1902. — Nr. 144. ■WM MM NSW ᯎ (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) Wieder von Unruhe gepackt, verließ sie den Platz ton Kamen, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und fragte chn gleichzeitig: „Sind Sie wirklich Georg Rakenius, der Maler, von dem mir Herr, von Sempach erzählt hat?" „Ja, gnädige Frau. Ich bitte Sie inständig, mir zu glauben. — Haben Sie keine Furcht. Sie sehen wohl, daß ich ebenso erregt bin wie Sie." Tie letzten Worte und der Blick, den er ihr ginge* warfen, beruhigten sie. Er war auch wirklich sehr bleich und konnte ein leises Zittern nicht unterdrücken. Dann entsann sie sich des Gemäldes, das ihr Franz einst von seinem intimen Freunde entworfen hatte, und war über die Aehnlichkeit überrascht. Sie mußte sich heimlich gestehen, — unseren Geist durchkreuzen ja oft so viele Gedanken, ohne daß man sich threr selbst bewußt wird — daß das Original selbst das Gemälde vielleicht übertraf. Um ihm zu beweisen, daß sie keine Angst mehr habe, verließ sie das Fenster und ging wieder zum Kamin, an dessen Sinrs sie sich mit dem Rücken lehnte, und begann: „Nun denn, mein Herr, erklären Sie sich deutlicher. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich Sie nicht verstehe. Man beschuldigt Herrn von Sempach eines Verbrechens, sagen Sie? Was für ein Verbrechen soll das sein?" „Er soll in einer Antvaudlung von Wut alle Selbstbeherrschung verloren und eine Frau getötet haben."- „Eine Frau? Welche Frau?" Er zögerte mit einer Antwort. „Sprechen Sie! Vor was fürchten Sie sich?" „Eine Frau von Sanden mit Namen", gestand er. „Eine vom Theater, ich weiß", warf sie verächtlich hin. >,Er hatte sie wohl früher einmal gekannt, hat sie aber nicht mehr besucht. — Weshalb sollte er sie--" Doch plötzlich unterbrach sie sich und fragte lebyastr „Wann sollte er das Verbrechen begangen haben?" „Gestern «abend, — gerade vor vierundzwanzig Stunden." dr "EögNch.!" rief sie aus. „Zu der Zeit war „Ah, wußte ich's doch)" triumphierte Georg. Sie schwieg, lehnte mit einem Ellbogen auf dem Kaminsims ttno schien, ihr Haupt in die Hand gestützt, nachznsinueu. Da erst konnte er sie zum ersten Mak, seitdem sie tret ihm stand, aufmerksamer betrachten. Er hatte nicht geirrt, wenn er sich Sempachs Angebetete groß, mit ent* Krickelten Schultern und Mste vorgestellt Kattz Ihr Sammetmantel hatte sich Ken erst geöffnet, und von der zu diesem Bilde als- Hintergrund dienenden Innenseite aus blauem, Fuchspekzwerk hob sich eine stolze, königliche Gestalt, eine weder zu starke noch zu schwache, sehr schmiegsame Taille, die von keinem Mieder umschlossen war, ad, sowie durch einen anliegenden Rock genau gezeichnete^ Von oben bis herab harmonisch verlausende Linien. Nachdem der Maler erst sein Modell mit einem Gv- saMtblick umfaßt und bewundert hatte, versenke er sich in die einzelnen Details: Arme, Hände und Fuß waren von äußerster Feinheit, von vollendeter Distinktion, die di« Stelle verrieten, die diese Frau in der Gesellschaft et»- nehmen mußte, die ihren Rang und ihren Ursprung bo- zeichneten. Ihr Haar war blond, wie er es vorausgesetzt hatte, von einem warmen Blond, von einem Goldfäden- netz umsponnen, als wenn es ein Strahl der untergehenden Sonne beleuchtet hätte. Ihre langen, schweren und dichte» Haare, die auch einen Teil ihres Nackens verhüllten, umrahmten ein Gesicht von außerordentlicher Schönheft, von einer vom Künstlerstandpunkt betrachteten korrekten Schön« heit, voll Liebreiz und großem Ausdruck: eine leichte Adlernase, deren Krümmung kaum zu bemerken war, eine hohe, trotz aller Mode freie Stirn, längliche Augen von einem lichten Blau, die bei verschiedenen Affekten die Farbe wechseln konnten, wie sie auch ununterbrochen ihren Aus* druck veränderten, ein kleiner, feingezeichneter Mund ruft etwas vorstehenden, innen roten Lippen, sogenannten österreichischen Lippen. Plötzlich richtete sie sich empor, hob ihr Haupt und blickte Georg überrascht und voll Verwunderung an: „Also Herr von Sempach hat Sie beauftragt, mir seine Verhaftung mitzuteilen?" „Neinch wehrte er lebhaft ab'. „Er hat mir nichts gesagt, mir keinen Auftrag gegeben. Ich habe ihn nicht einmal mehr sehen können." „Ah! So hatten Sie also von sich selbst —— — — „Ja, gnädige Frau." „Sie wußten demnach — . — — ? Er hat Ihnen anvertraut ----?" „Nein, darin hat er mich niemals in sein Vertrauert g^ogen." „Er muß Ihnen doch von diesem Haus, von dieser Wohnung erzählt haben" „Er hat niemals darüber gesprochen" „Das ist unmöglich Wie hätten Sie es denn sonst gesundend „Ich habe es gesucht, und ich habe es gefunden?" „Welcher Scharfsinn!" rief sie mit ironischem Lächeln aus. Tann begann sie wieder, ihm voll inS Gesicht blickendr „Sie haben also auch, ohne daß er mich genannt hätten erraten, wer ich tot?" „Nein, gnädige Fcach W HM ME MtM KZMM wer Sie ftrw.." 1 574 Me trat einen Schritt auf ihn W Und fragte ihn Auge fx Auge: „Wirklich? Sie kennen also meinen Namen nicht? Sie Urisseil nichts über meine Persons"" „Nein. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, gnädige Frau!" Er hatte diese Worte im Tone solcher Aufrichtigkeit gesprochen, daß sie jetzt überzeugt war. Jetzt erst, vermutlich von einer Angst befreit, von der sie seit einigen Augenblicken befallen war, vielleicht auch, da sie das Mittel gesunden hatte, sich aus dieser gefahrvollen Lage $u ziehen, gewann sie die ganze Selbstbeherrschung der Weltdame wieder, ging auf ein Fauteuil zu, in das sie sich nieder- ließ, und machte mit größter Liebenswürdigkeit ihrem Gegenüber ein Zeichen, sich zu setzen, ganz als ob sie sich zu Hause in Gegenwart eines Besuches befände. 20. Kapitel. Nachdem er chrem Winke Folge geleistet hatte, begann sie mit größter Kälte: „Tann also, mein Herr, da Sie nicht im Auftrage des Herrn von Sempach gekommen sind, haben Sie gewagt, in dies Haus auf eigene Rechnung zu kommen! Gut. Tars ich, nun bitten, mir zu sagen, was Sie wünschen?" Durch diese Frage erstaunt und in Verwirrung gebracht, noch mehr aber durch die hochfahrende Art, tu der sie ihm diese Frage stellte, stammelte er: „Mein Gott, gnädige Frau, ich wollte Ihnen nur diesen Vorfall mitteilen." „Sehr gütig. Doch hätte ich ihn auch ohne Sie erfahren, entweder heute abend, wenn ich zu Bett ging, oder morgen früh, wenn ich aufstehe. Die von Ihnen überbrachte Nachricht interessiert vermutlich rn Berlin sehr viele Leute, und die Zeitungen werden nicht ermangeln, sie Ebringen, wenn sie sie nicht schon gebracht haben. Sonach ßt mich alles vermuten, daß Sie zu einem anderen Zweck hergekommeu find/" „Sie haben recht, gnädige Frau", antwortete er nun Mit mehr Sicherheit. ,^ch wollte mit Ihnen das Mittel bereden, wodurch mein Freund zu retten wäre/" „Glauben Sie nicht, daß er im stunde sei, sich allein Kl retten ?"" „Gewiß könnte er dies, wenn er angeben würde, wo er sich gestern abend Um diese Zeit befunden, aber er perwc'gert beharrlich diese Aussage." „Ah, er verweigert sie", rief sie, deren Blick sich auf- Bdoch faßte sie sich sofort, ,chas Stillschwergen des Mm Sempach tarnt nicht hinreichend fein, ihn zu ilen. Es müssen erst Beweise gegen ihn gesammelt Werden. Glaubt man, welche gefunden 91 haben?"" „Ja, gnädige Frau, das glaubt man." ^Was für Beweise?" „Mehrere Zeugen behaupten, ihn gestern abend imHxmse Bet Ermordeten gesehen ja haben." „Das ist allerdings schwerwiegend." „Tas scheint nur schwerwiegend; denn man wird beweisen, daß sich diese Zeugen eben geirrt haben oder Ligen." „Wie wird man das beweisen können?"" „Durch andere Zeugenvernehmungen. Haben Sie vorher nicht selbst ausgerufen: „Er kann nicht dort gewesen sein; denn er war hier!" „Das hätte ich gesagt — ich?"" „3a, allerdings, das haben Sie gesägt"", behauptete er Mit Sicherheit, sich erhebend. Sie warf ihm einen jener Frauenblicks zu, die durch einen Mann durch und durch dringen, die ihn durchforschen, zerteilen. Dieser einige Blick und die anderen Beobachtungen, die sie angestellt hatte, genügten ihr, Georg Rakeuius vollkommen zu verstehen und zu durchschauen. Sie hatte eä mit einem trotz seiner 30 Jahre noch sehr jungen Menschen zu thun, der nichts vom Leben und noch nichts von der Well kannte. Er war von Natur aus furchtsam- schüchtern, vielleicht sogar etwas schwach. Doch hatte er lebhaftes Blut, einen hitzigen Kops, einen empfänglichen Geist und ein rechtliches Herz. Sie erkannte sofort, daß sie einen falschen Weg eingeschlagen halle, daß sie in ihm durch M viel Kälte mw Härte eine Widerspenstigkeit Hervorrufen, ihn leicht entfremden konnte. Sie sog es vor, ihn in ihrer augeMlicklichen Lage lieber zum Bunbesaenossen zu machen. .So änderte sie denn Mtzlich ihre Dcmik und ihr ganzes Wesen und wandte sich äußerst sanft und liebens- würdig gegen ihn: „Ach, bllte, behalten Sie Platz, mein Herr, und lassen Sie uns über das traurige Ereignis, das uns gemeinsam verknüpft, mit mehr Ruhe sprechen."" Nachdem er ihrer Aufforderung nachgekommen war, fuhr sie fort: „Sie haben meine Absicht vollkommen mißverstanden.! Ich hatte niemals die Absicht, meine Worte, die Sie eBenf wiederholten, zu leugnen. Ich bin im Gegenteil voll-« ständig bereit. Sie abermals zu versichern: Herr von Sempach kann gar nicht das chm zur Last gelegte Verbrechen begangen haben; denn er war hier in diesem Hans. Aber wenn ich nun Ihnen, seinem Freund, das offen eingestehe, muß ich dasselbe auch den Richtern gestehen?"" Sie blickte chm gerade in die Augen, indem sie ihn ununterbrochen studierte und überlegte, was er ihr für? eine Antwort geben würde. Einen Augenblick sah sie ihn zögern; dann aber, wieder, gesellet von feiner Freundschaft zu Franz, sich der Worte feiner Schwester entsinnend, antwortete er: .Menn es kein anderes Mittel giebt, ihn zu retten- gewiß, gnädige Fran!" Sie zuckte zusammen, überlegte einen Augenblick, schien dann einen Entschluß zu fassen und sagte mit der ihr zu Gebote stehenden einschmeichelnden Stimme, indes ihn ihre Augen liebkosend streiften: „Sie haben recht. Wenn es kein anderes Mittel giebt, ihn zu retten, und er beharrlich schweigt — dann werde ich wohl sprechen müssen; und ich werde reden."" Diese Antwort machte vor Freude sein Herz auf- jauchzen; denn dadurch war vor allem sein Freund ge-r rettet. Auch freute es ihn heimlich ganz unbeschreiblich- sie so opferwillig zu finden. Er erhob sich. Sie war also nicht nur herrlich an Leib und Angesicht — sie besaß auch eine edle, schöne Seele. Sie fuhr mit stets gleichbleibender, sanfter Stimme fort: „Sollte also das Geständnis unumgänglich nottvendig sein, bann bitte ich Sie nur, mir selbst das Verdienst zu überlassen, es freiwillig ju gestehen."" „Gewiß, gnädige Frau!" Er mußte sie immer mehr UM mehr bewundern. „UM Sie werben mir wohl nur noch bis morgen Zell lassen"", fuhr sie fort, „mich zu entschließen, aus welche Art ich das thun soll tmd an wen ich mich bann zu wenden habe. Ich bin nicht unabhängig. Ich habe gewisse Rücksichten zu beobachten, was Sie wohl einsehen dürsten." „Natürlich, gnädige Fran, — das ist ganz klar! Es ist vollkommen natürlich, daß Sie alle erdenllichen Vorsichtsmaßregeln treffen!" Sie erhob sich. „Also"", schloß sie das Gespräch, „auf morgen, mein Herr! Ich werde Ihnen dann meinen Entschluß mitteilen, und wir wollen bann beraten, wie wir vorzugehen Habmr."" „Wie Sie befehlen, gnädige Frau. Wo werde ich das Vergnügen haben. Sie wiederzusehen?"" „§ier in diesem Hanse, eben wie heute. Ich glaube, eS ist besser. Wir können hier ungestörter sprechen."" „Um wieviel Uhr darf ich Sie erwarten?"" „So früh als möglich, um rasch handeln zu können. Gegen zwei Uhr, wenn es Ihnen recht ist." „Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, gnädige Frau."" „Also morgen, auf Wiederfehen"", sagte sie, noch immer sitzend, und winkte ihm mit der Hand einen Gruß zu, als, ob sie ihn verabschieden wollte. Wollte er nicht verstehen, oder hatte er irgend welchen Verdacht geschöpft trotz allen Vertrauens, das sie ihm soll einigen Minuten eingeflößt hatte? Sie hatte ihm noch! nicht gesagt, wer sie fei. Auch kannte er weder ihren Namen noch ihre Adresfe. Wenn sie ihn nur täuschen wollte?, Sie hatte jedenfalls seine Zweifel durchschaut — und um ihn zu beruhigen und sich seines vollen Vertrauat§( zu versichern, besonders um Ju verhindern, daß er draußen aus sie wartete und ihr folgte, wenn sie hier wegging, stand sie auf und begann wieder mit chrer emsttzmachelm den Stimme- , „Es fällt mir eben ein. daß es schon spät ist; dies« GegeM ist hier sehr öde. Ich hatte zur Vorsicht meßest Wagen wegaeschickt. Wollen Sre Mir bat Gefallen erweisen- nchch wenigstens eine kurze Strecke W begleiten?" 575 Ta « sich bereit erklärte, fuhr sie fort: --Ich wohne Seydelstraße Nr. 42 und b-in die Barsnrn von Halpern. ES wäre lächerlich, hieraus weiter ein Geheimnis machen zu wollen. Es war einmal unsere Schickung, daß wir uns kennen lernen sollten, und ich weiß, daß ich mich einem galanten und Ehrenmanns anvertraue." Er verbeugte sich, indem sie das' Zimmer verließ. Er folgte chr die Treppe hinab- in der einen Hand den Kandelaber, der ihnen als einzige Beleuchtung gedient hatte. Am Vestibül des Erdgeschosses angelangt, öffnete er das Hausthor, verlöschte die Lichter, stellte den Kandelaber wieder aus den Tisch und beeilte sich, die einzuholen, die ans ihn draußen wartete. An der Kreuzung der Rhein- und Hedwigstraße begegneten sie einer Droscht die sie beide bestiegen. Stumm und verstohlen beobachteten sie sich, prüfend und durch- drmgend. Und sonderbar: trotz der langen Fahrt schien ihnen dieselbe gar nicht lang zu sein. So waren sie denn, ohne ein Wort gewechselt zu haben, W der Seydelstraße angelangt; der Wagen hielt. Ablaut und einfachen Tones verabschiedete sie sich: „Ta wäre ich nun bei mir angekommen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie erst nach einigen Minuten den Wagen verlassen, — sich nicht früher zeigen wollten. Denn wenn ©te jemand erblickte, könnte mich das kompro- toittieren. Auf Wiedersehen morgen zwei Uhr. Rechnen Sie auf mich!" Ae stieg aus dem Wagen, warf den Schlag hinter sich M, Werschrrtt rasch das Trottoir und lliugelte. Er bliÄ allein, die Augen auf das Hausthor gerichtet, baS Le ernließ^und sich wieder hinter ihr schloß. Infolge vrr Bitte, die sie ausgesprochen hatte und die ihn zwang, »och emige Zeit zu verweilen, die ihn auch vollkommen dEhrgt hatte, konnte er sich überzeugen, daß sie aus dem Hanse, tn dem sie verschwunden war, nicht wieder heraus- kam, — daß sie also wirklich bei sich zu Hause sein dürfte. Nach Verlauf von zehn Minuten ließ er das vordere Wagenfenster herab und gab dem Kutscher den Auftrag, chn nach Hause, nach Halensee zu fahren. Er wollte seiner Schwester sofort die Neuigkeit des großen errungenen Er- fotgeS überbringen. 21. Kapitel. Bertha war, wie sie versprochen hatte, noch nicht zur Ruhe gegangen. Unruhig und ungeduldig erwartete sie die Rückkehr chres Bruders. Er berichtete ihr sofort von seiner Ankunft in dem verlassenen Hanse und schließlich von dem Erscheinen jener Unbekannten, deren Bild er chr genau mch ausführlich beschrieb, ohne das Entzücken verbergen z» können, daS sie ihm eingeflößt hatte. Sehr bewegt und bleich lauschte sie seinem Berichte, ohne ihn zu unterbrechen oder auch nur ein Wort zu sagen. Nachdem er jene Beschreibung beendet hatte, bat sie ihn, chr das ganze Gespräch mit jener Fran Wort für Wort zu wiederholen. Er willfahrte chr sofort und gab sich die erdenflichste Mühe, nichts zu vergessen, weder die Worte noch die Bewegungen, die sie gemacht, noch den Tonfall chrer Stimme. Er ließ das Bild jener, die er eben verlassen hatte, gern wieder aufleben. Er sah sie ?ianz deutlich, wie sie vor ihm am Kamin stand oder wie ie zuerst voll Hochmut, dann wieder milder gestimmt, ihm gegenüber saß. Er hörte noch die trockenen, kurzen Worte, bte »ach und nach immer sanfter, schließlich ganz etn- Wmeuhelnd wurden. AlS er endlich aufgehört hatte, zu erzählen, oder nichts ^hr zu berichten wußte, blickte er zum ersten Male zu fÄner Schwester empor. Er erwartete ganz bestimmt, sie ßbet diese Nachricht hochbeglückt, über das Schicksal Sempachs vollkommen beruhigt zu srnden, in der festen Ueber- zengnug, daß er morgen dank der erhaltenen Zusicherung und dem Umstande, da.ß nun das Alibi leicht nachge- Wen werden könnte, schon aus freien Fuß gesetzt Jedoch des jungen Mädchens Stirn war nachdenflicher le. Kein Lächeln spielte um ihren Mund; ihr Blick verlor sich in» Leere. »Woran denkst Du?" fragte sie Georg. ,Lch denke eben", erwiderte sie sich aufrichtend, ,chaß K” "Aerrr Abend ganz nutzlos verwendet haben." „Wieso? KMeu.wir denn nicht HM gewünschte Resultat erlangt? Mr kennen jetzt diejenige, die wir kennen wollen,, und sie rst doch entschlossen, zn sprechen." nt£^t reben. Sie hat Dich nur zum Narren yvI^U.4.x.vil. "Zum Narren gehalten? Wie kommst Du daraus?" „Zausend Äderchen, Kleinigkeiten sprechen dafür. Sie wird morgen nicht zum Rendesvous, das sie Dir gegeben, kommen." , 1 ö a ' „Ach, rede poch nicht!" „Tu wirst ja sehen." »Wenn sie nicht kommt, schadet das auch nichts weiter, ^ch werde zu ehr hingehen und sie Mvingen. — Hab- denn nicht ihren Namen und Adresse?" „Nichts hast .Du. Sie hat Dir sowohl einen falschen Namen wie .auch eine falsche Adresse gegeben." „Das ist unmöglich." „Aber leider nur zu wahr." „Habe ich sie denn nicht bis an ihre Hausthüre gebracht, Sehdesstraße 42?" a „Gerade das ist es, was meinen Verdacht ertoedSL Tiefes Haus ist eins der größten Häuser in Berlin. Es hat mehrere Höfe, unzählig viele Parteien. Ich kenne es ganz genau; denn meine frühere Klavierlehrerin hat daselbst gewohnt. Ich hatte ihr einmal meinen Besuch gemacht — und da ich in der Köpenicker Straße zu thun hatte, riet sie mir: „Gehen Sie doch nach der Allen Jakob- straße hinaus; das ist kürzer." Und das Haus hat wirklich zwei Eingänge, den einen von der Sehdesstraße, den andern von der Alten Jakobstraße." „Also Tu glaubst ---" „Ich bin fest überzeugt. Sie hat Dir befohlen, im! Wagen zu bleiben, und Du hast ihr gehorcht. Während Du vor dem einen Thore Wache gehakten hast, ist sie Dir durch das andere entwischt." „Noch beweist nichts Deine Vermutung. Warum sollte sie denn nicht in der Seydelstraße wohnen?" „Weil eine .Frau wie die eben durch Dich beschriebene! rn einem ganz anderen Viertel, in einem viel weniger bürgerlichen Hause wohnt." „So hat sie mir dann auch einen fasschen Namen angegeben? Sie heißt asso gar nicht Baronin von HÄpern?" „Sie hat Dir den ersten besten Namen hingeworsen, und Du in Deiner Unschuld, mein guter, armer Georg, hast es geglaubt. — Sie führt vermutlich einen anderen, glänzenderen und bekannteren Namen. Alles deutet cm, daß wir es mll einer sehr hochgestellten, aber auch sehr schlauen Frau zu thun haben." Tausend Erinnerungen tauchten ihm nun totefcer empor, und er erkannte jetzt selbst, daß seine Schwester rocht Mert dürfte. Dieser .Gedanke jedoch, von ihr angeführt ku sein, und dies gerade von der Frau, verursachte ihm eine solches Qmfl,^ daß .er noch zn dieser letzten Hoffmrng Zuflucht „Tu irrst Dich vielleicht doch. Ich will mich gMffl nochmals in die Stadt nach der Geydesstraße oder nach dem dortigen .Polizeirevier begeben, um dort Erkundigungen einzuziehen." „Was fällt Dir ein!" hiell sie ihn zurück. „W ist ein Uhr nachts, kein Mensch würde Dir jetzt Auskunft geben. Tu kannst morgen Deine Nachforschungen an stellen, toerm Du noch bei Deinen Illusionen beharrst. — Ich habe feine mehr." ’ - - Sie sprachen noch einige Augenblicks, sagten sich da» „Gute Nacht" .und ging en ;dder auf sein Zimmer. Wortsstzung folgt.) Die erste Weinlese. Eine lustige GeWchte von Anna Theiß (Giessens Nachdruck Verbotes „Nuten Morgen, Fräulein Ilse!" „Guten Morgen, Herr D-ollvrl Wissen €te schon, daß heute bei uns die Weinlese beginnt?" „Ja, ich hörte schon davon, imb Ihr Herr Bruder war «uch bereit gestern abend schon so fteimtstich, nttD dazu einzuladen — darf ich hoffen, daß Me dannt ein-, verstanden sind?" Ein halb bittender, halb fragender BLck rmZ den tvewr herzigen Ange» des Sprechenden begfeitete die Stcd-r und' rief auf dem Antlitz des hübschen, MMk» MWcheM eind leichte Nöte herv-ox. 576 „Mer selbstverständlich, Herr Doktor, ich' hatte sogar schon im voraus stark aus Ihre Hilfe gerechnet!" „Tie ich Ihnen mit größtem Vergnügen zur Verfügung ?teilen werde, sobald ich mich durch meine Stunden ge- chlagen habe. Ich wünschte mir nämlich schon lange, einmal einen richtigen Herbst mitzumachen, denn bei uns kennt man sa dergleichen nur vom Hörensagen. Bitte erklären Sie mir nur, was ich zu thnn habe." „Ach, die Arbeit ist nicht besonders schwer", lachte das junge Mädchen, „da heißt es nur: Trauben schneiden und essen und wieder schneiden und essen — und das geht dann so fort bis zum Wend —" Das Gespräch wurde im Flur des kleineu Hotels geführt und zwar von der jugendlichen Schwester des Besitzers uni> dem jungen Lehrer, der seit kurzem an dem Progymnasium des Städtchens wirkte und oben im Hause eilte Wohnung inne hatte — und die blonde Ilse war gerade im Begriff, ihrem aufmerksamen Zuhörer die Vorgänge bei einer Weinlese noch näher zu entwickeln, als sie von der heiteren Stimme ihres Bruders unterbrochen wurde. „Na, na, Schwesterlein, ich glaube gar, Tu beabsichtigst den Herrn Lehrer als Leser zu engagieren — nein, das giebts nicht! Da haben wir doch anders gewettet, gestern abend! Ich habe es nämlich übernommen, den Herrn ein wenig in die Geheimnisse des heiligen Hubertus einzuweihen, und drum macheir wir nachmittags erst einen kleinen Ruud- gang, nm zu sehen, ob uns nicht etwas vor die Büchse kommt, und treffen dann gegen abend auf der Höhe mit Euch zusammen!" Der junge Lehrer stand unschlüssig zwischen den beiden Und wäre offenbar am liebsten der Einladung der jungen Dame gefolgt, doch! diese machte seiner Verlegenheit ein rasches Ende. „Nun, wenn mein Bruder ältere Rechte hat, dann trete ich selbstverständlich zurück — also auf Wiedersehen zum Abend, Herr Doktor!" Tas Tagewerk auf dem Rebenhügel war schon soweit beendet, und die Leser und Leserinnen hatten bereits singend den Heimweg angetreten, als die beiden Herren in dem schmücken Häuschen oben auf der Höhe erschienen, woselbst die hübsche Ilse im Kreise einiger Bekannten emsig ihren Pflichten als Wirtin oblag. Sie hatten allerdings nur einige Feldhühner erbeutet, aber das tchat der Fröhlichkeit, mit der sie empfangen wurden, weiter keinen Abbruch. Ter Lehrer trat gleich auf die junge Dame zu. „Nicht wahr, Fräulein Ilse, Sie sind mir doch nicht böse über mein spätes Kommen? Morgen mach' ich's gewiß wieder gut und helfe Ihnen, so viel ich kann!" Ilse lachte. „Aber wo denken Sie denn hin, Herr Toktor, es war ja gar nicht so ernst gemeint, und das mit der Hilfe eigentlich! nur aus Scherz gewesen —" und dabei bot sie die mundgerechten Brötchen an und in den Gläsern perlte mit goldenem Schimmer das Beste, was die letzten Jahrgänge yervorgebracht, und half jene Stimmung erzeugen, die immer noch! am köstlichsten gedeiht dort, wo die Rebe blüht. Mer dem jungen Lehrer, der aus einer weinarmen Gegend gekommen, stiegen die Geister des feurigen Trankes zu Kopf, und er, der sonst so ruhig und zurückhaltend ivar, ivard nach und nach immer lauter und ausgelassener. Nun schlug er sogar auf den Tisch und stimmte mit vollem Baß das Lied an: „Ei, wie ist baS Leben schön — Leben schön — man muß es nur verstehn!" Else sah mit großer Besorgnis sein verändertes Wesen, und ihr war, als schnüre ihr etwas die Kehle zusammen. Aengstlich nahm sie den Bruder auf die Seite: „Fritz, thu mir doch den einzigen Gefallen und animiere ihn nicht, so sehr zum Trinken — sieh doch nur, was Tu aus ihm gemacht >— und Tu weißt doch, daß ec nicht viel vertragen kann!" x,Hm", und der Bruder faßte die Schwester bei den Händen und versEe ihr in die Augen zu sehen, „sag' mal, Ilse, it ft Dir der Lehrer was?" ' -m^^Evirrt, aber sehr energisch machte sich das junge Mädchen frei: „Ach, laß mich — wie magst Du nur so junge Mädchen üb und trat bald darauf verstimmr mit einem Teil der Anwesenden den Heimweg an. Ms die Nachzügler gegen Mitternacht endlich auch zu 'Hanse eintrafen, war der Lehrer, wie Ilse es im voraus gefürchtet, total berauscht. „Ach, Ilse — es war ja wirklich — gott—gottvoll", versuchte er zu sagen, und schwankte dabei bedenklich, aber der entsetzte Blick, den ihm das Mädchen zuwarf, schien ihn doch ein wenig zu ernüchtern, denn gleich darauf wandte er sich schwerfällig um, tappte die Stiege hinauf und warf die Thür seines Zimmers in das Schloß. Als er am nächsten Morgen nicht zum Frühstück erschien, suchte Ilse besorgt ihren Bruder aus. „Fritz, ich bitte Dich, sieh Dich doch einmal nach Deinem Kollegen von gestern abend um, er ist noch immer nicht erschienen, und es wäre doch die höchste Zeit für ihn, zur Schule zu gehen!" „Wird seinen Kapitalrausch noch! nicht ausgeschlafen haben!" lachte der unverbesserliche Spötter, ging aber doch hinauf, um nachzusehen. Als er nach geraunter Zeit wieder herunter kam, hielt er sich die Seiten vor Lachen. „Tu, Ilse, das ist ja ein köstlicher Spaß! Schick nur gleich hin und laß ihn krank melden, heut' kann er allerdings nicht fort! Außer einem tüchtigen Brummschädel ist er auch noch so steif im Rücken, als habe er den Ladestock selber verschluckt. Tenn denke nur, Ilse, Ija, ha, ha!" und wieder lachte er aus vollem Halse, „er hat die ganze Nacht aus seinem Gewehr geschlafen!" „Fritz", sagte das« junge Mädchen entsetzt, „und es war geladen?!" „Wer natürlich! Wie er's gestern abend umgehängt, so hat er sich mit ihm aufs Bett geworfen!" „Fritz — und Du kannst noch lachen? Wenn, es los gegangen wäre — wenn es ein Unglück gegeben hätte —" Thränen erstickten ihre Stimme — sie wandte sich ab und preßte die Hände gegen die Augen. „Ach, also so steht's?" sagte der Bruder gedehnt, dann zog er die leise Schluchzende zärtlich an sich. „Beruhige Dich doch, Schwesterlein, es tst ja doch nicht los gegangen und" — und wieder zuckte es verräterisch um seine Mundwinkel — „wie hätte sich's denn auch entladen sollen, es lag ja die ganze Nacht sicher unter ihm — und dann, weißt Du — mit dem Berauschten ist immer das Glück, und wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann! Er imponiert mir heute viel mehr. Dein Freund, und darum will ich auch hinaufgehen und sehen, ob ich seinem Anstand durch Massage ein wenig aufhÄfen kann." Wer den Schaben hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, und so wurde denn auch Wer den jungen Lehrer in dem ganzen Städtchen viel gelacht, doch, dieser war klug und lachte mit. „ Aber als die nächste Weinlese ins Land kam, da fand sie ein neues, junges Brautpaar, und obgleich der glück- liche Bräutigam mit den Geistern des göttlichen Rebensaftes längst auf sehr gutem Fuße stand, so hatten sie doch immer nur soviel Macht über ihn, als er ihnen selbst zugestehen wollte. L ; <. Magisches Quadrat. L Metall, 2. Fluß in Deutschland. 8. Gestalt der griechischen Sag». 4. Nebenfluß der Donau. In die Felder vorstehenden Quadrates find dir Buchstaben AA, DDDD, EE, G, LL, OO, BH, U derart einzntragen, daß die via wagerechten Reihen gleichlautend mit den vier senkrechten find und Wörta von da beigefügten Bedeutung hüben. (Auflösung in nächster Nummer.) Sjedaltion: Curt Plato. —..RvlativiMruck und Werlag ter BrühlMen UnIversitätS'Buch, und Eteindruckerei (Pietsch ErbrchdrEichen.