(Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Einsam und verlassen, wie sie sich fühlte, lebte sie so zurückgezogen als nur möglich, fern von dem Treiben der Welt. Ter Bruder und die Schwägerin waren die einzigen Menschen, mit denen sie verkehrte, aber selbst vor ihnen empfand sie Scheu, denn sie fühlte, daß sie sie Halbwegs wie eine Gefallene ansahen. Wie konnte es sie empören, daß man sie der Leichtfertigkeit verdächtigte! Es gab Zeiten, wo das Unrecht, unter dem sie litt, einen wilden Rachedurst in ihr erzeugte; aber wenn sie dann an die zufammengebrochene Gestalt dachte, die an jenem Tage in dem kleinen Stübchen vor ihr gestanden hatte, an diesen Wann, den die Liebe und das Glück emporgehoben hatten, der jetzt aber wahrscheinlich gebrochen war und in den Schlamm hinabsinken würde, da neigte sie ihr Haupt und weinte in schmerzlicher Verzweiflung, erfüllt von einem unklaren Gefühl der Schuld und der Reue. Oft, besonders an einsamen Abenden, stieg ein anderes Bild vor ihr auf. Dies offene, schöne Antlitz, diese tiefen Augen, diese reinen, festen Linien, diese klangvolle Stimme, die bis ins Innerste der Seele drang — —! Edel und gut war er, wie kein zweiter Mann auf Erden, und doch — ach, warum mußte es so sein? — doch war es ihr, als fülle sich die Stube jedesmal, wenn sie an ihn dachte, mit Sünde. Weshalb hatte Gott ihn zum zweitenmal auf ihren Lebenspfad gesandt? Hätte Gott nicht auch einen andern Ort mit Seebädern Und liebevoller Pflege für ihn finden können? Dann wäre daheim a lles seinen ruhigen Gang gegangen, dann wäre dres ganze Unglück nie geschehen. Gott wußte ja recht gut, wie es enden würde! Mer hatte sie selber nicht auch vorausgesehen, wie es kommen mußte? Weshalb hatte sie sich nicht, wie jene ängste Samstag den 26. April. 1902. — Nr. 62. ft eine Menichenart auf Erden, Die muß wie Buchsbaum gehalten werden. Den muß man stets l erunter schneiden, Sonst wird er lästig und unbescheiden. Doch knapp gehalten und brav gestutzt, Ist er recht brauchbar, ziert und putzt." Joh. Trojan. erfüllte Eingebung im ersten Augenblick ihr zugeflüsterth seiner Aufnahme in Thomas' Heim widersetzt? Ja, weshalb? Weshalb? Was helfen alle diese Fragen, die uns quälen, bis das Hirn schmerzt, und die doch schließlich stets damit enden, uns unsere eigene Schuld klar zu machen. Aber wenn sie deswegen auch im ewigen Feuer schmacht teil sollte, so konnte sie es jetzt trotzdem nicht lassen, ihn zu lieben. . T 1 Wieder und wieder mußte sie an ein glückseliges junges Liebespaar denken, das sie eines Tages auf dem Bahnhof in Kopenhagen gesehen hatte. Sie hatte ihre Schwägerin dorthin begleitet pnn'd stand jetzt in der Vorhalle und sah die Hill und her eilenden Scharen an, die mit dein nächsten Zuge fahren wollten. Ein junges Mädchen im Reisekleide, sie mochte kaum mehr als siebenzehn Jahre zählen, ging bleich unb unruhig vor der Eingangsthür auf und nieder und schaute über beit Platz, wo sich Menschen und Wagen in endlosem Gewimmel dlrrcheinaüder bewegten. Sie wartete offenbar auf einen Reisegenossen und schien sehr besorgt, daß dieser nicht rechtzeitig kommen würde. Endlich rollte eine Droschke vor das Portal und heraus sprang ein junger Mann, dem man den Künstler auf den ersten Blick ausah. „Eck, Eck!" rief das junge Mädchen und stürzte freudestrahlend auf ihn zu. Ein paar Koffer wurden vom Bock gehoben und hineingetragen, der Kutscher erhielt seine Bezahlung und der Wagen fuhr von dannen — das Ganze war ein Moment gewesen. Als aber das junge Paar zur Abreise fertig war unb in dem dunklen Raum vor dem Martesaal anlangte, blieben sie einen Augenblick stehen, schlangen die Arme umeinander, küßten uirb preßten sich leidenschaftlich und traten dann in den Saal ein. Wie ging es nur zu, dan der Anblick dieser beiden sie so schmerzlich berührt hatte, und daß noch oft, wenn sie sich ihr Bild'ins Gedächtnis zurückrief, ein Gefühl unsagbarer Armut, tiefsten Elendes sie befiel! Weshalb sollte ein Mensch im Glück schwelgen, während der andere wie ein Wrack an einer Felsklippe zerschellt wurde? Menn er nun eines Tages zu ihr ins Zimmer trat! Sre konnte förmlich erzittern bei diesem Gedanken. Das Mort „Liebhaber" surrte ihr noch in den Ohrien. Mi« krümmte sich ihr Herz nicht unter der Beschuldigung, di« mit diesem häßlichen Wort gegen sie und ihn geschleudert ivar! Aber ihr Vater konnte ganz ruhig sein! Tie Roheit, mit der sie am letzten Abend in der Heimat behandelt worden war, hakte ihr Verhältnis z!um Vater völlig verrückt; aber allmählich, im Laufe der Monate, drängte sich das vierte Gebot wie mit einer Donnerstimme auf, und mit der von der Mutter ererbten Neigung, stets nach einer Schuld in ihrem Innern zu suchen, verschob sich der Gesichtskreis, von dem aus sie das Verhältnis betrachtete, allmählich derartig, daß sie diejenige war, die gegen ihn 246 gesündigt hatte — jedenfalls betrachtete sie es jetzt als ihre Pflicht, sich seinem Willen M beugen. Schließlich zwang das Gewissen sie, Papier und Feder hervorzuholen und um Vergebung zu bitten. Sie schrieb zweimal- „Ziehe zu mir, mein Vater", hieß es in dem letzten Brief, „ich will Dich pflegen, so gut ich nur kann, und mit Gottes Hilfe werden wir beide mit dem auskommen, was ich verdiene." Er würdigte sie keiner Antwort. Sie war namenlos unglücklich. Es war ihr, als stecke sie tief in Haufen von Schuld, die sic zu ersticken drohten. Und dann Thomas — der liebe, gute Thomas, der gewiß todunglücklich war! Sie sah jetzt immer mehr ein, daß sie und nur sie allein die Schuld an dem ganzen Unglück trug. Weshalb hatte sie ihre Liebe zu Boje nicht unterdrückt oder dafür gesorgt, daß er ging, als es noch Zeit war? Nur eins vermochte ihren Schmerz zu mildern: der unerschütterliche Vorsatz, der Liebe, die in ihrem Herzen brannte, nicht nachzugeben, selbst wenn Böje sie aufsuchen und um ihre Hand bitten sollte. Sie fand eine Erleichterung, indem sie sich früh und spät mit diesem Vorsatz peinigte. In einer lebenslangen verzehrenden Qual sollte ihre Buße liegen. Da begann ein Gedanke, mit dem sie sich schon früher beschäftigt hatte, festere Gestalt in ihr anzunehmen — der Gedanke, nach Holmstrup zurückzureisen und alles wieder ins alte Geleise zu bringen. Hier in der Stadt würde sie ja doch niemals Ruhe finden, Gott hatte ihr einmal ihren Weg vorgeschrieben, den mußte sie gehen. Sie grübelte, bis sie oft ganz ivirr ward, aber es war, als umgaukele ihr eine geheimnisvolle Macht die Sinne und leite sie auf Irrwege, so daß sie die Kraft verlor, auf eigene Hand zii handeln. Den ganzen Winter führte sie ein abgeschlossenes Leben, sich völlig ihrer Schularbeit widmend. In der freien Zeit dachte und grübelte sie. Gleich Aeskulaps Schlange spähte ihr Gedanke nach den Heilkräutern aus, aber sie fand nur Dornen und dürre Stengel. Als die Wipfel der Bäume zu grünen begaiinen, und der Duft des frischen Grases durch ihr Fenster drang, erwachte in ihr eilte unwiderstehliche Sehnsucht, in den großen lichten Raum hinauszukommen, wo die Gedanken sich erheben konnten, ohne gegen die Zimmerdecke zu stoßen. So ging sie denn jeden Morgen, wenn sie ihr Haus besorgt hatte, in das nahegelegene Gehölz hinaus, wo sich ihre Stimmung in langen Atemzügen Lust machte. Sie fühlte sich sehr gestärkt durch diese morgendlichen Spaziergänge und setzte sie den ganzen Frühling hindurch fort. Wie schön war es zu so früher Stunde, wenn die Morgenröte durch die gewölbten Laubkronen schien und den jungen Blättern einen lichten, seidigen Schimmer verlieh! Von allen Seiten Zwitschern und Piepen, überall munteres Flimmern von Sonnenflecken und kleinen bunten Flügeln und dazwischen ein kühler Lnfthauch, der die Mange streifte, und ein leichtes Zittern in dem seinen Cpitzenbehang des Laubes. Dort barst die Schicht des langverhaltenen Schmerzes in ihrem Inneren, dort machte sich, ein unklares Sehnen geltend, ein süßes, gualvolles Verlangen, das wie eine fieberhafte Angst auf ihr Gemüt zurückwirkte. Da konnte sie plötzlich stehen bleiben, sich nach dem Kops greifen, und sich auf eine Bank niederwerfen. Was wurde ihr der Sommer bringen? Eines Sonntagnachmittags, Eiide Juni, wagte st? sich in den Frederiksberger Schloßgarten, wo sie nie zuvor gewesen war. ®1C war kaum durch die Pforte gegangen, als der Anblick der vielen Menschen, die in den Steigen auf und ab wogten, sie erschreckte, sodaß sie nahe daran war, umzn- wendcn. Ta sic aber bemerkte, daß ihr auch nicht ein einziger Mißtrauischer Blick begegnete, daß im Gegenteil alle so heiter und wohlwollend aussahen, faßte sie Mut, einen Gang durch den Garten zu machen. Auf der schräge abfallenden Rasenfläche unten vor dem Schlosse tummelten sich Hunderte von frohen Menschen im lustigen Greifspiel. Hier stürmten ein hinkender Handwerks- G» bursche und ein dickhalsiger Artillerist in wildem Wettlauf dahin, hinter einem langbeinigen jungen Mädchen her, dort kreischte eine korpulente Madame in den starken Armen eines Gardisten zur unbeschreiblichen Erheiterung des Ehegatten, der gemächlich auf dem Magen int Grase lag. Ringsumher Blitze von Knöpfen und Tragbändern, Rascheln von srischgewaschetien Kleidern, Schreien und Lachen — ein ewiger Wechsel von Farben b Stellungen — und über dem Ganzen der Glanz des jungen Sommertages. Sie hatte sich in dem breiten Weg hingestellt, wo eine ZHar von Menschen jeglichen Alters stand und dem frohen Volksleben zuschaute. Plötzlich erschallte hinter ihr ein Geräusch, gefolgt von vielstimmigem Geschrei. Alles stürzte nach dem Kanal hinab, wo ein Knabe ins Wasser gefallen war. Zu Tausenden strömten die Menschen herbet, sich Bahn brechend, währetid die dem Wasser Zunächst steh enden unter Rufen und Schreien bemüht waren, die Menge zurückzuschieben. Ein wildes Gedränge entstand. Flüche und Schreie ertönten von allen Seiten, Schultern wurden gegeneinander gepreßt, Ellbogen in Brustkasten und Rückenwirbel gebohrt. Helene, die sich mitten im Gedränge befand, zitterte vor Angst und war nahe daran, in der warmen Luft zu ersticken. „Nur nicht verblüfft, Kleine!" sagte ein nach Branntwein stinkender Kopf neben ihr, und ein Arm legte sich um ihren Hals. Sie stiech eitlen Schrei aus und wehrte den Frechen ab. Im selben Augenblick wurde die ganze Menge wie durch einen gewaltsamen Druck beiseite geschoben. „Ach, wie komme ich nur hier heraus!" Da entdeckte sie wenige Schritte von sich das von einem dunklen Bart umrahmte Gesicht eines Mannes, der sie mit innig et Freude anstarrte. Menschen, Bäume, alles um sie her verschwamm in einer völligen Finsternis. Im nächsten Augenblick hatte er sich mit ein vaar kräftigen Stößen zu ihr durchgearbeitet; er legte ihren Arm! in den seinen und bat sie, sich festzuhalten. Indem et sie mit dem linken Arm gegen das Gedränge beschützte, suchte er rückwärts mit ihr aus der Menge zu gelangen, und nach einem langen Kampf, der eine warme Röte auf seine Wangen zauberte, gelang es ihm endlich, sich sreizumacheu. Ein tausendstimmiges Hurra erschallte im selben Augenblick zu Ehren eines Schusterjuiigen, der in den Kanal gesprungen war und den Knaben herausgefischt hatte. Daß ich Ihnen hier begegnen sollte, Helene!" Sie war vor Verlegenheit nicht int stände, ein Wort hervorzubringen, und bemühte sich- ihm ihren Arm zu entziehen. „Gott sei Lob und Dank, daß ich Sie erblickte!" fuhr er fort. „Ich habe so viel an Sie gedacht." „Ach, Böje — lassen Sie mich gehen!" Er hielt sie zurück. „Glauben Sie, daß ich Ihnen ein Leid zufügen will?" Willenlos folgte sie ihm in das an den Schlo^garten grenzende Gehölz, sie wußte nicht, was sie auf seine Fragen antwortete, sie empfand eine namenlose Angst, als gleite sie aus, in Sünde und Finsternis hinein. Aus den unzusammenhängenden Antworten, die seine Fragen ihr abzwangen, begriff er, daß sie von Hause fortgejagt war, wie eine Unreine, und daß sie alle diese Monate hindurch in Kummer und Entbehrungen gelebt hatte. Sie nahmen Platz auf einer Bank an dem südlichen Rande des Gehölzes, wo Rinnen und Kanalwindungen in einer moorartigen Niederung zusammenströmen mit einem rieselnden Ablauf nach Valb! zu. Er konnte den Blick nicht von ihr lvsreißen. Wie hatten die Leiden sie verschönert! Ihre ganze Erscheinung war feiner geworden, der Ausdruck pes Gesichts edler, auf den Wangen glühte ein zarter Hauch von blassem Rosa, das unvergleichlich schön zu den langen schwarzen Wimpern 'tand. Seine mühsam zurückgehaltenen Gefühle brachen in einem Strom von warmen Worten hervor; sie sah sich ängstlich nach allen Seiten um, als fürchte sie, daß jeder, der ie sah, sie für eine Frau halten müsse, die aus verbotenen Wegen wandelte. „Sie ahnen nicht, Helene, wie jedes noch so kleineTrostes- wort von Ihnen mir Kraft verlieh I Und von dem Angen-! 247 blick an, wo ich mir darüber klar wurde, welche Art das Verhältnis zwischen uns sei, erstand eine neue Kraft in mir. Ich war erstaunt, verwundert — nie zuvor hatte ich ein Herz kennen gelernt, das so für mich schlug. Allein das Bewußtsein, daß Sie mxdy den Tag über in Ihren Gedanken trugen, war hinreichend, um mich mit einer Spannung zu erfüllen, mit einer Unruhe--und von dem Augenblick an, wo ich hörte, daß Sie frei waren, stiegen Gedanken in mir auf, oie mir sagten, daß der liebe Gott mit uns beiden etwas im Schilde führe. Glauben Sie das nicht selbst, Helene?" Seine Worte vermehrten ihre Angst, riefen aber gleichzeitig ihren Geist wach, auf der Hut zu sein. „Ich bin nicht frei, Böse! Erinnern Sie sich nicht dessen, was Sie selber über Verlobungen gesagt haben?" „Ja, aber Sie haben docy das Verhältnis nicht gelöst. Sie tragen keine Schuld daran; außerdem waren unsere Anschauungen damals wohl ein wenig einseitig." „Ich kann mich- nicht von dein Gedanken freimachen, daß die Schuld an mir lag, und darin irre ich auch nicht. Ach, id) habe ein so inniges Mitleid mit Thomas — ich weih, daß er zu Grunde gehen wird." „Nein, das wird er nicht. Thomas ist eine starke Natur, er wird sich in die Verhältnisse finden und einsehen, daß alles eine Schickung des Herrn war." „Böse, ich glaube, wir dürfen den lieben Gott nicht allzuviel in die Sache hineinziehen." „Haben wir denn irgend eine Schuld auf dem Gewissen? Ist unser ganzes Verhältnis bis zu diesem Augenblick nicht so rein gewesen, wie das zweier Kinder?" „Ja — von Ihrer Seite wohl — aber —" Sie schwieg und faßte in einem Gefühl alle die heißen, aufrührerischen Gedanken zusammen, die sie daheim mit sich Herumgetragen — alle diese schuldbeladenen Wünsche, die ihn früh und spät umkreist hatten, während sie einem andern Treue heuchelte. War es nicht grausam, daß sie alle die Wochen und Monate, während sie an ihrer Aussteuer nähte, ihn auch nicht einen einzigen Augenblick aus den Gedanken gelassen hatte? „Womit sollten Sie gesündigt haben?" fragte er sie. „Ich kann es nicht so recht sagen, aber ich habe ein Gefühl, als sei ich! Thomas untreu gewesen, als habe ich- mich- gegen meinen Vater, gegen meine ganze Vergangenheit aufgelehnt. Und doch weiß ich ganz genau — ach, ich weiß es so sicher und wahrhaftig — daß ich das Geschehene nicht verhindern konnte." „Und weshalb konnten Sie es nicht? Weil etwas Neues in Ihnen erwacht war, etwas, das tausendmal stärker war, als Ihr Wille, stärker als der Wille der ganzen Welt. Und wenn ich Ihnen nun sage, daß dasselbe starke, innige Gefühl -" „Böse, ich- fürchte wirklich, daß jemand —" Er dämpfte die Stimme, gab aber den Worten einen um so wärmeren Klang. „Ich- kann mit voller Wahrheit sagen", — er legte den Arm leise um ihre Taille — „daß Sie meine innerste Natur wachgerufen, mir einen Mut, einen Glauben ans Leben gegeben haben, wie ich ihn nie zuvor besessen!" Ter Wind drang in warmen Zügen zu ihnen mit einem säuerlichen Duft von Gras und Wasserpflanzen, berauschende Erinnerungen an jenen Sommertag im Birkenmoor in ihr wachrufend. Ihre Brust zog sich krampfhaft zusammen, sie mußte sich von Zeit zu Zett aufrichten, um atmen zu können. Endlich erhob sie den Blick zu ihm; da sie aber im selbeu Augenblick einen wunderlich fremden Schimmer, ein heißes Verlangen in seinen Augen zu entdecken glaubte, durchzuckte sie ein Angstblick gleich einer Warnung von oben, und mit einem „Nein, nein!" riß sie sich von ihm los und eilte über die Brücke. (Fortsetzung folgt.) Das Lächeln unter Thränen. Von MaxBraunschweig. (Nachdruck verboten.) Wieder ließ sich Gottvater von den Engeln berichten über der Menschen Thun und Treiben. Einer nach dem Andern traten die himmlischen Sendboten vor des Allmächtigen Thron und meldeten, was sie auf der Erde gesehen. Wie Neid und Mißgunst wuchern, wie allenthalben Hader und Streit herrsche, erzählte der Engel der Zwietracht. Von der Menschen Thorheit und Eitelkeit, von Lüge und Sünde sprach ein Anderer. Daß er in manchen Landen unermüdlich forschenden Geist und nie rastende Thätigkeit gefunden, kündigte der Engel der Arbeit. Und alle die Anderen, wie sie nur heißen mögen, traten heran, um von ihren Erlebnissen auszusagen. So berichtete ein Jeder, und der Herr hörte, ihnen schweigend zu. Noch immer saß Gott in Schweigen da, das Haupt gedankenschwer. Erst jetzt bemerkten die Heerscharen, daß einer von ihnen fehle. Bestürzt schauten sie erdwärts, sie sahen nach dem Lieblingsengel des Herrn aus. Ter aber flog gerade durchs Himmelsthor. „Tie Liebe! Der Engel der Liebe!" riefen sie flüsternd. „Ter Engel der Liebe?" fragte Gottvater, ohne aufzublicken. „Ja, Allmächtiger, ich bin es, den Du der Liebe Enge» nennst", entgegnete dieser und trat bescheiden an die Stufen des ewigen Thrones. „Von wannen kommst Du und so spät?" „Bon der Erde und den Menschen kehre ich zurück, Herr der Welten!" „Berichte!" befahl Gott. Da Hub der Engel der Liebe an zu erzählen von ge- schlichtetem Völkerstreit, vom wiedergefundenen Sohn, von versöhnten Gatten, von manch stillem Friedenswerk, — von allem, was Gutes und Schönes sein Erscheinen gestiftet. „Ich verzeihe Dein Verweilen auf Erden! Du hast die schönste Pflicht zu üben, doch auch die schwerste!" sprach der Herr. „Zieht hinaus, meine Boten, aufs neue Eures Amtes zu walten!" Nach allen Richtungen fuhren die Heerscharen auseinander, nur der Engel der Liebe blieb, als harre er des Allmächtigen Frage. „Weshalb steigst Du nicht erdwärts? Hast Du ein Begehr?" forschte Gott. „Ja, gütiger Vater, ich- habe eine Bitte an Dich, eins Bitte für meine Schutzbefohlenen." „So nenne sie!" Und das Auge des Ewigen lächelte. Tie Liebe sprach: „Auf meinen Wegen kam ich in ein rauhes Land, das abseits liegt, vergessen von den Menschen. Meereswogen schlagen an den kahlen Strand, und Dünen, Haide, Moor m.nö wilde Wälder trägt der harte Boden, Er spendet nicht gutwillig Nahrung, nach mühevollem Ringen mit der spröden Scholle ziehen sie die Frucht und bergen sie in ihren windumtosten Scheuern. Wie jenes Land, sind seine Mensch-en, von außen rauh und hart, doch innen ruht der goldene Kern. Tort trat mein Fuß in eines Tagelöhners Hütte, auf armem Lager harrt sein Weib der schwersten Stunde entgegen. — Du hast. Allmächtiger, Deinen gewaltigen Schwur gethan, da Du die Erdenkinder aus dem Paradiese banntest, und hältst ihn — am Manne, daß er im Schweiße seines Angesichts arbeite, am Weibe, daß es mit Schmerzen Kinder gebäre. — Der Mann verrichtet sein schweres Tagewerk unter Anstrengung und Entbehrung. Das Weib lernt jetzt Tein unbrechbar Wort kennen. Ich stand an ihrem Lager und sah der jungen Mutter schmcrzumzuckte Züge und angsterfülltes Zittern, und hörte ihr thränen- schweres Stöhnen und wortloses Seufzen. Ich sah den sorgenbelasteten Mann, unruhvoll bangend um seines Weibes Leben, wie seine feuchten Augen in inniger Liebe ihr Trost- um Trostwort zusprachen. Sein Mund blieb stumm. Da goß ich milden Schlaf über das Weib und Mut in die Brust des Mannes, daun flog ich hinauf." „Und Deine Brite, Engel der Liebe?" „Du hast es selbst gesagt, Allmächtiger, die Liebe fordert nicht." „Zur Erde schwebe, Geist der Liebe! In jene Hütte, jenes rauhe Land zieh' aus und fliege hin durch alle Welt, wo man mir dient. — Küsse die Augen der jungen Mutter und küsse die Augen des jungen Vaters, und küsse jedes Auge meiner Menschenkinder. Des tiefsten, stummen Schmerzes Sprache sei auch die Sprache höchsten, stummen Glücks!" — In die Hütte des Tagelöhners trat der Bote Gottes und that wie ihm geheißen. nUd als das Kind geboren war, glitt über das Antlitz der Eltern ein Leuchten unsagbarer; Seligkeit, aus ihren Augen strahlte thrünenverklürtes! Lächeln. 348 Ter Engel der Liebe aber eilte tiber die Lande und brachte den Menschen das göttliche Geschenk — das Lächeln unter Thränen. Die Schattenseiten des Champagners. (Nachdruck verboten.) Wohl nieniand denkt beim fröhlichen Knallen der Cham- Pagncrpfropfen, beim Genuß des perlenden Sektes, daß dieser Göttertrank, der die Traurigen erheitert und die Müden wiederbelebt, auch seine Nachteile hat. Aber leider ist es so. Die Champagnerkeller sind ebenso traurige Stätten, wie die Blei- und Silberhütten, die Weberdörfer und hundert andere Heimstätten der Industrie, welche ihre Erzeugnisse in glänzendes Gold verwandeln. Selbst dem Eingeweihten bietet der Anblick einer weitläufigen, unterirdischen Welt, die von Millionen von Champagnerflaschen belagert ist nnd in denen Weine im Werte von vielen Tausend Mark durch Röhren wie Wasser fließen, einen reizvollen, fesselnden Anblick. Aber diejenigen, welche dazu verurteilt sind, in diesen Kellern Tag für Tag zu leben und ihre schwere Arbeit zn verrichten, sind minder von dieser Welt entzückt. Tie merkwürdigsten dieser unterirdischen Bacchustempel liegen unter der alten Stadt Epernay oder den römischen Architektur-Denkmälern von Rheims, wo die Gänge in den soliden Fels gehauen, sich meilenweit nach allen Richtungen ausdehnen, nnd wo sich, wie in einem Bergwerk, ein Tunnel unter dem anderen befindet. Bis zu einer Tiefe von 140 Fuß steigt man hinab, und all die weiten Räume sind von den Schätzen des Bacchus erfüllt. An den Wänden der endlos langen Gänge sind hunderttausende von Weinflaschen aufgestapelt, deren Inhalt den Klärungs- und Reifeprozeß durchmachen muß. Ein Spazier- H.ang, zwischen diesen Flaschenbatterien ist saft ebenso gefährlich, wie das Kreuzen der Schußlinie einer feindlichen Batterie; denn jeden Augenblick kann eine der Flaschen zerspringen nnd ihre Scherben mit der Wucht eines Shrapnels gegen den Besucher schleudern. Jeden Morgen pünktlich um 6 Uhr tauchen Hunderte von Arbeitern in diese Gewölbe unter, und erst 12 Stunden später erscheinen sie wieder an der Oberfläche. Leider sind die Bedingungen, welche für das Gedeihen des Weines so günstig sind, für die menschliche Bevölkerung im höchsten Grade nachteilig. Während des ganzen Jahres, im Hochsommer wie im Winter, muß hier eine gleichmäßige Tempe- ratur von etwa 7 Grad Celsius erhalten werden, und die Luft ist so gesättigt mit Feuchtigkeit, daß das Wasser an den Wänden herunterläuft, und die Scheidewände zwischen den einzelnen Kellern davon durchdrungen sind. , In den dunklen dunstigen Gängen hinter diesen Wänden befinden sickp die Arbeiter, deren einzige Aufgabe darin bestehr, die Tausende von Flaschen, eine naich der anderen, etwas zu schütteln, um einen Bodenansatz, der sich stets darin, bildet, in Bewegung zu bringen, itttb sie dann mit dem Hals nach unten in beit Flaschenrahmen zu stellen. Und dieses monotone Verfahren, wohl das langweiligste, das man sicb denken kann, wiederholt sich Stunde um Stunde, Tag um Tag, ein ganzes Leben lang. Und dazu die stete Kälte, Feuchtigkeit und Dunkelheit, welche die Borbedingung zur Erzielung eines guten fröhlichen Champagners bilden. — Welch' ein trauriges Leben! Ein geübter Arbeiter dieser Gattung dreht bis 60 Flaschen in der Minute und hält diese Geschwindigkeit zehn Stunden des Tages aufrecht, sodaß er in einem Tage 36 000 Flaschen durch seine Hände gehen läßt. Ist es da ein Wunder, daß diese Männer nach vielen Jahren einförmiger Arbeit ein absonderliches Gebahreu zur Schau tragen? Sie werden trübsinnig und still und nähren die sonderbarsten Ideen in ihrem Kopfe. Manche behaupten, daß es in den Gewölben spuke, daß aus den dunklen Ecken Augen ihnen bei der Arbeit zuschauen. — Welch ein trauriges Leben! Es ist, als ob jemand gefesselt unter einer Gosse steht, während ihm Tropfen um Tropfen auf den Scheitel fällt. Er kann gar nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr denken. Eine Klasse von Leuten giebt es in dieser unterirdischen Welt, deren Geschick etwas weniger traurig ist. Eine Ab- teilung besteht aus einer kleinen Schar von Männern und Mädchen, die mit dem Zukorken, dem Befestigen der Zinnkapseln und dem Etikettieren beschäftigt sind. Tas Oeffnen und Wiederverschließen der Flaschen geht mit der fast unglaublichen Geschwindigkeit von 100 Stück in der Stunde vor sich. In dieser Zeit werden die Flaschen in schneller Folge von einem Knaben einem Arbeiter zugereicht, der mit erstaunlicher Schnelligkeit die Korken herausschlägt, etwaigen Bodenansatz entfernt, mit „Likör" nachfüllt, und dem Korker zureicht. Das Verkorken geschieht schon seit einer Reihe von Jahren mit der Maschine, welche den Kork erfaßt, ihn in die richtige Form preßt und dann in den Flaschenhals treibt. Die Flaschen sind dann fertig und werden nur noch von den Mädchen mit Zinnkapseln und Etiketten versehen. H o o d. Gemeinnütziges. Kalte Füße und kalte Hände beim Radfahren. Viele Radfahrer und besonders Radfahrerinnen klagen über Kälte in den Händen und Füßen, wenn sie längere Zeit gefahren sind, obwohl eigentlich durch das Treten eine Bewegung der Füße bedingt ist, und dadurch das Kaltwerden gar nicht eintreten sollte. Die Ursache liegt, nach dem „Praktischen Wegweiser", Würzburg, in den allermeisten Fällen in einer unzweckmäßigen Bekleidung der Füße. Die Stümpfe werden vielfach von enganschließenden Strumpfbändern gehalten, die den Blutlaus behindern und Schnürfurchen an den Beinen hinterlassen, ebenso enganliegend sind die Strümpfe und besonders beim weiblichen Geschlecht auch die Schuhe. Zu kleine Schuhe . verhindern aber die nötige Wärme-Ansammlung im Schuh, der enganliegende Fuß hat nicht die nötige Bewegungsfreiheit, die Ausdünstung desselben wird behindert und die Folge ist das Kaltwerden. Das Gleiche gilt von den Händen. Wer poröse Wollhandschuhe trägt wird nicht über kalte Hände zu klagen haben, wie der Träger von Lederhandschuhen. S. Wann sind Obstbäume richtig gepflanzt? Von 100 Bäumen werden 90 zu tief gepflanzt, das ist ein Erfahrungssatz, den jeder Praktiker bestätigt. Das Tiefpflanzen hat schlechtes Gedeihen, Unfruchtbarkeit und Krankheiten im Gefolge, weil der Baum durch den tiefen Stand an der Entwicklung neuer Wurzeln gehindert wird. Das Zutiefpflanzen muß deshalb vermieden werden, ivenn unser Obstbau allgemein blühen soll und wer gepflanzt hat, sollte heute noch seine Bäume daraufhin ansehen. Findet er zu tiefe Pflanzung, gleich heraus mit den Stämmen und neu gepflanzt. Wie muh man nun pflanzen? 20 Zentimeter soll der Wurzelhals über dem Boden stehen! Unten in das Pflanzloch soll nie Dünger hinein kommen, obenauf ist er dienlich. Eine längere, sehr drastisch geschriebene Schilderung über richtiges Pflanzen finden wir in Nr. 2 des „Erfurter Führers im Gartenbau" unter dem Thema: „Zu tief ist falsch, gerade richtig ist auch falsch, zu hoch wird richtig." Da unseren Lesern diese Nummer kostenfrei zugeschickt wird, wenn sie sich mittels Postkarte an das Geschäftsamt des „Erfurter Führers" wenden, dürfen wir sie wohl auf diese Studie über das Baumpfflanzen aufmerksam machen. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auslösung in nächster Nummer.) Ä Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.