Nr. 159. Samstag den 25. Moder. 1902. UW n iiPEO W (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H, Revel- (Fortsetzung.) Nachdem Hesekiel die Augsburger Straffe verlassen hatte, machte er sich sofort auf die Suche nach jenem Frauenzimmer, von der bei Sanftleben die Rede war und die durch die Agentur angestellt zu werden wünschte. Leider konnte er sie nicht antreffen. Sie war ausgegangen, und kein Mensch wußte, wann sie wiederkehrte. Er sagte sich zwar, daß er sie bis morgen in der Früh' noch entbehren könnte und daß er jetzt noch nach, etwas Wichtigerem zu sehen habe: erst sein Bagage nach der Augsburger Straße transportieren zu lassen, dann in seine Wohnung einzuziehen und den Plan zu entwerfen, wie er Minna überwachen sollte. Indes er über alles das nachsann, erfuhr Minna, oder vielmehr Julie, die ununterbrochen ihre Ohren spitzte und fortwährend auf der Lauer lag, von einem Hausdiener, daß die Wohnung im fünften Stock, die an jene des Herrn Keßler stieß, soeben von einem Fremden gemietet worden war. Diese für jeden anderen ganz unwichtige Nachx- xicht erfüllte ihren überreizten Geist mit tausend Befürch-- tungen. Sie war in diesem aktuellen Fall um so eher bereit, sich aufzuregen, als sie sich fett dem Besucht von Fräulein Rakenius sich immer sagte, daß es den Freunden Sempachs doch früher oder später einfallen könnte, sie überwachen zu lassen. Auch beschloß sie sofort, auf ihrer Hut zu sein und diesem Fremden, der so plötzlich in das Haus hereingeschneit kam und dies gerade noch anstoßend an die Wohnung Querzewskis, stark zu mißtrauen und vor allem den Rat ihres Geliebten einzuholen. Sofort stieg sie zu den Portierslenten hinunter, um sich von ihnen die soeben hinterbrachte Nachricht bestätigen zu lassen, und sagte, nachdem sie einen Blick hinaustze- worfen hatte: „Tas Wetter ist heüte ganz schön. Die Sonne scheint etwas. Ich fühle mich, seit drei Tagen wirklich etwas Wohler sind verspüre Lust, etwas frische Luft zu schöpfen." „Das wäre sehr vernünftig von Ihnen", meinte die Frau. „Wenn Sie sich fort und fort da oben einspunnen — wie oft hab' ich Ihnen das nicht schon gesagt — werden Sie, statt sich ganz zu erholen, endliche wirklich wieder von neuem krank werden, dann aber auch ordentlich!" „tHun, da will ich denn Ihren Rat befolgen. Ich! will nur hinaufgehen, mir ein besseres Kleid als das hier anzuziehen und dann einen Spaziergang zu Machen." „Zu Fuß?" fragte die Portiersfrau. „Ich muff wohl. Ich habe die Mittel nicht, mir einen Wagen zu nehmen." „Doch, doch- die kleine Summe, die mir diese gewesene Freundin von Frau von Sanden, diese Schauspielerin- für Sie hier gelassen hat, ist noch nicht ganz aufgebraucht. Wenn Sie wieder herunterkommen, wird Ihnen mein Alter, eine Droschke holen, die Sie in den Tiergarten fahren soll: Und morgen sollen Sie mir dann davon erzählen." „Also gut. Aber sofort." Als sie die Portierloge verlassen wollte, blieb sie stechen und bat noch die alte Frau, indem sie sich nach! ihr um>. wandte: „Wollen Sie, die Sie ja immer so gut gegen mich sinH mir noch einen großen Gefallen erweisen?" „Na, und das wäre?" 1 „Die Dienertreppe ist immer so steil, und meine Füfftz sind noch sehr schwach; darf ich einmal die Haupttreppe benutzen, weil sie so viel sanfter auffteigt?" „Mer natürlich, mein Schnu.teken, so ost Sie nur wvllerh bis Sie wieder vollkommen gesund sind. Ich kalte zwar streng auf die Ordnung, aber wenn es sich um eine Kranke handelt —" Minna dankte ihr noch, ging dann auf die Haupttreppe zU und begann sie Schritt für Schritt zu ersteigen, die Hand! auf das Geländer gestützt. Im fünften Stock versicherte! sie sich, wie jeden Abend, ob das Stiegenhaus leer, ob! alle Dhüren, die auf dasselbe führten, geschlossen feiern zog dann aus ihrer Tasche ein schon bereit gehaltenes^ kleines Briefchen und steckte es unter die Thür Keßlers. Das. Briefchen lautete: Mein Schatz! Es gießt Neues. Erschrick nicht. Es ist vielleicht Vou gar keiner Wichtigkeit, aber jedenfalls muß ich, Dich sofort sprechen. Geh aus und erwarte mich, auf der Rousseau-: Insel im Tiergarten. Ich könnte jetzt zwar ganz gut zu Dir kommen, aber in einer Stunde erhältst Du einen Narb ar, und ich wüßte dann vielleicht kein Mittel mehr, herauszukommen. Deshalb dies Rendezvous. Deine kleine Biper." Sie ging auf ihr Zimmer, machte ihre Toilette, —■1 eine Toilette, wie stch's für eine Kranke paßte, die such sorglich gegen Kälte schützt und ihren Kopf so gut als! möglich einhüllt, stieg wieder hinab und trat m die Portiersloge. „So, da bin ich wieder", sagte sie lächelnd, „und bin bereit, mich auf die Strümpfe zu machen." Frau Peters prophezeite ihr wieder sofortige Besserung, bestand noch darauf, daß sie sich eine Decke mitnehme, um damit ihre Füße einzuwickeln, und brachte fie selbst nach dem Wagen. In der Kleistftraffe neigte sich Minna zum Wagenschlag hinaus und rief dem Kutscher, dem sie von Peters sorg-: fällig ans Herz gelegt worden war, zu: „Ich habe Lust, diesen warmen Sonnenschein auszu- nutzen und im Tiergarten etwas spazieren zu gehen. Bittehalten Sie an der Hofjäger Allee." Ter Kutscher gehorchte ihrer Weisung half Ur sogar 634 noch aussteigen, — und sie ging dann mit schleppenden Schritten über die vielverschlungenen Wege, die sie gegen die Rousseauiusel führten. 49. Kapitel. Julie Farkas war zuerst an Ort und Stelle. Um auf Paul Querzewski zu warten, fetzte sie sich unter einen Baum und gab sich den Anschein, in einer alten Zeitung zu lesen, die sie in ihrer Tasche vorfand. Nach Verlauf einiger Minuten erschien ein Mann von etlichen fünfzig Jahren, sich aus einen Stock stützend, da er den einen Fuß etwas nach- schleifte. Er trug einen bereits ziemlich grauen Bollbart, und feine Augen waren von zwei blauen Brillengläsern geschützt. Sein Anzug war, ohne zu sehr elegant zu sein, sorgfältig und seinen: Alter entsprechend, — wie der eines kleinen Privatmannes oder gewesenen Kaufmannes, der sich nach Erwerbung eines kleinen Vermögens aus Gesundheitsrückfichten nt den Ruhestand gesetzt hat. Zwei Wächter des Gartens, die auf der Insel auf- und abpatrouillierten, hatten ihn bemerkt, und der ältere sagte zu dem andern: „Schon wieder ein Pensionist. Ter ganze Garten wimmelt davon. Heute sind sie alle herausgekrochen, um sich zu sonnen. Man glaubt wirklich manchmal, im Jn- validenpark in Moabit zu sein." „Glaubst Tn vielleicht", meinte der zweite Parkwächter, „daß der auch wirklich so elend ist, wie er sich da stellt? Sein Fuß mag etwas gichtisch sein; aber sieh Tir'n bloß au, wie er noch kräftig aussieht, und wie der Kerl gut gebaut ist." „Seine Augenn find aber nicht mehr berühmt." „Trotzdem haben sie noch ein ganz schönes Feuer. Sieh nur hin: die rriegen immer mehr Feuer." „Die Kleine dort hat'n wohl elektrisiert. Sie ist auch ganz niedlich und forsch." „Ich, will wetten, daß der heute weniger ausgegangen ist, um sich an der Sonne zu wärmen, als um fein Hjerze au einem schönen Mädchen auszuwärmen. Jetzt hat er eins gefunden, und paß mal auf, wie er nach einigen Umwegen sich heranschleicht, um ein Gesspräch mit ihr anzuknüpfen. Man kennt die Manöver!" Und er spuckte in den Sand, feinem Kollegen Kautabak anbietend. Sie hatten sich auch nicht getäuscht. Der, den sie beide beobachteten, setzte langsam seinen Weg fort und näherte sich wie zufällig Julie Farkas. Die Kreise um sie wurden immer kleiner und kleiner, bis er sich einige Schritte von ihr seitwärts einen Stuhl nahm, auf den er sich schwer niederließ, als wäre er müde von seinem Spaziergang. „Na, halt' ich nicht recht gehabt?" sagte der eine Wächter, den andern mit dem Ellbogen anstoßend. m „Jetzt hat er sich vor die Festung gelegt. In ein paar Augenblicken wird er das Feuer eröffnen. Sie nur mal hin! Tas hat nicht lange gedauert. Nun hat er schon fernen Platz gewechselt. So. Jetzt ist er dichte bei ihr. Nun scheint ja die Geschichte im Gange zu fein." „Ja, ja. Sie hat ihn aber nicht dazu aufgefordert. einmal hochgesehen hat sie von ihrer Zeitung. So leicht kriegt der Alte das Mädchen nicht rum." „Na, lassen wir sie alleine und sehen wir uns mal ändere an. Tas ist noch die einzige Zerstreuung, die man her unserem langweiligen Quatsch hat." Sie entfernte sich langsam. Julie Farkas hatte nur auf ihr Fortgehen gelauert, um ihrem Nachbarn znzu- flüstern: 0 0 _ , „Ich habe Dich noch niemals so wunderbar verkleidet gesehen. Tu bist einfach tadellos." „Nicht wahr?" lächelte er in Wohlgefallen über sich Er war immer glücklich, wenn man sein Talent als anerkannte. Doch diesmal mußte er noch, hinzu fügen : . ''^l^re ich etwa in Deinen Augen, wenn ich so alt Md häßlich aussehe wie heute?" - "^blu .uie mein Schatz", rief sie aus. „Ich sehe und finde aus Dir immer das, was Tu wirklich bist. Jrn Gegenteil, diese .Verkleidungen machen mir Spaß. Tu bist für keinen andern das, was Tu für mich allein bist. Ich allein kenne Dich ich allein weiß Dich zu würdigen. — Habe keine Angst, mein Schatz! Ich liebe Dich heute, wie an jenem Tage, als Du aus dem kleinen, im Stich gelassenen Berliner Straßenmädel Deine Gefährtin gemacht hast, Schon wegen der gemeinsam erduldeten Leiden hab' ich Dich gern." Er unterbrach sie mit den Worten: „Ich danke Dir. Siehst Tu, ich fragte nur, weil ich mich oft so sehr in die Haut dieses Keßler hineinlebe, daß ich oft wirklich Augenblicke habe, wo ich mich für alt, häßlich und kraftlos halte, wie er es gewesen ist. — Jetzt aber reden wir von ernsten Tingen. Tu schreibst mir, daß' es neues gießt und daß ich einen Nachbar bekomme. Macht Tir dieser Nachbar Angst?" „Angst gerade nicht. Aber darf man denn jemals fein Mißtrauen einschlafen lassen?" „Kennst Tu ihn?" „Ich habe nur von ihm sprechen gehört; gesehen habe ich ihn nicht." „Ich habe ihn aber gesehen. Meine Wohnung und die, die er bewohnen soll, waren früher eins. Eine einfache Bretterwand trennt zwei finstere Nischen, wie sie in jeder Wohnung sind, und die in die beiden Vorzimmer führen. Heute morgen hörte ich plötzlich Stimmen auf der anderen Seite der Wand. „Aha", denk' ich mir, „ich soll einen neuen Nachbar bekommen." Ich richtete mich also so ein, daß ich ihm auf der Stiege begegnen mußte, sobald er mit der alten Peters heranstrat." „Nun — und — ?" „Zur Kriminalpolizei gehört er nicht. Da bin ich sicher. Tiefe Leute haben ein ganz anderes Auftreten. Aber es ist nicht unmöglich, daß er auf Rechnung eines Privatmannes arbeitet." „Ah! Tu hast also denselben Gedanken wie ich! Ein Freund des Sempach, nicht wahr?" „Wahrscheinlich. Es war ja ganz schlau, das junge Ding da auf die Fährte eines falschen Münser nach Straße bürg geschickt zu haben. So hast Tu sie uns wenigstens! für kurze Zeit vom Halse geschafft. Wer jedes Ding hat feine Schattenseiten. Nach ihrer Rückkehr hat sie jedenfalls ungesehen, daß Tu sie angeführt hast. Daher vermutlich ihr Verdacht." „Gegen mich?" „Gegen Dich allein. Ich habe in der ganzen Geschichte nichts zu ihun." „Warum mietet sich denn der Spion dann, wenn er wirklich ein Spion ist, neben Dir ein?" „Weil in diesem Hause nichts anderes zu vermieten war, Schaf. Tie Sache ist ganz einfach angelegt. Er hätte ein Tienerzimmer jedenfalls vorgezogen, es war keines frei." Mit einem Male unterbrach, er sich, dachte einen Moment nach und fragte: „Wird der Mensch allein, als Junggeselle leben?" ,Lch denke, ja." „Hat er fein Mädchen zu seiner Bedienung?" „Ja. Er erwartet eins von zu Haus." „-Von zu Haus? So, so! Er gießt sich also für einen Provinzler aus! Jetzt wird mir die Sache schon verdächtiger. Ter Blick, den er mir bei unserer Begegnung auf der Treppe zugeworfen hat, war der eines ganz schlauen Berliners. Und dann: will sich ein Mensch in feinem Alter und von seinem Aeußern, wenn er auf einige Monate nach Berlin kommt, unterhalten, der würde sich nicht einen Dienstboten aus seiner Vaterstadt kommen lassen, damit sein Mädchen nach der Rückkehr sofort brühwarm alles ausklatschen kann. Tas find zwar nur Nebenumstände, Fingerzeige, die mir aber wichtig erscheinen. — Mit einem Wort also: er hat schon ein Mädchen? Schade." „Warum?" „Tu hast keine Stellung und hast nötig, Dein Brot zu verdienen. Durch Empfehlung der alten Peters hättest Tu sonst leicht bei ihm in den Dienst treten können." „Was für eine Idee!" „Ist doch gut — nicht?" „Ja, ja, in gewisser Hinsicht schon." „Bedenkst Tu, was dann eintreiten würde? Anstatt von ihm überwacht zu sein, wärst Tu diejenige, die ihn überwacht. Nach einigen Tagen würdest Tu schon herans- haben, iöie Tu mit ihm dran bist. Ta kannst Du ihn schon ergründet und erforscht haben. Ist er ungefährliche ein gewöhnlicher Spießbürger, läßt Tu ihn einfach laufen. Der Dienst bei ihm fonti entert Dir eben nicht mehr. Be- flätigt sich aber unser Verdacht, dann hängst Tu Dich an ihn, fesselst und umgarnst ihn. Er gehört dann nicht mehr 635 denen, die ihn hergeschickt haben, sondern er ist Tein Sklave. Tie Durchführung ist dann Deine Sache. Du verstehst ja solche Rollen so famos zu spielen, meine kleine Viper, Du! Soll ich Dich nur an den Prinzen Tschigorin erinnern, den Tu vor Liebe rasend, blödsinnig, rein rabiat gewacht hast?" „Ter war in seinem Alter nicht mehr gefährlich." „Würde der andere für Dich vielleicht gefährlicher sein?" „Taö nicht. Wer in einer solchen Rolle nn.fj man viel versprechen. Und ein Mann, so junK wie er, will auch einmal zu einem Resultat kommen." „Nun, Tu läßt es eben nicht so weit kommen. Du Malst ihm eben nur Zukunftsbilder vor. Ich habe darin zu Tir vollständigstes Vertrauen." „Wir sprechen- als wäre ich schon in seinem Dienst. Es ist nicht wahrscheinlich, daß ich bei ihm eintreten kann. Ich habe Tir's ja schon gesagt: er erwartet seine eigene Wirtschafterin." „Nun, wenn er sie nimmt, dann brauchen wir uns nicht mehr um ihn zu bekümmern. Tann ist das ganze Gequassel umsonst gewesen. Tann ist er wirklich der Mann aus der Provinz, für den er sich ausgiebt. Tu siehst mich erstaunt an? Tu verstehst mich nicht?" „Ja, Tu machst mich erstaunt — — aber--ich errate jetzt." „Endlich. Ich hätte sonst an Deinem gewöhnlichen Scharfsinn und Deiner raschen Auffassungsgabe gezweifelt." „Mcht wahr, Tu willst also sagen, daß er, wenn er wirklich nur meiuethalben in dies Haus gezogen ist, meinen Antrag, in seinen Dienst zu treten, unter allen Umständen eiligst und mit Freuden annehmen würde?" „Natürlich. Er wird entzückt sein. Dich so unter seinen Händen zu haben, Dich Schritt für Schritt verfolgen zu können. Wie alle solche Leute, hält er sich jedenfalls für sehr tüchtig, er wird sich sagen: „So, jetzt wird mir nichts entgehen. Ich werde in ihrem Herzen bald wie in einem Buche lesen können." ,Lch wünsche Tir's!" machte sie mit einer Gafsen- bewegung. Doch plötzlich verfinsterten sich ihre Züge. (Fortsetzung folgt.) Die Sardinen-Industrie Frankreichs. Won Fred H o o d. (Nachdruck verboten.) Tie Sardinenfischerei Frankreichs war schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine sehr bedeutende, aber erst seit Einführung der Büchsen-Sardinen hat sie eine internationale Berühmtheit erlangt. Tie Sardine gehört zu der großen Familie der Heringe und ist die wichtigste Vertreterin derselben in den südlichen Küstenmeeren Europas. Sie wird in konserviertem Zustande als der wohlschmeckendste aller heringsartigen Fische geschätzt und namentlich an der nordfranzösischen Küste gefangen. Ter Fischfang beginnt in Frankreich zur Laichzeit, also zu Anfang des Monats Juni. Sobald die Fischer an der Küste der Bretagne zahlreiche Scharen von Tümmler-Tauben über der See bemerken, und zahlreiche Möven in kurzen Zwischenräumen in die Tiefe tauchen sehen, werden die Segelboote ausgerüstet. Tie Boote fassen gewöhnlich ein Dutzend Tonnen und werden mit 6—10 Personen bemannt. Nur der Kapitän und der Steuermann sind Fischer von Beruf; die übrigen Gehilfen sind Handarbeiter, Landleute, Winzer rc. Alle in der Sardinenfischerei beschäftigten Boote find registriert und tragen ihre Nummern in großen weißen Ziffern an beiden Seiten des Bugs, sowie mehrere Buchstaben, welche anzeigen, welcher Stadt die Boote zu- gehören. Etwa 2 Fuß unterhalb der Reling befindet sich eine große Plattform, auf welche die Fische geschüttet werden. Ter ganze Fangapparat besteht aus dichtmaschigen Netzen von 300 bis 1500 Fuß Länge. Ter obere Rand wird durch Korkstücke an der Wasseroberfläche schwebend erhalten, während der untere Rand mit Bleigewichten beschwert ist, die das Netz straff spannen. Tie Netze sind grünlich-grau im Tone des Wassers gefärbt, damit sie den Fischen nicht gleich sichtbar werden. Ter Anstrich erfüllt zugleich den Zweck, oie Netze dauerhafter zu machen. Eine Schicht öliger, auf der Meeresoberfläche schwimmender Substanz, sowie eine beträchtliche Menge kleiner im Wasser schwebender Schuppen von metallischem Glanz verraten die Anwesenheit des Fisches. Tas Boot wird nun, damit es nicht von der Strömung fortgetrieben werde, durch leichte. Ruderschläge über dem Fischschwarm erhalten und das Netz ausgeworfen. Ter Patron steht im Heck, streut mit vollen Händen den Köder ins Meer, der dazu bestimmt ist, die Fische an den gastlichen Ort zu fesseln. Bald sieht man neue Mengen Schuppen emporsteigen, während das Netz durch die von allen Seiten herbeiströmenden Scharen lebhaft bewegt wird. Bei der Sardinenflscherei spielt der Köder eine saft ebenso wichtige Rolle wie die Netze. Bei keiner anderen Netzfischerei der Welt wird in so ausgedehntem Maße Köder verwendet. Es ist bemerkenswert, daß Frankreich hinsichtlich dieses unentbehrlichen Artikels vollständig von andern Ländern abhängig ist, und daß die Sardinenfischerei eng verknüpft ist mit dem Fang ariderer, als Köder dienender Fischarten in fernen Ländern. Ter jetzt verwendete Köder besteht in dem gesalzenen Rogen des Kabeljaus, obgleich auch der Rogen "des Schellfisches, des Dorsches, des Pollacks, des Herings, der Makrele und vieler anderer Fische verwendet wird. Seit mindestens zwei Jahrhunderten ist Kabeljaurogen von Norwegen importiert worden; dieses Land hat stets den größten Teil des Sardinenköders geliefert. Anoere Lieferanten des Köders sind Holland, Neu-Fundland und die Vereinigten Staaten. Tas Werfen des Köders, von dessen richtigem Gebrauch zum großen Teil der Erfolg der Fischerei abhängt, geschieht stets durch den Patron. Wenn die Fische an die Oberfläche gekommen sind, so wirft er den Köder stets in der Weise, daß die Fische, um diesen zu erreichen, dem Netze znschwimmen müssen und so gefangen werden. Wenn sie dann ins Netz gegangen sind, wird dieses eingeholt und zugeschnürt, die Segel werden gehißt und das Boot nimmt seinen Kurs nach dem nächsten Hafen, wo die stets reiche Beute aus das Deck geschüttet wird. Es ist eine eigentümliche Thatsache, daß man selten eine lebende Sardine aus dem Wasser zieht; geschieht dies doch einmal, so stirbt sie fast augenblicklich. Es wird aber kein Eis oder sonstiges Konservierungsmittel für die Fische angewandt; sie erreichen den Hafen in guter Beschaffenheit und befinden sich schon oft ein bis zwei Stunden nach dem Fange in den Konservenfabriken. Won den 250 bis 300 Fischerbooten, die während der Fangzeit in Belle-Jsle ausgerüstet werden, gehören 200 zum Hafen von Palais, die übrigen nach Sauzon. Diese beiden Häfen bilden zugleich die Haupt-Sardinenbörsen. Jedes Boot erzielt einen Ertrag von ungefähr 8000 bis 10000 Fischen, und man berechnet den Marktpreis nach der mit den ersten Schiffen eingebrachten Menge. Aus den Molen warten schon die Vertreter der großen Konserven- Handelshäuser, um ihre Einkäufe zu machen. Ist dieses Geschäft erledigt, so werden die Sardinen zu je 200 Stück in Körbe igezählt und sogleich von den Fischern nach den Konservenfabriken befördert. Wenn die Fische in der Konservenfabrik ankommen, werden sie auf großen Tischen ausgebreitet und mit ein wenig Salz bestreut. Tie Frauen, welche die Köpfe und Eingeweide der Fische entfernen, verrichten ihre Arbeit mit großer Geschwindigkeit. Die Fischchen fallen in einen bereitstehenden Korb; die Abfall- teile werden an die Landleute zum Düngen ihrer Felder verkanft. Gleich nach dem Ausweiden sortiert man die Fische nach der Größe, worauf sie in große, mit Salzlake gefüllte Behälter kommen. In dieser Lake bleiben die Fische eine halbe bis eine Stunde, je nach Größe, Qualität und Witterung. Darauf werden sie in kleine Weidenkörbe gebracht und gewaschen. Während des Waschens bleiben die Fische in den Körben, die durch das Wasser gezogen werden. Dieses wenige Sekunden in Anspruch nehmende Verfahren entfernt alles unaufgelöste Salz, lose Schuppen ic. Nach sorgfältigem Waschen und Spülen der Fische werden sie, )eoe§ Stück von dem anderen isoliert, auf besondere Trahtvorrichtungen, sogenannte „Roste", gebracht und sofort zum Trocknen an die frische Luft gestellt. Ist das Wetter aber regnerisch oder auch nur feucht und nebelig, so ist das Trocknen unmöglich, und die Fische sind verloren. Sie sind dann gerade noch als Tungstoff, aber sonst absolut nicht verwendbar. Vielfach haben die Roste aüch die Gestalt 636 von Trahtkörben mit mehreren Fächern, deren Wandungen schräg gestellt sind. Tie Sardinen werden in diesen Fächern mit den Schwanzenden nach oben untergebracht, und hierauf die Körbe an den Trockengerüsten aufgehängt. Man hat sich vielfach bemüht, den großen Schäden, welche durch feuchte Witterung hervorgerufen werden, zu begegnen. So hat z. B. das berühmte Haus Amieux zu Sauzon, welches 350 Leute beschäftigt, zu diesem Zwecke einen großen mechanischen Trockenapparat beschafft, welcher sich 'sehr gut bewährt. Es ist dies ein riesiger Ventilator, der durch Tampfkraft betrieben wird. Die Sardinen werden einige Augenblicke einem starken Luftstrom ausgesetzt, um unmittelbar darauf, auf den Rosten ruhend, in große Pfannen mit stedeirdem Olivenöl eingetaucht zu werden. Diese Manipulation dauert, je nach der Größe der Fische, drei bis fünf Minuten. Damit das Olivenöl seinen natürlichen Geschmack behält, wird es nicht über offenem Feuer erwärmt, sondern es wird überhitzter Dampf durch das Oel hindurchgeleitet. Da die Fische zuvor ganz trocken waren, so absorbieren sie bet dieser Manipulation einen großen Teil des Oels, welches von Zeit zu Zeit ersetzt werden muß. Nach dem Sieden werden die Sardinen mit den Rosten zum Abtropfen aufgestellt und nach dem Trocknen in Büchsen verlegt. Diese Büchsen gelangen dann in den Oelraum, wo die Lücken zwischen den Fischen mit frischem Olivenöl ausgefüllt werden. Auch die Gewürze, Tomatensauce und Sardellenpaste, welchen die französischen Sardinenbereitung hauptsächlich ihren Weltruf verdankt, werden hier beigesügt. Die Fabrikanten verwenden zwei Arten Oel zum Einlegen der Sardinen in Büchsen, nämlich Olivenöl und Erdnußöl. Obwohl die französischen Konservenfabrikanten angeblich nur diese beiden Oele verwenden und wohl auch größtenteils überzeugt sind, reines Oliven- und Erdnußöl von den Händlern zu erhalten, soll doch mehrfach eme Verfälschung dieser Produkte durch das wohlfeile Baumwollsamenöl vorkommen. Genau ist man über diesen Punkt noch nicht unterrichtet. Die Amerikaner bringen allerdings ihren bedeutenden Export an Baumwollsamenöl nach Frankreich mit der Sardinenindustrie in Beziehung, doch fehlt der klare Beweis, daß ihre Vermutungen zutreffend sind. Jedenfalls ist es interessant, zu konstatieren, daß während des fiskalischen Jahres 1899 die Vereinigten Staaten nach Frankreich nahezu 17 Millionen Gallonen Baumwollsamenöl im Werte von 16 Millionen Mark exportierten. Das Erdnußöl wird in ausgedehntem Maße verwendet, um der Nachfrage des Auslandes, namentlich Amerikas, nach einer billigen Sardine zu entsprechen. Die meisten der billigeren französischen Sardinen, welche nach Amerika exportiert werden, sind in Erdnußöl eingelegt, welches thatsächlich geschmacklos ist. Es giebt noch verschiedene andere Ingredienzen, welche man den Oelsardinen zusetzt, um sie wohlschmeckender oder pikanter zu machen. Einige der allerbesten Sorten werden mit geschmolzener Butter guter Qualität statt mit Oel bereitet, doch sind diese zumeist speziell für den französischen Markt bestimmt. Auf Schienen laufende Wagen befördern die Büchsen nach dem Lötzimmer, wo Arbeiter mittels Lötkolben die Deckel befestigen. Die Büchsen werden, um die etwa in ihnen eingeschlossenen Mikroben zu zerstören, in große, mit kochendem Wasser gefüllte Pfannen gebracht, in diesen dem Kochprozeß unterworfen, hierauf in Sägespänen getrocknet und genau untersucht. Die Untersuchung erfolgt durch einen besonders sorgfältigen, gewissenhaften Beamten, durch dessen Hände jede Büchse geht. Zeigt sich ein Fehler in der Lötung, so wird das Stück Mrückgewiesen und nach dem Abfallraum befördert. Der Inhalt einer solchen Büchse hat keinen Nahrungswert. Die tadellosen Stücke werden zu je hundert in Kisten verpackt und in dieser Form in den Handel gebracht. Für die besten französischen Büchsensardinen, darüber kann kein Zweifel bestehen, wird nur absolut reines Olivenöl verwendet. Diese Sardinen halten sich zehn Jahre oder noch länger in guter Beschaffenheit. Merkwürdig ist, daß die Sardinen sich mit einem altberühmten und altbewährten Sprichwort in Widerspruch setzen. Während sonst alle Welt dem Grundsätze huldigt: „Frische Fische, gute Fische", werden die Sardinen erst köstlich, wenn sie ein Jahr in der Büchse zugebracht haben. Cie gewinnen in dieser Zeit erheblich an Geruch und Geschmack, während man frische Sardinen keineswegs als Delikatesse anzusehen pflegt. Literarisches. Hygiene der Zähne und des Mundes, von Profeffor Port in Heidelberg (Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart, ge£>; Preis 1 Mk.). Tas Buch ist ein sehr wertvoller Wegweiser auf dem Gebiete der Pflege und <Ä- haltung der Zähne. In kurzer, knapper Form faßt es alles zusammen, was für die Hygiene der Zähne von Bedeutung ist. Insbesondere belehrt es den Laien, wie die Zähne erhalten werden können, ohne daß das so unangenehme Zahnziehen notwendig ist. Wir können das Buch nur bestens empfehlen. „Der Narr uud Anderes, Novellistisches" betitelt sich das neueste Geschichtenbuch von Johannes Schlaf, das soeben im Verlage von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig erschienen ist. Preis 2.50 Mk. Tie Meisterschaft Schlafs iit der psychologischen Schilderung von Vorgängen, die mehr im innern, als im sozialen Leben sich abspielen, ist eine unbestrittene. Tie Seelenbilder, die Schlaf in dem vorliegenden Bande zeichnet, ergreifen durch ihre realistische Treue und ihren Stimmungsgehalt nicht weniger, wie durchs die außerordentlich feine, fast raffinierte künstlerische Form,' die ihnen Schlaf gegeben hat. Tie zahlreichen Freunde des Tichters werden ihm für diese neue reizvolle Gabe Vieh Tank wissen. Die Waffe. Zum Schöpfer sprach das Weib: „O Herr, vernimnL Mit uns, dem weiblichen Geschlecht, steht's schlimm, Tu hast den Mann mit aller Kraft bedacht .Und uns aus schwäch'rem Material gemacht. Gieb Waffen gegen dieses Stärkern Macht!" I Da hat der Herr ein wenig nachgedacht Und sprach: „Tu sollst nicht waffenlos Dich wähnen, j O Weib, drum geb' ich Dir die Macht der Thränen."- ’ J Schachaufgabe. Von A. Kvicala in Prag. (Nachdruck verboten.) abcdef g h abcdef g h 8 8 6 6 5 5 3 3 2 Weiß. Weiß zieht an und setzt in zwei Zügen matt. (7 4-7) (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.r Oktober. (Kohl, Kamin, Pistole, Berlin.) Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttatS-Duch« und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießm.