Nachdem er die Kerzen angesteckt hatte, konnte er er«* kennen, daß das Haus, wenn es miri) von außen einen! recht spießbürgerlichen Eindruck machte, im Innern Volk«* kommen anders aussah. Alte, wertvolle Tapeten bekleideten die Manern des Vestibüls, und reichten auch längs de« breiten Treppe nach oben. Schwere Teppiche bekleideten den Boden und lägen auch von Stufe zu Stufe, ließ er das Treppengeländer, um das Holz und Eisen desselben zU maskieren, war ein breiter orientalischer Stofs von rote« und goldener Farbe geworfen, der von dem matten Don« der Tapeten abstach. Er erfaßte sofort, daff; düs Erdgeschoß des Hauses keine Mvhnräume enthielt. Das ganze Vestibül, die mit Teppichen verkleidete Treppe, ausgestattet mit da und dort angebrachten riesigen Blattpflanzen in mächtigen, japanischen .Basen, alles dies schien nur vorhanden zu sein, unk Stimmung zu machen und die Erwartungen zu spannen. Er stieg hinauf, sonderbar berührt, in diesem verödeten Haus ein Gefühl des Wohlbefindens und wohliger Wärm« zu empfinden. Da nirgends Oefen zu entdecken warem erzeugte vermutlich Luftheizung diese umschmeichelnde Temperatur. Bou dem Korridor des Oberstockes führten zwei offenstehende Thüren, die eine in ein Schlafgemach, die ander« in ein Toilettenzimmer. Er trat in das erstere ein. Es war vollständig mit Seide ausgestattet und tapeziert, den Plafond mit inbegriffen, mit einem hellgelben Satin und Schattierungen in dunkles Violett. Aus gleichem Stoff waren Vorhänge und Portieren, mit gleichem Stoff über» zogen die Chaiselongue und die sehr niedrigen Fauteuils. Ter Kamin, der unter der Flut von Satin vollständig verschwand, trug fein gearbeitete Kandelaber und eine Steh- uhr im reinsten Stil Louis XVI.: zwei Amoretten, das Zifferblatt haltend. Auf dem geschnitzten Holzbett, einer Nachahmung des Bettes Marie Antoinettens aus Trianon, eine Decke, Laken von feinstem Linneuzeug und von Spitzen umfaßte Kopfkissen. Es war unbedeckt. Nachdem er das reizende Zimmer mit einem Blick gestreift hatte, das wohl der Tapezierer hergestellt, jedenfalls aber Sempach ersonnen haben durfte, sah Georg auf seine Uhr. Ein viertel neun. Ob sie wohl kommen würden die er erwartete? Er zweifelte daran. Er wagte es nicht, zu hoffen, gerade weil sie aller Wahrscheinlichkeit nach erst bent vorigen Abend hiergewesen war. Die Damen der großen Welt haben selten zwei Abende hintereinander frei. Schon vorsichtshalber pflegen sie zwischen ihren Zusammenkünften immer eine gewisse Zeit zu lassen. Es schien ihm unmöglich, daß ihr das Gerücht von der Verhaftung Sempachs nicht zu Ohren gekomtnen wäre. Wozu sollte sie dann heut« abend hierher kommen? Und falls sie doch käme, dann würde sie hier in diesem Asyl, wo sie sich vor jedem unberufenen Blick so sicher glaubte, einen Mann treffen, bett sie noM nie gesehen, dessen Existenz ihr vielleicht sogar MB LLL bKI ayU (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. R e v e l- (Fortsetzung.) Sie waren daheim angelangt; der Wägen hielt an. „Wenn ich mit Dir ginge", überlegte sie. „Ich werde unten im Wagen warten, wie eben jetzt, — aber nicht vor dem Thore, sondern weit weg. Kein Mensch würde mich sehen, und ich würde früher Nachricht erhalten." „Nein, nein, das will ich nicht." „Gut. Ich will vernünftig sein. Ich habe es' Dir versprochen. Du .mußt mir aber auch versprechen, mich noch aufzusuchen, wie spät es auch immer sei. Ich werde auf Dich warten. Ich kann doch kein Auge schließen." „Ja, ich verspreche Dir's." „Gut. Lebe wohl, mein Georg. Eile Dich, es ist bald 9 Uhr!" Sobald seine .Schwester int Thorweg verschwunden war, ließ er sich nach Friedenau fahren bis an die Ecke der Menzelstraße, wo die Häuser bereits anfangen, vereinzelt zu stehen, und neue Straßen angelegt wurden. Tort schickte er den Wagen fort und' begab sich zu Fuß nach, bent ihm bezeichneten Hause. 17. Kapitel. Franz hatte bas Haus, bas ihn vor der Welt verbergen sollte, gut gewählt. In ber ganzen Umgegend desselben kein Laden, nirgends Fenster, aus denen man beobachtet werden, von denen aus geklatscht werden konnte. Dem Hause gegenüber eine einsame Reihe von Bäumen und die Eisenbahnstrecke, die etwas tiefer lag; rechts und links zwei umzäunte Grundstücke; also weder Nachbarn noch ein Vis-a-vis. Trotzdem ist der Ort nicht einsam, uttb man kann sich ruhig hinwagen, ohne sich einer Gefahr auszusetzen. Mit ein paar Shritten ist man in Neu-Friedenau, von wo sowohl die Eisenbahn als' auch die elektrische Bahn bis in das Zentrum Berlins bequem führt. Tas Haus war klein, von bescheidenem Aussehen. Sein Stil lenkte nicht wie einige Nachbarhäuser die Blicke der Passanten auf sich! Man würde vermuten, daß es von gewesenen Handelsleuten, von Mann und Frau, bewohnt sei, die ftd), vom Handel zurückgezogen haben und von einigen Renten leben. Nach diesen Betrachtungen und einem raschelt Mick um sich steckte Georg, der inzwischen die einsam« Villa erreicht hatte, den Schlüssel in das Schloß. Tie Thür öffnete sich. Er schloß sofort wieder hinter sich zu. • Vollkommene Dunkelheit umgab ihn. Wer als Raucher hätte er immer Streichhölzer in der Tasche; dank dem angesteckten Licht bemerkte er auf einem Tische von geschnitztem Eichenholz einen Leuchter mit zwei Kerzen. Alles war bereit für die Ankunft des Herrn. 570 unßeTannt war, eftteit Fremdling, der die Frechheit hatte, sie auf offener Schuld zu ertappen, ihr tiefstes Geheimnis zu rauben. Welche Haltung füllte er vor ihr beibehalten? Wie sollte er fvdji benehmen? Nie hätte er, wenn es ihm Bertha nicht geraten hätte, den Gedanken gefaßt, sich hier einzuschleichen und die Rolle desjenigen zu vertreten, den sie hier zu finden glaubte. Er bangte vor dem Schritt, den er unternommen. Wer ihn mit seiner Größe, feinem gebräunten Teint, seinen mächtigen Schultern, so schön gebaut, wer dieses männliche Antlitz gesehen hätte — der würde ihm jegliche Tapferkeit und jeden Mut zugetraut haben. Darin aber täuschte man sich; hinter diesem männlichen Aeußern barg sich, wie so oft, ein etwas zaghaftes Herz. Er, der sich nur seinen Studien, seinen Arbeiten und Bruderpflichten gewidmet hatte, war zu wenig in der Welt gewesen; er hatte nicht genug gelebt, um zu wissen, daß er als schöner Mann nichts zu fürchten brauchte. Und trotzdem er an dem Kommen der Erwarteten Zweifel hegte, wünschte er lebhaft ihr Erscheinen. Um mit ihr über Franz zu sprechen, mit ihr das Mittel zu beraten, ihn zu retten? Gewiß. Aber zu diesem Wunsch gesellte sich nc^ch ein anderes^ unbewußtes Gefühl, das er sich selbst nicht eingestehen wollte: er war begierig, jene geheimnisvolle Frau zu sehen und kennen zu lernen, für die Sempach diesen entzückenden Winkel mit solcher Sorgfalt ausgesucht, den er mit so viel Liebe hatte einrichten lassen. Daß er sich für jene Frau so viel Mühe gegeben hatte, war ein Zeichen, daß er sie anbetete und daß auch sie eine hochgestellte Persönlichkeit sei. Georg blickte um sich, um irgend welche Anhaltspunkte zu finden, die ihm etwa ermöglichen könnten, sich die Betreffende vorzustellen. Er konnte nichts finden. Tie Farbe dieser Stoffe, die Vorhänge sagten ihm bloß, daß sie blond sein müsse. Der zartfühlende Sempach hatte ihr jedenfalls für ihren Teint und die Farbe ihres Haares einen harmonischen Rahmen geben wollen. Aber es gießt im Blond so viele Abarten, und es gießt so viele Blonde! Tann überlegte er, daß er etwa im anstoßenden Toilettenzimmer, das er bloß vom Stiegenhaus eingesehen hatte, irgend ein wichtigeres Zeugnis des Geheimnisses entdecken könnte, jenes Geheimnisses, das er im Interesse seines Freundes unbedingt versuchen mußte zu lösen, um jene Unbekannte vielleicht eines Tages erraten oder entdecken zu können, falls sie aus Vorsicht oder aus Furcht nicht mehr in dieses Haus wiederkehren soMe. In der festen Ueberzeugung, bloß von diesem einzigen Gefühl geleitet zu fein, und daß keine Neugierde dabei im Spiele war, hob er die Portieren, die die beiden Zimmer von einander trennten, und trat in das anstoßende Boudoir. Baron Sempach hatte sich jedenfalls Mühe gegeben, aus diesem Gemach einen lauschigen Winkel zu machen. Er hatte jedenfalls gewollt, daß sie in ihm den Luxus Und die Bequemlichkeit ihres eigenen Hauses vorfinde, daß nichts an ihren Gewohnheiten geändert, daß alle ihre Wünsche befriedigt würden. Tie Vorhänge, Stoffe und der Ueberzug einer großen, sehr niedrigen Ottomane waren aus rötlich violetter chinesischer Seide, die in warmgehaltenem Tone mit großer Feinheit ausgeführte Tessins von Vögeln und Blumen trug. Ter Marmor des riesigen Waschtisches, der eine ganze Seite des kleinen Raumes einnahm, verschwand vollständig unter einem schleppenden Ueberwurf von venetianischen Spitzen, worauf sich zwei Becken aus massivem Silber, sowie Flaschen aus geschliffenem Krystall befanden. Daneben als Seitentisch ein kleiner, mit englischen Spitzen bekleideter Toilettentisch mit einem von Silber umrahmten Spiegel und daraus eine ganze Kollektion von Mmmen, Bürsten und Schachteln aus Schildpatt, Scheeren und Feilen an allen Größen. Gegenüber ein hoher, vierteiliger Spiegelschrank, der in Frankreich aus tonkinesischem Trae-Holz geschnitzt war, eichene Farbe hatte und feine Perlmutterauflage aufwies. Georg staunte und' starrte, toter aber nicht int stände, Awas zu entdecken, das ihm Aufklärung verschafft hätte. D-re Necessaires, Bürsten und Schachteln trugen allerdings «inen Namenszug, jedoch den Franz von Sempachs. Neben dem Divan auf 'einem großen Eisbärenfell standen ein Paar Commodeschühe, ebenfalls aus Satin mit Spitzen. DM Eomnlpdeschuhe gelten nicht immer die genaue Größe des Fußes att; ost reichen die Zeheik nicht bis an die Spiß'eb und ost ragt die Ferse wieder über sie hinaus. Er bedachte, daß ihm vielleicht der Spiegelschrank zur Lösung des Geheimnisses verhelfen könnte: „Ein Geheimnis, das zu durchdringen meine Pflicht ist", wiederholte er sich fortwährend, um sein Gewissen zum Schweigen zu bringen. „Wenn sie nicht mehr kommt — und das thutj sie nicht mehr, dazu ist es zu spät — muß ich alles versuchen, sie zu entdecken, kennen zu lernen, sie zu sehen, sie zu sprechen." ' Infolge dieses Selbstgespräches etwas beruhigt undl weniger ängstlich, ging er auf den Schrank zu und öffnete die Flügelthüren desselben. Ans den einzelnen Lagen fahen fymmetrifch geordnet schneeweiße, aus feinster Leinwand hergestellte Laken, einige Stöße von Servietten aus dem Schrank. In einer Ecke befanden sich zwei Buchstaben eiugestickt; doch es war immer nur ein F und ein S mit der Freiherrnkrone. In dem zweiten Abteil des Schranks waren die Lagen durch Kleiderhalter ersetzt; ein einziges Kleidungsstück war in ihm aufgehängt: ein Schlafrock ans Crepe de Chine von Theerosensarbe, mit altvenetianischen Spitzen eingefaßt. Er betrachtete ihn lange; er maß ihn mit fachmännischem Blick, studierte ihn, indem er versuchte, den Körper, den dieser Schlafrock zu verhüllen hatte, zu rekonstruieren. Mr ihn als Künstler war dies nicht allzu schwierig. Er er-, kannte sofort, daß die Trägerin desselben eine stolze/ majestätische, üppige Gestalt sein mußte, obwohl die Unbekannte dieses Kleidungsstück nicht oft getragen zu haben schien. Jedoch trotz all seiner Diskretion und Zurückhaltung/ beinahe trotz seiner Unberührtheit hatte dieses Kleidungs-, stück Georg trotzdem verraten, daß die, die er kennen zu lernen wünschte, eine Gestalt über die Mittelgröße hatte und von stark entwickelten Formen war. Nachdem er alles sorgfältig untersucht hatte, verschloß er wieder den Schrank und blieb in nachdenkliches Sinnen verloren. Schon seit geraunter Zeit hatten ihn dieser geschmackvolle Luxus, der Duft der Blattpflanzen, der aus demj Vestibül des unteren Stockwerks empor stieg, diese ganze Treibhaustemperatur, der Anblick der Toilettegegenstände/ dieser Kleider, die den weiblichen Gebrauch verrieten, —1 alles das hatte ihn allmählich berauscht, ohne daß er selber Kenntnis davon gehabt hätte. — Seine Erfolge, sein plötz-i liches Emporkommen hatten es ihm gestattet, gut zu leben, — und er lebte auch gut in der That. Er umgab sich mit! großer Bequemlichkeit, aber mehr mit der eines Künstlers/ eines Junggesellen, der seine Wohnung nur um seines Jchs willen verschont: mit Vergnügungen fernes Geistes/ mit Werken, die sein Ange erquickten. Er hatte aber wieder keinen Begriff von gewissen Anschaffungen des Luxus und sybaritischen Bequemlichkeiten, womit sich manche Frauen und auch Männer, wenn sie für sich allein leben, umgeben. Gewiß wußte er auch die Schönheit eines Gesichts/ eines Körpers zu schätzen und zu würdigen. Müher in Newyork und jetzt in Berlin hatte er sich wiederholt bald für ein schönes Mädchen, bald wieder für ein hübsches Modefl begeistern können. Wer alle waren an ihm vorübergehuscht, ohne ihn von seiner Arbeit abgewendet/ ohne irgend eine Stelle in seinem Leben eingenommen! zu Haben. Er mochte sie wohl angesehen haben, doch hatte er sie niemals näher kennen gelernt. Am allerwenigsten wußte er etwas von der wirklichen Lebedame, der Frau der großen Welt, die durch Geburt und Vermögen hoch- gestellt war, von jenem zarten Wesen, jener Künstlerin, jenen in allem und jedem raffinierten Frauen, die abgespannt und überreizt von den Aufregungen ihres lärmenden Lebens nach allen Ueppigkeiten, die ihnen der Luxus bieten kann, begehren, deren Geschmack äußerst wählerisch ist — die, wenn sie anständig find, in ihrer Art diskret —i wenn sie es nicht sind, ohne Zurückhaltung leben, auf steter Suche nach aHett erdenklichen Raffinements, die noch ihre Phantasie und die jenes Mannes, den sie momentan beherrschen, entflammen können. • Wenn er auch diese von der Regel abweichende Frauen-- gattung nicht kannte, wenn er auch niemals Gelegenheit gefunden hatte, diese zu beobachten, sich mit ihr abzugeben oder sie zu lieben, so begann er doch seit einigen Augen-? blicken sie zu verstehen, sie zu ahnen, sie zu fühlen. Er/ dessen Eiubildnugsvermögen und schon früh entwickel 571 — Liebe und Werbung im Reiche der Mitte. . Ort .ihrem „glücklichsten" Tage wird die Braut von oefrermdcten Matrone in ihre reichste Kleidung gesteckt, ^jhr Haar wrrd flach auf dem Kopfe zusmnmengedrückt und darüber eine helmartige Frisur mit vielen Federverf- zierungen. unÄ, sonstigen, goldenen Ornamenten versehen. Tns Antlitz wird rötlich-weiß gepudert, die Augenbrauen Sinne Fen' KcüE VeS Redens, die schwere, rastlose Avbeit, die Traume des Ehrgeizes und die ihn ganz er- füllende Bruderliebe rn den Hintergrund gedrängt und gedampft worden waren, fühlte jetzt plötzlich, wie sich in rhm Sehnsüchten aus vergangenen Zeiten regten, wie in d ueue Gelüste erwachten, vor allem das Bedürfnis, der hesnge Wunsch, das ihn umgebende Geheimnis auszudecken, dre Göttin jenes Tempels kennen zu lernen, in den einzudringen er gewagt hatte. 9 Plötzlich glaubte er in dem großen Schweigen des verödeten Hauses em Geräusch vernommen W haben, er Kielt den Atem an und lauschte. 7 .. 3«. Untenim Vestibül hatte jemand die Thür, die auf die Straße führte, soeben aufgeschlossen. 1 ^asch eilte er in das Schlafzimmer. ■n.n^nU5 das Sttegenhaus weitgeöffnete Thür ver- hAaSm®err“u^ etneg iei^icn Schrittes auf der Treppe, das Rauschen und Knistern von Sammet- und ^^dengewandern, die durch den Korridor schleppten. I Kem Zweifel mehr war möglich: sie war es Bor Aufregung bebend erwartete er die Unbekannte. Die Liebe, sagt eine englische Wochensckritt ift w« Chinesen ein dehnbarer Begriff, und so keimt er Jrrfi w-mge Verhältnis zwischen Verlobten oder Eheleuten wie es hierzulande besteht, nicht oder kaum Meist UpM »v smne Gattin erst nach der vollzogenen $ermöfir mlkL A-t sich -,M°Äch ganj und gar unterscheidet. Was der bezopfte Sohn des Mmmels von seiner „besseren Hälfte" weiß ist ihm von Freunden oder von der Heiratsvermittlerin zugettagen wor- r «io. ^re,n i^er vornehme Chinese bedient. Tie Braut sÄbst hat kerne Wahl, und wie sie im Hause ihrer Eltern schwere Pflichten und Dienste verrichten muß, so ist ihr por.f. Hause des Gatten und ihr Verhältnis zu den Schwiegereltern auch nicht gerade beneidenswert. Aus- uahmen finden natürlich statt und so ist die Ehe zuweilen zwischen chinesischen Eheleuten eine recht glückliche. Ueber- wiegend sind jedoch die Fälle, wo die Frau ihre Neigung ^'n^"icht erwidert findet, oder solche für den Gatten linh häufig und da dem Bewohner des himmlischen Reiches das Sterben weit leichter wird als uns, zieht auch das weibliche Geschlecht oft die Erdrosselung • Leben doller Mühsal oder einem allmählichen Dahin- flechen vor Ter Mann ist unbeschränkter Gebieter in seinem Hause; es steht ihm srer, eme zweite Gattin zu wählen, oder I fTe versäumte, ihn mit Kindern zu beschenken auf Scheidung zu verklagen. Nur solche Frauen I hen Anspruch darauf machen, als legttim vermählt I betrachtet zu werden, die eine glückliche Fügung des Schicksals gesegnet, alle «a.nderen gelten als „tsieh" oder Verstoßene und sie stehen im Range weit hinter der ersten, der „legalen Frau. Eine „tsieh" kann ihren Eltern wieder zur Verfügung gestellt werden, die meist von ihrem Rechte Ge- abermals zu verkaufen. Der Kaufpreis etm "Adriger, da der Heiratsmarkt mit solchen unglücklichen Geschöpfen sozusagen überschwemmt ist, die als Sklavinnen in der Bedeutung des Wortes in einem Kultur reiche verschachert werden, das sich schon auf emer hohen Entwickelungsstufe befand, da Europa noch in den tiefsten Stand der Barbarei versunken war. halten frühzeitig Ausschau nach passenden Schwiegersöhnen oder -töchtern, deren Vermitte- lung man der vorerwähnten Heiratsagenttn, der „mei-jin'< übertragt Sie hat in der chinesischen Gesellschaft eins "?ie, führt unter Beobachtung strikter, geschäftlicher Grundsätze Bücher über beide Arten Kandidaten und ruft, wenn sie glaubt, für die eine oder andere der Parteien eine passende Wahl getroffen zu haben, die Eltern- haarezu einer Besprechung zusammen. Das geschieht ver- mtttelst einer roten Karte, auf der Jahr, Monat, Tag und fttunde der Geburt des Klienten oder der Klientin vermerkt sind. Auf der an die Eltern des Heiratskandidaten ergangenen Einladung sind außerdem in überschwänglichen Worten, tote sie eben nur die chinesische Sprache kennt die Vorzüge der Braut, tote die „kleinen, goldenen Lilienfüße", ^^/perrenweißen Rosenzähne", die „schlanke, biegsame, gottt ähnliche Gestalt u. a. m. aufgezählt. In diskretester Form wird auch der von den Eltern geforderte Kaufpreis genannt, der je nach dem Stande der Eltern oder der Borrüae der Braut 100 MB 800. Mark beträgt, eta “X“ KW» dfe Kosten für die Ausstattungsstücke ersetzen soft. Sind die Verhandlungen zwischen den Elternpaaren soweit gediehen, daß Aussichten für eine Eheschließung der Kinder vorhanden sind, so tauscht man gegenseitig Geschenke aus, die in Seide, Reis, Hühnern und Gänsen bestehen. Gleich- zeitig wird aber auch der Wahrsager zu Rate gezogen, der die Aussichten des Bundes zu verkünden hat. Wenn sblue astronomischen Forschungen und sein mit kleinen Bambusschnitzeln angestellter Hokuspokus auf glückliche.Vorbedeutungen Hinweisen, werden die roten Karten mit einer roten seidenen Schnur zusammengebunden, eine Ceremonie, b/b die vollzogene Eheschließung anzeigt, durch das Opfern eines FuchfE oder einer KUH aber erst den rechten Grad der Weihe erhalt. 19. Kapitel. stand gegen die mit Seide bezogene Mauer von emem Flügel der weit offenen Thür. Denn, bftÄ er mitten ttn Zimmer stehen, so konnte sie ibn « beJrt Eintreten vom Kvrridor aus erblicken und J’“1 "" stände, wenn fte tn dem Unbekannten nicht Franz von Sempach erkannte, nach der Treppe zu stitrzen und S wie möglich zu" entkommen lassen^ ^r ke ner Bedingung sie entwischen zu sprech f ^tMofsen, fte zu sehen und mit ihr ?v eine junge, warm vibrierende uur doch Ich fef)e ja benähe nichts. ■2tiar“nt hast Tu kein Licht unten gelassen?" 7 Er verharrte regungslos und in tiefstem Schweigen sie abermals- Käufen der Treppe angekmnmen, ries jte aoermals. „Bist Tu mir böse, weil ich Mick versvätet habe, und kommst mir deshalb nicht entgegen? Es war meine Schuld nicht, ich schwöre es ^treten. Ie^ten $8orten war sie in das Schlafzimmer । Ist" war es Zeit. Ohne zu zögern, stieß er die Thür zu. wendete sich rasch um, stieß bei feinem Anblick I "heften Schrei aus und floh'bis" an die Mamr Zurück t,rvi, ~,a st^^wf ste nun emer dem andern gegenüber- sie I toor dem Kamin, an die Mauer gedrängt, da sie nickt I w?ter zurückweichen konnte — er gegen die Thür gestemmt iU Einklang zu der That," die er ebeit aus ührte . . „Gnädige Frau, haben Sie keine Furcht' Ick bin ein I S™^euttb Von Franz von Sempach Er mag Ihnm Rakenius."^" mir gesprochen haben. Mein Name ist .. Zu einem weiten Mantel gehüftt, den Kopf stoft in rickttt'^liek^^ Are Augen unverwandt aus iht/ge- I SÄ 'iktSi* »B -rschch. «- s”k" .?antt, toie plötzlich von einem Gedanken erfaßt ueiate I reckench-" torn unb rief, ihm den Arm entgegen» züteiftn?" E ^as zugestoßen? Sie kommen, es mir mit- I eigni?-W “ ein entsetzliches Er- "Was Mr ein Ereignis? So reden Sie doch !" „Man^klagt ihst eines! Verbrechens an!" " "|e^c xUlörgen hat man ihn verhaftet." Mne^ nM^ ~ W forr das bedeuten? = Ich glaube es Wortsetzung folgt.) — 572 rasiert und die Lippen scharlachrot geschminkt. Ern riesiger Mantel, ein schirmartiger Hut - oder zuweilen em roter, undurchsichtiger Schleier — dienen als fernere Ausstattungsstücke für die schlitzäugige Tochter des Himmels, ^n dieser Verfassung wird sie in eine reich vergoldete und versierte Sänfte gehoben und in ein Zimmer getragen, das hinter ihr verschlossen wird. Den Schlüssel erhält ein naher Anverwandter des Bräutigams, der seine Freunde und eme Musikkapelle entsendet, um seine Zukünftige m ferne Behausung abzuholen. Ter Brautzug richtet srch selbstverständlich ganz nach dem Reichtume und der Stellung der Beteiligten. Ein vornehmer Chinese entfaltet da eilten wahrhaft fürstlichen Glanz. Boran schreiten die Banner-, Fackel-, Laternen- und Schirmträger, dann kommen Trager mit Schüsseln voll Süßigkeiten und Blumen und die Musiker. Ein geröstetes Schwein wird oft auch hinter der Braut auf einer riesigen, mit silbernem Papier ausgestatteten Schüssel hergetragen, um anzudeuten, daß sie nie Hunger leiden möge. Am Hause des Gatten empfängt die neue Frau eme Raketensalve, während Priester und ihre Helfershelfer an- qestellt sind, denen es obliegt, böse Geister von dem Heime des Paares zu vertreiben. Sobald die Braut in das Ehezimmer geführt ist, steht es dem Manne frei, die Hülle von seiner jungen Gemahlin zu entfernen, der er dann WM ersten Male ins Antlitz schaut. Tie Festlichkeiten werden am folgenden Tage fortgesetzt, wo die Anbetung der Ahnen die Hauptrolle spielt. Vermischtes. „Um deutsche Kronen" könnte man die nachstehende kleine Erzählung aus dem Munde eines ehemaligen Eton Boys, eines Schülers des bei Windsor gelegenen aristokratischen Eton-Gymnasiums nennen, die den Anspruch auf Wahrhaftigkeit erhebt. Der junge Prinz Arthur von Connaught und der Herzog von Albany, der übrigens um zwei Fahr jünger als sein Vetter ist, waren zur Zeit der Koburger Thronvakanz Schüler des gedachten Gymnasiums. Der junge Connaught suchte den Herzog von Albany, der übrigens ein netter anständiger Bursche und viel populärer als sein Vetter war, eines Tages nach zwölf Uhr auf, und apostrophierte ihn folgendermaßen: „Sage Du, Du hast wohl davon gehört, daß sie mich nach Deutschland schicken wollen, wo ich Herzog von Koburg werden soll." „Ja," sagte der Herzog von Albany, „das soll wohl so sein." — „Na", erwiderte der junge Prinz- „das soll wohl so sein, das ist aber nicht. Ich trete in die britische Armee ein, und beabsichtige durchaus nicht, Deutscher zu werden. Hast Du verstanden? Du kannst meinetwegen gehen und Herzog von Koburg werden. Das würde gerade so etwas für Dich sein." — „Höre", bemerkte darauf Albany mit einer gewissen Bestimmtheit, „ich beabsichtige ebenfalls nicht, nach Deutschland zu gehen und wünsche, in Eton zu bleiben." — „So? meinst Du?" fiel der Prinz von Connaught ein. „Na, mein Junge, laß Dir gesagt sein und rede keinen Unsinn: Du mußt Herzog von Koburg werden. Nächsten Sonntag frühstückst Tu mit Großmama in Windsor, und da laß Dir nichts beikommen, ihr etwas anderes zu sagen, als daß alles in Ordnung, und daß Tu vollständig einverstanden bist. Wenn Tu das nicht thust, wirst Du Dir herbe Unannehmlichkeiten zuziehen. Ich gebe Dir mein Wort, ich verhaue Dich, und wenn es um den ganzen Schulhof herumgeht."> Auf diese Eventualität konnte es der Herzog von Albany, der ein sehr zarter Bursche war, nicht ankommen lassen und er zog es vor, lieber eine deutsche Fürstenkrone anzunehmen, als von seinem Vetter verhauen zu werden.. Deutschland mag sich aber gratulieren, den jungen Prinzen von Albany statt des Prinzen von Connaught in der Reihe seiner Fürsten zu sehen, denn Letzterer soll so bodenlos faul und dumm gewesen sein, daß er durch das allerelementarste aller Examen, das der Aufnahme in die Kadetten- schule von Sandhurst, verschiedentlich durchfiel. Literarisches. Als siebenter Band des elften Jahrganges der Veröffentlichungen des „Vereins der Bücherfreunde". (Ge- schäftsleitung: Verlagsbuchhandlung Alfred Schält, König!. Preuß. und Herzogl. Bayer. Hosbuchhändler, Berlin W. 30) erschien: b. Naturereignis. den Pflanzenteil. Himmelsbewohner. Märchengestalt. Verwandte, jüdischer König. Möbelstück. Getränk. Blumen. BcsestigungSmittel. Oeffnung. Gefäß. Nahrungsmittel. Preisrätsel. (Nachdruck verboten.) He 1. Eßbarer Fisch 2. Fanggerät 3. Stück Land 4. Teil des Gesichts 5. Nutztier 6. Wassertier 7. Verkehrseinrichtung 8. Kirchenfest 9. Naturereignis 10. Mechanisches Kunstwerk 11. Jagdbares Tier 12. Getränk 13. Waffe — Naturereignis. Die Wörter unter a und b unterscheiden sich von einander nur durch den Anfangsbuchstaben (z. B. Band — Wand). Sind die richtigen Wörter gefunden, so bezeichnen die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b eine militärische Veranstaltung. Auf dem Wege «ach Erkenntnis. Roman von M v. Eschstruth (M. v. Eschen). Preis geheftet 4 ML, go- bunden 5 Mk. Mr Mitglieder des „Vereins der Bücher- reunde" Preis geheftet 1,90 Mk., gebunden 2,25 Mk. Mathilde von Eschstruth, bekannt äks eine der besten deutschen Schriftstellerinnen, hat wiederum einen bedeutenden Roman geschaffen. Mathilde von Eschstruth versteht es meisterhaft, in ihren Romanen ein aktuelles Thema geistvoll und fesselnd zu behandeln. So kommt dieser neueste Roman in glücklichster Weise; einer Strömung der Zett entgegen, die immer weitere Kreise zieht, dem wieder überall erwachenden, sich immer mehr geltend Machenden Interesse an religiösem Leben und religiösen Fragen. Ein knapper, flüssiger, anregender Stil, erhöht noch den Reiz des Werkes, das nach seinem Inhalt und Gehalt nicht nur eine hochinteressante, fesselnde Unterhaltung gewährt, sondern den Geist dauernd beschäftigen, ja durch seine Behandlung der höchsten Fragen Aussehen erregen wird. ___________ Die Musikalienhandlung Breitkopf & Härtel in Leipzig tritt nach ihren soeben erschienenen Mitteilungen Nr. 70 wieder mit einigen größeren Unternehmungen an die Oeffentlichkeit. Sie hat ihrer Orchester-Bibliothek eine Gruppe hervorragender Orchesterwerke in vereinfachter Befetznng yinzugefügt, um auch mittleren und kleineren Orchestern und Konzertvereinigungen Gelegenheit zu bieten, sich mit vollwertigen, reichinstrumentierten Donschöpfungen zu beschäftigen. Bei der Bearbeitung sind die schwieriger zu beschaffenden Instrumente zusammengezogen oder weg- gelassen, jedoch ist der künstlerische Charakter dieser Werkel voll gewahrt worden. Preisrätsel. Auf vielfach geäußerten Wunsche wiederholen wir nach.- stehend nochmals den Wortlaut des Preisrätsels: ; Mr die Lösung des Preisrätsels haben wir zehn wertvolle Preise ausgesetzt, die am Samstag, dem 4. Oktober zur Verteilung gelangen werden. Tie Lösungen müssen bis spätestens Donnerstag, den 2. Oktober, mittags unter folgender Adresse: Preisrätsel. Redaktion der Gießener Familienblätter Gieße« bei uns eingeheu. Später eingehende Lösungen können keine Berücksichtigung finden. Den Lösungen ist die Abonnementsquittung beizufugen, bezw. ist bei dem Abheben des Gewinns die Abonnements- quittung vorzuzeigen. . ,, Die Redaktion der „Gießener Mnnlienblätter". Auflösung der Rechenaufgabe m vor. Nr.: Der Erste erhält 3 volle, 1 halbes und 3 leere Fässer; der Zweite: 2 volle, 3 halbe, 2 leere; der Dritte ebensoviel wie der Zweite. Bekommt der Zweite aber genau dasselbe wie der Erste, so erhält der Dritte 1 volles, 5 halbe und 1 leeres Faß. - Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.