tag kann kommen, an dem er mich selbst ruft. Oder mein Herz, — mein Gewissen kann mich zwingen, — man weiß nie, was geschehen kann." Er erhob sich hastig. „Helene, das kann Ihre Wsicht nicht sein! Sie können nicht daran denken, einer» Mann zu heiraten, den Sie nicht lieben, während — nein, das können Sie nicht thun!" „Mir können viel, wenn unser Gewissen uns zwingt." „Was aber wird dann aus dem ewigen Recht der Liebe? Haben wir denn unserm eigenen Leben gegenüber keine Pflichten?" „Böje, erinnern Sie sich des Tages, als wir in den Wald fuhren?" „Freilich erinnere ich mich dessen, und ich muß gestehen, daß ich die Dinge jetzt ganz anders betrachte." »Ja, so geht es mit uns. Lassen Sie uns ehrlich sein, Böje. Wenn unsere Ansichten uns persönlich nicht mehr passen, so werden sie oft sehr biegsam, sie fügen sich und schmiegen sich, bis es schließlich damit endet, daß sie in ihre eigenen Gegensätze umschlagen." „Nein, es ist nicht aus Rücksicht auf mich selber geschehen — vielleicht hat das ein wenig dazu beigetragen, daß ich meine Ansichten geändert habe; aber die Bewegung, die durch die ganze Zeit geht, zwingt jeden wahrheitsuchenden Menschen, verschiedene veraltete Anschauungen aufzugeben, besonders in Beziehung auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Ich habe über diese Sachen sehr viel mit einem Freund, dem Kandidaten Rudolf, gesprochen, und ich bin mehr und mehr zu der Ueberzeugung gelangt, daß wir der persönlichen Freiheit und den persönlichen Rechten mehr Platz einräumen müssen, als dies früher der Fall war." Sie wissen übrigens sehr wohl, fügte er hinzu, daß er durchaus kein Anhänger der „freien Liebe" sei; was er preise, das sei nur das Recht des freien Herzens. Das Verhältnis, von dem hier die Rede sei, wäre so einfach, wie nur irgend etwas in der Welt: er liebe {ie, und fie liebe ihn, beide hätten ihre Freiheit, beide eien sie mündig, nichts in der Welt könne oder dürfe ie trennen, sich ihrer Vereinigung in den Weg stellen. Sie schüttelte den Kopf und schob die Lampe weiter auf .bett Tisch hinauf. Sie mußte an ihren Vater denken; auch er stand zwischen ihnen; in ihrem Innern regte sich eine Stimme, die ihr Unterwerfung unter seine Autorität gebot. „Böje, es gießt etwas in der Welt, das stärker ist als die Liebe — das ist Gottes Gebot in unfern Herzen." Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Dann saß sie wieder allein. Der Thee, der dort stand, und auf dem eine graubraune Milchhaut zitterte, blieb unberührt. Die Hand gegen die Stirn gepreßt, setzte sie sich auf ihren gewohnten Platz am Ende des Tisches und stützte den Ellbogen gegen dessen Rand. Sie wollte nicht mehr an Thomas und ihren Vater denken, sie wollte sich den Genuß gönnen, hier eine Weile zu sitzen, und sich die eigenen Leiden auszumalen, ihre ganze brennende Liebe in einen langen Abschiedstraum zusammenfassen, und dann wollte sie morgen oder an einem der nächsten Tage nach Holmsttrup reisen. Und dann am nächsten Morgen geschah es, daß sie ihm im Gehölz begegnete. Er sprach so liebevoll aber ruhig mit ihr, wie ein Bruder mit einer Schwester redet. Er bat sie, ob er nicht von Zeit §u Zeit einmal zu ihr kommen und sich ein wenig mit chr unterhalten könne. War es nicht im Grund ein lächerliches Vorurteil, daß ein Mann und eine Frau einander nicht besuchen durften, daß sie nicht bei einander sitzen, und ihre Gedanken austauschen konnten, ohne den Wächter des guten Tons neben sich zu haben? Mas sagte nicht Oliver Goldsmith! „Die Tugend, die stets der Bewachung bedarf, ist kaum der Schildwache wert." Könnte ihre Freundschaft nicht rein sein wie die zweier Männer oder zweier Frauen, ja, zehnmal reiner und edler? Sie mußte ihm recht geben, aber so war nun einmal der Welt Lauf; außerdem war es für sie selber das beste, wenn sie einander nicht sahen. Er meinte, man müsse der Welt Trotz bieten, wenn sie dem reinen, klaren Menschenrecht des Einzelnen zu nahe träte. Als sie sich umwandte, um zu gehen, fing sie einen Schimmer von ihrer Wirtin auf, oie einen Steig hinunter humpelte, den Kopf auf die Seite gelegt, wie ein spähendes Huhn. Der Tag verging in ruheloser Spannung. Am Abend, als an ihrer Glocke gezogen wurde, preßte Helene die Hände gegen die Brust, und flehte inbrünstig zu Gott, daß Böje es nicht sein möge. Als sie dann öffnete, und ihr das dumme Gesicht einer alten Verkäuferin entgegengrinste, warf sie ärgerlich die Thür ins Schloß. Nach einer Weile schellte es aber von neuem, und diesmal war er es. Sie bebte am ganzen Körper, als sie ihm öffnete. „Ich bat Sie doch, nicht zu kommen!" „Glauben Sie denn, daß ich Böses im Schilde führe?" „Nein, aber — Sie müssen gleich wieder gehend Ich kann es nicht wagen, Böje — die Leute könnten darüber reden." Er war ruhig und taktvoll tote am Morgen, sie bekam ein unbegrenztes Vertrauen zu seiner Rechtschaffenheit. Er zog ein Buch aus der Tasche. „Ich habe hier eine kleine Erzählung, die mein Freund Rudolf mir geliehen hat, hätten Ste nicht Lust, sie zu lesen?" /Banfe! Das will ich gern! Ich habe seit langer Zeit kein Buch mehr gesehen." Cie kamen in ein Gespräch über die Erzeugnisse der neuen Litteratur und infolgedessen über das Verhältnis von Mann und Frau. Er meinte, daß sie ein unparteiischeres Urteil über dies Verhältnis haben würde, nachdem sie das Buch gelesen hätte. „Ja, aber dann will ich es, glaube ich, lieber nicht lesen." „Helene, lassen Sie mich Ihnen eins sagen: Wenn Ihr Leben auf dem Grunde der Wahrheit beruht, wie ich fest glaube, so dürfen Sie nicht feige sein." „Es ist keine Feigheit, aber wenn man nun weiß, daß man die richtige Anschauung über diese Sachen hat." „Das wissen Sie nicht. Wir haben allesamt eine unendliche Menge veralteter Anschauungen bei uns an- gehäuft, die von unfern Eltern, Lehrern und Seelsorgern in Düten verpackt, und in die verschiedenen Räume unsers Innern niedergelegt worden sind. Nun gut — vieles davon mag echt genug fein, und ich Bin weit davon entfernt, alles Alte verwerfen zu wollen — aber wenn wir tn die Jahre kommen, wo wir selber unterscheiden lernen, so ist es unser Recht und unsre Pflicht, die Düten zu öffnen und ihren Inhalt mit den neuen Waren zu vergleichen, die inzwischen ins Land gekommen sind." „Tas mag sein — aber wenn man nun findet, daß die neuen Waren Gift enthalten?" „Das ist etwas andres, bann bleibt man eben bei den alten! Aber ein selbständiger Mensch, der mit seinen Zeitgenossen lebt und die Wahrheit will, der darf nicht zu den neuen Waren hinüber schielen und „Gift" auf die Pakete schreiben, ehe er den Inhalt untersucht hat. Lesen Sie nur das Buch, Helene, Sie können es ruhig thun!" Aks er ging, dankte er ihr, daß fie ihm erlaubt hatte, bei ihr zu sitzen und ein wenig mit ihr zu reden. Lange noch sah sie da, über seine Worte nachdenkend. Sie nahm das Buch und sah nach dem Titel: „Zwei Schwalben, Erzählung von Torsten Ring." War es wirklich Feigheit, die ihr durch die Adern 251 lief und ihre Finger zittern machte? Ach, das war ja erbärmlich. Cie öffnete das Buch, wandte die Titelseite um und begann sofort zu lesen. Die Erzählung handelte von einer jungen adligen Dame, die einen armen Künstler mit einer Innigkeit liebte, die jahrelang gegen die Standesvorurteile und den Zorn der Eltern ankärupft. Eines Nachts springt die Dame aus dem Fenster, flieht mit ihrem Freund in ein fremdes Land, wo sie sich trauen lassen und wo sie ein Dasein überfließenden Glückes leben. Das Ganze war ein hochgestimmtes Loblied auf die junge, starke, lebenswarme Liebe, die alle Gitterwerke der Formen zersprengt und sich auf Schwalbenflügeln siegesstolz und jubelnd in die sonnenerfüllte Luft der Freiheit emporschwingt — alles mit einer glühenden Stilpracht wiedergegeben, die wie heißer Wein auf ein junges Gemüt wirken mußte. Sie verschlang Seite auf Seite mit all dem glühenden Eifer, den das Thema und dieser neue, sinnenberauschende Stik in ihr wachrief; aber plötzlich, mitten in einer verschleierten Schilderung der gegenseitigen Annäherungsgelüste der jungen Liebenden — ergriff sie eine unsagbare Angst, sie schlug das Buch zu und stieß in einem heftigen Atemzug den ganzen Luftinhalt ihrer Lungen aus, als wolle sie sich dadurch von all dem berauschenden Dampf befreien, den sie eingesogen hatte. Ihre Wirtin, eine kleine, kriechende Schneiderwitwe mit einer ganzen Eisenbahnkarte von schwarzen Runzeln im Gesicht, kam eines Tages selbst mit dem Thee zu ihr herauf. Mit einem eigenen, geheimnisvollen Blinken der kleinen rotrandigen Augen und einem einschmeichelnden Flüstern, das dem jungen Mädchen gleich einem elektrischen Zucken durch Mark und Bein ging, wie es uns überfallen kann, wenn wir unser AntliA einem Tiere nähern — verneigte sie sich und — ha, hi, hi — grüßte Fräulein „von dem Herrn, der zu Fräulein kommt." Helene erhob sich und warf ihr einen zornfunkelnden Blick §u. „Mein Gott, Fräulein müssen wirklich nicht —" „Ich bitte Sie, mich in Frieden zu lassen, Madame Sörensen — ich verbitte mir dergleichen ein für allemal." „Aber du Gerechter, was hab' ich denn nur gesagt oder gethan?" „Ich will kein Wort mehr davon hören — kein Wort." „Großer Gott im Himmel — — Herrjemine! Sie stoßen den Thee um! — — Weil ich in aller Unschuld. — Na ja, dann werd' ich kein Wort mehr sagen, aber Fräulein müssen doch wirklich--" Helene drehte ihr den Rücken und hörte nicht mehr auf ihre" lange Rückzugsrede. (Fortsetzung folgt.) Eine Milliarde Minuten. Ein eigenartiges Jubiläum unserer Zeitrechnung. (28. April 1902.) Von Ru-dolf Curtius. Nachdruck verboten. Menn unsere jubiläenfrohe Zeit selbst bei Größen dritten und vierten Ranges die fünfzigste und hundertste, ja sogar die fünfundsiebzigste Wiederkehr der Todestage und Geburtstage mit Gedenkblättern feiert, die wenigstens den einen Vorzug haben, die schnelllebige Menschheit von heute darauf aufmerksam zu machen, daß der Gefeierte überhaupt gelebt hat, so ist es wohl auch gestattet, auf ein recht eigenartiges Jubiläum unserer Zeitrechnung hinzu- weisou, welches in analoger Weise erst von unseren entferntesten Nachkommen in etwa 19 Jahrhunderten wieder gefeiert werden kann. , handelt sich zwar um keine runde Zahl der Jahre, wre vor einem bezw. zwei Jahren, als sich selbst die ernsthaftesten Leute mit einem Aufwande zahlreicher Beweisgründe darüber stritten, ob das 20. Jahrhundert mit dein 1. Januar des Jahres 1900 oder 1901 beginne. Wenn aber am 28. April dieses Jahres — nach gregorianischem Kalender gerechnet, die richtig gehenden Uhren auf 10 Uhr 40 Minuten Vormittag zeigen werden, dann liegt in diesem unauffälligen Datum doch eine recht runde Zahl versteckt. die rundeste, mit welcher in praktischen Verhältnissen, ab- gesehen von den mit Billionen und Trillionen von Meilen rechnenden Astronomen, gearbeitet wird, nämlich eine Milliarde. In dem oben angegebenen Moment sind nämlich nicht mehr und nicht weniger als Tausend Millionen Minuten seit Christi Geburt oder, da dieser Augenblick nicht mit der Genauigkeit unserer modernen standesamtlichen Register feststeht, korrekter ausgedrückt, seit dem Beginn unserer Zeitrechnung verstrichen. Eine Minute ist ein so kurzer Zeitraum und wird in unserer Empfindung — außer wenn es sich um Zahnreißen und andere schwer zu tragende Schmerzen handelt, — so gering bewertet, daß jeder, der einen größeren Zeitraum ungefähr in Minuten schätzungsweise, ohne langes Ueberlegen, bewerten sollte, wenn er nicht schon früher einmal darüber nachgedacht hat, stets viel zu große Zahlen nennen wird. Eine Milliarde Minuten sind, so wird mancher denken, freilich keine Kleinigkeit, aber auch keine Ewigkeit. Und er hat damit ja auch gewiß Recht, denn seitdem die Franzosen an das Deutsche Reich eine Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Francs zahlen mußten, ist der Respekt vor der Milliarde erheblich gesunken. Wie groß aber diese Summe in Wirklichkeit ist, kommt gerade bei der Betrachtung zum Bewußtsein, daß, in Minuten gerechnet, seit dem Beginn des Jahres 1 nach Christus jetzt erst die Milliarde vollendet ist. Mer daran zweifelt, möge an der Hand nachstehender Anleitung das Exempel selber ausrechnen, das für jeden unter Anwendung der vier Spezies in folgender Weise ziemlich leicht ausführbar ist. Um unnötige Rechnnngsoperationen nach Möglichkeit zu vermeiden, gehen wir vom julianischen Kalender aus, der ohnehin bis zum Jahre 1582 überall in christlichen Ländern gegolten hat, und bringen die für den gregorianischen Kalender notwendige Korrektur zum Schluß an. Zunächst berechnen wir die Minutenzahl eines Jahres- cyklus von vier Jahren, also von drei gemeinen Jahren und einem Schaltjahr von 366 Tagen. Da eine Stunde 60 Minuten und ein Tag deren 1440 hat, kommen wir zu dem Resultat, daß der eben ins Auge gefaßte vierjährige Zeitraum (4.365 plus 1). 1440 gleich 2103 840 Minuten enthält, und erhalten, wenn wir mit dieser Zahl eine Milliarde als Dividendus teilen, zunächst 475 vierjährige Perioden, also 1900 Jahre und einen Rest von 676 000 Minuten. Da ein Tag 1440 Minuten hat, erfahren wir durch weitere Division von 1440 in 676 000, daß dieser Minutenrest 469 Tagen entspricht, wobei noch weitere 640 Minuten gleich 10 Stunden und 40 Minuten bleiben. Von den 469 Tagen gehen aber 365 Tage auf das Jahr 1901 ab, sodaß für das Jahr 1902 noch 104 Tage 10 Stunden und 40 Minuten bleiben. Da Januar, Februar und März aber 31 plus 28 plus 31 gleich 90 Tage zählen, bleiben für den April noch 14 Tage, und die oben genannten Stunden und Minuten, und somit ist nach julianischem Kalender die erste Milliarde Minuten am darauffolgenden Tage, also am 15. April 1902, Vormittags 10 Uhr 40 Minuten, vollendet. Wir haben nun, um auf unsere Zeitrechnung nach Papst Gregors XIII. Kalender zu kommen, nur noch nötig, die 13 Tage hinzuzuschlagen, um welche jener dem alten Kalender voraus ist, und die aus der Weglassung von 10 Kalendertagen im Jahre 1582 und ferner davon herrühren, daß die Jahre 1700, 1800 und 1900 eben nach unserer Zeitrechnung keine Schaltjahre sind. Wir kommen somit auf das oben genannte Datum vom 28. April 1902, Vormittags 10 Uhr und 40 Minuten. Im Interesse jener, welche etwa beabsichtigen, diesen seltenen Augenblick, der so günstig in die Mittagsstunden fällt, mit einem solennen Frühschoppen zu feiern, ist der gewissenhafte Chronologe verpflichtet, darauf aufmerksam zu machen, daß die Sache nicht nur einen, sondern sogar zwei Haken hat. Erstens ist es ziemlich sicher, daß Christus schon mehrere Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung, nämlich nach den einen 6, nach anderen 3 Jahre früher geboren wurde, und zweitens verlegt man herkömmlicherweise dieses Datum nicht auf die Scheide zwilchen Sylvester und Neujahr, sondern wie das Datum des Weihnacht^ festes beweist, auf den Vorabend des 25. Dezember; und selbst letzteres Datum ist auch unverdientermaßen zu der Ehre gekommen, als Geburtstag des Erlösers zu gelten, und zwar deshalb, weil man im Mittelalter feinen Ge- 252 b'urtstag, der damals gleichzeitig Jahresanfang war, ans den kürzesten Tag verlegen wollte und irrtümlicherweise den 24. Dezember für den kürzesten Tag hielt. Die hinsichtlich des Geburtsdatums des Heilands obwaltenden Unsicherheiten machen es also unmöglich, die seitdem verstrichenen Minuten zu bestimmen, welche die Nummer 1000 000 000 führt. Für unsere Zeitrechnung dagegen stimmt die obige Berechnung mit mathematischer Genauigkeit. Es ist vielleicht nicht uninteressant, hier noch hinzu- znfttgen, wann die tausendmillionste Sekunde verflossen war und wann die Uhren der Zukunft zum tausend- rnillionsten Stundenschlage ausholen werden. Wenn wir eine Milliarde durch 86 400, d. i- die Sekundenzahl eines Tages dividieren, so erhalten wir 11574 Tage und bei weiterer Reduktion des Sekundenrestes auf Stunden und Minuten noch weitere 1 Stunde 46 Minuten und 40 Sekunden und kommen somit zu dem Resultat, daß dieser Moment im September des Jahres 32 nach Christus, also wahrscheinlich noch zu dessen Lebzeiten, oder bald nach seinem Tode eingetreten ist. Die tausendmillionste Stunde dagegen führt uns in die fernste Zukunft. Wenn wir wieder julianische Jahre Volt 365 Tagen und 6 Stunden, also gleich 8766 Stunden, annehmen, erhalten wir bei Ausführung der entsprechenden Division 114 077 Jahre und noch einen Rest von 1018 Stunden, so daß das Datum in den Februar des Jahres 114078 fällt. Eine genauere Bestimmung des Tages erübrigt sich hier gänzlich, weil auch die gregorianische Kalenderrechnung mit dem astronomischen Jahre nicht genau übereinstimmt und es schon in etwa 3600 Jahren not» wendig machen wird, wiederum einen Schalttag zu entfernen. Vielleicht werden die Menschen jener weit in der Zukunft liegenden Zeiten vernünftiger sein und sich nicht jahrhunderlang, wie es unsere Vorfahren gethan haben, über die dann notwendige Regulierung des Kalenders streiten, die mit wahrhafter Religiösität absolut nichts zu thun hat, und nur ein Postulat des bürgerlichen Lebens ist. Die Ungewißheit über die Art und Weise dieser Regulierung ist aber eine Sorge, welche wir ebenso getrost unseren Nachkommen in der 3500. Generation überlassen können, wie die Konstituierung eines Festkomitees zur Feier der tausendmillionsten Stunde. Denkmäler, welche Tieren errichtet wurden. (Nachdruck verboten.) , Nach ihrem Konflikt mit China vor einigen Jahren errichteten die Japaner ein Denkmal zum Andenken an die in der Schlacht getöteten Pferde. Der Herzog von Wellington ließ in Strathfieldsaye, wo sein berühmter Renner Copenhagen starb, ein Denkmal erbauen. Der Gipfel des Berges Farley, nicht weit von Win- chester, wird durch einen Obelisken gekrönt, welcher die Begräbnisstätte eines Pferdes bezeichnet. Der Name des Tieres war „Beware Chalk-Pit" (hüte dich vor der Kalkgrube.) Dieser Beinahme war ihm verliehen worden, weil es einmal auf einer Jagd mit feinem Herrn auf dem Rücken in eine 20 Fuß tiefe Kalkgrube sprang. Der Obelisk ist ein Markstein für viele Meilen im Umkreise. Die Erwähnung dieses Jagdpferdes erinnert daran, daß sich in Sandiway in Cheshire ein Denkmal für einen Jagdhund befindet. Dieser Fuchshund, namens Bluecap, und seine Heldenthaten bilden das Thema von Liedern, die noch jetzt nicht vergessen sind, obgleich 120 Jahre vergangen sind, seit der Hund starb. Der Obelisk wurde von dem verstorbenen A. H. Smith-Barry errichtet. In Edinburg befindet sich eine Statue von. Grey Friars Bobby, einem Hunde, der die Sonntage von den Wochentagen zu unterscheiden wußte. Während dreizehn Jahre schlief jener Hund jede Nacht auf dem Grabe seines Herrn auf Grey Friars' Kirchhof. Er wurde täglich, außer Sonntags, von dem Besitzer eines benachbarten Restaurants mit,Mittagessen versorgt. Das Wunderbare an der Geschichte ist, daß Bobby jede Woche von seinem Freitags- und Samstagmittagessen einen Teil für sein Sonntagsmahl aufbewahrte. Die Baronin Burdett-Coutts errichtete 1872 den marmornen Springbrunnen, über welchem sich die Statue erhebt. Es i glebt noch wertere Denkmäler berühmter Hunde. Eines der interessantesten befindet sich auf dem Terrain der Newstead-Abtei und i st Lod Byron's Hund, Boatswatn gewidmet. Es trägt folgende Inschrift: „In der Nähe dieser Stelle liegt die Hülle eines Wesens begraben, das Schönheit besaß ohne Eitelkeit, Stärke ohne Anmaßung, Mut ohne Wildheit und alle Tugenden des Menschen ohne ferne Laster." Dieses Lob, welches gewiß schmeichelhaft wäre, wenn es ernem Menschen gegolten hätte, ist eine gerechte Anerkennung Boatswain's, welche sein Andenken aufrecht erhält. E O GemernrrÄtzrges. Was grebts an jedem Tag der Woche im Obst- und Ziergarten zu thun? Im Frühjahr drängen sich die Arbeiten. Es ist daher erklärlich, daß alle Gartenfreunde gern in irgend einer Weise auf . jede Arbeit aufmerksam gemacht werden möchten, damit sie bei der Aussaat, Pflanzung, beim Schnitt und beim Veredeln usw. nichts versäumen. — Wir finden soeben in Nr. 3 des „Erfurter Führers im Gartenbau" einen solchen Arbeitskalender für jeden Tag in der Woche. Da diese Nummer unseren Abonnenten kostenfrei zugeschickt wird, wenn sie sich mittels Postkarte an das Geschäftsamt des „Erfurter Führers" wenden, so gtauüen wir, daß alle Gartenbesitzer unter unseren Lesern davon Gebrauch machen werden. Bergsteigekur en für Nervenkranke werden neuerdings von Dr. Keller empfohlen als atu besten geeignet, die Aufmerksamkeit völlig in Anspruch zu nehmen. Der Weg muß so gewählt werden, daß er den Wandere« stets beschäftigt, z. B. durch Achtelt auf den Weg, schöne Aussichten, gefährlich erscheinende Gänge; ferner soll das Ergebnis der Touren für die geistige Ausbildung in den verschiedenen Wissenschaften verwertet werden. Die günstige Wirkung des Bergsteigens ist besonders daritt zu suchen, daß sich das Lustgefühl steigert und das Ermüdungsgefühl zurückgedrängt wird. Schnürleber. Bei Frauen, die sich andauernd stark schnüren, tritt eine sogenannte Schnürleber ein. Eine solche Leber iveift eine starke Einschnürung des rechten, vorderen Leberlappens auf. Es zieht sich quer über denselben eine tiefe, wagrechte Furche. Man braucht wohl kein großer Anatom oder Arzt zu fein, um sich sagen zu können, daß eine derartig verschnürte Leber nicht naturgemäß funktionieren kann. Derartige Frauen leiden ständig an ' Ver- dauungsbefchwerden, haben ein Druck- und Schmerzgefühl in der Lebergegend, leiden an Kopfschmerzen, Uebelkeit, Schwindel, unregelmäßigem Stuhl usw. Ihr Aussehen ist ein schlechtes. Es ist solchen Frauen dringend zu raten, das Korsett fortzulassen, es durch ein bequemes Leibchen zu ersetzen, auch wenn es auf Rechnung der schönen Figur geht, sich viel Bewegung zu machen, Sport zu treiben und Wasseranwendungen vorzunehmen. Die Patientin foll zunächst eine gute allgemeine Hautpflege treiben, sich leicht kleiden, viel in frischer Luft bewegen, kühle Abwaschungen machen, barfuß gehen, leichte Kost genießen, viel baden, bei offenem Fenster schlafen — im Winter geheizt —>• früh auf steh en nno früh zu Bette gehen, Gartenarbeit verrichten und des Nachts 18—20 gradige 6—8 fache nasse Leibbinde umlegen und mit Wolle gut bedecken. Des Morgens ist eine kühle Abwaschung zu machen. (Prakt. Wegweiser, Würzburg.) Logogriph. (Nachdruck verboten.) Aus Wollenhöhen kommt's hernieder, Der Erde ein willkomm'ner Gruß. In Bayern trifft man's doppelt wieder: Als kleine Stadt und muntern Fluß. Und fügt man nur ein Zeichen dran, 9 ft’S ein im Staate mächt'ger Mann. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Feuerlärm. Nedaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniverfltätS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.