Montag den 27. Mtober. 1902. — Nr. 160. W A." ■|t(-A 'r/'-U M! (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel. . i . ; , t _ (Fortsetzung.) r ' 1 1 1 50. Kapitel. Schon feit langem gewohnt, sich, aus' dem Gesichtsaus- drUck seiner Geliebten Rechenschaft von allen Gedanken zu geben, die ihr Hirn durchkreuzten, sagte Paul Querzewski: „Ich wette darauf, jetzt packt Dich 'Wieder Deine alte Angst und Furchtsamkeit. Na, vertrau Dich- mir nur an! Mir ist es lieber. Dich zu hören, als so Derne Angst und feilte Zweifel zu sehen." „Weil Tu denn willst gestand sie, „so muß ich mir öfters sagen, daß wir doch zu waghalsig und zu unvorsichtig sind, und daß uns schließlich doch noch ein Unglück zustoßen wird." - ' „Was für eine Unvorsichtigkeit begeben wir denn? Worin hat sich denn unsere Situation geändert?" „Man hat mich in Verdacht. Tu siehst es ja selbst ein Und fürchtest doch dasselbe." „Nein. Ich sage nur, daß es nicht unmöglich, wäre, iund wir sind nur so vorsichtig, mein Viperchen, im voraus Unsere Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Und dann: wenn wirklich dieser Verdacht besteht, ist dieser Verdacht von dem Gericht ausgegangen? Nein. Er ist ausgegangen von den Freunden des Angeklagten, das heißt: von den Gegnern, von den Feinden des Gerichts, — von denen, die den retten wollen, den das Gericht verfolgt, den es verurteilen will. — Und was machen die nun? Sie beauftragen einen Agenten ohne jede offizielle Vollmacht, — einen Menschen, der mit den Gerichten in absolut keinem Zusammenhänge steht, Dich zu überwachen. Es liegt jetzt einfach an Dir, Dich so zu betragen, daß sie Dich für eine Heilige halten. — Ja, Gefahr wäre wohl vorhanden gewesen, wenn wir nicht alles so vvrausgesehen hätten, wenn Du diesen Wend wie gewöhnlich zu mir herabgekommen wärst und wir die halbe Nacht durchgeplaudert hätten. Mein neuer Nachbar hätte Dich da vielleicht beim Kommen oder Gehen irgendwie sehen können, und- dann hätten sie sich morgen gleich gesagt: „Diese beiden Zeugen, deren Aussagen für den Angeklagten überführend waren, kennen sich, unterhalten Verbindungen, ja sind sogar eng befreundet. Das Stubenmädel der Frau von Sanden hat nähere Beziehungen zum Mieter der fünften Etage. Diese Kranke, deren Nervenanfälle das Mitleid des Untersuchungsrichters und selbst des Polizeikommissars erweckt haben, geht Abend für Abend hinunter, um mit ihm zu Abend zu essen und sich mit ihm zu unterhalten. Tas alles ist höchst verdächtig und bedarf einer neuen Untersuchung. Die Staatsanwaltschaft wird kein Fiasko vor den Geschworenen riskieren wollen. Aber heute ist es der Angeklagte, oder vielmehr sind' seine Freunde die, die das Fiaskos machen werden. Sie werden nichts berausbekommen und nichts wissen, und wenn Tu Dich gut zu verstellen wcißß wird Tir Dein Spion nicht nur nicht feindlich sein, sondern er wird sogar Tein Bundesgenosse werden. — Hast Vers standen? — Bist Tu nun beruhigt?" „Jetzt ja. Gelingt es Tir denn nicht immer, mich zU überzeugen? — Wie lange dürfen wir uns jetzt nichst sehen?" „Ein paar Tage, bis zum Prozeß^ „Und dann?" „Tann verduften wir." ' \ „Du hast also Deine Million aufgegeben?" „Weniger als je. Jetzt brauche ich, nur zuzugreifem Weder eine Verschalung noch eine Mauer verbergen sie oder zwingen sie in das Mauerwerk und trennen sie somit von mir." „Woher weißt Tu das?" fragte sie lebhaft. „Wie ich, eben alles weiß- wenn ich will. Und ich habe eben gewollt. — Wenn ich spazieren gehe, habe ich nur ein Endziel: die Linden, die Wrlhelm- und die Voßstraße und das Palais Tschigorin, heute das Palais der Do von ko fß Ich gehe dann langsam, wie Tu mich eben hast gehen sehen. Man hält mich dann für einen Rekonvaleszenten mit einer stillen, recht unschuldigen Krankheit. Wer dieser Kranke hat gute Augen und einen Hellen Kopf. Er sieht alles und zieht aus allem seinen Vorteil. — Tas letzte Mal fuhr ein kleiner Wagen mit Blattpflanzen und Blumen vor das! Palais. Ter Name der Blumenhandlung stand in großen Buchstaben aus der Außenseite des Wagens. Ich habe ihn mir natürlich sofort gemerkt. Tabei dachte ich mir: „Wohin bringt man denn diese Blumen? In ein Gewächshaus? Es giebt doch keines im Palais." — Tn erinnerst Dich doch auch noch,?" Wptrt üicbf feilt/z „In die Salons des Erdgeschosses etwa? Wozu? Der Graf und die Gräfin empfangen diesen Winter nicht, leben, als Einsiedler und Junggesellen: er in seinem Klub, sie in ihrem Atelier, in dem ich sie sehe und errate, wenn ich! auf die Fenster der zweiten Etage hinaufblicke, auf die meiner einstigen Wohnung. — In das Atelier? Tasj mußte es sein. Tie Blumen waren für das Atelier be-, stimmt, das sie sich' eingerichtet und gebaut hat, für den Ort, der ihr am liebsten ist, und der auch mir der liebste ist; denn dort liegt unsere schöne Million versteckt." „Und was hast Tu dann gethan?" Er fuhr weiter fort, langsam zu erzählen, „Ein Blumenhändler pflegt und überwacht seine Blumen und Pflanzen gewohnheitsgemäß. Er tauscht die um, die absterben, beschneidet, stutzt und begießt sie. Und so entschloß ich mich>, aus einige Tage der Gärtner der Gräfin Dorvukoff zu werden." „Es ist unglaublich, was für «ine Erfindungsgabe DU hast." / 638 „Jawohl, ich habe mal ein eigenes Talent dazu. Ich trete also m irgend ein Blumengeschäft Unter den Linden, studiere und beobachte die Mienen und das Benehmen der Leute, die der Inhaber oder die Inhaberin beschäftigt und die in die Stadt Blumen zu tragen und sie auch zu pflegen haben. Tann ging ich eines Morgens von Hause weg, mietete ein möbliertes Zimmer, veränderte meine ganze Person und kam kühnen Schrittes im Palais Toronto ff an. Ter Portier fragte, was ich wünsche. Ich antwortete: „Mein Herr schickt mich hierher, nach den Pflanzen im Palais zu sehen und diese eventuell gegen andere, frische zu vertauschen" und neune ihm dabei den Namen, der auf dem Blumenwagen geschrieben stand. Ter Portier ruft einen Lakai, der mich nach oben in die zweite Etage führt." „Ah, Tu bist also in der Wohnung gewesen? Tu hast sie wiedergesehen?" „Jedenfalls weniger bequem, als damals, als ich noch Sekretiir, Vertrauter imb Freund des Prinzen Tschigorin war. Damals ging ich als großer Herr im Palais ein und aus; jetzt kletterte ich über die Gesindetreppe hinaus. Oben zwei Treppen angekommen, öffnet der Lakai die Thür zum Atelier und ruft mir zu: „Machen Sie Ihre Arbeit." Aber dieses Rindvieh ging nicht weg. Wollte er mich überwachen? Hatte er den Auftrag, keinen Fremden in dies Heiligtum zu lassen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er bald nach rechts, bald nach links spazierte, vom Fenster zur Thür, Bilder ansah, um sich den Anschein eines Beschäftigten zu geben, um nicht den Anschein zu haben, meiner Person wegen hier bleiben zu müssen. Ich zog eine kleine Säge aus der Tasche und beschnitt einige Pflanzen und Palmen. Ich habe meine Sache ganz gut gemacht. Tie Bande konnte mich wirklich für einen Gärtner von Profession halten." „Tas will ich Dir gerne glauben." „Trotz der Veränderung in meiner früheren Wohnung fand ich mich leicht zurecht und bemerkte dort hinter den hohen Tapeten die Stelle des schwarzen Kabinetts, wo ich das Versteck angebracht hatte. Als ob ich die Blumen richten würde, näherte ich mich immer mehr jener Stelle. Endlich ließ ich wie aus Zufall die Worte fallen: „Tiefe Pflanze leidet an Trockenheit. Sie braucht etwas Wasser. Wo könnte ich, mir solches holen?" „Es muß welches hier in einer Ecke stehen", gab mir der Lakai zur Antwort. „Tie Gräfin begießt öfter höchst persönlich ihre Blumen." Dann blickte er umher und suchte. Tiefer Mensch war nur ein ganz gewöhnlicher Lakai und kannte sich int Atelier nicht recht aus. Er mochte es vielleicht einmal ausgefegt und in Ordnung gebracht haben. Ta siel es ihm plötzlich ein, direkt ging er aus die Stelle los, die er nicht aus den Augen ließ, griff mit der Hand hinter die Tapete, tastete und suchte, fand das Gesuchte, hob sie etwas hoch und sagte zu mir: „Sie finden, was Sie suchen, hier in diesem kleinen Verschlag." „Ah!" „Ja, es war das frühere Kabinett, dessen Thür ausgehängt worden und dessen Eingang nur durch Draperien verhängt war. Dahinein versteckt nämlich jetzt die Gräfin tausend unerläßliche Gegenstände und Kleinigkeiten, die eben den Eindruck und die Harmonie im Atelier beeinträchtigen und stören würden." „Und ist drinnen nichts verändert?" „Nichts. Tie Mauerplatten sind noch auf der Stelle, wo ich sie eingemauert habe; auch das Papier, das die Mauer bekleidet, ist noch dasselbe. Somit sind die Banknoten immer noch in dem Loch hinter den Ziegeln, die ich versetzt, und hinter dem Papier, das ich vorgeklebt hatte. Eine kleine Arbeit von wenigen Minuten hätte mir genügt, mein ganzes Geld wieder zurückzugewinnen." „Warst Tu nicht versucht, es zu thun?" „Mich auf den Lakai zu stürzen und ihn zu erdrosseln? Ja. Ich habe mir den Kerl sogar daraufhin angeschaut. Hätte ich es mit einem Schwächling zu thun gehabt, na, dann hätte er wohl sein Testament machen können. Aber der Kerl war im Gegenteil fünf Fuß und sechs Zoll hoch^ stark und sah in seiner Livree wirklich imposant aus; und das war mir zu gewagt, vor dem Kunden hatte ich Angst." „Tu bist also wieder mit leeren Händen weggegangen." „Genau so, wie ich kam. Tu wirst mir aber zugeben, daß mein Besuch im Palais Dovoukoff nicht unwichtig imb nicht unnütz gewesen ist, daß unsere Sache bereits um einen großen Schritt vorgerückt ist. Tie MiMon jedenfalls existiert noch. Ein materielles Hindernis trennt mich nicht mehr von ihr. Also handelt es sich nur mehr darum, ein Mittel zu finden, eine halbe Stunde allein im Atelier zu bleiben und dann, meinen Schatz unter deni Arm, schleunigst abzudampfen." „Tas ist schwer." „Nicht so schwer, als aus dem Zuchthaus zu entfliehen, von wo ich schon zweimal durchgebrannt bin." „Tas ist wahr", gestand sie, ihren Geliebten be- ivundernd. „Lassen wir das einstweilen", begann er wieder. „Das alles liegt noch in der Zukunft, das nehme ich auf mich. Kommen wir auf die Gegenwart zurück, auf Dich. Tu hast mich also gut verstanden, nicht wahr? Bis auf weiteres sehen wir uns einstweilen nicht. Tu kehrst in die Augsburger Straße zurück und versuchst bei dem Mieter der fünften Etage als Wirtschafterin einzutreteu. Tu bearbeitest ihn so lange, bis er in hellem Feuer brennt. Im Notfälle wird er in Dich verliebt, und Tu schneidest ihm dann die Haare ab, wie einst Delila dem Simson. Tie heilige Geschichte, o, die hab' ich im Zuchthaus nicht vergessen, mein Kindchen. Jetzt adieu, meine geliebte, kleine Viper. Tein Spaziergang war schon etwas lang. Es ist Zeit, nach Hause zurückzukehren. Adieu!" Sie drückten sich noch die Hände und warfen sich einen langen Blick zu. Darauf trennte sich Paul Querzewski, der wieder seinen Fuß nachschleifen ließ, von Julien. Tie beiden Parkwächter, die wieder auf die Terrasse zurückpatrouilliert waren, sahen ihn an sich vvrübergehen, und der Jüngere sagte zum andern: „Tie haben sich gewiß ein Rendezvous gegeben. Tie Kleine ist nun auch ausgestanden." 51. Kapitel. Kaum in die Augsburger Straße zurückgekommen, sagte Minna zu Frau Peters: ,Lch hätte nie geglaubt, daß mir der Spaziergang so wohl thun würde. Ich fühle mich so frisch, als wäre ich nie krank gewesen. Mir ist so lebendig und kräftig zu Mute, wie ehedem." „Ra also! Ich habe es Ihnen doch oft genug gesagt: nichts ist schlechter, als so Dag und Nacht in der Stube zu hocken. Wenn Sie mir gefolgt wären, wären Sie durch Bewegung, die frische Luft und den Sonnenschein schon längst wieder hergestellt. — Wissen Sie, was jetzt notthut? Eine gute Stellung, die Sie nicht zu viel anstrengt, zum Beispiel bei einem Junggesellen. Ta ist der Dienst nicht so happig." „Ja, das möchte ich zu gern. Ich habe auch schon daran gedacht. Aber, wenn man erfährt, daß ich krank gewesen bin, ü>ann —" ,,Dns braucht man ja keinem Menschen auf die Nase zu binden, und kein Mensch wird das merken. Sie haben ja schon wieder frische Farbe im Gesicht." „Also handelt es sich nur darum, jemand zu finden, der mich nehmen will. Glauben Sie, soll ich mich an eine Dienstvermitteluugsanstalt wenden?" „Dazu ist immer noch Zeit, wenn wir es auf keinem andern Weg erreichen. Aber ich habe noch Hoffnung auf den neuen Mieter im fünften Stock, der eben eingezogen ist." „Hat er noch niemand?" „Angenblicklich nicht. Doch erwartet der Herr ein Mädchen von sich zu Hause. Wenn ich ihn nur überreden könnte. Sie anstatt der anderen zu nehmen?" „O, welchen Dienst würden Sie mir damit leisten." „Ich will es gern versuchen. Nur — mein Gewissen hält mich noch zurück!" „Ihr Gewissen?" „Nun: Sie sind jung, er ist auch jung. Er hat ein ganz annehmbares Aeußere. Sie sind auch gut gebaut — ich habe Angst. Man muß niemand in Versuchung führen. Tas Fleisch ist schwach, wie mein Alter immer behauptet." „O, bitte, Frau Peters, ich bin ein anständiges Mädchen. Tas müssen Sie wohl wissen. Haben Sie mich etwa, seit ich hier wohne, etwa herumstreifen gesehen?" „O — was das anlangt, gewiß nicht. Ihre Ausführung ist musterhaft. Tas wiederhole ich auch immer wieder dem Untersuchungsrichter und dem Polizeikommissar. Wenn Sie einen Geliebten hätten, dann wüßte ich wahrhaftig nickft, wo Sie ihn versteckt haben. Sie gehen niemals aus, und zu Ihnen kommt auch keine Menschenseele." 639 „Ich habe keinen Geliebten, Frau Peters. Uno sollte ich jemals einen haben, dann muß er mich auch heiraten." „Das sind Grundsätze, die ich liebe. Nicht alle Mädchen hier im Hause denken so wie Sie. Ach, du liebe Zeit! Was die ost alles angeben! — Also, darüber kann ich beruhigt sein, daß für den Fall, daß Sie bei dem neuen Mieter in den Dienst treten, in sittlicher Beziehung nichts zu befürchten wäre?" „Gewiß nicht, Frau Peters, man kann sich immer Achtung verschaffen, wenn man nur will. Sollte ich mich irren und sollte ich wirklich Gefahr lausen, dann will ich es Ihnen sagen, und wir werden eine andere Stelle suchen." „Gut, ich will also mit ih^n sprechen. Geht er nicht daraus ein, dann hat es nur weiter nichts als einen Spaziergang gekostet, den ich ja so wie so machten müßte. Ter junge Mann braucht vielleicht etwas." Bald nach dieser Unterredung bot Frau Peters ihrem Mieter ihre Dienste an und flocht nebenbei die Bemerkung ein: „Schade, daß Sie eine Dienerin schon von zu Haufe erwarten. Ich hätte Ihnen jemand anempfehlen können, der Sie gewiß gut bedient hätte." „So? Wen denn?" „Ein anständiges, junges Mädchen, das seit einem Jähr schon in dem Hause wohnt. Ihre Herrin ist vor nicht zu langer Zeit gestorben und hat sie ohne Stellung zurückgelassen." Hesekiel, der eben beschäftigt war, seine Wäsche in den Schrank zu legen, wendete sich nicht um. Nichtsdestoweniger hatten ihn die Worte der Hausmeisterin frappiert. Sollte dieses Mädchen, das man ihm zu seiner Bedienung anbot, das seit einem Jahre in diesem Hause wohnte und dessen Herrin gestorben war, sollte das etwa gar Minna sein? Welches Glück, welcher Glückszufall, wenn sie es wäre! Tie Person, nach der er am heutigen Tage persönlich gesucht hatte, flößte ihm nur mäßiges «Vertrauen ein. In der Agentur war sie auch noch nicht thätig gewesen. Man wußte weder etwas von ihrer Findigkeit noch von ihrer Treue. Wenn sie ihn verriete? Welcher Vorteil, wenn er auf die nicht angewiesen wäre! Und dann auch: was für ein Meisterstreich für seinen Anfang: die Person, die er zu überwachen hatte, von sich direkt abhängig zu machen, sie in seinen Dienst zu nehmen, — mit ihr ein gemeinsames Leben zu führen! Er sah schon im Geist Sanftleben begeistert darüber! Aber handelte es sich auch wirklich um die Minna? Und "wenn, — wie sollte er es anstellen, da er bereits gesagt hatte, daß er eine andere erwarte, diese in seinen Dienst zu nehmen? „Sie sagen, die bewußte Person wäre noch jung?" fragte er, damit beschäftigt, einen Anzug zusammenzulegen. „Jawohl, noch ganz jung: zwei- bis dreiundzwanzig Jahre. Und dabei von einer Aufführung, von einer Haltung — —! Einfach tadellos! Sie ist ja keine Schönheit. Schönheiten in Berlin bleiben nicht lange Kammermädchen. — Aber sie ist nett, sehr nett." „So, so", meinte er, als ob ihn das Bild verlockte, das Frau Peters von ihrem Schützling entwarf. „Ja", fuhr die Portiersfräu weiter fort zu erzählen, „und wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich mich lieber von einer lebhaften, aufgeweckten, nett aussehenden Berlinerin bedienen lassen, als von einer alten Dienerin aus der Provinz«." „Ja, in der Beziehung haben Sie recht", rief Hesekiel aus. „Tie ich erwarte, zählt gut ihre fünfzig Fahre." „Und diese Mte ziehen Sie meiner Jungen vor?" »Ich sage nicht gerade, daß ich sie vorziehe; aber ich kenne sie schon seit langer Zeit. Ich bin ihrer sicher. Ich stehe für sie." „Und ich stehe für meine Minna." „Minna? Hübscher Name!" bemerkte Hesekiel, eine Bewegung unterdrückend. „Ihre Herrin ist unlängst gestorben, erzählten Sie?" „Ja, das ist eine lange Geschichte. Eine schreckliche Geschichte. Ich will Sie Ihnen lieber gleich erzählen; Sie würden es ja doch erfahren. Minnas Frau war eine Frau von Sanden, die in einem Streit von ihrem Geliebten«, Herrn von Sempach, umgebracht worden ist." . »Ja, ja, ich weiß davon. Man hat auch in der Provinz fiel von der Geschichte geredet. Wie, — ich bin also in dem Hause, in dem das Verbrechen begangen wurde, und Sie haben mir eher nichts davon gesagt?" „Wollen Sie vielleicht, daß ich das ans HauS'thvr anklebe? Weil es mir gerade in den Sinn kommt, sv sage ich Ihnen eben die Wahrheit. — Oder schreckt sie es etwa, in diesem Hause wohnen zu bleiben?" „Mich? Durchaus nicht! Es ist im Gegenteil gewissermaßen ein Schutzmittel. Tenn man vollbringt nicht zwei Verbrechen Schlag auf Schlag." „Ah, Gott sei Tank! Sie sind doch nicht so sehr Provinzler, als ich befürchtet habe. Ja, nun stage ich Sie, wie Sie es nur fertig bringen, sich mit Ihrer alten Dienerin zu verständigen?" „Ach ja", rief er, dabei tief aufseufzend, „wenn Sie nur nicht heute abend um acht Uhr abreisen müßte, um morgen vormittag hier einzutreffen." „Na, wozu giebt's denn Depeschen?" „Tas ist eigentlich wahr. Ich habe noch Zeit, ihr zu depeschieren, daß sie nicht abreisen soll. — Sie stehen mir also für das Mädchen?" „Jawohl, und wenn einmal die Peters für jemand gutsteht, so kann man darauf einen Eid leisten. Erkuw- digen Sie sich einmal in der Nachbarschaft." „Tas ist nicht nötig. Man braucht Sie nur anzusehen und sprechen zu hören, um zu wissen, woran man ist. Auch wir in der Provinz sind scharfe Beobachter. Sie werden mir es aber nicht übel nehmen, wenn ich zuerst einen Blick auf das junge Ting werfen will, ehe ich mich! endgiltig entscheide." „Wreso denn? Das finde ich ganz natürlich. Sie ist in meiner Wohnung. Ich werde ihr gleich sagen, sie soll mal heraufkommen, damit Sie sich mit ihr auseinanderfetzen können." (Fortsetzung folgt.) Die Litauerinnen. Als Kaiser Wilhelm II. im September 1900 die Stadt Tilsit besuchte, um der Enthüllung eines Denkmals der Königin Luise beizuwohnen, wurde seine Anwesenheit durch einen Festzug gefeiert. In demselben erregte seine befon- dere Aufmerksamkeit eine Schar junger Mädchen, in höchst kleidsamen, eigenartigen Kostümen zu Pferde fitzend; es waren Litauerinnen, Abkömmlinge eines alten, lange heidnisch gebliebenen Volksstammcs, dessen Rasse in der ostpreußischen Niederung, an den Ufern der Memel wohnen. Tie Litauer sind ein schöner, kräftiger Menschenschlag, besonders die Mädchen und Frauen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, edle Haltung und wahrhaft antiken Ge» fichtsschnitt aus. Ein besonderer Schmuck ihres Kopfes sind zwei starke, kunstvoll in zehn bis achtzehn Strähnen geflochtene Zöpfe, die sie entweder kranzartig aufstecken, oder mit seidenen Bändern geschmückt über den Rücken lang herabfallend tragen. Tas originellste Kleidungsstück der Litauerinnen ist die Marginne. Ursprünglich verstand man darunter einen langen Shatvl, der von der linken Schulter bis zu den Füßen herabhing, den rechten Arm frei ließ und von einem Gürtel zusammengehalten wurde. Jetzt nennt man Marginne einen kurzen, bunten Rock, über welchen fünf bis sechs Schürzen gebunden werden. lieber dem blendend weißen, mit gestickten Arabesken verzierten Hemde wird ein grünes oder rotes Mieder getragen. Blaue oder rote Zwickelstrümpfe, derbe Schuhe mit hohen Absätzen, mehrere Ringe von Silber oder Zinn mit bunten Steinen an jödem Finger, sowie ein vom Kopfe wehendes Schleiertuch aus Linnen vervollständigen den Anzug. Jedes Stück desselben wird von den Litauerinnen selbst gearbeitet: ste weben die feinste Leinwand, entwerfen eigenhändig hübsche Muster, die sie in bunten Farben aussticken, sie verfertigen breite seidene Gürtel, mit denen sie im Winter ihren langen Pelz zufammenhalten, und wollene farbige Handschuhe. Die^ Litauerinnen pflegen nach Männerart zu reiten, und ihnen ist kein Pferd zu wild. An Markttagen begeben fie sich mit ihren Waren aus dem Rücken ihres Rößleins zur nächsten Stadt. Tüchtig helfen sie den Männern bei der Feldarbeit, beim Rudern und Fischen; außerdem halten sie ihre Wirtschaft in Ordnung. Ihre Häuser sind schmal und niedrig mit winzigen Fenstern. Auf dem sogenannten Flur befindet sich der Herd; während die litauische Bäuerin auf ihm die Mahlzeit bereitet, findet sie noch Zeit, die Wieg? ihres jüngsten Kindes, welche von der Decke der Stube in zwei Stricken herabhängt, in Bewegung zu setzen und die ältere« Kinder zur Arbeit anzuhalten. 6 seien die besten Hilfstruppen Amerikas seine Frauen, Die Bewaffnung ist vorzüglich. Die blitzenden Augerft der rasch Und kühn abschätzende Blick, das frohgemute^ unbefangene, anmlcksvolle Wesen, dies alles spottet bet den Damen eines jeden Widerstandes, und wenn sie dem alten Europa zulächeln, erblinkt zwischen den zart geschwungenen Lippenbogen ein Elfenbein, dem man wohl zutrauen darf, daß es so ein Stückchen Welt wie einen gezuckerten Mandelkern zermürben wird. Lord Dufferin sagte dem Verfasser, man habe keinen Begriff davon, wie gründlich bereits die internationale Diplomatie von amerikanischen Heiratselementen durchsetzt sei. In Washington werde jeder Attachee vor Ablauf seiner Frist von einer eingeborenen Schönen weggekapert, einer reichen Schonen selbstverständlich, denn für diese stärkste Waffe der Ausrüstung, die goldene Streitaxt, sorgt die Dollarsee natürlich zu allererst. Immer höher steigt daher auch die Zahl der Ehen, die sie einsegnet. „Der diplomatische Dienst", lauten Lord Dufferins eigene Worte, „der einzige wirklich kosmopolitische ist durch und durch amerikanisiert^. Kaum je zuvor ist ein Geldadel so hoch gestiegen, wie jener; der seine Millionen nach Dollars berechnet. Durch Miß Heine, die kürzlich 'vom Fürsten von Monaco geschieden wurde, gelangte er vorübergehend sogar in den geschlossenen Kreis der souveränen Fürsten. Und es must ja auch nicht immer das schnöde Geld sein, welches den Bund kuppelt, die Liebe kann auch bisweilen mitspielen. Feldmarschall Waldersee, der verstorbene Graf Hatzfeld, der ermordete Freiherr v. Ketteler, Sir William Harcourt, Mr. Bryce, Lord Randolph Churchill, hundert andere sind oder waren mit Amerikanerinnen verehelicht. Die „Vize- Kaiserin" von Indien, Lady Curzon, war eine Amerikanerin, die künftige Mze-Königin von Irland wird eine Amerikanerin sein (die Herzogin von Malborough), und bei einer Amerikanerin hat auch Mr. Chamberlain, der Repräsentativ-Engländer der Gegenwart, der zweimal eine Landsmännin zum Altäre geführt, das seltene Gluck einer dritten Ehe gesunden. So oft ein neuer Name in der Weltgeschichte auftaucht, hört man ihn fast immer im Einklang mit dem Namen einer überseeischen Schönheit nennen/ so daß man sich beinahe versucht fühlt, den alten Habsburger Spruch der neuen Welt zuzuwenden: Tu, felig America nube!n-a * Literarisches. Drei Tage los mit bett Jungens betitelt sich eine flott geschriebene Plauderei, die Tr. Sebald Schwarz m dem neuesten (4.) Hefte der illustrierten Zeitschrift Zur Guten Stunde (Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg. Deutsches Verlagshaus Bong & Go., Berlin W. 57.) veröffentlicht, und in der er uns in humorvoller und realistischer Weise mit den Erlebnissen und Erfahrungen, die- eine Reise mit Schülern mit sich bringt, bekannt mach ft Eine „Papperitz"-Nummer, die sich den früheren ftKünstleriiummern" würdig anrecht, ist das soeben erschienene Heft 4 des 17. Jahrgangs der „Mod erneitf Kunst" (Verlag von Rich, Bong, Berlin W. 57. Preis des Einzelheftes 60 Pfg.). Die amerikanische Fleischindustrie mit ihrer großartigen Entwickelung in technischer und wirtschaftlicher Be. ziehung lenkt besonders' im gegenwärtigen Moment die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf sich, dem soeben erschienenen Heft 5 des 9. Jahrganges der weitverbreiteten illustrierten Zeitschrift „Für Alle Welt" (Deutsches Wer. laashaus Bong & Co., Berlin W. 57. — Preis des Mer. zehntagsheftes 40 Pfg.) findet sicht Wort und Bild em interessantes Eingehen auf die Schlacht-EtablissemenD Chicagos; der Zentrale für die gesamte amerikanische Fleischk- industrie, _____________ Scherzrätsel» (Nachdruck verboten.) Ein Ei im — Schmutz, ei seht doch nur, Wird mathematische Figur. (Auflösung in nächster S.'hinter.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: W. Kbl, VdS, Lg7, 8a5, g8, Tg6, Be6; Schw. Kd6, Ld6, Sc8, Tc7, Bc4, c5, o4. 1. Vd8—d2, beliebig. 2. Vierfach matt. Redaktion: Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversitätS-Buch. und SteindruckM^PiMMm)DNMßkF-