1902. Monkag den 26. Mak. TObIW bMIMI M ifäSU er Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Angen verliert, geht noch immer geschwinder, als der ohne Ziel herumirrt. _________Lessing. Lsri~j l._l (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bända» von Zacharias Nielsen. Autorisierte tteßerfc^img aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Ende Januar reiste Thomas wieder in die Hauptstadt, diesmal mit der Eisenbahn. Es war ein glitzerndes Frostwetter mit hellem, sonnengesättigtem Reifnebel, die Fenster des Wagens waren mit einer wolligen Eisschicht überzogen, die hie und da von warmem Atem aufgetaut und von- dem Abdrucke eines Geldstückes durchbrochen war. In seinem warmen Schafpelz saß er in der Ecke des Wagens und schaute aus die Nsflammen der Fenster- scheibeu. Er hatte sich vorgenommen, Helene heute nicht zu sehen, es war nicht gut für ihn. Als sich der Zug der Vorstadt näherte, in der sie wohnte, griffen seine Hände nach dem Lederriemen, und er versuchte durch die aufgetauten Stellen zu sehen. Endlich lieh er das Fenster fallen und starrte hinaus, als gelte es, jede Sekunde zu benützen. Dort drüben hinter dem Friedhof mußte ihr Haus liegen — nein, weiter nach links — das kleine Haus mit dem Ziegeldach und der Manfarde-- „Wollen Sie, bitte, das Fenster schließen!" Er kam der Aufforderung nach und lehnte sich in seine Ecke zurück. Das Blut.pochte ihm in den Schläfen wie nach einer harten Arbeit. Er versank in Gedanken- Ein Bild nach dem andern glitt an ihm vorüber —< aber nein, er wollte sie heute nicht sehen. Es dämmerte bereits, als er seine Geschäfte beendet hatte. Langsam schlenderte er bis an die Pferdebahnstation. Welch ein Treiben und Wimmeln! Verteufelt schöne Figur, die da in Rot! — Jetzt kam eine Pferdebahn, die in der Richtung von Helenes Wohnung weiter ging. Er sah nach seiner Uhr. Es fehlten noch zwei Stunden bis zum Abgang des Zuges. Er konnte ja immerhin bis an den Frederiks- berger Schloßgarten fahren und dort ein wenig spazieren gehen. Nein, nein, er wollte nicht! „Kling!" ertönte es vom Wagen, die Pferde zogen an — und dann, im letzten Augenblick, sprang er doch hinauf. Als er in die Nähe des Hauses kam, verzögerte er feine Schrntte und sah sich scheu nm. Ein wenig umnebelt bopr Wein und Arrak, schleichend wie ein Hund, ging er lange auf dem Trottoir dem Hause gegenüber auf und nieder. War es nicht doch am besten, umzuq kehren? Er ging ganz dicht an das Haus heran — an den Fenstern war niemand zu sehen — noch konnte er um-, kehren. Nein, er mußte sie sehen, sie nur sehen, ihr! die Hand drücken, und dann wieder gehen. Er ging einen Augenblick hinein. Helene war nicht! zu Hause. Auf dem Rückwege begegnete er ihr. „Aber Thomas! Bist Du es! Guten Abend! WoheV kommst Du? Bist Du bei uns gewesen?" „Ja, ich war einen Allgenblick da und sah nach Böje.^ Sie reichte ihm die Hand und erzählte, welch eine Freude sein Besuch und der Brief ihres Vaters ihr gewesen. Sie trug eine schwarze gesteppte Nebelkappe mit blau- seidenem Futter und war in den ihm so wohlbekannten: alten grauen Shawl gehüllt, der jetzt an dem einen Zipfel den versengten Albdruck eines Plätteiscns hatte. Ein mildes, wehmütiges Lächeln lag auf ihren Zügen, die Frostluft hatte einen feinen Rofenschimmer auf ihre Wangen gezaubert, die dunkeln Augen schimmerten hinter den schwarzen Wimpern, das Haar hatte noch seinen tief- schwarzen Glanz. Ihr von dem blauseidenen Futter umrahmtes Antlitz sah so fein und rein aus, wie sie in dem weißen Licht des Vollmondes vor ihm stand. „Willst Du nicht mit mir umkehren, Thomas?" „Nein, ich habe keine Zeit." „Wie fandest Du ihn?" „Nun — ja!" „Thomas, er stirbt bald!" Ihre Augen füllten sich mit Thränen, und sie schwieg eine Weile, um die krampfhafte Starrheit §n bezwingen, die ihr die Luftröhre zuschnürte. „Ich habe ihn so unsagbar geliebt! Es ist vielleicht merkwürdig, daß ich Dir das erzähle; aber ich kenne keinen Menschen, dem gegenüber ich mich so offen aussprechen kann, wie Dir gegenüber!" Sie fragte nach ihrem Vater. „Du mußt ihn herzlich von mir grüßen. Ich habe Dir noch so viel, so viel zu sagen! Du könntest mich doch wenigstens eine Strecke Weges begleiten, oder soll ich mit Dir kommen?" „Ja, wenn Du magst?" Sie legte ihren Arm in den seinen. „Du lieber^ guter Thomas!" Es lag etwas so kindlich Zärtliches in der Art und Weise, wie sie ihre Hand unter seinen Arm bohrte, und in oem Blick, mit dem sie zu ihm aufsah. „Friert Dich", fragte sie. „Ja, es kommt vom Stillstehen." Sie gingen eine Strecke. „Und Deine Mutter!" rief sie plötzlich aus. „Das vergaß ich neulich ganz und gar. Es that mir so leid,, als ich hörte, daß sie heimgegangen sei?' 306 „Es war auch ein harter Schlag für mich." „Ja, es ist schwer, Abschied zu nehmen! Es sollte ja nicht sein, aber wir sind so schwach. Ich denke so oft daran, wie herrlich es gewesen sein muß>, in den ersten Zeiten des Christentums zu lebeu. Damals trugen die Christen keine Trauergewänder, sondern Festkleider Lei den Beerdigungen, und den Todestag nannten sie den Geburtstag. Wer doch einen solchen Glauben hätte!" Eine Weile schritten sie schweigend neben einander her. „Ich weiß nicht," begann sie wieder, „woher es kommt, daß es im Grunde so lveuig geistige Kraft heutzutage giebt." Thomas meinte, das sei fetzt wohl so, wie es immer gewesen: jeder habe sein Schicksal, man müsse sich in das finden, was einem einmal zugedacht sei. „Nein," rief sie aus und blieb stehen. „So ist es nicht, Thomas! Ich habe es unzähligemale im Leben erfahren, daß wir selber viel thun können." Indem er den Kopf nach ihr umwandte, streifte sie ein schwacher Arrakhauch aus seinem Munde. „Wir können fehlen und fallen — das habe ich selber auch so oft gethan, aber wir können uns wieder aufrichten, wenn wir nur ernstlich wollen. Du kannst Dich darauf verlassen, Thomas, daß, wenn wir uns nur ernstlich vornehmen, im Gebet und im Kampf ernstlich auszuharren und alles Mißgeschick zu überwinden, dann wendet der Herr unser Leben so für uns, daß wir siegen! Das thut er wahrhaftig." Thomas sah sie staunend an. Sie gab ihn: noch eine kleine Strecke das Geleite. „Böje wartet auf mich. Ich mutz auch nach Hause und an die Arbeit gehen." Sie zog .ein Packet hervor, das sie bisher unter dem Shawl verborgen hatte. „Das ist Leder, das ich aus der Stadt geholt habe. Ich nähe Handschuhe für ein Geschäft." Sie reichte ihm die Hand und sah ihn mit ihrem alten milden, innigen Blick cm. Er fühlte einen brennenden Stich durchs Herz. Weshalb schlang er nicht die Arme um sie und preßte ihr Antlitz gegen seinen Mund? Einen Augenblick wollte er es thun, aber eine innere Stimme sagte ihm, daß er sie damit für immer verlieren würde. „Leb' wohl, Thomas! Leb' wohl! Und denk' an die Möwe!--Du weißt ja." Er ging weiter. Von Zeit zu Zeit wandte er sich um, aber ein Hügel entzog sie seinem Blick. „Denk' au die Möwe!--Du weißt ja!" Ja, er verstand sie sehr wohl, und sie sollte sehen, daß er sie verstand. In Gedanken durchlebte er die anstrengende Bootsfahrt, er dachte an die Kraft, mit der sie zugegriffeu hatte, als seine eigenen Kräfte erlahmten. Den ganzen Kopf voller Gedanken, kam er nach Hause. Es war ihm sehr peinlich, daß sie in der Stadt umherlaufen und sich nach Arbeit umsehen mußte, daß sie demütig an den Thüren stand und wie eine Bettlerin um ein wenig Verdienst bitten mutzte. Einige Tage später wurden wiederum fünfzig Kronen abgesandt. Thomas nahm seine Arbeit auf dem Hof, in der Mühle und der Bäckerei wieder mit voller Kraft auf. Als einer der Müllergesellen krank wurde und sortgeschickt werden mußte, übernahm Thomas selber seine Arbeit. An allen Ecken und Kgnten sollte gespart werden. Er fuhr nur selten aus, und wenn Besuch zu ihm kam, so wurde dieser in aller Einfachheit bewirtet. Seine eignen Flaschen standen unberührt im Schrank. Er hatte ausgerechnet, daß er zwischen sechs- und siebenhundert Kronen jährlich sparen könne, wenn er den Flaschenkorb bei seinen Fahrten in die Stadt zu Hause ließ. Dies Geld sollte von nun an einen andern Weg wandern. Es lag eine unsagbare Befriedigung für ihn in dem klirrenden Metallklang, der sich vernehmen lieh, wenn die ersparten Geldstücke in seine Geldschieblade rasselten. Aber er hatte auch Stunden der Mutlosigkeit, in denen es ihm schwer wurde, seinen Hals im Zügel zu halten; es brannte ihm vor der Brust, seine Kehle lechzte nach einem einzigen Schluck Rum; aber jedesmal, wenn er im Geist nach der Flasche griff, stand ihm Helene mit ihrem magern Antlitz und ihrem versengten Shawl vor den Augen. Oft wurde es ihm schwer, das ersparte Geld zu-, fammenzuhalten. Die Zeiten waren ungünstig, eine Forderung nach der anderen trat an ihn heran, und am Horizont stand der Johannistermin wie eine drohende Wolke. Mitte Februar, als Thomas wieder zur Stadt fuhr, lebte Böje noch; aber er lag bleich und mit erloschenen Augen da. Es war Thomas, als zeigten sich schon kleine, halbkngelförmige Vertiefungen in den geschlossenen Angen- lidern. Anfang März aber kam ein Brief mit der Nachricht, daß es ihm besser gehe; er sei wieder außer Bett und säße bei seinen Pflanzen. Gott mochte wissen, was daraus wurde! Eine Schanze von Thontrögen mit Hyazinthen und Krokus stand im Fenster hinter den Blattgewächsen. Böje atmete mit Wohlbehagen den feinen Duft ein und schaute vou Zeit zu Zett nach dem gegenüberliegenden "Garten hinüber, wo ein Holunderbaum im Begriff war, sein grünes Gewand anzulegen. Helene sah es seinen Augen an, daß die Hoffnung wieder in sein Herz eingezogen war. Sie faßte den Gedanken, daß vielleicht doch noch Aussicht auf Genesung für ihn sei, wenn er einige Monate in Holmstrup sein und Seebäder nehmen könnte. Wenn sie doch alle eine Zeitlang in das kleine Haus ziehen, in ländlichem Frieden leben und sich mit dem Alten versöhnen könnten, den si« nun seit über sieben Jahren nicht gesehen hatte. „Wir können Thomas nicht so überfallen", meinte Böje. „Aber ich könnte doch da draußen ebensogut für Geld nähen, wie hier, und dann könnte ich den Vater pflegen, so daß Thomas die Frau nicht zu halten brauchte. Vielleicht könnte ich auch bei ihm in der Wirtschaft helfen. Du kannst mir glauben, ich wollte schon zugreifem Bedenke doch, Hans, daß es sich nur um eins handelt, — daß Du wieder gesund wirst!" Während sie mrt ihrem ewig regen Geist an der Nähmaschine saß oder in der Nachbarschaft mit allerlei Haus- und Gartenarbeit beschäftigt war, ließ sich Böje ihren Plan durch den Kopf gehen. Allmählich verwuchs er derartig mit seiner neuerweckten Lebenshoffnung, daß er schließlich ganz erpicht auf die Ausführung wurde. Der Wunsch, zu leben, sich geläutert und stark zu neuer Thätigkeit zu erheben, erfaßte ihn mit brennender Leidenschaft. Und war denn nicht schon einmal ein Wunder mit ihm geschehen? Er dachte an jenen Sommer zurück, wo sich der Strom des- Lebens stärkend über ihn ergossen hatte, er atmete die salzige Seeluft ein und fühlte das Wasser über seinen glücken gleiten. „Nun denn, in Gottes Namen, schreibe!" Im selben Augenblick kam Rudolf, um nach ihm zu sehen. „Na, how do Hou do, Sir? Du siehst ja wahrhaftig ganz munter aus!" „Ja, ich glaube beinahe, ich erhole mich diesmal noch wieder." „Und weshalb nicht? ,Es hängt alles vom Schicksal ab', sagt Vater Plinius, und Dein Schicksal hat vielleicht noch das Beste für Dich in petto." Das Wort „Schicksal" verletzte Helenes Ohr, aber sie war gar nicht aufgelegt, sich mit ihm einzulassen. Böje that eine Aeußerung, daß er, falls er sich wieder erholen sollte, sein Leben in mancher Beziehung ganz anders einrichten werde. „Mehr Feuer dahinter setzen?" „Nein, mehr -Ernst hineinlegen. Wir haben recht viel Lärm gemacht, Rudolf." „Kann sein. Du! Mir ist die ganze Sache auch bald über. Seit mich meine reichen Freunde im Stich ließen, bin ich so wütend auf die ganze Gesellschaft, daß ich ihnen in der Berlingsken Zeitung wohl eine tüchtige Lektion unter Chiffre Z. erteilen möchte," Böje lächelte. „Nein", fuhr Rudolf fort, streckte sich und gähnte. „Ich will nichts mehr mrt der Gesellschaft zu schaffen haben. Ich glaube, ich mache es wie Monrad und reise nach Neuseeland, und binde mir eine Hängematte unter den Palmen an." Das war Böjes Plan nicht. Sein Interesse war zu lehr mit den Kämvfen der Gegenwart verknüpft, nament- 307 — Kch mit dem Kampf für die kleinen Leute, als daß er sich so ohne weiteres von der Liste streichen lassen wollte, er gedenke aber, das Herz und die ruhige Vernunft ein wenig mehr zu Rate zu ziehen als bisher. Das Herz? Was hatte nur das Herz mit der Politik *u thun? Wenn es schließlich darauf ankam, so sei die Mcksichtnahme auf das, was der eigenen Person dienlich sei, das einzig haltbare Prinzip, und in Wirklichkeit die Triebfeder aller Parteien und jedes einzelnen Menschen. uttftttn V1 „Ja, weiß Gott, so ist es! Es handelt sich darum, für "uns selber so viel Sahne als möglich vom Leben zu schöpfen und unfern Gegnern so viel Essig als möglich zu brauen." „Du hast eine schlechte Ansicht von der Menschheit", meinte Böje. „So verdorben ist sie denn doch noch nicht." (Fortsetzung folgt.) Oberst Cumberland. Humoreske von Tev von Torn. (Nachdruck verboten.) Wenn zwei Menschen sich ewig in den Haaren liegen und einander doch nicht entbehren können, so gießt es nur drei Möglichkeiten: Entweder sind diese beiden Menschen ein Männlein und ein Weiblein — dann sind sie miteinander verheiratet!und leben wie man so sagt in glücklicher Ehe; oder es handelt sich um zwei Weiblein — dann sind sie wegen einer unglücklichen Liebe gemeinsam zu alten Jungfern herangereift; oder es sind zwei Männlein — dann ist ider eine Regimentskommandeur und der andere sein Adjutant. , i Mer wie alles beim Militär, so ist auch die Möglichkeit resp. die Art, sich zu zanken, streng geregelt. Während der eine mit beiden Händen erregt agieren oder die nervöse Rechte zwischen den vierten und ftinfteu Knops des Jnte- rimsrockes bohren kann, darf der andere mit den Grußfingern am Helm oder am Mützenschirm unentwegt fesch stellen, wo ihm der Kopf steht — oder bei ungeschütztem Haupte die ungefähre Gegend seiner Hosennat in hilfloser Empörung absuchen. Während der eine alles sagen kann, was er auf dem Herzen hat, darf der andere sich dasselbe nur denken — dafür allerdings noch einiges mehr, so zum Beispiel: „Steig' mir den Buckel 'naus, aber mit Filzschuhen" oder „Du kannst mir mal schreiben, wenn möglich frankiert". Dadurch, wird zwar der äußere Eindruck der Einseitigkeit eines solchen Zwistes nicht abgeschwächt, aber der passive Teil hat so wenigstens ein Ventil, aus daß der dunklen Gesühle Gewalt ihm nicht die Luft abdrückt. Leider hatte der Leutnant von Reifferscheidt das Pech, einem Oberst attachiert zu sein, welcher auch mal Regimentsadjutant gewesen war. Oberst Freiherr von Böhle hatte seiner Zeit lange genug die Schärpe quer über der stolzen Männerbrust getragen, um alle damit zusammenhängenden Empsindungen genau zu kennen. Er wußte, daß der Kommandeur in beit Augen seines Adjutanten immer nur der „alte Herr" ist, dessen Dummheiten man gar nicht aufmerksam genug verfolgen und korrigieren kann. Daraus ergab sich für den armen Leutnant eine recht schwierige Position —■ und zwar noch nach einer andern Richtung hin. Ist es schon unangenehm, einen Cumberland von Vorgesetzten zu haben, welcher hellseherisch die geheimsten Falten der Seele durch,dringt, so wird die Situation noch! komplizierter, wenn man diesen Vorgesetzten sich heimlich zum künftigen Schwiegerpapa erkoren hat und es ihn noch nicht merken lassen darf. Tas führt zu schweren inneren Konflikten. Auch heute wieder — und eben zu dieser Stunde — hätte Franz von Reifferscheidt seinen Oberst liebend gern einen alten Ekel oder wenigens einen Grobian gescholten. Wer konnte eh das gegenüber einem Manne, welcher eine so wunder- liebliche Tochter hatte? Durfte er das riskieren gegenüber einem Vorgesetzten, der —-- „Also es bleibt bei der Besichtigung, wie ich sie arm gesetzt habe">, Resümierte der Herr Oberst sich kurz und. barsch,. „Ihre Einwände sind haltlos. Volländig haltlos!- Ich begreife überhaupt nicht, wie ein sonst ganz befähigter Mensch einen solchen Unsinn dahcrredeu kann! Außerdem muß ich dringend, sehr dringend bitten, daß Sie ein anderes Gesicht machen, wenn ich mit Ihnen rede—" „Herr Oberst, ich--" „Weiß schon, was Sie einwenden wollen. Hab' ich auch mal gesagt. Mir können Sie nix vormachen. Dieses Gesicht ist eine Unart, mein lieber Reifferscheidt, welche Sie sich abgewöhnen müssen. Unbedingt abgewöhnen müssen. Ich würde mich sonst in der Notwendigkeit sehen, Ihnen einmal sehr grob zu werden!" „Herr Oberst, bitte gehorsamst —" „Zunächst bitte ich, Herrrr — und zwar, daß Sie gefälligst den Schnabel halten, wenn ich mit Ihnen rede! Zum 'Donnerwetter nochmal, das wird ja immer schlimmer mit Ihnen! Zuerst machen Sie unhaltbare Vorschläge, dann machen Sie ein subordinationswidriges Gesicht und nun machen Sie gar Einwendungen! Schließlich machen Sie aus Ihrem Herzen überhaupt feine Mördergrube und sagen mir ins Gesicht, was Sie sich clam-heimlich denken. Aber das weiß ich ohnehin, mein Lieber. Das weiß ich ganz genau . Ich bin nach Ihrer Ansicht ein grober Kerl, der nix versteht und der lange reden kann, bis Ihnen was gefällt. Es ist aber im höchsten Grade ungehörig, daß Sie so was denken. Verstehen Sie mich!? Höchst ungehörig. Und ich werde Ihnen bei der nächsten Gelegenheit das mal mit allem Nachdruck klar machen. Mor'n." Oberst von Böhle stülpte mit einem energischen Wuppdich feine Mütze auf ,rückte noch zweimal heftig an dem Schirm derselben und verließ mit klingenden Sporen das Regimentsbureau. ' Der Adjutant hatte seine Knochen noch nicht ganz gelockert — nur seine Hände schlossen und öffneten sich, als wenn er etwas greifen wollte. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür noch einmal-- „Ich bitte d ringend, daß Sie sich nicht damit aufhalten, mich zu allen Teufeln zu wünschen, mein Lieber! Und den Buckel steige ich Ihnen auch nicht 'nauf. Da! können Sie sich drauf verlassen. Führen Sie unverzüglich ans, was ich Ihnen befohlen habe — und damit basta! Mor'n." . . . Der junge Offizier behielt noch eine kleine Weile )etne dienstliche Haltung bei und fchielte nach der Thür. Man konnte nicht wissen — der alte Kribdelkopf hatte möglicherweise noch was auf dem Herzen. Wenn er wirklich Gedankenleser war, bann mußte er sogar noch einmal wieberkommen; benn was sein Adjutant jetzt wirklich dachte, das durfte er sich unmöglich gefallen lassen. Aber er kam nicht. Dafür trat eine Ordonnanz ein mit einem großen, anscheinend amtlichen Briefe an Seine Hochwohlgeboren Leutnant Herrn Franz von Reifferscheidt und Welzenbors. Nachdem dieser bas Schreiben mit ben heftigen Bewegungen eines geärgerten Menschen erbrochen, es bann aber mit bem strahlenden Gesichte eines Glücklichen zu Ende gelesen hatte, bekam die Ordonnanz einen Thaler und gleich barauf die Maulsperre. Es wurde ihr nämlich der ungewöhnliche Genuß zu teil, in der ernsten Schreibstube be§ Infanterie- Regiments Karl Wilhelm einen kunstgerechten Jodler zu hören — und zwar von einem Offizier, welchem man solche munteren Ungezwungenheiten gemeinhin nicht nachsagte. Im Gegenteil — er pflegte die Ordonnanzen viel eher anzupfeifen als anzujuchzen. Immerhin war es wirklich so, tote der Soldat staunend vernommen hatte: Leutnant von Reifferscheidt hatte gejodelt — mit der Lungenkraft und Kehlfertigkeit eines steirischen Aelplers- Auch schien es, als wenn er noch zu einem flotten Schuhplattler einsetzen wollte. Tie runden Augen und der offene Mund der Ordonnanz brachten ihn jedoch zur Besinnung und er beschränkte sich auf die zwei schallenden Klapse, welche er sich auf die Schenkel appliziert hatte. Dann drückte er die Mutze aufs Ohr und stürmte davon. Oberst von Böhle wußte nicht recht: — war er in übler Saune, weil er um sein Mittagsschläfchen gekommen war, oder war er um sein Mittagsschläfchen gekommen, weil er sich in übler Laune befunden hatte. Jedenfalls schritt er nun schon seit einer Stunde in feinem Arbeitszimmer auf und nieder, zog an feiner schief gekohlten Zigarre und boste sich. Zuerst der Aerger mit Reifferscheidt und nun noch der mit den Frauensleuten. Es war zum Teufelholen. Aber das kam davon, wenn man sich tu feiner 308 Harmlosigkeit und Gutmütigkeit dazu verleiten Netz, zu Hause von dienstlichen Angelegenheiten zu sprechen. Bei der Suppe hatte er die neueste Frechdachsigkeit seines Adjutanten zu erzählen angefangen. Beim Fische bereits hatte sein Töchterchen erklärt, keinen Appetit mehr zu haben, und Mar mit zuckenden Mundwinkeln hinausgegangen. Beim Braten hatte nur noch seine Frau gesprochen — und zwar lauter unangenehme Dinge. Er solle froh sein, einen so tüchtigen Offizier zum Adjutanten zu haben — er würde es schließlich dazu bringen, daß überhaupt kein Mensch mehr mit ihm aushielte — er sei ein unfriedlicher Vorgesetzter und eine mißtrauische Natur — er suche alle Menschen hinter dem Busch, hinter welchem er selbst immer gesessen habe — außerdem sei er Familienvater und hätte gewisse Pflichten, für die ihm aber jeder Nerv abzugehen scheine. . . Unter diesen Umständen hatte der Herr Oberst auf das Apfelkompott verzichtet und sich in sein Zimmer zurückgezogen ,wo ihm besonders der Hinweis auf seine Familienpflichten gereiztes Kopfzerbrechen verursachte. Es war ihm vollständig schleierhaft, inwieweit es mit diesen Pflichten kollidierte, wenn er seinem Advjutanten grob wurde. Und grob werden hatte er doch müssen — denn wo blieb schließlich die Disziplin und die geheiligte Ordnung der militärischen Dinge, wenn ein Subalternoffizier seinem Oberst zumutete, daß dieser ihm den Buckel hinaufsteigen oder mal schreiben solle, wenn möglich frankiert. . . Allerdings — das war nur in Gedanken geschehen — selbstverständlich nur in Gedanken! Und man konnte eigentlich nicht wissen. Die Zeiten haben sich geändert — mit ihnen die Menschen und vielleicht auch die Adjutanten. Das war unwahrscheinlich, aber immerhin doch nicht unmöglich. Und es wäre eine verfluchte Geschichte, wenn man dem Reifferscheidt unrecht gethan hätte. Ein grund- gescheiter Kerl. Mit der Besrchtigung hatte er vielleicht auch recht — die Rekruten konnten eigentlich noch gar nicht so weit sein. Oberst von Böhle setzte zum fünfzehnten Male seine Zigarre in Brand und kraute sich mit dem Nagel des kleinen Fingers Hinterm Ohr. Ihm war sehr unbehaglich zu Mut. Er konnte den Gedanken nicht loswerden, daß, seine Frau recht behalten und der Adjutant — der tüchtigste und umsichtigste, welchen er je gehabt — seine Schärpe auf den Tisch des Hauses deponieren und sagen könnte: Ich spiele nicht mehr mit. Das war gar nicht auszudenken — — — und er steckte vor Schreck die Zigarre verkehrt in den Mund, als ihm der Leutnant von Reifferscheidt in diesem Augenblick gemeldet wurde. Als der Adjutant in Helm und Schärpe das Zimmer seines Chefs betrat, wartete er zunächst vergeblich auf ein Wort, nach welchem er seine wohleinstudierte Rede vom Stapel lassen konnte. Der Herr Oberst war beschäftigt. Er spuckte — und zwar anhaltend und mit großem Eifer. Danach machte der Herr Oberst noch einige heftige Evolutionen mit der Zunge, von deren Spitze er störende Fremdkörper zu entfernen trachtete. Erst als das geschehen war, wies der Herr Oberst auf seinen Stuhl. „Setzen Sie sich, Reifferscheidt", bemerkte er dann, indem er mit einer, dem jungen Offizier ganz unmotiviert scheinenden Energie seine Zigarre auf das Ofenblech schleuderte, sodaß der Stummel die Funkengarbe einer Kalospinte aufsprühte. „Setzen Sie sich und reden Sie gar nichts, Reifferscheidt. Ich weih alles. Ich weiß jedes Wort, was Sie mir sagen wollen — und ich erkläre Ihnen von vornherein: Sie haben recht und ich will Ihnen nichts in den Weg legen — — —" „Herr Oberst — Sie machen mich' zum glücklichsten der Sterblichen und — — —" Der Leutnant unterbrach seinen Dithyrambus, da der alte Herr mit allen Zeichen höchsten Befremdens aufsah. „Wissen Sie was, Reifferscheidt, für diese Redensart müßte ich Sie eigentlich einsperren! Verstehen Sie mich? So eine Frechdachsigkeit! Na — ich will's Ihnen aber zu gute halten. Wegen der anderen Geschichten, in denen ich Sie möglicherweise zu unrecht angehaucht habe. Ich weih selbst, daß ich ein wenig umgänglicher Mensch bin. Abgesehen aber von dem schuldigen Respekt, ist es nicht hübsch von Ihnen, Reifferscheidt, daß Sie sich zum glücklichsten aller Sterblichen erklären, weil Sie mich loswerden. Ich muß sagen, daß mir das persönlich nahegeht; denn —" „Herr Oberst, ich bitte gehorsamst bemerken zu dürfen--" „Sie haben gar nichts zu bemerken, mein lieber! Reifferscheidt. Ich habe schon gesagt, daß ich alles Weitz, Und mehr will ich gar nicht wissen. Sie wollen mit dem groben Kerl nichts mehr zu thun haben — stimmt das?" „Nein, Herr Oberst." „Nanu — dann wollten Sie sich wohl gar über mich beschweren?" „Auch nicht, Herr Oberst." „Zum Donnerwetter noch einmal, was wollen Sie denn überhaupt?!" „Ich bin gekommen, um den Herrn Oberst um die Hand von Baroneß Kläre zu bitten." Eine unendlich lange Minute Ivar alles still. Der Oberst war sprachlos — und mit dem kurzatmigen Tonfall der Sprachlosigkeit sagte er: „Mensch, wie kommen Sie denn darauf —? Von so was habe ich ja gar nicht die Spur gemerkt." „Da der Herr Oberst alle meine Gedanken zu lesen wußten, so habe ich angenommen, daß der Herr Oberst den, der mich am meisten beschäftigte, auch erkannt habens erwiderte der Offizier mit einem leisen, übermütigen Lächeln. Dann fügte er ernst und herzlich hinzu: „Wenn ich trotzdem meine Empfindungen nicht zu äußern wagte, so lag! das an der Unsicherheit meiner Bermögensverhältnisse. Erst heute, da laut amtlicher Nachricht meine Ansprüche auf das Majorat Welzendorf anerkannt sind, darf ich es toagett, Herr Oberst, vor Sie hinzutreten." „Sagen Sie mal, Reifferscheidt, und das ist schon tätige,; daß Sie die Kläre lieb haben ---?" „Seit ich die Ehre habe, des Herrn Oberst Adjutant zu sein." „'Da bin ich ja ein schöner Cumberland — na, und tote denkt das Mädel über die Geschichte?" „Baroneß Kläre liebt mich — tote ich sie liebe!" „So — und woher wissen Sie das?" „Herr Oberst — ich — — ich bin auch ein wenig; Gedankenleser!" Als Oberst Freiherr von Böhle eine Viertelstunde später die volle und unwiderlegliche Bestätigung der hellseherischen Anlage seines Adjutanten erhalten hatte, gab er für sein« Person das Gedankenlesen auf. Das Fiasko war zu blamabel gewesen. Wenn er schon weder dem Leutnant, noch seiner Tochter, noch seiner Frau etwas angemerkt, — sv hätte er doch wissen müssen, daß die Adjutanten fast immer die Töchter ihrer Chefs heiraten. Er war doch auch Adjutant gewesen und — hatte es auch so gemacht. Katechismus der Geologie von Hippolyt Haas. Siebente, vermehrte und ver-, besserte Auflage. Mit 186 Textabbildungen und 1 Tafeü In Originalleinenband 3 Mark 50 Pfennig. Verlag von! I. I. Weber in Leipzig. Die Entwicklung unserer Erde von da an, wo sie ein selbständiger Körper im Weltall wurde, bis zu der Zeit/ in welcher der Mensch auftrat, müßte für immer ein uns unlösbares Rätsel bleiben, wenn nicht die Tiefe in derb Lagerungsformen des die Erde aufbauenden Materials! sowie in den von ihnen eingeschlossenen Versteinerungen! die Urkunden der Geschichte unseres Planeten treu bewahrte. Die Wissenschaft der Geologie hat diese Urkunden im Schoß der Erde zu deuten gewußt, Die Ergebnisse aller geologischen Forschung bis auf den heutigen Tag legt Dr. Haas, Professor der Universität Kiel, in dem nun sch!on in 7. Auflage erschienenen Katechismus vor, der Aufschluß verschafft über die Kräfte, die seit Anbeginn thätig gewesen find, um der Erdkruste ihre gegenwärtige Gestaltung zu geben. Tis Zahl der Abbildungen hat gegen früher eine beträchlichb Vermehrung erfahren. ! < Buchstabenrätsel. (Nachdruck verboten.) Leicht werdet ihr es raten! Mit e geht's hoch und nieder, Mit i gibt's Kraft zu Thaten, Mit o gibt's Kleid und Mieder. (Auflösung in nächster Nummer.) Austösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit. Redaktion! U. D.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Etcindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.