Mittwoch den 25. Juni. Nr. 93. 1902. 0 jQTWv hm iqQ nicht von jedem Ungemach Dir saure Wochen machen; Was du verlachst ein Jahr danach, Kannst du schon heut' verlachen. Julius Lohmeyer. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Nie wird er das Bild aus seinem Gedächtnis löschen rönnen, wie mit höllischem Feuer ist es von der Stunde >an in seine Seele gebrannt, der schmale, in grünem Dämmerlicht sich verlierende Pfad, und unter der Wölbung des Buchen- und Haselgesträuchs das junge Menschenpaar, Arm in Arm aneinandergeschmiegt, in den flimmernden Lichtfunken, die die Sonne durch das Geäst über sie und in den Waldschatten streut. Ein kalter Schauer überlief ihn, und Alma sreht seine Qual. Sie lächelt, aber es ist ein unheimliches Lächeln. „Ah", sagt sie noch einmal, mit' einem langen, ausdrucksvollen Ah, „da haben wir ja unser Eispärchen. Es scheint, die jungen Leute machen Fortschritte. Tu kannst ja noch einmal behaupten, der Ruf dieser jungen Dame sei ihre Sache, wenn sie sich mit ihrem Galan an öffentlichen Landstraßen herumtreibt, und sich in solchen Situationen zur Schau bietet." „Was geht das mich und Dich an?" stieß Paul hervor, und es war ein heiserer Ton in seiner Stimme, der fast wie Haß klang. Aber er sollte den Kelch bis auf die Nerge leeren. Im Neuen Schützenhaus trafen sie Herrn und Frau Jänisch mit Herrn und Frau Lehmigke. Zufällig fanden sich noch einige Verwandte und Bekannte dazu, und man bildete in dem Borgarten des Schützenhauses eine lange Kaffeetafel, an der das Brautpaar präsidieren mußte, und wo die Verlobuna in heiterster Stimmung gefeiert wurde. Alma war die Königin in diesem Kreis und wurde von Müttern und Tanten lebhaft bewundert. Man flüsterte sich den Preis ihrer neuen Frühjahrstoilette zu, applaudierte jedes Wort und jeden ihrer etwas lauten Scherze, während mau Pauls Zerstreutheit als maßlose Verliebtheit deutete. Tie bevorstehende Hochzeit und Almas Trousseau boten den Damen unerschöpflichen Gesprächsstoff, während die Herren sich, lebhaft für Pauls Thätigkert in Brantikow interessierten. Dieser entwarf eben ein anschauliches Bild der verlotterten Wirtschaft, die er auf dem Gute vorgefunden, als Traute mit Camill Stauffen den Restaurationsgarten betrat. Sie hatten sich im Walde müde gelaufen, und wollten sich ausruhen und stärken, bevor sie Heimkehrten. Traute achtete gar nicht auf die anwesenden Menschen, ebenso wenig wie sie vorher Paul Lehmigke in dem vorüberrollenden Wagen erkannt hatte. Sie war zu sehr mit sich und ihrem Glück beschäftigt, und da der Garten ziemlich gefüllt war, bemerkte sie die Familientafel der Leh- megkes und Jänifches nicht. Es war so wonnig, hier im Freien unter den Baumen zu sitzen, allein mit dem Geliebten. Bor ihnen lag der herrliche Wald, und die Vögel zwitscherten und jubelten über ihnen in den Zweigen. Sie hatten ein etwas entlegenes Plätzchen gewählt, und saßen dicht nebeneinander auf der Holzbank, berauscht von dem Hochgefühl ihres jungen Glücks. Sie hatten sich unendlich viel zu sagen, und versanken doch immer wieder in seliges Schweigen. Ein Blick, ein Lächeln, ein verstohlener Händedruck, sprachen alles aus und genügten, um sich gegenseitig zu verstehen. Tie unbedeutendste Kleinigkeit gab Anlaß zu Scherz und fröhlichen Neckereien. Als Traute den Kaffee einschenkte und servierte, nannte Camill sie seine kleine Hausfrau, und Traute errötete vor Freude. Sie hatte keine Ahnung, daß sie beobachtet wurde, und wie scharf man fiß beurteilte. Almas Augen entging niemand im ganzen Lokal, und bald war ein Geflüster an der Familientafel, ein verstohlenes Sichumwenden und Hälseverdrehen nach dem interessanten Paar unter den Eschen in der gegenüberliegenden Ecke des Gartens, das Paul Lehmigke äußerste Pein verursachte. Auch er hatte Camill und Traute sofort bemerk, und er saß seitdem wie aus Kohlen. Gr bemühte sich, sie gänzlich zu ignorieren, und das geschäftliche Gespräch mit den Männern seines Kreises fortzusetzen, aber auch, diese wurden neugierig durch das Tuscheln und Hälseverdrehen der Damen, und fragten, was es gäbe. „Siehste Paul", sagte Papa Lehmigke, als er den Sachverhalt begriffen hatte, „wie dumm die Leute find? Habe ich's nicht gesagt, daß dieser Mann nicht nur fern Gut, sondern auch seine Kinder zu Grunde richten wird? Herr Jeses, 's ist ewig schade um das Prachtmädchen — wirft sich weg an so'n hergelaufenen Grafen, der niemals keine reellen Absichten hat. Na, da is nu nichts mehr zu retten — mit denen geht's bergab — aber feste. Ins Irrenhaus müßte so'n Vater, reineweg ins Irrenhaus für fernen Hochmut und seine Dummheit!" „Aber, lieber Schwiegerpapa", sagte Alma' spitz, „Du kannst doch dem Vater nicht allem die Schuld geben. Es giebt viele verarmte Mädchen, die trotzdem anständig bleib en " Alma hatte das empfindliche Bewußtsein, W der alte Lehmigke Traute Belten lieber zur Schwiegertochter 370 tzkbabt hätte, als sie selbst, trotz ihrer baren Mitgift, uno sie konnte Traute in den Augen der Anwesenden nicht tief genug erniedrigen. In lebhaften Farben schilderte sie die intime Situation, in der sie tzas junge Mädchen mir ihrem Liebhaber kurz vorher überrascht hatten, und jedes ihrer Worte war ein wohlberechneter Nadelstich in jene verborgene Wunde, die sie im Herzen ihres Verlobten ahnte. Paul verzog keine Miene, er blieb gelassen und scheinbar vollkommen gleichgiltig, aber er batte das Gefühl, als ob er jemand erwürgen möchte. Und während er dem häßlichen Klatsch der Frauen zuhören mußte, verließen Traute und Camill den Garten. Noch lange sah er ihre schlanken Gestalten, wie sie traulich langsam den Wiesen- psad hinunterschlenderten, bis sie in dem goldenen Abendduft der Ferne verschwanden. Zwölftes Kapitel. Erst an der letzten Straßenecke, vor dem Hause ihrer Elteru, fiel Traute eilt, daß ihr langes Ausbleiben daheim wohl einer Erklärung bedürfe . „Was soll ich meinen Eltern sagen?" fragte sie, als Camill ihr die Hand zum Wschied reichte. „Vorläufig uichts. Tn kennst ja meine Lage, erst muß ich die Schulbank überwunden haben, ehe ich Herr meiner selbst bin. Wir müssen unser Verhältnis geheim halten, oder ich käme in allerlei Unannehmlichkeiten. Tas siehst Tn doch ein, süßer Schatz?" „Ja — aber — ich weiß nicht, was sie von meinem Ausbleiben heute denken werden! Wie soll ich es erklären?" fragte Traute kleinlaut. „Nun — ich weiß nicht, wie Tn mit Deinen Eltern stehst — entweder sage ihnen die Wahrheit, Tn seist mit mir spazieren gegangen, oder —" „Ich sage ihnen jedenfalls die Wahrheit", erwiderte Traute schnell. Etwas beklommen betrat sie die elterliche Wohnung. „Wo bist Tu gewesen?" fragte Herr Velten streng, als sie die Eltern möglichst harmlos begrüßte. „O, Papa, das Wetter war so herrlich, Graf Stausfen Überredete mich zu einem Spaziergang in das Rosenthal." „So hast Du Dich den ganzen Nachmittag allein mit ihm herumgetrieben?" Traute sah bestürzt aus, und ihre Mutter blickte sorgenvoll auf. „Wer Papa —" ,„Haben denn unsere Lehren und die sorgfältige Erziehung, die wir Euch gaben, so wenig gefruchtet, daß Tu Tich so vergessen kannst? Weißt Du so wenig, was einer Dame zukommt?" Traute war heftig erschrocken. Ihr Vater hatte bis jetzt gegen den harmlos freien Verkehr mit Graf Stauffen nichts einzuwenden gehabt, im Gegenteil, gegen die leisen Warnungen der Mutter hatte er ihr jede Gelegenheit gewährt, die sie mit Camill näher und näher zusammenführte. Dar heutige Spaziergang war nur ein kleiner Schritt weiter gewesen auf dem einmal betretenen Wege — sie hatte sich darum die Konsequenzen nicht so ernsthaft gedacht. „Mein Gott, auch das noch!" stöhnte Herr Belten in seiner Sophaecke, „auch das noch zu all dem Unglück! Daß ich das an meiner Tochter erleben muß!" Traute brach in Thränen aus. „Ws ich Dir den freundschaftlichen Verkehr mit Stauffen gestattete, that ich es in dem vollen Vertrauen, daß meine Tochter weiß, was ihr zukommt. Entweder sie bleibt in den strengsten Grenzen der Zurückhaltung, oder der junge Mann, der sich um ihre Gunst bewirbt, heiratet ste. Wenn Du Dich aber auf solche Weise fortwirfst, kannst Tu Dich nicht wundern, wenn —" Jetzt bäumte sich Trautens Stolz aus, einen solchen Vorwurf ertrug sie nicht. „ faß1 Dir denn, daß er mich nicht heiraten will? Er liebt mich und er wird mich heiraten, aber so lange er noch auf der Schstle ist, kann er nicht selbständig handeln, jetzt sind ihm noch die Hände gebunden!" „Ah — das ist etwas anderes — hat er Dir das gesagt?" „Ja, er hat es mir gesagt, aber er hat mich gebetest, vorläufig zu schweigen. Er könnte sonst in große Un- tmnehmlichkeiten kommen." Siebes Kind, ich sehe ein- daß dieser Fall ein Aus-, nahmefaK ist, und unter den obwaltenden Umständen soll Dir Deine heutige Unvorsichtigkeit verziehen sein. Tu mußt mir aber fest versprechen, daß Tu von heute an nicht mehr solche Streiche machst. Ihr habt nun Gelegenheit gehabt. Euch gegenseitig Eurer Liebe zu versichern — das ist so weit ganz gut — von nun an mußt Tu aber sehr klug und zurückhaltend sein, wenn Tu ihn für immer an Tich fesseln willst. Bedenke das wohl. Männer heiraten niemals Frauen, die ihnen unerlaubte Freiheiten gestatten. Hier im elterlichen Hause kannst Tu mit Stauffen verkehren so viel Tu willst, aber nie mehr allein, am dritten Ort. Tas hat nun ein für allemal ein Ende!" Traute schlich bedrückt davon. Wie schade, daß sie nicht offen vor aller Welt dem Geliebten gehören durste! Und welch ein unerträglicher Zwang, nur unter den Augen der Eltern mit ihm zu verkehren! Camill Stauffen schlenderte, nachdem er Traute verlassen hatte, in die Stadt. Auch er war in zu gehobener, glücklicher Stimmung, um sich auf sein Zimmer setzen und arbeiten zu können. Er suchte jemand, mit dem er den Tag fröhlich beschließen konnte. An der Ecke der Grimmaschen und Peterstraße stieß er auf einen alten Bekanntenden er lange nicht gesehen hatte. „Heda, Löschnitz, Sie kommen mir gerade recht. Ich muß heute abend jemand haben, der sich auf mein Wohl bezecht. Aber, Mensch Sie sehen ja aus, als ob Ihnen die Influenza in den Knochen steckte, oder ist es nur eini bombenmäßiger Kater?" „Bester Stauffen — Sie wissen nicht? Muß Dienst quittieren, bin ein toter Mann." Ein verzerrtes Lächeln ging über das fahle Gesicht des jungen Mannes. „Zum Teufel auch, will der Alte nicht mehr berappen? Hat er so wenig Verstand für seine Vaterpflichten?" fragte Camill, indem er fernen Arm in den des Leutnants schob, der bereits keine Uniform mehr trug. „Er kann nicht", erwiderte Löschwitz dumpf. „Vor allen Dingen suchen wir uns ein gemütliches Plätzchen, wo wir die Sache in Ruhe besprechen können", schlug Camill vor, und bald saßen beide hinter einer Flaschie Sekt im Eiskübel, die Stauffen bestellt hatte, bet Aecker- lein. Löschnitz goß hastig einige Gläser des schäumenden Weines hinunter, dann wurde er mitteilsam. „Wenn ich nur könnte, wie ich wollte", hob er an, „dann würde ich wahrhaftig hier nicht sitzen und Ihnen die Jacke voll heulen. Wer — ich habe eine alte Mutter zu Hause- und der darf ich's ja nicht anthun. Es ist ein eigen Ting um so 'ne Mutter. Merkwürdig bleibt's immer und für mich ein Rätsel — wie schlecht die Weiber sind, und was für gute Mütter!" „Na, na", unterbrach Stausfen, „'s giebt doch verflucht süße Weiber aus der Welt. Und mir sind die jungen lieber wie die alten. Was meine Mutter betrifft, so erinnere ich mich nur, daß ich ihr als Kind immer drei Schritt vont Leib bleiben mußte, von wegen der Nerven und der Toilette. Und später sieht man sich ja nicht mehr allzuviel/« „O", sagte Löschwitz mit einem langgedehnten Seufzer- „meine Mutter war anders. Wer mit der Liebe bin ich gescheitert." „Hallo! alter Freund! Hier mal erst ordentlich einen trinken. Tann sieht sich die Sachte gleich anders an. Macht mich ein blaues Auge krank, ein braunes muß mich heilen! Und mit diesem Trunk im Leibe siehst Tu schließlich Helena in jedem Weibe!" Löschnitz trank mit fast wilder Gier. „Nein, Stauffen, wer so spricht, hat nie geliebt! Ich war zu glücklich, und bin zu jäh aus meinen Himmeln gestürzt, um mich von diesem Fäll erheben zu können. Und mit meiner Liebe hatte ich alles gewonnen. Nicht nur den Besitz des Herr-, lichsten Weibes, sondern Reichtum, Unabhängigkeit, Befreiung aus der ganzen Misere, die ich nun jahrelang mit mir Herumschleppe." „Und sie hat Tich sitzen lassen?" Löschnitz' Hand krampfte sich zur Faust, seine Augen glühten. „Sie hat mich schmählich betrogen, belogen! Nach?- dem sie mir heimlich ihre Gunst gewährt — nachdem sie mich alles hoffen ließ — o, Stauffen, Sie ahnen nicht, wie süß die Stunden sind mit dem Weibe, das man liebt, liebt, sv wie ich, mit ganzer Seele, mit allen Sinnen — hat sie mich schnöde verleugnet, verlassen, verraten! Mein Gott, wenn rch sie nur hassen könnte, aber da« Entsetzliche ist, daß ich sie noch in dieser Stunde liebe, und daß die Külte und! — 871 — die Gleichgiltigkeit, mit der sie mich abschüttelt, das Feuer nur schürt, das mir in den Adern brennt." „Himmel, wer ist denn diese verführerische Circe?" „Namen nenne ich nicht. Mag sie mich mit Füßen treten, ich werde sie nicht verraten!" „Sehr nobel, wahrscheinlich viel zu nobel für so eine Sirene. Es trifft such, übrigens merkwürdig. Ich suchte heute jemand, der meine glückliche Liebe mit mir feiert, und Sie brauchen jemand,, der Sie Ihr Unglück vergessen macht- Vielleicht gelangen wir beide auf demselben Wege zu verschiedenen Zielen." „Aus Ihr Glück!" rief Löschnitz, indem er mit wehmütigem Lächeln das Glas hob." „Ja, auf mein Glück und meine Liebe!" antwortete Camill, „ich sage Ihnen, heute habe ich auch erfahren, wie süß die Stunden sind mit dem Weibe, das man lieb hat." (Fortsetzung folgt.) Aus der Hochsiaplerwelt. Von Adolf.Höllerl. (Nachdruck verboten.) Ich war der einzige Sohn meiner Eltern. Daß ich fast über die Gebühr verzärtelt und verhätschelt wurde, will ich nicht in Abrede stellen, doch hatte diese in vieler Hinsicht entschieden zu verwerfende Methode der Pädagogik bei mir nicht das gewöhnliche ungünstige Resultat einer solchen Erziehung zur Folge, sondern trug, besonders als der Verstand mehr und mehr in feine Rechte trat, ganz annehmbare Früchte; denn sch empfand das Bedürfnis, meine guten Eltern für ihre liebe Aufopferung und Sorgfalt, mit welcher man mich überschüttete, zu entschädigen, und ihnen durch Fleiß, gesittetes Betragen und Fortschritte in meinem Studium Freude zu bereiten. Wie ich später als Bester die Prima absolvierte, herrschte großer Jubel in unserem Hause. Wenige Monate darauf bezog ich die Univerfität zu M., um Medizin zu studieren und verbrachte dort, äußerst zurückgezogen und nur meinem Studium lebend, vier Semester. Zur Fortsetzung meiner weiteren Studien begab ich mich sodann nach W., und hatte dort die Ehre, die berühmten medizinischen Kapazitäten Willroth, Hyrtl, Krafft-Ebing, Zuckerkandel, Hebra und noch andere mehr persönlich kennen zu lernen, und in einen näheren Verkehr mit ihnen zu treten. Heute noch, als Universitäts-Professor, freue ich mich, daß ich keiner der studentischen Verbindungen mit ihren paradoxen Lächerlichkeiten, Kindereien, Sonderbarkeiten und gefährlichen Ausschreitungen beigetreten bin, und so auf diese "Weise manches Unheil von mir und meinen lieben Eltern abgewendet habe. Es war dies vielleicht weniger die reiche Frucht einer ernsten Erwägung und Ueberlegung, als vielmehr der Ausfluß meiner Liebe und kindlichen Verehrung zu meinen lieben Eltern. Ich weiß, daß ich mich im Widerspruche mit so manchen meiner Kollegen befinde, wenn ich behaupte, daß das Verbindungswesen einen Krebsschaden unseres akademischen Lebens bildet, und ein Ueber- rest mittelalterlicher Unsitte und Rohheit sei, doch ändert dies nichts an der Thatsache, daß dem wirklich die Wahrheit nicht abgesprochen werden kann. Mit 23 Jahren hatte ich mein Doktor-Diplom in der Tasche, und das Entzücken meiner lieben, guten, alten Mutter war ein derartiges, daß ich beinahe fürchtete, sie verliere den Verstand. Sie suchte ihre sämtlichen Schmuck- gegenstände zusammen — für eine alte Frau, meinte sie, hätten dergleichen Dinge ja doch keinen Wert — und tauschte dafür, trotz des Widerspruches meines verständigeren Vaters, einen prachtvollen Ring von faszinierender Schönheit, und ungewöhnlich hohem Werte ein. Ueberall, wo ich nur hinkam, erregte er Bewunderung und stempelte mich sozusagen zum reichen und vornehmen Mann. Das Wort meiner Mutter: Dieser Ring soll ein würdiges Pendant zum Doktorhüte sein, faßte ich nicht in diesem Sinne aus, auch freute ich mich weniger über die Schönheit und den Wert desselben, als vielmehr darüber, daß das liebende Herz und die Hand der Mutter es war, die mir dieses kostbare Angebinde gab, und ich scheue mich nicht, einzugestehen, daß ich dieses Kleinod als eine Art Fetisch betrachtete. Tie Jahre kommen und vergehen, und eines Tages sah ich mich selbst auf dem Katheder, zu dem ich einst so ehrfurchtsvoll emporblickte. Ich hatte ein großes zwei- bändlges Werk über Psychiatrie geschrieben, das mir einen Rus.nach E. in England einbrachte, dem ich auch Folge leistete. Zwei Jahre hatte ich bereits an dieser berühmten Stätte der Wissenschaft gewirkt, als ich etwas erleben mußte, das ich wohl als das denkwürdigste, aber auch entsetzlichste Ereignis in meinem Leben bezeichnen muß. Es mußte gleich 4 Uhr schlagen, und ich hatte mich noch nicht zu meiner Vorlesung vorbereitet. Es war erstickend heiß, die Luft schwül und gewitterhaft, ich empfand große Unbehaglichkeit, und eine Art ungewohnten nervösen Reizes. Bisher war der Hörsaal für mich mehr ein Vergnügen, als eine Arbeit gewesen, die abstrakte Theorie meiner Wissenschaft war für meinen Geist eine Erholung. An jenem Tage aber empfand ich, ohne zu wissen warum, eine Art von Bangigkeit, die mir nicht gewöhnlich war. Ich empfand ein unüberwindliches Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein. Als ich an die Gingangsthüre meines Hörsaales kam, Ivars ich im Vorübergehen einen Blick hinein, und bemerkte, daß er so voll war, wie ich ihn noch nie gesehen. Wie ich über den Flurgang schritt, hörte ich den Namen eines berühmten sremden Arztes nennen, der sich unter meinen Zuhörern befinden sollte. Diese beiden Umstände würden mir zu jeder anderen Zeit nur Freude gemacht haben, jetzt vermehrten sie meine Unruhe und Bangigkeit, die den höchsten Grad erreichten, als ich, wie ich eben in den Saal treten wollte, bemerkte, daß ich meine Kollegienheste im Wagen hatte liegen lassen, den ich weggeschickt, weil ich zu Fuß nach Hause gehen wollte. Um sie holen zu lassen, war es zu spät; immer unruhiger und nicht wissend, was in dieser Verlegenheit zu beginnen, öffnete ich meine Brieftasche, und durchlief schnell eine Menge darin ohne Ordnung verzeichneter Bemerkungen; glücklicherweise fiel mein Auge auf einige neue und interessante Beobachtungen über den Wahnsinn. Ich beschloß diesen Gegenstand zum Thema meiner aus dem Stegreife zu haltenden Vorlesung zu machen. Es ist mir nur eine verwirrte Idee von dem gr blieben, was mir hernach zustieß. Ich erinnere mich jedoch des Beifallklatschens, das mich beim Eintritte empfing, und das sich verdoppelte, als man den gereizten Zustand bemerkte, worin ich mich befand. Als es wieder ruhig geworden war, nahm ich allen meinen Mut zusammen, und fing endlich an. Die ersten zusammenhängenden Worte, die ich sprach, kosteten mir unerhörte Anstrengung; ich stotterte und hielt bei jedem Wvrte an. Zuletzt jedoch ermutigte ich mich allmählich und die hohe Auftnerksam- keit, womit man mir zuhörte, gab mir etwas Vertrauen. Bald merkte ich, daß sich das dicke Gewölk verzog, das mein Gehirn umlagerte, meine Gedanken wurden klarer, die Worte kamen mir von selbst auf die Lippen, die Vergleichungen, die Ausdrücke stellten sich mir in Menge dar, Ich durste nur wählen. Je weiter ich kam, um so mehr Stärke erlangten meine Schlüsse, um so mehr Konsistenz meine Beweise, die Geläufigkeit, womit ich sprach wunderte mich selbst. Ich behandelte Fragen, aus die ich zu jeder anderen Zeit mich einzulassen nicht gewagt haben würde, mit außerordentlicher Leichtigkeit. Sie waren ein Spiel für mich, so einfach und klar schienen sie mir zu sein. Ich ging vom Erstaunen zur Beftemdung über; mein Gedächtnis, das mich immer träge und undankbar gesunden, war plötzlich wunderbar treu geworden; es brachte mir, einem Spiegel gleich, die geringsten Ereignisse meiner Lausbähn in Erinnerung. Ich sührte einen Schriftsteller an, und that es so genau, daß man hätte glauben können, daß ich sein Buch vor Augen habe. Fakta, Anekdoten kamen meinen theoretischen Erklärungen zu Hilse. Ich ermutigte mich immer mehr und mehr; die Schnelligkeit, womit meine Gedanken aufeinanderfolgten, regten meinen Geist in einem hohen Grade aus. In diesem Augenblicke empsand ich eine Art instinkt- artigen Entsetzens. Es kam mir vor, als wäre eine unbekannte Gesahr, die zu vermeiden, mir unmöglich salle, im Begriff, auf mich einzudringen. Die übernatürliche Macht, die mich bis jetzt aufrecht erhalten hatte, fing jedoch an, mich zu verlassen; meine Gedanken verwirrten sich, ftemde Gestalten, pbantastische Figuren schwirrten vor meinen Augen umher; die Gegenstände, worüber ich gesprochen, belebten sich-, und umringten mich in einer chaotischen Gruppe. Plötzlich! kam mir ent fürchterlicher Gedanke, ein lautes, satanisches Lachen ent- 372 langen tie — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UntversitSts.Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erbm) in Gießen. Redaktion: Curt Plato. Leiden! „ „ Ach! mit Schaudern denke ich noch heute daran: Tie Augenblicke verliefen schnell, und ich begriff aus den Anstalten, die um mich her getroffen wurden, daß man im Begriffe war, mich in den Sarg einzuschließen. Vergebens strengte ich mich fürchterlich an, meine Brufr anschwellen zu lassen, und zu atmen. Mein Entsetzen kehrte lebhafter noch, als vorher, zurück. Ich hörte das Einschlagen der Nägel in die Bretter meines Sarges, fühlte mich, nachdem dies vorüber, erhoben und die Treppe hinuntergetragen, roch den Weihrauchdust, der dünn und fein durch die Ritzen meines Sarges drang, vernahm die einsegnenden, lateinischen Worte des Priesters, verspürte das Ausstößen des Sarges im Totenwagen, hörte die Klänge des Beethovenschen Trauermarsches, und die trippelnden Schritte der meinem Sarge folgenden Leidtragenden. Dann knarrte die eiserne Friedhossthüre, das Glöcklein vom Turme des Kirchleins ertönte, klagend, schrecklich, schauderhaft, der Wagen stand still, und ich wurde wieder aus demselben gehoben. Man trug mich nun zu dem geöffneten Grabe, unv ich vernahm das Rasseln der Kette, mit Hilfe deren ich in das tiefe, kalte Grab hinuntergelassen wurde. Der Priester sprach tröstende Worte, und erinnerte an die Allgüte und Barmherzigkeit des Schöpfers. „Warum", fragte ich mich, „ist er mit mir nicht barmherzig, und erlöst mich von meiner Qual? Warum gegen mich nicht gütig?" Dann hörte ich jemanden anderen an den Rand des Grabes treten. Es war, der Stimme nach zu urteilen, Dr. Balfour, der Rektor magnificus der Universität. Er feierte mich als einen Mann, dem die Wissenschaft viel zu verdanken hatte, bedauerte, daß der unerbittliche Tod ein noch so- hoffnungsreiches Leben dahingemäht, und meinem rastlosen Streben und Wirken ein so rasches und plötzliches Ziel gesetzt hätte; ich vernahm das Schluchzen, und Weinen meiner Freunde und Bekannten, und dann ein dumpfer Knall — so entsetzlich, so markerschütternd, so- grauenhaft und herzzerschneidend, daß es kein Wort der Welt gießt, um ihn zu beschreiben — es waren dre Erdschollen, die dumpf und dröhnend auf den Teckel meineS Sarges kollerten, und den letzten Gruß, das letzte Zeichen bedeuteten, das ich von der Außenwelt empfing. Ich hörte die Leidtragenden wieder fortgehen, es wurde still um mich her, doch- nur für wenige Augenblicke, dann vernahm ich die schweren Tritte zweier Männer, die ihre Schüppen in die feuchte Erde stießen und rnem Grab zuschaufelten.---Verzweiflung!-- (Schluß folgt.) Vermischtes. Königssalut rund um die Erve. Am Tage der Krönung König Eduards VII. in der Westminster-Abtei werden die Geschütze der englischen Kriegsschiffe der ganzen Welt verkünden, daß das britische Weltreich einen neuen König hat. Tie auf der Rhede von Spithead versammelte Flotte wird mit dem Königssalut beginnen, die Schisse m Devonport werden den Kanvnendonner aufnehmen, und so wird er rund um alle Inseln Großbritanniens und Irlands rollen, wo immer ein englisches Kriegsschiff liegt. In Gibraltar, Malta, Alexandria, in Konstantinopel und Port Said, in Indien, China und Australien werden gleichzeitig die Geschütze krachen, und ihr Donner wird sich um die ganze Welt fortpflanzen. Tie Admiralität hat die Anordnung getroffen, daß die Schiffe der einzelnen Geschwader sich derart verteilen, daß an dem Krönungstage die 170 Schiffe der sieben Auslands-Geschwader in fast ebenso vielen Häfen verteilt sind, um dort den Tag zu feiern. An diesem Tage ruht auch der Dienst, und die Mannschaft wird auf das Wohl des Königs einen Extra-Grog trinken, dessen Kosten man für die 100 000 Mann auf 250 Lstrl. berechn^ Be! Spithead werden nicht weniger als 116 englische Schavt versammelt sein, außer den zur Krönungsfeier erwarb,- m fremden Kriegsschiffen. An der dortigen Flottenparade werden gegen 30 000 englische Seeleute teilnehmen, und dis Schiffe werden alle Typen eines Jahrhunderts umfassen, von einigen alten Fregatten aus den Tagen Nelsons bis hinauf zu den modernsten Kriegsschiffen, dem Linienschiff „London" von 15 000 Domren und dem Kreuzer „Sutlej" von 12 000 Tonnen, den letzten Meisterstücken der englischen Schiffsbaukunst. Gleichklang. Siehst du geschäftig bei dm Linum Die Waschfrau dort? Geht nach der Arbeit sie von hinnen, Eilt sie zum Wort. Was schreit und rast der Künstler drinnen? Geschieht ein Mord? Er will nur Gold und Ruhm gewinnen Mit seinem Wort! Warum des Wuch'rers Thränm rinnen? Es kam ihm fort, Was doch erfüllt sein ganzes Sinnen, Von Gold ein Wort! (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Zahlen-Dreiecks in vor. Nr.r BRATEN BRANT TRAB BAR ttt C X § Diese Worte brachten mir alle Umstände meiner Krankheit wieder in Erinnerung. Ich begriff, daß ich für die Welt zu leben aufgehört hatte, und daß man um mich her Anstalten zu meiner Beerdigung treffe. „Aber war ich denn wirklich tot?" Nein und tausendmal netn 1 Ich war nur scheintot! Fürchterlicher, entsetzlicher Gedanke! Keine Hoffnung mehr! keine! Ich fühlte, tote man mich an den Schultern und Füßen packte, mich aus dem Bette hob, in den Sarg legte, fühlte, wie man meine Arme an das kalte, nasse Holz der Sargtoände preßte! Welch gräßliches Geschick und welch menschlich-es Wort Ware im stände, alles das auSzndrücken, was dieser Augenblick der Todesangst Entsetzliches hatte? Wie lange ich so blieb, weiß ich mcht. Die Totenstille, die im Zimmer herrschte, wurde neuerdings unterbrochen, und ich vernahm, daß einige meiner besten Freunde gekommen waren, um mich noch einmal zu sehen, ehe der Sargdeckel sich für immer über mich schlösse. Alles Fürchterliche und Schreckliche meiner gräßlichen Lage wurde meinem - Geiste gegenwärtig. In einer Minute empfand mein Herz den derben Schmerz eines Jahrhunderts von alitt meiner Brust, und ich schrie wie besessen: „Auch ich bin wahnsinnig!" Mein Auditorium sprang wie em Zuhörer auf, ein Geschrei der Ueberraschung und des Entsetzens drang aus aller Munde; was darauf folgte, ich weih es nicht! Ms ich wieder zur Besinnung kam, lag ich in einem ü&ette. Durch Hereintreten in das Zimmer weckte mich jemand; es war mein Freund Dr. Harms. Er trat an mein Bett, und sah mich einige Minuten fest an. Wahrend er mich so betrachtete, sah ich-, daß er die Farbe wechselte; seine Hand zitterte, als seine Finger sich auf meinen_ Puls legten, und er murmelte traurig: „Mein Gott, tote ist er verändert'" Gleich darauf schwanden mir wieder meme Sinne und ich versank in eine völlige Empfindungs- in den alten Todesschlaf zuruckzufatten. Die einzige mir gebliebene Erinnerung an meine letzte Ohnmacht waren die Worte des Dr. Harms, der, weil er mich für tot hielt, sagte: „Endlich hat er zu leiden aufgehört!" W mochte wohl ein Tag verflossen sein, als mein Bewußtsein abermals wieder zurückkehrte. Das erste Ge- Ml, das ich hatte, war die Kälte der Lust, die mir eiskalt ins Gesicht wehte; es schien mir, als seien die Fenster meines Zimmers geöffnet. Ich konnte dies tedoch nicht sehen, ein ungeheures Gewicht Preßte meme Augenlider nieder; meine Arme lagen längs meinem Leibe aus- qestreckt, und obgleich die Sage, worin ich mich befand, zwängend und unbequem war, so wäre es mir doch nicht möglich gewesen, sie trotz aller Anstrengung zu andern. Ich wollte sprechen, aber meine Mühe blieb erfolglos. Einige Augenblicke nachher hörte ich Tritte, die Thüre wurde geöffnet, und ein schwerer Körper wurde auf den Fußboden niedergesetzt. Eine Stimme sagte zu den beiden Männern, die den schweren Gegenstand zu tragen schienen: „Stellen Sie den Sarg in die Mitte des Zim- ^Ms ich wieder zu mir kam, glaubte ich aus einem ' >fen Schlaf zu erwachen, um gleich darauf wieder lien Todesschlaf zurückzufallen. Tie einzige mir