Freitag den 28. Februar. S f 1902. —> Nr. 32 |||MÄ2; MM EM« M HM II W mmnt dir ein Schmerz, so holte still, Und frage, waS er von dir will; Die ew'ge Liebe schickt dir keinen Bloß darum, daß du mögest weinen. Geibel. Nachdruck verboten. Ein verhängnisvoller Ring. Novelle von E. H a i n b e r g. In den glänzend erleuchteten Räumen des Fabrikbesitzers Holthaus bewegte sich eine heitere, auserlesene Gesellschaft. Sowohl die Uniform des Offiziers, tote der Frack der Geldmänner war hier vertreten, und ein reicher Damenflor belebte das Ganze in anmutiger Weise. Man feierte heute das Geburtsfest der einzigen Tochter des Dauses, der ebenso liebenswürdigen wie schönen Hella, eine kosende Abkürzung ihres Taufnamens Helene. Ter zärtliche Vater hatte für die geliebte Tochter, die ihm als Vermächtnis seiner früh verstorbenen Gattin doppelt teuer war, alles aufgeboten, diesen Tag zu einem wirklichen Freudentag seines Lieblings zu gestalten. Tas kleine, geschmackvoll eingerichtete Damenzimmer, in welchem der Geburtstagstisch mit seinen reichen Ge- schenken hergerichtet war, schien in einen Blumenhain verwandelt. Tie Fülle der Blumen und Blattpflanzen, die hier in kunstvoller Anordnung aufgestellt waren, ließen in ihrere duftenden und blühenden Pracht den kalten Wintertag draußen vergessen. Und inmitten dieser blühenden Welt, der schönsten Blume vergleichbar, die junge achtzehnjährige Menschenknospe. Am Morgen war Hella bei diesem entzückenden Anblick in währen Jubel ausgebrochen. „Wie schön, wie schön!" rief sie ein- um das anderemal. „Wie danke ich Tir, Du lieber, lieber Papa! Und diese reichen Geschenke, das soll alles für mich fein? Aber das ist ja zu viel, viel zu viel!" „O, der Ring, der herrliche Ring!" rief sie. aberinals aufjubelnd, „nein, so schön!" Sie warf.sich dem bereits weißhaarigen Vater an die Brust. „Liebes Herzensväterchen, das ist das schönste, und wie will ich ihn wert halten! Tausend Dank!" Sie betrachtete den mit einem prachtvollen Rubin geschmückten Ring von allen Seiten und las schließlich die in seinem Innern befindlichen Initialen M. N. 1601. „So alt ist der Ring schon?" fragte sie erstaunt; „wie bist Du zu dem Schmuckstück gekommen, Papa?" „Ein Erbstück Deiner Mutter, Hella, doch wollte ich Tir den Ring nicht früher übergeben. Du solltest erst imstande sein, seinen Wert zu würdigen", gab er zurück. „Der Name seines ersten Besitzers ist urir zwar nrcht bekannt, doch so viel ist gewiß, daß er sich von Kind zu Kindeskmdj weiter vererbt hat." „Er soll mir um so wertvoller sein, ich werde ihn nurs bei besonders festlichen Gelegenheiten tragen, aber sieh, Papa, der Ring ist mir zu weit, er war wohl ursprünglich, für eine Männerhand bestimmt." „Das könnte sein, jedenfalls aber muß diese Hand auffallend schlank und fein gewesen sein. Ich werde den Ring dem Juwelier übergeben, damit dieser eine kleine Platte einlegt, sonst könntest Du ihn einmal verlieren." „Ja, das wird besser sein, Väterchen", pflichtete Hella bei, und stellte das kleine Etni wieder unter die übrigen Gegenstände. Ter Abend war herangekominen, nnd mit ihm die eigentliche Feier des Festes zu Ehren des Geburtstagskindes. Tagsüber waren noch zahlreiche Blnmenspenden eingetroffen, und Hella hatte nun den freundlichen Spendern ihren Dank abzustatten. Eben jetzt nahte sich ihr ein junger Offizier. Tie strahlenden Augen des jungen Mädchens nahmen einen weichen, warmen Ton an, und aus ihren Worten klang aeheimer Jubel, als sie ihm mit unnachahmlicher Grazie" die .Hand entgegenstreckte und mit leiser Stimme sagte: „Wie danke ich Ihnen für Ihre warmen Worte und für die — Rosen." Tiefe Glut überzog dann heiß ihr Gesicht, als des jungen Mannes Blick mit einem freudigen Aufleuchten auf den dunkelroten Blüten haftete, die Halsausschnitt und Gürtel der jungen Dame schmückten. „Sie sehen", sagte sie mit einem Anflug von Schelmeret, „ich habe alsbald Verwendung dafür gehabt." Tie jugendlich schlanke Gestalt des Offiziers beugt sich nieder und drückt einen Kuß auf die Hand des reizenden Mädchens. _ ; * , ■ , „Tank, gnädiges Fräulein, tausendmal Dank!" flüstert er dabei. , „ „ , _ Andere Gaste kamen und ließen rhn zurucktreten. Der strahlende Glanz blieb in dem jungen Gesicht haften,, und jeder der neu Herzutretenden glaubte, Hella noch me so schön und lebensfroh gesehen zu haben. Aber es ivar auch eine entzückende Erscheinung, die von weißem Tüllgewoge umflossene Gestalt, mit dem Leuchten des Glücks tn denk reizenden Gesicht, und es war wohl kein Auge unter den Gästen, das nicht immer aufs neue von der Anmut in Hellas Wesen gefesselt wurde. „Mein lieber Herr Holthaus", sagte Frau Oberst Falkenhorst zu Hellas Vater, „lassen Sie mich Ihnen Glück wünschen zu Ihrer holden Tochter, die so sichtbar alle begeistert. „Leider", fügte sie ein wenig schalkhaft hinzu, „tst solche Gunst immer ein Danaergeschenk, denn wie bald wird inan kommen und Ihnen Ihr Kind wegholen. Doch das ist j« das Los aller Eltern", sagte sie mit einem klernen Seufzer, „auch ich habe mich dem fügen müssen. Und. ergentlrch beklagen wir Eltern uns ja auch nicht, denn wtr alle wollen 126 doch das Glück unserer Kinder, beziehungsweise der Töchter, und das wird eben nur durch eine glückliche Ehe gegründet." „Sie haben recht", erwiderte Holthaus, „es ist Elternlos, sich nur eine Zeitlang an dem ungeteilten Besitz ihrer Kinder zu erfreuen, und dann, wenn sie als vollendete Menschen, aus Kindern unsere Freunde werden, sie an andere, uns bis dahin fremde Menschen abtreten zu müssen." Hella stand mit Herrn von Loßberg an ihrem Geburtstagstisch, um ihn mit den reichen Geschenken, womit väterliche Liebe und die Aufmerksamkeit der Freunde sie überrascht hatten, bekannt zu machen. „Wer hier ist das beste und schönste", sagte Hella, sein Lob über die Pracht und Schönheit der einzelnen Gegenstände unterbrechend, „sehen Sie hier!" — sie hielt ihm den Ring mit dem Rubinstein entgegen, — „ist der nicht schön?" Ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr Loßberg, dann, nachdem er den Ring aufs genaueste betrachtet hatte, wollte er eben eine Frage stellen, als er durch einen neu herzutretenden Gast daran verhindert wurde. — „Mein gnädigstes Fräulein, darf ich Ihnen meine ergebensten Glückwünsche zu Füßen legen?" schnarrte eine ihnen beiden bekannte Stimme, und zwei Hacken klappten aneinander. „Ah, Herr von Holsten", sagte Hella, nicht gerade angenehm berührt. „Ich danke Ihnen! — Wer eigentlich sollte ich Ihnen zürnen über Ihr spätes Kommen." „Dienst, mein gnädiges Fräulein, Dienst! Hatte allerlei noch zu erledigen, und bitte deshalb um Nachsicht!" „Soll Ihnen für diesmal werden, Herr von Holsten, aber nun seien Sie auch nett und suchen Sie sich rasch eine Winzerin, hören Sie, die Musik beginnt schon, und, wie mir scheinen will, sind einige meiner Freundinnen noch unversorgt." Abermals eine tiefe Verbeugung. „Wer, halten zu Gnaden, gnädiges Fräulein haben mir Absolution erteilt, und so darf ich auch wohl um die Ehre eines Tanzes! bitten." Tie junge Dame zeigte ein komisch-verlegenes Gesicht. „Ja, Herr von Holsten, dazu sind Sie nun doch zu spät gekommen." Sie hielt ihm ihre Tanzkarte hin. „Seyen Sie, sie ist bereits vollständig gefüllt", und dann, über seine komische Verzweiflung kundgebende Miene laut auflachend, fügte sie hinzu: „Nun, dem reuigen Sünder soll eine Extratour gestattet sein." „Sagen Sie zwei oder drei, gnädiges Fräulein." Hella lachte. „Ja, Herr von Holsten, da müssen Sie sich schon mit meinen Tänzern abfinden." „Ich werde mein Möglichstes versuchen, gnädiges Fräulein." Mit lächelnder Miene und einer leisen Neigung des schönen Hauptes verließ Hella am Arme Loßbergs das Zimmer. Aus dem Musikzimmer schallten die Töne der Polonaise, die Paare ordneten sich bereits. Hella und Loßberg waren das erste Paar. Hella sah sich um. Holsten hatte Wort gehalten, ziemlich am Ende des Zuges schritt er mit einer noch sehr jugendlichen und schüchternen Blondine. „Hella, Du glückliches Geburtstagskind, laß mich doch auch einmal Deine Angebinde sehen, den Ring bewundern, den Dein gütiger Vater Dir heute als altes Erbstück seiner Familie übergeben hat, er soll nicht allein kostbar, sondern auch von ganz? besonderer Schönheit sein", sagte Wthe Horst, Hellas Freundin, und hing sich an deren Arm. „Ja, er ist schön, aber hast Du ihn noch nicht gesehen?" „Nein", erwiderte Käthe, „Du weißt, ich kam etwas spät, und da forderten die Herren bereits zum Tanz auf." „Nun, so komm, Käthe, und sieh Dich einmal in meinem Feenreich um. Du mußt nämlich wissen, daß es mir vor- kommt, als sei das alles nur von gütigen Feenhänden hingezaubert, und der nächste Augenblick könne mir alles wieder entführen. Doch sieh selbst." Sie schob die Freundin vor sich, her in das kleine, lauschige Zimmer, das nur durch eine schwere Plüschportiere von den übrigen Räumen getrennt war. Ein „Ah" der Ueberraschung und der Bewunderung entschlüpfte nun der Tame beim Eintritt in das kleine Wunderreich. „Du hast recht, Hella"/ fuhr sie begeistert fort, „das ist zu schön, um Wirklichkeit zu sein!" „Nicht wahr?" sagte Hella, „ach, und ich bin auch so dankbar, so glücklich, aber nun sieh' hierher!" Sie hatte das kleine Etui ergriffen, und schlug den Teckel zurück, aber Himmel, was war denn das.? Das weiße Atlaspolster war leer, und sie wußte doch so genau, daß sie den Ring da hinein gelegt hatte. Ihre Augen irrten suchend umher. „Ich vermisse den Ring", sagte sie erklärend zu Käthe, die mit Befremden ihr Thun beobachtet. „Er ist fort", sagte sie endlich mit tonloser Stimme, nachdem sie zwischen den aufgelegten Geschenken vergebens nach dem Verlorenen gesucht hatte. „Aber das ist ja rncht möglich", sagte Wthe, „der Ring kann doch nicht verschwunden sein, er wird in irgend einem Gegenstand verborgen sein, komm, ich helfe Dir suchen." Jeden einzelnen Gegenstand hoben sie nun empor, schüttelten daran, als könne in dessen innerster, verborgener! Falte der Vermißte stecken; doch jedesnral legten sie enttäuscht den Gegenstand zur Seite, sodaß zuletzt nur das weiße Tafeltuch den Tisch bedeckte. Hella hatte zuerst mit Ruhe, dann mit sich steigernder Hast gesucht, bis sie einsah, daß alles Suchen vergeblich sei. Sich zu äußerer Ruhe zwingend, sagte sie zu Wthe: „Es ist vergebens, laß uns nun zur Gesellschaft zurückkehren. Morgen, beim hellen Tageslicht, wird er sich wohl wieder finden, vielleicht liegt er auf dem Boden, oder in irgend einer Falte der Möbel verborgen." „Das denke ich auch, Hella. Anders kann es ja gar nicht möglich sein." „Selbstverständlich nicht", gab Hella zur Antwort. „Aber noch eins, Wthe, Du wirst zu niemand von dem! Verlust sprechen, idj. bitte Dich darum. Es soll keine nutzlose! Aufregung entstehen, oder wohl gar einer meiner Gäste! sich beleidigt fühlen." „Tu hast recht, Hella. Es wird am besten sein, zu schweigen, morgen wird der Ausreißer wohl wieder zum! Vorschein kommen." Mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen gingen die beiden Mädchen wieder in die Gesellschaftsräume zurück/ und mischten sich unter die heiteren, nichtsahnenden Gäste. Doch Hella blieb für den Rest des Festes schweigsam und in sich gekehrt. Loßberg blickte sie oft forschend und besorgt an. Von Hellas lieblichem Gesicht war völlig jene strahlende Heiterkeit geschwunden, die ihn am Anfang des Festes so beseligt hatte; er fragte sich vergebens, was wohl diese Verstimmung! veranlaßt haben könnte? Kein sichtbarer Grund war vorhanden, und dennoch bestand sie und wirkte erkältend auch auf sein Gemüt, wenigstens nahm sie ihm den Mut zu einem offenen, erklärenden Wort, zu dem er heute so sicher die Gelegenheit zu finden geglaubt hatte. „Lieber Papa, ich muß Dich noch mit etwas sehr Unangenehmem bekannt machen", wandte sich Hella an ihren! Vater, nachdem die letzten Gäste fidE) verabschiedet hatten. „Etwas Unangenehmem, Hella, heute an Deinem Geburtstag, von dem ich erwartete, oder vielmehr fürchtete, daß er mit einer Freudenbotschaft Deinerseits enden würde?" Hellas Antlitz, färbte sich für Minuten mit hoher Glut. Ach ja, der Tag hatte so schön, so glückverheißend begonnen, und nun mußte er mit einem solchen Mrßton enden. Nun dachte sie auch daran, daß sie nicht genügend! Herrin ihrer Stimmung gewesen sein mochte, um ihre Niedergedrücktheit ihren Gästen verborgen zu haben. Ja, sie hatte es deutlich an Loßbergs Verabschiedung gemerkt, daß auch er davon betroffen war. Und das war unrecht von ihr, das hätte sie nicht thun dürfen. „Hella", mahnte der Vater, „worin besteht das Unangenehme?" Hella raffte sich gewaltsam aus diesem bedruckenden Gefühl hervor, das nun auch die letztere Erkenntnis noch vermehrt hatte. „Denke Dir, Papa, mein Ring ist verschwunden." „Wie wäre das denn möglich", entgegnete jener, „Du wirst ihn jedenfalls verlegt haben." „Nein, ich weiß gewiß, daß iä) ihn in das Etui zurück- legte, als ich ihn — Leutnant von Loßberg zeigte." Eine Pause entstand. c „Und dann, Hella, wer war nach dem noch in dem Zimmer?" „Wie kann ich das wissen, Papa, das Zimmer war ja jedem zugänglich. Mit Loßberg und mir verließ Holsten „Du hast auch genau nachgeforscht, als Du das leere Etui entdecktest?"- , , . „Sofort, Ich wollte Käthe Horst den Ring zeigen; wir — 127 suchten dann beide gemeinschaftlich, doch wie gesagt, ver- 0 , Aber, Du sagtest niemand davon?" Nein, ich verbot es auch Mthe, darüber zu sprechen." "Du hast ganz recht daran gethan. Es wäre erne Kränkung für alle Anwesenden gewesen, und der Ring Ware wahrscheinlich auch trotzdem nicht wieder zum Vorschein gekommen, d^te .$ auc^ Und das alles an meinem ß5e6U$nne§ Kind!" sagte Holthaus, „so um Deine Freude betrogen zu werden. Doch beruhige Dich, und lege Dich schlafen, wir werden morgen noch einmal eine gründliche Suche anstellen. Ist jemand von den Dienstleuten tn dem Zimmer gewesen?" c . „ „ „, „Nein, während des Festes war das ja kaum möglich, sie hätten sich durch die Gäste drängen müssen, und das wäre doch aufgefallen, und nachher habe ich das Zimmer verschlossen und den Schlüssel dann zu mir gesteckt." „Kind, das war klug. So wissen wir wenigstens mit Gewißheit, daß niemand von der Dienerschaft das Zimmer betreten hat; wir brauchen also nach dieser Seite hin kernen Verdacht zu haben." „Aber nach der andern, Papa? Mrr graut davor;" „Nicht eher wollen wir einen Verdacht auf jemanden werfen, bis wir noch einmal alles gründliche untersucht haben. Und Lis dahin fei guten Mutes, Hella, vielleicht entdecken wir dann, was Mr in der Aufregung des Aiugen- blicks entgangen ist." „Hoffen wir es, Papa." , Er Nißte ihr die Stirn. „Schlafe wohl, mein Kind! Und fort, mit allen trübseligen Gedanken, der neue Tag wird uns Licht bringen."-- (Fortsetzung folgt.) Der Igel. Von Josefa Vogt. (Nachdruck verboten.) Huhhhh.... eben hatte ich das gräßliche Tier mit eigenen Augen gesehen. Quer durch die Mche war es gelaufen und hinter dem Kohlenkasten verschwunden. Also hatte Anna doch Recht behalten: unsere so sauber gehaltene Küche war die Brutstätte für allerhand entsetzliches Ungeziefer geworden. Das konnte so nicht weiter gehen, die Bestien gehen ja schließlich die Menschen an, und wäre mir das geschehen, ich wäre vor Schreck alsbald eine Leiche gewesen. Ich eilte zu meinem Mann. „Du", hieß ich dem, „nimm sofort Deinen Revolver und komm mit nach der Mche." „Was ist denn da los?" fragte er in aller Seelewruhe. „Der Kneitzl kann doch nicht draußen sein, und der Schinderhannes ist auch nicht mehr." „Viel Schlimmeres ist's", behauptete ich, „eine Maus sitzt hinter dem Kohlenkasten, und die mußt Du sofort tot schießen." „Ich werde mich hüten", lachte mein Mann, „ich verspüre gar keine Lust, Löcher in den Kohlenkasten zu schießen." „So willst Du uns also in dieser Ungezieferplage umkommen lassen", jammerte ich^ „Ach, mach' doch wegen einer Maus nicht so 'n Geschrei", wehrte mein Mann ab und zündete sich seelenruhig eine Cigarre an, „kauf' ne Mausefalle oder schaff' ne Katze an oder einen Igel. Mich laß aber mit solchen Dummheiten in Ruhe, mich wird die Maus nicht auffressen". Wie immer, so auch diesmal: sobald ich von meinem Manns einen guten Rat erwartete, stieß ich auf kühle W- weisung. Das heißt eigentlich, hatte er ja soeben Ratschläge erteilt: Falle, Katze, Igel. Auf diesem Gebiet !var ich allerdings noch durchaus unerfahren; denn noch in keiner unserer früheren Wohnungen hatten Mäuse die Mche als Tempelhofer Feld betrachtet, Parademarsch drauf auszu- sühren. Vielleicht wußte Anna besser Bescheid, die war doch schon bei sehr viel Herrschaften gewesen. „Hör' mal Anna", meinte ich zu chr, „wir haben eine Maus in der Mche." „Das können Sie gär nicht wissen, Madaine, es können auch hundert Mäuse sein", erwiderte Anna ungehalten. ,tzaben Sie die, Tiere etwa gezählt?" fragte ich. „Brauch' ich nicht", meinte Anna, „die erste steht aus wie die fünfzigste, und, hie wie die hundertste." Gegen diese Beweisführung war allerdings wenig einzuwenden. Also hundert von diesen gräßlichen Tieren in der Küche! „Die müssen fort", erklärte Anna mit Bestimmtheit, „erst gestern haben sie an der Wurst herumgeknabbert, und als abends mein blauer Adolf vom König-Eduard-Regiment kam, sagte er, solche Wurst könne er in der Belle-Allianoe- Straße auch haben, dazu brauche er nicht erst bis nach dem vornehmen Westen rauszulaufen." Also der „Bräutigam" hatte sich auch schon über die Mäuseplage beklagt. Was man sich im Hause selbst und in der Nachbarschaft erzählte, konnte ich mir schon denken: wahrscheinlich, wir hielten eine Mäusezucht und deshalb kauften wir bei den Schlächtern so wenig, weil wir immer billiges Fleisch im Hause hätten. Wenn ich mir jetzt Anna auch noch zur Feindin machte, indem ich gegen die Lebensmittelversorgung ihres Wolf Einspruch erhob, dann wurde man uns sicher baÜ> nachsagen, Gulasch aus Hottehüh sei unser Leib- und Magengericht. Somit mußte ich klein Bet« geben. „Gut", meinte ich, „ich stimme in dem Punkte mit Ihnen überein, daß die Mche wieder küchenrein werden muß. Mein Mann sagte mir: entweder eine Mausefalle . .." „Haha", lachte Anna, „glauben Madame denn wirklich, daß Berliner Mäuse noch in eine Falle gehen? Da können Sie für ’ne Mark gerösten Speck reinhängen, daß es duftet wie in den Küchensälen von Aschinger, — aber ’n« Berliner Maus macht da ’nen großen Bogen rum." „Nun, dann ’ne Katze", ich schlug das Mittel Nummer zwei vor. „ ± „Auf keinen Fall", Anna erhob ungewöhnlich lauten Protest. „So 'n Beest kommt nicht in die Wirtschaft. Tie frißt schließlich noch den Kanarienvogel auf, und dessen schmelzender Sang hilft mir noch immer weg über das langweilige Los eines Mädchens für alles." „Bleibt nur noch ein Igel", entschied ich; denn ich war der dummen Reden dieses Mädchens müde. „Morgen wird einer hier sein. Stellen Sie eine kleine Kiste in die Ecke und legen Sie einen alten Läufer hinein. Das wird seine Wohnung. . ." „ ,, ,, Als ich eben die Thür schließen wollte, horte ich noch wie Anna murmelte: „Mäuse, Mnarienvogel, Igel, — ich habe mich doch nicht in den Zoologischen Garten vermietet." Ich zog mich in das Arbeitszimmer meines Mannes zurück. „Igel", — hm, in der Naturkunde war ich schon in der Schule kein „Licht" gewesen. Daß so 'n Vieh Stacheln hatte, wußte ich wohl, aber sonst . . . Nun, wozu hatte sich denn mein Mann den Meyer gekauft. - Iffezheim, Jffland, Jsagurin, - das Herumsuchen in diesen dicken Bänden ist eine wahre Qual. . ., Jchthys und da, endlich, Igel. Säugetiergattung, Insektenfresser, Schnauzenteil nebst Rüssel, auf dem Rücken kurze Stacheln. Am Tage schläft er, in der Dämmerung geht er auf die Jagd, er erbeutet Regenwürmer, Kreuzottern, Mäuse aller ^ten, — na also, Mäuse aller Art, so was wollte ich ja haben. Das nützliche Tier sollte überall geschont werden. Jeder Zoologische Garten giebt Igel ab. Welch' herrliches Buch, dieser Meyer! Ich fuhr nach dem Zoologischen. Dort zahlte ich 3 Mark, und.es wurde mir zugesichert, daß man mir noch, gegen Abend ein Prachtexemplar zuschicken würde. Das könne in einer Schummerstunde mehr Mäuse vertilgen als das ganze Haus beherberge. Am Wend hatte ich unfern stachlichen Hausfreund fast vergessen. Ms es klingelte, öffnete Anna. Etn Paket wurde abgegeben, in Zeitungspapier gewickelt. Anna nahm den Packen ahnungslos an, aber kaum war sie einige Schritte im Flur entlang gegangen, als sie auch, schon etn heftiges Klagegeschrei anstimmte. Erstaunt ging ich hinaus. „Madame", schrie das Mädchen, „da drin lebt es, es hat mich gepikt, ich kriege die Hand nicht mehr los." , Da besann ich mich. Aha, — da war das, pgelcin drin. „Es ist schön, mein liebes Tierchen", meinte ich, du dich eingesunden hast, wenn du die Mäuse wirst vertilgt haben, dann wirst du bei uns zum Oberküchen;äger ernannt. . . Au", ich hatte eben das Papier angefaßt, da sträubten sich unter ihm spitze Stacheln hoch. Eine oer- selben war mir in den Zeigefinger geraten. „Jetzt sticht er mich auch wieder', kreischte Anna, und lieh den Papierballen in den Flur gleiten. Der ^g zu st regungslos still, dann aber wurde an der einen Seite dc^ Papier durchbrochen; ein langer Kopf mit einer cty 128 Delphischer Spruch. (Nachdruck verboten.) Lieblich umspinnt es den Sinn, es führt in die Hallen der Vorzeit. Aber mit anderem Fuß setzt es die Köchin dir vor. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Akademie der Künste. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn UniversttätS-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen. „Ich bin sehr für geliehene Bücher. Besitzt man das Buch als Eigentum, so glaubt man: em andermal ! Man sieht es im Schranke und denkt: wenn ich gelegene Zert haben ^erde'" (Hippel, „Lebenslaufe" 1.) längeren, beinahe rüsselartig aussehenden Schnauze kam daraus zum Vorschein, und plötzlich rollte ein klumpiger Ballen in die Küche hinein. ,Da geh' ich nich mehr rrn", erklärte Anna bestrmmt; „so 'n Vieh, das mich immer pikt, kann ich nicht verknusen." „Wer Anna", beruhigte ich sie, „Sie haben sich doch selbst einen Igel gewünscht, damit die Mäuseplage schleunigst aushört. Lassen Sie doch das Tier einige Tage hier. Wentt es all' die Mäuse gefressen hat, dann kann man 's ja dem Zoologischen Garten wieder zurückgeben. Das ist doch ein Vorschlag zur Güte." „Wenn ich den annehme, muß aber dre Nacht die Küchenthür zu bleiben", entgegnete Anna. „Wenn Sie meinen", lenkte ich ein, „dann sperren ©te — — Am nächsten Morgen wehklagte Anna wieder: wie das Jgelbeest die Nacht über in der Küche gehaust habe. Entsetzlich, ganz entsetzlich. Dazu sei sie nicht da, um das alles sauber zu machen. Und die Maus sei auch noch da. Das Jgelvieh sei nirgends zu finden, auch in seiner Kiste sei es nicht aufzutreiben. „Vielleicht", schloß Anna ihren Bericht, „ist das Biest ausgerückt, das wäre jedenfalls das Beste, was es thun konnte." „Wenn dieser Igel keine Mäuse frißt", gab ich zu, „hätte ich auch nichts dagegen. Wer wo kann er denn blos hingekommen sein, durch die Küchenthür kann er doch nicht kriechen." „Die Küchenthür, — du lieber Himmel", wehklagte Anna, „ich habe ja gestern abend vergessen, die zuzumachen." „Das ist 'ne schöne Bescherung", tadelte ich, „aus Ihrer Vergeßlichkeit können die größten Unannehmlichkeiten entstehen. Wir müssen jetzt nach dem Igel auf die Suche gehen." Die Wohnung wurde von unten nach oben gekehrt, —. es ward keinerlei Igel gefunden. Ich ging meinen Mann um Rat an. „So", meinte der, „das Jgelein ist verschwunden? 's wird in irgend einen Schrank gekrochen sein. Oder viel-, leicht hat 's schon seinen Winterschlaf angetreten. Setz' ihm doch einen Napf mit Milch neben seine Kiste, etwas Brot und Aepfel, — wenn er noch in der Wohnung haust, wird alles ab" i er Witterung davon kriegen, aus seinem Lager rauskriechen Früh gegen sieben Uhr. Die Kinder mußten aufstehen, und sich daran gütlich thun." sie muüten um acht in der Schule sein. Sollte ich's denn Milch, — Brot, — Aepfel, — alles blieb unberührt, aulb chon ? Es war so nebeliges Wetter, noch finster Eine Woche lang, zwei Wochen lang. Ich überlegte: sollte Ts--?' ' ! das Tier wirklich aus der Wohnung verschwunden fern, ' Hnhhh. . ., schallte da ein gellender Ruf aus der oder sollte es sich irgendwo versteckt balten? Kücke Ich beeilte mich. Huhhhh. . ., kreischte es hinter- 1 Anna hatte dre Krste frohlockend als „Kleinholz' rn her/ Ich hörte es: Huh Nummer eins war das meiner alten den Ofen gesteckt. „Een Glücks hatte sre daber gesagt, Aufwärterin, das Nummer zwei stammte von Anna her. I „daß das Meh verduftet rst. Dre Maus rst noch immer Als ich mich notdürftig angekleidet hatte, eilte ich hinaus, hrer, aber dre futtere ich letzt selbst, sre rst schon ganz zahm Die Aufwärterin stand kreidebleich an das Küchen- geworden, 's sind lrebe Geschöpfe, drese Mause. Und s fenster aelehnt. Kaum hatte sie mich erblickt, als sie mir ist wirklich nur eine da. Und wenn die nur ganz allern rurref- 1 ist und ohne Anhang, dann kann sie doch nicht. . . Fch kündige: zu Ihnen komme ich nicht mehr". I „Kaum, Anna", unterbrach ich sie, „selbst Mäuse ver- "Fa we-malb denn?" fragte ich stauneüd. I mehren sich unter diesen Umständen nicht!" Die alte ehrwürdige Dame zeigte auf den Fußboden. I Drei Wochen später: große Wäsche. Waschfrau, Auf-, Da stand die Kiste, in der alles durcheinander gequirlt | Wärterin, Anna und ich als Führerin des Waschzuges. Dre war Diese Kiste war in normalen Zeiten der Aufenthalt I schmutzige Wäsche war aus drei hohen Körben in eine Ecke für sämtliche Schuh-- und Stiefelbürsten, für Wichsschachteln, der Waschküche geschüttet worden. kurz und gut für alles, was dazu dient, das Schuhwerk j „Weiß nrch", meinte die Waschfrau, „'s krabbelt was sauber und in gutem Zustand zu erhalten. Natürlich lag I in der Wäsche." in der Kiste der Igel, und die Aufwärterin hatte ihn wahr- I „Ja", nickte die Auswärterrn, „'s hat was drm ge- scheinlich streicheln wollen. | krabbelt." Da rst sie wieder", kreischte Anna auf, und ich sah „Unsinn", erklärte Anna, „trinken wrr doch unsren aanz/deutlich, wie die Maus wieder über den Boden huschte I Kaffee, dann werde tdj 's euch beweisen, daß alles rn Ord- und hinter dem Kohlenkasten verschwand. Sie war also I nung ist." Sie nahm ihre Tasse rn dre rechte, das Brötchen vom Jaeltter noch nicht verspeist worden. I in die linke Hand und meinte: „In der Wasche sitztes „Eine ganze Stunde schon habe ich die Küche scheuern I sich weicher wie auf dem Küchenstuhl", damit ließ sie sich müssen von wegen dem Swinegel", jammerte Anna. I anmutig auf den Haufen Wäsche nieder sinken. „Ich wollte das Biest schon totschlagen", meinte die I Im nächsten Augenblick flog die Tasse links, das Brot- Aufwärterin, „aber da hat 's seine Stacheln hochgedreht, chen rechts, ein erschütterndes Schmerzensgeheul ertönte, und da habe ich mir nur die Finger zerstochen". I das arme Mädchen machte verzweifelte, zappelnde Beweg- „Mit dem Feuerhaken bin ich ihm schon zu Leibe ge- ungen, sodaß es mir tote ein Blitz durch das Gehirn schoß; gangen", erklärte Anna, „aber da pfaucht und schnauft I Der Igel! — Sie hat ihn besessen. es, daß man 's mit der Angst kriegt. Des Tages über läßt I ----------- es sich nicht sehen, aber sobald es zu dustern beginnt, dann I LesefrNchte. ist man vor dem Vieh seines Lebens nicht sicher. Ueberall ~ Buch, darum taucht es auf, wo matt es am allerwenigsten vermutet. I r mit Kmicbmürtern ab als mit Wenn ich mal über die borstige Karrnallje zu Falle komme, grebt das Volk sich lieber mit Sprichwörtern ab aw mir kann ich mir ja etwelche Rippen brechen." Buchern/' 2 1 - - „NuU, es ist gut", entschied ich, „ich gebe zu, daß das! | .. P so brauchen Tier viel Unangenehmes an sich hat, aber so lange muß es V ^ivre nfir nämlich sie rutragen, doch hier bleiben, bis es seine Pflicht und Schuldigkeit ste ettoajo toie tlre ^^nctflen, gethan und die Maus gefressen hat." | damit WfäW 1 - her Sonne gestellt ist" „Der Igel scheint sich um keinerlei Maus zu kümmern", gemeiniglich still steht oder nicht nach der ^nne gebeut m. erzählte Anna, „eine ist ihm schon wiederholt vor der Nase „ Anthropotogte herum gelaufen, aber der hat sich gar nicht gerührt. I j -. -, <■.. olanbt matt vor den auf- Das Tier blieb also noch. I , . ;