Samstag dm 25. Januar. 1902. — Nr. 14. ■ inuit dem Herzen die Sehnsucht, Luft. und du nimmst der Erde die Vnlwcr. Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) Auf Clarita machte die reizende Erscheinung der Frau t). Ornatoff keinen wohlthueuden Eindruck; indes, fee mochte auch nicht vorurteilsfrei prüfen, sie hatte einmal das Gefühl, daß jene Frau einen traurigen Einfluß aus Alexis Geschick geübt- , Sie traute diesen schimmernden Augen mcht — für sie bargen dieselben einen falschen Strahl; hatte doch zuweilen ihr Blick eine Unruhe, ivelche selbst die zumeist im Gesichtsausdruck hervortretende vornehme Kälte nicht zu verbergen vermochte. Dieselbe war nicht echt, sie war erzwungen- Die junge, hochfahrende Frau da mit dem u schlüssig graziösen Wesen — besaß ein leidenschaftliches, ein' heißes Herz für die, die sie liebte, und dabei einen rücksichtslosen, unbändigen Willen, den jene kennen lernten, die ihr im Wege standen- Das war's, ivas Clarita im Innern zu sich selber sagte- Es mochte nicht angenehm sein, dieser Frau Gesellschafterin, ihre Untergebene zu sein — dennoch mußte und ivollte sie es werden, um Alexis willen- Demgemäß verhielt sie sich- Wera's Fragen nach ihren persönlichen Verhältnissen und Wünschen begegnete sie ruhrg- Sie war darauf vorbereitet, und konnte leicht, ohne eine Luge zu sprechen, die Wahrheit offenbaren, so weit sie es wollte. Geschickt flocht sie dabei das Anerbieten der Gräfin iMkow ein, das ihr weniger anziehend dünke, da sie ein minder geräuschvolles Leben vorziehe. , Frau v. Ornatoff fühlte sich geschmeichelt durch den ihr gegebenen Vorzug; es gefiel ihrem Stolze, chr tzaus dem der Chilkow vorgezogen zu sehen, zudem hatte Nikolai Karin ihr Clarita vorgeschlagen. Dies ließ sie die etwas karge Auskunft über deren persönliche Verhältnisse übersehen — was lag ihr auch au der Familie einer bezahlten Gesellschafterin. Aus deren Ta- leiiten wollte sie Nutzen ziehen, darum handelte es sich. Nikolai Pawlowitsch aber hatte ihr erzählt, der Fremden Sang mtb Spiel sei ausgezeichnet- Nun verlangte sie von beiden eine Probe zu hören- Clarrta's Leistungen befriedigten sie, dennoch würde sie dem, wie selbst ihres Freundes Rat nicht das volle Gewicht bei- tzelegt haben, wenn sie das fremde Fräulein schön gefunden hätte. Dies erschien ihr jedoch nicht so; ihre persönliche Eitelkeit war zu groß; ihr Gerechtigkeitssinn zu gering. Sie hatte ein jugendfrisches Mädchen zu sehen erwartet, und fand dagegen die ernste Fremde mit dem farblosen, durchgeistigten Antlitz, und den müden tiefen Augen, alt und anspruchslos, wenngleich von einer- gewissen Vornehmheit des Wesens, die bei einer Unteraebenen unbequem sein konnte, andererseits indes auch wieder Vorteil bot, da- deren Musiktalent im Salon verwertet werden sollte. Clarita paßte offenbar dahin, sie war geeignet, den ihr zugedachten Posten auszufüllen; sie mochte mit ihrem Sang und Spiel ihr angenehm die langweiligen Stunden verkürzen, und sie, _ die schöne Herrin, im Salon bei Unterhaltung der Besucher unterstützen- Dazu besaß die Fremde ausreichende Eleganz, ohne anziehend genug zu sein, um besondere Beachtung zu finden. So das Endurteil Wera's, das der Prüfung entsprang, welche ihre geheime Eifersucht angestellt. Ihre Eigenliebe war befriedigt. Nikolai Pawlowitsch hatte offenbar durch Erwähnung der Fremden einzig daran gedacht, ihr gefällig zu sein. Das stimmte sie gnädig; so einigte sie sich schnell mit Mademoiselle de la Para über die gegenseitigen Bedingungen, und noch selbigen Tages verließ Clarita der greisen, 'liebenswürdigen Frau Rustock gastliche Dascha, um ihren stillen, unbeachteten Einzug in das alte, von einer Generation auf die andere vererbte Ornatoff'sche Haus zu halten, das von Rechtswegen ihrem Gatten gehörte, und dessen Herrin sie sein sollte. XI. Wartend. Mein Herz ist schwer, Gott sei's geklagt. Mein Herz ist schwer itm Einem Burns- >ev Wochen und Monate waren vergangen. Clarita hatte bereits den halben Winter bei Frau v- Ornatoff verbracht, und sich in dem ihr zugewiesenen Kreis vollständig zurechtgefunden. Ihr Leben war kein sonderlich unterhaltendes. Das tägliche Leben bot ihr, wie die Fürstin Sarafin eS vorhergesagt, der Abwechslung nicht allzu viel- Wera Serqewna, die junge Witwe, lebte diese erste Petersburger Saison nach ihres Gatten Tod noch zurückgezogen von der großen Welt, einzig einem eng gezogenen Gesellschaftskreis. Selten, nur ausnahmsweise, besuchte sie kleine Ge;:ll- schaften befreundeter Familien, dagegen fanden srch die Bevorzugten gerne in ihrem Salon ein. Sie verstand es, denselben anziehend zu machen für die, deren Kommen sie wünschte. Für solche war sie eine hinreißend liebens würdige Wirtin. Ferner Stehenden gegenüber trat ledoch sofort die ihrem Hochmute entsprechende kühle Zuruckhaltung, wenn nicht Unnahbarkeit hervor. Der Jte umgebende Zirkel blieb daher während dieses Wrnters zlem- kich begrenzt, und gelten bekam Clarita neue Gesichter, fremde Erscheinungen an den Empfangsabenden zu sehen, wo es ihre Aufgabe war, Frau v- Ornatofs bei Unterhaltung ihrer Gäste zu unterstützen, teils durch musikalische Leistungen, teils durch anmutige Verwaltung des Thee- tisches, auf dem der Samowar, unbekümmert um die ihn umgebene Eleganz und das klingende Stimmengewirr, ebenso gut sein allbekanntes Liedchen summte, wie in dem ärmsten russischen Blockhaus- Clarita hatte sich längst an diesen stillen Sang gewöhnt, und, gleich den Einheimischen, ihn liebgewonnen; sie waltete gern ihres Amtes an dem Theetisch, bot sich daselbst doch gar mannigfache Gelegenheit zu kleinen Beobachtungen, zu freundlichem Geplauder mit solchen Gästen, die ihr mit der Zeit sympathisch geworden- Zu letzteren zählte vorab Nikolai Pawlowitsch Karin- Er gehörte sozusagen zu dem Ornatoff'schen Hause; fast täglich verkehrte er dort — er war Frau v- Ornatoffs Ratgeber, Stütze und Freund; er teilte mit ihr sowohl die Sorge nm ihres Sohnes Erziehung, wie um die Verwaltung von dessen Erbe, um die Bewirtschaftung des fernen Orna- tofssko, das einen weiten Grundbesitz umschloß, und dessen Grenzeri seinem eigenen, weit bescheideneren Gute nahe lagen. Für Clarita hatte er die vom ersten Moment an beobachtete Rücksicht treu bewahrt; er näherte sich ihr selten, wenn er es jedoch that, empfand sie stets wohl- thuend die ritterliche Feinheit, die sein Benehmen kennzeichnete. Dennoch verstand sie dieses nicht ganz, insbesondere nicht das gegen Wera. Begreiflicherweise hatte sie gerade dies schon längst znm Gegenstand ihrer stillen Beobachtung gemacht, und wenn es ihr dabei auch hinreichend klar geworden, daß des Hauses schöne Herrin Nikolai Pawlowitsch liebe, so hielt sie es doch keineswegs für sicher, daß diese Liebe seinerseits erwidert werde. — Obgleich allzeit von zuvorkommender Freundschaft, voll rücksichtsvoller Aufmerksamkeit und Fürsorge für Frau p. Ornatoff, lag doch in seinem ganzen gesetzten Wesen nichts, was einen feurigen Liebhaber verriet. Der stillen Beobachterin kam es eher vor, als betrachte das gedankenvolle Auge des schönen, ernsten Mannes Wera Sergewna mehr mit einer gewissen Sorge, als mit dem Blicke heißer Liebe. Und Clarita urteilte dahin recht. Einst, vor Jahren, da Nikolai Pawlowitsch Karin noch ein junger Offizier der Garde gewesen, da hatte er mit dem ganzen Schwarm reiner Jugendliebe die eben aus dem kaiserlichen Erziehungsinstitute in die Welt eingetretene, jngendfrische Wera geliebt, und nur seiner nach russischen Begriffen geringen Glücksgüter toegert mit seiner Bewerbung um die begünstigte Hofdame gezögert. Das Zögern erzürnte diese. Wie die Fürstin Sarafin richtig erzählt, opferte Wera Sergewna Massowsky das eigene heiße Gefühl des terzens ihrem Durste nach Reichtum und Unabhängigkeit, ie liebte Karin leidenschaftlich, und verletzte ihn doch in tieffter Seele. Ihrem eigenen Charakter lag eben Bescheidenheit so fern, daß sie dieselbe bei Nikolai Pawlowitsch gar nicht erkannte. Daß seine Leidenschaft für sie ihm Zeit zu Erwägungen und Bedenken ließ — verwundete und stachelte ihre Eitelkeit. Die vergab nicht. Much sie wollte ihn verwunden und strafen. Ueberraschend schnell gab sie dem alten Adelsmarschall Ornatoff ihr Jawort. Noch vor dem Tage ihrer Vermählung ließ Karin sich aus Petersburg zu einer Garnison im Innern des Landes versetzen. Das bildete seine ganze Antwort aus ihren ausgespielten Trumpf. Die Strafe, die sie ihm zugedacht, traf sie selbst am heftigsten — ihr heißes Herz verzehrte sich alsbald innerlich in Reue und Sehnsucht; denn Nikolai Karin blieb ihr fern. Gr mied sie offenbar. Ao lange ihr Gatte lebte, sah sie ihn nicht wieder, selbst während der zwei langen, für sie verzehrend langweiligen Jahre, die sie mit dem leidenden Greis aus Ornatoffsko verbringen mußte, zeigte er sich nicht ein einziges Mal in ihrer Nähe, obgleich sein Gut kaum fünfzehn Werst entfernt lag. Erst als der alte Ornatoff gestorben wär, und das bereits angedeutete Familiendrama ganz Ornatoffsko in Verwirrung setzte, .und dessen ratlose Herrin in trostloser Verzweiflung einen Hilferuf an den nahen Gutsnachbar sind einstigen Freund sandte, da verfehlte dieser feine Wirkung nicht. Nikolai Pawlowitsch kam nach Ornatoffsko. 54 — Er fand dessen Herrin verlassen, rat-, tröst- und hilflos. Ihr Gatte war gestorben, dessen ältester Sohn, ihre nächste Stütze, Wladimir Iwanowitsch, der neue Bärin, eines jähen Todes verblichen, und sein Bruder Alexis verschwunden, entflohen, verschollen — sie aber allein mit ihrem neunjährigen Knaben. Von jener Stunde an wurde er wieder ihr Freund, und da er sich ihr und ihrem Kinde als solcher treu bewährt, neigte die Welt rasch dazu, ihn als künftigen Gatten der schönen, reichen Witwe zu bezeichnen. Offenbar wünschte auch diese selbst nichts sehnlicher, als Nikolai Pawlowitsch ihre Liebe neu zu beweisen. Reich und unabhängig wie sie jetzt war, glaubte sie sicher ihn nunmehr, gewinnen zu können- .Sie that nichts ohne seinen Rat, ohne seine Meinung zu hören; sie richtete sich nach dieser, sie lernte selbst geduldig sein, ihre verletzte Eitelkeit verleugnen, und klugerweise sein wiederholtes Zögern übersehen. Nun war das Trauerjahr vorüber, die Zeit wich immer weiter zurück, wo gebotene Rücksichten ihr Recht beanspruchten. Jeder neue Tag konnte den Moment bringen, da Nikolai Karin das längst vergessene Liebeswort wieder fand, welches er einst in bitterer Enttäuschung begraben- Indes das Grab, in das Nikolai Karin seine Liebe versenkt, mußte tief fein — er konnte das heiße Gefühl feiner Jugend nicht wieder aufleben lassen, wie er wohl mitunter selbst es wünschen mochte. Der Grund lag darin, daß er älter geworden, und nicht mehr zu denen gehörte, an welchen eine Warnung nutzlos vorübergeht.- Er hatte der einst heiß Geliebten mißtrauen gelernt^ deren schöne Nixenaugen hatten ihm einmal gelogen- Wer bürgte ihm dafür, daß sie nunmehr der Spiegel einer aufrichtigen Seele waren? Sah er doch zuweilen darin eine Unruhe, -eine innere Rastlosigkeit, einen Blick, der ihm — um in dem Vergleich zu bleiben — wie ein Hauch, ein Schatten, ein Flecken erschien, der die Seele belaste- Wie immer dem sein mochte, für Nikolai Karin wollten vergangene Zeiten nicht wieder erwachen. Dis strahlende, weltgewandte, schöne Frau, die stolze reiche Herrin von Ornatoffsko, es war nicht mehr me muntere,- jugendfrische, in ihren bescheidenen Verhältnissen liebreizende Jnstitutka, deren lachende Augen und helle Stimms ihn einst glauben gemacht, die Liebe vermöge das Leben selbst in einem ländlichen Blockhaus herrlicher zu gestalten>- als in einem Marmorpalast. Die Träume waren entschwunden, gleich der goldenen Jugendzeit- Jetzt sollte ein reicher Palast die Liebe zum Einzüge laden — aber die Liebe, die war inzwischen gestorben. Nikolai sah nur mehr ihren Schatten, während Wera ungeduldig auf deren Auferstehung harrte. Je weiter der Winter vorschritt, dem kommenden Frühjahr entgegen, desto ungeduldiger, und infolgedessen ret&= barer wurde sie. Clarita fand es oft schwer, ihre Gesellschafterin zu sein, obgleich ihre Pflichten an sich leicht zu erfüllen waren. In dieser Beziehung war ihre Stellung eine durchaus angenehme. Sie hatte tagsüber mit der Herrin etwas Musik zu treiben, vierhändig mit ihr zu spielen, auf die neuesten Kompositionen zu achten, diese zu beschaffen, und ihr vorzutragen, sowie am Wend int Salon in der bereits erwähnten Weise neben der Dame des Hauses den Gästen die Honneurs zu machen- Hie und! da -ewige Briese zu schreiben, Lektüre auszuwählen, Frau Wera auf ihren Spazierfahrten zu begleiten, oder mit ihr um Einkäufe zu besorgen nach dem Hauptgebäude der Kaufläden zu fahren — dies bildeten Claritas Obliegenheiten, die übrige Zeit des Tages stand zu ihrer eigenen Verfügung. Sie benutzte diese wohl zuweilen, um ihre Petersburger Bekanntschaften aufzusuchen, wobei sie jedoch gar bald inne wurde, daß die Freundschaft der alten Polin in ihrer kleinen Dascha für die junge Fremde die beste, jedenfalls die beständigste blieb'- Die junge Baronin Triber, auf deren Unterstützung Clarita am .meisten gebaut, erwies sich allzeit teils durch die Sorge für ihre Kinderstube, teils durchs gesellige Au- orberungen, denen sie notwendig gerecht werden mußte, o in Aufregung, daß ihr bei dieser Teilung ihrer Be- chäftigung wenig Zeit und Muhe blieb, um der Freundin geschenkt werden zu können. Wennschon sie diese stets in höflichster Form, und mit der freundlichsten Miene empfing so fand sich doch nimmer ein behaglich stiller Moment der dem Erschließen inner« Vertrauens notwendig vorher- 55 gehen muß. Ueberdies zeigte die junge Frau sich über Petersburger Verhältnisse so wenig unterrichtet, daß durch sie keine Auskunft zu erhoffen blieb- Diejenige aber, die geeigneter gewesen, solche zu geben, die Fürstin Sarafin, die gab Clarita, ihren Schützling, gerade so rasch aus, wie sie sich ihrer angenommen. Ihr schnell erregter Enthusiasmus pflegte eben so rasch zu verrauchen- Zudem hatte Clarita ihre Eitelkeit verletzt, ha sie ihren Rat, ihre Winke nicht benutzt, und statt die Stellung bei der Gräfin Chilkow anzunehmen, die bei Frau von Ornatoff gewählt hatte. Mit Frau von Ornatoff stand die Fürstin in keinem persönlichen Verkehr, und deren Gesellschafterin zu sich einzuladen, verbot sich. Sie war daher für Clarita nicht mehr zu Hause, und somit dieser Verkehr abgeschlossen. Clarita ihrerseits wandte natürlich auch ihre Hauptaufmerksamkeit der nächsten Umgebung zu; so nahe der Quelle war es doch kaum denkbar, daß sie an ihrer Sehnsucht nach Auskunft verdursten solle. Von Tag zu Tag, fast von Stunde zu Stunde, hoffte, wartete, und beobachtete sie, sicher — einmal irgend einen Anhaltspunkt zu entdecken, der Licht in das sie umgebende Dunkel bringen mußte. Doch die Stunden wurden zu Tagen, die Tage zu Wochen und Monaten, ohne daß auch nur der Name Alexis an ihr Ohr schlug. Der Name gehörte zu denen der Toten, und von den Toten wurde in dem Hause nicht gesprochen, selbst nicht von dem alten Bärin, geschweige von dessen Söhnen- Die Herrin des Hauses mochte es nicht lieben. Selbstverständlich richtete sich die Dienerschaft danach. Unter derselben befand sich auch kaum ein Glied, das bereits der vvrhergegangenen Gene- ratiori gedient- Wera Sergewna hatte die alte Dienerschaft auf Ornatoffsko gelassen, fast durchgängig bestand ihre Umgebung aus neuem Personal. Die bessern Posten waren alle von Ausländern besetzt, und unter den andern nur junge, meist neu in Dienst genommene Leute; selbst der alte Dwornik, der bislang dem verödeten Hause als Wächter- gedient, war hei dem neuen Regiment abgedankt worden, oder doch so völlig im Hintergrund verschwunden, daß Clarita ihm poch kein einziges Mal begegnet. Sie vermißte ihn nicht, dagegen einen anderen- In ihres Herzens Grunde lebte nämlich immerfort die leise Hoffnung — einmal auf den vergeblich in Breslau gesuchten Di- mitri, der ihr am Lago-Maggiore treu ergeben gewesen, ZU stoßen, oder doch Verwandte, einstige Mitdiener, und durch diese eine Spur von ihm zu entdecken. Aber leider ergab sich bei dem zeitweiligen Personal dazu keine Aussicht; es war, als reiße jeder Faden, an den sie eine Hoffnung geknüpft. Nur eine blieb noch, Feodor Iwanowitsch — Alexis kleiner Halbbruder, Weras Sohn. Seit Vergangenem Herbste befand er sich in einer Erziehungsanstalt, und verlebte so den ersten Winter der mütterlichen Obhut entzogen. .Wera seufzte ost nach ihm. Ihr Kind liebte sie leidenschaftlich, ihre kalte Zurückhaltung schmolz, sobald sie von ihm sprach, und seines Kommens zur Ferienzeit erwähnte. Clarita freute sich mit ihr darauf, mehr — sie sehnte sich innerlich danach Wenn trübe, dunkle Stunden über sre kamen, in welchen ihr ihr ganzes Harren, Warten und Beobachten in dem Ornatoff'schen Hause nutzlos erscheinen wollt«, wenn ihr Herz, trostloser Verzweiflung nahe, unter dem Drucke der Alltäglichkeit zu verzagen drohte, dann klammerten sich ihre Gedanken fest an die Aussicht, Feodor zu sprechen, und mit den Herrschaften im Frühjahr nach Drnatoffsko zü gehen- Dort mußte sich alles wenden. Dort lebten Menschen genug, dpe Alexis von Kindheit an gekannt, die seiner gewiß noch nicht vergessen, und zugleich wissen mußten, was sich nach des alten Ornatoffs Tod zugetragen. Darüber auch dort solchen Schleier des Geheimnisses zu ziehen, das beharrliches, vorsichtiges Forschen ihn nicht zu durch!- dringen vermöchte — das deuchte Clarita unmöglich es galt also für sie — Geduld— Ausdauer. — Wieder mochte sie seufzen wie einst in ihrem Idyll an der kleinen Anja: Geduld, wie schwer bist du zu erlernen! Ja, sie wurde ihrem heißen, von Schmerz, Zweifel und Furcht zerrissenen Herzen pnsagbar schwer. (Fortsetzung folgt.) Selbst ist — die Frau. Humoreske von Franz Kurz-Elsheim. (Nachdruck verboten.) „Wer, Mama, wenn ich nun doch gar keine Lust verspüre." Und die zwanzigjährige Marie verzog den hübscher» Mund zu einem leichten Schmollen. „Lust, Lust. Glaubst Du vielleicht, ich hätte Lust. Es macht mir wahrhaftig kein Vergnügen, mit den anderen Müttern mich hinzusetzen und das Kapitel der Haushaltungs-. sorgen abzuhaspeln, während sich das junge Volk dem Tanze hingiebt. Aber wem zuliebe opfere ich mich denn auf? Doch nur Deinetwegen. Du gehst nun ins 21. Jahr. In Deinem Alter war ich schon verheiratet. Du jedoch triffst noch nicht die geringsten Anstalten dazu, als ob Du nicht ebenso gut, wie ich, wüßtest, wie schwer es bei der großen Konp kurrenz ist, ein Mädchen, auch wenn es hübsch ist, ohne Geld unter die Haube zu bringen. Wozu geht man denn noch auf die Bälle?" „Zum Tanzen, Mama, zum Vergnügen, lachte frisch das Mädchen. „Wer nicht zum Heiraten. Und es ist eigend- lich recht bös von Dir, daß Du mich durchaus los sein willst. Wir zwei könnten's dock so gemütlich haben." „Los sein willst, los sein willst", polterte die Muttev heraus. „Davon ist doch gar keine Rede. Aber froh bin ich, wenn Du Dich verlobt hast. Mit dem Heiraten selbst magst Du dann warten, so lange Du Lust hast." „Oho, so haben wir nun nicht gewettet, mein liebes Mütterchen." Und Mariechen wippte hin und her, hatte die Hände auf den Rücken gelegt und sah ihre Mutter heraus^- fordernd an. „Wenn ich wirklich einmal verlobt bin, dann heirate ich bald. Für so 'nen ellenlangen Brautstand schwärme ich nicht. Sag mal, wer kommt denn alles, ich meine zu dem Balle." „In erster Linie Herr Barting, der Kapitän, den wir voriges Jahr im Seebad kennen gelernt haben. Wie gefällt er Dir eigentlich?" „Ach, so lila. Ich habe ihn noch nicht so genau bch trachtet." „Dann wird's Zeit, daß Du es thüst." „Ach, das soll, wohl Dein Schwiegersohn werden. Nein, nein, das giebts nicht. Der Mann ist nach meiner Schätzung schon anfangs der Vierziger, also doppelt so alt, wie ich. Da bedank ich mich sehr schön." „Froh solltest Du sein, wenn er Dich nimmt. Er ist noch ein ganz annehmbarer Herr. Und reich ist er auch Und er ist der einzige, der sich nicht wegwandte, als er erfuhr, daß wir kein Vermögen besitzen. Er blieb uns treu, ob?> wohl Du ihm manchmal übel mitgespielt hast. Ja, den jungen Schäffer, den hättest Du Wohl lieber gemocht, oder den Aribert. Aber die haben sich nicht mehr sehen lassen, als sie; Auskunft über unsere Lage erhielten. Keiner —" „Puh, wie mir das nahe geht. Der eine ist mir ebenso, gleichgiltig wie der andere und wie Dein Kapitän." „Aber Kind, nun sei doch vernünftig. Der Kapitän! liebt Dich offenbar. Er ist uns hierher gefolgt. Zwar sagte er, er besuche einen Jugendbekannten. Wer das sagte er nur, weil er im Bade selbst keine Gelegenheit nehmen konnte, um Dich anzuhalten. Mso zeige Dich auf dem Balle von Deiner liebenswürdigsten Seite." Frau Malcourt, die Geheimrats-Witwe, war ganz erregt geworden. Sie war noch eine hübsche Frau, trotz ihrer 39 Jahre, der man gar nicht ansah, daß sie bereits Mutter! einer heiratsfähigen Tochter war. Und da sie ini Grunde ihres Herzens auch noch durchaus nicht abgeneigt war, auf die Freuden dieses Lebens zu verzichten, so war ihr das große Mädchen manchmal recht unbequem. An ihm ließ sich leicht ihr Alter nachrechnen. Und das war doch- nicht gerade nötig. Daher trachtete sie schon lange danach, einen Mann für Marie zu finden. Sie hatte auch immer irgend jemand auf dem Korn. Doch alle „fchnappten" stets ab, sobald sie erfuhren, daß das hübsche Mädchen zwar eine Aussteuer erhalte, Wer nichts Bares. Das, was der Geheimrat hinterlassen — und viel war es gerade nicht — reichte eben zum Lebensunterhalt hin. Und nun stellt sich das Mädchen so bockbeinig, lacht zu allen Vorschlägen und thut, als gäbe es gar keine Männer, und als ob es nicht die Bestimmung jedes Mädchens wäre, geheiratet zu werden. Und der Kapitän meint es anscheinend wirklich ernst. — 56 Wie liebenswürdig zeigte er sich bei jeder Gelegenheit. Stundenlang hatte er ihnen im Sominer Gesellschaft geleistet, hat Ausflüge mit ihnen gemacht und alle oie tollen Streiche Maries, die ihrer Laune oft gar zu geru die Zügel schießen ließ, mit einer wahren Lammsgeduld hingenommen. Marie hatte ja recht. Er war doppelt so alt, wie sie. Doch das sah man ihm gar nicht an. Nicht im geringsten. Ihr Mann war auch 15 Jahre älter als sie, und sie sind doch recht glücklich miteinander geworden--- Tie Frau Geheimrätin seufzte. Sie seufzte immer, wenn sie an ihren seligen Mann dachte. Das war sie zum mindesten seinem Andenken schuldig.---— Hätte sie vorher gewußt, welchen Aerger sie auf dem Balle durchzukosten hatte, so wäre trotz alledem nicht hin- gegangen. Zunächst hatte Marie ihrer besten Freundin, der Frau Konsistorialrätin, einige Wahrheiten gesagt, über welche diese höchst ausgebracht wurde. Den ehrfurchtsvollen Gruß des Kapitäns hatte das Mädchen kaum erwidert. Und als er sie um den ersten Walzer bat — und ihre Mütter hatte ihr noch ausdrücklich anbefohlen, diesen für ihn offen zu halten, — da hatte sie mit bedauerndem Lächeln gemeint, sie hätte schon sämtliche Walzer sür den ganzen Wend vergeben. Aber die Mazurka sei noch frei. Gerade der Tanz, den er nicht tanzte. Der Kapitän indes zeigte sich als echter Gentleman. „So sehr ich das bedauere, gnädige Fran", hatte er zur Geheimrätin gesagt, „so sehr freut es mich anderseits, als es mir dadurch vergönnt wird, mich Ihnen widmen zu dürfen." Nun ja. hat sich eben nichts merken lassen. Wer wenn ihn die Abweisung Maries in seinem Heiratsplane noch nicht wankend gemacht hatte, dann doch sicherlich der Umstand, daß sie fortwährend mit dem jungen Amtsrichter tanzte und einmal sogar einen ganzen Walzer mit ihm verplauderte. Wenn ihr der junge Mann noch bekannt gewesen wäre. Vorgestellt hatte er sich, das war alles. Also hatte Frau Malcvurt sicherlich Grund, sich am Morgen nach dem Valle in einer geradezu griesgrämigen Laune zu befinden. Und ihre Tochter kanzelte sie schon beim Morgenkaffe ab, daß es so eine Art hatte. Indessen, Marie war ein merkwürdig Ding. Ihr Frohsinn war nicht tot zu kriegen. Und heute erst recht nicht. Wie aus den Wolken aber fiel die Mutter, als sich auf einmal der junge Amtsrichter melden ließ. Was will denn der yeure? Ganz ratlos drehte sie die Karte in den Fingern hin und her, die ihr das Dienstmädchen eben gebracht hatte. Und dann wieder sah sie ihre Tochter an. „Na ja, Mama", meinte die. „Ich verdufte inzwischen ins Nebenzimmer. Ihr werdet mich schon rufen. Daß Du's nur weißt. Er will mich zur Frau. Und ich nehm ihn, schon aus dem Grunde, weil ich ihn mir selbst ausgesucht habe. Weshalb heißts: „Selbst ist der Mann?" Kann und soll die Frau nicht ebenso selbst sein? Und nun sei nicht bös, Mamachen, und sag „Ja und Amen." Von dem Amtsrichter selbst erfuhr sie, daß er ihre Tochter schon seit Wochen kenne. Auf einer Radtour hatten sie sich getroffen, und gestern abend hatte sie ihm gestanden, daß er ihr auch nicht gleichgiltig sei. Was wollte die Mutter machen. Der Zweck war auf jeden Fall erreicht. Da klingelt's aufs neue. Wieder kommt das Dienstmädchen. Herr Kapitän Barting wünsche seine Aufwartung zu. machen. „Nun sitz ich schön da", jammerte sie. „Wenn der jetzt kommt, kommt er nur, um einen Antrag zu machen. Was sag ich ihm nur, nachdem ich ihm die ganze Zeit Hoffnung gegeben habe?" „Geschieht Dir ganz recht", spottete die Tochter. „So müßte es allen Menschen ergehen, die ihre Tochter glauben verheiraten zu müssen, ohne sie zu fragen. Aber laß ihn nur vor. Das andere findet sich dann." Und sie zog ihren Verlobten mit ins Nebenzimmer. 's war schon richtig, Herr Barting sah genau aus, wie ein Heiratskandidat. Und just ebenso verlegen schien er, wie sie. „Verehrte Frau", begann er nach Erledigung der üblichen Begrüßungsformeln. „Sie haben sich stets so liebenswürdig, gegen mich gezeigt, daß ich wagen darf. Ihnen heute eine innige Bitte vorzutragen, von der es abhängen ivird, wie sich mein weiteres Leben gestaltet." „Armer Mensch", dachte die Frau Geheimrätin. Aber sie sagte nichts. „Sie sehen und wissen, daß ich die Jugendjahre hinter mir habe. Aber das ist kaum ein Fehler. Sie dürfen auch erfahren,, daß mein Vermögen mir gestattet, einer Lebensgefährtin alle Wünsche zu erfüllen." „Herr Kapitän." Sie glaubte, ihn nun nicht iveitet sprechen lassen zu dürfen. „Herr Kapitän, so leid es mir thut, ich muß Sie bitte», den Gedanken aufzugeben." Ganz erschrocken sprang der Bewerber auf. „Das kann doch Ihr Ernst nicht sein. Sie haben mir doch stets Hoffnung gemacht, und ich kann, ich! darf nicht annehmen, daß. Sie mit meinem ehrlichen Herzen nur gespielt haben." „Nein, ich war von der besten Absicht erfüllt. Doch es hat sich seit gestern vieles geändert. Meine Tochter hat sich soeben verlobt." „Um so besser. Das berührt uns aber doch nicht." „Sie scheinen mich mißverstanden zu haben. Ich sagte, daß sich meine Tochter —" „Soeben verlobt habe. Ganz recht. Daß ist aber doch kein Grund, daß Sie meine Hand ausschlagen." Frau Malconrt machte große Augen. „Ich? Aber ich denke. Sie wollten meine Tochter, alle Ihre Liebenswürdigkeiten hätten der zukünftigen Schwieger-, mutter gegolten." „Nein, nein. Sie ist ja reizend, Ihre Tochter, gewiß. Aber mein Verlangen geht höher, war stets nach Ihnen gerichtet, und so frage ich denn nochmals: „Darf ich hoffen?"------ Wenige Monate später war im Hause der Malcourts große. Doppelhochzeit. Gemeinnütziges. Die Petroleumlampe hat in gesundheitlicher Hinsicht einige unverzeihliche Fehler, von denen der größte hauptsächlich die Verschlechterung der Luft int Wohnraume ist. Derselbe läßt sich, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, allerdings nicht anders beseitigen, als durch wiederholte und gründliche Lüftung des Zimmers. Selten wird aber beachtet, daß die Petroleumlampe geradezu gesundheitsschädlich wird, wenn sie im Schlafzimmer ausgelöscht, dort stehen bleibt und auskühlt. Man beobachte nur einmal, welcher Qualm trotz des vielleicht vorsorglich übergestülpten Cylinderhütchens aus dem Cylinder entweicht und zwar mindestens so lange, bis die starkerhitzten Brennerund Körperteile der Lampe und das Petroleum wieder vollständig ab gekühlt sind. Die Verschlechterung der Luft durch die Gase läßt sich allerdings nicht sichtbar nachweisen, aber eineri hygienisch erzogenen Nase fällt die eigentümliche Luft, besonders int kalten Zimmer, sofort auf. Deshalb hinaus mit der Petroleumlampe aus dem Schlafzimmer. Gummischuhe müssen im Zimmer stets ausgezogen werden. Die Ausdünstungen des Fußes bleiben sonst im Strumpf und Schuh, wodurch nicht selten starke Erkältungen hervorgerufen werden. Wenn die Gummischuhe längere Zeit getragen werden, ist es am besten, nicht nur die Schuhe, sondern auch die Strümpfe zu wechseln. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten,. WZ (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Gruppenrütsels in vor. Nr.r Hoffen und Harren macht manchen zum Narren. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.