Montag drn 27, Januar. Ur. 15. 1902. H-Noll. 6~i^sän 1HambäctT v-Ct UTÄUii Isl Au Kaisers Geburtstag. 27. Januar 1902. (Nachdruck verboten.) Ob rauher Sturm auch Flur und Feld Durchbraust mit kalten Schwingen, Es geht heut durch die deutsche Welt Ein frühlingsfrohes Klingen! Die Trommeln wirbeln lang vor Tag, Dazwischen dröhnt Kanonenschlag; Bald rückt der Landsturm, Mann für Mann, Umschwärmt von frischer Jugend an: Hurra! Das gilt dem Kaiser! Die Glocken von den Türmen rings Ihr Festgeläut beginnen. Und Fahnen flattern rechts und links Von Dachgebälk' und Zinnen: Schwarz, weiß und rot, in Süd und Nord, Auf hoher See, in fernem Port, Die Farben, die Alldeutschland führt, Seit es in Einigkeit gekürt Den Zoller sich zum Kaiser! Zwar wacht der greise Held nicht mehr, Der einst den Bund gegründet, Als fest zu deutschen Herdes Wehr Die Stämme sich verbündet; Längst ruht er, wie sein tapfrer Sohn, Der hehre Dulder auf dem Thron; Doch führt das Reich auf sichrer Bahn Der Enkel, treu wie einst der Ahn: Drum: „Heil dem deutschen Kaiser!" Ob auch der Hatz in Funken glimmt, Der einst in Flammen glühte, Manch Grollenden schon umgestimmt Hat seine weise Güte! Sein weiter Blick, sein ernster Sinn, Lenkt uns durch Sturm und Klippen hin; Will's Gott, klingt's ihm noch manches Jahr Ms Dank au diesem Januar: >,Heil unserm Ariedenskaisev!. , r- Mwtn Römer), . ('Nachdruck verboten.)- Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) Es ivar an einem Märztage, als sie unter diesem geistigen Drucke seufzend, in Wera Sergcwna's Salon faß, eine feine Handarbeit fördernd, die jene mißmutig beiseite geworfen, es ihrer Gesellschafterin überlassend, zu erledigen, was sie langweilte. Die Dame war in den letzten Tagen rastloser und unruhiger beim je gewesen. Um sich zu zerstreuen, ivar sie ausgefahren, Besuche zu machen. Clarita befand sich indes nicht allein in dem Salon. An einem der Fenster lehnte ein junges, etwa sechzehnjähriges Mädchen, Lisavetta Sergewna Massowsky, dis Schwester Frau von Ornatoffs- Sie weilte in deren Haus seit einigen Tagen. Es sollte fortan der kleinen, dem Kloster Srnolna*) eben entwachsenen Jnstitutka Heimat sein. Das junge Mädchen mochte dieselbe jedoch nicht sonderlich nach Wunsch finden; denn seine hübschen, klaren Augen zeigten deutlich die Spuren still vergossener Thronen. Frau von Ornatoff hatte sie in der That reichlich genug gequält durch fortgesetztes Mäkeln, Tadeln und Spotten, bald über ihre linkischen Jnstitutsmanieren, bald über ihr blödes Benehmen, ihr einfältiges Reden, ihr langweiliges Schweigen. An letzterm hielt die kleine Lisa, vetta am entschiedensten fest. Dumm sah sie indes keineswegs aus, wohl aber gab ihr die jugendliche Schüchtern- heit ihres Wesens etwas Bescheidenes, Kindliches. Sie war in der That noch ein Kind. Ms solches nahm sie sich der Schwester ewiges Tadeln. zn Herzen, das ihr wehe that, und zugleich ihren Totz weckte. In einer Anwandlung des letzter« preßte sie jetzt fest die kleiner« Zähne aufeinander, verharrte schweigend in ihrer Fenster, irische, und schien gewillt, die ganze Welt um sich he» zu verachten- Clarita war ihr noch zu fremd, als daß sie bei dieser hätte Trost suchen mögen; sie zog es daher vor, ihre ganze Umgebung zu ignorieren, uud sich gleich der stillen Mademoiselle de la Para den eigenen Gedanken zu überlassen- Beide jedoch wachten plötzlich aus - dem selben auf. Unten vor dem Hause hörte man das hellt Glocken geklingel eines eleganten Schlittens, nun hielt e» am Thore; Lisavetta warf einen Blick durch die Scheiben, und alles — Kummer, Trotz und Schweigen vergessend, flog sie mit einem lauten Freudenausrufe durch bet' Salon, hinaus durch die weiten Korridore, die Teppick belegten Stiegen hinab, dem kommenden Gast entgegen Durch ihr lebhaftes Gebühren wurde Claritas New gierde erregt, erwartungsvoll blickte sie auf; denn vor außen klangen silberhelle, lachende Stimmen, frohe Ba *) Kaiserliche Erziehungsanstalt- 58 Ein In einem Mas Mühe XIII. Freu n d. Augenblick gewährt die Liebe kaum in langer Zeit erreicht- Goethe's Tasso- von derselben, die meisten Gebilde seiner lebendigen Phantasie teilte er ihr mit, ihr vertraute er all' seine Schnl- geheimnisse, seine Wünsche, seine Plane, nur sprach! er nicht von der Vergangenheit- Es erwies sich stets als vergebliche Mühe, wenn! Clarita vorsichtig in dieser Richtung zu forschen suchte. Ob eingelernt, anempfohlen, oder unabsichtlich, der Knabe folgte dem Gespräche nie in jene Richtung; selbst von! seinem Vater sprach er kaum; er hatte nichts von dem kranken, alten Papacha zu erzählen, in dessen Zimmer er sich stets unbehaglich gefühlt, da derselbe nichts verlangte, als Ruhe, bis man ihn zur letzten Ruhe gebettet-; Jene Erinnerung mochte etwas Abschreckendes für den lebhaften Knaben haben, er ging jedesmal rasch darüber hinweg, so gern er auch von Ornatosfsko sprach, wohin! er sich so lebhaft sehnte. In dem eleganten Hause zu Petersburg gefiel es ihm wenig;, er vermißte daselbst! die alte Dienerschaft, seine ungebundenen, ländlichen Freuden, den zwanglosen Verkehr, kurz alles, an das! er von Kindheit auf gewohnt war. Die Gesellschaft, welche seine Mutter jetzt um sich sah, war ihm fremd, wenig sympathisch, ja — seine schöne Mutter selbst schien ihm fremd geworden. Sie war, und gab sich anders wie in früherer Zeit während des stillen Alltagslebens zu Ornatosfsko- Jetzt war sie zwar schöner, lebhafter, jugend- lichier« — doch auch viel ungeduldiger, reizbarer, lauuen- haster. Was in ihrer Innern Welt vorging, welche! Gefühle da gegen einander wogten, treibend und drängend/, das verstand und ahnte der Knabe freilich nicht, er empfand es nur in dem natürlichen Feingefühl mancher Kinder, daß sein Mütterchen ihn zwar noch liebe, ihr volles Interesse jedoch nicht mehr ihm gehöre. Nicht, er, und sein Wohl füllten mehr ihre Gedanken aus —( Fremdes, ihm noch Unverständliches war dazu gekommen.; Sah er seine Mutter int Salon mit jenem gekünstelten! Mesen, das weder gefallsüchtiges Spiel verschmähte/ noch andererseits vergaß, in stolzem Selbstbewußtsein ihren Ansprüchen Geltung zu verschaffen, dann wurde -er still, und scheu. — Fast schüchtern zog dann der lebhafte Knabe sich zurück, meist in Claritas Nähe; sie blieb! ihm allzeit sympathisch, auch mitten unter den fremden! Gästen, welche er nicht mochte. Dessen ungeachtet hatten die Gesellschaftsabende feiner! Mutter einen Reiz für ihn, der ihn magnetisch in deu Kreis zog, und ihm selbst den für seine Begriffe engen! — weil glänzenden — Salon lieb machte. Das war die Musik. Gr lauschte ihr für fein Leben gern, aber nichts kam feiner Freude gleich, als wenn Clarita fang. Ihres melodischen Stimme, ihr ausdrucksvoller Vortrag begeisterten! ihn, und füllten gleichzeitig zuweilen seine Augen mit Thräneu. Alsdann vermochte er gerade so traut zu' ihr zu sprechen, wie einst Alexis gethan. Clarita deuchte; es wenigstens so. Des Knaben sprechende, zärtliche Augen! machten ihr das Herz so froh und trüb, daß der Widerhall davon wohl durch ihren Saug zitterte, und ihr deu ergreifenden Ton gab. So war es auch eines Abends im April gewesen!.; Ostern stand nahe vor der Thüre. Die Freuden der! Wintersaison, welche bereits mit der Butterwoche Ihren! Höhepunkt erreicht, und während der langen Fasten langsam dahinsiechten, waren nunmehr gänzlich verstummt x selbst in Frau Wera's kleinem Zirkel zeigten sich bedenk-! liehe Lücken. Nur ein paar intime Bekannte hatten sich, eingefunben, sie saßen eifrig plaudernd mit der Frau im Boudoir- Nur Lisavetta mit zwei jugendlichen Gefährtinnen betrachteten im Salon Albumblätter und Zeichnungen, während Herr von Karin sich mit Feodor und Clarita Unterhielt. Plötzlich tönte zwischen diese Unterhaltung Wera's Stimme, sie hatte einen nahezu schärfest Klang- obgleich die Herrin in höflichen Worten Clarita zurief: Etwas zu spielen, und zu fingen! Die Gesellschafterin entsprach augenblicklich dem! geäußerten Wunsche; sie fang, wie fast immer, in Spanisch, bis einer der Gäste aus der Frau von Ornatoff umgebenden Gruppe die Bitte aufwarf r Fräulein de la Para möge doch nur ein einziges Mal ein kleines russisches Lied singen. Clarita hatte allerdings bislang ihre durch Alexis erlangte Kenntnis der russischen Sprache als! ihr eigenes Geheimnis gehütet in der vergeblichen Hoffnung, vielleicht einmal daraus Nutzen ziehen zu können; jetzt nach ihrem Monate langen Weilen in Petersburg,; Feodor Iwanowitsch war's, des Hauses junger Herr, ein etwa zehnjähriger, dunkellockiger, frisch aussehender Knabe, dessen große, muntere Augen sich voll und klar auf die fremde Dame richteten, welche ihm, statt des erwarteten Mütterchens -entgegentrat. Das fröhliche Wort verstummte auf feinen frischen Lippen, verwundert, fragend schaute er Clarita an, welche, kaum fähig, ihre innere Erregung niederzudämmen, unwillkürlich dem schönen, freundlichen Knaben beide Hände zum Willkommen entgegen bot. Am liebsten hätte sie ihn umschlingen, und au ihr Herz ziehen mögen, derart fiihlte sie sich ergriffen; denn die unschuldigen klaren Augen, in die sie schaute, die kannte sie. Deren reine Bläue, ihr lichter Glanz erinnerten an die leuchtenden Augensterne ihrer süßen, kleinen Dolores, die das Abbild ihres Vaters gewesen. Feodor war ein Ornatoff, obgleich er von seiner schönen Mutter den regelmäßig seinen Schnitt der Züge geerbt. Der Ausdrstck darin war ■ jedoch ein anderer. Sein Lachen, wie der gewinnende Zug bestechender Liebenswürdigkeit, den Clarita sowohl an Alexis gekannt, belebte ebenso das Helle Antlitz des Knaben, dessen Stimmenton selbst dem armen Weibe wie bekannte Musik deuchte. Eine unverkennbare Aehnlichkeit zwischen den Brüdern bestand sicherlich, wenigstens für die: welche das Andenken des einen so lebendig im Herzen trug, und den andern zum ersten Male erblickte. Ihr ganzes Wesen atmete daher dem kleinen unerwarteten Gaste toarime Herzlichkeit entgegen ; er erwiderte dieselbe mit kindlicher Unbefangen^ beit. Der erste Moment entschied bei ihm für die liebliche, freundliche Fremde mit dem seelenvollen, bleichen Gesicht. Er urteilte anders, als seine Mutter —• er sand Clarita schön, ihre fremdartige Erscheinung machte besonderen Eindruck auf seine lebhafte Phantasie, ihre herzlichen Begrüßungsworte in gebrochenem Russisch belustigten ihn. „Ja" — bestätigte er lachend — „ich bin Feodor, und sehr froh, wieder daheim, dem Zwang der Klasse entronnen zu sein, aber wo ist mein Mütterchen, mein Mütterchen — ich habe sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen!" Lisavetta übernahm eilfertig die Beantwortung seiner Frage, und flüsterte ihm gleichzeitig zu, wer Clarita sei. Wie ein Schatten glitt es dabei über des Knaben offenes Gesicht; er hatte die Dame nicht für eine Untergebene! zehalten, die bezahlte Gesellschafterin seiner Mutter nicht n ihr vermutet. Bei seinem beweglichen Sinn veftlor ie dadurch ein wenig von dem Nimbus, den ihre ftemde Erscheinung für ihn gehabt, wenngleich die geheime Sympathie blieb, die beide zu einander hinzog, und künftige Freundschaft ahnen ließ. Jene Slhnung log nicht. Feodor wurde Claritas kleiner Freund, ihr jugendlicher Ritter, ihr begeisterter Verehrer, er liebte sie bald nach schwärmerischer Knabenart — jedoch mehr schüchtern als offenkundig. Das lag in seiner Natur, und bildete einen eigentümlichen Gegensatz zu seinem sonst ungestümen, eigenwilligen Mesen. Gr hatte etwas von dem Temperament seiner! Mutter, auch ihr Hochmut lag ihm nicht ferst, doch er schmolz, sobald sein Gefühl, seine Zuneigung mit ins Spiel kam: Und feine Zuneigung war noch ganz die des Kindes — weich, hingebend, und schüchtern zugleich. Mit des Knaben Heimkehr brach für Clarita ein anderes Leben an, oder richtiger, das ihre gewann etwas Licht und Farbe. Feodors Zutraulichkeit, seine bald, wenn auch nur still sich äußernde Vorliebe für sie, seine Füg- Jamkeit ihr gegenüber beglückte sie; die unschuldige Liebe es Kindes, dessen Vertrauen kamen ihr, der ©infamen, vor wie ein Geschenk des Himmels; es erleichterte ihr die drückende Gegenwart, es konnte zu einer lichtern Zukunft führen. Feodor plauderte ihr ja unaufhörlich grüßungslaute zu ihr herein. Ein jähes Verständnis ging ihr auf; sie erhob sich hastig, und schritt der Thüre entgegen, doch ehe sie diese noch erreicht, wstrjde dieselbe ungestüm aufgerissen, und Hand in Hand mit der Der nun fröhlich lachenden Lisavetta stand Feodor Iwanowitsch Ornatoff vor ihr. 59 hielt man sie jedoch der Sprache mächtig', und meinte: ihre Stimme müsse trefflich liegen für den melancholischen Ton, der den russischen Volksliedern eigne- Frau Wera selbst glaubte dies nicht, nach ihrer Meinung mußte dabei Clarita's Vortrag, und somit ihr ganzer Gesang verlieren. Sie hätte daher nichts dagegen, daß diese sich an einem der Lieder, welche sie selbst zu singen Pflegte, versuchte, sie redete ihr sogar zu diesem Zwecke zu. Ob Clarita sie durchschaute? Gleichviel; sie entsprach gelassen der Aufforderung, und griff nach Frau v. Orna- toff's Noten- Leise, wie zögernd, präludierte sie, um dann voll und weich, schmelzend und wehmütig, ganz dem schwermütigen Charakter der Volksweise entsprechend, die Klagen eines trauernden Herzens in reinen Tönen wiederzugeben. Bewegt lauschte man Clarita; niemals hatte Wera Sergewna dies ihr Bravourlied so gesungen! Ihre Stimme war vielleicht umfangreicher, aber ihrem Vortrage fehlte der seelenvolle Ton, mit dem Clarita jetzt ergreifend schloß: Er liebt mich nicht mehr! Dasselbe Lied hatte sie einmal Alexis gesungen, worauf er ihr versichert, er werde sie ewig lieben. Diese Erinnerung stand jetzt vor ihrer Seele. Sie vergaß darüber Frau Wera Und Nikolai Pawlowitsch, dessentwegen die erstere jenes Lied mit Berechnung für sich gewählt. Clarita blieb es gleich, ob sie nun in oder gegen deren Absicht gesungen, sie machte sich auch nichts daraus- daß man ziemlich rasch über ihre Leistung weg, auf ein anderes Thema! überging, und drinnen im Damenzimmer sich laut unterhielt- Eher freute sie sich dessen; sie saß noch immer am Piano, und spielte leise für sich! liebe Phantasien, die sich in einer der herzerquickenden Kompositionen Hahdn's verloren. Die schwatzende Gesellschaft achtete darauf nicht- Clarita fpielte für sich, ihre Seele betete die frommen Gedanken Hahdn's nach, da schlang sich plötzlich ein weicher Kinderarm um ihre Schultern, Feodors gerötetes Gesicht beugte sich darüber, seine glänzenden Augen strahten, aus seinen beweglichen Zügen war alle Schüchternheit gewichen. Er stand noch! völlig unter dem Eindruck, welchen ihr russisches Lied auf ihn geübt, ihm klang der lieben, einsamen Fremden stille Mage: Ort menia raslubil — er liebt mich nicht mehr! noch immer nach. Sein Kindesherz war dadurch gerührt, sein ritterlicher Knabensinn erweckt worden. Mademoiselle Clarita" — flüsterte er ihr innig zu — „ich werde Sie immer lieben; ich bin jetzt Ihr kleiner Freund- und werde es erst recht sein, wenn ich erwachsen bin!" Clarita wußte vor Ueberraschung kaum zu antworten. Unnennbar süß klang ihr das traute, kindliche Wort, das für sie eine Bedeutung barg, die der Knabe nicht ahnen konnte. „Ja, Feodor Iwanowitsch, bleiben Sie immer mein Freund! Die arme Clarita bedarf eines solchen!" gab sie ebenso leise, und innig zurück, fast unwillkürlich hinzufügend: ,M mag einst, ein Tag kommen, da ich Sie an dies Ihr Versprechen/ erinnern werde, Feodor Iwanowitsch!" (Fortsetzung folgt.) Abnorme Witterung. Plauderei von F. Clemens. (Nachdruck verboten.) Tas ist wahrlich die verkehrte Welt! Im August und September mußten wir die Oefen Heizen, und jetzt möchten wir unsere Sommerkleider wieder hervorsuchen. Gar manche schütteln darüber bedenklich die Köpfe, indem sie unter Hinweis auf die Ähnlichen abnormen Witterungsver- hältnisse der letzten Jahre der Meinung sind, wir befänden Uns überhaupt inmitten einer großen Üimatischen Umwälzung. Jenen zur Beruhigung hat Schreiber dieses in einer Chronik Nachforschungen angestellt und herausgefunden, daß wir armen Erdenwürmer uns wahrlich wegen des gedachten Umstandes nicht zu beunruhigen brauchen; denn ähnliche Unregelmäßigkeiten sind von dem ehrwürdigen Chronisten schon vor tausend Jahren und später verzeichnet worden, und zwar unter Beifügung von Thatsachen, gegen die unsere Feststellungen nichts bedeuten wollen. Daß unsere klimatischen Gesetze im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren werden, ist in der ganzen Entwickelung der Erde begründet, dabei spielen aber Jahrtausende und nicht Jahre eine Rolle. Unser Chronist weiß nicht nur von außerordentlich milden Wintern zu berichten, sondern noch mehr von außerordentlich kalten. Auch die Zahl der nassen Sommer ist eine ungewöhnlich große. Für unseren Zweck erscheint es hinreichend, einige der frappantesten Beispiele herauszu-« greifen. Was zunächst die außergewöhnlich milden Winter anlangt, so ist es vor allem das Jahr 1186, das unsere Begriffe von Regelmäßigkeit und Reihenfolge der Jahreszeiten über den Haufen wirft. Im Januar blühten die Bäume, die Ernte war im Mat, und im August die Weinlese. Auch der Winter des Jahres 1187 ließ sich anfangs sehr gelinde an, erst im März trat strenge Kälte ein, die bis in den Mai anhielt und den Bäumen und dem Wein großen Schaden zufügte. Im Jahre 1289 blühte der Wein schon im April und "wurde im August gelesen. Im Jahre 1302 blühten die Bäume wiederum schon im Januar, es folgte aber trotzdem kein nasser und kalter, sondern im Gegenteil ein sehr heißer Sommer, während der nächste Winter ein sehr harter genannt wird — ein Beweis, daß die gewöhnliche Voraus-, setzung, als müßte einem so abnormen Winter ein ebenso abnormer Sommer folgen, durchaus nicht in allen Fällen zutreffend ist. Die Erscheinung der Baumblüte im Januar wiederholte sich im Jahre 1328, man erntete zu Pfingsten und hielt die Weinlese zu Jakobi. Der Winter des Jahres 1420 war so warm, „daß im April die Dornenhecken voller« Rose«! standen und man schon im Mai reife Weintrauben fand — es fiel jedoch im Juni ein kalter Reif, welcher den Wein verdarb." Wie es jetzt der Fall ist, so folgten auch damals oft mehrere milde Winter hintereinander, so in den Jahren 1425, 1427 und 1428. Die beiden ersten Jahre „waren ganz ähnliche Jahre wie 1420, jedoch ohne schädliche Fröste. 1428 war abermals ein sehr gelinder Winter, in dessen Folge aber von Fastnacht bis Weihnachten die Pest wütete." Das Jahr 1552 zeichnete sich dagegen durch einen ungemein warmen Herbst aus, im November blühten die Rosen zum zweiten Male. An ungewöhnlich harten und kalten Wintern hat es nach dem Chronisten ebenfalls zu keiner Zeit gefehlt. Im Jahre 824 — um nur einige der auffälligsten Thatsachen herauszugreifen — siel ein starker Schnee, welcher 29 Wochen liegen blieb. 875 fing der Winter schon am 1. November an und dauerte bis Gregorius des folgenden Jahres, 984 am 3. November, und hielt bis zum 5. Mai an. Im Jahre 994 begann der Winter sogar schon am 13. Oktober. 1075 froren die Mühlen ein, sodaß es an Brot mangelte. 1112 fiel im Mai soviel Schnee, daß er die blühenden Bäume niedere drückte, und 1124 trat Ende Mai so starker Schneefall ein, daß infolge der durch diesen bewirkten Mlte Menschen und Tiere erfroren. Auch während des strengen Winters im Jahre 1234 erfroren viele Menschen. 1353 fiel (nach einem harten und langen Winter) noch 2 Ellen hoher Schnee, nachs- oem int Frühling die Saat bereits Mehren getrieben hatte. Er fügte! jedoch der Saat keinen Schaden zu, obwohl er 6 Tage bei strenger Mlte liegen blieb. 1407 begann der Winter zu Martini, dauerte 18 Wochen und gestaltete sich derart grimmig, „daß Brunnen, Bäche und Flüsse ausfroren, und die Eisenacher genötigt waren, ihr Getreide in Köln mahlen zu lassen." 1432 blieb der Schnee vom November bis zum Februar liegen, 1598 mußte man des Schnees wegen bereits Anfang Oktober Weinlese halten. Am 28. Januar 1776 betrug die Kälte 32 Grad. Den Reigen der abnormen nassen Jahre eröffnet in unserer Chronik das Jahr 820, welches so naß war, „daß die meisten Früchte aus den Feldern verdarben und im Herbst nicht bestellt werden konnte, worauf noch ein kalter und anhaltender Winter den Schluß machte. Die Folge war, daß bösartige Krankheiten im Jahre 821 Menschen und Vieh wegrafften." Im Jahre 1000 strömte so anhaltender und unendlicher Rogen herab, „daß die Menschen glaubten, die Welt ginge durch eine zweite Sintflut unter." 1093 herrschte Regenwetter vom Oktober bis April; 1100 war ein sehr nasser Winter, „durch den Teuerung und Krankheiten entstanden." Pest, Teuerung, Krankheiten verzeichnet der Chronist hauptsächlich als die Folge nasser Perioden — auch wir halten ja einen kalten und trockenen Winter für gesünder als einen nassen und abnormen. Anhaltende Nässe mit Teuerung wird ebenfalls gemeldet aus den Jahren 1310 und 1392, ebenso von 1401 und 1433. Im Jahre 1401 regnete es vom 12. März bis zum 17. Sep- 60 teinber fast ununterbrochen, 1433 erzeugte die anhaltende Nässe eine fünfjährige Teuerung. Jnr Sommer 1468 reiften infolge der herrschenden Kühle imb Nässe die Feldfrüchte nicht, während das Heu auf den Wiesen verfaulte. Auch im Jahre 1638 wird vom Juni bis August ununterbrochener Regen verzeichnet. Der Winter brachte dann ungeheuren Schneefall, und wieder schloß eine Teuerung sich an, die im nächsten Jahre den höchsten Grad erreichte. Nicht selten traten auch mitten im Sommer Fröste oder Schneefall ein, so 1128, wo gegen Pfingsten starker Schnee fiel, ferner 1626, wo der Wein am Johannistag, und 1632, wo er am 25. Juli erfror. Ungewöhnlich heiße Sommer verursachten ebenfalls Schaden genug. Im Jahre 872 trockneten infolge der gewaltigen Hitze Bäche und Flüsse aus, Heuschreckenzüge verwüsteten Felder und Gehölze und große Teuerung entstand. 993 schloß sich einem harten Winter ein außerordentlich heißer Sommer mit der abermaligen Wirkung des Aus- trvcknens aller Flüsse und Bäche an. 999 starben infolge der herrschenden Hitze die Fische im Wasser, sodaß die Pest entstand, 1135 trockneten die Brunnen aus, und es entstanden Waldbrände. Auch der Sommer des Jahres 1616 war so heiß und regenlos, daß das Gras verdorrte und die Saale so austrocknete, daß man unterhalb der Brücke auf Schrittsteinen über die Saale gehen konnte." Durch ungewöhnlichen Regenmangel zeichneten sich die Sommer der Jahre 1473, 1479 und 1534 aus. Jnr erstgenannten Jahre fiel von Pfingsten bis Mitte September kein Regentropfen, allgemeine .Dürre und Trockenheit trat ein, es entstanden bedeutende Waldbrände, die an manchen Orten 5 Wochen anhielten. 1479 regnete es von Pfingsten bis Michaelis nicht, 1534 brachte die Hitze Massen von Raupen hervor, welche alles wegfraßen und eine Teuerung verursachten. Mir könnten diese Beispiele noch vermehren, doch reicht das Gesagte hin, um den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die hier uiedergelegten Angaben beziehen sich, »vorauf manche Bemerkungen an sich schon hindeuten, auf eine Stadt Thüringens — sie sind der Schreiberschen Chronik von Jena entnommen — trotzdem spiegeln sie im großen Ganzen den allgemeinen Charakter der Witterungs- und Temperaturverhältnisse der betreffenden Zeiten in Deutschland wieder, da sie erstens offenbar mit Bezug auf eine weitere Umgebung (Thüringen oder Mitteldeutschland) gemacht worden zu sein scheinen, und zweitens damals wie jetzt trotz der Temperaturabweichungen im einzelnen der allgemeine"Charakter der Witterung in Deutschland im wesentlichen derselbe ist. So klagt man gegenwärtig allenthalben über die abnorme Temperatur — oder vielmehr, man wundert sich mehr darüber, als man die Erscheinung beklagt, — Und es macht durchaus keinen Unterschied dabei, daß die Temperaturangaben je nach der Lage der betreffenden Gegenden um einige Grade schivanken. Soweit sich aus den Mitteilungen unserer Chronik allgemeine Schlüsse ziehen lassen, — aus den letzten beiden Jahrhunderten liegen entsprechende Berichte in dem Werke nur spärlich vor — so ergießt sich in erster Linie wohl eine Bestätigung der Annahme, daß kalte Winter und heiße Sommer mit einander abwechseln oder besser, normalen Wintern ebensolche Sommer folgen, und umgekehrt. Doch fehlt es auch, wie wir aus unserer Darstellung erkennen, nicht an häufigen Ausnahmen. Im Jahre 820 z. B. schloß sich einein unbeschreiblich nassen Sommer ein kalter und anhaltender Winter an. Im großen Ganzen bestätigen auch die Angaben unserer Chronik die neuerlichen Feststellungen Hellmanns, welcher das Vorkommen der milden Winter von Berlin seit 1720 untersucht und die Ergebnisse seiner Untersuchung im Jahre 1898 veröffentlicht hat. Nach denselben scheinen die milden Winter meist in Gruppen aufzutreten, so m den Jahren 1771 bis 1773; 1789 bis 1791; 1805 bis 1809; 1821, 1823 nnd 1824; 1824 bis 1845; 1850 bis 1852 usw.; „besonders aber ist dies dann der Fall, wenn längere Zeit kein milder Winter vorausging.". Genannter Forscher ist der Meinung, daß wir wieder in eine solche Serie eingetreten sind, und hält es für wahrscheinlich, daß auch die nächsten Winter sehr mild sein werden. Vielleicht wird er Recht behalten — möglich aber auch, daß es anders kommt; denn der Wettergott ist ein unbeständiger und unbestimmbarer Gesell, der sich noch immer nicht ganz durchschauen lassen und den trockenen Regeln der Systematiker fügen will. Hat doch der Altmeister Goethe, der sich in seinen letzten Lebensjahren redlich bemühte, dem Gehermnis des Kalenderinannes auf die Spur zu kommen, anscheinend schon schlechte Erfahrungen gemacht, wie die resignierte Sentenz, die er 1828 einer jungen Engländerin ins Album geschrieben — haben soll, zur Genüge besagt: „Es regnet, wenn es regnen soll. Und regnet seinen Lauf, Und wenn's genug geregnet hat, Dann hört es wieder auf!" Seitdem hat die Meteorologie allerdings Fortschritte zu verzeichnen, bedeutende Fortschritte, so sehr man auch im großen Publikum gemeiniglich über dir Wetterprognosen zu spotten pflegt. Hoffen wir, zu gunsten unserer Sonrmer- reisen und Landpartien, daß die Zeit nicht mehr fern sein möge, wo die Meteorologen glühende Kohlen auf die Häupter aller schnöden Lästerer sammeln und der vergessene Regenschirm nicht mehr verleumderisch als die Ursache eines plötzlich hereinbrechenden Regenwetters, bezeichnet wird! GeMsrnrrützsgeS. Das Taktgefühl. Taktgefühl läßt sich nicht erlernen, es muß uns als Gabe mit in die Wiege gelegt werden. Wie schön, wer es erhalten; wie können wir so vieles dadurch mildern, so vieles gut machen, was Taktlose verbrochen, über verschiedene Verlegenheiten hinweghelfen re. Unser Leben besteht nicht nur aus Sonnentagen, und gerade in Zeiten der Sorge, der Trübsal, legt sich das Taktgefühl sanft wie eine linde Hand auf unser wundes Herz. Wie wohl- thuend berührt es uns z. B. bei Fällen von eingetretener Trauer, Menschen zu begegnen, ohne das stereotype: „Sie trauern ja, um wen trauern Sie denn" oder bergt zu vernehmen. Meistens stehen uns diese Leute zu fern, um sie an unserem Schmerz teilnehmen zu lassen und ihnen von unseren lieben Hingeschiedenen zu erzählen, und die Frage reißt immer wieder die wunde Stelle auf, die wir auf Stunden, Minuten nicht bluten gefühlt. Es gießt Mittel und Wege genug, bei wirklicher Teilnahme sich die Kenntnis von dem Verstorbenen zu verschaffen, ohne die Trauernden zu behelligen. Schwarze Spitzen zu waschen. Man vermischt in lauwarmem Wasser den dritten Teil Essig und legt Spitzen und Schleier einige Stunden hinein. Dann drückt man die eingeweichten Gegenstände heraus, legt sie wiederholt in Essigwasser und gießt in das Essigwasser ein wenig gelöstes Gummiaraßicum, wringt sie aus, heftet sie mit Stecknadeln fadengerade aus ein Bügelßrett und trocknet sie. „Prakt. Wegweiser", Würzburg. Anagramm. (Nachdruck verboten.» Es ist in der Maner und ist im Gemach, Ost leer und oft geschmückt; Die Zeichen verstellt, da rcgicrt's die Welt, Doch ein Thor ist's, den es beglückt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Magistrat. unsrer Väter Tbaten Mit Liebe sich crbau'n, vv Fortpflanzen ihre Saaten, Dem alten Grund vertrau'n; In solchem Angedenken Des Landes Heil erneu'n; Um uns're Schmach sich kränken, Sich uns'rer Ehre freu'n; Sein eig'nes Ich vergessen In aller Lust und Schmerz: Das nennt man, wohl ermessen, Für unser Volk ein Herz. Ludwig Uhland. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UniversitötS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.