Mittwoch den 26. Februar. r TuioTo'är- aute. h-'noii. GiCssan 190 2 . — Nr. 31. gg W 3 1/ MM Dtiriitnil z> o ein großes Gefühl das Herz erschüttcrr und den Menschen vorwärts treiben möchte, wirft die Erde ihren Schmutz daran, und das Schöne verkümmert, und alles Große wird lächerlich gemacht. Gustav Freitag. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Schluß.) So hatte sie auch eines Abends singend und betend an der Wiege gesessen, während ein leichter Kahn über den See kam, und vor ihrer Thüre landete. Er brachte ihren Gatten heim, und dieser brachte einen Gast mit, einen längst ersehnten, und still erhofften Gast. „Ich möchte meinen einstigen Wildfang Wiedersehen, und mein Patchen dazu!" grüßte eine tiefe, sonore Stimme die junge Frau, welche Alexis aus dem Kinderzimmer her- ausgeholt, um sie dem Gaste entgegenzuführen. Fast schüchtern stand die mutige Clarita da vor dem wettergebräunten, stattlichen Jose Almerez. Sie, die vor Zeiten als kleine Tyrannin den guten, alten Jose, stets nach ihrer Pfeife tanzen machte, sie stand jetzt hocherglühend, verlegen wie ein Kind, demütig wie eine sich ihrer Schuld bewußte kleine Sünderin vor dem treuen Freund und Schützer ihrer Kindheit. „Verzeih Jose! Jose vergieb!" bat sie unwillkürlich zuerst mit denselben Worten, zu welchen einst ihr kleines eigenwilliges Köpfchen nur in Momenten tiefster Reue über irgend einen tollen Streich sich verstanden, und gerade wie damals' nahm der rauhe sanfte Seemann sie in seine Arme, trocknete ihre Thränen, und drückte einen innigen Verzeihungskuß auf ihre weiße Stirn. >,Unb nun laß mich mein Patchen sehen, ich sterbe vor Verlangen, die kleine Landratte kennen zu lernen!" hatte er darauf ausgerufen, rasch aller Rührung ein Ende machend. Aber dieselbe war wiedergekommen, sobald sie neben der Wiege standen, und den kleinen . Schläfer betrachteten. Ein schlummerndes Kind ist immer etwas Wunderbares — ein Anblick, der stets das Herz bewegt. Um so mehr hier, wo die junge Mutter zu erzählen hatte von dem im letzten Schlaf entschlummerten Töchterchen, zu erzählen hatte von all' dem nach dessen Tod durchkämpften Leid. Nicht gleich, allmählich hörte der gute, alte Jose alles. Wie darüber sein ehrlich gutes, treues Herz erbebte! Nimmer hätte er in solchem Momente seiner Clarita eine Bitte abschlagen können, und als sie bat: „Jose, guter Jose, bleib bei uns, laß unsere Freundschaft Deine Heimat sein!" da konnte er nur antworten: „Gewiß Clarita, td) bin gekommen, bei Euch zu bleiben, so Ihr ein Plätzchen für den alten Jose habt. Seit meiner Mutter Tod ist für mich Teneriffa verödet!" Und so blieb er; fühlte sich wohl in der Heimat, die aufrichtige Freundschaft ihm bot; er wurde darin wieder jung mit dem jungen Jose. „Die kleine Landratte liebt das Wasser, Gevatter! Tas hat sie von ihrem Paten!" pflegte er oft zu Alexis zu sagen, erfüllt von dem natürlichen Stolze des echten Seemannes, dem der blaue Lago bald so lieb wurde wie das weite, große Meer. Und unten in dem kleinen Schiffe, dessen Kiel eben jetzt die blauen Wogen durchschnitt, da stand auch heute der alte Seemann so stolz und hoch wie einst auf dem Deck seiner stattlichen „Querida", mit der er alle Meere durchzogen, ja die Erde umkreist hatte. Statt des unabsehbaren Ozeans umgab ihn freilich, nur ein begrenzter See, statt einen stolzen Dreimaster zu befehligen, stand er in einer kleinen Nußschale von Kahn, aber diese Nußschale umschloß sein Liebstes, und er war glücklich. Aus dem Kahn lachte ihm das Schönste entgegen, was er je auf der Erde glaubte geschaut zu haben — seiner Clarita Kind mit den großen schönen Augen! Ah! wie die liebe Unschuld ihm zujanchzte, eben hatte sie glücklich sein Haar erhascht, und er geschickt sein Segel gerefft. Nun faßte er den zappelnden jauchzenden Burschen, und hielt ihn hoch zu den selig lächelnden Eltern empor, während der Nachen zu deren Füßen durch das Wasser dem Landungssteg zuglitt. Bei der raschen Bewegung tanzt, schaukelt, hebt und senkt sich der Kahn, aber die junge Mutter dort oben zuckt nicht zusammen, sie kennt keine Furcht — in Jose's Armen weiß sie ihr Kind geborgen. Der wettergebräunte, alte Mann, das zarte fröhliche Kind, es war ein schönes Bild! Und über dem allen leuchtete die Sonne. Schwere Wolken hatten in der Frühe am Himmel gehangen, aber die Sonne hatte sich siegreich durchgebrochen, und strahlte nun in vollem Glanze. Ter heutige Tag erinnert an unser Leben, meine Seele, meinte Alexis weich! „Ja — nach Wolken die Sonne! Sie strahlte hell in dem südlichen Land; doch auch im fernen Rußland beleuchtete sie ein stilles Glück. In der besten Hütte eines kleinen Steppendvrfes, die schöner ist tote die des Dorfältesten, arbeitet flink die einstige Soldatka Nina, und drinnen in der eigenen Stube sitzt behaglich eine Matuschka — Errdotja Karpowna. Frer- lich, ihren Goldknabeu, ihr Seelenkind, ihren süßen Barm hatte sie nicht wieder, dafür aber Dimitri, den emzrgen Sohn. Er ist ihr wiedergegeben, er Pflegt sie, und tst ihr gut mitsamt der thörichten Nina, und die^ alles dankt sie ihrem Herzensbarin, und der jungen schonen 122 Barinitschi, der sie einst ihr Herz ausgeschüttet. Selbst in der Ferne haben die beiden sie nicht vergessen; ihr Goldknabe hat, da die Huld der Zariza ihm alle alten Rechte zurückvermittelte, Dimitris treu gedacht, und durch Nikolai Karin nicht allein dessen Befreiung vom Militär erwirkt, . sondern auch reichlich für sie alle gesorgt, und sie endlich dringend dem neuen Gutsherrn anempfohlen. Und Nikolai Pawlowitsch Karin? Er selbst ist der neue Gutsherr, er hat Ornatoffsko übernommen, und dessen Ländereien mit seinem angrenzenden Gute Kars- kow vereint, aus welchem die bescheidene kleine Lisavetta als geliebte Barinitschi regiert. Seit Jahresfrist ist sie mit Nikolai vermählt. Ihre stille Geduld und Ausdauer- mochte es gewesen sein, die zuerst sein Augenmerk auf sie gelenkt, wobei er erkannte, daß das junge Herz sich in Liebe ihm zugcneigt. Gleichzeitig erinnerte ihn Lisa- vetta's äußere Erscheinung voll anmutiger Jugendfrische lebhaft an die Wera, die er geliebt; Lisavetta besaß ihrer Schwester äußere Vorzüge, aber ohne deren innere Gehaltlosigkeit. Sie liebte Nikolai wahr, und innig, und er mochte darin Ersatz und Entschädigung finden für die Enttäuschungen, durch welche er sich zu ihr hatte hiufindeu müssen. Sv schien auch ihm endlich die Sonne; ' denn die beiden sind ein zufriedenes Paar, und eine von ihren Gutsleuten mehr geliebte als gefürchtete Herrschaft, die nur selten das einfache Karskow verläßt. Wera dagegen schweift unstet in der Welt umher, zumeist sich selber und ihre ganze Umgebung quälend. Bon Rußland verbannt, von dem leidenschaftlich geliebten Mann verschmäht, von ihrer hohen Freundschaft vergessen und verleugnet, irrte sie rastlos im Auslande von Ort zu Ort, nirgends zufrieden, weil überall das Elend ihrer Selbstsucht fühlend. Vielleicht daß für sie noch die Stunde kommt, wo gesäet, anfgeht, und als Frucht eine geläuterte Gesinnung zeitigt. Vielleicht! Noch aber zieht sie, ein unglückliches, einsames, müdes Weib rastlos in der weiten Welt umher ohne inneren Frieden, ohne Ruhe. Die Güter, die zu gewinnen sie selbst das Verbrechen nicht gescheut, sind ihr auf immer verloren, und ihr Kind, dem sie allein das Erbe, und die Ehre des Ornatoff'schen Namens zu erringen gewähnt — das starb in der Blüte seines Lebens. Feodor hat, wie er richtig prophezeit, sein Rußland und die geliebte Steppe nicht wiedergesehen. Er hatte es zu gut gewußt und gefühlt, daß der Todesengel ihm ■ winkte, und die Stunde nahe sei, da er ihni folgen müsse. Die Stunde ivar gekommen, während er mit seiner Mutter noch in Locarno weilte. Clarita und Alexis standen " an seinem Sterbebett, und dort neben jenem Sterbebett lag für einen Moment Weras zitternde Hand in der von Alexis; er hatte sie der Mutter des scheidenden Bruders gereicht. Feodor sah es; ein verklärendes Lächeln flog über sein Antlitz. Es war, als ob er nun seine Mission erfüllt; seine Muiier sühnte ihre Schuld — Alexis und ' Clarita waren glücklich. Seine Freundin noch mit dem letzten Atemzuge seguend, gab er willig seinen reinen Geist, sein schuldloses Herz in die Hände'seines Schöpfers zurück, und ging freudig hinüber zu schauen das eitrige Licht. Ihm strahlte die herrliche Sonne. Die finstern Wolken, die sein junges Dasein bedräuet hatten — sie waren verschwunden in der Zeitlichkeit, er aber !var bei Gott, der seine liebsten Kinder frühzeitig rüst. Für Rußland starb mit Feodor der letzte Ornatoff. Alexis fühlt sich wohl in der selbstgeschafseneu Heimat; sein blühendes Söhnchen ist ein Kind des Südens. Es. weiß nichts von dem hohen Norden und Sibiriens Eisregionen; sein Vater aber, der nur all zu viel davon weiß, den zieht's nimmermehr nach Rußland zurück. Er denkt: „Wo's mir wohl ergeht, ist mein Vaterland." Tas alte Ornatoffsko ist nicht wieder aufgebaut, selbst der neuere Flügelbau zerfällt, er ist unbewohnt. Nur der Mrnd umbraust die verödete Stätte. Mit der Zeit wird er die alten stolzen Bäume brechen, und selbst die Erinnerungen an das vergangene Geschlecht verweben, von dessen Namen alsdann gilt: Vergessen — Verschollen! Monte-Carlo. Eine Skizze von L. E. (Nachdruck verboten.) Der Himmel erstrahlt im tiefsten Blau, die Sonne vergoldet die Spitzen der Berge und spiegelt sich in den Wellen des Meeres. Es ist, als ob sie ihre schönsten Strahlen auf das wunderbare Kasino gerichtet hätte, das in seiner gigantischen Pracht dein Beschauer feenhaft erscheint. Monte-Carlo — ein Paradies auf Erden! Hier ist der Sammelpunkt der eleganten Welt. Das Auge wird geblendet von der Großartigkeit und Raffiniertheit der Toiletten. Ein buntes Durcheinander aller Nationen, ein Hasten und Jagen, ein Bewundern, und mitten durch die Menschenmengen rasen die Automobils und die eleganten Herrschaftswagen. Und nun gar die Anlagen vor dem Kasino! Hier sieht man die herrlichsten, fremdländischen Bäume, und Sträucher, edle Blumensorten in der denkbar schönsten Zusammenstellung mit den einheimischen Gewächsen, hier ist südliche Vegetation. Gewissermaßen als Gegensatz zu diesem farbenprächtigen Bild,liegt auf der auderen Seite des Kasinos das Meer in seiner Unendlichkeit. Bei seinen: Anblick kommen dem ernsten Beschauer unwillkürlich Gedanken der Ehrfurcht vor der Allmacht Gottes. Durch die Anlagen wandelt ein junges Pärchen in ein- fachen Reisekleidern, dem man es ansieht, daß es auf der Hochzeitsreise ist. Doch sehen die beiden nicht nur sich allein, sondern mit offenen Augen und ehrlichem Bewundern genießen sie diese paradiesische Pracht. Nicht allein an der Naturschönheit wollen sie sich ergötzen, sie wollen auch das Leben in den Spielsälen kennen lernen, obgleich eigentlich beide eine Wneigung gegen das Glücksspiel haben. Fest entschlossen, nicht zu spielen, sondern sich nur die innere Einrichtung des imposanten Baues anzusehen, treten sie ein. Nun beginnt ein beiderseitiges Staunen; er betrachtet die prnnkhafte, gesckpnackvolle Einrichtung ,sie wiederum die schicken Toiletten der Damen. Zunächst lassen sie sich eine Eintrittskarte auf den Namen ausstellen, und erleben noch einen heiteren Zwischenfall mit dem Beamten, der den Beruf des jungen Mannes nicht ins Französische übersetzen kann. Man liest, erfreut über diese Einrichtung, die neuesten Telegramme an der Anschlagtafel. Am Bnffet nehmen beide einen kleinen Imbiß, den sie für ihre Begriffe sehr teil ex bezahlen müssen. Weiter geht's in den Konzertsaal, den sie sehr geschmackvoll ausgestattet finden, dabei überlegen sie, ob sic nicht für den Abend Billets nehmen sollen; denn da sie nicht spielen, können sie das Geld auf diese Weise besser anwenden. Alles drängt sich nach dem Eingang der Spielsäle. Unser Pärchen schwimmt mit dem Strom, zeigt seine Karte vor und tritt ein. Vorläufig sieht es nichts als Menschen, die sich um die Tische drängen, und hört die eintönigen Ausrufe der Croupiers. Mit vieler Mühe gelingt es den beiden, einen Platz zu bekommen, von wo'aus sie einen Tisch überschauen konneu. Ja, hier sieht man Geld, Geld und nochmals Geld, — und die Leute setzen mit der größten Kaltblütigkeit einige Goldstücke auf eine Nummer. Tie Kugel saust herum, fällt in eine Nummer ein, und jetzt beginnt das Einkafsierenund Anszahlen, wobei die Crvupi.ws eine unglaubliche Gewandtheit und Sicherheit zeigen. Unser Paar ist erstaunt, daß man so gar keine Enttäuschung über die Verluste auf den Gesichtern der Spieler sieht; die Leute haben Geld, scheinbar macht ihnen der Verlust nichts ans; sie spielen ruhig weiter. Wieder ertönt der Ruf des Croupiers: „Messieurs, faites vos jeux!" Da durchzuckt es den jungen Ehemann; er will einmal den geringsten Einsatz wagen, ist das 5 Fr.-Stück verloren, schadet es nichts; gewinnt er — um so besser! Also setzt er auf rot, die Farbe der Liebe. Aber — es glückt nicht — CVuatre — noir! Welche Enttäuschung malt sich auf den Gesichtern des Pärchens; das verlorene 5 Fr.-Stück wandert zu der großen Menge, die der Croupier vor sich liegen hat. Run wollen die beiden nicht mehr spielen, sondern der Gatte rät seinem Frauchen, die schönen Gemälde in den anderen Sälen zu betrachten, indessen er bei Trente-et-Quaraute einmal zusehen will und versuchen, dieses Spiel zu verstehen. Man trennt sich, und die junge Frau tritt ihre Wauderung an. Er erobert sich mühsam einen Platz und sieht zu. Uugeheure Mengen Goldes find hier stets in Umlauf, ganze Vermögen werden eingesetzt. 123 Ein Herr neben ihm gewinnt auf eine Nummer 60 000 Frs. Das regt ihn auf, er erkundigt sich nach dem geringsten Einsatz, er kann nicht widerstehen, und setzt 20 Fr. Die Karten werden aufgelegt — auch dos ist für ihn verloren! Da fühlt er plötzlich eine Hand auf feiner Schulter, feine geliebte Frau steht hinter ihm. Sie sieht ihn an und weiß, was geschehen ist. Sanft zieht fie ihn mit sich fort, er liest aus ihren Augen die inständige Bitte, nicht mehr zu spielen. Der stille Vorwurf rührt ihn, er geht mit ihr hinaus. Die frohe Stimmung ist dahin; sie können den Verlust nicht verschmerzen. Was hätten sie sich alles für 25 Fr. leisten können! Verstimmt gehen sie ins Hotel zurück. Wie schön hatte der Tag begonnen, wie traurig dagegen geendet. An das Konzert dachte keines von beiden. Der junge Mann findet kein Ruhe, er macht sich die bittersten Vorwürfe, und plötzlich reift ein Entschluß in ihm. Wenn es doch nur schon Tag wäre! — Und der Tag kommt. Nach dem Frühstück, bei dem es recht still zugeht, entschuldigt sich der Gatte für ein Stündchen bei feiner Frau, da er sehr nötige Einkäufe in der Stadt zu machen habe. Er bittet sie, einstweilen vom Balkon ans die Aussicht auf das Meer zu genießen. Indessen eilt er in fliegender Hast nach dem Kasino, tritt ein und setzt gleich am ersten Tisch einige 5 Fr.-Stücke. Die Kugel fällt — heut lächelt das Glück; er hat das Doppelte gewonnen. 9hm noch einmal, vielleicht glückt es wieder. ---— — Unglaublich, aber wahr, er hat das Dreifache gewonnen! Laut jubeln möchte er vor Freude. Mit beinahe 100 Fr. Reingewinn stürzt er hinaus, und wieder geht's in größter Eil« ins Hotel zurück.: Verstimmt kommt ihm seine Frau entgegen, aber im nächsten Augenblick hat sich die Stimmung geändert, denn beim Anblick des gewonnenen Gelbes jubelt sie laut auf, und fällt dem geliebten Mann um den Hals. Welche Ueber- raschung und Freude! Gleich wollen sie sich eine Wagenfahrt leisten, und — was die Hauptsache ist — fie können einen lang gehegten Wunsch verwirklichen und eine Tour nach Venedig machen. Ueberglücklich sitzen die beiden im Wagen. Wie ist doch die Welt so schön! Wie paradiesisch ist Monte- Carlo ---— — und wie wandelbar der Mensch. Mehr Farbe. Von Fred H o o d. (Nachdruck verboten.) Mer heute ein Cafö oder ein Bierhaus der jüngsten Berliner Baukunst betritt, dem muß es unbedingt auffallen, in welch üppiger verschwenderischer Weise man von der weißen Farbe Gebrauch macht. Riesige Wandflächen, weite Gewölbe sind glattweiß getüncht. Tiefes Weiß ist eine große Idee — wirkt sehr angenehm, sehr vornehm, sehr modern, und — kostet nichts. Die neue Schilling- Konditorei — weiße Gewölbe, das romanische Cafs — weiße Gewölbe; jedes Restaurant, das ganz vornehm fein will, strahlt in unschuldreinem Weiß. Höchstens versteigt man sich noch zu ein paar Goldlinien. Wenn ich nach „mehr Farbe" schreie, so meine ich natürlich nicht, daß man noch mehr weiße Farbe über die Wände und Decken ausgießen soll; denn deren haben wir gerade genug. Ich denke mich in die Seele eines talentvollen jungen Malers hinein, welcher sich der praktischen Kunst zugewendet hat, nachdem er die „hohe Kunst" als ziemlich brotlose Kunst erkannt hat. Wozu hat man nur all die jungen Künstler für das moderne Kunstgewerbe mobil gemacht, wenn man ihnen nichts zu thun giebt? Tiefe Flächen schreien ja ordentlich nach farbiger Behandlung. Oder ist es etwa vernünftig ein Kreuze gewölbe in glattes Weiß zu kleiden, so daß weder die Wölbung noch die Grate zur Geltung kommen? Der Erste, der auf die Idee kam, ein großes weißes Wandfeld mit einer breiten Goldlinie einzufassen, kann vielleicht die Ehre für sich in Anspruch nehmen, Originalität bekundet zu haben — obwohl diese auch nicht weit her ist. Der Zweite aber, der ihm das Kunststück nachmachte, das war ein — rechter Esel. Wir fallen von einem Extrem ins andere. Vor einigen Jähren noch konnte man in Berlin gar nicht genug Farbe verpantfchen. Ganze Fayaden hat man von oben bis unten wie Jahrmarktsbuden mit Bildern bemalt; ich erinnere nur an das „Spatenbräu" und „Tücher", und selbst noch das sonst so gefällige deutsche Haus der Weltausstellung hat man in ähnlicher Weise beschmiert. Mn« Pariserin fragte mich, ob die deutschen Dekorationsmaler wirklich so geschmacklos seien. „Nein", antwortete ich, „nur einige"/ Und warum hat man diese gerade nach Paris geschickt? „Vermutlich, weil man sie zu Haus am leichtesten entbehren konnte." Vor einigen Jahren noch wurden in den Kneipen alle Flächen mit massigen Friesen bemalt. Alle Gemüse der Zentral-Markthalle schüttete man über die Flächen aus. Dazwischen sah man feuchtfröhliche Trinkszenen: Studenten, welche den Schoppen schwingen, Schützenlisl und den unvermeidlichen Kater. — Es war sehr gemütvoll. Noch schöner aber waren die klotzigen Tistelranken im Tucherl- bräu, welche einige Quadratkilometer Wandfläche bedeckten. Wo hatten die Leute nur all die grüne Farbe her? Die Folgen dieser grenzenlosen Farbenverschwendung sind denn auch nicht ausgeblieben. Die bunten Farben sind jetzt offenbar so knapp und so teuer geworden, daß man die Kaffeehäuser und Kneipen nur noch weiß tünchen kann. Vornehm nennt man das? Nein, ich lasse mir nichts weiß machen. Das ist geistiges Unvermögen im höchsten Grade. Jede große Epoche der Baukunst hat den Malern reichlich Beschäftigung gegeben; die Vornehmen be- schäftigten die ersten Künstler mit der Ausführung großartiger Freskogemälde oder farbenreicher Ornamente — man beschäftigte das Auge und die Phantasie. Aber ich will garnicht einmal die hervorragendsten Beispiele monumentaler Kunst anführen. Halten >vir uns an das Naheliegende. Wenn jemand früher aus der Provinz nach Berlin kam, so fragte mcm ihn: „Du, bist Du schon im Cafs Bauer gewesen? Nein? Na da geh nur hin, und sieh Dir die schönen Wandgemälde an". Jetzt ist es ganz anders geworden. „Du, wir müssen nach dem D-Cafs gehen!" „So, — ist es da schön?" „Na ob! — höchst vornehm! — Denke Dir: — Alles weiß." Hier haben wir ein Beispiel, mit wie wenig Witz die Welt regiert wird. Wenn man sehr kühn ist, kann man immer dem Spießbürger beikommen — sogar mit .einem Kübel weißer Leimfarbe. — „Großartig — alles weiß." Ist das nicht gerade so, als wenn uns jeniand sagt: „Höret mal, Leute, heute war ein sehr reicher Herr bei mir — der Kerl hat nie was in der Tasche." Warum lassen sich das die Dekorationsmaler gefallen? Das ist ja der reine Boykott. Warum revoltieren sie nicht? denn das ist nicht nur eine Kunst-, sondern vor allen Dingen eine Brotfrage. Sie wollte iljin gefallen. (Nachdruck verboten.) „Gütiger Himmel, Maria, schon wieder eine Rechnung von der Putzmacherin? Wozu in aller Welt brauchst Du nur soviel neue Sachen! Sich mich an. Seit drei Monaten habe ich nichts neues gekauft." „Aber mit Männern ist es doch auch ctivas anderes, als mit uns Frauen. Möchtest Du denn, daß andere Leute Deine Frau für eine Vogelscheuche erklären?" „Gewiß nicht. Doch ich meine, daß die heutigen Frauen in ihren Bemühungen, schön zu erscheinen, über das Ziel hinaus schießen." „Aber man muß doch der Mode folgen, Willi." „llnsinn. Der Geschmack sollte Euch in erster Reihe leiten. Tu kannst glauben, Maria, Du siehst jetzt lange nicht so hübsch aus, wie vor fünfzehn Jahren, als ich Dich heiratete." „O, das kommt daher, weil ich älter geworden bin." „O, nein, das ist es nicht. Ich liebte Deine einfache Kleidung in früherer Zeit. Du kleidest Dich jetzt nie so hübsch, wie damals." „Nun, ich will mein Möglichstes thun, Dir zu gefallen." Der Gatte vertiefte sich in feine Zeitung, während feine Frau sich zurückzog, um sich zu einer Spazierfahrt anzukleiden. Nach einiger Zeit hörte der sparsame Ehemann dre Stimme seiner Frau: „Bist Du fertig, Liebster?" „Um Himmelswillen", rief er aus, von seiner ZeAung aufblickend, „was in aller Welt hast Du angestellt! Weißt Du denn nicht, daß wir ausfahren wollen?" Sie trug einen sehr kleinen Hut, ein großes, Chrgnon und so seltsamen Aufputz, daß dem Gatten tne Worte 124 fehlten, sein Staunen auszudrücken. Ein winziger Sonnenschirm vervollständigte ihren wunderbaren Anzug. „Ich versuche nur. Dir zu gefallen, Liebster", versetzte sie ruhig. „Mir zu gefallen?" „Ja", war die Antwort, „so war ich gekleidet, als wir Uns vor fünfzehn Jahren verheirateten." Zehn Verbote für Bücherleser. 1. Leihe nicht von andern Bücher zum Lesen, wenn es dir selbst möglich ist, Bücher zu kaufen. 2. Schneide die Seiten eines Buches nicht mit den Fingern auf, selbst dann nicht, wenn du überzeugt bist, daß deine Finger rein sind. 3. Befeuchte beim Durchblättern eines Buches die Finger nicht mit Speichel, denn das ist unanständig und für die Gesundheit gefährlich. 4. Gieb nicht alle für die Mitgift deiner Tochter bestimmter! Gelder aus, ohne vorher eine, wenn auch nur kleine Bibliothek gekauft zu haben. 5. Reise nicht aufs.Land, in Bäder oder in Kurorte, ohne vorher einige Bücher in deinen Koffer gepackt zu haben. 6. Kleide dich nicht elegant und halte dich für keinen Gentleman, wenn du unsaubere und beschmutzte Bücher liest. 7. Kaufe nie wissentlich gestohlene Bücher, denn du schädigst damit den Verfasser und Verleger und setzest die Würde des Buches selbst herab. 8. Bilde dir ein Urteil über ein Buch nicht auf Grund nur einer von dir gelesenen Rezension. 9. Nicht das mache dir Sorge, daß du einen Keller voll Wein habest, sondern daß du im Besitz einer möglichst vollständigen Bibliothek seist. 10. Sage nicht, du habest keine Mittel, Bücher zu kaufen, wenn es dir nicht an Mitteln fehlt, eine Menge unnötiger Ausgaben zu machen. Wiener Mode. Tas soeben erschienene Heft 11 vom 1. März befaßt sich eingehend mit Brauttoiletten und Brautausstattungen. Der schöne alte Brauch will, daß die Braut nicht in getragenen Toilettestücken in die Ehe hinüberschreite, Wäsche und Kleidung soll neu sein. Die „Wiener Mode" bietet nun eine Uebersicht über das allein Notwendige in neuester Mode, unter Vermeidung des Ueberflüssigen. Auch die Toiletten der Hochzeitsgäste und Trauzeugen kommen zur Darstellung. Außerdem ist der Herrenmode ein reich illustrierter Bericht gewidmet, und die Beilage „Wiener ZRnder- mode" enthält neben der täglichen Kinderkleidung Kommunionkleider für Knaben und Mädchen. Der Handarbeitsteil enthält gefällige neue Vorlagen, der Unter- haltungsteil bietet der modernen Dame viel Wissenswertes, viel Unterhaltendes und manche praktische Anregung. — Abonnementspreis Mk. 2,50 vierteljährlich. Bestellungen nimmt jede Buchhandlung, im Ausland jede Postanstalt sowie der Verlag selbst in Wien, VI. Gumpendorferstraße 87, entgegen. Gemeinnütziges. Der Schnitt von Ob st bäum en, die wir eben ?;epflanzt haben. Es herrscht über den Schnitt der rischgepflanzten Bäume eine große Unsicherheit. Der eine rät zu schneiden, der andere nicht. In überzeugender Weise schildert A. Pekrun in Nr. 45 des „Erfurter Führersim Obst- und Gartenbau" seine seit langem erprobte Art des Schneidens frischgepflanzter Bäume. Da unseren Abonnenten diese Nummer kostenfrei zugeschickt wird, wenn sie dieselbe vom Geschäftsamt des „Erfurter Führers" verlangen, können wir nur anraten, von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen. Der Keuchhusten dauert seine Zeit, aber er ist auch heilbar, und darum soll man die Hände nicht in den Schoß legen und sich das Kind abquälen lassen, sondern handeln. Vor allen Dingen ist auch hier, was noch sehr wenigen bekannt ist, auf die Verdauung der größte Wert zu legen, denn vom Unterleibe gehen Reize aus, die mit dem Keuchhusten im innigsten Zusammenhänge stehen. Kürzlich schrieb mir eine Dame, daß, nachdem sie den Kindern bei Unpäßlichkeiten Honig gebe, Kinderkrankbeiten nicht mehr ausgetreten seien; denn der Honig wirkt oesinfizierend auf den Unterleib und stuhltreibend, und sorgen wir dafür, so beugen wir thatsächlich sehr vielen Kinderkrankheiten vor. Der Unterleib ist in vielen Fällen ein wahrer Seuchenh erd,und aus ihn soll eine jede Mutter ihr ganz besonderes Augenmerk richtens sie hat dann so leicht nichts zu fürchten. Dieses trifft auch bet Keuchhusten zu, und man wendet darum mit Erflog — Klystiere an. Man sorge sodann für reizlose Kost, gebe wenig oder gar kein Fleisch., abefl viel Obst, und lasse die Kinder bei offenem Fenster schlafen; inr Winter ist zu Heizen. Die Wasseranwenoungen sind die folgenden: Am ersten Tage gebe man ein Bad von 28 bis 30 Grad R. von 10 bis 12 Minuten Dauer und eine kalte Rückenabgießung von 15 bis 18 Grad R. und lege das Kind auf eine halbe Stunde unabgetrocknet ins Bett im warinen Zimmer. Am zweiten Tage gebe man zwei kalte Abreibungen des Brustkorbes mit nassen Tüchern, am dritten Tage Bett-- dampfbäd mit nachfolgendem Bade von 27 Grad R. Diese Kur wiederhole man, bis der Husten behoben ist. Große Linderung kann man den Kindern verschaffen, wenn man ihnen bei Hustenanfällen den Naegeli'schen Griff macht (der „Praktische Wegweiser", Würzburg, dem wir diesen Artikel entnommen haben, bringt in Nr. 18 die Abbildung des Handgriffes. Interessenten erhalten die Nummer umsonst); denn dadurch schaltet man den Krampf sofort aus. Man lege lb as Kind mit dem Rücken an sich, die linke Hand vor die Stirn und greife mit dem Daumen der rechten Hand in den Mund, hinter die Zähne des Unterkiefers, und mache einen leichten Ruck nach vorn. Sofort setzt der Hustenanfall aus. C. R. Untersuchung des Mehls auf Mehlmilben. In nassen Jahrgängen kommt es nicht selten vor, daß sich im Mehl die Mehlmilbe (Acarus farinae, Tyroglyphus fa- rinae) einstellt, welche den Kleber zum Teil zerstört, die Backfähigkeit des Mehls vermindert, und dem aus solchem Mehl bereiteten Gebäck einen eigentümlichen Geschmack verleiht. Ta diese Milbe so klein ist, daß sie mit bloßem Auge im Mehl nicht erkannt werden kann, dürfte sich folgendes Verfahren zur Feststellung ihrer Anwesenheit empfehlen. Man fülle ein weißes Glas mit Mehl, und stelle dasselbe ans Fenster. Sind Mehlmilben vorhanden, dann sieht man schon nach einem Tage auf der dem Lichte zugekehrten Seite des Glases in dem Mehl Gänge wie die Striche aus einer Landkarte, an deren Ende man bei gutem Auge einen winzigen Punkt, die Mehlmilbe, erkennen kann. Oder: Man bringe von verschiedenen Stellen des verdächtigen Mehls kleine Proben zwischen zwei Papierblätter, ebne durch einen leichten Strich mit der Hand die Mehl-, oberfläche, und hebe dann vorsichtig das obere Blatt ab. Sind Mehlmilben in dem Mehl, dann werden bald kleine Höckerchen auf der Mehlfläche mit bloßem Auge zu sehen sein. Formt man aus solchem Mehl spitze Häufchen, so fallen diese durch die Bewegung der Milben bald auseinander. Wm. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: W. Ke3, Db7, 814, Tg5, Ba5, b4, c2, d5, f5, h3. Schw. Khl, Lf7, BaG, b5, 66, e4, h2. 1. Tg5—gG, LgG:; 2. Dg7. 1........ L65:; 2. 863. 1 L beliebig; 2. Dg7. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Blick- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießer.