Freikig den 27. Juni Nr. 94 1902. ISU I I'.jiW vilöL1 (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) O, mein Gott!" stöhnte Löschnitz, „beschwören Sie nicht die Vergangenheit herauf!" Er stürzte ein Mas nach dem andern hinunter. „Jene Stunden — wenn ich sienur vergessen könnte! Allein mit ihr — im duftigen Teppichgemache — im magischen Dämmerlicht einer rubinroten Ampel, der ganze Erker voll Rosen und Hyacinthen — und sre — das verrliche Loreleihaar gelöst, im langfließenden, Wersten Ge- ->,ande — den göttlichen Marmorbusen nur von zarten Ken verhüllt — und irgendwo aus der Ferne erne weiche, träumerische Musik. — O, wenn ich es nur vergessen fötttttß , Beim Zeus, alter Freund! Nehmen Sie's mir nicht Übel," aber wenn Ihnen der Goldvogel so weit ms Garn gegangen war, hätten Sie ihn auch fest machen sollen. Die Sache müssen Sie höllisch unklug angefangen haben! „Ich war zu arglos, zu vertrauend." Das ist ein Fehler. Haben Sre denn nrchts m der Hand, um den Flüchtling zurückzuholen?" u 'Löschnitz fing an zu fchluchzen. Sre hatten die zweite Flasche Sekt fast geleert, und Löschnitz hatte den Löwenanteil gehabt. , ., ,o _ , , . „Ich habe ihr süßes Bild, werter nrchts.. Doch,, bei meiner Ehre! nie werde ich sie verfolgen oder sre belästigen, wenn sie mich verschmäht! Wer ich kann das Bild nicht mehr ertragen, ich kann es nicht. Jeden Dag nehme w mir vor, ein Ende zu machen, es zu zerreißen, zu zerstören, zu verbrennen — aber es ist, als wollte ich etwas Lebendes morden — ich kann es nicht! Lreber Freund, wollen Sie mir den Dienst erweisen? Ich gebe Ihnen das Bild im versiegelten Couvert und Sie versprechen, es ungesehen zri verbrennen. Wollen Sie?" „Gern." „Gut. Kommen Sie nach meiner Wohnung. Morgen mit dem Frühzug reise ich zu meinen Eltern. Von da in kürzester Zeit nach Amerika. Das alte Europa ist zu klein für mich, und die Last meines Unglücks. Ich brauchte eme neue Welt." _ , Stauffen hatte einige Mühe, den Schwankenden in deiner Lebenslage WE Bringt im Wechsel Lust und Plage; 13p Wie es kommt, so mußt du's nehmen, Und dich heitern Sinns bequemen, Bittre Schalen zu entfernen Bon den süßen Freudenkernen. Lbwe. eine Droschke zu bringen. In seiner Wohnung ubergcch ihm Löschnitz feierlich eine Kabinettsphotographie m einem geschlossenen Couvert und bat ihn schluchzend, sv schnell als möglich das Haus zu verlassen, damit fern Entschluß ihm nicht wieder leid werde. r , Stauffen that ihm den Willen, aber er verbrannte das Bild nicht. Bei der nächsten passenden Gelegenheit übergab er es Traute, erzählte ihr die ganze Geschichte und bat sie, das Bild im Couvert aufzuheben. Es rönne Löschnitz ja doch wieder leid werden, man könne autt} nicht wissen, ob es ihm nicht noch gute Dienste leisten werde. Und bei ihm sei es nicht sicher, Traute möge es aufbe-t Camill machte es Traute schwer, ihren Eltern das Versprechen zu halten, ihn nicht mehr allem am dritten Ort zu treffen. Er suchte sie auf jede Art zu weiteren! Spaziergängen und Ausflügen in die frühlmgsgrune Mn-, gevung der Stadt zu überreden, um ein Allemsem mit ihr zu ermöglichen. t ,. Ihren Widerstand suchte er auf dem Hmweg und Heimweg von der Malstunde mit Bitten und Flehen und zuletzt mit Zorn zu überwinden. Traute kam nach einem solchen heftigen Seelenkampf ganz niedergeschlagen und geknickt nach Hause. Trübselig saß sie aus ihrem Zimmer, als Armin bei ihr eintrat. Er sah etwas gedunsen und gerötet im Gesicht aus; deim er hatte sich eben erst von einem langen Mittagsfchlaf nasch einem angreifenden Frühschoppen erhoben. Aber hübsch und schneidig wie immer in seiner schwarz-roten Pekesche. „Trautchen, pnmp mir eine Mark. Ich bin ganz aus- Gebeutelt/' Traute suchte in ihrem mageren Portemonnaie groschen- weis eine Mark zusammen. , , U1 . „Was ist Dir denn? Du siehst ja so bedeppert Armin war stets Trautens Vertrauter gewesen, und so erzählte sie ihm jetzt die ganze Angelegenheit nut Stau ff en. . , r., . , ,, „Sieh mal", sagte Armin, indem er sich m den alten Ledersessel am Fenster rekelte, „da sind wir beide ziemlich in derselben Lage. Ich habe mich nämlich gestern nut Lillian verlobt." Traute blickte etwas erschrocken auf. Sie wußte zwar, daß Lillian gar nicht mehr gut auf ihren „süßen Fred- zu sprechen war, der im Laufe des Winters schireibfaul wurde, und, brieflichen Andeutungen einiger guten Freundinnen nach, jetzt einer gewissen braunäugigen Mmnie zu Fußen lag/ Aber sie kannte Lillian und deren Ansprüche an das Leben bereits zu genau, um an eine ernsthafte Chance snr ihren Bruder glauben zu können. Außerdem durfte dev zwanzigjährige Fuchs in den ersten Semestern gar nicht an eine Verlobung denken. , . o.rf. „Ich fürchte, Arnim, Tu täuschest Dich in Lillian. Sitz 374 tofll sich amüsieren, Wetter nichts, und in England ist ein solches Verlöbnis gar nicht bindend." „Ich bin ein Deutscher und kein Engländer, wie der Esel, der Fred. Lillian weiß, was sie von mir zu hatten hat." Traute machte neue Einwendungen in Betreff der Familie Severn, die Ansprüche an Lillians künftigen Gatten erheben dürfte, die Armin nicht erfüllen könnte. Aber Armin hatte dasselbe Selbstgefühl wie sein Vater. „Ich dächte, diese englische Krämerseele dürfte stolz sein, einen deutschen Kavalier zum Schwiegersohn zu bekommen. Lillian hat bereits eingesehen, daß wir Deutschen doch ganz andere Leute sind als ihre verrotteten Häringsbändiger daheim, die sich vor einem Duell fürchten, und sich eine Ohrfeige oder einen „dummen Jungen" mit Geld bezahlen lassen." Und nun entfaltete er Traute seine sehr optimistische Ansicht über die Zukunft. Zuerst wollten sie natürlich die Verlobung strengstens geheinr halten, auch vor seinen Eltern, bis er seinen Referendar gemacht habe. Die sächsischen Referendarien würden bereits besoldet und nrit einer anständigen Zulage vom alten Severn, den er als Millionär taxierte, könnten sie schon heiraten. Nach dem Assessor- examen wollte er sehen, bei der englischen Gesandtschaft anzukommen, und mit den Mitteln seiner Frau würde ihm das nicht schwer werden. Dann sollte sich, der alte Severn mal nach einem besseren Schwiegersohn umsehen! Er sprach mit einer solchen Sicherheit und Zuversicht von diesen Zukunftsplänen, daß Trautens Bedenken mehr und mehr schwanden. Ihr Vater hatte ja selbst oft dem Sohu geraten, einmal eine reiche Engländerin zu heiraten zur Gesandtschaft zu gehen. Und mit einer solchen Stellung wurde Lillian wohl auch zufrieden sein. „Famos, Schwesterchen, wenn ich erst Gesandtschafts- attachec in London bin und Du Gräfin Stauffen bist, dann wollen wir der Welt etwas zeigen! Es kommt ja im Leben alles auf die Persönlichkeit an. Es müßte sonderbar zugehen, wenn wir beide nicht unser Glück machten. Na, Und Hulde wird als Frau von Lodenstein auch ganz zufrieden fern, wenn sie auch nicht gerade wie wir das große Los gezogen hat. — Vorläufig wollen wir uns gegenseitig helfen, ü>o wir können. Die Eltern werden nichts dagegen haben, daß Du mit Stauffen nach wie vor mit Lillian und mir spazreren gehst. Na, und wir nehmen dann Rücksichten auf ernander." Der künfttge Gesandtschaftsattachee erhob sich, zog vvr dem Spiegel die Pekefche stramm, bearbeitete seinen S. C.° Schertel mit zwei Taschenbürsten, und suchte darauf im Nebenzimmer nach Rock und Mütze. „Da unten laufen Schütz und Brandes. Ich muß ihnen najch. Wrr wollen die Fahrt nach! dem Bterdorf ausknvbeln. Heute abend vor dem Kommers komme ich noch, ans einen Augenblick, um Lillian zu sehen. Mach nur, daß Ihr beide dann allein auf Deinem Zimmer seid." Traute war zu froh, aus dem Dilemma zu sein, um ote Sache nicht im besten Lichte anzusehen. In allen Romanen, die sie gelesen, hatten, ja Liebesleute noch ganz andere Schwierigkeiten zu überlvinden, als sich ihr und chrem Bruder entgegenstellten. Ihrem Liebesglück und threir neunzehn Jahren schienen alle Hindernisse nur Maulwurfshügel zu sein. Dreizehntes Kapitel. Armin und Lillian trafen jetzt jeden Abend heimlich tu Trautens Zimmer zusammen. Die Gelegenheit war günstig. Miß Buxton pflegte um diese Zeit ihre Briefe zu schreiben oder Klavier zu spielen, und Lillian hatte deutsche Sprachstunde bei Traute, die sehr froh war, sich damrt ein kleines Taschengeld machen zu können. Armin behauptete, daß Lillian in fünf Minuten mehr deutsch ber rhm lerne als bei Traute in einer Sttmde, und so sand er sich regelmäßig ein. Mau saß dann sehr gemütlich plaudernd beisammen, und ereignete es sich, daß Miß Buxtons Schritt auf bem Korridor gehört wurde, so verschwand Armin Hals über Kops i.i der anstoßenden Schlafkammer. Miß Buxton zeigte nun seit einiger Zeit ein etwas unbequemes Interesse an den deutscheii Sprachstudien ihrer Schülerin. Sie kam häufig, und es geschah mehr als einmal, daß Arnim eine ganze Stunde, statt in der süßen nächsten Nähe der Geliebten, höchst unbequem regungslos zwischen Trautens Kleiderschrank und Waschtisch gettemult, allem in der dunklen Kammer verharren mußte. Einmal hätte er sich sogar fast verraten. Miß Buxtons Kommen wurde bei einem besonders interessanten Gespräch zu spät gehört, Armin mußte sich mit einem verzweifelten Satz in die Kammer retten, um nicht erwischt zu werden, und sprang in der Eile gegen Trautens Toilettentisch, so daß alles in und auf demselben klirrend übereinanderfiel, und am Boden rollte. Miß Buxton, die in demselben Augenblick eintrat mit ihrem gewohnten sanften, würdevollen Lächeln, blickte etwas entsetzt nach der Kammerthür, aber Traute sagte mit Geistesgegenwart:' „Was die Leute über uns nur immer für einen Spektakel machen!" Bei Armin, der ivieder für den Rest der Stunde kalt gestellt war, reifte indessen ein großer Entschluß. „Der Sache muß ein Ende gemacht werden", erklärte er energisch nach seiner endlichen Befreiung. „Und wenn ich Miß Buxton in ihrer Stube einschließen muß! Aber halt! ich habe eine Idee! Wir müssen dem Interesse der wür- digen Dame eine andere Richtung geben. Sie ist unbeschäftigt, barum widmet sie uns zu viel von ihren Gedanken und ihrer Zeit. Ich müßte mich sehr irren, ivenn Mr. Hopkins nicht im stände sein sollte, sie angenehm zu fesseln. Das giebt einen Hauptspaß, wenn wir die beiden zusammeu-- bringen!" „O", lachte Lillian, „Miß Buxton verehrt Herrn Hopkins sehr. Sie geht jeden Sonntag zu ihm in die Kirche, und wenn ich über ihn lache, wird sie ernstlich böse. Sie sagt, er habe ein schönes Organ, sie höre ihn so gern lesen und sprechen." „Tas giebt mir einen zweiten famosen Gedanken. Sag' mir schnell, welches ist Miß Buxtons Lieblingslektüre?" rief Armin. „Brrrrr!" schüttelte sich Lillian, „ein gräßliches Buch! John Bunyans Pilgerreise!" „Gut, darauf gründet der kluge Mensch seinen Plan. Miß Buxton soll uns nicht mehr stören." Am folgenden Tage machte Armin Mr. Hopkins einen Besuch _ auf seinem Zimmer. Er war überrascht, als er bei seinem Eintritt niemand in den vier Wänden erblickte, trotzdem er den würdigen Geistlichen deutlich „herein" rufen hörte, als er anklopfte. Er sah sich ratlos! um, als plötzlich, zu seinem nicht geringen Schreck, Mr. Hopkins von , der Decke herab vvr seine Füße fiel. Jetzt entdeckte Armin oben an der Zimmerdecke eine Art Durn- vorrichtung, an welcher Mr. Hopkins, von einem großen Kleiderschrank verborgen, gehangen hatte. Derselbe erklärte mit vergnügtem Grinsen, daß er seine freie Zeit stets da oben zubringe, um durch gymnastische Hebungen seine angegriffene Gesundheit über feinen mangelhaften Appetit zu stärken. Er fing sofort an, im ganzen Zimmer nach einer Broschüre zu suchen, die von den Segnungen solchen Zimmersports, verbunden mit kalten Abreibungen unb Bädern handelte, und ivieder fand es Armin schwer, ernsthaft zu bleiben bei dem Suchen. Als die Broschüre sich nicht unter den Papierbergen aufgehäufter englischer Zeitungen, unter den Quart- und Foliobänden des Bücherschranks, noch auf dem wüsten Durcheinander von Schriften und Rauchutensilien auf dem Schreibtisch finden ließ, kroch Mr. Hopkins in seiner ganzen Körperlänge unter das Sopha, brachte jedoch von dort nur einen alten heruntergetretenen Filzschuh und eine durch Staub in der Farbe unkenntlich gemachte englische Reisemütze zum Vorschein. Hierauf stöberte er hinter dem Ofen und schien durchaus nicht überraschet, an diesem ungeeigneten Ort sein Badehandtuch und ein Nachtgewand zu finden. Im nächsten Augenblick, ivährend Armin zum Fenster hinaussah, um einen krampfhaften Lachanfall zu unterdrücken, ivar er überhaupt wieder gänzlich verschwunden. Armin glaubte ihn in der anstoßenden Schlafkämmer, prallte aber mit einem Schreckensruf zurück, als Hopkins rückwärts aus dem großen Kleiderschrank herausfiel, die Füße hilflos in allerlei Gegen- tände verwickelt, die sich als ein Paar Unterbeinkleider, Kofferstricke und einen alten Regenschirm, der ihm zwischen die Beine gekommen war, entwickelten. Wer er hatte die gesuchte Broschüre in einer Rocktasche int Schrank gefunden, was ihm abermals ein vergnügtes Grinsen entlockte. „Wissen Sie was, lieber Mr. Hopkins", sagte Armin, nachbem er einen Blick in die vielgepriesene Broschüre geworfen, „diese Kur wäre ganz ausgezeichnet für Miß Bnx- 375 das der zur ton. Diese ar,ne Dame reibet so sehr an schwachen, Magen und Appetttinaugel, bah Sie ein gutes Werk thäten, sie zu Ihrer Zimmergymnastik zu bekehren. Mih Buxton wird Ihnen erwidern, sie habe keine Zeit dazu, aber sie sollte es wenigstens jeden Tag eine Stunde versuchen, zuni Beispiel, wenn Miß Lillian deutsche Sprachstunde bei meiner Schwester hat, könnte sie sich wohl die Muße dazu nehmen. Ich glaube, Miß Buxton wäre Ihnen überhaupt sehr dankbar, wenn Sie als Landsmann sich ihrer ein bißchen au- nähmen, sie ist eine so fromme Dame und hat eine große Verehrung für Sie als Geistlicher. Sie sprach neulich mit Begeisterung von Ihren Predigten, und äußerte, sie würde viel 'darum geben, wenn Sie ihr einmal ihr Lieblingsbuch, John Bunyans Pilgerreise, vorlesen wollten. Es würde eine große Erbauung für sie sein." Mr. Hopkins lächelte sehr geschweichelt. „Das will ich gern thun. Und wann, sagten Sie, hat Miß Buxton Zeit, mich zu empfangen?" „O, immer am besten abends zwischen sechs und sreben, wenn es Ihnen paßt/' Armins Besuch war von glänzendem Erfolg gekrönt. Schon am folgenden Tage, Punkt sechs Uhr, klopfte es an Miß Buxtons Stubenthiir. Die Gouvernante war ein wenig überrascht, als Mr. Hopkins mit seiner üblichen unerschütterlichen Ruhe eintrat, ein Buch in der Hand und einen sonderbaren Apparat von Stangen und Stricken unter dem Arm. Er überreichte Miß Buxton mit einer gewissen Feierlichkeit die Broschüre über Zimmergymnastik und kalte Abreibungen und sagte, wenn Miß Buxton diese Schrift gelesen habe, würde sie zu dem dringenden Verlangen, den ausgezeichneten Ratschlägen zur Wiederherstellung „ ihrer Gesundheit zu folgen, keinen Augenblick widerstehen können, weshalb er ihr zur sofortigen Probe seinen Zimmer-Turnapparat mitgebracht habe. Derselbe sei leicht zu befestigen, er brauche nur diese beiden Haken in die Thürpfosten zu schlagen, dann könne sie sich gleich eilt wenig anhängen und unter seiner Leitung die Anfangsexperimente machen. Es würde ihm zum Vergnügen gereichen, ihr unterdessen aus John Bunyans Pilgerreise vorzulesen. Miß Buxton war so überrascht und gerührt über diese plötzliche Anteilnahme an ihrem körperlichen und geistigen Wohl, daß sie Hopkins keine ganz,abschlägige Antwort zu geben wagte, obgleich sie mit einigem Schauder den Experimenten entgegensah. Mr. Hopkins hatte in kürzer Zeit sein Hängereck befestigt. „Die Sache ist sehr einfach", sagte er, „fürs erste hängen Sie sich nur einmal fünf Minuten an. Sie glauben nicht, wie es die Muskeln stärkt und geschmeidig macht." Er konnte mit seinen langen, dünnen Armen Reck vorn Fußboden aus erreichen und machte lächelitden Gouvernante einige seiner Turnübungen Probe vor. (Fortsetzung folgt.) Aus der.Hochstaplerwelt. Von Adolf Höllerl. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Wie lange ich in dieser kalten, feuchten Grübe gelegen haben mochte, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich plötzlich über meinem Grabe ein Geräusch hörte, das immer näher kam, und sich anhörte, wie das Fortschaufeln nasser Erde. Ein Hoffnungsstrahl belebte mich! Tas Geräusch kam immer näher und näher, bis mein Ohr ganz deutlich Stimmen vernahm. Die eine davon erkannte ich sogar dem Klanglaute nach; sie war die meines Hauswirtes, während mir die andere völlig fremd war. — „So, nun reichen Sie mir das Brecheisen und den Hammer", spracht mein Hauswirt. Der Unbekannte erwiderte darauf nichts, doch mir schien, als hätte er ihm das gewünschte Handwerkszeug zugeworfen. Gleich darauf sprang ein Zweiter in die Grübe. Der Sargdeckel war ziemlich rasch geöffnet; ich merkte ein Tasten an meiner Brust, und dann ein Reißen und Zerren, das meinen Orden- und Ehrenzeichen galt, nud plötzlich fühlte ich einen Schnitt an meinem kleinen Finger der linken Hand, au dein ich einen kostbaren Brillantring zu tragen pflegte. War es nun das Schreckliche und Eigentümliche meiner Situation, oder die durch den Starrkrampf und die Kälte veranlaßte Leblosigkeit meiner Gliedmaßen — genug, ich hatte nur das Gefühl, als ob mir jemand einen Riß ober einen ganz schmerzlosen Schnitt beibrachte; daß mir der Finger völlig abgeschnitten worden war, das bemerkte ich erst später. Dieser Schnitt und der damit verbundene Blutverlust wirkten auf mein ganzes Wesen wie ein Wunder. Tas Blut kreiste von Neuern, meine Nerven vibrierten, die Zentnerlast, die meine Brust zu zerdrücken drohte, war gewichen, meine Muskeln streckten sich wie das Tauende eines Schiffes bei hoher See, und ich atmete endlich wieder. Meine beiden Lebensretter — als solche betrachtete ich sie — hatten sich bereits entfernt, als ich mich nach und nach daran machte, meine unheimliche Stätte zu verlassen. Mit unendlicher Mühe gelang es mir, den Saras mit dem breiteren Ende nach oben zu dirigieren, und mich mit übermenschlicher Kraftanstrengung hinaufzuschwingen. Tann tappte ich mich zwischen Grabdenkmälern und Kreuzen bis zu dein Häuschen des Totengräbers durch, und zog die Klingel. Entsetzen ergriff den alten, weißhaarigen Mann, als er meiner ansichtig wurde, verstört, blutig, und schmutzig, wie ich war. Ich sah ganz deutlich, wie sich seine Haare sträubten, und dabei traten seine Augen aus ihren Höhlen, daß ich nun meinerseits wieder ein Gespenst zu erblicken glaubte. Ich gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß ich fein Geist fei, sondern ein Dem Grabe entstiegener, lebender Mensch sei. Nun holte er seinen Gehilfen, sie ließen mich ein, verbanden mir, zitternd und bebend an allen Gliedern, meine Wunde, wickelten mich in Decken, gaben mir Braimtweiu zu trinken, und legten mich dann, nachdem sie ein tüchtiges Feuer im Ofen angezündet hatten, zu Bette. Ich verfiel darauf in einen totähnlicheii Schlas, und als ich erwachte, befand ich mich in einem Hellen blau austapezierten, freundlichen Zimmer der Klinik auf weißem Sinnen gebettet; um mich herum standen Aerzte, Prose foren, Freunde und Bekannte, streckten mir ihre Hände entgegen, und gratulierten mir zu der Freude einer glücklich überstandenen Gefahr. Als ich nach ungefähr acht Tagen wieder soweit hergestellt mar, um das Bett zu verlassen, und auf einem Stocke gestützt, das Zimmer durchwandern zu können, da warf ich fo" von ungefähr einen Blick in den Spiegel, taumelte aber entsetzlich zurück — mein Haar war schneeweiß geworden. Meine beiden Lebensretter — die Polizei-Behörde war durchaus anderer Meinung wie ich, und nannte die beiden beharrlich Hochstapler, Verbrecher, ja sogar Leichenräuber niachten sich für ihre edle Thal zwar selbst bezahlt, doch war mir der Preis dafür nicht zu hoch. Ich hätte ihnen noch gern zehn Millionen dazugegeben, wenn ich sie nur gehabt hätte. An meinen Orden lag mir so viel wie nichts, und ich würde, wenn ich zu bestimmen gehabt hatte, gar nicht gestattet haben, daß mir diese Fleiß-Billette für große Kinder mit in das Grad gegeben worden waren. Was den Ring anbelangte, so hat er sich mir gegenüber allerdinas als Fetisch bewährt; denn ihm allem hatte ich mein Leben zu verdanken, und es that mir nur insofern Leid um ihn, als er ein teures Andenken meiner inzwischen verstorbenen guten Mutter war, an dem materiellen Werte desselben lag mir jedoch ebenfalls fo viel wie nichts. Daß meine Bibliothek, die allerdings einen hohen Werk repräsentierte, verschwunden war, brachte mich nicht ans der Fassung; denn sie war nach und nach wieder neu zu beschaffen, und es dürften sich schwerlich viele Werke von Bedentung darunter befunden haben, die nicht auch in der großen Universitätsbibliothek vorhanden gerne] en fein wären, außerdem hatte ich den Inhalt der besseren Werke davon in meinem Kopfe. Den Verlust meiner Wertpapiere und Spareinlagen ertrug ich leicht — sie machten in deutschem Gelbe höchstens 150—200 000 Mark aus — und das wenige Bargeld, das ich besaß, 3—4000 Mark, nun das hatten meine beiden Freunde sicherlich durch ihre nächtliche Wanderung und das Grabschaufeln verdient. Diese Gründe legte ich dem Polizeiminister bereit und überzeugungsvoll dar, und ich führte ihm außerdem zu Gemüte, daß er mir einen speziellen Gefallen erweisen würde, wenn er von einer Verfolgung meiner sieben Freunde absehen und die ganze Sache, wenn sie wirklich aufkommen sollte, Niederschlagen möchte, doch davon wollte die alt® 376 9?ebaftton: Curt Plato. Rotationsdruck »nd Lerlaa der Brübl'scheu Universitäts-Buck- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen. äche des Gardasees, I , Ruf bte Eingabe eines Hauptmanns a. D., der um die südlichen Charakter ! Erlaubnis nachsuchte, seine Uniform tragen zu dürfen, und e । Von dem es bekannt war, daß er stark unter dem Pantoffel! r- I seiner Frau stand, schrieb er: „Meinetwegen, wenn seine Frau es erlaubt." — Und als eine der Primadonnen des Hoftheaters um Gehaltserhöhung bat, notierte er am Rande: „Ist nicht nötig. Tie muß ohnehin bald die Altersrente erhalten." ^cellenz durchaus nichts tot)fett. Nur etns fiel mir bei I Hafen. Dort verabschiedete ich mich und gab ihnen den dresenr wunderlichen Ereignisse auf, und das ivar, daß auch Rat, sich nach Mailand oder Venedig einmschiffen meine GYmnastal-Zeugntsse merne Universitäts-Matrikeln Als ich wieder in mein Hotel zurückgekehrtwar wurde und mein Doktordiplom fehlten. Welchen Wert konnten ich mit Fragen bestürmt und überschüttet 9 ' biefe paptere für einen anderen haben? I Ich begab mich an meinen Rlaü mnrpn Th schrecklichsten Episode meines I Flasche Capri bianca und erzählte, unter atemloser Span-, k 22“ ^^der sowett körperlich nung der Zuhörer meine Geschichte. P uttb getsttg hergestellt, daß ich merne .Vorlesungen auf- I ------------- nehmen und meine Ehrenämter und anderweitigen Funk- I hotten, die mir meine Professoren-Würde auferleaten I » VWIIWJCT?«»* wieder übernehmen konnte^ Jedoch war ich noch immer 85?Ctt *£«*?**& bon sehr nervös, und meine Freunde drangen in mich, daß ich I Recht hat man den Kömg mit Kaiser Wtlhelm eine Luftveränderung vornehmen und den paradiesischen I "em Ersten verglichen. Neben anderen Charakterzügen hatte Süden zu einem längeren Aufenthalte wählen sollte. Ich I lPm „Ech den der Einfachheit gemein. Es dauert« rüstete mich zur Mreise und richtete meine Reiseroute so I verhältnismäßig lange, bis er einen von ihm vielgetragenen ein, daß ich nicht über den Brenner fuhr, sondern über I £ ganz ablegte, und sein Kammerdiener hatte alle Mühe, Tirol meinen Weg nach den gesegneten Gefilden Italiens I l?,tt ä'um Anpassen eines neuen Kleidungsstückes zu bewegen, uahm. Ich kam auf meiner Tour, da ich) mit Vorliebe eW «ach einer solchen Anprobe in den großen ruhige, weltverlorene und romantische Orte aufzusuchen | Rittersaal des Dresdener Schlosses trat, sagte er seufzend: pflegte, nach der im westlichen Südtirol in der nordwest- | &„3e hatten es die alten Ritter in ihren ehernen lichen Bucht des Gardasees gelegenen Hafenstadt Riva Rüstungen! Tie konnten keine überflüssigen Falten werfen!" Mir gefiel es hier-außerordentlich, und ich entschloß mich, l ■. Selten finden sich bei den Eingaben, die der König einen längeren Aufenthalt in diesem Dhalgrunde zu nehmen. I Randglossen von seiner Hand, doch sind von hum o- Riva verdankt seine günstige Konfiguration der sich I mstischen Bleistiftbemerkungen folgende bekannt: nach Süden hin ausdehnenden Wasserfläche des Gardasees. 1 W1,r Sio -----° ~ -- und bte glückliche Lage findet in dem \ der Vegetation, die mit ihren Hauptvertretern, der Olive und Steineiche, der Mittelmeerflora angehört, entsprechenden Ausdruck. Die sanfte Abdachung des Thalbodens gegen das Seeufer und dessen leichte Turchlässigkeit gestattet feine .in)ammlung und Stagnation von Niederschlägen, und der wette Seespiegel dient dem Thale als Reservoir reinster . r Luft und wtrkt als Regulator gegen jähe Temperatur- I Stud dtese Aeußerungen des königlichen Humors nur sprnnge. Da außerdem der sanfte Südwind, Ora genannt spärlich, so konnte der sächsische Herrscher selbst viel Wer- dte warmen Luftschichten wohlthatig abMhlt und erfrischt guugen empfinden, wenn Personen seiner Umgebung ihrem so kann der Sälubrität des Klimas von Riva mit Recht I 25die Zügel schießen ließen. Einst kam der Kommerzien- etne restaurierende Potenz zugesprochen werden. rat R., ein älterer, kahlköpfiger Herr, zur Audienz, um Es war an einem Freitag, als ich von einer der Herr- I sich für einen ihm verliehenen Orden zu bedanken. ltchen Dampferfahrten auf dem ewig schönen Gardasee in I »Wie? Das scheint ja Ihr erster Ordensstern zu sein?" mein Hotel zurückkehrte. Ich kam zum Mittagstisch zu spät, I fragte er, als er den einsamen Stern auf dem Frack und es mußte mir daher eigens nachserviert werden. Da I des Kommerzienrats bemerkte. hörte ich einen der Gäste, die bereits beim Giardinetto I „Jawohl, Majestät!" erwiderte dieser seufzend, und auf augelangt waren, die Worte ausrufen: „Mein Herr, welch I seinen Kahlkopf deutend, fügte er hinzu: „Bei uns vom herrltchen, kostbaren Ring tragen Sie an Ihrem Finger<" I Zivil kommen die Sterne immer erst, wenn der Mond Die Antwort, die der fremde Herr darauf gab, konnte ich I aufgegangen ist."--- nicht verstehen, doch sah ich, wie er den Ring von seinem I Weber diese witzige Aeußerung amüsierte sich der König Ftnger zog und ihn dem Fragesteller überreichte. Dieser I ebenso sehr, wie über die einfältige des Bürgermeisters! gab thn wieder seinem Nachbar, und der letztere tyat das I eines erzgebirgischen Städtchens, welches der König be- Gleiche, sodaß der Ring die Runde machte und von jedem I suchte» Als 'er fragte, ob die Stadt vielleicht einen Wunsch' der Speisenden gesehen und bewundert werden konnte. Nun I habe, erwiderte der Bürgermeister: kam ich an die Reihe. Ich warf nur einen Blick auf den I „Majestät, wir bitten, unseren Ort zum Kurort er- Retfen, um sofort das Kleinod zu erkennen, das mir meine nennen zu wollen." teure Mutter ehedem geschenkt. Natürlich faßte ich, den I , Wttb bte guten Leute waren glücklich, als ber König Träger meines Fetisches nun etwas näher ins Auge, uttb | diese „Ernennung" auf ber Stelle vollzog. erkannte in ihm denn auch sogleich meinen Hauswirt, und I Der Gaul in der Wirtschaft. Einen seltenen Besuch tu der neben ihm sitzenden Dame seine Frau, bei welchen hatte dieser Tage eine Wirtschaft in der Allerheiligenstraße ich so lange ^ahre in E. gewohnt. I in Hamm: Nämlich eilt edles Droschkenpferü, dessen Leb en s- Als tch mein Mittagessen beendet hatte, und der fremde I schicksale durch diesen Wirtshausbesuch um eine interessante ^^cuenßet dem Kellner noch eine Flasche Champagner I Episode bereichert worden sind. Ein wohlerzogenes bestellte, stanb ich von meinem Sitze auf, näherte mich I Drosch kenpferd flieht im allgemeinen das Wirtshaus nie, siomden Ehepaar, und indem ich mich ihm gegenüber I es wird dazu schon von seinem allezeit dursttgen Herrn asUItellte und mich zur vollen Manneshöhe emporrichtete, I erzogen. Hier handelte es sich aber gar um eine Wette hielt tch ihnen, ohne ein Wort zu sagen, meine linke Hand I seines Herrn mit einem Gast, und mit umso berechtigterem. Mit dem ab geschnittenen Finger hin. " I Stolz wagte der brave Gaul den Gang. Es gelang bestens. Ein Schrei, ein entsetzlicher Schrei aus dem Munde I Durch die Hinterthür betrat, stolz wie immer, die edle der Frau, ein dumpfer, gurgelnder Laut von Seite des I Rosinante das Bierlokal, empfangen von dem Hallo Ser J.cantte§, itni) bet&e sanken ohnmächtig von ihren Sitzen. I Gäste, und nahm am Klavier den Ehrenplatz ein. Möchte ttaf Anstalten, daß die Ohnmächtigen in ein ent- I man da nicht vor Vergnügen — wiehern! ttgenes Zimmer geschafft wurden, und bemühte mich nach „ ---------r t Kräften, ste wieder zum Bewußtsein zu bringen. Als mir Pyramide. dies gelungen war, teilte ich ihnen das Wissenswerteste I ®_ Vokal. iener fürchterlichen Nacht mit, versicherte sie meines un- A« Uswort. bedingten Stillschweigens der E.....aher Polizei aeaen- I ® ... „ 9rrsatfmir nur beu Ring, der für mich ein so I Atte? Fahrzeug.' * kostbares Slnbenken an meine Mutter bildete. ® @ • • • Teil des Tierkörpers. , ^W/oetn Ich aus dem Munde meines früheren Haus- I Von der Spitze beginnend soll i.mn jede weitere Reihe durch Hinzu- Wirtes vernommen hatte, daß sein Helfershelfer jener fremde I üigung eines Buchstabens unter beliebiger Stellung der übrigen Buchstaben und angeblich berühmte Arzt war, der sich meine Zeugnisse I bilden. (Auflösung in nächster Nummer.) * 9Iufl8|un9 w