Mittwoch den 26. Mar?. Nr. 46 1902. MW K .< - ■ M ÜÄMUiltjü as einst dein Jüngling galt für heilig, Verwirf als Mann nicht allzu eilig; Sonst muß der Greis den steifen Rücken Nach einst Verwors'nem mühsam bücken. Ritter von Leitner. kurzem In die Stube des Pastors trat er nach Klopfen und legte den Bohnensack voll Geldstücke vor ihm auf den Schreibtisch. „Woll'n Se mich bat upheben, Herr Pastor?" , Meh da, Tobias Breeden! Willst du verrersen, (Nachdruck verboten.) Tobias Breeden. Von Luise Westkirch. (Fortsetzung.) Tobias?" „Jo, Herr Pastor." „Auf lange?" „Kann ick nich seggen." „Wohin soll's denn gehen?" „Weet ick nich." . Ter geistliche Herr sah seinem Besuch grade m die Augen. „Was hast du vor, Tobias?" „Nix Slechtes, Herr Pastor. Tie Schandarms kneg'n Jan Jürgens nich, un nu —" Willst du ihu suchen? So." „Ich bin ’r de Nächste zu, Herr Pastor." "Ich will ihm wohl zu fassen frieg’it." „Ja, das kann sein. Wenn du chn findest, was werft du dann thun?" „ , „Tenn muh ich ihnr wohl in Emden nachs Gerecht neben/' Tie beiden Männer sahen einander einen Augenblick an. Langsam eeahm der Geistliche die Bibel vom Tesch und hielt sie seinem Besuch hin. „Leg' deine Hand auf Gottes Wort, Tobias Breeden, unb schwöre dem Allmächtigen, daß du Jan Jürgens ans Schwurgericht zu Emden abliefern willst, wenn du ihn findest." jJjpert ^3ciftoT —u ^Tobias Breeden, du bist Gottes Wege gewandelt bis in dein fünfundsechzigstes Jahr. Wer der Zorn, auch der gerechte, ist ein schlimmer Versucher. , Trum will ich eine Mauer aufrichten zwischen dir und deinem Zorn. Versteh mich. Nicht Jan Jürgens wegen. Der ist gerichtet. Nähme er Flügel der Morgenröte, und täuschte er jedes Menschen Auge, Gottes Strafe entflieht er nicht. So aber du Tod- sünde auf dich lüdest um solchen Abschaum der Menschheit, — um dich, Tobias, wär' mir's leid. Und unserm Herrgott, mein' ich, auch. Drum schwöre." ■ Da legte Tobias Breeden ferne Hand auf dre Brbel, und schwur, dah er Jau Jürgens unverletzt ins Amts- gefäugnis in Emden abliefern wollte, wenn er chn finge. Mit dem ab geh end en D ampfer fuhr er hinüber nach der nächsten Stadt am Festland. Dort übernachtete er. Am andern Morgen kaufte er ein paar Meter zäher, neuer Stricke, um den Mörder zu binden. Die schnürte er fest tn sein Bündel, und also ausgerüstet wanderte er ins Land, den Biegungen der Küste folgend. Er besuchte reden Hof jede Kate. Er beschrieb Jan Jürgens den Kuhhirten auf den Weiden, den Arbeitern in den spärlichen Feldern, und wanderte weiter auf dem Rücken der Deiche, durch schlüpfrige Marschwiesen, über fruchtbare Felder. In den Städten hielt er Nachfrage auf den Polizeibureaus. Man gab ihm mürrisch, spärlich Auskunft. Tie in Amt und Würden saßen, sahen ungern den unbefugten Eindringling, der kam, um ihre Pflicht besser zu erfüllen, als sie selbst. Tobias lieh sich nicht abschrecken. Er wanderte weiter, die Ufer der Ems entlang, an beiden Seiten der Leda hin. Wo eine einsame Schmiede stand, eine Schiffer- herberge am Wasser, da wickelte er einige Münzen los ans seinem Bündel, unb versuchte, sie für ihn reden zu lassen. Er schloß sich den Wandernden auf den Landstraßen an, den Bauern, die ihr Vieh zu Markt trieben, den Handwerksburschen, die zur Herberge zogen, und erzählte ihnen den Zweck seiner Reise. Die meisten lachten ihn aus. Er solle Zeit und Geld sparen! Wenn er wirklich den Mordbuben zu fassen kriegte, was dann noch? Wegen eines kleinen Totschlags, in Trunkenheit und Finsternis vollbracht, ginge man heutzutage feinem Menschen ans ßebett Aber Tobias glaubte ihnen nicht. „Blut schreit nach Blut, so steiht't in Gottes Wort. Man de Lüe krekt'r hüdigen Tags nich rin." Einmal kam er an einen Hof hart am Wasser. Dort sah ein Mann vor der Thür im Sonnenschein und hustete. Tobias Breeden setzte sich neben ihn, und that seme gewöhnlichen Fragen. Er mußte aber scharf aufpassen, um die Antwort zu verstehen, einmal wegen des unaufhörlichen Hufteiis, und dann sprach der Manu sein Deutsch in einem Torifall, tote, ihn der viel in der Welt herumgekommene nie zuvor gehört hatte. , „Hier fünd Se ook uich juug toest?" fragte er. enblicl). . ■ „Ach nee, lieber Herr, bin von weither, ein Harzer, aus Klausthal gebürtig, ja. Der Bauer ist mem Geschwister- kind. Da hat er mich hingenommen, ^ch soll hier wwoer gesund werden. Verstehen Sie?" „ ,,9„ „Se sünd woll 'n beten swack up de Bost? mernte Tobias. . , „Schwach? Keine Spur! Ich den Hartnäckigen, sagt unser Doktor. bin von den Zähen, Ich hab' Lungen wie 182 ein Gaul. Ja natürlich! Sehen Sie mich, 'mal an. Wie alt bin ich wohl, he?" „Kann ich nich seggen." „Ich bin vierunddreißig, verstehen Sie! Vierunddreißig! Ja, was meinen Sie?" „Arme Keerl!" murmelte der Schiffer erschüttert. Er hätte den Menschen für einen, hohen Fünfziger gehalten. Aschfahl das Gesicht, tiefe Löcher in den Backen, in dunklen Höhlen fieberglühende Augen, und die Stimme, die arme, gebrochene, klanglose Stimme, in der der Tod rasselte! Aber während erstickende Hustenanfälle seinen skelettartigen Körper schüttelten, prahlte der Kranke mit lachenden Lebenshoffnungen. „Sie sagen bei uns zu Hause alle, ich hol's noch 'mal durch, weil ich kräftig bin. Denken Sie nur, vier- uuddreißig Jahre! Ueber achtundzwanzig treibt's selten einer bei uns." „Achtuntwintig! Dat is zum Weinen! — Was vor 'ne Hantierung hebbt Se denn?" „Ich arbeite auf Silbern-Aal." „Is mich nich bekennt." „'s ist eine Hütte bei Klausthal, lieber Herr. Dort schmelzen wir das Erz aus den Gruben ein, verstehen Sie? Silber und Blei. Es wird schönes Geld da verdient. Aber die Dämpfe machen so eine Lunge kaput. Zuletzt konnte ich nicht mehr den Weg von Klausthal her machen." Se mutt näger bi wohnen." „Wohnen? Wo denken Sie hin? Wohnen kann da niemand. Die Hütte liegt in einem Thal, verstehen Sie? Früher war Wald ringsum, lauter schöne, schiere Buchen. Ist nicht ein Stamm geblieben. Alle Abhänge kahl, nackt, wie meine Hand, nicht ein Grashalm! Kein Unkraut! Nichts! Ja, die Dämpfe." „Un in so 'ne Mordkuhle werken Lüe?" „Es wird schönes Geld dort gemacht", wiederholte der Schwindsüchtige. „Mein Aeltester, der nur ein Junge ist, bekommt jetzt schon mehr als hier ein ausgewachsener Taglöhner. Ich hab' sechs. Sechs Kinder, ja. Was wollen Sie? Unsereins heiratet früh. Das Leben ist zu kurz. Und die Herren sehen's gern. Verstehen Sie? Fremde Arbeiter finden sich nicht leicht, sind's auch nicht gewöhnt. Ja. Aber schönes Geld wird verdient." Tobias stand aus. „Na, geben Tag! Malen Se ’t god." „Tanke schön, ja!" schrie der andere ihm nach. „Ich hab' ja nichts anderes zu thun jetzt! Und ich bin von den Zähen. Adjüs! Adjüs! Mögen Sie den finden, den Sie suchen I" „So 'ne Dodesstraf' gift ’t nu vör en rechtschapen Minsken", dachte Tobias. „Un so en Schelm un Moorderer as Jan Jürgens malet fick pläsierlich in use schöne Welt. Kann nich angahn. Is Gottes Wille nich." An diesem Abend traf er zum ersten Mal seit seiner Abreise aus ein ihm bekanntes Gesicht. In der Schenke am Emsufer, wo er einkehrte, brachte die rote Trina ihm den bestellten Grog. Er wunderte sich. „Siel eens! Min Tochter, wat vörn Wind drivt di hierhen?" Sie schien verlegen. „Unsre Sommergästen zogen ab. Ta war nix mehr zu thun bei’n Eschenwirt." „Un da gungst du bet na'n Emsland?" „Schall ick Hungerpoten fugen?" Tie rote Trina sah nicht gut aus. Ihr Gesicht war blasser, schmaler geworden, und ihre Flackeraugen zwinkerten scheu. Tem Alten schoß ein Gedanke durch den Kops. „Trientje, weetst du wat von Jan Jürgens?" „Ick meen’ man. De Jnschulaners seggen jo, he is di nahlopen un du hast da auch nich immer sauer zu „Zum Narren hat er mich gehalten, der flechte Mensch, und zehn andre dazu! Ich hab' ein Hühnchen mit ihm zu pflücken." „Tenn weetst du 'r nix von?" „Weet He ’r wat von, Tobias?" „Noch nich. Aber krieg' ick ’r man en Snippel von io sehn, denn pack' ick em mi!" „Mel Glück! Wo wollen Se ihn denn suchen?" Er sah sie an. „Ich hatt' au Leer dacht." „Da mag er wohl sein. Wenn er mir in den Weg läuft, sag' ich Ihnen Bescheid." „Bust en gode Deem", sagte Tobias, während er dachte r ^Lög', dat du berstest!" 1 Er glaubte der roten Hexe nicht ein Wort. Ihm war zu Mut wie einem Jagdhund, wenn er die warme Fährte wittert. Er ging in jedes Gehöft der Ortschaft, er unter* suchte das Heu auf den Speichern, aber er fand keine Spur des Entflohenen. In der Nacht schlief er nicht. Er horchte. Nur das Wasser rauschte, eine Ziege meckerte. Ab und zu stampfte eines der Pferde im Stall. Nach Mitternacht klang endlich ein leises Klirren an sein Ohr. Er sprang auf; er lief ans Fenster. Der Mond war eben aufgegangen. In seinem Strahl erkannte Tobias auf der dunklen Wasserfläche weit schon einen winzigen Kahn, eine Nußschale, die mehr und mehr im Nebel verschwamm. Keine menschliche Gestalt mehr zu unterscheiden, nur das regelmäßige Aufblitzen des bewegten Wassers, das die kräftig und rasch geführten Ruder peitschten. So rasch geführt! So ganz unermüdlich! — War's eine Flucht? Ter Mann am Fenster ballte die Fäuste. Er wußte! es so gewiß, als hätte er ihm ins Gesicht gesehen: Jan Jürgens saß in dem Nachen! Aber er hatte nun die Fährte. Am andern Morgen brach er zeitig auf, und kurz hinter der Ortschaft wandte er seinen Schritt. Nicht südwärts nach Leer ging er, nordwärts nach Emden. Dort mietete er sich in einer Herberge nah am Hafen ein, beobachtete die abfahrenden Schiffe wird hielt sich verborgen. Nur abends strich er durch die Straßen, die Mütze tief über den Augen, trat in die Kneipen, trank einen Bitteren, ein! Glas Bier, musterte die Gäste und ging weiter. Seine Barfchast war erschöpft. Er schrieb an den Pastor, und lieh sich Zuschuß aus dem versiegelten Schatz senden. Vierzehn Tage trieb er's so. Da traf er eines Abends kurz vor der Abfahrt eines Dampfers an der Schleuse die rote Trina. Diesmal war er nicht überrascht. „Süh, süh, Trina! Heft nu hier en Dienst?" „'s würd' mir zu still un zu grnslich an der Eins." „Jo, in ’ner Stadt is't pläsierlich er." „Se sünd ook nich in Leer, Tobias Breeden." „Nee, nee, bün ick nich, Trina." „Ick verarg' Se ’t nich. Wer einen jagen will, muß selbst mitlaufen. Das is beswerlich für einen Menschen in Ihren Jahren. Ich dien' hier beim Ochsenwirt. Weeten S' wat? Kamen Se, nehmen Se 'n lütten Sluck." „Worüm schall ick dat nich dohn, Trina? Man schenier' di nich, mien Dochter. Ick kann töwen. Mag sülwst gern de Lüe up't Schipp kribbeln un krabbeln sehn, as 'ne Herde Schaape. Wullst een'n Adjüs seggen, Trina." „Ick? Adjüs seggen? Ick hebb jo keenen." „Gor keenen?" „Nich en eenzigsten! Darum hab' ich auch en Abscheu vor so ’ner Abreis' — Komm’ mich selbenst vor wie ’n einsam Schiff aus die weite See. Flink, Tobias Breeden, kamen Se na’n Ochsenwirt." (Fortsetzung folgt.) Ein dunkler Fall. Von Fred Hod. Nachdruck verboten. Der Fall Hallberger hatte eine große Aufregung hervor- gerufen. Konsul Hallberger, einer der reichsten und angesehensten Leute der ganzen Stadt, war plötzlich ohne jedes Anzeichen einer Krankheit im Alter von 41 Jahren gestorben. Bald darauf — es war an einem Samstag — traf ich meine Freunde in der Honoratiorenstube des Hotels Goldbach! am hohen Steinweg. Alles sprach nur von dieser Angelegenheit, von der eingeleiteten Untersuchung tc. Der Sanitätsrat Kummer, uns 1 S: unvergeßlicher Freund hlen Erde — hüllte sich in nachdenkliches Schweigen. „Ist denn so etwas überhaupt möglich?" rief Rektor Vogt aus, indem er dichter an Kummer heranrückte. Alle sahen gespannt nach dem Sanitätsrat hinüber. „Möglich?" — Alles hat seine natürliche Erklärung; die Frage ist nur, ob wir sie finden. — Es gießt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen läßt." Dann reichte er, gleichsam um die Schärfe der Entgegnung «etwas zu mildern, deut Reftor lächelnd die Hand. „Sie wollen uns eine Geschichte erzählen, Herr Sauitats- rat", sagte der Referendar Wolff, eiy besonderer Verehrer, des alten Herrn. ~ „Gewiß — wenn Sie zuhören wollen s eine anders — 183 einigem Sinnen fort an einem tgfte ergaben. Im daß mir und rätselhafte Geschichte, deren Lösung mir aber schließlich doch zu finden gelang." Alles rückte näher heran, um besser hören zu können. „Es ist jetzt etwa zehn Jahre her. Ich, hatte damals! in Hamburg meine gute Praxis. An einem kalten Winterabend saß ich an meinem Kaminfeuer, rauchte eine Cigarre und Blätterte in einer neuen, naturwissenschaftlichen Zeitschrift, welche man mir zur Ansicht gesandt hatte . In dieser behaglichen Stimmung wurde ich gestört: es klingelte, und bald darauf wurde ein Herr von etwa dreißig Jahren, dessen Haltung und Gebärden auf einen Aristokraten schließen ließen, in mein Zimmer geführt. ,,Mein Name ist Edgar von Hardenstein", sagte er, indem er etne zierliche Visitenkarte auf den Tisch legte. Ich Bemerkte, daß die Karte mit einer Krone oder einem Wappen geschmückt war. Ich bat ihn, Platz zu nehmen. „Ich danke", sagte er schlicht. Dann fuhr er nach ,,^ch wurde gern einige Fragen an Sie richten, die im Grrmde mrt der Medrzrn nichts zu thun haben", sagte iA ,/2ßer wurde im Halle ahres Todes das Gut erben?" doch keineswegs Beunruhigt an. wurde, versetzte er, „an einen entfernten Verwandten übergehen, der ,etzt in London als Direktor einer großen in^strtellen G°,-lischest ttotig ist Er w « l-ng- Zett als Vertreter der großen Londoner Maschinenbaü- Gesellschaft „Union" in Indien und soll ein Vermöaen von dort zurückgebracht haBen." „Haben Sie ihn jemals gesehen oder etwas von ibm gehört?" 1 „Nicht viel", erwiderte er, „aber mein ältester Bruder erhielt von ihm einen Brief, als mein Vater starB, — einen gewöhnlichen Beileidsbrief." Das Gesicht des Grafen verfinsterte sich einen Moment. — Es war ihm offenbar unangenehm, einen feiner Verwandten in irgend einer Weise verdächtigt zu sehen. , Der Gesundheitszustand des Grafen ließ im übrigen nichts zu wünschen übrig; leider sollte nur gar zu bald em Wechsel eintreten. Ich hatte sehr viel zu thun, und konnte erst wieder nach Verlauf einiger Wochen nach Horstehude hinausfahren. Gaben doch die brieflichen Nachrichten zu keinerlei Besürchf- tungen Veranlassung. Als ich nun wieder hinauskam, führte mich Herr von Hardenstein, der ein besonderes Vertrauen zu mir zu gewinnen schien, durch alle Räume des alten Hauses; es war in der That ein prächtiger Bau. Er zeigte mir auch die beiden Zimmer, in denen seine unglücklichen Brüder gestorben waren; doch ich fand auch hier nichts, was auch nur den geringsten Argwohn hätte erregen können. Ich sagte meinem Klienten (den ich doch nicht als Patienten anzw- sehen vermochte), daß seine Brüder, wie die Aerzte sagten, wirklich an einem Herzleiden gesMwen sein müßten. Indessen mußte ich diesmal doch einen Wechsel des Herzschlages Bei ihm Bestätigen — ein häufigeres Auftreten des Herzsklopfens. Doch das kommt auch bei Menschen von normaler Gesundheit vor, und berechtigt noch zu keiner Befürchtung. — Ich teilte Herrn von Hardenstein meine Beobachtung mit. Diese Thatsache erfüllte niich mit großem Schreck. Sollte auch er wie seine Brüder an einer furchtbaren, rätselhaften Krankheit sterben, von welcher bei ihm vor wenigen Wochen noch keinerlei Symptome vorhanden waren? „Ich glaube", sagte Edgar zu mir, „daß diese Krankheit das sonderbarste Leiden ist, welches die Aerzte kennen; mir ist, als ob ich langsam gemordet werde." „Langsam gemordet!" — Die Worte klangen mir den ganzen Tag in den Ohren. War so etwas möglich im 19. Jahrhundert? Ich gab den Gedanken als thöricht auf. Nun verabredete ich mit meinem Freunde einen ganzen Feldzugsplan gegen den unbekannten Feind. Es sollte die Dienerschaft genau beobachtet, jede Speise, jeher Trank genau untersucht werden. Dazu mußte iÄ mehrere Tage auf dem Schlöffe bleiben. Wenn Sie mich ansehen, so werden Sie glauben, ich sei stark und gesund, wie ich es selbst glaube. Meine beiden Brüder waren aber noch vor zwei Jahren ebenso gesund wie ich — tüchtige Reiter und JMer; es heißt, sie seien *" "------ Herzleiden gestorben. Als mein Vater vor drei Iah Der Dienerschaft gegenüber war ich glücklicherweise von vornherein als ein alter Studienfreund des Grafen ein- geführt worden, Hn meinem Zimmer, das im Seitenflügel lag, brachte ich einige Retorten zur Untersuchung der Lebensmittel unter, gebrauchte jedoch, die Vorsicht, nur Bet Nacht zu arbeiten, bei Tage aber alles im Spind verschlossen zu halten. Ich will nun gleich bemerken, daß die sorgfältigsten chemischen Untersuchungen nicht das Geringste ergaben. Im Gegenteil! Die Kost war so vortrefflich, daß ich! mir und sagte er schlicht. Dann fuhr er nach t: „Ich muß Ihnen eine etwas seltsame Geschichte, erzählen, Herr Doktor; aber ich glaube, daß Sie alles wissen müssen, wenn Sie mir Ihren ärztlichen Beistand leihen sollen. „Ich bin der Meinung", sagte ich!, „daß die Angelegenheit noch jetzt untersucht werden müßte. — Zunächst möchte ich feststellen, wie es mit Ihrem körperlichen Befinden thatsächlich steht." Ich schloß die Thüren, ließ ihn sich entll-eiden, untersuchte ihn nach allen Regeln der Wissenschaft und fand, daß ich einen Mann von tadelloser Gesundheit vor mir hatte, dessen Körper durch allerlei Sportübungen gestählt zu sein schien, fähig genug, die schwersten Strapazen zu ertragen. „Es ist alles in Ordnung", sagte ich. „Ich! finde nichts, was zu den geringsten, Bedenken Veranlassung geben könnte. Indessen müßte ich Sie häufiger sehen, wenn mir kein verdächtiges Moment entgehen soll." „Das ist es, worum ich Sie Bitten wollte", antwortete er. „Sie könnten mein Gemüt von einer großen Last befreien. Ich vertraue auf Ihre Hilfe. Morgen gehe ich! nach Horstehude zurück — mein Haus steht Ihnen jederzeit offen." Damit verabschiedete er sich. Länger als eine Stunde saß ich und dächte über die Angelegenheit nach. Es war doch höchst merkwürdig, daß zwei Männer in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren einem Herzleiden erlegen sein sollten, nachdem sie, völlig gesund, eben ein reiches Erbe angetreten hatten. Einige Tage später svrach ich in Horstehude vor. Das schöne mit wildem Mein berankte alte Herrenhaus erschien nnr tote ein idealer Wohnsitz. Ich, fand Herrn von Hardenstein ruhiger und gemessener, als an jenem Abend. Herzleiden gestorben. Als mein Vater vor drei Jahren starb, übernahm mein ältester Bruder Botho unsere Familienbesitzung in Horstehude. Er toar damals vollständig gesund, doch nach! einem Jahre stavb er. Darauf fiel das Gut natürlich an meinen zweiten Bruder. Auch! er starb nach einigen Monaten. Wieder sprachen die Aerzte von einem Herzübel, ohne daß sie dasselbe näher zu kennzeichnen vermochten., Ich bin der einzige überlebende Sohn und bin im Begriff, in dieser Woche das Gut zu übernehmen. Sie werden begreifen, daß ich mich, einer gewissen Furcht nicht erwehren kann. Vielleicht ist es auch, von Wichtigkeit, ein Zeugnis dafür zu erlangen, daß iä). den Familienbesitz durchaus gesund übernommen habe, und deshalb möchte ich Sie bitten, mich jetzt zu untersuchen." „Ihre Geschichte ist jedenfalls höchst seltsam", sagte ich, als er geendigt hatte und in seinen Stuhl zurücksank, | r?r r^fp , WMMWW ZWEWM verknüvit?" t,erMc^er 9Zatur Tod Ihrer Brüder I Tage in Horstehude bleiben würde. Am nächsten Tage jedoch rnA.o r gelang es mir, den Grafen so weit zu beruhigen, daß ich leiden ton' .^hmptome wiesen auf ein Herz- zu meinen Patienten nach, der Stadt eilen konnte. unoen hin, allerdings schien es mir, daß die Aemte selbst e m , einem Rätsel aeaenüberstanden und sieb mit ihrer nnllm-- Nach einem Monat zeigte Edgar, der mir ein wahrer W,nerto°nten®l,9”|c ”” toer “ne -...... ’ arbeitete das Herz stürmisch; der Herzstoß war sehr verstärkt, die Arterien klopften und hämmerten, und die Atmung war sehr beschleunigt. Bald wieder war die Herzthätigkeit sehr herabgesetzt, der Puls Kein und aussetzend. 184 Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Berlag der Brübl'schen Universitats-Buch- und Steindruckerei ^Pietsch Erben) in Gießen. In Ende. Ich plötzlich Ich der vierten Nacht aber fand das Schauspiel sein war in einen leichten Halbschlaf verfallen, doch erwachte ich bei dem Klirren des Fensters. lag, das Auge auf die Oeffnung gerichtet, durch Jetzt fuhr em zackrger Blitz durch die Nacht. Ein grollender Donner folgte, — der Graf fuhr erschreckt von seinem Bette auf. Ich zündete Licht an und eilte zu meinem Freunde. Ich fühlte ihm den Puls. „Was soll das jetzt?" rief er verdrießlich, „es ist alles vergeblich" „Sei vernünftig! — Es muß sein. Ich will Dich einer schrecklichen Gefahr entreißen. So — nun mach! den Arm frei — ich muß die Haut untersuchen. — Warte, ich hole das Mikroskop!" „Ich verstehe Dich nicht — was soll das alles?" „Ich werde Dir erklären, — ich glaube des Rätsels Lösung gefunden zu haben."-- Als das Mikroskop zur Stelle war, untersuchte ich sorgfältig die Haut 'des Patienten. Plötzlich stieß ich einen Ruf der Ueberraschnng aus; ich, hatte gefunden, wonach ich suchte. Am Handgelenk und an den Armen befanden sich winzige Punkte, die durch das unbewaffnete Auge nicht wahrgenommen werden konnten, und durch welche auf irgend eine Weise ein langsam wirkendes, aber tätliches Gift dem Grafen eingeflößt worden war. „Die Worte, welche Du vor einigen Tagen aussprachst, trafen das Rechte. Du wirst langsam gemordet." Er sprang von seinen: Stuhle auf, sank jedoch mit einen: Schmerzensruf zurück' und preßte die Hand aus die Brust. Die plötzliche Erregung war zu viel für das geschwächte Herz; doch nach einigen Minuten erholte er sich. „Um Gotteswillen! erkläre mir —" , „Gut!" antwortete ich. „Wenn ein Verbrechen im Spiele ist, so muß es auch ein Motiv haben. Das einzig denkbare Motiv ist aber, Dich ans dem Wege zu räumen, um in den Besitz Deines Vermögens zu gelangen. Als Du mir erzähltest, daß im Falle Deines Todes das Gut an einen fernen Verwandten fallen würde, der in Indien gewesen, ■ griff ich zu einem alten Buche über Gifte. Es ist Eigentum unserer ausgezeichneten Stadtbibliothek. Ich entdeckte, daß in Indien ein gewisses Gift angewandt wird, welches die bewußten Krankheitssymptome hervorruft. Daß das Gift auch mit einer Spritze eingeflößt werden könnte, daran dachte ich erst heute nacht, da ich — den Schurken —i an Deinem Bette sah. Bei Nächt, im Schlafe ist Dir das Gift eingeimpft worden. Aber noch ist. es Zeit, Dich zu retten." Der Graf erbleichte und konnte kein Wort hervorbringen. Während der drei folgenden Nächte lag ich im Schlafzimmer verborgen, den Revolver schußbereit in der Hand, den Blick unverwandt aus das geöffnete Fenster gerichtet. —i Doch nichts geschah. meinen Revolver erhob und feuerte. Ein Schrei folgte dem Schüsse. — Die dunkle Gestalt fiel mit schwerem Krachen zu Boden. Sofort entstand die größte Bewegung und Verwirrung. Die Dienstboten stürzten in das Zim:ner. Auf dem Fußboden lag der Körper eines Mannes mit einer Schußwunde in der Schulter — der Körper des Schurken, der schon zwei Menschen getötet hatte und im Begriff war, einen dritten zu töten — meinen Freund. Edgar erkannte in ihm seinen Verwandten aus London — den Mann, der Horstehude geerbt hätte, wäre sein teuflischer Plan gelungen. Die Schußwunde war nach! wenigen Wochen geheilt —: er sollte dem Zuchthaus nicht vorenthalten werden. — Im welche der Unbekannte kommen mußte. — Und er kam. Es war kein Gespenst — ein Mensch.von Fleisch und Blut ■— und sogar eine sehr kräftige, robuste Gestalt. Langsam kroch der Schurke an den scheinbar Schlafenden heran und berührte ihn eben mit einer feinen Nadel, als ich vorigen Jahre ist er in diesem verschieden.--, Nachdem ich das Uebel selbst erkannt hatte, gelang es mir, Edgar von demselben vollständig zu befreien. Er ist mir ein wirklich dankbarer Freund geblieben und hat seine Liebe und Treue auch aus meine Tochter übertragen, welche vor einigen Jahren seine Frau wurde und an seiner Seite ein überaus glückliches Leben führt." meinen Patienten das ganze Leben lang keine bessere wünschen mag. Was >var nun zu thun? Ich hatte die Dienerschaft fast unausgesetzt beobachtet. Ich studierte jede Bewegung der Leute, ihr Mienenspiel — ich bildete mir ein, alle Künste eines Kriminalkommissars anzuwenden, aber nichts, absolut nichts wurde entdeckt. Hin und wieder tarnen einige Herren und Damen Uns der Nach? barschaft — ich schöpfte gegen alle Verdacht und alle beobachtete ich! mit Argusaugen. Der Zustands des Grafen verschlimmerte sich nicht jäh, aber doch so, daß ich dies jedesmal bei Untersuchung des Herzens zu konstatieren vermochte. Ich zermarterte mein Hirn, um einen neuen Weg zur Lösung des Rätsels zu finden. In einer Nacht, als ich so grübelnd auf meinem Bette saß, fiel es mir ein, daß es noch einen Verdächtigen geben könne — Edgar selbst. Der Gedanke fuhr mir blitzschnell durch den Kopf, ohne daß ich mir Rechenschaft von dem „Wie" und „Warum" zu geben vernwchte. Bei Tage geschah nichts Verdächtiges, das wußte ich nun genau — über bet Nacht? „Wie steht es mit Deinem Schlaf", fragte ich Edgar am nächsten Morgen. „Darüber habe ich mich noch nicht beklagen können", erwiderte er ganz harmlos. „Es würde :nich aber sehr beruhigen, wenn ich hier bei Dir bleiben könnte", erwiderte ich Denn wenn eine Krisis eintreten sollte —" „Sage die Wahrheit! ich werde bald sterben." „Dein Befinden gießt allerdings zur Besorgnis, aber noch keineswegs zu Befürchtungen Anlaß. Indessen möchte ich nichts versäumen. Laß mich hier nebenan in Deinem Arbeitszimmer schlafen." „Einverstanden! Ich werde das Zimmer einrtchten lassen.", _ „Nicht doch! — ich° werde auf dem Kanapee schlafen. Glaube mir — es ist das beste so — man darf die Dienerschaft nicht stutzig machen." Dieser Einwand überzeugte ihn. Ich hatte mir vorgenommen, nicht einzuschlafen. Das wurde mir nicht schwer — denn ich befand mich, in einer hochgradigen Aufregung, Der Graf hatte die Gewohnheit, bei offenem Fenster zu schlafen, er hielt einen Oberflügel des Fensters offen. Ich konnte diese Maßregel aus hygienischen Gründen nur billigen, zumal das Fenster nach dem herrlichen Park hinaussah. Indessen hatte ich angeordnet, daß der Flügel bei regnerischem oder stürmischem Wetter geschlossen werden sollte. Das fiel mir jetzt wieder ein, und ich dachte daran, das Fenster zu schließen, da ein Gewitter heraufzukommen drohte. Als ich aber auf der Schwelle zwischen beiden Zimmern stand und den Grafen im festen Schlaf bemerkte, ging ich wieder nach meinem Lager zurück. Ich wollte ihn nicht stören. Kam das Gewitter herauf, fo war es immer noch Zeit, ihn zu wecken. Da sich nichts Besonderes ereignete, so begann ich ruhiger zu werden und ivieder an die natürliche Entwicklung einer vererbten, wenn auch noch unaufgeklärten Krankheit zu glauben. Es ist ein Phänomen, aber wie oft müssen wir uns mit einem solchen abfinden? Da plötzlich hörte ich ein merkwürdiges Geräusch an der Frontwand: Ein Rauschen des Laubes, mit welchem das Gebäude berankt war, dann das Schürfen eines harten Gegenstandes auf 'dem harten Wandputz. Ich glaubte vor Schreck zu erstarren. — Dann ein leises Klirren an dem Fenster des Schlafzimmers. Ich wagte nicht zu atmen. Das Fenster konnte ich von meinem Lager aus nicht sehen, aber ich hörte ganz deutlich, wie sich etwas auf leichten Sohlen nach dem Bette des Patienten schlich. Ich weiß nicht, was mich an mein Lager gefesselt hielt, die Furcht vor dem Unbekannten oder das Verlangen, des Rätsels volle Lösung zu erfahren. Mir war, als hätte ich. im Dunkel einen schwarzen Schatten gesehen, aber im nächsten Moment hörte ich w:eder das Scharren und Rauschen an der Außenwand. Hatte ich geträumt? War es ein Trugbild meines überreizten Hirns?