Nr. 1L6 1902 [iT 0 UM BR N,,|,I®O ■H&ti 8 Montag den 25. August, /n. 4 w äm (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-Jork. Von Heinrich Lee. (Fortsetzung.) Es war ein stilles, vornehmes', geschlossenes Haus, in dem sich das Pensionat befand. Als er die mit einem dicken roten Teppich belegte Treppe hinaufschritt, dachte er darüber nach, daß er Carla mitt ganz allein zurücklassen würde, daß er sie bezahlten Leuten anvertrauen mußte. Denn seine mütterliche Freundin in Wiesbaden war kurz nach jenem Tage, seinem Hochzeitstage, gestorben und Ottilie kam natürlich nicht in Betracht, abgesehen davon, daß niemand wußte, wo sie sich aufhielt. Zum ersten Male empfand er, wie eng das Band geworden war, das rhn mit dem einzigen Wesen verknüpfte, das ihm nun auf der Welt geblieben war. Wenn er nun nicht wiederkehrte, wenn zum Beispiel das Meer, ein Sturm ihn verschlang. Was wurde dann mit ihr? Ec hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Er zog schon die Klingel. Die Pensionsvorsteherin empfing ihn, dann wurde Carla gerufen, mit einem Freudenschrei stürzte sie ihm an die Brust, darauf ließ die alte würdige Dame die Geschwofter in dem Salon, der zum Empfange der Besucher diente, allein. Carla jubelte nicht mehr. „Wie schlecht Du aussiehst", sagte sie bekümmert, „und graue Haare hast Du bekommen." Er ivußte es bisher nicht einmal. Sein Spiegelbild war ihm ganz gleichgültig geworden. Dann erzählte er ihr, warum er zu rhr kam. Er hatte keine Geheimnisse mehr vor ihr, er erzählte ihr alles, alles. Er wußte, mit welcher Liebe auch sie an Bell gehangen hatte, und daß sie ihn deshalb verstehen würde. Ja, sie verstand ihn. Dann aber sah sie ihn flehend an. „Herwarth, laß mich mit Dir reisen", bat sie ihn, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie wollte Eins mit ihm sein. — Sie sah den Zustand, in dem er sich befand. Wenn seine Reise umsonst war — wer würde ihn trösten, wer ihm helfen? Er wehrte sich erst lange dagegen, endlich gab er nach und Carla war glücklich Ein paar Tage später bestieg Herwarth, nachdem er an Mister Hitchock ein Telegramm abgesandt hatte, mit seiner Schwester einen Lloyddampfer. Die Fahrt verlies bei ziemlich gutem Wetter. Als man nach sieben Tagen vor New- york ankäm, nachdem man am Morgen schon den ersten Streifen Land gesehen hatte, war es später Abend. Im ifett, aus der Stadt und von der Brooklyner Brücke glänzten Millionen Lichter durch das Dunkel. Regungslos stand Herwarth auf dem Deck — vor ihm lag seine Zukunft. „Nun sind wir da", flüsterte Carla, neben ihm unS faßte seine Hand. Siebentes Kapitel. Bell war für einige Tage nach Newyork zurückgekehrt. Seit jenem Abend, an dem sie mit Mister Httchoch ihre letzte Unterredung gehabt, war eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Sie fühlte sich unruhig, nervös, unzn^ frieden und sie wußte nicht warum. Ein plötzlicher Ueber- druß an dem Leben, das sie jetzt führte, war über sm gekommen, und sie suchte Ruhe und Zurückgezogenheit. We« ihr Haus, obwohl es in dem schönsten Teil der Avenue, dicht am Zentral-Park lag — die ganze Avenue selbst mit ihrer langweiligen eintönigen Vornehmheit irritierte sie nur noch mehr. Tolle Pläne fielen ihr ein. Sobald der Winter kam, wollte sie verreisen — nach dem Norden, nach! Maine, in die großen Wälder. Fred sollte sie dann begleiten, Man nahm Decken und Pelze mit, Feuerzeug, Aexte, Gewehre, grub sich ein Loch in den Schnee, baute sich eine! Hütte darüber und lebte nun von Jagd und Fischfang. Dort in der Einsamkeit der Natur, die Last der Zivilisation abgeschüttelt, im Kampf mit den Elementen ihres Lebens Unterhalt sich selber verdienend, würde sie auch sich selber, wieder finden. Aber bis zum Winter war noch lange hin. Warum also so lange warten? Um einsam zu sein, brauchte sie nur in ihre Yacht zu steigen, eine Reise um die Welt machen — oder auch das nicht einmal. Nur herumkreuzen im Ozean, ohne Ziel, zwischen Wasser und Himmel, solange es ihr gefiel — Tage, Wochen, Monate lang. Keinen Menschen um sich außer der Schiffsmannschaft, der Bedienung und Fred. Sie war dazu entschlossen und eines Tages — sie saß mit Fred bei Delmonico, in dem berühmten Restaurant, und man hatte eben ausgezeichnet gespeist, — gab sie ihm ihren Plan kund. Begleiten sollte er sie. Er erglühte vor Dankbarkert und preßte seine Lippen auf ihre Hand. Bell lächelte seltsam vor sich hin. „Wären wir nicht in Amerika, wären wir in Europa", sagte sie, „so würde die Welt denken, daß Du mein Geliebter wärst. Sie würden nicht an unsere Reinheit glauben. Und doch bist Du nur mein Freund. Versprichst Du mir, auch feierlich, Fred, wenigstens, so lange totr auf dec Reise sind, Dich damit zufrieden zu geben?" „Was Du befiehlst! Ich bin zufrieden mit jedem Almosen, das Du mir schenkst." Damit war die Sache erledigt. Am nächsten Tage kehrte Bell in Freds Gesell,chaft nach Newport zurück. Der Reise sollte indessen noch ein großes Fest vorangehen, ein Souper mit Ball. Wie ein Hochtzeitspärchen, so hatte Bell es sich ausgedacht, wollten sie beide dann von dem Fest davonschleichen und sofort in See gehen. war einen Abend später, nachdem der Lloyddampfer mit Herioarth und Carla eingetroffen war. Der große. 602 Tanzsaal itt Bells Landhause war in einen vollständigen Karten umHewandelt. Die Wände waren mit blühenden weißen Schlruggewächfeu nnd purpurnen Rosen, hochroten Nelken und scharlachfarbenen Geranien und Orchideen bekleidet. Die Fenster waren in Form von Vorhängen mit denselben Sorten Blumen umwunden. Von den Kronleuch-- tern hingen weiße, lose Orchideen und kugelrunde Bouquets von roten Blumen herab — alles nur weiß und rot. An- nähernd so präsentierte sich auch der Speisesaal, in dem fünf große Tische gedeckt waren, auf denen in silbernen Vasen nur rote Blüten prangten. Von den anderen Tischen war einer mit blauen Hyacinthen und Hortensien, ein zweiter mit gelben Orchideen, ein dritter mit allerlei weißen Blumen ünd der letzte mit La France-Rosen dekoriert. Das Theezimmer war in eine Laube von roten Rosen verwandelt und die Empfangshalle in einen Palmenhain, in dessen Mitte sich ein Bosquet von feuerroten und weißen Lilien erhob. Das Ganze war von einem berühmten Newyorker Dekorateur arrangiert. Uebergossen wurde es von Fluten elektrischen Lichts. Von den Gästen war noch niemand erschienen, sie waren erst auf neun Uhr bestellt. Ganz allein, nur von dem Hausmeister, Mister Mich!, begleitet, durchwanderte Bell die strahlenden Räume. Sie hatte Befehl erteilt, daß sofort nach Schluß des Festes die Blumen auf bereitstehende Wagen verladen und nach dem städtischen Hospital geschasst würden für die dort liegenden Kranken. „Gehen Sie", sagte sie zu Mister Mich. Mister Bitch verbeugte sich und ging.' Jetzt erst war sie allein. Berauschend strömte der Dust twn den Wänden, aber er erfreute sie nicht. Die Hauptsache war, daß diese Blumen so und so viel tausende Dollars gekostet hatten und daß ein paar Tage später im „Harald" ein Artikel darüber erschien. Sie dachte an ihre Kindheit, wie sie als ganz kleines Mädchen auf einer sonnenbeglänzten, käferumsnmmten Wiese gespielt, die neben dem Hause ihres Vaters lag. Ein Bach floß hindurch und an seinem Rande blühten Vergißmeinnicht. Die Hand davon voll kam sie froh zum Vater geeilt und er drückte sie an sich und küßte sie. Es waren Mir einfache Wiesenblumen — und damals war sie glücklich. Nun waren sie verdorrt. Ihre Kammerzofe erschien. Das Mädchen suchte sie. Es war Zeit, Toilette zu machen. — Herwarth hatte mit Clara ein Hotel bezogen. Mister Hitchock hatte die große Gefälligkeit gehabt, am Morgen stach der Ankunft selbst aufs Schiff zu kommen und sich ihm vorzustellen. Dank seiner Fürsprache ivaren sie auch von den lästigen Zollscherereien nach Möglichkeit verschont geblieben, tzerwarth wußte kaum, wie er dem alten Herrn, der von manchen Leuten für so mürrisch und unliebenswürdig gehalten wurde, danken sollte. Aber Mister Hitchock lehnte jeden Dank ab. Er betrachtete es, so erklärte er, seinem verstorbenen Freunde gegenüber als eine Pflicht, über Bell die Augen offen zu halten, und die ganze Art Und Weise, wie sich Herwarth in der Scheidungsangelegen- heit benommen, hätte ihm seine Achtung zugezogen. Mrster Hrtchock machte auch kein Geheimnis daraus, daß er Bells Benehmen verurteilte, und daß er den ganzen Prozeß absichtlich bisher in die Länge gezogen, um ihr Zeit zur Besinnung zu lassen. Herwarth beschränkte sich darauf, dem neugewonnenen Freunde für solche freundliche Gesinnung zu danken, aber, was er von ihm über Bell vernahm, das drückte ihn nun in seinen letzten Hoffnungen, herab. „Sie liebt Sie noch Das muß Ihnen Vertrauen geben", sagte Mister Hitchock, „wer nicht wagt, gewinnt Nicht." Damit verabschiedeten sie sich. etwa^acht^tm de"^ tion Newyork nach Newport fährt Am Mittage desselben Tages stiegen die beiden Geschwister in ihn ein. Carla hatte darauf bestanden, die Fahrt mitzumachen. Auf ganzen Fahrt sprachen sie miteinander fast kern Wort. Herwarth brütete vor sich hin. Er glaubte nicht mehr daran- was der alte Mann SW geschrieben. Md gesagt hatte — daß Bell ihn noch siebte. Ihre Liebe! Die verlangte er ja auch nicht mehr. Was er von ihr verlangte, war nur dies eine einzige Wort! „Ich verachte Dich nicht mehrst^ Sie Wiedersehen! Während der ganzen Reise über den Ozean hatte er an nichts anderes gedacht als diesen Augenblick. Noch wenige Stunden und der Augenblick war vielleicht da. Mer sein Herz bebte nicht mehr dabei. Warum war alles so still und tot? Wenn er aber umsonst kam? Wenn sie ihn gar nicht vor sich ließ? _ Ueberhaupt, wie wollte er sich bei ihr Zutritt verschaffen? Sich in ihr Haus hineinstehlen und dann plötzlich vor ihr stehen — sie überfallen wie ein. Räuber? Ihr seine Karte schicken — durch einen ihrer Bedienten? Und wenn sie ihm darauf sagen ließ> durch den Bedienten, daß sie für ihn nicht zu sprechen wäre? Der Zug rollte immer weiter. In dem bequemen, prachtvoll eingerichteten Wagen, der nur nach amerikanischem Muster den einen Fehler hatte, daß er keinen Raum für Handgepäck bot, saßen dichtgedrängt die Passagiere und lasen riesengroße Zeitungen. Niemand kümmerte sich um den anderen, nur manchmal erschien ein schwarzer Unterbeamter, der für sie die nötigen Dienste besorgte. Der Zug, war angelangt. Bor dem Bahnhof wartete eine Reihe leichter Cabs. Herwarth nannte einem Kutscher die Adresse — Bells Haus lag in der Bellevue-Avenue — und nun rollten sie ihrem Ziele zu. Es war schon Nacht geworden. Ein tiefblauer, viel- gestirnter Himmel spannte sich über die Narragansettbai. Am Eingänge des Hafens ragten die Umrisse der Forts und der Torpedostation verschwindend ins Dunkel, und in den Alleen, in die jetzt der Wagen bog, schimmerten, dicht an der, Straße liegend, durch weite Gärten und Rasenflächen von einander getrennt, die Millionärspaläste. Ueberall ivaren die Fenster erleuchtet, und Musik und gesellige Unterhaltung tönte heraus. Der Wagen hielt. Er hielt vor dem Hause Bells. Vor dem großen Gitterthor, das in den Garten führte, stand in goldbetreßtem langen Rock ein Portier. Herwarth erfuhr von ihm, was der Festglanz in dem Hause zu bedeuten hatte. „Wir haben einen schlechten Augenblick gewählt", sagte er zu Carla, „es wird besser sein, wir warten bis morgen." „Nein", erwiderte Clara mit einer so tapferen Entschlossenheit, wie sie früher niemand dem kleinen Mädchen zugetraut hätte, die er aber seit dieser letzten Zeit an ihr kennen gelernt hatte, „nein, Herwarth, jetzt sind wir hier, jetzt muß es auch geschehen. Laß mich zuerst zu ihr!" T Was meinte sie? So hatte sie es sich längst im Stillen ausgedacht: Ihr konnte Bell ja nicht zürnen. Sie hatte ihr ja nichts zu Leide gethan. Bell hatte sie lieb gehabt und das würde sie nicht vergessen haben. Deshalb wollte sie bei Bell erst seine Fürsprecherin sein. Sie fürchtete, sich ja nichts Sie sprach auf ihn ein, tapfer, mutig, voll zärtlicher Liebe zu ihm— aber voll zärtlicher Liebe auch zu ihr, der verlorenen Schwester, zu Bell. Einsam und verlassen hatte er sich aus der Welt geglaubt und erst jetzt, erst hier, in einem fremden Erdteil, während aus Hell strahlenden Fenstern dort durch die wundervolle Nacht die Musik zu ihr herüberrauschte und der Atem ihrer' Nähe wehte, sollte er ganz den Schatz erkennen, den ihm die sorgende Vorsicht in einem Geschöpfe, das sein Fleisch und Blut war, aufgespeichert hatte. Sie waren in den Garten eingetreten und standen seitwärts in einem versteckten Gange unter dem dichten Wipfel eines merkwürdigen, fremdartigen Baumes, wie er in ihrer fernen deutschen Heimat nicht bekannt war. „So geh'!" sagte er. Sie reckte sich zu ihm empor, er fühlte ihre warmen, weichen Kinderlippen auf seinem Mund. Dann ging sie — zu auf das Haus. Die Klänge eines S-trauß'schen Walzers brausten und jauchzten durch den Saal. Alles, was zu Bells Gästen gehörte, war frische, kräftige, lusterfüllte Jugend, und alles gab sich der ungezügelten Freude des Tages Bin, 503 Strahlende Toiletten, blitzende Steine, schimmernde Perlen, glänzende Augen und Nacken und frohe Gesichter. Bells Fest war gelungen. Die Schönste aber war Bell selbst. Sie trug ein Kleid von meergrüner, mit ganz kleinen Brillanten übersatter Seide, im Haar ein Diadem von denselben Steinen, das wie die Krone einer Königin aus ihr funkelte und um den weißen klassischen Hals ein Kollier von birnenförmigen Perlen und in der Mitte einen riesigen samtgrünen ßmaragd. Es schien, als wäre sie erst heute an diesem Wend zu der ganzen vollen Pracht ihrer Schönheit aufgeblüht. Ein Kreis von huldigenden Sklaven umgab sie, denn sie selber tanzte nur wenig. Auch stand sie eben im Begriff, sich zurückzuziehen, um sich zur Abreise fertig zu machen. Fred hatte fich in der gleichen Absicht bereits nach feiner Wohnung begeben. Er wollte später noch einmal zurückkommen, um sie abzuholen. (Fortsetzung folgt.) Das Harmonium?) Mehr und mehr macht sich seit Jahren, ja seit Jahrzehnten in der musikliebenden Welt das Bedürfnis nach einer edleren Volks-Musikpflege und einer Hausmusik geltend, die durch orchestrale Wirkungen höhere Befriedigung Und reinere Genüsse verschaffte, als die bis jetzt geübte. Eine solche aber vermag sich! auf dem Klavier, das ja seit lange als einziges die Rolle des Hausinstyumentes vertrat, niemals zu entwickeln. Wohl vermag der Virtuose auf diesem in orchestraler Weise zu spielen, nicht jedoch der kunstliebende Dilettant, der die Musik zu seiner und seiner Umgebung Wohlgefallen ausübt. Und gerade sein Wunsch ist es, die Meisterwerke unserer alten und modernen Komponisten in einer mehr dem Orchester nahekommenden Wirkung, für welches sie ja zum größten Teil geschrieben wurden, auszuführen. Dies ist ihm auf dem Klavier, dem Flügel, versagt. — Also ein anderes Instrument — aber welches? Nun, die Wahl kann nur auf ein einziges fallen, das den gestellten Anforderungen entspricht, und dieses einzige ist das Harmonium. — Das Harmonium vereinigt die orchestrale Technik mit dem Wohlklang des Klaviers und eignet sich mit seiner ganz anders gearteten Spieltechüik, seinem getragenen modulationsfähigen Tone, seiner eminenten Ausdrucksfähigkeit und seinem Reichtum an koloristi- schen Wirkungen zu einer besseren und viel vollendeteren Wiedergabe der Tonschöpsungen unserer unsterblichen Meister. Tas Harmonium blickt erst auf eine verhältnismäßig kurze Vergangenheit zurück. Dennoch ist ihm sowohl in der musikalischen, als auch in der Tagespresse eine glänzende Zukunft prophezeit worden; und diese Prophezeiung ost! nicht eine solche, deren Eintreffen in dämmerweiter Ferne steht, sondern sie wird sich erfüllt haben, sobald das Harmonium Hausinstrument geworden ist, wie heute das Klavier. Daß es aber dieses wird, dafür bürgt nicht allein das fich täglich! steigernde Begehren der Musikfreunde nach den Genüssen einer mehr orchestral wirkenden häuslichen Musik, sondern auch, die fortschreitende Technik im Harmvniumhau, die stets zunehmende Bereicherung der Harmontum-Litte- ratur. Tas Harmonium ist das einzige Instrument, welches diesem Wünsche aller Freunde edler Musik genügen kann. Und nicht Nur dieses, auch noch zu höherem ist es berufen. Ein neues Stadium unserer Volkskunst und speziell unserer Hausmusik wird mit der Einführung des Harmoniums als Hausinstrument beginnen. Tie faden Gassenhauer, durch! die so oft die heilige Tonkunst entweiht wird, der banale Charakter der heutigen Volksinusik werden schwinden und einer edleren, höher zu wertenden Platz machen! Tie Zeiten der alten Meister, wo auch; die Volksmusik schönere Blüten trieb als heute, werden zurückkehren! Nicht aber, als hätten wir einen KteislalUf vollendet, sondern höher werden wir stehen; denn vorwärts und aufwärts *) Dieser Aufsatz ist der Zeitschrift „Das Harmonium" (Berlin W. 30) entnommen. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß sich hier eins der größten Harmoniumlager Deutschlands^ das von Rudolph', Seltersweg, befindet. D. Red. geht der Weg des Lebens und diesen Weg verfolgt auch die Tonkunst. Hat es nun auch augenblicklich! den Anschein, als ob sich ein Niedergang der Kunst, namentlich der häus- ftchen Kunst, bemerkbar mackste, so ist dies doch eben nur Schein, und dieser wird dadurch hervorgerufen, daß das bisherige Instrument für die Ausübung der Hausmusik einer weiteren Entwicklung derselben nicht mehr fähig war und wir so durch den Stillstand allmählich in den Sumps geraten sind. Aber aus diesem Sumpf können wir uns befreien! Das Harmonium bietet diese Hilfe, es bringt frisches Wasser in den Sumpf, und bald wird das alte, übelriechende durch neues, frisches ersetzt sein. Und nicht nur das; auch Leben und Bewegung wird es in die Kunst bringen, und hat es zum Teil schon gebracht. Es ist eben leider in weiteren Kteisen als Hausinstrument fast unbekannt, Und daher auch! von dieser neuen Kunst nur die Wenigsten wissen! Tas aber soll und muß jetzt anders werden; das Harmonium foH, wie in Amerika, Hausinstrument werden, und wie heute fast in jeder Familie ein Klavier unumgänglich notwendig ist, soll es künftig ein Harmonium sein! Dieses Ziel anzustreben, welches auch, wie gesagt, eine neue Blütezeit der Tonkunst herbeiführen wird, ist Pflicht jedes Harmoniumfreundes und Liebhabers der Harmonium- musik! An diesem Werke mitzuarbeiten, ist jeder berufen, der Sinn und Liebe für eine edle, schöne Musik hat. Also Harmoniumfreunde und alle Freunde edler Hausmusik, schart euch zusammen und gründet Vereine oder schließt euch schon bestehenden an, die dasselbe Ziel verfolgen, wie wir! Mit Rat und Thal bei Gründung solcher Vereine stehen wir gern zur Seite, denn es gilt doch durch das Harmonium als Hausinstrument der Kunst ein neues frisches Leben zu bringen, ihr ein Feld zu bieten, auf dem sie sich Lesser ausbreiten, mehr schaffen kann, als es auf dem bisherigen beschränkten möglich war. Und gilt es doch ferner, auch der Hausmusik das zu geben, was ihr gebührt: ein Instrument, aus dem die Werke unserer Meister, besonders unserer modernen Kunst, vollkommener ausgeführt werden können als bisher! Die Schlachthöfe in Chicago. Von Arnold Rohde. Nachdruck verboten. Tie Chicagoer Schlachthöfe sind in der ganzen Welt berühmt. Tas Schlachten von Rindern, Schweinen und Hammeln, sowie die Verarbeitung des Fleisches und aller Abfallprodukte hat hier so ungeheure Dimensionen angenommen, daß besondere maschinelle Verfahren eingeführt werden mußten, um die Arbeit und den Zeitaufwand für jedes einzelne Schlachttier auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken. Diese Industrie ist ohne gleichen in der Welt, und die Einrichtungen der einzelnen Betriebszweige sind so überaus großartig, daß sie ein allgemeines Interesse beanspruchen können. Wo irgend möglich, werden Maschinen an gewendet, so daß eine der großen Gesellschaften täglich 70 000 Schweine zu schlachten vermag, während man sonst kaum den zehnten Teil leisten konnte. Die Schweineherde wird zum Beispiel von dem Wiehhos in Gehege getrieben, und von dort gelangen die Tiere einzen in einen Raum, in welchem ein großes Metallrad langsam, aber andauernd rotiert. Ein Gehilfe ergreift jedes Schwein bei einem der Hinterfüße und befestigt es mittels einer kurzen Kette an dem Rade. In dem Moment, wo das Tier durch das Rad empvrgehoben wird, öffnet der Schlächter mit einem Schnitt die Kehle des Tieres. Dies ist das Werk einer Sekunde. Das Blut fließt von dem Körper in einen Trog, der es nach einem Behälter weiter leitet. In diesem wird es aufbewahrt, um später zur Dungfabrikation Verwendung zu finden.. Der Körper des Tieres dreht sich mit dem Rade bis zu einem bestimmten Punkte; dann wird er automatisch abgenommen und durch ein Trolley-System nach dem Abfallraum befördert. Hier geht der Kadaver durch eine mit rotierenden Klingen versehene Maschine, dürch welche der größte aecl der Borsten entfernt wird. Dieselben werden später zu Pinseln verarbeitet. Dann gelangt das geschlachtete Tier in einen Behälter mit kochendem Wasser, welchses den Rest, der Borsten so erweicht, paß fte WM mit dev Hand ent- 604 — fernt werden können. Ans diesem Raum wird der Körper durch Fördermaschinen in den KWtevaum geschasst, wo en während 24 Stunden bleibt. Ter von Blut und Borsten befreite Körper ist nun für das Hackmesser bereit; der Fleischer zerlegt ihn binnen wenigen Minuten. Dann werden die Schinken und Speck- eiten in Reservoire mit Salzlake gebracht. Jede Gesell- chaft hat ihr besonderes Rezept für Bereitung der Pökel- ake. Die Übrigen zu konservierenden Teile kommen in den Salzraum, wo sie 40 bis 60 Tage bleiben. Dieselbe Zeit ist auch, für Speck und Schinken erforderlich. Auf den Pökel- und Einsatz-Prozeß, folgt das Räuchern, welches' in Räumen geschieht, wo Tausende von Stücken zugleich ge- räuchert werden können. (Vgl. The Packing Jndustry of Chicago, by Day Allen Wolley in Scient. Am. Juni 1902.) Tas Schweinefett wird in ungeheuren, durch Dampf erhitzten Kesseln ausgelassen und noch in flüssigem Zustand' durch Röhren in den Packraum geleitet. Tie Eimer und sonstigen Beh,älter werden mit Schmalz gefüllt, indem man einfach die Ventile der Röhren öffnet. Darauf läßt man es erkalten und nUn ist es zum Versenden fertig. Tie Schweinewurst ist ebenfalls zum großen Teil ein Maschinenprodukt. Das Fleisch wird durch rapid rotierende Messer in feine Partikelchen geschlittert und dann in Schweinedärme gepreßt, welche zuvor natürliche durch Maschinen gründlich; gereinigt sind. Ein Teil dieser Maschinen, welche durch, komprimierte Luft betrieben werden, füllt in wenigen Sekunden mehrere Fuß Därme. Die einzelnen Würste werden dadurch hergestellt, daß man den Darm durch, Schnüre abbindet. Nach Befestigen des Schweines au dem Rade ioird das Schlachten des Tieres, das Zerlegen und das Verpacken der Produkte so austzeführt, daß das Fletsch kaum jemals mit der Hand berührt wird. Schafe werden in ähnlicher Weise behandelt. Beim Schlachten werden sie vom Fußboden durch Ketten, welche an ihren Hinterfüßen befesttgt werden, aufgehoben. Die Kehle wird durch einen einzigen Messerschmitt geöffnet und der Körper durch Maschinen in den Mlteraum befördert, wo er gewöhnlich während 48 Stunden verbleibt. Dann wird das Tier abgezogen und nach Wunsch in Halbe oder Viertel zerlegt. Früher wurden die Häute mit der Wolle darauf verkauft, doch; haben die Packer ein Verfahren er- furkden, mittels dessen die Wolle leicht von dein Fell getrennt werden kann. Sie wird dann gründlich in heißem Wasser gereinigt, getrocknet und in Ballen verpackt, um direkt an den Duchfabrikanten versandt zu werden, während das Fell an den Gerber verkauft wird. Tas zur Versendung besttmmte Hammelfleisch wird gewöhnlich in den Kühlraum gebracht, welcher gleichzeitig 10000 Stück faßt. Hier kann es während eiries unbestimmten Zeitraumes aufbewahrt werden, da die Luft durch ein Kühlsystem in allen Teilen des Raumes in angemessener und gleichmäßiger Temperatur erhalten wird. Ist die Zeit zur Versendung herangekommen, so werden die mit Kühlvorrichtungen ausgestatteten Wagen in den Kühlraum gefahren und das Fleisch wird befördert, ohne der warmen Lust ausgesetzt zu werden. Bel dem modernen Schlachtverfahren hat inan den Betäubungsprozeß noch beibehalten. Wenn die Rinder eins nach dem andern in die Gänge getrieben werden, so betäuben sie auf einer erhöhten Plattform stehende Männer durch einen Schlag mit einein schweren Hammer. Wenn das Tier fällt, so wird eine Seitenthür geöffnet, und es gleitet rn einen tiefer liegenden Raum, wo es geschlachtet wird. Voir hier aus tritt oas Tier gleich nach dem Schlachten durch Maschinenbetrieb seine Reise durch die verschiedenen Abteilungen^ an. Zuerst gelangt es in den Mlteraum, dann in dre nächste Abteilung, wo die Abhäutttng erfolgt. Während ein Mann das Fell abzieht, schneidet ein anderer den Kopf ab, löst die Zunge aus und trennt die Füße ab. Tann wird der Körper im Hackraum halbiert oder in Viertel zerlegt und zur Versendung nach den Zentren des Konsums rn den Vereinigten Staaten oder im Auslände fertig gemacht. Tie Körper bleiben gewöhnlich in Hälften, wenn sre nach dem Kühlraum geschafft werden, wo sie, wie die Schafe, während einer unbegrenzten Periode aufbewahrt werden können. Tas Rind liefert viel mannigfaltigere Produkte als das Schaf oder Schwein; es bleibt üverhäupt kaum ein Teil ungenutzt. Das' in großen Kesseln gekochte Fett wird