Freitag den 25. Juli. Nr. 109. ■■ a]•_ a|jd MU xe 5^ M»ri MM UW m M 1902 4la r . j S T i Viftai. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Sie betraten jetzt den Gartensaal durch die -offenen Flügelthüren der Veranda und trafen dort die Familie versammelt. Alle Anwesenden betrachteten Traute mit einer Neugier, die fast, etwas Verletzendes für das junge Mädchen hatte. Die Kommerzienrätin und Onkel Tom unterbrachen eine Partie Rabouge, um sie zu fixieren, Frau Stroppa tuschelte ihrem Gatten etwas zu, als dieser das junge Mädchen anstarrte, wie man ein Bild oder einen leblosen Gegenstand anstarrt. Alma erkundigte sich mit einem halben Lächeln nach dem Ergehen des alten Graumann, das Traute peinlich- berührte, obgleich sie es nicht recht Verstand. ' Traute war kaum über die ersten konventionellen Phrasen der Begrüßung hinaus, M Herr von Löschnitz eintrat und ihr vorgestellt wurde. Auf den ersten Blick erkannte sie in ihm jenen Herrn, der sie, an dem Abend des ersten Wiedersehens mit der alten Heimat, im Park überraschte und den Irrtum beging, sie für die erwartete Geliebte zu halten. Sie wurde sehr verlegen, Herr von Löschnitz- bewahrte jedoch so vollkommen seine Haltung, daß es ihr zweifelhaft blieb, ob er sie wiedererkannte. Zu ihrer Erleichterung wurde sofort nach dem Eßzimmer zum Thee aufgebrochen, und dort hatte sie ihren Platz zwischen dem Hausherrn und der Kommerzienrätin. Am ganzen machte ihr diese Familientafel einen unerquicklichen Eindruck. Der Hausherr zeigte hier ein merk- jvürdig steifes, gezwungenes Wesen, das seltsam mit der freimütigen Behaglichkeit kontrastierte, die er bei seinem letzten Aufenthalt in Kienberg offenbarte. Seine Frau hatte ihm gegenüber einen unausstehlich! (pöttischen Ton, während sie im übrigen eine etwas laute, orciert lustige Konversation führte. Sie war stets auf- allend in ihrer Kleidung wie in ihrem Wesen, überelegant Und outriert modern, wobei sie die Grenze des feinen Geschmacks nicht innezuhalten verstand. Ihre üppige Gestalt und ihr rotblondes Haar verlangten hingegen eine große Decenz der Kleidung für das ästhetisch-e Feingefühl. Die Kommerzienrätin verhielt sich schweigsam, und ie§ lag etwas Feindseliges in diesem Schweigen, während Onkel Tom für jedermann der gute Kerl zu sein schien. Das Girren des Turteltaub enpaaires Stroppa machte hie Kälte zwischen dem Ehepaar Lehmigke ziemlich! auffallend. Es war ein Glück, daß Herr von Löschnitz bä war, Um alle Klippen her Konversatiott mit weltmännischer Gewandtheit zu umschiffen. Natta träumte blaß und abwesend über Heu Weisen auf dem Teller, deren eigentlicher Zweck für sie nicht vorhanden schien, und auf der ganzen Gesellschaft schien ein Druck, eine Schwüle zu lasten, eine Unnatur, die ein allgemeines grenzenloses Unbehagen hervorrief ,das sich Traute in so hohem Grade mitteute, um bei jedem Wort und bei jedem Bissen ein Ersticküngsgefühl in ihr aufsteigen zu lassen. Die Fenster nach dem Park standen weit offen, aber selbst der Abend brachte wenig Abkühlung nach! der Tageshitze, und eine trockener, staubiger Luftzug bot keinöj Erquickung. -Eiswasser und kühlende Getränke wurden herumgereicht, der fette Maler ächzte bei jeder Bewegung, und duldete die Dienstleistungen seiner besorgten Gattin mir hilfloser Jammermiene, während er selbst die Anstrengung des Essens scheute. Onkel Tom wurde bei jedem Glas Eiswasser mit Cognak — oder vielmehr Cognak mit einigen Tropfen Wswasser — redseliger und schilderte eben die seltsamen drastischen Sitten einer Bauernhochzeit im südlichen Frankreich, die er erlebt haben wollte. Alma war die einzige, die darüber lachte, während sie, trotz- ihres dünnen, champagnerfarbenen Foulardkleides mit tief entblößtem Hals, ganz aufgelöst vor Hitze, in ihrem Stuhl lag, und sich so energisch Kühlung mit einem großen/ rasselnden Fächer zufäch,elte, daß die Spitzen an ihrem Weißen, üppigen Nacken flogen und die Stirn- löckch-en sich sträubten. „Eine Hochzeit ist immer und unter jeder Bedingung für die Betreffenden eine Tierquälerei", sagte sie, sich mit dem duftenden Taschentuch das Gesicht betupfend. Das Parfüm des Tuches wehte über tue ganze Tafel. „Meinst Du das auch?" fragte Frau Stroppa ihren Gatten mit einem süßen Blick, der durch ein Grunzen beantwortet wurde, das wahrscheinlich zärtlich sein sollte. „Gräßlich war es bei uns!" fuhr Alma fort, „die Hetzjagd und der Trub-el, dazu den ganzen Tag angegafft und beglückwünscht zu werden! Ich habe mich noch- in der letzten Stunde mit Paul gezankt, weil ich bte Deputation aus seiner Fabrik nicht auch- persönlich empfangen wollte. Sie brachte uns ein prachtvolles Album, aber ich hatte genug von allen Huldigungen und Geschenken an dem! Tage. Und nicht mal mein eigenes Hochzeitsdiner habe ich in Ruhe essen dürfen, da stano Paul schon mit der Uhr hinter mir, und mir schmeckte doch! die herrliche Geslügelpastete so gut. Ich hatte Hunger wie ein Löwe nach all den Strapazen, aber nicht mal satt essen durfte man sich!" ~ Paul sah finster auf seinen Teller bei diesen Remimss, cenzen, aber Alma schien weder ihre Taktlosigkeit zu sühlert oder sie hatte eine bestimmte Absicht dabei. „Und in der Kirche, bet der Trauung habe ich Qualen ausgestandcn. Sie Wien vergessen, unK SAM vor VE 434 „Also nur Ihnen ist es zu langweilig, und die Arbeit lästig?" , „Das nicht — aber — ich ziehe eine andere Thatig- t)or/y Eine namenlose Traurigkeit erfüllte Trautens Herz. Sie sah, daß sie alles bei Paul Lehmigke verloren hatte, Vertrauen, Achtung, Freundschaft. Er schwieg, seine Züge zeigten den harten, verschlossenen Ausdruck, den sie von früher her kannte. Eine unheimliche Stille trat ein, man hörte das! Rascheln der welken Blätter, die ein Luftzug von den Treppenstufen fegte. ,, ,,, _ „Wer hat Ihnen diese Stellung verschafft?" fragte Lehmigke endlich, das Schweigen brechend. Das Blut stieg Traute in die Wangen und hämmerte in ihren Schläfen. Wer sie konnte nicht unaufrichtig fern, er würde es ja doch eines Tages erfahren. Sie hob den gesenkten Kopf, und sagte mit einem offenen Blick: „Gras Stauffen verschafft mir diese Stellung. Ich hatte, wie ich Ihnen sagte, jede Verbindung mit ihm abgebrochen, aber er kam kürzlich eines Nachmittags auf wenige Stunden nach Kienberg." „In diesem Fall habe ich nichts werter zu sagen. Sie müssen wissen, was Sie thun, Fraulern Velten. Gute Nacht. Sie gestatten, daß ich mich empfehle, ich habe noch eine notwendige Konferenz mit einem Beamten vor." „ Er ging, und Traute stand allein in dem öden, traurigen Dunkel der verschmachteten Sommernacht, die keinen Thau und keine Kühlung hatte für die verdursteten Rosen ustd verdorrten Blüten nach der brennenden Qual des Tages. Dreißigstes Kapitel. Des alten Graumann Sterben zog sich in die Länge. Jeden Tag erwartete man sein Ende, ja, jede Stunde konnte die letzte sein, doch das schwache Leben, das noch m ihm war, fristete sich mühsam hin. Trotzdem war er bei vollem ! Bewußtsein und wollte Traute nicht von sich lassen. . Diese wich kaum von seiner Seite, jeder Schritt in das. Brantikower Herrenhaus kostete sie unendliche Ueberwin- dunq. Seit jener ersten Aussprache mit Paul Lehmigke scch sie diesen selten, er begegnete ihr höflich aber mit einer Kälte, die ihr schneidendes Herzweh machte. Natta kam oft und leistete ihr Gesellschaft. Traute hatte bald herausgefunden, daß das junge Mädchen ein drückendes Geheimnis mit sich herumtrage, und eines Mends, als sie beide allein in der Bohnenlaube des Grau- manuschen Gartens saßen, gestand ihr Natta, unter einem vulkanischen Ausbruch von Leidenschaft, ihre Liebe zu Herrn von Löschnitz, von der Traute bereits eine dunkle Ahnung gehabt hatte. Unter Schluchzen und Jauchzen stammelte Natta von der Wonne und Qual ihrer Liebe, wahrend Traute in fiebernder Erregung lauschte, alle Tiefen des eigenen Gefühlslebens aufgewühlt in der Mitleidenschaft I für das junge Mädchen. । Der Abend war erstickend schwul. Der Himmel glich! | einer schweren grauen Dunstmasse, und am Horizont zuckte | ein rötliches Wetterleuchten. Aber dieser Wetterschein | wiederholte sich jetzt jeden Wend, ohne daß der erlösende | Regen kam. Jeden Morgen stand derselbe glühende, wolkenlose Himmel über der verschmachteten Erde. . | Der Sterbende litt heute schwer unter der Schwüle, uiro eben war Traute wieder zu ihm gegangen, besorgt um j sein Ergehen, doch als sie ihn schlummernd fand, kehrte | sie zu Natta zurück. . , . „ Diese saß wie ein Geist auf dem niedrigen Lattenzaun I des Gartens, die Hände um das Knie aefchlungen, dis | schwarzen Zöpfe über die Schultern auf ihr weißes Kleid | fallend, und die großen, durstigen Augen wie in verzehren- I der Sehnsucht in die Ferne gerichtet. | „Mignon", sagte Traute unwillkürlich zu ihr und legte | den Arm um sie. , „O, Traute", rief Natta aufschreckend, „ich habe Dix noch nicht alles gesagt, Du haß keine Ahnung ,was ich leide! Ich sterbe vor Eifersucht!" „Eifersucht? — Auf wen? —" , Kattas schlanke Finger krampften sich um Trautens Arm, sie beugte sich zu ihr und flüsterte! ,M _ift em I furchtbarer Verdacht! Nein — es ist Gewißheit uöpi 1 doch kann ich es nicht beweisen. Mer ich weiß es, so wahr Altar zu stellen, ich mußte die ganze Zeit stehen, und I dazu driickte niich der Atlasschuh auf dem linken Fuß ganz I unerträglich. Der Pastor konnte wie gewöhnlich kem Ende finden, ich stand auf einem Bein, während er höchst erbaulich über den Ehestand — Wehestand und so weiter, salbaderte." Einige lachten und ergingen sich in Neckereien, wo- I rauf der Hausherr die erste Gelegenheit benutzte, um die I Tafel aufzuheben. Man ging in den Gartensaal zuruck und 1 Traute zog Natta mit sich auf die Veranda hinaus. Es war dunkel geworden, kohlschwarz standen die alten Kastanien vor der Terrasse, während ein trockener, durstiger Nachtwind Staub und trockene Blätter aufwirbelte und die Luft mit flauem, welkem Rosengeruch erfüllte. Die jungen Mädchen lehnten schweigend, jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, über die Balustrade des Balkons, als sich Natta plötzlich umwandte und durch das Fenster in den erleuchteten Salon starrte. Verwundert blickte sich Traute um, als sie ein leises Lachen hörte. „ „ t „ Ta stand Natta, die kleinen schmalen Hande zu Fausten geballt, die Augen sprühend. „Sie spielen wieder Schach!" kam es zischend von ihren -^Traute folgte ihren Blicken und gewahrte, daß Wma und Herr von Löschwitz sich eben zu einer Partie Schach I in einer entgegengesetzten Fensterecke niederließen. I „Nun läßt sie ihn vor einigen Stunden nicht fort!" flüsterte Natta und stampfte mit dem Fuße. „Die dumme Gans!" fuhr fie in besinnungsloser Leidenschaft fort, „bildet sich ein, sie macht ihn glücklich damit, und er zählt doch die Minuten, um sortzukommen!" In diesem Augenblick trat Paul Lehmigke zu den jungen Machen heraus, und Natta lief in das Haus zurück. | Traute stand ihm allein gegenüber. Jetzt muß fie reden. Dabei fiel ihr jener Abend ein, als Paul Lehmigke zum I ersten Male als Gast in Brautikow war, und fie hier auf । dieser selben Terrasse, fast zur selben Stunde zusammen waren. Vielleicht dachte er auch daran, er sah eure Weile schweigend in die Nacht hinaus. „Sie haben mir noch gar nicht erzählt, wie es mit Ihrer Arbeit in Kienberg geht? Haben Sie sich nun etwas eingelebt? fragte er freundlich-. „Ja — nein —" stammelte Traute, die Augen niederschlagend, „ich glaube — ich fürchte — ich bin meiner Aufgabe nicht ganz gewachsen." Er sah überrascht auf. „O, das findet sich, es macht sich mit der Zeit. Nur nicht den Mut verlieren." „Nein, ich werde nie tüchtig in diesem Fach sein", fuhr Traute mit dem Mute der Verzweiflung fort, „darum werde ich nie Befriedigung finden. Ich komme heute mit der großen Bitte, daß Sie mich wieder frei geben, ohne mir für den scheinbaren Undank böse zu sein. Es hat sich mir eine ausgezeichnete Stellung bei einer reichen, alten Dame geboten, die mich als Ersatz für ihre verheiratete Tochter zu sich- zu nehmen wünscht. Ich werde mit ihr reisen und die Welt sehen. Ich glaube, das eignet sich besser für meine Fähigkeiten." Wie etwas Auswendiggelerntes hatte Traute die Worte heruntergehaspelt, sie wagte es nicht, Lehmigke anzusehen, ihre zitternden Finger rissen krampfhaft an der Troddel eines von dem Zeltdach herabhängendeii Seiles. Ein peinliches Schweigen folgte. „Sie sind jeden Augenblick frei, zu thun, was Ihnen beliebt", sagte Paul Lehmigke endlich mit gänzliche verändertem Ton, „allerdings muh ich Sie bitten, Ihren Verpflichtungen in Kienberg noch bis Ende des Monats nachzukommen, bis dahin hoffe ich alsdann einen Ersatz gefunden zu haben." „Ich werde jedenfalls bleiben, bis Sie einen vollkommen ausreichenden Ersatz gesunden haben — und — und — darf ich hoffen — daß Sie auch fernerhin meiner Mutter und Schwester freundlich gewogen bleiben?" Trautens Stimme zitterte und fie schluckte an ihren aussteigenden Thräuen. „Ich- habe jetzt keine Ursache, meinen Kontrakt zu brechen, muß jedoch nach dem, was ich von Ihnen höre, fürchten, daß auch Ihre Mutter und Schwester die Kienberger Einsamkeit nicht lange ertragen werden/« „O nein, nein, sie werden gern dort bleiben." 435 war sogar ein Bewerber um Evas Hand; es soll nur mit der Barmitgift etwas gehapert haben. Die Bibliothek trug im ganzen 4180 Franken ein. Demnächst folgt int Hotel Tro not >er Weinkeller. Ten verschiedenen „Spuren" lpistes) der Familie nachzuforschen, verlohnt sich kaum der Mühe, denn nachgerade entwickÄt sich hier und anderswo eine neue Krankheit, die Humbertriecherei. — Was nun die allgemein verbreitete Annahme betrifft, als treibe die Polizei mit der Familie Humbert, wie zur Zeit mit Arton nur ein Versteckspiel, so läßt sie sich angesichts des soeben vorgekommenen Falles Gavarry kaum mehr halten. Dieser Fall ist, wie so manches andere bei dem Erbschaftsschwindel, an sich fast unglaublich Mau höre: Camille Gavarry, ein Mann, der seit 22 Jahren im Auswärtigen Amte thätig ist, Kabinettschef Nibots war unb augenblicklich den Rang eines bevollmächtigten Ministers bekleidet, wurde in der vorigen Woche in seiner Wohnung aufgehoben und mitsamt seiner beschlagnahmten Korrespondenz in Gewahrsam gebracht, und zwar auf den Verdacht hin, die Humberts, wenn nicht bei sich beherbergt, so d och mit Passen des Auswärtigen Amtes ausgestattet zü haben. Der anonyme Brief, auf den hin dio Maßregel angeblich erfolgte, war für die Untersuchungsrichter so zwingend, daß alle, Oberstaatsanwalt, zwei Untersuchungsrichter und der Chef der Geheimpolizei mit acht Agenten, in die Wohnung Gavarrvs drangen, sie von oben bis unten durchsuchten und sogar fetne kranke Frau nötigten, aufzustehen; daran schloß sich eine Durchstöberung seiner Stube int Auswärtigen Amte. Das Ergebnis aber bestand in zwei Exemplaren von Paßformularen und einer Frer- markensammlung; mit jenen Exemplaren, von denen das eine längst veraltet war, glaubt man beweisen zu können, daß er den Humberts die nötigen Pässe zur Flucht aus-- gestellt habe; und an der Hand der Freimarkensammlung will man den Aufenthaltsort der Humberts entdecken. Ga- varry wurde nun nach einigen Stunden banger Haft wieder entlassen; aber es lastet auf ihm der Fleck einer, wenn wach nur vorübergehenden und völlig unbegründeten Haft. Der Ursprung dieses für Gavarrys Laufbahn vielleicht verhänge niet)ollen Zwischenfalles ist folgender: Als Gavarrh sich verheiratete, erhielt er, einbegriffen in die Mitgift, ettte Schuldverschreibung von 700 000 Francs, die sein Schwiegervater, ein Notar, der Frau Therese Humbert geliehen hatte. Tie Schuldverschxeibung brachte Gavarry von selbst in geschäftliche Beziehungen zur Familie Humbert; aber, tote so viele andere von Therese gehänselte Gläubiger, hatte auch er ein unbedingtes Vertrauen auf ihre Ehrenhafttgkett; und zwar ging dieses Vertrauen so weit, daß er zur Zeit, da der Matin seinen Preßfeldzug gegen die Humberts an- strengte, sich anbot, ihr einen bewährten Journalisten vom „Figaro", Jules Huret, zuzuseuden, damit dieser sich ihrer Sache in der Oesfentlichkeit annähme. Jules Huret lteß auch Gavarrys Empfehlungsbrief int Hause der Frau Humbert zurück; aber au demselben Tage eben ergriff fte bte Flucht unb -d er Brief verblieb bei bet Hausmeisterin Parayse, bereit Manu, ein früherer Schulmeister, das Faktotum der Familie gewesen war. Die Frau nun war es, welche bte Beschuldigung gegen Gavarry erhob; und den Anhaltspunkt dazu gab eben jener Empfehlungsbrief. Es ist nun wohl kaum anzunehmen, daß Gericht und Polizei, wenn sie wirklich über den Verbleib der §untbertS unb Daur-lguacs em Auge zubrückten, sich leichtsinnig an einem so hochgestellten Mann, wie Gavarry, vergreifen würden. — Erwähnenswert aus der früheren Chronik der Schwindelerbschaft smd noch folgende zwei Beiträge. Im Jahre 1883 verpfändete Frau Humbert für 700 000 Francs ein Schloß zu Tarbes m den Pyrenäen, das überhaupt gar nicht vorhanden war. Tas soll ihr einer nachmachen, und zwar so, daß er 20 Jahre unbehelligt bleibt. Der zweite Beitrag bezieht sich, auf bte Rententitel, bie Therese wiederholt ihren Gläubigern tu ihrem Gelbschrank unterbreitete. Sie scheint nun diesen KUlff schon 1883 mit Erfolg betrieben zu haben; sie war damals im stände, drei Rententitel aufzuweisen, für je 400 000 Francs für sich und ihren Gatten und einen dritten auf den Namen ihrer Tochter Eva. Daraufhin ließ sich ein damaliger Gläubiger denn mürbe machen. Sich an zuständiger Stelle, tnt sogen. Grand Livre, wo alle Rententitel verzeichnet sind, zu erkundigen, siel ihm nicht ein; der Ueberzeugungsmagne- tismUs, mit welchem Therese ihre Gläubiger bändigt«,schssuit damals schon groß gewesen zu sein. Jetzt nun aber hat der Untersuchungsrichter Lehbet festgestellt, daß bte btej Humberts im Großen Buche nur mit zusammen 11 Francs ich hier sitze — Alma ist eine schlechte Frau — sie ist ihrem Manne untreu!" Stoßweise rangen sich die Worte von ihren Lippen, ihr ganzer Körper bebte, mit beiden Händen hatte sie Trante gepackt, unb ihr Atem keuchte. Gin fahler, flammenber Wetterschein zuckte über sie hin unb gab ihren verzerrten Zügen ein geisterhaftes Aussehen. Traute fuhr mit einem leisen Schrei empor. „Natta — um Gottes willen — weißt Du, was Du sagst?" Ein Käuzchen rief von beut alten, knorrigen Apfelbaum im fernsten Gartenwinkel, eintönig, melancholisch wteberholte sich bas: „Komm mit, komm mit!" unzählige Male, währenb ein hohler Luftzug die faulig süßen Blumengerüche aus allen Gärten des Dorfes zusammenwehte. „Ich weiß es ganz genau", sagte Natta dumpf. „Ich kann es nicht glauben!" „O, daß ich beweisen könnte! Aber ich bin überzeugt, der Augenblick wird kommen, der ihre ganze Schlechtigkeit an das Licht bringt!" „Es wäre entsetzlich! Es kann nicht wahr fern!" „Wenn Onkel Paul einmal die Augen aufgehen, giebt es ein großes Unglück, aber er geht ja einher wie ein Blinder, weil ihm seine Frau so gräßlich gleichgültig ist." „Aber warum hat er sie denn geheiratet? Und sie ist doch eine schöne Frau!" . , „Schön? Ha, ha — ja, schon tote etne Schankmamsell! Und ich glaube, er hat nicht sie, sondern sie ihn geheiratet, in einem Augenblick, wo ihm alles egal war. Ich- habe mal so etwas gehört — er hat eine andere haben wollen, die einzige, au der ihm etwas lag — und die wollte ihn nicht, trotzdem sie atm war. Es soll ihm furchtbar zu Herzen gegangen sein. Da haben denn bie betben Familien Gelb und Gelb zusammengethau, wie ba§; so ist!" (Fortsetzung folgt.) Zum Hnmbert-Crawford-Schwiirdel. Tie großen Ereignisse, an bereu Schwelle wir so oft schon zu stehen meinten, sinb immer noch nicht eingetreten; webet ist bet große juristische Werkmeister entbeckt, ber den ganzen Erbschastsschwiubel vorbereitete unb im Einverständnis mit Frau Therese finbig durchsetzte, noch haben bte .endlosen Winke, die ber Polizeipräfektur zugegangen sind, zu irgenb einer verläßlichen Spur bet Verschwundenen geführt. Auch fragt es sich noch, ob der Schwiegervater Gustave Humbert zu den Betrügern oder zu den Betrogenen gehörte, und immer noch stehen wir vor dem Rätsel, tote es möglich wat, daß eine ganze Gesellschaft von sechs Personen, darunter ein baumlanges Fräulein von fast 2 Meter Höhe, Eva Humbert, sich geradezu verflüch-tigeu konnte, als habe sie dem Nibelungen Siegfried die unsichtbar machende Tarnkappe entliehen. Einen eigentlichen Fortschritt bezeichnet bei diesem Geheimnis stur die Ber- steigerUng der Hinterlassenschaft, die den Gläubigern zu gute kommt; allerdings ist ihr Ergebnis ein bloßer Drapfen, verglichen mit dem Meere von Schstlden, das sich tagtäglich durch neue Zuflüsse unerledigter Forderungen mehrt. Mles, was das Schloß Vives-Eaux unb das Weingut Celeyrau enthielte, ist unter den Hammer gekommen und hat zum Teil als Erinnerungsstücke an die märchenhafte Frau Therese Ungewöhnlich hohe Preise erzielt. Augenblicklich ist seit vierzehn Tagen die Reihe an dem Wohnhause der Avenue de la Grande Armee. Der Verkauf der Bildersammlung, die eine Menge von Meistern ersten Ranges enthielt, bildete ein öffentliches Ereignis; ebenso bie Versteigerung bes berüchtigten Gelbschirankes, ber 3500 Franken einbrachte; er warb, ba er außerordentlich schwer war, mittels eines besonderen Gerüstes vom dritten Stock heruntergelassen und dort wie im Auktionssaale abergläubisch angestiert, als enthielte er heut noch das Geheimnis der 100 Millionen-Erb- schaft. Die Bibliothek Frsberic Humberts, 2500 Bände stark, war an sich unbedeutend, wertvoll nur durch- die Widmungen, mit denen einige Werke versehen waren. So trug das von Felix Fanre veranstaltete Prachtwerk „Les chasses de Rambouillet“ die Unterschrift des Präsidenten, während seine Tochter Lucie Faure ihr Buch, über den Kardinal Newman der Frau Therese mit einer äußerst warmen Widmung geschwenkt hat. Auatole France war ebenfalls in der Bibliothek mit seinem „Livre de mon ami“ vertreten; aber die Widmung war an Paul Dcschanel, war eben in Paris tote in Vives-Eaux ein häufiger Gast, hatte dort sein Zimmer und 436 Redaktion; Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniverMts-Bnch- und Steindrvckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Litterarisches. Wanderleben in den Bereinigten Staaten von Boecklin (Verlag Joh. Cotta Nachfgr., Leipzig. Preis 3 Mk.). Das Buch zeigt eine tiefe Kenntnis der amerikanischen Verhältnisse, besonders des Lebens und Treibens der Deutschen, die ihr Vaterland verlassen haben, um stch in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat zu suchen. Viele humoristische Züge sind in die Erzählung, eingeflochten, die d adurch eine außerordentlich interessante Lektüre bietet. Wie wird man ein tüchtiger Stenograph? Dies rst der Titel eines in dem bekannten Verlage von Hugo Sternrtz in Berlin soeben erschienenen Buches. Dasselbe rst von dem Lehrer der Stenographie P. Ch. Martens verfaßt und legt besonderes Gewicht darauf, nicht allein ein System (das Stolze-Schrey'sche) vorzu- führen, sondern bespricht auch ausführlich, das Wesen und den Nutzen der Stenographie, die Stenographie im Dienste des Geschäftsinannes u. a. Der Preis beträgt 1 Mk. ~ Rentenzinsen eingetragen sind, davon entfallen je 4 auf das Ehepaar Und 3 auf auf die Tochter. Da es nUn abeir anderseits eine Thatsache ist, daß Therese obige Titel zeigte, so wird angenommen, daß sie sich von einem Gehilfen der Rententiteldruckerei offene Exemplare von einem solchen Schein verschaffte und dann Zahlen wie Unterschriften fälschen ließ. Fügt man noch die vielen Opfer ihrer Betrügereien, so wie sie nach und nach auftreten, hinzu, so bestätigt sich immer mehr das prophetische Wort Waldeck- Rousseaus, daß wir vor einer der größten Schwindeleien des Jahrhunderts stehen. Vermischtes. Blühende Blnmen auf dem Balkon sind der Wunsch vieler Tarnen. Man kann sich immerblühende Töpfe sehr leicht verschaffen, wenn man die verblühten Blumen zur rechten Zeit abpflückt, d. h. sobald sie die allererste Neigung! zum Verblühen zeigen. In der Zeit des Abblühens und Samenbildens entzieht die Blume ihren: Stamm die meiste Kraft. Läßt man diese Kraft in die Samen schießen, so bilden sich auch keine weiteren Blüten. Für Pethunien, Geranien und Fuchsien isst das Abschneiden der Blumen dringend geboten. Bei Rosen schneidet man womöglich schon die halberblüthen Knospen vom Stamm. Sie halten sich im Wasser länger als am Strauch, dieser aber treibt zum Tank während des ganzen Sommers neue KUospen. Weibliche Ruche. Ein englischer Ehescheidungsprozeß hat ganz merkwürdige Thatsachen zu Tage gefördert. Der auf Scheidung verklagte Ehemann heißt To mb s und ist in Pembroke Friedensrichter sowie Besitzer eines großen Schnittwarengeschäftes. Außerdem ist er Chorführer in der Methodistenkirche. Im Jahre 1885 heiratete er, und die Frau legte ihre kleinen Ersparnisse in seinem Geschäfte an. Der eheliche Friede dauerte nicht lange, denn Mr. Dombs hatte die üble Gewohnheit, mit den Ladenfräulein intime Verhältnisse anzuknüpsen. So lange es sich nur um ihre eigenen Angestellten handelte, half sich die Frau damit) daß sie eine nach der anderen entließ. Mr. Tombs wendete aber sein Herz einem Fräulein Lizzie Burchell zu, die ein eigenes Kauflädchen hatte, und die er aus dem Chor der Methodistenkirche traf, wo er ihr fromme Kirchenlieder einstudierte. Frau Dombs gelang es, unter den Effekten ihres Mannes) die Briefe zu finden, welche Fräulein Lizzie dem Friedensrichter schrieb. Es wimmelte darin von Lieb esb Steuerung en, zwischen welche Strophen aus frommen Liedern eingestreut waren, aus denen die Schreiberin die Rechtfertigung des unerlaubten Verhältnisses ableitete. So hieß es zum Beispiel, daß der Herr versprochen habe, die Fehltritte, welche seine Getreuen begehen, mit feiner Gnade zu bedecken. Zum Schlüsse kam immer die Aufforderung: ,Mir finden uns heute abends um halb Elf oder etwas früher im Gebet zusammen." Diese Briefe klebte Frau Tombs an das große Au s l a g e f e n st e r ihres Geschäftes) wo bald halb Pembroke angefammelt war, Um die zärtlichen Ergüsse zu lesen. Mr. Tombs ließ die Briefe durch die Polizei entfernen. Frau Tombs strengte nun die Scheidungsklage an; die Verhandlung an; die Verhandlung wurde aber aus Mangel an Beweisen vertagt. Was muß mau von Darwin wissen? Diese Frage beantwortet H. Spitz in knapper, übersichtlicher Darstellung in einem soeben im Verlage von Hugo Steinitz in Berlin erschienenem Buche. Der Preis beträgt 1 Mk. Mittelbachs Radfahrerkarten. Neben übersichtlichen Wegedarstellungen geben diese gediegen ausgestatteten Karten sichere Auskunft über Gefälle und Steigungen, über den Zustand der Straßen, über gefährliche Stellen, Entfernungen, kurz über alles, was der Radler wissen muß. Tie Preise der vortrefflichen Karten sind seht: mäßige, so kosten die Blätter Harz, Thüringen, Schweiz/ Tirol, Salzkammergut usw. aufgezogen je 2 Mk./ und die sehr großen Blätter Mittelrh eing eb iet), Schwarzwald und Vogesen, Schles. Gebirge/ Schleswig-Holstein usw. aufgezogen je 2.50 Mk. Meyers Volksbücher (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien) lassen soeben der vor kurzem erschienenen Ausgabe von Darwins „Entstehung der Arten" eine mit ausführlicher Einleitung, vielen erläuternden Anmerkungen, 78 Illustrationen und umfang-, reichem Register versehene Uebersetzung be§' zweiten Hauptwerkes des bahnbrechenden englischen Naturforschers! folgen, nämlich die „Abstammung des Menschen"/ 2.Bände (Nr. 1311—1319 Und Nr. 1320—1328). Gleichi- zeitig mit diesem bedeutenden Werke sind in derselben Serie auch der kraft- und humorvolle vaterländische Roman „Di e Hosen des Herrn von Bredow" von Willibald Alexis (Nr. 1329—1333) und Friedrich Halms erschütterndes Trauerspiel „Der Fechter von Ravenna" (Nr. 1334) ausgegeben worden. Ter Preis jeder Nummer beträgt 10 Pfg. Heimat und Vaterland. Gedichte von August Storch (Butzbach). Ca. 100 Seiten mit zahlreichen Big-, netten. (Preis: broschiert 1.20 Mk., gebunden 1.60 Mk. Herausgegebeu zum Besten des Hessischen Lehrerheims.) „Was der Verfasser in begeisterten Stunden erdacht und! niedergeschrieben hat, soll die Stimmungen, die Empfindungen, die inneren Regungen ausdrücken und dazu beitragen, den Patriotismus zu heben, zu fördern. In einer Zeit, in ib'er soziale Fragen das Interesse der Menschen in einer Weise in Anspruchs nehmen, daß ideale Regungen schier unterdrückt werden können, darf man kein redliches Mittel unversucht lassen, um den Geist auf Gebiete zu lenken, die über den Tummelplätzen materieller Sorge liegen und von welchen das liebevolle Streben, für das Allgemeinwohl zu wirken, Nahrung empfängt." „Jaromir I., der Fürst von Rügen." Historische Novelle von W t l h e lm S ch u st e r. (E. P t e r so n s Verlag) Dresden. Preis 2 Mk.) „Die knappe, flotte und reizvoll geschriebene Novelle behandelt den letzten Akt des Kampfes, in dem die heidnischen Wenden auf der Insel Rügen dem Vordringen der bereits christlichen germanischen Völker, welche diese urdeutsche Insel wiederum für den Christengott und die Krone Dänemarks eroberten, nach hartnäckigem Widerstand erlagen. Kenner und Freunde der. waldgrünen Ostseeinsel werden mit Vergnügen die Bilder aus der Ältesten Zeit des kreideklippigen Eilands vor ihren Augen vorüberziehen lassen." Erschienen sind: Heft 23 der „Modernen Kunst" (Verlag von Rich. Bong, Berlin W. 57 — Preis des Einzelheftes 60 Pfg), — Heft 25 der trefflichen illustrierten Familienzeitschrift „Zur Guten Stunde (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., W. 57 — Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.), — Heft 25 der weitverbreiteten Zeitschrift „Für Alle Welt" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W. 57 — Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) — Heft 40 der allgemein beliebten und gern gesehenen, reich illustrierten Wochenschirtft „Ueberall" (Verlag Boll & Pickardt, Berlin NW. — Preis des Heftes 30 Pfg.). Scherzrätsel. Machst Du ein eit, dann Bist Du ein höflicher Mann. Hältst Du einen, dann Bist Du kein armer Mann. Auflösung der altröntischen Inschrift in vor. Nr.r Haltloser Einwand. (H = §, antiquus ---- alt, sortes = Lose, purus = rein, paries ---- Wand.)