Nr. 191 1902. 1 ZUM |Mj|gSg u4SI MM! Weihuacht. Tannen, darauf Rosen blühen, Frieden unter jedem Dach Seelen, die in Andacht glühen, — Märchenwunder werden wach. Magst dich feindlich abseits kehren. Weil dein Wissen dir genug. Und der Sehnsucht Stimme wehren. Die dich lockend heimwärts trug: Hörst doch 'ringsum Glocken läuten. Hörst die Mär vom Heilgen Christ, — Klänge, Sagen, die dir deuten. Tast die Liebe ewig ist. Linde leuchten ihre Kerzen NächMch dem verirrten Fuß, Und dem heimgesundnen Herzen Tönt der Engel Weihnachtsgruß. Anna Behnisch-Kappsteln. (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. (Fortsetzung.) Draußen in Ljublino prangte über der Pforte einer eleganten, blvckartig gebauten Tatsche, die sich mit ihrem steilen Tache und hohen Türmchen reizvoll vom Waldes- hintergrunde abhob, ein von frischem Tannengrün umrahmtes „Willkommen!", und drrnnen, im Salon, stand auf dem Tische in herrlicher Majolikavase ein prächtiger Blumenstrauß^ der zwei zierlich in Silber gearbeitete Körbchen, von denen das eine Salz, das andere Brot enthielt, und ein mit bunter Seidenstickerei kunstvoll gearbeitetes Handtuch überragte — Gaben von Timitry Kalussoff zur Feier des Einzuges. Geschäftig eilte Milica Popow in den traulichen Räumen, deren Boden mit feinen chinesischen Matten bedeckt waren, hin und her, um zu ordnen und zu sichten Hier rückte sie einen Sessel, dort ein Tischchen zurecht, hier wieder ein Nippes und dort ein Bild. Zum Schluß setzte sie auf das kleine Tischchen, das sie neben ihren «Ätz auf die Tafel im Speisezimmer gestellt hatte, den schönen, in Silber gearbeiteten Ssamowar. Mit prüfendem Blick überflog sie die Einrichtung, und in ihren Mienen spiegelte sich die Zufriedenheit über das gelungene Werk deutlich Wiede!«. „So ist es gut", lobte sie, „hier kann Man eine Weilet hausen und nach dem aufregenden Leben der Stadt dir Nerven stärken." Sie trat hinaus' auf die Galerie, die das schmucks Häuschen von allen Seiten umgab. An einen Pfosten gelehnt, blickte sie aus das schweigende Waldrevier, über dem die sinkende Sonne stand. Ein leiser Wind fuhr dahin und spielte in den Wipfeln der Tannen, die sich flüsternd hin und herneigten, daß es sich ausnahm wie die bewegten grünen Wellen des Meeres. „Es wird abend", flüsterte sie, während sie in die Scheibe von flüssigem Golde schaute, die in der Ferne hinter dem Walde langsam verschwand. Tie trägen Wolken färbte ein blutiges Rot, aus dem es Loderte, zuckte und leuchtete, als ob strahlende Blitze hindurchschössen. „Ja, tote Blut so rot", dachte sie, „drohend und uw heilvoll, als ob etwas Zerschmetterndes im Anzuge ist." Lange rrod)i starrte Milica in den roten Abendhimmel! und aus ihren Augen rollten Thränen. Nicht an Timitry Kalussoff, nicht an Archjp Glinka, auch nicht an Ilja Popow dachte sie. In ihren Gedanken stieg eine jugendfrische, glänzende, heitere, lichtumflossene Gestalt auf, und es dünkte ihr, als ob sie winke und mahne, die Treue zu halten, was auch kommen möge. Tiefe Gestalt — ein Seemann war es gewesen, ein flotter, lustiger Marineoffizier, dessen Traum ein gewaltiges, furchtbares Gewitter gewesen war, das mit Tonner- gekrach und zerschmetternden Blecken in die alte, vergilbte Welt reinigend, klärend, erfrischend hineinfahren sollte. Aber selbst die Träume sind gefährlich — sie führen zur nackten Wirklichkeit, und sie führten ihn zum Verderben. — Milieus Brust entrang sich ein tiefer Seufzer. Noch einen sinnenden Blick sandte sie zu der blutigen Glut empor, dann trat sie still von der Galerie in den Salon zurück- wo sie schmerzbewegt auf den Tiwan sank. Als später Ilja Popow nach, Hause kam, nahm sich Milicas Gesicht so ruhig und leidenschaftslos aus, als ob es uie durch einen Sturm bewegt worden sei. Sre saß am Tisch und las einen neuen Roman, der Aufsehen erregt hatte. Ter rote Florschirm der Lampe zauberte auf ihr Antlitz und ihre Rechte, in die sie den Kopf stützte, rosig« Reflexe. Nie war Ilja Popow schöner erschienen, als in diesem Moment. Er hatte sich in einen Sessel in der Nähe des' Kamins geworfen, und während die Holzscheite unter Prasseln und Knistern gierig von den lohenden Flammen verzehrt wurden, beobachtete er mit heimlichem Entzücken an Milica das Ebenmaß der Züge, bett duftigen Reiz des Farbenspieles, das ihrer Haut eine eigenartige Transparenz verlieh, und den goldigen Schimmer des Haares „Wie eine Madonna aus der Zeit des „Quattrocento", dachte er. Sie schien seine Blicke zu fühlen, denn das Buch zuklappend, wandte sie sich ihm zu. „Wie gefällt Tir das Arrangement in den Zimmern A« fragte sie, während sie aufstand und die Thür gunt Speise- — 163 zimmer wett öffnete, Maß' sich der Raum voMmtmen übergehen ließ. Er fuhr tote aus einem Traum empor. „Ich, bewundere Tein Geschick, mit den wenigen Mitteln diese hübsche Wirkung erzielt zu haben", gab er zur Antwort, indem er sich, ausrichtete und seinen Blick musternd umher- schweifen ließ. Jetzt erst nahm er die Blumen und die Körbchen mit Brot und Salz wahr, und über sein Gesicht huschte der Haß. „Teine Zimmer liegen obetti", fuhr sie fort. „Willst Tu sie ansehen?" „Laß nur, es hat Zeit", meinte er, mit Mühe seine Erregung verbergend. „Wo liegen die Räume für die Dienstboten und die Küche?" „Hinten im Anbau! Trotzdem" — sie dämpfte ihre Stimme — „müssen wir leise reden, wenn es sich um wichttge Sachen handelt, denn das Haus ist von Holz, und wer horcht, vermag auch hinten noch genug zu hören." Nach einer kurzen Pause, während deren sie die Fensterladen zuklappte und verriegelte, fragte sie leise: „Hast Tu die Papiere in der Lubjanka vernicksiet?" „Ja, ich habe alles, was uns gefährlich werden könnte, verbrannt!" „Und hast Tu die Bücher mitgebracht?" Erschreckt schaute er sie an, während er zögernd gestand, daß er sie vergessen habe. „Ilja", flüsterte sie, „tote kannst Tu so leichtsinnig sein. Tu mußt unbedingt morgen zur Stadt, um sie zu holen. Nicht die geringste Kleinigkeit, die uns verraten könnte, darf zurückbleiben. Sie spüren jetzt mit einer Zähigkeit und mit einem Geschick, als sei davon das Heil ihrer Seele abhängig. Wir werden die Bücher in eine Kiste packen und während der Nacht im Garten vergraben." , „Gut, ich werde sie morgen holen", beschwichtigte er. „^e Wohnung ist so fest verschlossen, daß ein Unberufener nicht hineinzudringen vermag." Während er diese Worte sprach, fuhr er zusammen, und setn Gesicht wechselte die Farbe. Wie der Blitz war in seinem Hirn ein Gedanke aufgezuckt, den er früher nie gehabt hatte, ein Gedanke, so grauenhaft, daß er selbst vor ihm schauderte: Wenige Worte an die rechte Stelle gebracht, und sie, die Schonungslose, in der alles Empfinden erstarrt war, die ihn zur Raserei brachte, die seiner fressenden Glut lachte und ihn grausam zurückstieß, wäre vernichtet, und ihm wäre die Rache, — ja, die süße Rache, nach der er ingrimmig lechzte. Als sie im Speisezimmer bei der Abendmahlzeit saßen und ihre Unterhaltung sich um das Konzert bewegte, schoß ihm der scheußliche Gedanke wiederum durch den schmerzenden Kopf. Aus dem Salon leuchteten und dufteten ihm die Blumen entgegen, die Timitry Kalussoff geschenkt hatte, und sie schienen ihn ob seiner Langmut und Schwachheit zu höhnen. Jetzt sprach Milica sogar den Namen aus, der ihm längst verhaßt geworden war; sie lobte Mlussoffs Aufmerksamkeit und Hingabe, für die man ihm danken müsse. Ihre preisenden Worte waren ihm so unerträgliche daß er sich> bald nach oben in sein Zimmer zurückzog. Oh, wenn er sich; nie mit Kalussoff eingelassen hätte! Nun mußte er gute Miene zum bösen Spiel machen — um des lumpigen Geldes willen! Ter teuflische Gedanke von Verrat und Rache verfolgte ihn noch immer, umkrallte ihn mit eiserner Festigkeit, peinigte ihn bis zur Ermattung. „Wahnsinn!." schrie er, während er auf seinem Lager ruhte und in die Dunkelheit starrte. „Heller, lichiter Wahnsinn!" Aber der Gedanke ließ nicht los, und die Phantasie malte ihm in glühenden, berückenden Farben aus, tote Milica Popow einsam in Ketten und Banden schmachten und er als befreiender Retter erscheinen werde, um tote im Märchen als Lohn die beseligenden Worte zu hören: „Ich liebe Dich!" Am Morgen fuhr Ilja Popoiv zur Stadt.. Als er das Haus in der Lubjanka betrat, wurde ihm gemeldet, daß gestern ein alter, würdiger Herr dagewesen sei, um ihn zu sprechen. „Hat er seine Karte oder seinen Namen zurückgelassen?" „Nein, aber er hatte große Achnlichkeit mit Enver Hochwohlgeboren", meinte höfltch lächelnd der Tivornik, als handle es sich unt eine freudige Mitteilung. „So, AehNlichkeit mit mir?" wiederholte er, während! er sich ebenfalls zu einem Lächeln zwang. Etwas betroffen schritt er die Treppe zu seinen Räumen Hinauf. Tie lautlose Sfille beängstigte ihn — er öffnete einige Fenster, um den Lärm der Straße zu hören. Unberührt lag alles, wie er es gestern verlassen hatte. Mit peinlicher Vorsicht packte er die Bücher in eine Kiste. Während des Packens fiel ihm das Buch mit dem Namen ein, und die Szene mit Kalussoff stieg wieder in seinem Gedächtnis auf. Er hatte sich damals vorgenommen, das Tttelblatt mit dem Namen herausgureißen und zu verbrennen, aber die Ausführung war aus Bergeßlikeit unterblieben. Jetzt suchte er das Buch aber er vermochte es nicht zu finden. Nochmals nahnl er Band für Band in seine Hände, jedoch vergeblich — das Buch war verschwunden! „Seltsam", sagte er, sich angstvoll den Schweiß von der Stirn wischend. Aber er beruhigte sich mit dem Gedanken, daß wahrscheinlich Milica nach der neugierigen Frage Kalussvffs das Buch! vorsichttger Weise entfernt habe. Um ihren Borwürfen zu entgehen, beschoß er, von dem Vermissen des Buches nichts zu erwähnen. Er stützte den KVpf in die Hand. Kor seinem Auge stieg ein schwarzes Meer auf, in dem er umher geschifft war — ein Meer der Sünde, in das er, getrieben vom Genuß, immer weiter und weiter hineingefahren war, bis sich endlich das rettende Ufer ferne» Blicken völlig entzogen hatte. Nein, er fand das Ufer nicht mehr! Es war für ihn aus immer versunken, denn ihm fehlte der richtige Pilot, den man die Ehre nennt. Er dachte an den alten, würdigen Herrn. „Aehnlichkeit mit mir?" fragte er sich, während ihn ein Frösteltr überlief. ,,Unmöglich, er kann es nicht sein, denn er muß mich längst bei den Toten wähnen. Ich bin Ilja Popow, der Bruder der schönen Milica Popow, die mich rasend macht, weil ich sie liebe!" Tie Worte erstarben ihm im Munde, denn der tückische Kobold nahte sich; wieder und flüsterte ihm ins Ohr: „Verrate sie und rache Dich!" Wie in plötzlich 'erwachter Thatkraft sprang er auf, und aus seinen Augen leuchtete es grell und scharf wie in dämonischer Freude. „Nein, heilte nicht", zischte es leise über seine Lippen, „aber bald und gerade dann, toemt sie wähnt, in höchster Sicherheit zu sein und Timitty Kalussoff, der schöne Impresario, beglückt zu ihren Füßen liegt." Taß sein Verrat überflüssig war, ahnte er nicht.--: Tie Frühlingssonne hatte für eine Weile die schweren, grauen Wolken durchbrochen. Bei ihrem milden Scheins fuhr Ilja Popow zurück nach Ljublino, auf dem der Friede des Waldes ruhte. Ms er zur Datschp gelangt war, verschwand die Sonne wieder hinter dem bleiernen Grau des Himmels, und der Regen tropfte langsam Mr Erde. Tas Dienstmädchen trat au ihn heran und teilte mit, daß ei« alter, würdiger Herr nach ihm gefragt habe, der nun wieder, ohne Hinterlassung einer Karte, zur Stadt gefahren sei. „Er verfolgt mich dieser würdige, alte Herr", dachte Ilja Popow sorgenvoll. „Wer mag es sein?"--- >— m 10. Jefim Godunow und seine Tochter befanden sich schon seit einigen Tagen in Moskau. Sie waren in einem Hotel ersten Ranges auf der Nikolskaja abgestiegen. Tas großartige und wechselvolle Getriebe in der alten Zarenstadt, in der sich zu Füßen des ehrwürdigen, kuppel- reichen Kveml ein buntes Gewirr europäischer und asiattscher Gestalten tummelt, der Handel mit Millionen von Werten arbeitet, und eine Fülle auserlesener Vergnügungen geboten wird, hatte früher einen bezaubernden Reiz auf Tatiana ausgeübt, aber ejtzt war es ihr gleichgiltig und lästig. Sie ausgeübt, aber jetzt war es ihn gleichgilttg und lästig. Sie hatte andere Zwecke tut Auge, als sich zu amüsieren und im vielaerühmten Kusnezky Most, dem Eldorado der Tamen- welt, die prunkvollen, mit den Erzeugnissen einer verfeinerten Kultur angefüllten Kunstläden zu besuchten. Ihr Verstand sagte ihr, daß sie einem Bruch; mit dem Elternhause entgegengehe und mithin vor einem entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens stehe. „Besser unter Sorgen und MMen arbeiten", tröstete sie -T 163 S„als abhängig fein utti> Liebe Und Neigung dem! väter- , ;n Willen unterwerfen." In Gedanken versunken saß sie in der Einsamkeit ihres Hotelzimmers. Ter Water war schon in der Frühe sort- gegangen, um dringende geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen. Ein Gefühl der Verlassenheit überkam sie, und sie empfand eine unbezwingliche Sehnsucht, Menschen zu sehen, Stimmen zu hören und mit jemandem zu reden. Sie kleidete sich; zum Aüsgehen an und verließ das Hotel, um Praksins aufzusuchen. Bei ihnen hatte sie Timitry kennen gelernt, und ihnen sollte auch! ihr erster Besuche in Moskau gelten. Ms sie durch die Jljinka schritt, fiel ihr Blick auf das Geschaftslokal der Gebrüder Kalussoff. Unwillkürliche verlangsamte sie ihre Schritte — vielleicht konnte Timitry aus der großen Saalthür heraustreten und ihr entgegenkommen. Sie blieb sogar einige Minuten stehen, aber die Glasthür öffnete sich nicht, und auch an den Fenstern war von Timitry nichts zu sehen. Was hätte sie darum gegeben, wenn der Zufall ein glückliches Spiel getrieben und ihr den Ersehnten entgegengeführt hätte! Sie kehrte um, aber wieder blieb ihre Hoffnung um erfüllt. Wie eine Verlorene stand sie da, vergeblich bemüht, einen festen Gedanken zu fassen. Nur mechanisch setzte sie ihre Fuge wreder vorwärts. Häuser und Menschen um sie herum schienen sich .in Tunst und Nebel aufzulösen und zu zerfließen. Sie hatte ein Empfinden, als ob alles vor ihren Augen schwrmme und sie von einem Schwindel erfaßt werde, der ihren Willen völlig lähme. Plötzlich, fühlte sie in ihrer Hand hartes, kaltes Metall — em Truck auf die Klinke, und sie stand, nachdem sich eine Glasthür geräuschlos ge- offnet, m einer großen Warenhalle, unten mit langen, schmalen Gassen, die von aufgestapelten Pelzen flankiert waren, und -oben mit Galerien, von denen mächtige Bärenfelle herabhingen. Wie sie hineingekoinmen war, wußte sie nicht — sie ivstrde sich- nur einer tödlichen Verlegenheit bewußt, als plötzlich- ein alter Herr erschien und höflich nach ihren Wünschen fragte. Ihr Gesicht tauchte sich, in glühendes Rot. Nur mit Mithe brachte sie die Frage hervor, ob Herr Timitry Kalussoff anwesend sei. Der alte Herr schaute sie so sonderbar, so ironisch und so forschend an, daß ihre Verlegenheit wuchs' und ihr Ohr die Antwort: „Herr Timitry Kalussoff ist nicht zugegen und erscheint in letzter Zeit überhaupt sehr selten im Geschäft!" fast überhörte. Wie sie herausgekommen war, blieb ihr ein Rätsel. Nun, da sie wieder auf der Jljinka stand, begriff sie nulft, wie sie sich zu diesem Schritt habe entschließen können. Sie gestand sich!, eine unverzeihliche Thorheit begangen und rhren Stolz tief gedehmütigt zu haben. Diesen vielsagenden ironische,l, nlaliziösen Blick konnte sie nicht vergesse', — sie mußte sich, schütteln, denn zu erbarmuugs-los war er gewesen. Tief bekümmert setzte sie ihren Weg nach, Praksins fort. Zu ihren Ohren suinmte es schadenfroh: „Herr Timitry Kalussoff erscheint m letzter Zeit sehr selten im Geschäft!" Was hielt ihn vom Geschäft fern? Vernachlässigte er seine Pflichten? Sie fragte sich unaufhörlich und fand keine Antwort. Wie zum Hohn auf ihre Bedrängnis zauberte die Fruhlmgssonne leuchtenden Glanz auf die Erde und kündete das neue frohe Leben. — Madame Praksin war durch das Erscheinen Tatianas angenehm überrascht. „Tenken Sie, meine Beste", rief sie erfreut, „wir haben noch gestern von Ihnen und Wera geredet. Andrer Pawlowitsch, Steinbrecht war bei uns zu Gast, und wir haben Erinnerungen an die schönen Daqe des vergangenen Jahres ausgetauscht. Ter Lüne der so vst Ihren Zorn erregt hat, kann Wera nicht vergessen, und ich wette, daß Sie in ihm einen Schwager erhalten " „Und sie kann ihn nicht vergessen", lächelte Tatiana Mechanisch. „Er wird glücklich, sein", rief Madame Praksin lebhaft, „wenn ich rhm Ihre Worte mitteilen darf." Man plauderte von dew' alten Bekanntenkreise, und! Tatiana wartete mit Spannung, daß die Rede auf T-iinitry kommen werde. Wer Madame Praksin war nicht die Frau, welche ui der Unterhaltung lange bei einem Gegenstands verweilte; sie liebte Abwechselung und' erzählte in buntem Durcheinander von ihren Erlebnissen während' der Weltausstellung in Paris, von ihrer Reise nach der Krim', von den Schönheiten Pallas, von ihren Toiletten, Vergnügungen und musikalischen Uebmrgen, bis sie endlich von einem „Konzert Millca Popow" sprach, das am Wend im großen Saale des Adelsklubs stattfinden sollte. „Wir haben noch ein Billet übrig", fuhr sie fort, „und Sie werden uns begleiten." „Popow?" fragte Tatiana überrascht. „Ja, Popow! Sie ist Pianistin und wird auf einem neuen Instrument spielen, das ihr Bruder Ilja erfunden hat. Tie Zeitungen sind voll des Lobes über die Erfindung und stellen einen großen musikalischen Genuß in Aussicht. Hier — lesen Sie!" Und Madame Praksin reichste ihr die neueste Nummer der ,Mußkaja Gaseta" hin. (Fortsetzung folgt.) Die verräterische Visitenkarte. Weihnachts-Humoreske von I o Hannes Bern h a r d. (Nachdruck verboten.) Tie Frau Oberst war gerade mit dem Frühstück fertig und las in ihrem warmen, gemütlichen Wohnzimmer die Zeitung. Tas war ihre regelmäßige Beschäfttgung nach dem Frühstück. Plötzlich- ließ sie die Zeitung in den Schoß sinken. Aus dem Speisezimmer erscholl ein leises Klirren von The« - löffeln und Tassen. „Fräulein Boldt!" „Frau Oberst!" In der Portiere wurde das Antlitz eines jungen Mädchens sichtbar. „Ach-, liebes Fräulein, wenn Sie nachher auf die Post gehen, so bitte vergessen Sie nicht, bei der Frau Geheimrätin vorzusprechen, sie vielmal zu grüßen und ihr für ihre liebenswürdige Einladung zum zweiten W-eihnachtstage zu danken. Sagen Sie ihr nur, es wäre mir meiner fatalen Gicht wegen ganz unmöglich, das Haus zu verlassen. Ich wünschte chr und dem Herrn Geheimrat ein recht vergnügtes Fest." „Glauben Frau Oberst nicht, daß Sie es doch wagen könnten?" „Nein, es geht nicht. Ich kenne die Geschichte. Außerdem mache ich mir auch nichts aus der Einladung. In dem Hause herrscht nun einmal ein Don, der mir nicht paßt. Keinen Menschen lassen die spitzen Zungen ungeschoren. Steht man diesen Leuten gegenüber, so find sie die Liebenswürdigkeit selbst. Kaum hat man ihnen aber den Rücken gekehrt, so fallen sie über einen her." Tie Frau Oberst war ordentlich eifrig geworden, das junge Mädchen konnte aber ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. „Soll ich sonst noch etwas besorgen?" „Ja, machen Sie einen Spaziergang und schnappen Sie tüchtig frische Luft. Tie ewige Stubenluft ist nichts für ein solch' junges Ting. Um vier Uhr erwarte ich Sie zu Mittag." „Tanke schön. — Sonst haben Frau Oberst keine Befehle ?" „Nein, gehen Sie nur. Adieu so lange." Tas junge Mädchen ging und ine Oberstin griff wieder nach der Zeitung. „Sie ist ein gutes Mädchen. Eigentlich zu gut, um ihr Leben bei mir alten Frau zu versauern. Wer auch ihre Zeit wird einst kommen." Tie Frau Oberst hatte die Verlobungsanzeigen hinter sich und fing gerade mit den Todesanzeigen an, als es im Entree klingelte. Kürz darauf erschien das Mädchen und meldete den Oberleutnant von Munthe. „Ah, mein Neffe! Mite einzutreten!" Tie Frau Oberst blickte mit ihren merkwürdig klaren Kinderaugen zu dem großen Neffen empor, der in seiner funkelnden, neuen Uniform vortrefflich aussah. „Guten Tag, liebe Tante! Und fröhliches Fest! Wie geht es mit Deiner Gesundheit?" „Ach, schleckst genug. Man sitzt ja hier, wie eine Mumie. Nun, nimm Platz und lass' uns etwas, plaudern." „Danke!" Ter Oberleutnant sah sich um, als vermisse er etwas. Darauf setzte er sich in das Ecksopha vor den blanken Diwantisch Ter Offizier war natürlich gekommen, um sich nach seiner Tante umzusehen. Außerdem hatte er aber noch eine Bestellung auszurichten. Er sollte fragen, ob die Tante 764 — — und Kraulern Boldt — ihnen allen zu Hause nicht das Vergnügen machen wollten, bei ihnen am zweiten Werh- uachtstag zu Mittag zu speisen. Es sei nur die Famrlre da. Tie Oberstin schüttelte den Kopf. „Unmöglich lieber Freund", sagte sie. „Ta mußte rch ichon meine linke Schulter zu Hause lassen! Ich sitze hier mit den fürchterlichsten Medikamenten ein gerieben und rieche wie eine Theertvnne. Nein, fürs erste kann ich mich! in Gesellschaft nicht scheu lassen." „Ach, Tante, wir sind ja im engsten Famrlrenkrerse. „Nein, nein, nein, das Reden nützt nichts. Ich habe schon bei Geheimrats abgesagt." ■ „Tas thut mir leid", sagte der Oberleutnant und sah sehr betrübt aus. „Und Fräulein Boldt?" „Sie kann meinetwegen gehen." Aa glitt ein Lächeln über das Antlrtz des, Oberleut- rants, das aber sofort wieder verschwand, als die Oberstin hinzufügte. „Sie thut eS aber nicht. Davon bin, ich überzeugt. Leider ist sie nicht zu Hause. Sobald sie zurückkehrt, werde ich ihr die Bestellung ausrichten. . . . Wer, jetzt trinkst Tu wohl ein Glas Wein?" fuhr die alte Tarne fort und erhob sich Der Offizier machte Einwendungen, aber ohne Erfolg. Kaum war die Oberstin hinter der Portiere zum Speisezimmer verschwunden, als der Oberleutnant in aller Eile rine Visitenkarte aus der Tasche zog und vor sich auf den Tisch legte, daun einen Bleistift nahm und folgende Worte aus die Karte kratzte: „Sie müssen unbedingt kommen. Wenn Sie wieder die blaue Schleife anstecken, werde ich es als ein gutes Zeichen für mich ansehen." , , Darauf holte er aus einer anderen Tasche ein kleines Päckchen hervor, entnahm ihm ein elegant gebundenes Buch legte die Karte hinein und packte es wieder sorgfältig ein. In diesem Augenblick trat die alte Dame wieder ein. Ihr folgte das Dienstmädchen mit einer Flasche und einem Glase, das der Offizier auf das Wohl und die baldige Wieoerherstellung der Tante leerte. Nachdem er sich von neuem eingeschenkt hatte, begann bet? „Ach' richtig, Tante, fast hätte ich es vergessen. — Ich habe hier ein Buch für Fräulein Boldt mitgebracht. Würdest Tu vielleicht die Güte haben, es' ihr zu geben?" „Gewiß, sehr gern, lieber Harald! Was für ein Buch ist es denn?" „Es sind Storms Gedichte!" „Gewiß. Ich werde sie ihr geben." „Tausend Tank!" sagte der Leutnant, erhob sich und nachdem er der Dante nochmals' ein frohes Fest gewünscht, verließ er das Zimmer. , „Mein Gott — Storms Gedichte! Nun werß rch, daß es Ernst ist", nickte sie und strich mit der Hand, wie lieb- koserrd, über das Paket. Tann erhob sie ihre Augen zu dem Bilde des Oberst über dem Sopha auf. Auch er hatte seinerzeit seinen Belagerungszug mit Storm eröffnet. — Fetzt half alles rrichts. Fräulein Boldt sollte und mußte der Einladung Folge leisten und sie allein mit dem Mädchen zurücklassen. Wenn es durchaus nicht anders ging, so wollte sie schon ein Machtwort sprechen und von dem Fräulein verlangen, daß sie als ihre Stellvertreterin an der Familienfeier teilnehme. Trotzdem hatte es in den nun folgenden Tagen manch- Mal beit Anschein, als wenn das junge Mädchen wieder bereue, daß sie die Einladung angenommen hatte. Sie war gegen ihre sonstige Gewohnheit unentschieden und nervös, aber im Grunde genommen war es gar nicht so wunderbar. Tenn die Frau Oberst sah sie immer so sonderbar lächelnd an! Und wie launenhaft die Frau Oberst war! Ganz eigentümlich. So hatte sie plötzlich angeordnet, daß eine Decke auf den Tisch im Wohnzimmer gelegt werde. Und sie haßte doch sonst Tischdecken.-- Ter zweite Weihnachtstag kam. Tie Frau Oberst war ,— trotz ihrer Gicht — in allerbester Laune. Beim Frühstück blickte sie das junge Mädchen wieder mit diesem Un- glaublich treuherzigen Blicke an und sagte; , „Hören Sie, meiner Ansicht nach sollten Sie, heute abend wieder die kleine blaue Schleife anstecken. Dieselbe, die Sie neulich trugen, als die Familie hier war." Fräulein Boldt errötete tief — RA Au den Schläfe« hinaus. „Nein, nein, das! thue ich nrcht. „Warum nicht, mein Kind? Sie kleidet sie doch so gut." — ’ Dann wurde nicht weiter darüber gesprochen. Ms das junge Mädchen aber Lutz vor fünf Uhr erschien, um sich zu verabschieden, bemerkte die Oberstin, daß doch eine kleine, blaue Schleife, gerade unter dem linken Ohr, aus dem Mantel hervorschaute. Sie lächelte still, sagte aber kein Wort. , Tie Frau Oberst war noch aus, als' Fräulern Boldt heimkehrte. Tie junge Dame sah so strahlend glücklich aus, als habe sie das große Los in der Lotterie gewonnen. „Nun, mein liebes Kind, erzählen Sie, wie Sie sich unterhalten haben. Ah, ich sehe es Ihnen au, daß es sehr hübsch gewesen ist!" lächelte sie und streichelte ihr mütterlich die Wange. , Und da ereignete sich etwas, was vorher noch me ge» schehen war. Tie alte Dame fühlte, daß zwei Arme sich um ihren HaW schlangen und ein glühendes' warmes Antlrtz sich an ihrer Schulter verbarg. , u. r „Ah, so! Ich habe mich also nrcht getauscht, oder biet-, mehr, ich wußte, daß es so kommen würde. Gott segne Sre beide. Herzlichen, aufrichtigen Glückwunsch mern Kind. Sre müssen nun aber nur nicht glauben, daß er etwas verraten hat, kein Wort. Ich habe das Paket auch nicht geöffnet. Ich will Ihnen aber zeigen, woher ich es werß." Tie Oberstin hob den einen Zipfel der Tischdecke aust „Sehen Sie!" — Auf der blanken Mahagonr-Trschplatte stand mit ganz feinen Buchstaben: Sie müssen unbedingt kommen. Wenn Sw wieder dre blaue Schleife anstecken, so werde ich es als ein gutes Zeichen für mich ansehen." „Sagen Sie Ihrem Verlobten, daß er sich midere Visitenkarten mrschuffen soll Auf seinen ichrgen schreibt es sich zu schlecht- Die Schrift dringt, wie Sre sehen, durch. - Literarisches. Für alle Welt, illustr. Zeitschr., 9. Fahrg. 9. Heft. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlm. _ , Zur guten Stunde, illustr. Zeitschr. 16. Fahrg, 8. u. 9. Heft, ebenda. Moderne Kunst, 17. Jahrgang. 8. Heft ebenda. Weihnachts-Preisrätsel. Für die Lösung des unten folgenden Preisrätsels werden von dem Verlag des „Gieß. Anz." 6 wertvolle Weihnachtsprämien ausgesetzt, die unter die Einsender richtiger Lösungen zur Verlosung kommen. Bedingung en : 1. Tie Gewinne kommen in den ersten Tagen des. Januar zur Verteilung, 2. Ter Einsender der Lösung muß Abonnent des „Gieß. Anz." sein und sich bei event. Entgegennahme ernes! Gewinnes durch eine Abonnementsquittung pro Januar 1903 darüber ausweisen können. 3. Tie eingesandten Lösungen müssen auf ihrer Adressenseite deutlich den Vermerk „Preisrätsel, tragen. Fehlt dieser Vermerk, so ist auf erne Berücksichtigung nicht mit Sicherheit zu an, rechnen. 4. Ter letzte Termin für die Einsendung der Lösungen ist der 2 8. Dezember. Preisrätsel. ar, Bee, ca, can, eg, er, erd, es, fa, gr, Hel, hu, ist, is,la, lb, ter, id, li, lke, nd, ne, ne, ng, re, rf, ft, ft, ton, ten, to, w, tze, wck. Aus vorstehenden Silben sind Wörter von folgender Bedeutung zu bilden: 1. Stadt in Württemberg. 2. Pflanze. 3. Insel. 4- Münze. 5. sklust. 6. Borgehen von Truppen. 7. Italienischer Schriftsteller. 8. Spanischer König. 9. Waldbaum. 10. Fisch. 11. Raubvogel. 12. Berühmter Geograph. 13. Metall. 14. Brennmaterial. Sind die Wörter richtig gefunden, so ergeben die Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen einen hohen Feiertag und dte Und« Buchstaben von unten nach oben gelesen einen Festgruß. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Automobile. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der »rübl'schm Nniversitöts.Bnch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) ht Güsten.