t! ä MW h.noii. Gle^-serT 1902. — Nr. 47. I - Karfreitag uub Ostern diesseits und jenseits des Ozeans. Von Heribert von Hiller-Sternberg. (Nachdruck verboten.) Wie mit sonnenhellen goldenen Lettern hebt M, das Aerherßnngsyolle, Wort Auferstehung von den düsteren Vorstellungen ab, die sich das Menschenherz über Sterben und Vergehen macht. Der Heiland, der mit dem qualvollen Sterben fernes irdischen Leibes den Tribut des Menschen- daserns entrichtete und die Welt von Schuld und Sünde befrerte, rst auferstanden. Mag auch der Leib in Staub und Asche zerfallen, der Geist bleibt lebendig und wirkt hinaus rn dre ferne Zukunft über Jahrhunderte und Jahrtausende. irdisches Gebot, und wenn zum Osterfest Dre Glocken läuten, dann öffnet sich aus der Vergänglichkeit rn die Unendlichkeit ein. Ausblick, an den sich die Hoffnuna auf ein Wiedersehen klammert. . .^ben diesem rein religiösen Inhalt des Osterfeswsi, der überall der gleiche ist, wo man das Zeichen des Kreuzes aufgerrchtet hat, haben die Ostern, wie jede andere kirchliche Feier rn zedem Lande einen anderen und besonderen Stimmungswert, der ihnen aus. der Eigenart und der Denkunqs- werseE der Volksseele heraus ausgeprägt ist. Dem Deutschen wre überhaupt dem Nordländer sind sie ein Frühlinasfest rn dessen Tagen der glühende Kuß der Sonnenstrahlen die ersten Bluten aus dem grünenden Rasen hervorlockt: in Äderen klimatisch mehr begünstigten Himmelsstrichen, wo dre Bluten des neuen Jahres um diese Zeit schon verwelkt Ehr der Charakter der Osterfeier als eines Abschlusses der freiwillig aufgenommenen Zeit des Fastens und Entbehrens hervor, und auf der südlichen Halbkugel der Erde, wo es um diese Zeit bereits stark herbstelt, ist es ein Fest der Ernte und der reifenden Früchte. Wer sich da mit Gedankenschnelle in der Zeit von Gründonnerstag bis zuin Auferftehungsfonntage nach weit von einander gelegenen Teilen des Erdballs versetzen könnte, vermöchte ein großes Stück kultureller Entwickelung zu übersehen; er würde erkennen, wie sich trotz der Gemeinsamkeit des Stammes am grünenden Baume der Menschheit jeder Ast und jedes Zweiglein zu besonderer Individualist entwickelt. Begeben wir uns zuerst ins heilige Land. Einst floß hier in Kriegen von zweihundertjähriger Dauer das Blut der Kreuzfahrer; vergebens kämpstechie. glühende Begeisterung des abendländischen Christentums um jeden Zoll des teuren Bodens, der schließlich unweigerlich der Gewalt des Halbmondes verfiel. Dann ward es still, und nur das Gebet einzelner Büßer und Pilgrime, deren Kommen der seinen Vorteil klug berechnende Muhamedaner nicht ungern sah, ertönte an den Stätten, deren Namen das Kind schon lernt vom ersten Beginn seines Unterrichts, und zu denen auch, der andächtige Sinn des Erwachsenen oft im Geiste hinübereilt. Heute ist es hier wieder lebendig geworden. Die kriegerische Religion des Islams ist samt seinen staat- lichen Formen matt und schwach geworden, wie ein Gespenst am Hellen Tage: dem festen Willen des geeinten Europas! wäre es ein leichtes, die äußerlichen Zeichen christlicher Staatsgewalt hier aufzurichten. Doch das ist nicht mehr nötig; denn auf dem modernen Verkehrsmittel, der Eisen-, bahn, kommen von Jaffa herauf in Hellen Scharen die frommen Wallfahrer, wie die neugierigen Vergnügung^ reisenden, und um Ostern herum vernimmt das Ohr des! aufmerksam Aufhorchenden die Sprachen aus aller Herren Ländern^. • Da für den Katholiken die Siebenhügelstädt am Tiber mindestens die gleiche Anziehungskraft hat, wie die heiligen Stätten Palästinas, weil ferner die Veranstaltung großer Pilgerzüge nicht im Sinne der protestantischen Völker liegt, die jedoch unter den Vergnügungsreisenden hier die Mehrzahl bilden, nicht zum mindesten aber, weil die Länder des griechisch-orthodoxen Kirchentums sozusagen von der Thür liegen und selbst eine Reise von Südrußland hierher auf dem Zwischendeck nicht mehr kostet als eine solche von der Peripherie Deutschlands nach dessen Zentrum, spielen die orthodoxen Popen — gewiß zum Leidwesen des Wesd- europäers — hier die weitaus größte Rolle. Zu tausenden drängen sich, in den Straßen und Kirchen, am meisten natürlich in der heiligen Grabeskirche die russischen Mu- schrks; denn die Entzündung des heiligen Feuers ist wtchji tiger als die Grablegung am Karfreitag, als die Jubeli messe des Ostersonntags; obwohl sie streng genommen eine der durchsichtigsten Komödien ist, die der Bischof des heiligen Feuers innerhalb der Grablegungskapelle auf Höchst prosaische Weise mit einem Feuerzeug von gewiß wenig heiliger Herkunft ausführt, indem er die Fackel entzündet, an welcher alle Teilnehmer der Feier ihre Lichter entflammen, um_ dann die Stümpfe der geweihten Wachskerzen als geheiligte Reliquie in das heimische Dorf in der Ukraine oder an den Ufern der Wolga mitzunehmen, wo dasselbe als eine kostbare Erinnerung für das ganze Leben aufbewahrt wird. Doch für den, der den wahren Sinn des Christentums in seinem Kerne erfaßt hat, verschlägt dies ebensowenig wie der Umstand, daß die detaillierten topographischen Angaben, toetife uns in und um Jerusalem und Bethlehem auf Schritt und Tritt gemacht werden, vor der Kritik der archäologischen Forschung nicht bestehen können. Ob! an der Stätte, welche Harun al Raschid im Jahre 807 Karl dem Großen geschenkt haben soll, und wo sich jetzt die in gotischer Architektur in weißem Marmor ausgeführte Gruft Christi, erhellt von dem Schein silberner Ampeln, befindet, wirklich der Leib des Erlösers geruht hat, kann der wahren Frömmigkeit schließlich ebenso wenig Eintrag thun, tote der Lärm, der den großen Kirchenraum erfüllt, wenn in den Kapellen der verschiedenen Konfessionen gleichzeitig kirchliche Handlungen vorgenommen werden und der hehre Orgel« 186 ton aus der katholischen Kapelle sich mit dem Hymnus der Griechen, dein Gemurmel der armenischen Priester, dem Stöhnen der koptischen Einsiedler und den Pauken des abyssinischen Kultus vermischt. Der Glaube von fast 500 Millionen Menschen, des auserlesensten Drittels der Menschf- heit, umschwebt nun einmal wie ein unsichtbarer, aber darum nicht weniger mächtiger Genius, als ein heiliger Geist diese Stätten und verleiht ihnen eine Bedeutung und Größe, die für jeden eine unvergeßliche Erinnerung bleibt, der nur einmal vorübergehend hier geweilt hat. Nimmt der russische Kultus namentlich zu Ostern in Jerusalem unbestreitbar die erste Stelle ein, so ziemt es sich auch, zu betrachten, wie der Russe in seiner Heimat das Fest der Auferstehung feiert. Für ihn ist es das erste und höchste Kirchenfest des ganzen Jahres und beginnt mit der großen Messe tti der Nacht vor Ostersamstag auf den ersten Festtag, in welcher jeder, den nicht strenge Berufspflichten daran verhindern, sich bemüht, eine der großen Kathedralen zu besuche«. Gegen Mitternacht hebt der feierliche Gottesdienst an, an dessen Schluß der Geistliche mit der sonoren Stimme, wie sie den meisten russischen Geistlichen eigen ist, feierlich sein Christos Woskresse, d. i. Christus ist auferstanden tu den menschenerfüllten Raum ruft, aus dem es ihm in tausendstimmigem Chor als Antwort zurückschallt: „Bo istinu woskresse", auf deutsch: „Er ist wahrhaftig auferstanden." Besonders feierlich gestaltet sich die Zeremonie in der Isaaks-Kathedrale in Sankt-Petersburg, in der vor diesen Worten nur ein dämurerndes Licht herrscht, während im gleichenAugenblicke das Kircheninnere sich! in ein Meer von Licht kleidet und die mächtigen, an den vier Ecken des Kirchendaches angebrachten Gasreslektoren ihr Licht bis weit hinunter nachdem Woßnessenski-Prospekt und über den Alexandergarten und- die Newa nach dem Stadtteil Wassilij- Ostrow erstrahlen lassen. Während die Geistlichkeit dreimal in feierlicher Prozession uni die Kirche zieht, begrüßt sich auf dem weiten Platz vor derselben alles mit dem dreimaligen Ostcrkuß, dem sich niemand entziehen darf, gleichviel, ob er arm ober reich, ob er vornehm oder gering ist. Nach beendeter Feier eilt man nach Hause uttb labt sich an all den guten Dingen, denen man sieben lange Wochen hindurch entsagt. Nirgendwo wird das Fasten so strenge tnnegehalten, wie in Rußland, wo der gemeine Mann sich während der Passionszeit häufig wirllich nur von Brot oder Mamlika und Leinöl nährt und im buchstäblichen Sinne des Wortes hungert. Dafür sind über nun auch die Tafelfreuden so reichlich daß die Tische zu brechen drohen, und es dauert ziemlich eine ganze Woche, bis das Alltagsleben die Festesfreude wieder ganz verwischt. Am Ostersonntag drängt in der Residenz an der Newa alles ins Freie, namentlich nach dem Marsfelde, wo der Vergnügungslustigen eine Auswahl von Unterhaltungen harrt, im Vergleich mit welchen selbst der Wiener Wurstelprater zur Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpst. Auf demHeumarkt ist die große Börse für Ostereier, während auf dem Kaufhofe der Palmenmarkt m vollem Flore steht. Freilich sind es nicht die edlen Zweige des Tropenbaumes, die hier seilgehalten werden, sondern wie bei uns die Kätzchen von Weidenbäumen; aber niemand geht nach Hause ohne diese Kinder der neuerwachenden Natur, mit denen man das Muttergottesbild uttb das Bild des Gekreuzigten schmückt. Ostern in Italien und besonders in Rom ist ein Kapitel für sich, dessen bloße Berührung weit über den Raum dieser Skizze hinausgeht. Aber ob es nun im Dome von St. Peter st wo, ein Kardinal das Hochamt eelebrtert, oder das be- cheidene Kirchlein eines Abruzzendorfes, die inbrünstige An- >acht ist hier wie dort dieselbe. Mit feierlicher Langsamkeit chreitet oer Priester, die Monstranz in den Händen, durch )ie knieende Menge zu dem Altäre, zwischen dessen Lichtermeer er sie hinsetzt, und während vom Chore die feierlichen uralten amdrostanischen und gregorianischen Lobgesänae erschallen, liegt es über der in Frömmigkeit versunkenen Menge, als ob die Gottheit nahe wäre. Nirgends aber hat oas Osterfest mitsamt der voraus- geganigenen- Charwoche ein so seltsames Gepräge wie in Spanien und in den einstmals von den Stammesgenossen des Cid ünd des Marquis Posa besiedelten Ländern. In Madrid, noch weit mehr aber in Sevilla, in Mexiko, in Rio, in Santiago und anderen Großstädten der süd- und zentralamerikanischen Großstaaten geht es auf den sonst vom geräuschvollsten Treiben erfüllten Straßen und Plätzen unheimlich still zu. Vom Palmsonntag an kleidet sich die Männerwelt ohne Unterschied des Standes in neue, schwarze Kleider, besonders in den Capa, einen langen Radmantel. Die weltlichen Geschäfte ruhen, die Straßenbahnen stellen ihren Verkehr ein, und der Fremde, der nach Gründonnerstag Mittag mit der Bahn ankommt, kann zusehen, bis er jemand findet, der ihm seinen Koffer zum Hotel trägt, da von nun an das Fahren mit Wagen verboten ist. Die Frauen holen ihre sonst nur bei Stiergefechten getragenen Man- tillas hervor, und es beginnt der Besuch der Kirchen, in welchen hohe, schwarz drapierte Katafalke, umgeben von Hunderten von brennenden Wachskerzen, errichtet sind, vor denen die vornehmsten Damen der Stadt mit Tellern stehen und von den Caballeros wohlthätige Gaben heischen. Am Gründonnerstag Abend beginnen die Prozessionen. Eine kostbare, in goldgestickte Gewänder gekleidete und mit Edelsteinen behangene Statue Christi oder Marias oder eines Heiligen steht, von Leuchtern und Vasen aus edlem Metall umgeben, auf einem hohen Gerüst, welches mit Teppichen überlleidet ist, so daß man die darunter versteckten Träger nicht sieht. So bewegt sich die Figur langsam durch die Straßen. Vor ihr schreiten unter dumpfem Trommelschlag und mit gesenktem Gewehr Soldaten; dann folgen die Brüderschaften mit ihren spitzen Gesichtsmasken, ut welchen nur Löcher für Augen und Mund ausgeschnitten sind. Dann kommt die Figur, und hinter ihr ein Heer von Priestern mit einer Masse des wertvollsten Kirchengeräts, wie es nur im Lande der Conquistadoren angetroffen wird- Die Prozessionen werden auch bei Nacht fortgesetzt und machen, da! um diese Zeit das Trommeln unterbleibt, einen doppelt unheimlichen Eindruck. Am Karfreitag tritt während der Anbetung des lignum enteis der Großalmosenier in der Königlichen Kapelle vor die knieende Königin mit einer silbernen Schüssel; auf der die mit schwarzen Bändern umwickelten Todesurteile einer Anzahl Verbrecher liegen, und fragt, ob die Königin ihnen nicht verzeihe. Auf bereit „Ja" werden die Bänder durch rosafarbene ersetzt und die Kunde der Begnadigung fliegt mittelst Telegraph in die Provinz. Am Morgen des Ostersamstags, mit dem zehnten Glocketischlage, hallt der Donner der Geschütze uttb Böllerkanoneu über die schweigende Stadt; die verdunkelten Kirchenfenster werden von den Hüllen befreit, Orgelton und Glockenklang füllen die Luft; denn nun ist Christus erstanden. In den Straßen werden Strohpuppen, welche den Verräter Judasi Jscharioth vorstellen, an Stangen und Laternenpfählen gehenkt; man schießt nach ihnen mit Büchsen und Pistolen, bewirft sie mit Steinen und verbrennt sie schließlich. Nun beginnt die Schmauserei, welche durch den Rest des Tages! und die Nacht bis in den frühen Morgen hinein wahrt. Dann aber heißt es ausruhen, damit man am Ostersonntag auf dem Damm ist. Denn nachmittags ist in der Arena ein großes Corrida, ein Stiergefecht, und das Volk der Dons -und Hidalgos, welches noch tags zuvor in tiefster Demut zerknirscht war, will Blut sehen, vielleicht sogar das des Stierkämpfers, zum mindesten aber das des abgehetzten Stieres und der armen Pferde, welche entsetzlich zugerichtet sich durch die Arena schleppen, bis unter dem Jübek der Zuschauer das grausame Schauspiel endlich schließt. (Nachdruck verboten.) Tobias Breeden. Von Luise Westkirch. (Fortsetzung.) Er legte die Hand über die Augen. „Trientje, süh i. Wer kummt denn da baden onstewelt? Dat s woll doch. — , en heel nige Visage vör bi?" , . „Kann't nich (eggen, Tobias. Bin was unterstchttg. - „Worum wedelst denn immer los mtt n Tascyendok in der Lust herum?" „Mir is so heiß." „Bi so'n Schandwedder?" „ Ich hab 's Fieber gekriegt an der Ems, kommen Sre. ’ Tobias hörte nicht mehr. Wie ein Stier, her einen roten Lappen erblickt, stürzte er vorwärts, die heran- bvängenden Menschen rechts und links zur Sette schleudernd. Er sah, hörte, fühlte, witterte nur den einen, der da ahnungslos herankommend, ihm in die Hand lief. „Hebb ick di, Schandkerl! Hebb ick di!" ^Lutbrjillend streckte er die Fäuste aus uyd stand bev? 187 — blufft: er griff in die leere Luft. Kein Jan Jürgens, so weit sein scharfes Auge reichte. Verschwunden tote ein Spuk der breitschulterige Gesell! Und doch war er da gewesen, vor Sekunden noch. Der Getäuschte starrte die Pflastersteine an, die in geschlossenen Reihen den Boden beoeckten, die Häuser, die sich eng aneinander preßten, so eng, daß keine Maus zwischen ihnen entschlüpfen konnte. Wo war der Mann hingeraten? Er riß Hausthüren auf, stürmte Treppen hinauf, kroch in Keller. Er bat die Leute auf den Straßen, in den Häusern, ihm zu helfen, blind vor Eifer. Endlich entdeckte er einen Durchgang, mehrere Höfe stießen aneinander, nur durch niedrige Mauern getrennt. Er überstieg sie, die erste, die zweite, dritte, ohne auf den Einspruch der Eigentümer zu achten. Uitb plötzlich, gerade dem Schleusendamm gegenüber, bot ein weit offener Thorbogen ihm den Ausgang auf die Straße. Vor seinen Augen lag der Dantpfer. Er rannte atemlos darauf zu. Da packten vier kräftige Schutzleute ihn von hinten. Er schlug wild um sich, er flehte, er beschwor sie, versuchte ihnen begreiflich zu machen, um was es sich handelte. Umsonst! Die Beamten ließen sich nicht bedeuten. Der Alte hatte einen Menschenauflauf verursacht, er war gewaltsam in fremde Gehöfte eingebrochen. Die kannten ihre Pflicht. Mährend sie ihren Gefangenen um die nächste Straßenecke zerrten, setzte sich, eine schwarze Rauchwolke ausstoßend, mit weithin hallendem Pfiff das Schiff in Bewegung, dampfte aus der Schleuse, aus dem Hafen, majestätisch in den Dollart hinaus. Tobias Breeden war toll vor Zorn. Thränen funkelten ihm in den Augen, als er sich vor dem Kommissar verantwortete. „In Gottes Namen, Herrens, lassen Se 'n ehrlichen . Kerl seinen Weg gehn! Es sünd'r Spitzbuben genug zum Einfangen. Hadden Se em nich wegholpen, har ick Jan Jürgens ditmal bi'n Slunk kregen!" Tiefe Rede trug dem Schiffer eine strenge Rüge ein. Doch dann ließ der Kommissar ihn gehen. Ihn erbarmte des verblendeten Mannes, der einen fatigen wollte, von dem die Polizei wußte, daß er in Emden gar nicht war. Noch am selben Abend tvanderte Tobias tveiter, nordwärts, heimwärts. Sein Mut war erschüttert. Er empfand ein krankhaftes Sehnen nach Haus. Aber er reiste langsam. Er hatte keine Eile, zu nichts mehr Eile. Ter Dampfer, der Sommers den Verkehr mit der Insel vermittelte, hatte längst seine Fahrten eingestellt. Keinen Kurgast gelüstete mehr nach einem Aufenthalt auf der sturmumtobten Insel. Tobias mußte mit dem Fährschiff übersetzen, einem schwerfälligen Segler, der sieben Stunden auf dem Wasser blieb. Er war der einzige Passagier. „Süh da, Tobias Breeden", sagte der Kapitän, als er auf dem Deich erschien. „Süh da, Piter Klaas." Ter Schiffer winkte mit dem Daumen über die Schulter. >,Wuttst du mit?" „Jo, ick gab mit." „Na, dann stap man rin. Dat geiht nu los." Tobias lehnte sich an die Reeling und sah dem Aufwinden des Ankers Ul. „Was Neues passiert zu Haus?" „Ree, gor nix. Weetst du wat?" „Nee, gor nix." „Laat man ftett, Tobias Breeden. Jan Jürgens halt doch de Düwel, da bruukst du em nich an to helpen." Und der Kapitän schrie: „Treihen! — Ho, Jung! Dat di de Hagel! Dal mtt Topp un Klüver? Döskopp! Schall wi 't Schipp heel vull Water seilen? Slecht Wedder, Tobias, flecht Wedder." „Jo, Piter Klaas: Bertig Fahr bin ick up See fahren. Uns' Küst' wenn de oll Nordwestwind so mit de Tide up- kummt, de is slimm, ick segg, de is slimm." Gegen Abend ankerten sie auf der Reede. Da dio Insel keinen Anlegesteg besah, und weder Klaas noch Breeden die Mark Fahrgeld für den Wagen des Eschenwirts bezahlen Wollten, warteten sie die Tiefebbe ab, zogen die Stiefel aus, streiften die Beinkleider in die Höhe und wateten die halbe Stunde über den Wattstrcmd bis ins Dorf. Tobias trat in sein Haus. Außer dem Pastor hatte er niemand gesehen. Tie Leute hielten sich an dem unwirtlichen Novemberabend daheim. Als er nun Licht au- zündete und sein Reich überschaute, in dem jedes Ding geblieben war wie einst, den Eimer unter der Decke au- schaute, die Bibel, die aufgeschlagen auf dem Tische lag, bie Töpfe und Pfannen, wie Niklas sie geordnet hatte, als die Hauskatze schmeichelnd herbeischwänzelte, die Ziege im Stalle, ihres Hxrrn Schritt erkennend, freudig meckerte, alles sich zusammenfand, alles — nur der eine nicht, dessen helle Augen, dessen frohes Lachen all diesem erst Leben, Reiz und Schmuck gegeben hatten, der die Seele des Heims gewesen war, das ohne ihn einer toten Hülle glich, da brach der starke Wann in die Kniee, und fein Gesicht sank auf die aufgeschlagene Bibel. „Herr! Herr! Warum hast du ihn mir genommen? — Herr! Herr! Warum willst du seine schändliche Bermoordung nich rächen? Hast doch Vergeltung gelobt bis ins dritte und vierte Glied!" Er hatte nicht geweint in der Nacht, als er an des erschlagenen Bruders Leiche wachte. Jetzt in der verödeten Wohnung weinte er bitter, hilflos bis zum lichten Morgen. Menn Piter Klaas behauptete, daß sich.gar nichts auf der Insel zugetragen habe, so sprach er nicht ganz wahr. Aber der Schiffer hatte kein Interesse für Weibsbilder und Liebeshändel. Diejenigen seiner Landsleute, die weniger männlichen Hochmut besaßen, waren darüber einig, daß mit Ebba Jürgens etwas nicht richtig sei. Daß sie um den Bräutigam trauerte, war nur in dex Ordnung. Wer alles hatte seine Zeit, Trauer wie Freuds Bei Ebba kam die Freude nicht wieder zu ihrer Zeit," vielmehr wuchs die Trauer, die unnatürliche, rätselhafte Trauer. Seit Niklas' Tod verschloß sie sich in ihr Haus, sah Wilm nicht wieder, obgleich er in den ersten Tagen oft bet ihr anklopfte. Denn auch sein Schicksal nahm eine Wenoung. Ein halb vergessener Oheim, der in Norden ein gut gehendes Materialwarengeschäft betrieb, rief ihn zu sich Vielleicht war es das Glück, das ihm hier die Hand bot. Und nun konnte er der Geliebten den Grund seines Scheidens nicht mitteilen, nicht die weitschiveifenden Hoffnungen, die er an seine Berufung knüpfte. Doch achtete er ihre Empfindungen. Noch stand die Leiche des Mannes über der Erde, den des Mörders Axt statt seiner, für ihn, getroffen, dem Ebba die Treue gebrochen hatte in der Sterbestunde. Er trug seine Botschaft Mutter Marinka auf und schied. Nach sechs Wochen kehrte er zurück. Seine Briefe hatte Ebba nicht beantwortet. Nun wollte, nun mußte er sie selbst sprechen. Ungeduldig drängte er die abwehrende Frau Jürgens zur Seite und riß die Thür auf. Die Stube war leer. „Und ich hätt' einen Eid darauf geschworen, daß ich ihr Krullhaar hinter den Scheiben hab' flimmern sehen." „Schall woll sien", sagte die Witwe gleichmütig. „Wo einer die Thür verrammelt wird, da geht sie durchs Fenster." „— Aber, das ist barer Blödsinn." „Ick kann ’r nix bi dohn." Wilm blitzte die Witwe mit seinen schtoarzen Augen an. Wobei hätte ste je etwas thun können? „Marinkamöh, ich such' mir deine Tochter." Er lief die Dünen hinauf. Er rief. Keine Antwort. Er erkletterte die steilsten Kämme und hielt Umschau. Endlich sah ar ihr Helles Kleid schimmern; er rannte auf sie zu. Sie floh vor ihm, Düne auf, Düne ab. Jetzt glänzte ihr silberblondes Haar noch einmal auf zwischen den fahlen Sanddornstauden, die das Profil einer Höhe bedeckten, jetzt tauchte sie in die Thalsenkuncp und jetzt sah er sie den Abhang gegenüber erklimmen, gleitend, rutschend im losen Sand-. Doch der Zwischenraum zwischen ihnen verringerte sich. Und jetzt brach sie erschöpft, keuchend in die Kniee. Aber in stummer Abwehr streckte sie noch die Hände gegen ihn aus, während der Wind ihr oie Silbersträhnen thres Haares um das hagere Gesicht peitschte, uno ihrem Verfolger den losen Sand in die Augen wehte. Wilm faßte die gegen ihn ausgestreckten Hände „Ebba! Bist du von Sinnen? Läufst weg vor mir! Vor mir!" Sie antwortete nicht. Sie starrte in wilder Llngst um sich, doch da war niemand, so weit der Blick reichte. Ein paar Regenpfeifer schrieen gellend im Flug, und das Meer brandete schaumbedeckt ringsum gegen den schmalen Jnsel- strcifen, die Sandbank in den Wellen. Er zog das Mädchen bei den Händen atts dem atemraubenden «Sturm in einen Dünentrichter, über den der Nordwep machtlos hinwegprich. „Mten leevste Deern! Wat is' dat mi di?" Sie schlug stumm die Hände vors Gesicht. — 188 — „Warum bin ich dir zuwider? Unt NiklaS BreedenS! Tod? Du weißt, ich hab' daran keine Schult»." Sie schüttelte den Kops. „Oder magst du mich nicht mehr leiden? Sag's, Ebba!" „Ob ich dich mag? O, Wilm, das weißt du." „Ja, Mäken, was ist denn mit dir?" Ick hab' Angst." „Vor Jan? Der kommt nicht wieder. Sollt' er's wagen, dann steht in Emden ein festes Quartier für ihn parat!" „St! Um Gottes willen!" „Ebba, willst du mich wenigstens anhören?" „Ja, ja. Dies eine Mal noch, und — nie wieder." „Tas findet sich. — Komm, setz dich her." Er zog sie neben sich; er band sein Halstuch ab und wickelte es um ihre Schultern. Er drückte sie an seine Brust, um sie zu erwärmen, denn sie war kalt wie ein Usch. „Mach zu", flehte sie abwehrend. „Ja, von Onkel in Norden wollt' ich sagen. Er ist ein Vetter von Großvater gewesen, hat sich aber um uns nie bekümmert. Ich hab' nich 'mal gewußt, lebt er noch, oder lebt er nich mehr. Nu, der Tod sitzt ihm im Nacken. Er weiß das. Trum hat er herumgesvürt nach 'nem Blutsverwandten, denn seinen Kram wollt' er fremden Leuten nicht lassen. Mir kam das gut zuPcA Er is 'n krittvichen ollen Knast, Ebba, un gönnt keinem die Augen im Kopf. Es ist ein slechtes Umgehen mit ihm. Aber er will mir alles verschreiben, und ich denk' an dich, un daß haben gewiß is, un kriegen man mieß, un ich halt' durch. Das wollt' ich dir sagen, Ebba. Ich bin jetzt ein richtiger Freiersmann. Da braucht sich keine zu schämen." Mit einem Schauder wich das Mädchen vor ihm zurück. O, Wilm, mich freit keiner." „Ebba!" Er hielt sie fest. Er drückte ihren Kopf an seine Brust. „Ebba —" Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus. „Fass' mich nicht an! Großer Gott! Soll es dir denn auch gehen wie Niklas Breeden?!" „Mein Silbermövchen! sei nich dummerhaftig. Jan iS weit." Sie schüttelte den Kopf. „Er is nah. Er is hier. Hörst ihn nich? Siehst ihn nich? Oben steht er ja! Ein großes Messer blinkt in seinen Händen! Er toirb dich ver- morden, tote den andern! Wilm!" Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Rand des Trichters. „Ebba!" Er breitete die Arme aus. Sie that einen Schritt vorwärts, wie um sich an seine Brust zu werfen. Mer mit einem schmerzvollen Wimmern kehrte sie sich ab. „Es ist kein Glück für mich auf deri Welt —" Wilm mußte mit der steigenden Flut zu Schiff. Schon donnerte sie mit lautem Schall gegen den Strand. Hastig sprang er die Dünen hinunter zum Watt. Das Mädchen wußte wenigstens jetzt, tote er's meinte. Nach einigen Tagen erhielt er einen Brief von ihr. „Mein liebster Wilm! Es kommt mir vor, als hättest du mir nich verstanden, und das ist toohl möglich, denn ich toar ganz verbiestert. Darum sage ich dich mit Geschriebenes Bescheid, daß du auf mich nich warten sollst. Tenn es muß alles vorbei sein. Das muß sein, lieber Wilm! Ich sage dir nich, wie viele Thränen ich auf dem Papier geweint habe. Und ich bitte dich, all was ich kann, versuche nich, mich von meinem Willen abwendig zu machen, oenn wir beten alle Tage: Führe uns nicht in Versuchung, und ich gehe nich in festen Schuhen. Darum, liebster Junge, Scheiden und Meiden. Und ich will meinen Gram zu keiner Menschenseele aus- schutten, deinen lieben Namen nich mehr in den Mund' nehmen, und meine große Liebe fest in meinem Herzen verschließen. Deine getreue Ebba. P. S. Moder s-igt, ich hätte kein Glück. Ach, das- ist tvahr. Am Morgen nach seiner Ankunft besuchte Tobias Breeden Mutter Marinka. Sie kauerte, schwarz anzuschauen wie immer, so über ihrem mit glühenden Torfstücken gefüllten Stövchen am Herd. Ebenso schwarz tote sie, saß Ebba am Fenster, stichelte und sah nicht auf. „Goden Dag und besten Dank ook vör Pleeg un Upq passen Wi toill'n dat gltek maken." „Süh so, Tobias Breeden. Do is he jo toedder." - \ „Jo, Nahbersch Jürgens, do bün ick" !'.ß Tie Witwe riß die Augen auf. „Hit Jan?"- Rl „Tat wert de Düwel." - I „Ick meen, he harr' den Fisk all bi'n ©teert." „Tat toohl nich. Bloß mien Bargeld is flöten gähn." „Tat geiht, as't kummt, Tobias Breeden." „Jo, Marinkamöh. Dien Dochter süht ook nich kregel ut." „Wunnert's Ihn? Ebba is keen Vergeetern. Mit Sine Frijerie fung dat an. Nu hebbt toi't." „Ick meent't god to maken." „Meen ick is 'n Bedrieger, Nahber." Tobias Breeden ging weiter ins Dorf, zum Vorsteher,^ zum Pastor! Eine innere Unrast trieb ihn um, die Gewöhne heit des Wanderns. Sein verödetes Haus flöste ihm Grauen ein, und die Bibel gewährte ihm keinen Trost. Warum hielt Gott seine Verheißungen nicht? Als er ermüdet, hungrig heimkam, saß Ebba vor der kalten Feuerstätte, reglos toie ein Bild aus Stein. Ihn freute ihre Gegenwart. „Mien leeve Dochter, dat is klook, dat du kamen büst. Nu mutt wi eens verstännig snacken. Warum büst du so wunderlich? Sieh, Niklas war einer, wie's nich viele giebt. Tat is so. Du aber hattest deinen Sinn doch 'mal aus den andern gesetzt." „St!" machte Ebba, den Finger am Mund. „Nee, worüm schall ick dat nich seggen? Nah läge* *) Ebben kommt Hoge Floden. Wilm Jansen hat sich ins Butterfaß gesetzt in Norden. Tat laß man sein. Un du büst jung, Ebba. Worum toiittft em nich frijen?" „Worum! Worum! Kennst du wohl die Geschichte vom jungen Tobias, Vater Breeden? So eine wie dem seine Sarah bin ich. Auch meine Freier vermoord ein Teufel. Ihr Teufel hat Asmodi geheißen. Meiner heißt Jan Jürgens." „Nee, nee, lütt Ebba. Jan Jürgens is wiet." Ebbas Augen blitzten auf. Sie trat ganz dicht au Tobias heran. „Miet, seggst?" „Jo, Gott beter't. Ick hab' sein Schipp afdampen sehn." „Tobias Breeden — Jan. Jurgens is hier!" „Hier? — Wo? Wo?" Tas Mädchen blickte unstet umher und beschrieb mit den Fingern einen Kreis in der Luft. „Hier — dort — draußen — droben — ich weiß nicht." Er faßte rauh ihr Haudgeleuk. „Oh, snack keeu Narren- tilg!" Ebba griff in die Tasche und zog einen zerknitterten Papierstreifen hervor. „Tas hat unter 'nem Stein gelegen am Fenster vor fünf Tagen." Tobias entfaltete -das Papier. Er mußte es weit von seinen Augen halten, um lesen zu können; seine Hände zitterten. Mit ungeschickten Schriftzügen stand da: „Wahr di! Ter Nordener hat schon wieder bei dich gesteckt. Ich weiß es. Un was ich gesagt hab, das hab ich gesagt." ___ (Fortsetzung folgt.) *) niedrige.____ Auflösung des Preisrätsels in Nr. 40 der Familienblätter: Willst du, eignen Schmerz zu tragen, Dir den Busen kräftigen. Lerne mit der Menschheit Fragen Edel dich beschäftigen: Wie die Seele sich erweitert, Wird dein Leben auch erheitert. . (Feuchtersleben.) Es gingen insgesamt 23 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 7; Einsender: Cili und Heidi Geller, Gießen, Ederstr. 5. Der Preis — „Jugendgartcn", Eine Festgabe für Mädchen, Bd. 26, geb. — ist von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsgnittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 45: £$. Kc6, Daß, La8, 8k>2. - Schw. Ke4, Bf6, g3, g5. 1. Se2-f4; beliebig. 2. De2 (+). Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.